Entwicklung im Rhythmus

AutorIn: Hans von Lüpke
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (Graz), 19 (2), 25 - 32, 1996
Copyright: © Hans von Lüpke 1996

Rhythmus zwischen Wirrnis und Ordnung

"Rhythmus ist das Versprechen von Kontinuität. Er ist das Versprechen, daß alles, was jetzt geschieht, wieder und wieder geschehen wird und daß nichts diese Kette unterbrechen kann." Shevrin & Toussieng (1962) haben das Thema auf diese Formel gebracht. Rhythmus bewegt sich zwischen Desorganisation und Stagnation. Er vereint in sich das Element der Kontinuität und das des Wechsels. Er verknüpft Vergangenheit mit Zukunft. Dadurch wird Erinnerung möglich und durch Auswertung der Erinnerungsspuren der Aufbau von Erfahrung, von inneren Repräsentanzen. Erfahrung ihrerseits bietet die Voraussetzung für die Vorwegnahme des Zukünftigen, die Vorbereitung als Schutz vor dem Einbruch des Unerwarteten. Sie schützt damit vor dem Schreck, der jedes Vertrauen in die eigene Wahrnehmung erschüttert. Man könnte sagen, daß der Rhythmus das konstituierende Element ist für jenes Gefühl von Handlungfähigkeit, körperlicher, affektiver und geschichtlicher Kohärenz, die nach Stern (1985) das Empfinden des Kern-Selbst ermöglicht.

Schon auf der biologischen Ebene spielen rhythmische Wechsel wie Wachen und Schlafen, Hunger und Sättigung eine grundlegende Rolle. Voraussetzung dafür sind organische Rhythmen: Herzschlag, Atmung und Regulation der Hormone. Schon auf der biologischen Ebene scheint es von großer Bedeutung zu sein, daß solche Rhythmen niemals rigide sind. Folgt man Untersuchungen auf der Basis der Chaos - Theorie, dann wird deutlich, daß es eine wichtige Voraussetzung für Gesundheit ist, daß Rhythmen flexibel bleiben. Totale Kontrolle der Vorwegnahme wird zum Zeichen von Krankheit (Gleick, 1988). Flexibilität und Anpassungsfähigkeit erscheinen gleichzeitig als Voraussetzung für Gesundheit und als Ausdruck von Verletzlichkeit. Rödler (1985) formuliert diese Zusammenhänge mit den Worten: "In der Regel kommen Ordnung und Unordnung ineinander verschränkt und aufeinander bezogen vor. Probleme - aus unserer Sicht - entstehen dabei immer dann, wenn dieses Verhältnis aus irgendwelchen Gründen aus den Fugen gerät". Nicht nur Rigidität, sondern auch ein zu hohes Maß an Ordnung kann zu Katastrophen führen, etwa als Resultat von Rückkoppelungseffekten. Als Beispiele nennt Rödler den epileptischen Anfall, "in dem das Gehirn von einem komplexen Handeln spontan in einen hochgeordneten synchronisierten Prozeß übergeht." Ein weiteres Beispiel ist die Brücke, "die hohe Belastungen auszuhalten in der Lage ist, so lange diese ungeordnet einwirken, aber zerbricht, ... wenn diese Einwirkung geordnet erfolgt, so daß sie wie eine Seite anfängt zu schwingen und dann letztlich an dem Überschießen dieser Schwingung zerbricht".

Bereits auf der biologischen Ebene gibt es keine isolierten Rhythmen. Im Zusammenspiel mit Einflüssen aus dem Umfeld werden die ursprünglichen Rhythmen modifiziert. Das bedeutet: Rhythmen sind Elemente der Kommunikation, von Interaktion. Rhythmus vereinigt unterschiedliche Elemente auf der biologischen wie auf der psychischen Ebene und vermittelt zwischen beiden. Das Element des Rhythmus ist dort am ausgeprägtesten, wo Emotionalität sich über körperliche Wege ausdrückt, etwa in der Sexualität, im Tanz oder dort, wo Worte eher Gefühle als rationale Informationen übermitteln, etwa in den Dialogen der Liebenden, in der Kommunikation mit Säuglingen oder mit Behinderten. Schon während des vorgeburtlichen Lebens läuft die wechselseitige Kommunikation zwischen Mutter und Kind in erheblichem Ausmaß über Rhythmen (von Lüpke, 1995).

Man könnte zusammenfassend sagen: Rhythmus ist der Ausdruck von Sicherheit im Schoß einer verläßlichen Beziehung. Er stellt die Grundlage dafür dar, daß das Risiko einer Veränderung vorgegebener Strukturen eingegangen werden kann. Damit wird er zur Voraussetzungen für lebendige Interaktion. Veldman (1990) spricht im Zusammenhang mit seinem Konzept der Haptonomie von "Basis-Sicherheit".

Rhythmus in der psychomotorischen Entwicklung

Die Rolle des Rhythmus in der psychomotorischen Entwicklung ist bisher weniger thematisiert. Bis heute herrscht in der Bewertung von Entwicklung der Aspekt der Geschwindigkeit vor: je schneller desto besser. Dabei hat bereits Mahler (1968) Beispiele dafür gegeben, daß eine vorzeitige motorische Entwicklung als Teilaspekt psychotischer Störungen angesehen werden kann. Es ist Pikler (1988) und Tardos & David (1991) zu verdanken, daß wir heute über eine Vielzahl von Untersuchungen verfügen, die eindeutig zeigen, daß die Qualität von Entwicklung durchaus nicht an die Geschwindigkeit der Aneignung von Fähigkeiten - wie Krabbeln, Sitzen oder Laufen - gekoppelt ist. Sie beschreiben andere wesentlich wichtigere Kriterien wie die Qualität der Übergangspositionen, die sich unabhängig von den sogenannten Meilensteinen einem individuellen Rhythmus gemäß entwickeln. Als Konsequenz fordern Tardos & David, "den Rhythmus der Entwicklungsschritte zu respektieren".

Den Aspekt des Rhythmus im Zusammenhang mit Entwicklung gibt es bereits bei Spitz (1965) in seinem Konzept der "Organisatoren". Stern (1985) spricht von "Quantensprüngen" jeweils im Anschluß an sensible Phasen. Eine Beziehung zwischen den "Organisatoren" von Spitz und einer Vielzahl von Veränderungen auf der körperlichen Ebene wie EEG, EKG und der Regulation der Hormone während des zweiten und achten Monats sind heute bekannt. Emde (1980) hat dazu einen Überblick gegeben.

Beim Nachdenken über den Aspekt des Rhythmischen in der Entwicklung könnte man sich fragen, ob Entwicklungsrhythmen mit den vorher diskutierten Rhythmen wie tageszeitlichen Schwankungen etc. vergleichbar sind. Das würde bedeuten, daß Rhythmen und konsequenterweise auch alle einzelnen Phasen eines Rhythmus grundlegende Strukturen von Entwicklung darstellen. Eine andere Konsequenz wäre, den Aspekt der Kommunikation auch für die psychomotorische Entwicklung als bedeutsam anzuerkennen. Biochemische, sensomotorische, mentale und psychische Veränderungen würden sich in einem Netz wechselseitiger Beziehungen zwischen Kind und Umgebung beeinflussen.

Vom Beginn des Lebens an bestehen - vergleichbar mit den tageszeitlichen Rhythmen - zyklische Variationen zwischen Aktivität und Ruhe auch im Verhalten. Diese Zyklen entsprechen einer wechselseitigen Verschiebung zwischen körperlichen Aktivitäten (begleitet von sensomotorischen Erfahrungen) zu stärker mentalen Aktivitäten wie Internalisierung, dem Vergleich von Neuem und Altem und einer ständigen Abwandlung der vorhandenen Konzepte. Gidoni et al. (1988) beschreiben diese Prozesse für den Fötus, Tardos & Appell zeigen sie in ihrem eindrucksvollen Film über die Variationen der Aufmerksamkeit im Spiel des Säuglings. Nimmt man die psychomotorische Entwicklung als einen zyklischen Wechsel von aktiven und ruhigen Phasen, so kommt man zu einer neuen Wertschätzung der Phasen ohne sichtbare Fortschritte, jenem "laßt mir Zeit", das Pikler (1988) fordert. Es scheint von großer Bedeutung zu sein, daß das Kind mit seinen motorischen Möglichkeiten Erfahrungen macht, bevor sich eine zielgerichtete Aktivität entwickelt. Strampeln oder andere "sinnlose" Aktivitäten, die noch nicht an einem Ziel ausgerichtet sind, orientieren sich später auf dem Weg der Übergangspositionen (im Sinne von Tardos und David) auf ein Ziel hin. Ausprobieren, entdecken und immer wieder im Zusammenhang mit bereits Erinnertem auswerten: Das ist vermutlich die Vorausetzung dafür, daß die später resultierende Funktion mit einem Gefühl von Identität einhergeht (von Lüpke, 1997).

Ergebnisse der neueren Hirnforschung unterstreichen die Bedeutung dieser Prozesse: Nichts wird wahrgenommen, ohne daß es einen Filter von Bewertungen durchläuft (Roth, 1995). Die Rhythmen der Entwicklung, vor allem die stillen Phasen, sind Ausdruck dieses Prozesses. Ausreichend Zeit zu lassen ist in diesem Zusammenhang kein "Geschenk"; nichts, das dem Kind als Ausdruck von Großzügigkeit zugestanden wird, sondern eine grundlegende Vorausetzung für psychische und körperliche Entwicklung, wenn sie mit einem Gefühl von Identität einhergehen soll. Es stellt sich die Frage, ob die so häufig bei ehemals frühgeborenen Kindern festgestellten Wahrnehmungsstörungen nicht zum geringeren Teil als Folgen organischer Schäden (wie Sauerstoffmangel und Blutungen) anzusehen sind, sondern eher als Resultat inadäquater Behandlungen, die durch forcierten Druck Entwicklung zu beschleunigen versuchen.

Um noch einmal auf die Diskussion über den Rhythmus zurückzukommen, nehmen wir an, daß auch die psychomotorische Entwicklung sich nicht isoliert, lediglich an biologischen mehr oder weniger erblich bedingten Faktoren orientiert, sondern unter dem Einfluß von Interaktionen, von wechselseitigen Gefühlen, Phantasien und Phantasmen im Sinne von Lebovici (1983) abspielt. Nicht nur die persönlichen Erfahrungen kommen dabei zum Tragen, sondern auch die der Eltern und damit letztlich der unendlichen Kette der Generationen. All diese Einflüsse von außen, das Fremde, das "Nicht-Selbst" wird paradoxer Weise zur Voraussetzung dafür, daß sich die Wahrnehmung des Selbst, das Gefühl von Identität entwickeln kann.

Rhythmische Varianten in der Entwicklung: ein Beispiel

Vor allem zwischen Geschwistern sind diese Prozesse in einer subtilen Weise miteinander verflochten. Um dazu ein Beispiel zu geben, möchte ich eine Episode aus der Geschichte eines Zwillingspaares darstellen. Die Beobachtung stammt aus einer gemeinsam mit meiner Frau durchgeführten Arbeit mit der Familie. Es handelt sich um einen Jungen und ein Mädchen, beide mit einem Gewicht von 1000 Gramm geboren. Gleich nach der Geburt entwickelte sich bei dem Mädchen eine Vielzahl von Problemen durch unzureichende Spontanatmung, Blutungen, Infektionen und Ernährungsschwierigkeiten. Beim Bruder verlief schon diese erste Zeit weitgehend problemlos. Als das Mädchen schließlich nach drei Monaten aus der Intensivstation entlassen wurde, blieb sie auch weiterhin das Problemkind. Sie aß nur unter größten Schwierigkeiten, war vermehrt infektanfällig, die psychomotorische Entwicklung lief verzögert. Noch mit sechs Jahren bestand ein deutlicher Unterschied im Entwicklungsstand beider Kinder: der Junge beispielsweise konnte zeichnen, seine Bilder hingen überall im Kinderzimmer, das Mädchen war dazu nicht in der Lage und fragte, warum das wohl so sei. Dann machte auch das Mädchen plötzlich größere Fortschritte, entwickelte Fähigkeiten (z.B. tanzen), aß besser, verhielt sich insgesamt sehr viel sicherer. Gleichzeitig bot der Bruder Zeichen einer ausgepägten Regression: er wurde ängstlich, aß schlecht, näßte ein. Einige Monate später stellte sich das alte Gleichgewicht wieder her, beide machten weitere Fortschritte.

Dieses Beispiel zeigt die Wechselseitigkeit von Entwicklung. Es scheint, daß die Entwicklung von Fähigkeiten auch einen Platz braucht, um sich zu entfalten. Wenn dieser Platz bereits besetzt ist, bleibt nur ein anderer, freigelassener. Aus einer Vielzahl von Möglichkeiten werden daher immer nur bestimmte, durch die jeweiligen Lebensumstände zugelassene verwirklicht. Ich kenne einen Adoleszenten, der nach dem Tod seines älteren Bruders plötzlich begonnen hat, Eigenschaften, die vorher für diesen Bruder typisch waren, zu entwickeln. Im Fall der Zwillinge wird in der beschriebenen Episode deutlich, daß der Junge Bedürfnisse nachholen konnte, zu deren Verwirklichung er vorher keine Gelegenheit gehabt hatte. Jetzt konnte auch er Schwäche zeigen, die Sorge der Eltern auf sich konzentrieren. Vorher hatte er neben der problembelasteten Schwester die Rolle des gut Funktionierenden "gespielt", vermutlich auch im Interesse der Eltern. Was hier auf den ersten Blick wie eine Störung aussieht, kann jetzt verstanden werden als die nachholende Erfüllung kindgemäßer Bedürfnisse, die er sich unter den bisherigen Lebensumständen nicht zu erlauben getraute. Erneut ist die Komplexität der Einflüsse erkennbar: zur Wechselseitigkeit zwischen den Geschwistern kommt die Bedeutung der Wünsche und Ängste der Eltern auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen, ihrer eigenen Varianten der über die Generationen vermittelten Themen. Auf den ersten Blick erscheinen die Unterschiede zwischen den Zwillingen eher auf biologische Faktoren zurückzuführen, etwa als Folge von Organschäden durch Sauerstoffmangel, Infektionen, Ernährungsstörungen. Zu fragen wäre jedoch, inwieweit nicht von Anfang an bei beiden eine unterschiedliche Geschichte wirksam wird: wie steht es mit dem Einfluß emotionaler, beziehungsmäßiger und körperlicher Faktoren bereits vor der Geburt und damit vor allen möglicherweise geburtsbedingten oder später erworbenen Schäden? Der Einfluß solcher Faktoren auf die körperliche uns psychische Entwicklung bereits während der Pränatalzeit ist heute gut bekannt (Stott, 1973; Janus, 1993).

Verlust von Rhythmus als Entwicklungsrisiko

Wenn wir vorübergehende Phasen von Entwicklungsverzögerung, Stillstand und Regression, die früher als Störung gewertet wurden, heute als notwendige Elemente für Entwicklung ansehen, stellt sich die Frage, wie dann überhaupt noch Entwicklungsprobleme, pathologische Verläufe definiert werden können. Wir haben bereits gesehen, daß der Mangel an Flexibilität als Ausdruck von Krankheit gewertet werden kann. Wenn wir die Bedeutung der Kommunikation auch für die psychomotorische Entwicklung ernst nehmen, gewinnt auch die Frage der Starre oder Flexibilität der Kommunikation für die Entwicklung an Bedeutung. Entscheidend wird die Rolle, die den Unterschieden, den Differenzen in der Kommunikation zukommt: die Frage, ob solche Unterschiede Angst machen, ob sie Abwehrreaktionen mobilisieren oder ob sie als grundlegender Teil des Dialogs, als unverzichtbare Kraft im Sinne eines "Motors" von Entwicklung angesehen werden. Milani Comparetti (1986) spricht von den notwendigen Unterschieden zwischen Vorschlag und Gegenvorschlag der Dialogpartner, die im Sinne einer Spirale Ausdruck sind für eine Aufwärtsbewegung, für das Entdecken von Neuem, für Kreativität. Ein solches Wechselspiel ist seiner Natur nach als rhythmischer Prozeß vorstellbar.

Neben der Starre stellt die Überwältigung von außen, das "Impingement", wie Winnicott (1965) es nennt, ein Entwicklungsrisiko dar. Beiden Situationen ist gemeinsam, daß dem einzelnen keine Chance bleibt, sich handlungsfähig zu fühlen, im Zusammenspiel mit der Umwelt seinen Rhythmus und damit ein Identitätsgefühl zu entwickeln.

Die unvermeidliche Kopplung an den jeweiligen Kontext bedeutet, daß es keine "Identität pur" gibt. Die bereits erwähnte Paradoxie, daß das Selbst sich nur durch das Nicht-Selbst konstituieren und wahrnehmen kann, könnte zu der Vorstellung führen, daß darin eine Grenze, eine Einschränkung von Identitätsentwicklung gegeben sei. Das würde nur dann zutreffen, wenn die Entwicklung von Identität gleichgesetzt würde mit Selbstverwirklichung um jeden Preis, auschließlicher Orientierung an eigenen Bedürfnissen. Kann sich nicht gerade in der Rücksicht auf einen geliebten Menschen das Identitätsgefühl verdichten? Hier wird deutlich, daß Identität für sich selbst gar nicht faßbar ist. Sie ist ein Gefühl, flüchtig und passager. Je nach Beziehungen und Lebenssituation entwickelt sie sich anders, immer wieder neu, immer in Bewegung. Wie Bewegung erst Wahrnehmungen, wie Veränderungen durch Handeln, Wahrnehmen, Fühlen und zeitliche Verschiebungen erst das Kern-Selbst im Sinne von Stern (1985) empfinden lassen, so wird - wiederum paradoxerweise - im Rhythmus die Kontinuität erst durch Veränderung spürbar. Wieder wird die enge Beziehung zwischen Rhythmus und Identitätsgefühl deutlich.

Dieser Zustand mit seinen Unkalkulierbarkeiten kann Angst machen. Er setzt voraus, daß es trotz aller Wechselfälle die Erfahrung einer grundlegenden Kontinuität und ein Vertrauen dazu gibt. Es zeigt sich, welche Bedeutung diesen Zusammenhängen für jede Form von Entwicklungsförderung zukommt.

Der Umgang mit möglichen Störungen, Unterbrechungen, Deformierungen eines Rhythmus gewinnt dadurch an Bedeutung. Die Erfahrung von Schreck, Unvorhersehbarkeit und Einbrüchen kann zum Entwicklungsstillstand führen. Eingeschränkte Möglichkeiten der Verarbeitung - etwa bei organischen Beeinträchtigungen - können das Risiko für solche Erfahrungen erhöhen und deren Verarbeitung erschweren. Angst vor dem Zusammenbruch braucht einen Ort, an dem sie thematisiert werden kann, bevor sie als fixierter Schreck zur Blockierung fühlt. Solche Abweichungen stellen bereits beim Spiel mit dem Kind eine Erfahrung dar, die im sicheren Schoß der verläßlichen Beziehung nicht nur angsfrei erlebt werden kann, sondern die Lust am wechselseitigen Spiel noch erhöht. Stern beschreibt typische Situationen:

"Bei den bekannten Kitzelspielen mit den krabbelnden Fingern zum Beispiel wandern die Finger über Beine und Rumpf des Säuglings aufwärts, bis sie am Hals oder Kinn angekommen sind. Hier findet das Spiel seinen Höhepunkt, wenn das Krabbeln der Finger in ein lustiges Kitzeln übergeht. Das Spiel wird mehrmals wiederholt, aber jeder Fingermarsch unterscheidet sich nach Tempo, Spannung, gleichzeitigen sprachlichen Äußerungen oder irgend einer anderen Hinsicht deutlich vom vorangegangenen. Je länger es dem Erwachsenen gelingt, in jeder Runde ein optimales Maß an neuen Varianten einfließen zu lassen, desto länger wird das Kind von dem Spiel gefesselt sein" (S. 110).

Das Spiel mit Varianten in der Sicherheit einer vorgegebenen Ordnung, die mit einem Gefühl von Spannung immer wieder in Frage gestellt werden kann, findet seinen differenziertesten Ausdruck in Musik und Tanz. Hier wird auch der Schreck, die Gefahr der aufgebrochenen Kontinuität thematisiert und als Teil einer übergreifenden Struktur und damit wieder als Kontinuität wahrnehmbar. So kann die Angst, die all diese unkalkulierbaren Situationen auslösen, gebunden werden (von Lüpke, 1995). Die Gemeinsamkeit bedarf hier zu ihrer wechselseitigen Verständigung nur noch minimaler Signale: Wer gibt beim Jazz oder in einem Streichquartett noch sichtbar den Einsatz?

Konsequenzen

Abschließend stellt sich die Frage, ob dieses Spiel mit dem Rhythmus als Spiel mit der Identität weiterführende Orientierungen zum Umgang mit Entwicklung geben könnte. Vielleicht ermutigen solche Überlegungen zu mehr Freiheit, mehr spielerischer Leichtigkeit im Umgang mit Entwicklungsvarianten, die landläufigen Normen nicht entsprechen. Vielleicht könnten Verzögerungen, selbst Behinderungen auch als Schutz von Identität, von Geheimnissen im Sinne von Milani Comparetti (1986) verstanden, Abweichungen auch als Spiel mit Erwartungen und nicht nur als Ausdruck von Defekten gesehen werden. Im Umgang mit Stereotypien beispielsweise mehren sich Erfahrungen, die zeigen, daß der Versuch, diese Rhythmen als Kommunikationsmöglichkeit zu nutzen, zum Aufbrechen der erstarrten Muster, zu Kommunikation und zu Entwicklung führen (Ochiai, 1981; Howard Buton im "Centre Cochise" in Paris, dokumentiert bei ARTE). Gerade bei Schwerstbehinderten mit eingeschränkten oder fehlenden motorischen Möglichkeiten kann der rhythmische Austausch von Signalen über Blicke, Atmung etc. zur Grundlage von Handlungsfähigkeit und Kommunikation werden. Beispiele dafür finden sich in der am Dialog orientierten Rehabilitation von Patienten im Coma (Zieger, 1992) und in der EDV-gestützten Kommunikation mit schwerbehinderten Kindern und Jugendlichen (Dokumentation der Bundesvereinigung Lebenshilfe, 1993).

Den Abschluß soll eine Szene mit den bereits vorgestellten Zwillingen bilden. Bei der Schuluntersuchung wirkt der Bruder ängstlich, sucht immer wieder die Hand seiner Schwester, die heiter und unbeschwert erscheint. Steht er unter dem Druck, wieder einmal erfolgsreich sein zu müssen, während die Schwester frei von besonderen Erwartungen sich ihrer spontanen Stimmung überlassen kann? Das Thema, die Rollenverteilung ist alt, aber wieder einmal wird variiert. Bedeutungen ändern sich: Stärke macht hilfsbedürftig, Schwäche ermöglicht Freiheit. Rhythmus macht Entwicklung möglich, weil beide handelnd daran beteiligt sind.

Literatur

Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.: Ich will, ich kann! EDV-gestützten Kommunikation mit schwerbehinderten Kindern und Jugendlichen. Ergebnisse einer Fachtagung. Lebenshilfe-Verlag Marburg, 1993

Emde, R.N.: Toward a psychoanalytic theorie of affects. In: Greenspan, S.I. & Pollock, G.H. (eds.): The course of life, Vol. I, NIMH, Mental Health Study Center East Adelphi, Maryland, pp. 63-112, 1980

Gidoni, E.A., Casonato, M., Landi, N.: A further contribution to a functional interpretation of fetal movements. In: Fedor-Freybergh, G.P. & Vogel, M.L.V. (eds.): Prenatal and perinatal psychology and medicine. Encounter with the unborn, pp. 347-353, Parthenon, Carnforth 1988

Gleick, J.: Chaos - die Ordnung des Universums. Droemer & Knaur, München 1988

Janus, L.: Wie die Seele entsteht. dtv, München 1993

Lebovici,S.: Le nourisson, la mère et la psychanalyse. Coll. Paidos, Le Centurion, Paris 1983

von Lüpke, H.: Beispiele für kulturelle Verarbeitung prä- und perinataler Erfahrungen. Behinderte, 18/3, 27-34, 1995

von Lüpke: Das Spiel mit der Identität als lebenslanger Entwicklungsprozeß. In: von Lüpke, H. & Voß, R. (Hrsg.): Entwicklung im Netzwerk. Systemisches Denken und professionsübergreifendes Handeln in der Entwicklungsförderung, pp. 82-92, Centaurus, Pfaffenweiler, 2. Aufl.1997

Mahler, M.S.: Symbiose und Individuation. Band I: Psychosen im frühen Kindesalter. Klett, Stuttgart 1972. Original: On human symbiosis and the vicissitudes of individuation. Vol I: Infantile psychosis. International Universities Press, Inc., New York 1968

Milani Comparetti, A.: Fetal and neonatal origins of being a person and belonging to the world. International Journal of Neurological Science, Supp. 5 (Maturation and learning), 95-100, 1986

Pikler, E.: Laßt mir Zeit. Pflaum Verlag, München 1988

Ochiai, T.: L'educazione come scienza del futuro. Askesis. Rivista trimestrale dell' EnAIP Emilia-Romagna III, N.8-9, pp.25-29, 1991

Rödler, P.: Ein gesunder Geist in einem gesunden Europa? Behinderte 18/5, 5-16, 1995

Roth, G.: Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1995

Shevrin, H. & Toussieng, P.W.: Conflict over tactile experiences in emotionally disturbed children. Journal of the American Academy of Child Psychiatry 1, 564-590, 1962

Spitz, R.A.: Vom Säugling zum Kleinkind. Klett, Stuttgart 1974. Original: The first year of life. International Universities Press, Inc., New York 1965

Stern, D.N.: Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett-Cotta, Stuttgart 1992. Original: The interpersonal world of the infant. Basic Books, Inc., New York 1985

Stott, D.H.: Follow-up study from birth of the effects of prenatal stresses. Developmental Medicine and Child Neurology 14, 770-778, 1973

Tardos, A. & David, M.: De la valeur de l'activité libre du bébé dans l'élaboration du Self. Devenir 3, 9-33, 1991

Veldman, F.: Haptonomie. Science de l'affectivité. P.U.F., Paris 1990

Winnicott, D.W.: Ich-Verzerrung in der Form des wahren und des falschen Selbt. In: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt, pp. 182-199, Kindler, München 1984. Original: Ego distortion in terms of True and False Self (1960). In: The maturational processes and the facilitating environment, 140-142, International Universities Press, Inc., Madison, Conn. 1965

Zieger, A.: Dialogaufbau in der Frührehabilitation. Erfahrungen mit komatösen Schädel-Hirn-Verletzten. Beschäftigungstherapie und Rehabilitation 34(4), pp. 326-334, 1992

Quelle:

Hans von Lüpke: Entwicklung im Rhythmus.

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (Graz), 19 (2), 25 - 32, 1996

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 04.05.2006

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