Risikofaktoren für die Entwicklung einer ADHS-Problematik aus epigenetischer und bindungstheoretischer Sicht

AutorIn: Vanessa Kiefer
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Bachelorarbeit
Releaseinfo: Bachelorarbeit vorgelegt an der Goethe-Universität Frankfurt, Fachbereich 04: Erziehungswissenschaften, Institut für Sonderpädagogik, Sommersemester 2014
Copyright: © Kiefer 2014

1.Einleitung

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist aktuell die am häufigsten diagnostizierte psychiatrische Erkrankung des Kindes- und Jugendalters.[1] Auch in der wissenschaftlichen und öffentlichen Gemeinschaft ist das Thema der ADHS sehr präsent. Die Anziehungskraft der ADHS-Thematik scheint sowohl von ihrer bisher noch nicht vollständig geklärten Ätiologie als auch von der Frage, ob die ADHS ein reelles, eigenes Krankheitsbild darstelle, auszugehen. Die Ursachenmodelle der ADHS reichen von einer biologischen über eine multifaktoriell bedingte Perspektive mit jeweiliger Tendenz zu dem einen oder anderen Pol der Verursachung bis hin zu einem psychosozialen Erklärungsversuch. Zudem wird dar-über diskutiert, ab wann von der Norm abweichendes kindliches Verhalten als störend empfunden wird und ob sich in den Symptomen der Aufmerksamkeitsstörung, der Hyperaktivität und der Impulsivität nicht die kindlichen Nöte der westlichen Moderne, als Antwort auf das „beschleunigte Leben“, den „erhöhten Druck“ sowie den „Verlust an Struktur- und Grenzsetzung“[2], wiederspiegeln. Die Bewertung und Erklärung kindlichen Verhaltens ist dabei eng mit Fragen der Diagnostik und der weiteren Interventionsmaßnahmen verbunden. Ein primär biologisches Modell rechtfertigt das professionelle Eingreifen in die Entwicklung des Kindes auf biologischer Ebene. Die Vergabe von Psychostimulanzien, um die ADHS-Symptome zu regulieren, bildet einen weiteren Aspekt des Diskurses. Die anhaltende Wachstumsrate der ADHS-Diagnosen findet sich in der enorm gestiegenen Verschreibung von Medikamenten, meist mit dem Wirkstoff Methylphenidat, wieder. So wurden 1993 in deutschen Apotheken 34 kg Methylphenidatprodukte verkauft, während im Jahre 2009 bereits 1735 kg verkauft wurden.[3] Im Zusammenspiel mit diagnostischen Schwierigkeiten, dem Problem der Symptomabgrenzung von anderen Störungsbildern sowie den methodischen, theoretischen und praktischen Schwierigkeiten der objektiven Erfassung des Symptomkomplexes, droht sowohl eine auf linear-kausalen Schlüssen basierende Komplexitätsreduktion der ADHS-Problematik als auch eine vorschnelle Erklärung für jegliche kindliche Auffälligkeiten, die in den Bereich der ADHS „passen“. Die Verhaltensauffälligkeiten können somit relativ schnell und einfach behoben werden, allerdings nur auf symptomatischer Ebene. Die dem Symptom möglicherweise zugrunde liegenden psychischen Prozesse bleiben unberührt, die auf die Verhaltensebene externalisierten kindlichen Botschaften bleiben weiterhin unerhört. Im Rahmen der psychoanalytisch-psychodynamischen Perspektive kann ein Symptom hinge-gen als „Ausdruck tiefer liegender emotionaler Probleme (...) verstanden werden (V.K.), die mit der psychischen Strukturierung und Konfliktverarbeitung verknüpft sind.“[4] Diese psychische Ebene ist eng mit Beziehungserfahrungen verbunden, aus denen sie sich konstituiert. Ebenso ermöglicht das moderne psychoanalytische Verständnis eine Integration epigenetischer und neurobiologischer Erkenntnisse, die stets „mitgedacht“[5] werden müssen, deren „konkrete Bedeutung und Verursachung jedoch nicht ermittelt werden kann“[6], da sie immer mit psychischen Prozessen verwoben sind. Dieses psychoanalytisch-psychodynamische Verständnis ist für die vorliegende Arbeit von zentraler Bedeutung. In der Betrachtung der „Risikofaktoren für die Entwicklung einer ADHS-Problematik aus epigenetischer und bindungstheoretischer Sicht“ möchte ich untersuchen, welche Aspekte der frühen Bindungsbeziehung, vor dem Hintergrund der Dynamik von Psyche und Organismus, eine Erklärungs-möglichkeit für die ADHS-Symptome darstellen könnten und wie frühe Beziehungen und Interaktionen die Genese beeinflussen können. Dabei konzentriere ich mich auf die frühe Kindheit, einschließlich der pränatalen Zeit, da in der frühen emotionalen Entwicklung auf der Basis zwischenmenschlicher Interaktions- und Kommunikationserfahrungen ein „Kern der Persönlichkeit“[7] entsteht, welcher die Grundlage weiterer Entwicklungsprozesse bildet. Ich möchte mich an dieser Stelle jedoch davon distanzieren, durch die Betonung des Beziehungsaspektes, in den Müttern eine Schuldige für die möglichen Probleme ihres Kindes zu suchen. Jeder Mensch lebt und entwickelt sich auf der Grundlage komplexer und vielfältiger Systeme. Eine linear-kausale Erklärung ist daher immer nur schwer und sehr eingeschränkt möglich, auch, weil wir uns im Bereich der menschlichen Entwicklung im Allgemeinen auf dem Gebiet der Wahrscheinlichkeiten von Auswirkungen der Risiko- oder Schutzfaktoren bewegen. Zudem möchte ich darauf hinweisen, dass ich den Begriff der „Mutter“ außerhalb der pränatalen Phase synonym mit dem Begriff der „(primären) Bezugsperson“ verwende, da die Mutter häufig die erste, konstante Person im Leben eines Kindes ist, zu der es eine Beziehung entwickelt.

Im Folgenden werde ich die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit, die ADHS, die Epigenetik und die Bindungstheorie, separat darstellen, um diese anschließend zusammenführen zu können. In der Zusammenführung beschäftige ich mich mit der Frage, welche Auswirkungen suboptimale Bedingungen der Beziehungsgestaltung zwischen der primären Bezugsperson und dem Kind im Hinblick auf die Entwicklung einer ADHS-Problematik haben können und welche auffälligen Aspekt als potentielle Risikofaktoren identifiziert werden können. Meines Erachtens nach kann die bindungstheoretische Perspektive auf die ADHS-Symptomatik ein neues Verständnis für die Kinder und ihr Lebensumfeld, primär ihre Eltern, hervorrufen, so-dass beiden Seiten mit Anerkennung ihrer Subjektivität wie auch ihrer inter- und intrapersonaler Konflikte begegnet werden und eine gemeinsame Basis des Respektes entstehen kann. Auf diese Weise kann die Individualität jedes Entwicklungssystems anerkannt und in der psychologischen wie pädagogischen Arbeit in Form individualisierter statt standardisierter Hilfestellungen bedacht werden.



[1] Staufenberg 2011, S. 12

[2] Staufenberg 2007, S. 87

[3] Staufenberg 2011, S. 12

[4] Staufenberg 2007, S. 89

[5] Ebd., S. 89

[6] Ebd., S. 89

[7] Wiegand 2012, S. 12

2.ADHS

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung zählt zu den externalisierenden Verhaltensstörungen, die sich, im Gegensatz zu den internalisierenden Verhaltensstörungen, durch unkontrolliertes Verhalten auszeichnen.[8] Die Kernsymptome der ADHS, mangelhafte Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, wurden in den letzten 170 Jahren unter verschiedenen Bezeichnungen und ätiologischen Aspekten beschrieben und dargestellt.[9] Sowohl in der öffentlichen als auch in der wissenschaftlichen Diskussion wird die von Heinrich Hoffmann 1845 in seinem Buch „Struwwelpeter“ veröffentlichte Geschichte des „Zappelphilipp“ häufig als Referenz für das Krankheitsbild und als Beleg dafür angeführt, dass die ADHS keine „moderne Zivilisationskrankheit“[10] sei. Hoffmann beschrieb darin das ungezogene Verhalten eines Sohnes bei Tisch gegenüber seinem Vater. Der Medizinhistoriker Eduard Seidler warnt jedoch vor einer Überinterpretation der Geschichte, da Hoffmann keine krankhafte Störung, sondern einen offenen Vater-Sohn-Konflikt in den damals populären pädagogischen Warngeschichten darstellen wollte.[11] Auch in den folgenden Jahrzehnten wurden immer wieder Kinder und Erwachsene beschrieben, die aus heutiger Sicht an einer ADHS-Symptomatik litten. So beschrieb der amerikanische Philosoph und Psychologe William James 1890 in „The Principles of Psychology“ Menschen, die ihre Impulse nicht unterdrücken und inhibieren konnten. 1902 referierte der englische Kinderarzt Sir Frederick Still in seiner Vorlesung „Nicht normale psychische Bedingungen bei Kindern“ über Kinder, die Schwierigkeiten hatten, ihre Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten und Defizite in den Bereichen Selbstregulation, volitionale Kompetenz und inhibitorische Kontrolle aufwiesen. Zudem seien diese Kinder oft aggressiv gewesen und ließen sich nicht disziplinieren, obwohl keine intellektuelle Beeinträchtigung festgestellt werden konnte.[12] In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde schließlich eine Hirnfunktionsstörung als Ursache des problematischen Verhaltens angenommen, da Hinweise gefunden wurde, dass Kinder mit einer Hirnschädigung Symptome in den entsprechenden Bereichen vorwiesen. So etablierte sich der Begriff des „minimal brain damage“ (MBD, 1947) und später der „minimal cerebral dysfunction“ (MCD, 1963). Der Begriff der Dysfunktion wurde gewählt, da die zuvor angenommene Hirnschädigung bei zahlreichen Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten nicht gefunden wurde. Mit Beginn der 1960er Jahre wurde jedoch auch das MCD-Konzept kontrovers diskutiert. Dieses sei kein eigenes, exakt umschriebenes Krankheitsbild und die Symptomatik sei zu heterogen, undifferenziert und vielschichtig. Außerdem seien die Ursachen und die Pathogenese nicht hinreichend bestimmbar. Schließlich wurde der Begriff des „Hyperkinetischen Syndroms“ (HKS) eingeführt, um den Symptomkomplex der entsprechenden Verhaltensauffälligkeiten zu umfassen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde dann der Schwerpunkt in der Betrachtung des problematischen Verhaltens von der Hyperaktivität auf die Aufmerksamkeitsstörung verschoben, welche nun als Kernsymptom angesehen wurde. So etablierte sich die „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (AD(H)S).[13]

Die bisherige Geschichte der ADHS und die Schwierigkeiten der Begriffsfindung und –abgrenzung verdeutlichen das unruhige und konfliktbesetzte Feld der ADHS-Forschung und ADHS-Diskussionen ebenso wie die nicht eindeutig eingrenzbare Prävalenzrate der Verhaltensauffälligkeit. Da die Diagnose, wie in Kapitel „2.2. Diagnostik“ näher erläutert, unter anderem von der subjektiven Wahrnehmung und Einschätzung der befragten Personen abhängt als auch durch die Wahl des Diagnosematerials (DSM oder ICD) beeinflusst wird, ist eine konkrete Schätzung der Auftretenshäufigkeit, die sowohl klinische als auch nicht klinische Fälle einbezieht, schwierig.[14] Außerdem muss die ADHS vor allem im Kindesalter von anderen, durch ähnliche Symptome charakterisierte psychische und/oder physische Erkrankungen sowie von einer altersgemäßen Entwicklung abgegrenzt werden.[15] Des Weiteren können unerkannte Beeinträchtigungen der Hör- und Sehorgane ein mit ADHS vergleichbares Verhalten auslösen. Döpfner geht davon aus, dass ca. 30 Prozent der Eltern und/oder Erzieher/innen den Begriff der Hyperaktivität für Umgangsschwierigkeiten mit dem Kind verwenden.[16] Eine realistische Einschätzung der Prävalenz liegt jedoch bei drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen[17] beziehungsweise bei 3,6 Prozent bis 6,7 Prozent.[18] In der Stichprobe der in Deutschland durchgeführten Längsschnittstudie KIGGS[19], deren Daten 2008 von Huss et al. auf die Prävalenz von ADHS untersucht wurden, ergab sich eine Häufigkeit von 4,8 Prozent der von Psychologen diagnostizierten ADHS.[20] Eine kulturvergleichende Erfassung der Auftretenshäufigkeit von ADHS ist aufgrund der Methodenvielfalt und der möglichen Konfundierung problematisch.[21] Auffällig ist jedoch die Geschlechter- und Altersverteilung der Diagnosen. In der Stichprobe der KIGGS-Studie waren die männlichen Untersuchungsteilnehmer mit einer Verteilung von 4:1 gegenüber den weiblichen Teilnehme-rinnen überrepräsentiert.[22] Diese Zahlen sind mit anderen epidemiologischen Studien vergleichbar, die von einer Überrepräsentation der Jungen im Verhältnis 3:1 und in klinischen Studien 6:1 bis 9:1 berichten.[23] Aktuelle Daten des BARMER GEK Arztreports von 2013 mit dem Schwerpunktkapitel ADHS zeigen im Jahr 2011 einen rapiden Anstieg der Diagnosen zwischen dem fünften und zehnten Lebensjahr. Während mit fünf Jahren gerundet 3,2 Pro-zent der Jungen und 1,3 Prozent der Mädchen eine diagnostizierte ADHS hatten, lag der Anteil der elfjährigen Jungen bei 11,9 Prozent, jener der Mädchen bei 4,4 Prozent. Im Vergleich zu den Daten aus dem Jahr 2006 bedeutet dies einen Anstieg von 1,4 Prozent bei den Mädchen und 2,4 Prozent bei den Jungen.[24] Die Zunahme der Diagnosen im Grundschulalter vom Schuleintrittsalter respektive dem letzten Kindergartenjahr an lässt sich durch die mit dem Schuleintritt verbundene erhöhte Anforderung an die kindliche Aufmerksamkeit und Inhibition erklären. Die Kernsymptome des Störungsbildes ADHS zeigen sich allerdings meist schon altersentsprechend im Kleinkindalter. Bereits im Säuglingsalter zeigen Kinder mit ADHS ein „hohes psychophysiologisches Aktivierungsniveau und ungünstige Temperamentsmerkmale.“[25] Zudem zeichnen sie sich durch Schlaf- und Essensprobleme sowie durch eine gereizte Stimmungslage aus. Im Alter von drei Jahren sind bei der Mehrzahl der Kinder die Kernsymptome, die im Folgenden näher erläutert werden, zu beobachten.[26]

2.1.Symptome

Die Basissymptome der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung sind, wie bereits er-wähnt, die Unaufmerksamkeit, die Hyperaktivität und die Impulsivität. Die Unaufmerksamkeit zeichnet sich insbesondere durch eine geringe Konzentrationsspanne und eine stark selektive Aufmerksamkeit mit einer erhöhten Ablenkbarkeit aus. Die Fähigkeit, ablenkende Reize zu inhibieren und die Aufmerksamkeit auf die für das Lösen einer gesetzten Aufgabe wichtigen Reize zu lenken, ist nicht altersgemäß entwickelt.[27] Vor allem bei Aufgaben mit kognitiv-konzentrativen Anforderungen, die von dem Kind als ermüdend oder langweilig empfunden werden, ist das Aufmerksamkeitsdefizit beobachtbar. Dahingegen ist die Fähigkeit der Konzentration und der Unterdrückung ablenkender Reize in Situationen, die für das Kind neu respektive aufregend sind sowie bei Aufgaben, für die das Kind eine hohe Eigenmotivation aufbringt, vorhanden.[28] Als Beispiele für das Aufmerksamkeitsdefizit werden in der Literatur häufig Flüchtigkeitsfehler, Vergesslichkeit und Ablenkbarkeit genannt. [29] Die Hyperaktivität der Kinder mit ADHS zeigt sich in ihrer exzessiven motorischen Aktivität und ihrer Ruhelosigkeit. Außerdem sind ein geringes Schlafbedürfnis und Einschlafprobleme möglich. Zudem kann sich die Hyperaktivität im sprachlichen Bereich durch eine erhöhte verbale Aktivität, äußern.[30] Das Symptom der Hyperaktivität lässt den Vergleich mit Heinrich Hoffmanns „Zappelphilipp“ zu. Die Kinder wirken auf ihre Umwelt übermäßig unruhig und wie „getrieben“ [31]. Die Hyperaktivität vermindert sich jedoch im Verlauf der Pubertät, während die anderen Basissymptome relativ stabil bleiben.[32] Das dritte Kernsymptom der ADHS, die Impulsivität, zeichnet sich durch plötzliche, unüberlegte Verhaltensweisen und eine defizitäre Selbstkontrolle aus. Insbesondere die Delay-of-Gratification-Aufgabe stellt hohe Anforderungen an die Selbstkontrolle und die Fähigkeit des Abwartens. Damit verbunden ist nach Hillenbrand auch ein motivationales Defizit, welches den Aufschub von Bedürfnissen und das Zurückstellen von Wünschen erschwert.[33] Im Jugend- und jungen Erwachsenenalter kann hauptsächlich die Impulsivität zu einem erhöhten, nicht altersangemessenen Risikoverhalten führen, welches sich in aggressivem und delinquentem Verhalten oder Fahrverhalten sowie in der Häufigkeit des Substanzmissbrauchs zeigt.[34] Zudem stellen sowohl schulische respektive berufliche und soziale Probleme als auch Minderwertigkeitsgefühle weitere Risikofaktoren für Menschen mit ADHS dar.[35] Darüber hinaus haben die häufig auftretenden, so genannten komorbiden Störungen einen großen Einfluss auf die Ausprägung der psychischen Störung und auf die für das Individuum gestellte Prognose. „Besonders häufig treten dabei aggressive und oppositionelle Verhaltensstörungen (30 – 50%), Lern- und Leistungsschwierigkeiten (10 – 25 %), emotionale Beeinträchtigungen wie Ängste (20 – 25%) oder eine depressive Verstimmung (15 – 20%) und soziale Kontaktschwierigkeiten auf. Auch Tic- und Zwangsstörungen werden gehäuft mit ADHS beobachtet.“[36]

Die Kernsymptome der Störung verweisen hingegen auf Defizite der exekutiven Funktionen und damit verbunden auf defizitäre inhibitorische Fähigkeiten. So wird ADHS nicht mehr als primäre Aufmerksamkeitsstörung, sondern als Problematik der Selbstregulation inklusive der Emotionsregulation und der exekutiven Funktionen verstanden.[37] Die exekutiven Funktionen sind ein neuro-kognitives Konstrukt, welches das Ausmaß der kognitiven Kontrolle, das heißt, der Fähigkeit zur Selbstregulation, beschreibt.[38] „Exekutive Funktionen beschreiben zum Beispiel die Fähigkeit zum planenden, bewussten und vorausschauenden Handeln – also Fähigkeiten des Frontalhirns.“[39] Diese können in drei Kategorien unterteilt werden: Inhibition, Shifting (flexibler Aufgabenwechsel, beispielsweise zwei alternierend zu lösende Aufgaben) und Updating (Arbeitsgedächtnis).[40] Die Fähigkeit der Inhibition umfasst die Unterdrückung irrelevanter Informationen sowie die Unterdrückung präpotenter Reaktionen.

Zusammenfassend haben Menschen mit einer ADHS-Symptomatik demnach Schwierigkeiten im Bereich des Arbeitsgedächtnisses, des planenden Handelns und der Selbstregulation, beispielsweise der Regulation von Emotionen und der Unterdrückung von Reaktionen und äußeren Reizen. Das daraus resultierende beobachtbare Verhalten kann anhand der für die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung festgelegten Symptomkriterien erfasst und in Relation zum Entwicklungsstand und weiteren potentiellen Krankheitsbildern des Individuums diagnostisch eingeschätzt werden.

2.2.Diagnostik

Für die Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung gibt es zwei international gültige, standardisierte Systeme, in denen unter anderem psychische Krankheiten klassifiziert und deren Symptome festgehalten werden. Das in Deutschland gängigste Klassifikationssystem ist die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellte ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), welche sich im fünften Kapitel mit psychischen Störungen und Verhaltensstörungen befasst.[41] Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) der American Psychiatric Association umfasst hingegen ausschließlich seelische Erkrankungen und psychische Störungen. Im Mai 2013 wurde die fünfte Auflage des DSM (DSM-V) veröffentlicht.[42] In der Literatur wird daher noch überwiegend von der vorherigen Ausgabe, DSM-IV, ausgegangen.

Bezüglich der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung lassen sich in beiden Klassifikationssystemen sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten feststellen. Beide Systeme fordern ein frühes Auftreten der Symptomatik, die mit Beeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen einhergeht. Nach der ICD-10 sollten die Symptome vor dem sechsten Lebensjahr auftreten, während im DSM das Alter der Erstmanifestation in der fünften Auflage von sieben auf zwölf Jahre angehoben wurde.[43] Die Symptome sollten zudem von längerer Dauer sein (nach dem DSM-IV mindestens sechs Monate) und die daraus resultierenden klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen vorhanden sein. Des Weiteren ist die Unaufmerksamkeit und mangelnde Ausdauer des Kindes in Relation zu Alter und Intelligenzniveau sowie die Hyperaktivität im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern ähnlicher Intelligenz einzuschätzen.[44] Die Unterschiede der ICD-10 und des DSM-IV/DSM-V bestehen vor allem in der Gewichtung der Symptome für die Diagnose und der Einteilung von Subtypen. Die ICD-10 sieht die Hyperaktivität neben der Unaufmerksamkeit als Kardinalsymptom der Störung, welches für die Diagnose unerlässlich ist. So wird in Kapitel 5 „Hyperkinetische Störungen“ (F90.0 bis F90.9) nicht auf den im DSM verzeichneten ADHS-Subtyp des überwiegend unaufmerksamen Typus (ADS) eingegangen. Die ICD-10 differenziert die ADHS-Diagnose in die einfache Aktivitäts-Aufmerksamkeitsstörung (F90.0), die hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (F90.1), in sonstige hyperkinetische Störungen (F90.8) und in nicht näher bezeichnete hyperkinetische Störungen (F90.9).[45] Somit ist für die Diagnose der ADHS nach der ICD-10 das Vorhandensein aller drei Symptome, Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, notwendig. Dahingegen betrachtet das DSM das Verhalten der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung sowohl als zusammengehörige Störung als auch differenzierter in unterschiedlichen Dimensionen der Aufmerksamkeitsstörung, der Impulsivität und der Hyperaktivität. So sind im DSM drei Typen der ADHS möglich: der vorwiegend unaufmerksame Typus (314.00 ADD Subtyp) mit ausschließlicher Aufmerksamkeitsstörung, der hyperaktiv-impulsive Typus (314.01 ADHD Subtyp) und der Mischtypus (314.01 ADHD Gemischter Typ), welcher alle drei Kernsymptome aufweist. Des Weiteren ist auch im DSM eine nicht näher bezeichnete Kategorie (314.9 ADHD NOS) vorhanden.[46] Sowohl der DSM-IV/DSM-V als auch die ICD-10 nennen zu den einzelnen Kern-symptomen eine Reihe von beobachtbarem Verhalten (bspw. „beachtet oft Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler“ (Unaufmerksamkeit nach DSM-IV), „zappelt oft mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum“ (Hyperaktivität nach DSM-IV), „platzt oft mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist“ (Impulsivität nach DSM-IV))[47], von welchem jeweils eine bestimmte Anzahl beim Individuum vorhanden sein muss, um eine Diagnose stellen zu können. Bei einer ausführlichen Diagnostik werden die Symptome durch Eltern- und Lehrerfragebögen, durch eine Selbstbeurteilung des Kindes und durch die Beurteilung des Untersuchers erfasst. Außerdem sollten Tests zur Konzentrationsfähigkeit sowie zur Intelligenz durchgeführt werden. Ebenso sollten eine körperliche Untersuchung des Kindes und der Ausschluss symptomverwandter Störungsbilder (Schizophrenie, affektive Störungen, Angststörungen, tiefgreifende Entwicklungsstörungen) erfolgen.[48] Allerdings ist sowohl die Gewinnung der Daten als auch ihre Beurteilung durch subjektive Faktoren geprägt. So können die verwendeten Items von den befragten Personen sehr unterschiedlich verstanden werden und möglicherweise durch bewusste oder unbewusste Intentionen verzerrt werden.[49] Zudem droht die ganzheitliche Perspektive auf das Individuum im Kontext seiner Lebensgeschichte, „mit seinen verschiedenen, aber doch zusammenhängenden Persönlichkeitsanteilen und Konfliktstrukturen“[50], verloren zu gehen. Hüther fordert daher eine grundsätzliche Fokussierung in der kinderpsychiatrischen Diagnostik auf fünf Bereiche: die psychiatrische Symptomatik, die körperliche Gesundheit, die intellektuelle Entwicklung, Teilleistungsschwächen (auch Wahrnehmungs- und Sinnesverarbeitungsstörungen) und die familiären Bedingungen und weitere Faktoren der sozialen Umgebung.[51] Im klinischen Interview können so neben den aktuellen Beschwerden und der Verhaltensbeobachtung die persönliche Entwicklungsgeschichte des Individuums seit der Schwangerschaft erfasst werden. „Durch Beleuchtung des familiären Entwicklungsumfeldes wird versucht, die bestehenden Schwierigkeiten in ihrer Beziehung zur Familie zu verstehen“[52]. Außerdem sind testpsychologische Untersuchungen sowie die Erstellung einer Differenzialdiagnose, das heißt, die Diagnose symptomverwandter Krankheitsbilder neben der ursprünglichen Verdachtsdiagnose[53], notwendig. Insbesondere im frühen Kindesalter haben „seelische Irritationen“[54] häufig Auswirkungen auf die Verhaltensebene und Aufmerksamkeitsfähigkeit. Daher ist eine rein deskriptive Diagnostik, wie bei der ausschließlichen Verwendung des DSM-V oder der ICD-10, für eine ADHS-Diagnose wenig empfehlenswert, da die der Symptomatik möglicherweise zugrundeliegenden kindlichen Mechanismen und Probleme übersehen werden können. Mit der deskriptiven Diagnostik geht jedoch implizit ein biologisch-organisches Ursachenmodell einher, für welches das psychodynamische Zusammenspiel von inneren Konflikten, respektive Irritationen, und kindlichem Verhalten weniger relevant erscheint. Allerdings ist ebenso die praktische Umsetzung und Sorgfalt an diese Kritik gebunden, da die deskriptive Diagnostik als ergänzende Leitlinie oder Hilfestellung durchaus sinnvoll sein kann. Dennoch wird durch das vorwiegend biologisch orientierte Ursachenmodell die der ADHS-Diagnostik zugrunde-liegende medizinische Denk- und Vorgehensweise deutlich. Diese geht davon aus, dass ein organischer Befund in Zusammenhang mit bestimmten Symptomen deren Entstehung erklärt und sich daraus wirksame Handlungs-, das heißt, Therapiemöglichkeiten herleiten und gezielt einsetzten lassen. Ist zunächst keine Ursache zu finden, muss zumindest symptomatisch behandelt werden.[55] Der ursächliche Organbefund bietet Orientierung und Halt im Umgang mit dem „kranken“ Kind. Trotz ihrer mangelnden Evidenz trugen die, im weiteren Verlauf der Arbeit genannten, neurologischen Befunde im Gehirn von ADHS-Patienten zu einer Fixierung dieser medizinischen Perspektive bei.[56] Dabei wurden unter dem Begriff des Syndroms (HKS) verschiedene gemeinsam auftretende Symptome zusammengefasst.[57] Obwohl die Begriffsbezeichnung des Symptomkomplexes in „ADHS“ verändert wurde, blieb das diagnostische Konzept bestehen. Dabei stellt sich die Frage, wie ein medizinisches, das heißt, organisches Denkmodell auf psychische Störungen übertragbar ist. Insbesondere bei der Symptomtrias der ADHS wird die grundsätzliche Problematik von Diagnosen deutlich. Eine Diagnose soll einen Symptomkomplex eindeutig und von anderen Krankheits- oder Störungsbildern abgrenzbar identifizieren und bezeichnen können. Die Symptome der ADHS jedoch sind vielschichtig, in verschiedenen Störungsbildern zu finden und treten in äußerst heterogenen Populationsgruppen auf.[58] Die problematische Differenzierung und Identifizierung wird ebenso in den unterschiedlichen Perspektiven der beiden Diagnosesysteme deutlich. Auch die Tatsache, dass wohl jedem Menschen in bestimmten Situationen das Symptom der Aufmerksamkeitsstörung, der Hyperaktivität (z.B. Fußzappeln bei Nervosität) und/oder der Impulsivität bekannt ist, verweist auf die Frage der Abgrenzung von „normal“ und „pathologisch“. Wie die Ausprägung der Symptomatik wahrgenommen wird ist, wie bereits erwähnt, von Subjekt zu Subjekt verschieden. Eine Diagnose ist schließlich ein von Menschen gemachtes und damit potentiell fehlbares Konstrukt einer Symptombeschreibung und –zusammenfassung, welchem je nach disziplinärer Perspektive bestimmte Vorannahmen, das heißt, Erklärungsmodelle, zugrunde liegen. Je mehr Bedeutung der Diagnostik zugeschrieben wird, desto eher tritt der Mensch als Subjekt, vor allem, das sich in Wechselseitigkeit entwickelnde Kind als Individuum, in den Hintergrund und lässt die Bedeutung der Symptome an sich verblassen. Ein weiteres Problem ist, dass sich die Symptome der ADHS im Grunde auf die Ganzheit des menschlichen Wesens beziehen. Sie betreffen sowohl die physische, das heißt, die motorische Ebene (Hyperaktivität) als auch die affektive (Impulsivität) und die kognitive/mentale (Aufmerksamkeitsstörung) Ebene. Insbesondere aus dieser Perspektive darf der Mensch als Ganzes, auch als soziales, in wechselseitigen Beziehungs-gefügen lebendes Individuum nicht vernachlässigt werden. Daher sollte sich die Betrachtungsweise der Diagnostik weniger auf die Beschreibung eines häufig auftretenden Symptomkomplexes konzentrieren, als auf die Bedeutung jedes einzelnen Symptoms für jedes einzelne Individuum. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Kinder wie Erwachsene, die ähnliche bis identische Symptome aufweisen, unter dem Begriff der ADHS zusammengefasst werden, obwohl die beschriebene Symptomatik lediglich die „Endstrecke“[59] höchst unter-schiedlicher Entwicklungen und Problemkonstellationen darstellt. Durch den Bezug auf die Bedeutung der Symptome und die daraus hergeleitete Behandlungsmethode könnte sich auch die erbitterte Kontroverse um organische versus psychosoziale Ursachenmodelle, um die „richtige“ oder „falsche“ Behandlung, um ADHS „ja“ oder „nein“ entspannen und so zu einer ersten Entlastung der betroffenen Familien führen. Schließlich sind es diese und deren Wohlergehen, vor allem jenes der betroffenen Kinder, welche im Mittelpunkt jeglicher Betrachtung stehen sollte.

2.3.Ätiologie

Das zurzeit populärste Ursachenmodell der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung sieht eine genetische Disposition vor, welche zu einer neurobiologischen Funktionsstörung führt. Da ADHS als Störung der selbstregulativen Fähigkeiten verstanden wird, werden Defizite in den „für die Koordinations- und Steuerungsaufgaben der Informationsverarbeitung zuständigen Bereichen des zentralen Nervensystems“[60] angenommen. Diese sind vor allem der präfrontale Cortex sowie subkortikale Areale und das Striatum. Der präfrontale Cortex, der bei Primaten, insbesondere beim Menschen, sehr ausgedehnt ist, ermöglicht es, Hand-lungen zu planen[61] und kognitive sowie motorische Verarbeitungsprozesse zu inhibieren[62]. Der präfrontale Cortex ist somit für die exekutiven Funktionen zuständig. Das Striatum hingegen stellt eine Verbindung zwischen den frontalen Hirnarealen und dem limbischen System, welches unter anderem für die „Steuerung von Emotion, Motivation und Gedächtnis“[63] zuständig ist, dar. Die defizitäre Funktionsweise dieser Hirnregionen wird auf ein mangelhaftes dopaminerges, aber auch serotonerges und noradrenerges System zurückgeführt.[64] Dopamin, Serotonin und Noradrenalin sind Neurotransmitter, welche für die Verarbeitung und Weiterleitung von Informationen und Nervenimpulsen zwischen den einzelnen Hirnregionen verantwortlich sind.[65] Dazu werden die Neurotransmitter-Moleküle von den Nervenzellenden eines abgebenden Neurons, Axone, durch den synaptischen Spalt an die aufnehmenden Nervenzellenden eines anderen Neurons, Dendrititen, weitergeleitet, wo sie sich an die Rezeptoren dieser postsynaptischen Zelle binden.[66] Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin g-hören zu der Neurotransmitter-Gruppe der Katecholamine, deren genetisch bedingte Dysfunktion im frontostriatalen System nach Aussage des Friedrich-Baur-Instituts und der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München als wahrscheinliche Ursache für die ADHS gilt.[67] Für die Entstehung einer ADHS-Symptomatik wird vor allem das dopaminerge System verantwortlich gemacht. Dabei wird von dessen verminderter Aktivität beziehungsweise defizitärer Ausbildung oder einer „an den dopaminergen Präsynapsen stattfindende(n) Verminderung der Dopaminausschüttung (Rezeptordefekte) bzw. eine(r) Verstärkung der Dopaminaufnahme (Transporterdefekte)“[68] ausgegangen.

Die so genannte „Dopaminmangelhypothese“[69] besagt nun, dass durch die Beeinträchtigung des dopaminergen Systems Informationen im neuronalen Netzwerk nicht mehr ausreichend gefiltert werden, sodass es zu einer Reizüberflutung und in Folge dessen zu „Beeinträchtigungen der motorischen Kontrolle, der Impulsivität sowie der Reizwahrnehmung und –verarbeitung“[70] kommt. Jedoch ist die Dopaminmangelhypothese nicht eindeutig belegbar, sondern basiert vielmehr auf der Beobachtung, dass sich die Symptome der ADHS durch dopaminfreisetzende Stimulanzien wie Methylphenidat oder andere Amphetamine vermindern.[71] Ebenso kann eine Überfunktion des Neurotransmitterstoffwechsels an der Entstehung einer ADHS-Symptomatik beteiligt sein.[72]

An dieser Stelle ist auch auf die Modelle von Barkley (1997), Sonuga-Barke (2002) und Döpfner et al. zu verweisen. Barkley erklärt das Selbstregulationsdefizit mit einem mangelhaft ausgeprägten Hemmungsmechanismus. Auch hier steht eine Störung des Neurotransmitterstoffwechsels im Vordergrund, welche vor allem die zentralexekutiven Funktionen, das heißt, den präfrontalen Cortex, betrifft und zu Defiziten in den Bereichen der Verhaltensinhibition, der kognitiven und motorischen Verhaltenskontrolle, der Emotionsregulation sowie des Arbeitsgedächtnisses führt.[73] Das Dual-Pathway-Modell nach Sonuga-Barke, welches sich nur auf den ADHS-Mischtypus nach dem DSM-IV/DSM-V bezieht, erklärt die Entstehung der ADHS sowohl zum Teil durch eine verringerte inhibitorische Kontrolle als auch durch den motivationalen Aspekt einer Verzögerungsaversion der betroffenen Kinder.[74] Das biopsychosoziale Modell nach Döpfner et al. integriert Defizite der exekutiven Funktionen, neuropsychologische und psychosoziale Faktoren. Die Ursache der ADHS wird ebenfalls in einer genetischen Disposition gesehen, die zu einem defizitären Neurotransmitterstoffwechsel führt und exekutive und motivationale Störungen verursacht. Das soziale Umfeld des Kindes, vor allem die engsten Bezugspersonen und deren psychosoziale Kontexte, können in diesem Modell einen entscheidenden Einfluss auf die Ausprägung der Symptomatik haben.[75]

Die Hereditätsannahme der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung wird hingegen durch Familien- respektive Zwillingsstudien gestützt. Dabei ergab sich eine erhöhte Konkordanz bei unmittelbaren Familienangehörigen, die sich auch in Adoptionsstudien zeigte. Bei monozygoten Zwillingen lag die Konkordanz bei 50 bis 80 Prozent, bei dizygoten Zwillingen bei ca. 35 Prozent.[76] Allerdings ist hierbei zu kritisieren, dass diese Studien sowohl die Möglichkeit der transgenerationalen Weitergabe psychischer Eigenschaften und Strukturen als auch die Bedeutung pränataler und frühkindlicher Erfahrungen, insbesondere der frühen Säuglingszeit, vernachlässigen. Dennoch wurde eine bei ADHS-Betroffenen häufig vorkommende Variation des DAT1-Gens gefunden, welches zur Regulierung der Dopaminaktivität im Gehirn beitragen könnte.[77]

Tatsächlich wurden einige neurophysiologische Veränderungen im Gehirn von Kindern und Erwachsenen mit ADHS gefunden.[78] Die beobachtete „Volumenreduktion betrifft sowohl kortikale als auch subkortikale Areale, vor allem:

  • den rechten frontalen Cortex (Steuerung der höheren Gehirnfunktionen, wie Planung und Steuerung von Verhalten – Exekutivfunktionen) sowie allgemein reduziertes kortikales Volumen

  • die Basalganglien (beteiligt an der Regelung motorischer, affektiver und exekutiver Prozesse)

  • das Cerebellum/Kleinhirn (Gleichgewichtssinn, Steuerung der Feinmotorik; wichtige Funktionen für Aufmerksamkeit).“[79]

Desweitern konnte eine erhöhte Dichte von Dopamintransportern im Striatum[80] sowie eine verringerte Aktivität der oben genannten Areale[81] nachgewiesen werden.

Allerdings ist fraglich, ob die gefundenen Veränderungen als Ursachen der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung gelten können, oder ob diese vielmehr sekundäre Folgen der Störung sind. Die Prozesse der Gen-Umwelt-Interaktion und der Neuroplastizität, die dazu führen können, dass sich das Gehirn wie auch die Gene durch das Vorhandensein einer ADHS-Problematik respektive deren Vorläuferformen verändern, werden nachfolgend erläutert.



[9] Dies soll nur einen Überblick darstellen und ist daher nicht als vollständige Aufführung zu sehen.

[10] Staufenberg 2011, S. 45

[11] Ebd., 2011, S. 45

[12] Gawrilow 2012, S. 18 f.

[13] Staufenberg 2011, S. 46-52

[14] Staufenberg 2011, S. 32

[15] Gawrilow 2012, S. 39

[16] Hillenbrand 2008, S. 187

[17] Ebd., S. 187

[18] Schwenck 2012, S. 623

[19] Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, durchgeführt vom Robert-Koch-Institut in Berlin, erfasst wurden unter 18-jährige, Basiserhebung 2003-2006, Quelle: http://www.kiggs-studie.de/ ; 23.04.14

[20] Gawrilow 2012, S. 47

[21] Ebd., S. 50

[22] Ebd., S. 52

[23] Schwenck 2012, S. 623

[24] Gold, Andreas: Lernschwierigkeiten aus pädagogisch-psychologischer Sicht. Frankfurt am Main: Vorlesung Wintersemester 2013/2014, Sitzung 5, Folie 7

[25] Gawrilow 2012, S. 92

[26] Hillenbrand 2008, S. 187

[27] Ebd., S. 186

[28] U.a. Schwenck 2012, S. 622

[29] U.a. Gawrilow 2012, S. 21

[30] Hillenbrand 2008, S. 186

[31] Schwenck 2012, S. 622

[32] Gawrilow 2012, S. 94

[33] Hillenbrand 2008, S. 186

[34] Gawrilow 2012, S. 95

[35] Hillenbrand 2008, S. 187

[36] Schwenck 2012, S. 623 f.

[37] Gawrilow 2012, S. 72

[38] Gold, Andreas: Lernschwierigkeiten aus pädagogisch-psychologischer Sicht. Frankfurt am Main: Vorlesung Wintersemester 2013/2014, Sitzung 5, Folie 8

[39] Gawrilow 2012, S. 76

[40] Ebd., S. 76

[44] Staufenberg 2011, S. 37 f.

[45] Ebd., 2011, S. 33

[46] Ebd., S. 33

[47] Ebd., S. 34 f.

[48] Ebd., S. 38

[49] Ebd., S. 32

[50] Staufenberg 2011, S. 32

[51] Hüther; Bonney 2010, S. 108

[52] Ebd., S. 108 f.

[53] http://flexikon.doccheck.com/de/Differentialdiagnose ; 27.04.2014

[54] Hüther; Bonney 2010, S. 109

[55] Von Lüpke 2005, S. 21

[56] Von Lüpke 2007, S. 118

[57] Von Lüpke 2005, S. 21 f.

[58] Ebd., S. 25

[59] Von Lüpke 2007, S. 121

[60] Ackermann-Stoletzky; Stoletzky 2004, S. 34

[61] Amthor 2013, S. 34

[62] Hüther; Bonney 2010, S. 21

[63] Barkley 2011, S. 115

[64] U.a. Gawrilow 2012, S. 67

[65] Ackermann-Stoletzky; Stoletzky 2004, S. 34 f.

[66] Amthor 2013, S. 61-68

[67] Ackermann-Stoletzky; Stoletzky 2004, S. 35f.

[68] Hüther; Bonney 2010, S. 21

[69] Ackermann-Stoletzky; Stoletzky 2004, S. 35

[70] Ebd., S. 36

[71] U.a. ebd., S. 35

[72] Von Lüpke 2005, S. 22

[73] Schwenck 2012, S. 623

[74] Gawrilow 2012, S. 62

[75] Gawrilow 2012, S. 63 f.

[76] U.a. ebd., S. 65

[77] U.a. Barkley 2011, S. 124; vgl. Reinberger 2012, S. 33

[78] Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

[79] Staufenberg 2011, S. 59

[80] Hüther; Bonney 2010, S. 60

[81] Barkley 2011, S. 120

3.Epigenetik

Im Frühjahr 2000 entschlüsselte der amerikanische Forscher Craig Venter im Rahmen des „Human Genome Project[82] als Erster die Gesamtheit menschlicher Gene, das so genannte Genom.[83] Damit schien das Geheimnis des Bauplans des Lebens entdeckt zu sein. Allerdings können Gene nicht mehr als „autistisch“[84], das heißt als separat und von äußeren Faktoren unbeeinträchtigt ablaufendes Entwicklungsprogramm verstanden werden. Vielmehr fand in den letzten Jahrzehnten ein wissenschaftliches Umdenken vom „genetischen Determinismus“[85], welcher sich bereits vor dem zweiten Weltkrieg etablierte, hin zu einer Vorstellung der Gen-Umwelt-Interaktion statt. Das menschliche Genom ist als Optionsvielfalt zu verstehen, welche sich im Laufe des Lebens differenziert und spezialisiert. Dennoch geht die Vorstellung vieler Menschen über Genetik und Vererbung noch heute auf den Augustinerpater Gregor Johann Mendel (1822 – 1884) zurück. Dieser versuchte die Grundprinzipien der Vererbung anhand von Erbsen herauszufinden. Dabei untersuchte er jedoch nur solche Gene der Pflanzen, die für ein konstantes Merkmal, beispielsweise die grüne Farbe einer reifen Erbse, verantwortlich waren.[86] Jedes einzelne menschliche Gen erfüllt, wie die Gene der Erbsen, eine bestimmte Funktion im Organismus, indem es spezifische Proteine, welche die biochemischen Abläufe des Organismus regeln und kontrollieren, produziert. Diese Funktion der Gene ist teilweise jedoch durch situative Faktoren bedingt, sodass die Gene und damit die Proteinproduktion von einem aktiven zu einem weniger aktiven Zustand und umgekehrt wechseln können, was als Genregulation bezeichnet wird.[87] „Die vielleicht größte Rolle spielt die Genregulation jedoch für die Gene des Gehirns“[88], indem sie die Aktivität und Signalgebung der neuronalen Netzwerke beeinflusst und damit die erfahrungsabhängige Reifung, die spezifische Strukturbildung des Gehirns (Neuroplastizität) ermöglicht.

Ein Beispiel für die „alltägliche“ Regulation von Genen und die situative Hirnaktivität ist die Reaktion des menschlichen Organismus auf Stresssituationen. Psychische Anspannung oder Stress aktiviert im Körper das Gen CRH, welches im Hypothalamus zu einer Ausschüttung des Hormons CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon) führt. Das CRH wird im Gehirn an die Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) weitergeleitet und aktiviert dort ein weiteres Gen, POMC (Proopiomelanocortin). Das POMC-Gen produziert unter anderem das Hormon ACTH (Ad-renocorticotropes Hormon), welches sich durch den Blutkreislauf im Organismus verteilt und in der Nebenniere zur Bildung von Cortisol, dem „Stresshormon“, führt.[89] Neben dem CRH-Gen gibt es weitere Gene, die in Gefahr- oder Alarmsituationen aktiviert werden und bei-spielsweise im Stammhirn zur Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin führen, welche die Körperfunktionen, wie Herzfrequenz und Atmung, regulieren.[90]

Die durch Stress hervorgerufenen im Körper stattfindenden Prozesse sind bei Menschen (und Wirbeltieren) relativ identisch. Entscheidend ist jedoch, welche Situationen als alarmierend oder gefährdend empfunden werden. Dabei ist die interindividuelle Varianz erheblich. Die Bewertung von Situationen erfolgt auf der Basis vorangegangener Erfahrungen, die im Körper „gespeichert“ sind und in einer aktuellen Situation als „Vergleichsgröße“[91] dienen. Insbesondere negativ besetzte, so genannte aversive Erfahrungen werden intensiv verankert. Allerdings ist davon auszugehen, dass ein belastender Dauerzustand, eine „komplexe Verknüpfung einer unendlichen Vielzahl von Ereignissen“[92] weitreichendere Einflüsse hat, als einzelne belastende Ereignisse.[93] Die gesammelten Erfahrungen eines Menschen „addieren sich zu gespeicherten Gedächtnisinhalten in Nervenzell-Netzwerken“[94] und bestimmen somit sein Wesen und seine Persönlichkeit mit. Jeder Mensch entwickelt so im Laufe seines Lebens ein individuelles Stressreaktionsmuster sowie Interpretations- und Handlungsmuster. Diese sind jedoch nicht vollständig invariant. Insbesondere die neuronalen Netzwerke des menschlichen Gehirns unterliegen einer ständigen, allerdings nicht-linearen Neustrukturierung.[95] Während sich die erfahrungsabhängige, neuronale Ausreifung des Gehirns somit durch jeden Stimulus weiterentwickelt, bilden sich die genetischen und physisch beobachtbaren Veränderungen des Organismus weitgehend zurück, wenn die Stress- oder Belastungssituation rasch vorübergeht und nicht mit extremen Gefährdungen verbunden war. „Bleiben Belastungen jedoch bestehen oder treten immer wieder auf, ohne dass das Problem für den betreffenden Menschen zu lösen ist, so können die körperlichen Folgen schwer wiegend sein oder sich zu Krankheiten entwickeln.“[96] Bei intensiven und/oder sich wiederholenden Einflüssen auf den Organismus kann sich dementsprechend ein bestimmtes Aktivierungsniveau von Genen und neuronalen Netzwerken manifestieren. Allerdings können frühere Erfahrungen durch spätere, andersartige Erfahrungen kompensiert werden. Dabei sind die Modi der Erfahrungen oder Wahrnehmungen nicht linear-kausal an bestimmte Hirnareale gebunden. Zwar sind einzelne Hirnareale beispielsweise für bestimmte mentale Prozesse notwendig, doch können diese nicht allein verantwortlich gemacht werden. Vielmehr ist das menschliche Gehirn als komplexes System zu betrachten, dessen Elemente in einer dialektischen, dynamischen Beziehung zueinander stehen. So entscheidet der Kontext, die Umgebung einer Synapse oder eines Gens, über deren respektive dessen Funktion mit. Gleichzeitigt wirkt die Synapse oder das Gen selbst als Teil des Kontextes anderer Elemente auf diese zurück. Jede Veränderung an einer Stelle des Systems hat so Veränderungen im ganzen System zur Folge.[97] Experimente des amerikanischen Hirnforschers Freeman (1995) mit Kaninchen verdeutlichen diese nicht lineare Hirnfunktion. Zunächst fand er heraus, dass die Kaninchen auf verschiedene Gerüche mit unterschiedlichen, spezifischen Hirnstromaktivitäten, Mustern, reagierten. Daraufhin präsentierte er ihnen einen neuen Geruch, welcher, erwartungsgemäß, ein neues Muster zur Folge hatte. Allerdings hatten sich gleichzeitig ebenso die Muster der anderen Gerüche verändert.[98] Das neurologische Geruchssystem hat sich durch die neue Erfahrung zwar verändert, jedoch auch unkalkulierbar umstrukturiert. Ein lineares Ursache-Wirkungsmodell für die erfahrungsabhängige Reifung des menschlichen Gehirns, ebenso wie für die Funktion einzelner Hirnbereiche, aber auch Gene, ist somit nicht möglich. Beispielsweise ist die Amygdala zwar eine notwendige Bedingung für bestimmte emotionale Prozesse, doch erst ihre Verbindung und die „Kommunikation“ zu anderen Hirnarealen sowie zum gesamten zentralen Nervensystem, das heißt, der Kontext der Amygdala, macht das Gefühl aus. Der gesamte Mensch mit seinen nicht zu trennenden kognitiv-emotionalen Erfahrungen und den bisher entwickelten Systemen ist die „zureichende“[99] Bedingung für den emotionalen Prozess, die Empfindung eines Gefühls. Doch selbst, wenn man die Gesamtheit des Nervensystems und der neuronalen Netzwerke betrachten könnte, würde man nichts über diese subjektive Empfindung, welche der menschlichen Psyche entspringt, aussagen können. Die methodische Differenz zwischen Psychologie und (Neuro-) Biologie lässt keine direkte Übertragung zu. Denn wie sollte ein Gedanke, ein Gefühl oder eine intuitive Wahrnehmung aus dem stofflichen Körper, welcher seine ganz eigenen, in der Biologie auch messbaren Reaktionsweisen hat, extrahiert werden? Die eigene Logik subjektiven Seins ist nicht in dieser Weise mess- oder nachvollziehbar. Körper und Geist entwickeln sich dennoch parallel und stehen in einem nicht trennbaren, dynamisch-dialogischen Wechselverhältnis zueinander.

3.1.Gen-Umwelt-Interaktion

Der zur Doppelhelix gewundene DNA-Faden im Zellkern ist um acht Proteinmoleküle (je zwei der Histone (Eiweißmoleküle) H2A, H2B, H3 und H4), die sich zu einer tablettenförmigen Struktur zusammenfügen, gewickelt. Dies wird als Nukleosom bezeichnet. Der DNA-Faden verläuft weiter zum nächsten Histon-Komplex, windet sich auch um diesen und so fort. Diese so entstehende perlenschnurartige Struktur aus Proteinen und DNA wird als Chromatin bezeichnet, aus welchem die Chromosomen bestehen. Die Histonmoleküle des Nukleosoms verfügen über einen 30 bis 36 Aminosäuren langen Schwanz, an welchem sich Bindungs-stellen für andere Moleküle befinden. Durch die Anheftung der Moleküle an diese Bindungs-stellen wird sowohl die Struktur des Nukleosoms als auch die Wechselwirkung der Histone mit der DNA und mit benachbarten Nukleosomen verändert. Der so genannte „epigenetische Histon-Kode“[100] ermöglicht den Zellen einen „hochgradig differenzierten Zugriff auf die Erbin-formation.“[101] Dies bedeutet, dass einzelne Gene oder Abschnitte der DNA auf diese Weise aktiviert und deaktiviert werden können, ohne dass die DNA-Sequenz, der „Gentext“[102], verändert wird.[103] Eine Aktivierung des Gens ist als Auflockerung von Chromatinabschnitten zu verstehen, sodass die betreffende DNA-Sequenz abgelesen und in RNA, eine Nukleinsäure, die genetische Informationen in Proteine, beispielsweise Neurotransmitter, umwandelt, um-geschrieben werden kann. „Über diesen Mechanismus liest etwa eine angeregte Nervenzelle verstärkt Gene ab, die für Neurotransmitter kodieren, und stellt mehr von den Botenstoffen her.“[104] Eine Deaktivierung des Gens liegt hingegen vor, wenn das Chromatin durch fehlende Auflockerung oder durch epigenetische Mechanismen verdichtet wird. Zu diesen epigenetischen Mechanismen zählen sowohl Methyl- und Histongruppen als auch Mikro-RNA. Die Atome können sich an die Histonproteine des jeweiligen Chromatinsabschnitts oder an die DNA selbst, genauer gesagt an kurze vor dem „eigentlichen Gen liegende DNS-Sequenzen“[105] binden und so den Ableseprozess der genetischen Information (Transkription) und die Aktivität eines Gens regulieren.[106] Die genannten Substanzen, die sich an Chromatinabschnitte oder an die DNA heften, werden Transkriptionsfaktoren genannt.[107] Die Transkriptionsfaktoren können sowohl durch Signale des Organismus selbst als auch durch Signale der Umwelt ausgelöst werden. Beispielsweise sind die Gene einer Leberzelle durch die Umgebung der Zelle selbst derart reguliert, dass sie die für dieses Organ wichtigen Funktionen erfüllen. Andererseits können auch außerhalb des Organismus liegende Stimuli auf die Genaktivität einwirken. „Sehr häufig geht der Bereitstellung eines Transkriptionsfaktors ein Zusammenspiel von Signalen aus der Umwelt mit körpereigenen Substanzen voraus.“[108] So werden wahrgenommene äußere Reize vom Gehirn in biologische Signale umgewandelt, die Effekte auf die Bereitstellung von Transkriptionsfaktoren haben. Die Aktivierung respektive Deaktivierung von Genen durch äußere Reize hängt wiederum von der „Bewertung“ des Stimulus durch das Gehirn ab, welche, wie bereits erwähnt, durch die Vorerfahrungen des Individuums beeinflusst wird. Somit haben zum Beispiel als positiv und anregend empfundene Situationen andere Effekte auf die im Gehirn ausgeschütteten Botenstoffe und auf die Genregulation als psychische Belastungssituationen.[109]

Die Epigenetik kann demnach bezeichnet werden als „der Mechanismus der Evolution, über den sich das Erbgut mit der Umwelt unterhält.“[110]

Die epigenetischen Mechanismen des menschlichen Genoms, wie auch die im Folgenden erläuterte Neuroplastizität, können als Spezifizierungsleistung des Organismus an die ihn umgebende Umwelt verstanden werden, um die größtmögliche Anpassung an Umweltbedingungen herzustellen und so, evolutionsbiologisch betrachtet, das Überleben zu sichern.

3.2.Neuroplastizität

Als Neuroplastizität wird die lebenslange Fähigkeit des menschlichen Gehirns zur „adaptiven Modifikation und Reorganisation seiner einmal angelegten Nervenzellverschaltungen“[111] bezeichnet. Diese Nervenzellverschaltungen werden Synapsen genannt. Ihre Funktion ist die Weiterleitung von Informationen zwischen den einzelnen Neuronen über die Neurotransmitter. Aus durch Synapsen verbundene Neuronen können ganze Netzwerke entstehen, die einzelne Hirnareale miteinander verbinden und deren „Kommunikation“ ermöglichen. Die Hirnentwicklung ist zu jedem Zeitpunkt der Entwicklung von bereits vorhandenen neuronalen Strukturen geprägt. In der Embryonalphase wandern die durch Zellteilung entstandenen Neuronen und Neuronengruppen an bereits bestehenden Strukturen entlang zu ihrer späteren Lokalisation. Durch chemische Signale benachbarter Zellen beginnen sich Zellfortsätze (Axone und Dendriten) und so komplexe Verbindungen und Verschaltungen zwischen den Arealen des sich entwickelnden Gehirns auszubilden.[112] Nervenzellen, die jedoch nicht in ein funktionelles Netzwerk, wie beispielsweise die Verbindung der Sinnesorgane mit bestimmten Bereichen des Gehirns, integriert werden können, werden durch die Apoptose, den „programmierten Zelltod“[113], eliminiert. Ebenso wie die Neuronen, sind die synaptischen Verbindungen von den sie umgebenden Anforderungen und Rahmenbedingungen abhängig. Im zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft findet die so genannte „Synaptogenese“[114] statt, welche erst am Ende des ersten Lebensjahres abgeschlossen ist.[115] Dabei wird ein Überschuss an synaptischen Verbindungen produziert, die anschließend teilweise wieder eliminiert werden. Das Wechselspiel von Synapsenaufbau und –abbau folgt dem „Prinzip der Konkurrenz zwischen der Stärke der synaptischen Verbindungen“[116] und bildet die Grundlage der Neuroplastizität. Die Stärke einer Synapse ergibt sich aus ihrer Funktionalität und Aktivität. Wird eine Synapse, die in ein Netzwerk integriert ist, häufig aktiviert, das heißt benutzt, wird sie durch die synaptische Erregungsübertragung stabilisiert und kann sich aufgrund der Aktivierung von Nervenzellwachstumsgenen[117] weiter verstärken.[118] So können bereits intrauterin gemachte Erfahrungen und äußere, durch den Organismus der Mutter übertragene Reize die Entstehung und Ausreifung neuronaler Strukturen beeinflussen. Die intrauterin entstandenen Strukturen sind jedoch nur ein vorläufiges Muster, welches sich postnatal kontext- und erfahrungsabhängig differenzieren und spezifizieren muss. Die Unreife des menschlichen Gehirns zum Zeitpunkt der Geburt ermöglicht eine Anpassung des Organismus an die ihn umgebende Umwelt und bildet die Basis für die menschliche Lernfähigkeit. „Bei neuen Erlebnissen werden die dabei synchron aktivierten neuronalen Netzwerke miteinander verknüpft. Sie repräsentieren durch ihre Aktivitätsmodalität in der „Innenwelt“ des Gehirns das Geschehen in der „Außenwelt“ in symbolischer Weise. Ein „Wiedererkennen“ findet immer dann statt, wenn die gleichen neuronalen Netze erneut aktiviert werden.“[119] Das Prinzip der verstärkten neuronalen Verknüpfung durch gemeinsame Aktivierung wird auch mit „cells that fire together wire together“[120] umschrieben. Neue Erfahrungen werden mit bereits bestehenden Mustern verglichen und auf deren Basis bewertet. Gleichzeitig werden jedoch neuronale Verbindungen, welche nicht genutzt werden und sich daher nicht stabilisieren können, nach der Regel „Use it or lose it“[121] wieder zurückgebildet. So sind auch im Erwachsenenalter durch die erfahrungs- und nutzungsabhängige Plastizität Modifikationen und Überformungen der Verschaltungsmuster möglich.[122] Allerdings sind derartige „adaptive Modifikationen neuronaler Verschaltungen (...) umso leichter auslösbar, werden umso rascher stabilisiert und strukturell verankert und beeinflussen die weitere Nutzung und Ausformung anderer neuronaler Netzwerke umso nachhaltiger, je weniger ausgereift, gefestigt und gebahnt die im Gehirn bereits angelegten Verschaltungen sind.“[123] Das kindliche Gehirn zeichnet sich daher durch eine sehr hohe Neuroplastizität aus, welche die Kompensationsfähigkeit des Nervensystems in frühen Entwicklungsphasen bedingt. So ist es erklärbar, dass der Verlust einer Gehirnhälfte unterhalb des Alters von zwei Jahren nicht notwendigerweise zu einer defizitären weiteren Entwicklung führen muss.[124] Die frühe Kindheit, aber auch die späte pränatale Phase, erhält somit eine besondere Bedeutung. Hier finden grundlegende Selektions- und Abbauprozesse von Synapsen statt, sodass insbesondere das Kleinkindalter für die Strukturbildung und Funktionsweise des Gehirns wichtig ist.[125] Der Begriff der „frühen“ Lebensphase ist dabei relativ zu sehen. Neurobiologische wie auch psychische Prozesse scheinen in bestimmten kritischen Phasen über den gesamten Lebenslauf hinweg besonders beeinflussbar zu sein. Diese kritischen Phasen beinhalten Übergänge (beispielsweise die Geburt, der Wechsel vom Elternhaus in den Kindergarten etc.) und die damit verbundenen, notwendigen Prozesse der Neu-Orientierung, das heißt, der Weiterentwicklung und Umstrukturierung. „In der Entwicklung neuer Systeme scheinen diese sehr vulnerabel zu sein. Damit bezeichnet „früh“ ein relatives Konzept, das nur unter Berücksichtigung von Entwicklungsprozessen betrachtet werden kann.“[126] Die frühe Kindheit ist daher aufgrund der Entwicklung des neuen, sich an die extrauterine Welt anpassenden Systems für mentale und organische Prozesse von besonderer Bedeutung. Bei der Betrachtung der frühkindlichen Lebenswelt fällt vor allem der starke Bezug zur Mutter respektive zur primären Bezugsperson auf. Die Erfahrungswelt des Säuglings und Kleinkindes ist durch zwischenmenschliche Beziehungserfahrungen geprägt, die sich idealtypisch in der Kommunikation und Interaktion mit einer konstanten und liebevollen Bezugsperson, neben anderen Bezugspersonen, vollzieht. Die frühkindliche Hirnentwicklung, wie auch die zuvor erläuterte Genregulation, wird durch diese Beziehungen und Bindungen sowie die daraus resultierende Aktivität von Nervenzellnetzwerken und Genen beeinflusst. So kann nach Leon Eisenberg, auch lebenslang, von einer „sozialen Konstruktion des menschlichen Gehirns“[127] gesprochen werden.



[82] Bauer 2012, S. 8

[83] Ebd., S. 230

[84] Ebd., S. 20

[85] Hüther; Krens 2013, S. 21

[86] Bauer 2012, S. 222

[87] Bauer 2012, S. 222 f.

[88] Ebd., S. 232

[89] Ebd., S. 25

[90] Ebd., S. 27

[91] Bauer 2012, S. 35

[92] Von Lüpke, noch nicht veröffentlicht, S. 10

[93] Ebd., S. 10

[94] Bauer 2012, S. 40

[95] Von Lüpke, noch nicht veröffentlicht, S. 2

[96] Bauer, 2012, S. 28

[97] Von Lüpke, noch nicht veröffentlicht, S. 3

[98] Von Lüpke 2010, S. 86

[99] Von Lüpke, noch nicht veröffentlicht, S. 5

[100] Kegel 2013, S. 15

[101] Ebd., S. 15

[102] Bauer 2012, S. 9

[103] Kegel 2013, S. 14 f.

[104] Nestler 2013, S. 24

[105] Bauer 2012, S. 235

[106] Nestler 2013, S. 24

[107] Bauer 2012, S. 236

[108] Ebd., S. 237

[109] Bauer 2012, S. 240 f.

[110] Kegel 2013, S. 17

[111] Hüther; Bonney 2010, S. 26

[112] Hüther 2005, S. 54

[113] Hüther 2005, S. 54

[114] Draganski; Thelen 2012, S. 122

[115] Bauer 2012, S. 62

[116] Draganski; Thelen 2012, S. 124

[117] Bauer 2012, S. 56

[118] Hüther 2005, S. 55

[119] Hüther; Bonney 2010, S. 48

[120] Bauer 2012, S. 58

[121] Ebd., S. 59

[122] Hüther 2005, S. 55

[123] Hüther; Bonney 2010, S. 62

[124] Von Lüpke, noch nicht veröffentlicht, S. 9

[125] Wiegand 2012, S. 30

[126] Von Lüpke, noch nicht veröffentlicht, S. 9

[127] Bauer 2012, S. 10

4.Bindungstheorie

4.1.Die klassische Bindungstheorie nach John Bowlby

Die von dem englischen Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby (1907 – 1990) begründete Bindungstheorie entstand als Folge der Beobachtung, dass viele Kinder, die während des zweiten Weltkrieges von ihren Eltern getrennt und in englischen Heimen oder Pflegefamilien untergebracht wurden, erhebliche seelische Probleme zeigten.[128] In seiner 1949 begonnenen sechsmonatigen Tätigkeit für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Rah-men einer Studie über die Bedürfnisse obdachloser Kinder erforschte Bowlby die Auswirkungen mangelnder mütterlicher Zuwendung für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung sowie die Trennungsreaktionen von Kleinkindern und entwickelte Überlegungen zur Vermeidung dieser partiellen oder totalen Deprivation.[129] Seine Erkenntnisse wurden bereits 1951 als WHO-Monographie „Child Care and the Growth of Love“ (im Deutschen: „Frühe Bindung und kindliche Entwicklung“) veröffentlicht und später in verschiedene Sprachen übersetzt. Bowlby verwendete für die mangelnde und/oder unzureichende mütterliche Zuwendung den Begriff der „Mutterentbehrung“[130]. Andere Autoren, wie René Spitz, bezeichneten das Phänomen der negativen Auswirkungen einer fehlenden konstanten Bezugsperson im frühen Kindesalter als „Hospitalismus“[131]. In der Weiterentwicklung dieses ersten bindungstheoretischen Ansatzes integrierte Bowlby Erkenntnisse „der Neurochemie, der Kognitionswissenschaft, der Ethologie und der Evolutionstheorie“[132] und ließ sich von Studien über das Bindungsverhalten von Gänse- und Entenküken (Konrad Lorenz, 1935) und junger Makaken- und Menschenaffen (Harlow/ Zimmermann, 1959) inspirieren[133]. Zudem bezog er die Ergebnisse verschiedener Studien über Entwicklungsverzögerungen als Folge von Deprivationserfahrungen und die negativen Auswirkungen früher Heimaufenthalte auf die Persönlichkeitsentwicklung (Goldfab) in seine Überlegungen ein.[134] Während sich Bowlby in „Frühe Bindung und kindliche Entwicklung“ beinahe ausschließlich mit der durch Trennung oder eindeutige Ablehnung entstehenden Deprivation beschäftigte, integrierte er im weiteren Verlauf der Theorieentwicklung die komplexeren Unterschiede mütterlichen Verhaltens. Dabei bezog er sich auf die realen Nöte des Kindes, nicht auf deren Fantasiewelt, was von Vertretern der klassischen Psychoanalyse kritisiert wurde. So entstand die auf verschiedenen empirischen Studien beruhende Theorie eines eigendynamischen, aber in Wechselbeziehung zu anderen Antriebs-systemen der Psychoanalyse stehenden motivationalen Systems[135], welches auf der (Wie-der-)Herstellung einer Homöostase durch das Sicherheitserleben und die affektive Regulation in Abhängigkeit zu einer Bezugsperson insbesondere im Säuglings- und Kleinkindalter basiert. Dieses Bindungssystem ist ein biologisches, angeborenes Verhaltenssystem, welches für das Kind eine überlebenswichtige und überlebenssichernde Funktion erfüllt. Da der Mensch ein „soziales Wesen“[136] ist, streben bereits Neugeborene, aber auch Erwachsene nach engen emotionalen Beziehungen. „Im Säuglings- und Kleinkindalter sichert uns die Bindung an die Eltern (bzw. entsprechende Ersatzfiguren) neben Schutz und Zuwendung den Beistand dieser Personen“[137]. Bowlby geht davon aus, dass Säuglinge, welche durch ihr Bindungsverhalten den Schutz und die Nähe einer Bezugsperson sicherstellen konnten, eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit hatten, sodass sich dieses Verhalten phylogenetisch verankerte und so, evolutionsbiologisch, der Arterhaltung diente.[138] Aus diesem Grund entwickele im Prinzip jedes Kind eine Bindung zu einer primären, konstanten Bezugsperson. Dazu sei ein regelmäßiges und kontinuierliches Minimum an Interaktionskontakt mit dem Kind nötig.[139] Allerdings kann das Kind zu verschiedenen, mit ihm interagierenden Personen eine Bindung entwickeln, deren Qualität, das heißt, die individuelle Art und Weise der Erfüllung des Bindungs- und Interaktionsbedürfnisses, personenspezifisch variieren kann.[140] Wenn, im Sinne einer gelungenen Bindung, das elementare Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit und einer „verlässliche(n) Basis“[141] befriedigt wird, ist eine ungehinderte Exploration, das heißt, eine Entdeckung der Umwelt, und damit eine gelungene Anpassung und psychische Entwicklung möglich. Dieses Explorationssystem bildet das dichotome Gegenstück des Bindungssystems. Wird beispielsweise das Bindungssystem durch Angst oder Unbehagen aktiviert, ist das Explorationssystem inaktiv und umgekehrt. Eine verlässliche Basis zeichnet sich nach Bowlby durch die sensible und zuverlässige Beantwortung der physischen wie emotionalen Bedürfnisse des Kindes aus. Winnicott (1960) hat hierfür den Begriff „holding environment“, der haltenden Umwelt, geprägt, welcher sich auf „die umfassend verstandene sorgende Funktion der Eltern“[142] bezieht. Ziel des Bindungssystems ist es vor allem, bei unkontrollierten Erregungszuständen des Säuglings in einem dyadischen Regulationssystem zwischen der Bezugsperson und dem Kind diese zu überwinden und schrittweise eine eigenständige Regulationsfähigkeit zu entwickeln. Durch eine Bezugsperson, welche die Signale des Säuglings wahrnimmt, richtig versteht und beantwortet, lernt der Säugling, dass „Erregung in Anwesenheit der Bezugsperson nicht zu einer Desorganisation führen muß, die seine Coping-Fähigkeiten überfordert.“[143]

Dabei unterscheidet Bowlby zwischen „Bindung“ und „Bindungsverhalten“. Das Bindungsverhalten beschreibt die Suche nach oder die Bewahrung von Nähe und Beistand „vermeintlich stärkerer bzw. kompetenterer Personen“[144] und kann sich auf mehrere Personen richten sowie situationsabhängig variieren.[145] Eine Bindung hingegen entwickeln Kinder nur zu bestimmten Personen, die sich in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld befinden. Eine entwickelte Bindung ist weitgehend stabil und situationsunabhängig.[146] Die Differenz zwischen Bindungsverhalten und Bindung wird durch den progressiven Aufbau verdeutlicht. Während bereits Neugeborene ein biopsychisches Bindungsverhalten wie die ausgeprägte allgemeine soziale Ansprechbarkeit zeigen[147], entwickelt sich eine feste, personenspezifische Bindung erst zwischen dem siebten und zwölften Lebensmonat.[148] Durch das Bindungsverhalten initiiert der Säugling die Kommunikation und Interaktion mit der Mutter respektive der konstanten Bezugsperson, indem er spezifische, reaktive Verhaltensweisen bei der Bezugsperson auslöst und die Basis für gemeinsame Erfahrungen bereitet. Dabei „schwingt sich die sensible Mutter auf ihr Kind ein“[149] und lässt sich von dem Säugling leiten. Somit hat sie im Rahmen der kindlichen Kommunikationsangebote, aber auch bei der kindlichen Signalisierung von mentalen Zustandsveränderungen eine „Führungsrolle“[150] inne. Die Interventionen der Bezugsperson beeinflussen wiederum das Verhalten des Säuglings. Auf der Basis geteilter Erfahrungen und gemeinsamer Interaktionen verstärkt sich das Bindungsverhalten des Säuglings gegenüber dieser spezifischen Bezugsperson – eine Bindung beginnt zu entstehen.

Dabei bildet das Kind im Laufe des ersten Lebensjahres eine Erwartungshaltung gegenüber dieser Bezugsperson bezüglich deren Reaktionen auf sein Bindungsverhalten aus. Es erwartet Hilfe bei der Wiederherstellung der Homöostase im Falle unkontrollierter Erregungszustände[151], das heißt, Hilfe, Trost, Zuwendung und Schutz. Das Bindungsverhalten wird durch die gegenseitige Abstimmung von Mutter und Kind allmählich zu einem Regelkreis strukturiert, der die individuelle Nähe und Distanz zur jeweiligen Bezugsperson sowie die Erreich-barkeit oder Zugänglichkeit der Bezugsperson steuert.[152] Dieser Prozess setzt die kindliche, kognitive Fähigkeit zur Internalisierung eines inneren Bildes der Mutter, der „Mutterimago“[153], voraus, welche sich jedoch erst zwischen dem siebten und zwölften Lebensmonat entwickelt und das „Fremdeln“ von Kindern diesen Alters erklärt. Das innere Bild der Mutter beinhaltet deren individuelle Kommunikations- und Verhaltensweisen in Bezug auf das Kind sowie daraus resultierende Erwartungshaltungen über ihre Verlässlichkeit und Zugänglichkeit. Komplementär entwickelt das Kind ein aus den Interaktionserfahrungen abgeleitetes Selbstbild. Die in Wechselbeziehung stehenden internalisierten Mutter- und Selbstbilder formen das spezielle, personenspezifische Bindungsmuster und bilden die Grundlage für die „inneren Arbeitsmodelle“[154]. Die Entstehung der inneren Arbeitsmodelle aus den spezifischen Bindungsmustern verdeutlicht die hohe Relevanz der primären Bindung für die Anpassung der Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen an die Umwelt sowie für die psychische Gesundheit und, als Vorläufer, für die Persönlichkeitsentwicklung. Obwohl die frühkindlichen Bindungsmuster eine hohe Persistenz aufweisen, sind Modifikationen durch, im Falle einer unsicheren Bindung, kompensatorische Erfahrungen möglich. Auch werden die inneren Arbeitsmodelle, vor allem bei sicher gebundenen Kindern, in Abhängigkeit zum Entwicklungsstand des Kindes und den daraus resultierenden Veränderungen der Eltern-Kind-Interaktionen aktualisiert.[155] Außerdem ist zu beachten, dass die Ausbildung des Bindungsmusters durch die Interaktionen und Interventionen der Bezugsperson von vielfältigen Faktoren beeinflusst werden kann. Bowlby fasst diese als wirtschaftliche, soziale und medizinische Faktoren zusammen.[156] Da eine Mutter nicht als solche geboren wird, sondern eine Reifung der Frau zur Mutter stattfindet, sind sowohl das soziale (Unterstützungs-)System, indem Mutter und Kind einander begegnen können als auch der bisherige Lebenskontext und die Lebensgeschichte der Mutter von zentraler Bedeutung. So hat sich das kindliche Bindungsmuster der Mutter, gemeinsam mit den damit verbundenen Kindheitserfahrungen, als beständiger Prädiktor für die Ausbildung des Bindungsmusters ihres Kindes erwiesen.[157] Durch die Aufarbeitung und Reflexion eigener Kindheitserlebnisse kann jedoch auch eine unsicher gebundene Mutter ihrem Kind eine sichere Bindung ermöglichen.[158]

Zur Identifikation der etablierten Bindungsmuster entwickelten Bowlbys Kollegin Mary Ains-worth und deren Mitarbeiter den „Fremde Situation Test“ (FST). In den beobachteten Mutter-Kind-Interaktionen in Uganda und Baltimore wurde eine Korrelation zwischen dem mütterlichen Verhalten, der kindlichen Sicherheit in der Exploration und dem Ausdruck eines Bindungsbedürfnisses gefunden, welche die Einteilung der Kinder in drei Hauptbindungsmuster respektive –kategorien erlaubte. Der FST ist ein standardisiertes Laborverfahren von acht dreiminütigen Sequenzen zur Bestimmung der Bindungsqualität eines etwa einjährigen Kindes.[159] Um das Bindungssystem erfassen zu können, muss es aktiviert, das heißt, das Kind muss verunsichert werden. Dazu werden Mutter und Kind zunächst in einen mit Spielsachen ausgestatteten Raum geführt, um das Explorationsverhalten des Kindes zu animieren.[160] Nach einigen Minuten betritt eine freundliche Fremde den Raum, woraufhin eine mehrmalige Trennung von der Mutter und eine einmalige Trennung von beiden erwachsenen Personen inszeniert wird, indem diese den Raum verlassen[161] „Zwar wird das Bindungsverhalten des Kindes am stärksten aktiviert, wenn die Mutter abwesend ist; für die Charakterisierung der Bindungsbeziehung zur Mutter/Bezugsperson und für die Forschung zur kindlichen Persönlichkeitsentwicklung haben sich jedoch die Rückkehrszenen als besonders aussagekräftig erwiesen“[162]. Die Art und Weise wie das Kind auf die Rückkehr der Mutter reagiert, spiegelt seine bisherigen Erfahrungen mit der Mutter und somit seine dem Bindungsmuster zugrundeliegende Erwartungshaltung. „Die Qualität einer Bindung spiegelt das Vertrauen in die Zu-wendung der Bindungsperson, wenn sie zur Linderung von Leid gebraucht wird, zusammen mit dem begründeten Vertrauen des Kindes, dass die mütterliche Zuwendung wirklich Beruhigung bringt.“[163] Die verschiedenen, erstmals 1971 beschriebenen Bindungsmuster werden als sichere Bindung (Typ B), unsicher-vermeidende (Typ A) und unsicher-ambivalente (Typ C) Bindung bezeichnet.[164] Ein sicher gebundenes Kind zeigt offen den Kummer über die Trennung von der Bezugsperson. Bei deren Rückkehr sucht es den Kontakt zu ihr und lässt sich schnell beruhigen, um die unterbrochene Exploration wieder aufzunehmen.[165] Ainsworth ging davon aus, dass die Bedürfnisse eines sicher gebundenen Kindes bereits im Säuglingsalter in feinfühliger und zuverlässiger Weise beantwortet wurden, sodass es sich des Schutzes und der Geborgenheit, aber auch der Unterstützung bei der Exploration sicher sein kann. Ein unsicher-vermeidend gebundenes Kind hingegen zeigt keine oder kaum Trennungsreaktionen und meidet die zurückkehrende Bindungsperson, indem es sich den Spiel-sachen widmet. Dieser Reaktion liegt die Erfahrung zugrunde, dass seine Bindungsbedürfnisse zurückgewiesen und negative Affekte abgelehnt werden. Das Kind hat sich an diese Verhaltensbereitschaft der Bezugsperson angepasst. Bei einer extremen Aktivierung des Bindungssystems, beispielsweise einem schweren Unfall, können die Kinder jedoch ihr Bindungsbedürfnis zum Ausdruck bringen und die Mütter dieses beantworten. Daher ist davon auszugehen, dass bei diesen Mutter-Kind-Paaren „die „Schwelle“ für Bindungsverhalten (...) höher liegt als bei Mutter-Kind-Paaren, die auf einer sicheren Bindungsbasis interagieren.“[166] Obwohl in der „Fremden Situation“ keine äußeren, auf emotionale Belastung hinweisenden Verhaltensweisen beobachtbar sind, können im Speichel erhöhte Cortisolwerte, also eine erhöhte innere Stressbelastung, gemessen werden. Fälschlicherweise wurde aufgrund der nicht gezeigten Trennungsreaktion und der Gleichgültigkeit gegenüber der zurückkehrenden Mutter zunächst angenommen, diese Kinder seien sicher gebunden, weshalb sie als Typ A bezeichnet wurden. Das dritte Bindungsmuster der unsicher-ambivalenten Bindung ist durch ein widersprüchliches und übertrieben wirkendes Bindungsverhalten charakterisiert. Auf die Trennung zur Mutter in der „Fremden Situation“ reagiert das Kind mit lautem Protest und intensivem Klammern. Nach der Rückkehr der Mutter ist das Kind schwer zu beruhigen und kaum dazu in Lage, sich den Spielsachen zuzuwenden. Außerdem zeigt ein unsicher-ambivalentes Kind neben dem exzessiven Klammern auch aggressive Verhaltensweisen, was als Ausdruck der Bindungsambivalenz zu interpretieren ist. Kinder mit unsicher-ambivalenter Bindung haben keine Gewissheit, „ob und wenn ja, wann sie auf ihre Eltern zählen können, weshalb sie Trennungsängste entwickeln, „klammern“ und nur selten Explorationsdrang zeigen“[167]. Ihre Bindungsbedürfnisse wurden manchmal zuverlässig und feinfühlig, dann wiederum mit Zurückweisung und Ablehnung beantwortet. Sowohl Mütter der unsicher-vermeidend als auch der unsicher-ambivalent gebundenen Kinder zeichneten sich insgesamt durch weit weniger sensible und aufmerksame Interventionen aus, wohingegen Mütter der sicher gebundenen Kinder aufmerksam, sensibel und hilfsbereit wirkten und ihr Kind bei Misserfolgen ermutigten.[168] In Ainsworth Beobachtungsgruppen gab es jedoch auch Kinder, welche sich keinem der genannten Bindungsmuster zuordnen ließen. Ihr Bindungs-verhalten ähnelte einer unstrukturierten Variante der unsicher-ambivalenten Bindung.[169] Dieses Verhalten wurde erst später von Mary Main und Mitarbeitern (Main und Solomon, 1990) als desorganisiertes Muster beschrieben. Die desorganisiert gebundenen Kinder schienen ihre Bindungsperson als angsterregend wahrzunehmen. Ihr Verhalten ist durch stereotype, motorische Sequenzen und durch „Erstarrung“ oder „Einfrieren“ gekennzeichnet.[170] Nach Main und Hesse (1990) ist die Bindungsfigur in der desorganisierten Bindung die „Angst- und Trostquelle zugleich“[171]. Zudem wurde eine Korrelation zwischen Angst erregendem Verhal-ten der Bezugsperson und der desorganisierten Bindung des Kindes gefunden.[172] Grossmann und Grossmann (2004) weisen jedoch darauf hin, diese Desorganisation nicht als ein viertes Bindungsmuster (in diesem Fall Typ D) zu sehen. Vielmehr vermuten sie „einen Zu-sammenbruch von Aufmerksamkeits- und Verhaltensstrategien bei Belastungen, in der die Orientierung an der Bindungsperson zeitweilig verloren geht“ [173]

Der Zusammenhang zwischen dem durch die Interaktionen mit der primären Bezugsperson entstandenen Bindungsmuster und der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes sowie deren Auswirkung auf die Verhaltensweisen anderer wurde eindrücklich in einer Studie von Sroufe (1983) belegt. Darin befragte er Erzieherinnen eines Kindergartens nach ihren empfundenen Gefühlen gegenüber den Kindern. Die Bindungsmuster der Kinder waren den Erzieherinnen nicht bekannt, wurden jedoch im zwölften Lebensmonat der Kinder erfasst.[174] Die sicher gebundenen Kinder wurden als kooperativ, beliebt und anpassungsfähig beschrieben. Die Erzieherinnen konnten ihnen mit einer unkontrollierenden und positiven Haltung begegnen. Für die Kinder mit unsicher-vermeidender Bindung hingegen empfanden sie eher Verärgerung sowie kontrollierende und negative Affekte. Die Erzieherinnen beschrieben die Kinder als „emotional isoliert, feindselig, unsozial und zugleich geltungsbedürftig“[175]. Unsicher-ambivalent gebundene Kinder wurden „entweder als angespannt, impulsiv und leicht frustrierbar oder aber als passiv und hilflos“[176] beschrieben. „Darüber hinaus berichteten die Erzieherinnen, dass die unsicher/ablehnend gebundenen Kinder sie zu übertriebener Fürsorglichkeit und Toleranz provozierten, gleichzeitig aber auch ihre Erwartung zum Ausdruck brachten, von den Erwachsenen kontrolliert zu werden.“[177] Auffallend ist außerdem, dass die Erzieherinnen angaben, von den Kindern der beiden unsicheren Gruppen nicht zu erwarten, dass diese sich altersgerecht im Umgang mit Gleichaltrigen verhalten würden. So zeigt sich, dass das frühkindlich ausgebildete Bindungsmuster zunehmend internalisiert wird und teil-weise auf andere Personen übertragen werden kann. Außerdem zeigen die Kinder ein spezifisches Verhaltensmuster und -repertoire, das auf ihre gemachten Bindungserfahrungen zu-rückzuführen ist und das häufig (fälschlicherweise) als Temperament bezeichnet wird. Dieses „Temperament“ löst in anderen Personen bestimmte Verhaltensweisen und Reaktionen aus, welche, wie Sroufe betont, „eine große Ähnlichkeit mit dem Verhalten aufwiesen, das sie (die Kinder; VK) aufgrund ihrer realen Erfahrungen von ihren Bezugspersonen erwarten.“[178]

4.2.Modifizierungen der klassischen Bindungstheorie

Die Bindungstheorie von John Bowlby begründete das Feld der Bindungsforschung und wurde auf der Grundlage vieler empirischer Studien und den daraus hervorgehenden Theorien und Erkenntnissen weiterentwickelt und modifiziert. Außerdem wurden einige Aspekte der Bindungstheorie im Verlauf dieses Prozesses deutlicher hervorgehoben und ausgearbeitet. Einer dieser Aspekte ist, die Bindung des Kindes an die Mutter nicht nur als ein in der Abstimmung beider Interaktionspartner aufeinander entstehendes Muster zu betrachten, sondern als adaptive, selbstprotektive und damit für das Kind sinnvolle Strategien. Grundlage der Strategien ist die affektive und, zu einem späteren Zeitpunkt der Entwicklung, auch kognitive Verarbeitung von Informationen über Sicherheit und Gefahr.[179] Diese Informationen werden in den frühen Interaktionen mit der primären Bezugsperson gesammelt und im Gedächtnis wie in den neuronalen Netzwerken des Gehirns gespeichert. Da die menschliche psychische Entwicklung im Säuglings- und frühen Kindesalter überwiegend von affektiven Faktoren geprägt wird, steht die Affektregulation, welche neben der Befriedigung physiologischer Bedürfnisse der wesentliche Bestandteil des Bindungsbedürfnisses ist, im Mittelpunkt der Bindungsbeziehung. Der Säugling nimmt seine Affekte zunächst in undifferenzierter und desorganisierender Weise wahr. Diese affektive Überwältigung kann als Gefährdung für das kindliche Selbst verstanden werden, da das Kind noch nicht in der Lage ist, diese eigenständig zu regulieren. Um die Affekte regulieren, verarbeiten und später auf der Basis bereits gesammelter Erfahrungen einschätzen zu können, bedarf es eines Gegenübers, welcher auf die emotionalen Äußerungen des Säuglings antwortet, ihm in der Bewältigung hilft und so ein Gefühl der Sicherheit herstellt. Die Mutter respektive die primäre Bezugsperson nimmt die momentane Emotion des Kindes auf und contained diese, indem sie ihm seine Emotion in leicht variierter, das heißt, in markierter Form wiederspiegelt. Dieser Prozess hat für das Kind eine zweifache Bedeutung: Das Kind erfährt zunächst, dass sein Gegenüber nicht in der gleichen, intensiven Weise von der Emotion überwältigt wird und diese daher zu bewältigen ist. Eine Voraussetzung ist allerdings, dass die Bezugsperson ihre Affekte tatsächlich balancieren, das heißt, regulieren kann. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Emotion des Kindes verstärkt wird. Die authentische Markierung des von der Bezugsperson gespiegelten Affektes soll dieser Gefahr entgegenwirken. Der Säugling respektive das Kleinkind kann so sein eigenes Gefühl von dem des Gegenübers differenzieren. „Jene beim Erwachsenen beobachtete Variante des eigenen Gefühlszustandes wird für diesen zu einer inneren Repräsentanz, die es ihm ermöglicht, den überflutenden Affekt einzudämmen, auszubalancieren und auf diese Weise zu regulieren.“[180] Aus der Differenz zwischen gespiegeltem und selbst empfundenem Affekt ergibt sich die weitere Bedeutung der dyadischen und dialektischen Affektregulation. Das Kind hat darin die Möglichkeit, sich selbst und sein Gegenüber als getrennte Personen mit jeweils eigenen Emotionen, Intentionen und Wünschen wahrzunehmen. Indem der Erwachsene dem Kind einen mentalen Zustand, in diesem Fall ein Gefühl, zuschreibt, entwickelt das Kind eine Vorstellung von seinen eigenen psychischen Zuständen sowie, in Abhängigkeit zu den entsprechenden Reaktionen des Erwachsenen, vom rationalen Handeln seiner Bezugsperson. Nach Winnicott taucht das psychische Selbst des Kindes erst auf, „wenn sich das Kind als denkendes und fühlendes Wesen in der Psyche einer anderen Person wahrnehmen kann.“[181] Die Wahrnehmung des Kindes als mentales Wesen, als eigene Persönlichkeit, spiegelt sich in den Verhaltensweisen der Bezugsperson im Umgang mit dem Kind. So kann das Kind in den Interaktionen mit einer hinreichend feinfühligen Inter-aktionsperson Kontingenzen zwischen seinen intrapsychischen Erlebenszuständen und der äußeren Welt, den Reaktionen des Erwachsenen, feststellen. Bestehen diese Kontingenzen, ist das Verhalten der Bezugsperson für das Kind rational. Dies stellt die Quelle der Mentalisierungsfähigkeit und des Gefühls der Urheberschaft dar. In wiederholten, kontingenten Erfahrungen mit der Bezugsperson werden die Repräsentationen des Selbsterlebens und des Anderen zu Systemen zusammengefasst, die das Verhalten der Bezugsperson weitgehend vorhersehbar werden lassen und das Kind gegen Ende des ersten Lebensjahres zu einer entsprechenden Anpassungsleistung, welche erst eine aktive, endoktrine Selbstregulierung der Affekte ermöglicht[182], befähigen.[183] Auch den Interaktionen in dieser Lebensphase des Kindes ist die gegenseitige Abstimmung immanent, jedoch haben sich bereits bestimmte Muster erfahrungsabhängig etabliert und manifestiert. Diese Manifestationen in der Bindungsbeziehung entsprechen Bowlbys inneren Arbeitsmodellen. Die daraus resultierenden, sinnvollen und selbstprotektiven Strategien der Bindung bestehen nun darin, ein größtmögliches Maß an Sicherheitserleben herzustellen. Zu diesem Sicherheitserleben gehört auch die Erfahrung, erlebte Gefahren bewältigen und daran wachsen zu können. Ein in starrer Sicherheit lebendes Kind ist nur dem Anschein nach und in Anwesenheit seiner stützenden Bezugsperson sicher, da es keine Möglichkeit hat, Bewältigungsstrategien zu entwickeln, zu erproben und gegebenenfalls zu modifizieren, um sich auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten und sich zu einer den Umweltgegebenheiten anpassungsfähigen und psychisch starken Persönlichkeit zu entwickeln. Dies wird durch neuere Befunde der Bindungsforschung gestützt, die belegen, dass ein gewisses Maß an Fehlabstimmungen in der Mutter-Kind-Interaktion entwicklungsfördernd ist und für eine sichere Bindung spricht. Ähnlich wie die Differenz in der Affektregulierung zur allmählichen Entwicklung der Selbstregulationsfähigkeiten des Kindes beiträgt, fördern „Fehler“ in der interaktiven Abstimmung das Streben beider Kommunikationspartner nach einer erneuten Herstellung der Synchronizität und die kindliche Suche nach Strategien, die zunächst außerhalb seines bisherigen Spektrums liegen. Zielführende Strategien werden dann in das Verhaltensrepertoire übernommen. Die Tatsache der Fehlabstimmungen, die sich bei einem sicheren Mutter-Kind-Paar auf über 50 Prozent der Interaktionszeit erstrecken[184], ist dabei weniger entscheidend für die Bindungsqualität, als die gelungene Wiederaufnahme der Verbindung. Die Störungen in der Kommunikation und Interaktion enthalten, wenn die erneute Kontaktaufnahme gelingt, ein kreatives wie auch konstruktives Potential, in welchem sich das Kind als handlungsfähigen und kompetenten Kommunikationspartner erleben kann und ihm ein „Gefühl der inneren Zuversicht, der Kohäsion und der Bindungssicherheit“[185] vermitteln kann. Außerdem trägt der Wechsel zwischen fehlerhafter und gelungener Abstimmung, zwischen „disruption and repair“, zu der wichtigen, kindlichen Erfahrung bei, dass Negativität und Frustration kurzzeitig ertragbar und zu bewältigen sind.[186] Im Rahmen einer Studie über die Koordination des vorsprachlichen Kommunikationsrhythmus fanden Jaffe et al. (2001) einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Koordination (niedrig, mittel, hoch) in der Mutter-Kind-Dyade zu einem Zeitpunkt, zu dem das Kind vier Monate alt war und dem im Alter von zwölf Monaten nach dem FST klassifiziertem Bindungsmuster.[187] Dabei sprach das höchste Ausmaß an Koordination für ein unsicher-ambivalentes und desorganisiertes Bindungsmuster, während der niedrigste Koordinationsrhythmus bei unsicher-vermeidend gebundenen Dyaden auftrat. Demnach entsprach das mittlere Ausmaß an Koordination einer sicheren Bindung. Die Ergebnisse können dahingehend interpretiert werde, dass das offene System der sicheren Bindung eine optimale Ausprägung an Flexibilität und Variabilität bietet, die ausreichend Raum für spontane und eigene Initiativen lässt. Die unsicher-vermeidende Bindung mit der niedrigen Koordinations-rate hingegen lässt auf eine „relative Hemmung der Beziehungsaufnahme“[188] schließen. Die mangelnde Vorhersagbarkeit der Kommunikation lässt auf eine mangelnde Kohärenz schließen, die keine respektive kaum Ko-Regulation zwischen Mutter und Kind zulässt, was auf spätere Interaktionen übertragen wird. Infolge der Notwendigkeit, Erregungszustände selbst regulieren zu müssen, zieht sich das Kind zurück[189] und „überreguliert“[190] seine Affekte. Die unsicher-ambivalente und desorganisierte Bindung mit dem hohen Ausmaß an Koordination kann als übersteigertes Kontrollverhalten verstanden werden. Dies wird besonders bei desorganisiert gebundenen Kindern deutlich, deren Kommunikationsrhythmus mit ihrer Bezugsperson durch ein übermäßig hohes Koordinationsausmaß charakterisiert ist, während unsicher-ambivalent gebundene Kinder „lediglich“ ein erhöhtes Ausmaß vorweisen. Desorganisiert gebundene Kinder kompromittieren ihren eigenen Zugang zur affektiven Kontrolle, um das für sie erwartbare Verhalten ihrer Bezugsperson zu gewährleisten. Abweichungen von dem Koordinationsrhythmus könnten „gefährlich“ werden, sodass sie mit erhöhter Wachsamkeit reagieren. Zudem kann das Verhalten des Kindes als Versuch verstanden werden, einer bereits vorhandenen Störung innerhalb der Interaktion entgegenzuwirken, was ebenfalls auf die Pathologie der in diesem Bindungsmuster enthaltenen Rigidität hinweist. Insgesamt wird hier noch einmal die Funktionalität der in frühen Bindungen erworbenen Verhaltensweisen deutlich. Das Kind passt sich an das erlebte und damit erwartbare Verhalten seiner primären Bezugsperson an, um sich selbst zu schützen und um die Bindung aufrechtzuerhalten, da das vertraute als sicher empfunden wird.[191] Ein weiterer modifizierender Aspekt der Bindungsforschung ist, die sichere Bindung als potentiellen Risikofaktor zu sehen. Eine sichere Bindung ist sicher und stellt damit einen Resilienzfaktor dar, wenn die Bezugsperson „sicher“ ist. Marian Radke-Yarrow (1998) fand heraus, dass Kinder, die sicher an ihre psychiatrisch kranke Mutter gebunden waren häufiger Probleme entwickelten als Kinder, die unsicher an ihre symptomatische Mutter gebunden waren.[192] Dies ist so erklärbar, dass die Kinder psychiatrisch kranker Mütter dieser durch die sichere Bindung, welche durch abgestimmte Interaktionen und Reflexion über die innere Welt des Anderen entsteht, „allzu nahe“[193] waren. Dadurch kann es zu einer Transmission der Psychopathologie kommen. Im Gegensatz dazu hat ein unsicher gebundenes Kind die Möglichkeit, sich, je nach Lebenskontext, psychisch und auch physisch von seiner Bezugsperson zu distanzieren, um in anderen Beziehungen kompensatorische Erfahrungen zu sammeln, die zu einer besseren Entwicklung beitragen.[194]

Mit dem Verständnis sinnhafter, adaptiver Strategien ändert sich auch die Definition pathologischer Bindungsmuster. Das von Patricia McKinsey Crittenden entwickelte „Dynamische Reifungsmodell der Bindung und Anpassung“ („Dynamic-Maturational Model of Attachment and Adaption“, DMM)[195] differenziert die Grundbindungsmuster Mary Ainsworths in verschiedene Substrategien. Diese sieht sie zunächst nicht als pathologisch, sondern als frühe Adaption an die vorherrschenden Entwicklungsbedingungen. Die „reine“ desorganisierte Bindung, deren Beschreibung als Bindungsmuster, wie bereits erwähnt, auch bei anderen Autoren umstritten ist, ist in Crittendens Fächermodell der selbstprotektiven Strategien im Kindesalter nicht enthalten. Sehr komplexe, meist hoch-unsichere Subformen der Hauptmuster können jedoch desorganisierte Komponenten enthalten, die sich aus den Basisstrategien entwickeln.[196] Sie sind hochgradig risikobehaftet, werden nach dem DMM jedoch erst ab dem dritten Lebensjahrzehnt, das heißt, mit der Vollendung reifungsbedingter neuronaler Entwicklung als pathologisch betrachtet.[197] Crittenden sieht Bindung als wichtiges Fundament für die Persönlichkeitsentwicklung, in dessen Zentrum das Erleben und Bewältigen von Gefahr stehen. Das Kind entwickelt, wie bereits erläutert, auf der Grundlage von Bindungsbeziehungen selbstprotektive Strategien, die vor gefährlichen Auswirkungen schützen oder mithilfe reiferer Personen zur Bewältigung der Gefahr führen sollen. Diese Strategien unterscheiden sich in der Art der Informationsverarbeitung über Umweltgegebenheiten und bewegen sich zwischen den Polen der kognitiven und der affektiv-emotionalen Aspekte.[198] Erfahren Kinder ausreichend Sicherheit und Schutz, so integrieren sie im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung sowohl kognitive und als auch affektiv-emotionale Regulationsaspekte, was ihnen eine flexible Verhaltensanpassung ermöglicht.[199] Ist die selbstprotektive Strategie hingegen eher in die Richtung der Kognition verlagert, wird das Kind seine Aufmerksamkeit überwiegend auf „die Abfolge des Geschehens richten, um diese vorausahnen oder gar beeinflussen zu können.“[200] Es überreguliert seinen Affekt, um innere Sicherheit herstellen zu können und handlungsfähig zu bleiben. Im Gegensatz dazu wird ein Kind mit affektiv-emotionaler Strategie seinen Affekt unterregulieren, das heißt, sich „vor allem von der Intensität seiner momentanen Gefühle leiten“[201] lassen, um sofort die notwendige Hilfe und Zuwendung zu erfahren. In den Strategien der Informationsverarbeitung deuten sich ebenfalls Grundmuster der Stressbewältigung an[202] und können somit als adaptive Vorbereitung auf eine stressarme oder stressreiche Umgebung verstanden werden. Die Bedingungen, unter denen sich die Basisstrategien (A, B, C) entwickeln, sind dem Konzept von Mary Ainsworth identisch. Allerdings ist das Spektrum der Verhaltensweisen, welche das Kind in der Bindungsbeziehung als adaptive Strategie und durch die erlernte/bevorzugte Art der Informationsverarbeitung ausbildet, durch die Subkategorien der einzelnen Bindungsmuster breiter und differenzierter. Dadurch wird das Modell der Vielfalt menschlichen Verhaltens und der Entwicklung individueller Persönlichkeiten eher gerecht als die Einordnung kindlichen Verhaltens in drei invariante Kategorien mit jeweils spezifischen Verhaltensweisen.[203] So differenziert Crittenden bereits die „sichere“ oder „balancierte“ Bindung in insgesamt fünf beobachtbare Muster (B 1–5). Die komfortable sichere Bindung (B 3) stellt die balancierteste Strategie zwischen Kognition und Affekt dar. Beide Zugänge der Informationsverarbeitung werden gleichermaßen, ergänzend genutzt und in die Handlungsplanung integriert. Sicher gebundene Kinder der Kategorien 1 und 2, die auch als reserviert beschrieben werden, tendieren zu einer kognitiven Informationsverarbeitung, wohingegen reaktive Kinder mit sicherer Bindung (B 4-5) den affektiven Zugang bevorzugen. Die Kinder der sicheren B-Strategien können ihre Emotionen und Intentionen unverzerrt wahrnehmen, offen kommunizieren und gemeinsam mit ihrer Bezugs-person regulieren. In den frühen Interaktionserfahrungen konnten sie ein stabiles Vertrauen in die Erreichbarkeit und Zuwendungsbereitschaft der Bezugsperson aufbauen. Doch auch die als unsicher geltenden Typ A- und Typ C-Strategien entwickeln sich in relativ sicheren und beschützten Kontexten. Wichtig ist die Möglichkeit des Kindes, Informationen unverzerrt und unverfälscht wahrzunehmen, sodass das wahre Selbst und die wahre Wahrnehmung des Kindes nicht gefährdet werden. Die Entwicklung der eher kognitiven (A 1-2) oder eher affektiv-emotionalen (C 1-2) Informationsverarbeitung ist zwar von Interaktionserfahrungen mit der Bezugsperson sowie deren Reaktionen auf kindliche Bedürfnisäußerungen abhängig, doch stellen die Differenzen der Interaktionen/Reaktionen im Vergleich zu sicheren Strategien nur geringfügige Probleme dar. „So mögen Eltern von A-Kindern kein „unnötiges“ Weinen, während Eltern von C-Kindern manchmal etwas überprotektiv und manchmal etwas unvorhersehbar sind.“[204] Die unsicher-vermeidend gebundenen Kinder der A 1- und A 2-Strategien überregulieren ihren Affekt daher, um sich an die Verhaltensweisen ihrer Bezugs-person anzupassen. Die Strategien ermöglichen es ihnen, Situationen zu erkennen, in denen es sinnvoll ist, negative Affekte zu inhibieren und sich so vor einer Zurückweisung zu schützen.[205] Dieses Verhalten kann auch als Sensibilität gegenüber den Bedürfnissen der Bezugsperson verstanden werden. Kinder der A 1-Strategie sind in den Interaktionen eher gehemmt und zurückhaltend.[206] Außerdem tendieren sie im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung dazu, ihre Bezugsperson zu idealisieren.[207] Kinder mit einer unsicher-vermeidenden A 2-Strategie hingegen wirken vor allem in späteren Interaktionen im Vorschulalter sozial kompetent. Während A 1-Kinder durch ihr zurückhaltendes Verhalten eher die tatsächliche Vermeidung potentiell abgewehrter oder abgelehnter Bedürfnisartikulationen bevorzugen, gehen Kinder der A 2-Strategien intensiv auf die Bedürfnisse der Bezugsperson ein. Zudem neigen sie dazu, sich selbst für etwaige Fehler oder Probleme verantwortlich zu machen.[208] Die unsicher-ambivalente Bindung stellt das Gegenteil der unsicher-vermeidenden Bindung dar. Kinder mit diesem Bindungsmuster bevorzugen affektiv-emotionale Strategien der Informationsverarbeitung und unterregulieren ihren Affekt, um die für sie notwendige Zuwendung und Aufmerksamkeit der Bezugsperson zu bekommen. Das gezeigte Bindungsverhalten mit intensiven Affektäußerungen kann als emotionales Notverhalten des Kindes verstanden wer-den. Die unsicher-ambivalente Bindungsstrategie kann durch zwei Verhaltensweisen der Bezugsperson etabliert werden. Die Unvorhersehbarkeit der Reaktionen, die zwischen herzlicher emotionaler Zuwendung und Nicht-Beachtung schwanken, wurde bereits erläutert. In diesem Fall soll die fehlende, unvorhersagbare Zuwendung der Bezugsperson durch das Bindungsverhalten maximiert und erzwungen[209] werden. Dieses „Erzwingen“ stellt jedoch kein bewusst gewähltes Handlungsschemata dar, sondern ein internalisiertes, un- oder vor-bewusstes Aktions-Reaktionsmuster. Ein unsicher-ambivalentes Bindungsverhalten kann zudem in Gefahr- oder Angstsituationen gezeigt werden, wenn das Kind zuvor sehr überprotektiv behandelt wurde. So wurde dieses Muster im FST häufig bei japanischen Kindern beobachtet, die sehr behütet aufwuchsen.[210] Ein Kind kann seine Bezugsperson nur dann als verlässlich schützend wahrnehmen und eine sichere Bindungsstrategie entwickeln, wenn es neben der Erfahrung der fürsorglichen Zuwendung die Möglichkeit hat, Gefahren oder Herausforderungen zu bewältigen und sich in diesen Situationen durch sein Bindungsverhalten Hilfe zu sichern. Andernfalls wird das Kind von dem Gefühl der Bedrohung überwältigt und kann den daraus resultierenden Affekt nicht angemessen regulieren. Da das Kind diese Situationen nicht kennt und sich der Erreichbarkeit der Bezugsperson nicht sicher sein kann, muss es den Affekt unterregulieren, um so durch den intensiven Ausdruck von Angst, Ärger oder Zuwendungsbedürfnis die Aufmerksamkeit der Bindungsperson zu gewährleisten. Das ambivalente Verhalten bei der Rückkehr der Bezugsperson während des FSTs kann so er-klärt werden, dass das Kind aufgrund der mangelnden Erfahrung nicht versteht, warum seine Bezugsperson ihm so etwas „antut“. Außerdem könnte es sein, dass die überprotektive Nähe der Bezugsperson, die dem Kind nicht genug Raum für seine eigene Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterprobung lässt, das ambivalente Verhalten zwischen starker Zuneigung und Schutzbedürfnis einerseits und dem partiellen Ablehnen der Bezugsperson sowie dem Verlangen nach Distanz und Autonomie anderseits hervorruft. Dies verdeutlicht den Stellenwert des Erlebens und Bewältigens von Gefahren im DMM. Das Bindungsverhalten der unsicher-ambivalent gebundenen Kinder wird durch zwei Verhaltensweisen charakterisiert. Die Kinder verhalten sich entweder primär ärgerlich und widerständig (C 1) oder primär passiv (C 2), das heißt, sie „betonen“ ihre Hilflosigkeit.[211] Allerdings ist davon auszugehen, dass das kontrollierende Verhalten der unsicher-ambivalenten Bindung im zweiten und dritten Lebensjahr des Kindes entwicklungstypisch sein kann. Wenn dieses Verhalten jedoch über die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe hinaus bestehen bleibt, kann sich die „rigide Selbstzentrierung (...) in der Individualentwicklung verfestigen“ [212]

Während die bisher beschriebenen Bindungsmuster als ungefährdet und normativ bezeichnet werden können, da sie in relativ sicheren Lebenskontexten entstehen, erfordern „Gefährdungen im Kontext von Abhängigkeitsbeziehungen (...) hingegen komplexere Beziehungsregulationen, in denen ein optimaler Schutz oft nur durch Verzerrung und Verfälschung von Informationen möglich ist.“[213] Diese Muster stellen die im weiteren Entwicklungsverlauf potentiell pathologischen Strategien dar. Dabei wird entweder die kindliche kognitive Wahrnehmung (präzwanghaft, A+) oder die Wahrnehmung des negativen Affektes (präzwingend, C+) verzerrt. Die präzwanghafte Strategie resultiert aus der Notwendigkeit, eigene Bedürfnisse zu hemmen, um die Bindungsbeziehung aufrechtzuerhalten und gleichzeitig den Selbstschutz zu gewährleisten. Im Gegensatz zu unsicher-vermeidend gebundenen Kindern, wird zudem ein falscher positiver Affekt dargestellt und so, aus Sicht des Erwachsenen, erwünschtes Verhalten gezeigt.[214] Die zugrundeliegende Erwartungshaltung kann nicht als „unsicher“ bezeichnet werden, da die kognitive Kontrolle negativer Affekte auf dem „sicheren“ Erkennen von Kontingenzen beruht. Das Kind „weiß“, in welchen Situationen es sinnvoll ist, negative Affekte zu verbergen und positive Affekte vorzutäuschen, da es den Zusammenhang zwischen der eigenen Affektäußerung und den Reaktionen seiner Bezugsperson erkannt hat. Die in dieser Bindungsbeziehung enthaltenen Gefährdungen, die zu einer Verzerrung der Kognition und so zu einer Verfälschung der Affekte führt, können aus der Angst vor oder der Angst um die Bezugsperson hervorgehen. Angst um eine Bindungsperson entsteht durch ein inkompetentes Fürsorgeverhalten (beispielsweise bei Depression), welches in der Beziehung zu einer Rollenumkehr führt. Durch die Präsentation eines falsch positiven Affekts kann eine solche Bindungsperson beruhigt und die Bedeutung des Kindes für die Bezugsperson aufrechterhalten werden. Im Vorschulalter kann diese Bindungsstrategie zu einem zwanghaft fürsorglichen Muster (A 3) werden. Wird die Bindungsperson hingegen selbst als gefährdend angesehen, das heißt, das Kind hat Angst vor der sehr fordernden oder feindseligen Bindungsperson, muss das eigene Schutzbedürfnis durch die Ignorierung negativer Affekte minimiert werden. Die Wahrnehmung der eigenen Verletzlichkeit würde das Bindungssystem und so die Annäherung an die Bezugsperson aktivieren, was eine weitere Gefährdung bedeuten könnte.[215] Im Vorschulalter zeigen sich diese Kinder zwanghaft gefügig (A 4). Die präzwanghaften Bindungsstrategien erfordern ein erhöhtes physiologisches und psychisches Erregungsniveau, welches die Kinder jedoch zu inhibieren versuchen.[216] Außerdem können psychosomatische Störungen und internalisierende Entwicklungsstörun-gen sowie eine „Überschätzung von Vorhersagen aufgrund zeitlicher Wenn-Dann-Abfolgen“[217] die Folge sein. Während Kinder mit präzwanghafter Bindungsstrategie so versuchen, ihr eigenes Verhalten zu kontrollieren, liegt der Fokus bei präzwingend gebundenen Kindern auf der Kontrolle des Verhaltens anderer. In den Interaktionen präzwingend gebundener Mutter-Kind-, respektive Bezugsperson-Kind-Dyaden sind für das Kind keine kontingenten Zusammenhänge zwischen seinen Äußerungen des Bindungsbedürfnisses und den Reaktionen der Bezugsperson erkennbar. Die Erfahrung von Schutz und Sicherheit wird als zufallsabhängig erlebt, was keine kognitive Verwertung der Informationen erlaubt und zu einer Unsicherheit über die Verfügbarkeit anderer und über die Effektivität der eigenen Verhaltensregulation führt.[218] Durch die intensive Darstellung unterregulierter Affekte soll eine Reaktion bei der Bindungsperson hervorgerufen und so die Situation kontrolliert werden. Dabei ist ein Wechsel zwischen den Gefühlen der Schwäche, wie Angst und Schutzbedürfnis, und der Stärke, zum Beispiel Ärger, beobachtbar. Dieser Wechsel entspricht unbewusst, aber kontingent dem Verhalten der Bezugsperson. Das Kind versucht Verhaltenskontingenzen zu schaffen, das heißt, Reaktionen zu kontrollieren. Dadurch soll die eigene Wirksamkeit affektiv hergestellt werden.[219] Auffällig ist jedoch, dass die Verantwortung für das eigene Handeln im Erleben der Kinder mit dieser Bindungsstrategie bei anderen Menschen liegt, was die Realitätsverzerrung verdeutlicht.[220] Diese Strategie beinhaltet sowohl eine Täuschung über den Inhalt des tatsächlichen Problems, was als Symptomverschiebung verstanden werden kann, als auch über die abgespaltene Gegenseite des gezeigten Affektes. „Ein sichtbar aggressives Kind ist insgeheim trostbedürftig und ängstlich, ein sichtlich hilfloses Kind ist insgeheim wütend.“[221] Die Symptomverschiebung äußert sich darin, dass das Kind in einer vordergründig problemlosen Situation so handelt, als hätte es ein Problem. „Hinweise auf ein Problem werden übertrieben, während nicht ersichtlich wird (Täuschung), was genau das Problem ist.“[222] Beispielsweise ist das teils aggressive Verhalten des Kindes gegenüber der während der Durchführung des FST zurückkehrenden Mutter, deren Weggang zuvor durch lautstarken Protest verhindert werden sollte, als Symptomverschiebung zu verstehen. Das Problem des Kindes (Weggang der Mutter) scheint, für Außenstehende, mit ihrer Rückkehr behoben. Dennoch zeigt das Kind weiterhin intensives affektbasiertes Kontrollverhalten, indem es sich durch die Aggression die Zuwendung der Mutter sichert und über sein Trost-bedürfnis sowie über das Problem der unverlässlichen Mutterrepräsentation hinwegtäuscht. Hier ist noch einmal zu betonen, dass die manifesten C+-Strategien erst nach dem dritten Lebensjahr identifizierbar sind und es sich im Säuglings- und Kleinkindalter um Vorläufer (präzwingende Strategien) handelt. Daher soll das Beispiel nur der Verdeutlichung der möglicherweise zugrundeliegenden kindlichen Verhaltensfunktionen und der Symptomverschiebung dienen, da das Verhalten ebenso bei unsicher-ambivalenten, das heißt, im Falle von im weiteren Entwicklungsverlauf relativ stabil bleibenden sicheren Lebenskontexten, ungefährdet gebundenen Kindern beobachtbar ist. Ist die Unvorhersagbarkeit oder die Intrusion (als Steigerung der Überprotektion) der mütterlichen Reaktionen jedoch zu stark und bleibt im Entwicklungsverlauf bestehen, entwickeln sich zunächst präzwingende und im Vorschulalter obsessive Bindungsstrategien. Diese sind im Vorschulalter entweder durch aggressives (C 3) oder durch vorgeblich hilfloses (C 4) Verhalten charakterisiert. Bei der aggressiven C 3-Strategie versuchen die Kinder die Situation unbewusst durch gezielte Zurückweisung, Aggression oder auf charmante Art und Weise zu kontrollieren. Erleben sie Frustration, reagieren sie mit Wutausbrüchen und/oder ignoranter Zurückweisung.[223] Im Falle der vorgeblich hilflosen C 4-Strategie hingegen signalisiert das Kind ein Ausmaß an Hilflosigkeit, welches „weder altersangemessen noch realitätsbezogen notwendig erscheint.“[224] Ziel dieser Bindungsstrategie ist es ebenfalls, die Aufmerksamkeit der Bezugsperson zu maximieren und so deren Verhalten zu kontrollieren. Beiden Strategien sind das übersteigerte, affektbasierte Kontrollverhalten und die damit verbundene Realitätsverzerrung gemein. Eine Folge der präzwingenden respektive obsessiven Bindungsstrategien können externalisierende Verhaltensstörungen, wie die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, sein.[225]



[128] Rauh 2012, S. 35

[129] Bowlby 2008, S. 17

[130] Bowlby 2005, S. 11

[131] Rauh 2012, S. 35

[132] Steele 2005, S. 116

[133] Bowlby 2008, S. 20 f

[134] Da Bowlby in seinem Buch „Frühe Bindung und kindliche Entwicklung“ keine Erscheinungsdaten der Studien nennt, ist eine zeitliche Einordnung an dieser Stelle nicht möglich.

[135] Bowlby 2005, S. 7

[136] Bowlby 2008, S. 111

[137] Ebd., S. 98

[138] Brisch 2008, S. 136; vgl. Zach 2012, S. 58

[139] Rauh 2012, S. 38

[140] Bowlby 2008, S. 9

[141] Ebd., S. 99

[142] Sandler 2008, S. 53

[143] Fonagy; Gergely; Jurist; Target 2004, S. 45

[144] Bowlby 2008, S. 99

[145] Ebd., S. 22

[146] Ebd., S. 22

[147] Rauh 2012, S. 36

[148] Bowlby 2008, S. 99

[149] Ebd., S. 7

[150] Ebd., S. 38

[151] Fonagy; Gergely; Jurist; Target 2004, S. 45

[152] Bowlby 2008, S. 100

[153] Ebd., S. 100

[154] Bowlby 2008, S. 106

[155] Ebd., S. 106

[156] Bowlby 2005, S. 75

[157] Bowlby 2008, S. 12 ff.

[158] Ebd., S. 109

[159] Rauh 2012, S. 47

[160] Steele 2005, S. 118

[161] Rauh 2012, S. 47

[162] Rauh 2012, S. 48

[163] Grossmann; Grossmann 2008, S. 281

[164] Bowlby 2008, S. 101

[165] Grossmann; Grossmann 2008, S. 282

[166] Brisch 2008, S. 139

[167] Bowlby 2008, S. 101

[168] Bowlby 2008, S. 102

[169] Ebd., S. 102

[170] Brisch 2008, S. 139

[171] Steele 2005, S. 121

[172] Ebd., S. 121 f.

[173] Grossmann; Grossmann 2008, S. 284

[174] Steele 2005, S. 126

[175] Bowlby 2008, S. 104

[176] Ebd., S. 104

[177] Steele 2005, S. 126

[178] Steele 2005, S. 126

[179] Letourneau; Tryphonopoulos 2012, S. 20

[180] Von Lüpke 2006, S. 168

[181] Fonagy; Gergely; Jurist; Target 2004, S. 36

[182] Schore 2005, S. 38

[183] Fonagy; Gergely; Jurist; Target 2004, S. 41 f. und S. 45 f.

[184] Steele 2005, S. 119

[185] Steele 2005, S. 120

[186] Schore 2005, S. 48

[187] Beebe; Jaffe et al. 2002, S. 60

[188] Ebd., S. 64

[189] Ebd., S. 68

[190] Fonagy; Gergely; Jurist; Target 2004, S. 47

[191] Green 2005, S. 27

[192] Steele 2005, S. 137

[193] Ebd., S. 138

[194] Ebd., S. 138

[195] Sahhar; Milch; Stokowy 2012, S. 15

[196] Rauh 2012, S. 53

[197] Zach 2012, S. 66

[198] Rauh 2012, S. 45

[199] Zach 2012, S. 60

[200] Rauh 2012, S. 46

[201] Ebd., 2012, S. 46

[202] Ebd., S. 46

[203] Allerdings ist zu betonen, dass Mary Ainsworth wie auch John Bowlby als „Kinder ihrer Zeit“ nicht die gleichen Ressourcen der Bindungs- und Säuglingsforschung hatten wie Patricia Crittenden. Außerdem hat Ainsworth als „Lehrerin“ Crittendens sicherlich den Grundstein für deren Hypo-thesen- und Theoriebildung gelegt.

[204] Zach 2012, S. 65

[205] Ebd., S. 65

[206] Ebd., S. 65

[207] Farnfield et al. 2010, S. 316

[208] Farnfield et al. 2010, S. 316

[209] Rauh 2012, S. 50

[210] Ebd., S. 50

[211] Zach 2012, S. 65

[212] Ebd., S. 65

[213] Zach 2012, S. 64

[214] Ebd., S. 66

[215] Ebd., S. 71

[216] Ebd., S. 69

[217] Ebd., S. 71

[218] Ebd., S. 72

[219] Zach 2012, S. 66

[220] Ebd., S. 66

[221] Ebd., S. 72

[222] Ebd., S. 73

[223] Ebd., S. 72 f.

[224] Ebd., S. 73

[225] Zach 2012, S. 74

5.Zusammenführung: Risikofaktoren für die Entwicklung einer ADHS-Problematik aus epigenetischer und bindungstheoretischer Sicht

5.1.Prä- und perinatale Entwicklungseinflüsse

Bereits pränatal beeinflusst der mütterliche Lebenskontext, ihre innere und äußere Welt, die physische und psychische Entwicklung des ungeborenen Kindes. Das ungeborene Kind passt sich, in Anhängigkeit zur Mutter, welche als Vermittlerin zwischen extrauteriner und intrauteriner Welt verstanden werden kann, an die es zukünftig erwartende Lebenswelt an. Diese Lebenswelt besteht nicht nur aus biologischen Reaktionen auf äußere Stimuli, sondern in den frühen Lebensjahren insbesondere aus den Beziehungen und den darin stattfindenden Interaktionen zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen. Diese Beziehungen können aus Perspektive der Bindungstheorie als Hauptentwicklungsfeld des Menschen gesehen werden, aus denen das „Ich“ respektive das „Selbst“ mit seinen internalisierten Handlungs- und Denkmustern beziehungsweise –strategien hervorgeht. Auch pränatal entwickelt sich die psychische Struktur des Kindes aus der gemeinsamen, intrauterinen Erfahrungswelt mit seiner Mutter. Das Selbst des Kindes konstituiert sich aus dem Selbst der Mutter.[226] Die Empfindung des Fötus durch die Mutter (beispielsweise aufgrund der Kindsbewegungen) und die sich daraus entwickelnde unbewusste Repräsentation des Fötus sind für die Entfaltung der fötalen Körper- und Ich-Grenzen von zentraler Bedeutung.[227] Die mütterlichen Vor-stellungen über ihr ungeborenes Kind veranlassen sie dazu, eine Beziehung zum Kind auf-zubauen und mit ihm in Interaktion zu treten. Darin repräsentiert die Mutter ihr Kind als eigene Persönlichkeit, sodass sich das Ungeborene im Spiegel der Mutter zunehmend ebenfalls als „Selbst“ wahrnehmen kann, welches ebenso Interaktionen zu seiner Mutter herstellen kann. In diesem wechselseitigen Prozess der gegenseitigen Wahrnehmung und Interaktionen entwickelt sich nicht nur das Kind zu einem Individuum, sondern reift auch die Frau sowohl physisch als auch psychisch zur Mutter. Diese Veränderungen im Selbst der Mutter und die Strukturierung des intrauterinen Selbst des Kindes schaffen zusammen „das Muster der sich allmählich entwickelnden und formulierenden Bindung im psychischen Raum von Mutter und Kind.“[228] Dieser psychodynamische Prozess ist sehr störanfällig[229] und kann sowohl positiv als auch negativ durch vielfältige Faktoren der mütterlichen Lebenswelt, durch ihre Gefühle, Gedanken, Sorgen und Freuden, beeinflusst werden. Die Genese der pränatalen Beziehungen und Interaktionen setzt sich aus der Erwartungshaltung und der Vorstellungswelt der Eltern gegenüber ihrem ungeborenen Kind respektive zukünftigen Kind, den partnerschaftlichen und familiären Vorstellungen, den pränatalen Erfahrungen zwischen Eltern und Kind und insbesondere aus den frühen und aktuellen Eltern-Kind-Beziehungen und den partnerschaftlichen Beziehungserfahrungen der werdenden Eltern selbst zusammen. All diese Faktoren sind der Lebens- und Gefühlswelt der schwangeren Frau immanent und wirken sich so ebenfalls indirekt auf das ungeborene Kind aus. Durch psychische Belastung und mangelnde Unterstützung während der Schwangerschaft kann der Beziehungsaufbau zu dem sich entwickelnden Fötus beeinflusst werden. So ist eine gute soziale Unterstützung ein Prädiktor für eine bessere mentale und physische Gesundheit der Mutter. Diese Ressource wirkt bis in die postnatale Zeit hinein und ist mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer postpartalen Depression und Ängsten assoziiert.[230] Im Gegensatz dazu, wird psychische Belastung der werdenden sowie der jungen Mutter nicht nur mit kindlichen Schwierigkeiten in den Bereichen der Emotion, Kognition und des Verhaltens, wie die Sensibilität des Neugeborenen auf Stresssituationen, assoziiert, sondern auch mit einer Reduktion der mütterlichen Feinfühligkeit, der vermehrten Intrusion, aber auch des vermehrten Rückzugs.[231] Diese Reaktionen der Mutter können die weitere Beziehungsgestaltung zwischen ihr und dem Säugling beeinflussen. Dabei ist auffällig, dass die mütterlichen Verhaltensweisen des wechselnden Rückzugs und intrusiven Verhaltens, das heißt, die Unvorhersagbarkeit ihrer Reaktionen, Ähnlichkeiten mit dem unsicher-ambivalenten Bindungsmuster nach Bowlby respektive der präzwingenden Bindungsstrategie nach Crittenden aufweisen. Ebenso ist die Angst um das Kind, beispielsweise im Falle einer Risikoschwangerschaft oder einer Frühgeburt, eine psychische Belastungssituation für die Mutter, welche Auswirkungen auf die prä- wie auch postnatale Bindungsentwicklung haben kann.

Die psychische Welt der Mutter ist nicht trennbar von physiologischen Reaktionen ihres Organismus, welche in die intrauterine Welt des Fötus vordringen. Sowohl die Hirnstrukturen als auch die Psyche des pränatalen Kindes, das heißt, vor allem seine emotionalen und sozialen Eigenschaften, die auch als Temperament bezeichnet werden können, entwickeln sich in den Interaktionen mit überwiegend von außen an den Fötus herangetragenen Reizen. Folglich entwickelt sich der Fötus nicht in einem separaten, abgeschotteten Raum, sondern nimmt insbesondere über den mütterlichen Organismus und über die direkte Lebensumgebung der Mutter Reize der extrauterinen Welt wahr. Die Mutter stellt hierbei für das ungeborene Kind das „Tor zur Welt“ dar. Über sie werden, in dem weitestgehend geschützten Bereich des Mutterleibes, erste Eindrücke und Erfahrungen gesammelt. Bereits pränatal entsteht so ein erstes Bild respektive Konzept von der Welt und von sich selbst. Durch die Nabelschnur steht der Blutkreislauf der Mutter mit dem des ungeborenen Kindes in einem Austausch, sodass durch Hormone und andere Botenstoffe Informationen über die biologische und emotionale Befindlichkeit der Mutter wie auch über ihre Lebenswelt in den Fötus gelangen. Gleichzeitig kommuniziert das Kind insbesondere in der frühen Schwangerschaft über die Hormonproduktion des kindlichen Anteils der Plazenta mit dem mütterlichen Organismus und teilt diesem die Existenz und die Bedürfnisse des Kindes mit.[232] Somit entsteht ein komplexes System der Wechselseitigkeit, indem die Mutter neben den Reaktionen auf ihren Lebenskontext auch emotional und physiologisch auf die Schwangerschaft reagiert, ebenso wie das pränatale Kind seinerseits auf den Organismus der Mutter einwirkt, sich sein „erstes Zuhause“[233] erschließt und auf Wahrnehmungen und Reize reagiert. Das emotionale Erleben der Mutter zeigt sich auf physiologischer Ebene beispielsweise „in der hormonellen Veränderung im Blut, in der Qualität der Sauerstoffzufuhr und in den Veränderungen der Herzfrequenz.“[234] Dies stimuliert auch im Fötus eine physiologische Reaktion auf das Gefühl der Mutter. Empfindet die Mutter zum Beispiel Angst, werden vermehrt Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet, die über die Plazenta in den fötalen Organismus gelangen und eine Reaktion auf diesen „Angstreiz“[235] auslösen. Bei vermehrtem Stress und psychischer Belastung wird durch die gesteigerte Ausschüttung von Dopamin und Noradrenalin so auch das dopaminerge und noradrenalinerge System des ungeborenen Kindes stimuliert. Das fötale Gehirn „speichert“ diese Erfahrung und integriert sie in die weitere Ausbildung der neuronalen Netzwerke. Über die nutzungsabhängige Plastizität des menschlichen Gehirns können Botenstoffe des mütterlichen Organismus somit einen direkten Einfluss auf die vom Fötus vermehrt genutzten Hirnstrukturen und deren Ausreifung haben. Da die Anregung bestimmter neuronaler Netzwerke eine genetische Grundlage hat, indem spezielle Gene für die spezifische Aktivierung einzelner Botenstoffe zuständig sind, und dieser Prozess wiederum Rückwirkungen auf die genetische Ebene hat, sind auch epigenetische Mechanismen in der pränatalen Phase der Entwicklung wirksam. Die Wechselwirkung zwischen äußeren, über die Mutter vermittelten Reizen und der intrauterinen Entwicklung des Kindes ermöglicht es diesem, sich möglichst gut an seine zukünftige Umgebung anzupassen. Über die zusammenhängende Aktivierung von Stresshormonen im mütterlichen und fötalen Organismus wird das Ungeborene durch eine entsprechende Gen-Code-Transkription auf eine eher stressreiche und gefahrvolle oder eine eher stressarme Umgebung eingestellt. Dieser Mechanismus wurde vor allem an Ratten untersucht, eine Übertragung auf die menschliche Entwicklung ist jedoch denkbar.[236]

Des Weiteren gelten die Sinnesorgane des Kindes und die mütterliche Stimme als Mittler. Über verschiedene Sinnesmodalitäten nimmt das Kind Tätigkeiten und Gefühlszustände der Mutter wahr. Dadurch, dass das Kind ein Teil der mütterlichen Lebenswelt ist, wird es in ihren Bewegungstätigkeiten mitbewegt und lernt verschiedene Gefühlszustände kennen und, in Abhängigkeit zur Mutter, damit umzugehen. Außerdem wird dem Fötus über die emotionale Färbung der mütterlichen Stimme, die in den Uterus vordringt, ein Bild von der emotionalen Befindlichkeit der Mutter, aber auch über ihre Beziehung zu ihm selbst, dem ungeborenen Kind, vermittelt.[237] All diese intrauterinen Wahrnehmungen und Erfahrungen werden im Gehirn des Kindes in Form bestimmter Verschaltungsmuster der sich entwickelnden Nerven-zellen und synaptischen Verbindungen verankert.[238] Kommt etwas Neues hinzu, versucht das Kind dieses in sein bereits vorhandenes Wissen und seine bereits entwickelnden Fähigkeiten zu integrieren. Dabei kann es passieren, dass die durch Erfahrungen erzeugten Erregungsmuster nicht mit bereits angelegten Mustern verknüpfbar sind. Vor allem heftige oder anhaltende Angst- und Stressreaktionen der Mutter wie auch Mangelernährung, der Konsum von Substanzen wie Alkohol, Nikotin und Koffein, aber auch von Medikamenten werden vom kindlichen Organismus als „Störung“ empfunden, da sie zu einer veränderten Bereitstellung und Ausschüttung bestimmter Boten- und Signalstoffe im Gehirn des Kindes führt. Hält eine derartige Störung an oder tritt wiederholt auf, passen sich die weiteren Ausreifungen und Strukturierungen des Gehirns an das veränderte Erregungsniveau an. Je besser sich das Kind jedoch an die betreffende Störung anpasst, desto abhängiger wird es von dem dadurch ausgelösten Erregungszustand.[239] Die auf diese Weise entstandenen physiologischen Muster im Organismus des Fötus stellen, trotz der Veränderbarkeit durch heilsame Erfahrungen im späteren Leben, einen Risikofaktor dar. So kann auch die spätere Stressempfindlichkeit und Belastungsfähigkeit durch vorgeburtliche Einflüsse erhöht oder vermindert werden. Ebenso kann durch bestimmte, nicht linear-kausal identifizierbare intrauterine Vorbelastungen die Wahrscheinlichkeit für unkontrollierte, impulsive Verhaltensweisen sowie eine geringere Frustrationstoleranz erhöht werden.[240] Eine psychische oder physische Belastung der Mutter in der Schwangerschaft, abhängig davon, wann, wie oft und wie intensiv diese auftritt, hat somit direkte Auswirkungen auf den Fötus.[241]

Darüber hinaus können auch perinatale Erfahrungen den Beziehungsaufbau zwischen Mutter und Kind beeinflussen und so auf die weitere, frühe Entwicklung des Neugeborenen ein-wirken. Während einer normal verlaufenden Geburt werden im Gehirn der Mutter verschiedene Hormone und Signalstoffe ausgeschüttet, um bestimmte Nervenzellverbände, welche den Aufbau der frühen Bindung unterstützen und festigen sollen, zu aktiveren. In Tierversuchen wurde jedoch herausgefunden, dass eine Unterdrückung der Hormone und Transmitter, beispielsweise durch Stress oder Narkose während der Geburt, die Entwicklung eines normalen Bindungsverhaltens erschweren kann.[242] Seitens des Kindes bedeutet die Geburt eine enorme Umstellung auf die extrauterine Welt, welche mit Angst und Desorientierung verbunden ist. Das Neugeborene verliert seine bisherige, gewohnte und mit relativem Schutz und Geborgenheit verbundene Welt. Diese Erfahrung beeinträchtigt sein inneres Gleichgewicht, welches es durch die Bewältigung der Angst wiederherzustellen versucht. Dazu bedarf der Säugling einer feinfühligen Bezugsperson, die ihm ein Stück der intrauterin erfahrenen Sicherheit in der neuen Umgebung ermöglicht, um so, gemeinsam, die Angst zu regulieren und zu bewältigen. Diese Erfahrung erleichtert es dem neugeborenen Kind, sich in die extra-uterine Welt einzufinden und wird, je häufiger das Neugeborene diese Erfahrung in den ersten Tagen und Wochen erleben kann, ebenfalls als Gefühl der Sicherheit im frühkindlichen Gehirn verankert.[243] Die Auswirkungen prä- und früher postnataler Erfahrungen werden in so genannten Cross-Fostering-Experimenten bei Tieren verdeutlicht. Dazu wurden beispiels-weise Mäusemütter aus unterschiedlichen Stämmen mit spezifischen Verhaltensmerkmalen ausgewählt. Für die Tiere des einen Stammes waren ein vorsichtiges Verhalten in einer neuen Umgebung sowie ein geringer Orientierungssinn charakteristisch, während sich die Tiere des anderen Stammes durch eine gute räumliche Orientierung und eine ausgeprägte Impulskontrolle auszeichneten. Die Embryonen der jeweiligen Mäusemütter wurden nun unmittelbar nach der Befruchtung vertauscht und der Mutter des anderen Stammes eingepflanzt. Die ausgewachsenen Nachkommen zeigten dann das jeweils charakteristische Verhalten ihrer Leihmutter, also derjenigen, welche sie ausgetragen und aufgezogen hatte. Allerdings gab es Differenzen bei Nachkommen, die nur prä- nicht aber postnatale Erfahrungen mit der Mutter des anderen Stammes teilten. Diese Forschung zeigt, dass Angeborenes nicht automatisch genetisch determiniert ist, aber auch, dass scheinbar die Kombination aus pränatalen Erfahrungen und frühen extrauterinen Entwicklungsbedingungen notwendig ist, um das intrauterin erworbene Potenzial entfalten zu können.[244]

Demnach entwickelt das ungeborene Junge respektive das Kind intrauterin über Erfahrungen und spezifische Erregungsmuster sein genetisches und neurobiologisches Potenzial, welches postnatal in Abhängigkeit zu den tatsächlich vorgefundenen Umweltgegebenheiten modifiziert und manifestiert wird. Die pränatal herausgeformte Physiologie und Psyche stellt ein anfängliches Grundmuster dar. Als Folge psychischer Belastung, Unsicherheit oder Angst in der Schwangerschaft kann das Kind so genannte Regulationsstörungen entwickeln, welche als anfänglich missglückte Anpassungsleistung verstanden werden können. Diese Kinder sind unruhig, weinen viel und lassen sich nur schwer beruhigen. Außerdem sind häufig auch Schlaf- und Essstörungen zu beobachten. Aus verschiedenen Fallbeispielen der klinischen Praxis ist bekannt, dass Kinder, die später eine ADHS-Symptomatik ausbilden, als Säuglinge die Merkmale einer Regulationsstörung aufwiesen. Allerdings führt eine Regulationsstörung im Säuglingsalter nicht zwingend linear zu einer ADHS-Symptomatik. Vielmehr ist auch hierbei wieder der dynamische, wechselseitige Prozess zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen von Bedeutung, welcher mit den frühen Beziehungen und Interaktionen verbunden ist.

5.2.Die Bedeutung früher Beziehungen und Interaktionen

Ein Kind wird, wie erläutert, je nach vorgeburtlichen Erfahrungen mit eher schwächeren oder stärkeren biologischen Voraussetzungen ausgestattet geboren. Durch suboptimale intrauterine Erfahrungen kann das Kind mit Schwierigkeiten zur Welt kommen, seine Gefühlszustände und seine biologische Verfassung zu seiner Zufriedenheit selbst zu regulieren.[245] Diese Regulationsfähigkeit ist zum Zeitpunkt der Geburt bei keinem Kind vollständig entwickelt, unterscheidet sich jedoch in der Art und Weise, wie das Kind die externen Regulationshilfen seiner primären Bezugspersonen aufnehmen kann. Das Neugeborene ist auf die Co-Regulation seiner primären Bezugsperson angewiesen, in welcher die kindlichen Bedürfnis-äußerungen in feinfühliger und responsiver Weise beantwortet und so dessen affektive Zustände bewältigt werden können. Diese notwendige Feinfühligkeit kann jedoch durch verschiedene Faktoren, die dem Lebenskontext von Kind und Bezugsperson immanent sind und sich auf den Gefühlszustand der primären Bezugsperson auswirken, beeinträchtigt werden. So sind auch die Regulationsschwierigkeiten des neugeborenen Kindes selbst als belastender Faktor zu sehen, welcher die jungen Eltern respektive die primären Bezugspersonen vor eine große Herausforderung stellt. Das neugeborene Kind stellt für die jungen Eltern zunächst eine beinahe „fremde“ Person dar, die sie in der gemeinsamen Interaktion und Kommunikation erst kennenlernen müssen. Die während der Schwangerschaft herausgebildeten Vorstellungen über das Kind treffen postnatal auf ein reales Individuum mit seinen bisher entwickelten Eigenschaften und Verhaltensweisen. Insbesondere bei Kindern mit Regulationsstörungen kollidiert daher das vorherige Bild des Kindes mit der Realität. Eine Regulationsstörung beeinträchtigt somit die für ein gegenseitiges Kennenlernen so wichtige Fähigkeit, sich aufeinander ein- und abzustimmen. Daraus kann ein Kreislauf „negativer Gegenseitigkeit“[246] entstehen, in dem beide Seiten, Eltern und Kind, vergeblich versuchen aufeinander einzuwirken und sich zu verständigen. Das neugeborene Kind sucht durch die vermehrte Aktivierung seines Bindungsverhaltens nach Nähe, Geborgenheit und Regulationshilfe. Die Eltern hingegen bemühen sich nach Kräften, ihr Kind zu beruhigen und wenden sich diesem intensiv, aber erfolglos zu. Stattdessen erreichen sie eine zunehmende Irritation des Kindes, welche sich in der Zunahme von Schreien und Übererregung äußert.[247] Hierbei sind die intrapsychischen Prozesse der jungen Eltern und die wechselseitige Dynamik zwischen Eltern und Kind zu beachten. Analog zu der Formulierung Sigfried Bernfelds, der Erzieher habe es immer mit zwei Kindern, dem Kind vor ihm und dem Kind in ihm zu tun[248], bewirkt auch der Schrei des eigenen, real existierenden Kindes eine Reaktivierung der eigenen, kindlichen Selbst- und Beziehungsrepräsentationen. Neben belastenden inneren und äußeren Zuständen der jungen Eltern, können auch diese eine Quelle der Unsicherheit und verminderten Feinfühligkeit darstellen. Zudem bewirken die vergeblichen Versuche, den Säugling zu beruhigen, eine zunehmende Erschöpfung und Frustration der Eltern. Ebenso kann sich ein Gefühl der Ablehnung durch das Kind und ein Gefühl der eigenen Unwirksamkeit entwickeln, welche die Sensibilität einengen und zu elterlichen Schuldgefühlen führen kann.[249] In dem Prozess der, versuchten, gemeinsamen Affektregulation wird die dynamische Wechselseitigkeit zwischen den Individuen wirksam. Sowohl das Kind als auch die primäre Bezugsperson bedürfen des gegenseitigen sozialen, positiven Feedbacks, durch den sich beide als handlungsfähig empfinden können und in Folge dessen die Beziehung wachsen kann. Sind jedoch der Säugling wie auch der respektive die Erwachsene in ihren affektiven Zuständen „gefangen“, ist eine sensible Wahrnehmung und Beantwortung der kindlichen Bedürfnisäußerung und ein Containment der Affekte kaum noch möglich. Zudem transmittiert sich die elterliche Emotion auf den Säugling und steigert somit seine Irritation. Die intensiven, aus kindlicher Sicht potentiell als invasiv wahrgenommenen Beruhigungsversuche der primären Bezugspersonen haben außerdem Auswirkungen auf die Entwicklung der Nervenzellverbände im Gehirn des Säuglings. Die übermäßige Stimulation wie auch die mangelnde Möglichkeit einer Affektregulation bewirkt einen erhöhten Erregungszustand des Kindes, welcher als Stresssituation verstanden werden kann und Auswirkungen auf das dopminerge System hat[250]. Da früh entwickelte Hirnstrukturen und -verbindungen der weiteren Ausformung des kindlichen Gehirns eine bestimmte Tendenz geben und diese leiten, können die früh integrierten sozio-emotionalen Erfahrungen die Genese eines „ADHS-spezifischen“ Gehirns begünstigen. Aus epigenetischer Perspektive sind die sozio-emotionalen Erfahrungen des ersten Lebensjahres besonders wichtig, da eine erhöhte DNS-Produktion im Cortex stattfindet, welche die individuellen epigenetischen Mechanismen besonders anfällig für Interaktionserfahrungen machen.[251]

Die mangelnde Erfahrung einer erfolgreichen Affektregulation in der frühen Kindheit verhindert somit die Ausreifung eines angemessenen Regulationssystems. Stattdessen wird die Erfahrung der überschwemmenden Hilflosigkeit und der Desorientierung integriert. Infolge-dessen wird die Frustrationstoleranz des Kindes vermindert. Es hat nicht gelernt, dass negative Affekte, sowie die damit verbundene Unbefriedigung von Bedürfnissen, kurzzeitig aus-haltbar und, zunächst mit Hilfe der primären Bezugsperson, später zunehmend selbstständig, zu regulieren und zu bewältigen sind.[252] In der gescheiterten frühkindlichen Affektabstimmung ist daher möglicherweise eine Ursache für die Impulsivität der Kinder mit einer ADHS-Symptomatik zu sehen. Auch sie können ihre Impulse nicht ausreichend hemmen und ihre Affekte nicht regulieren. Da die mangelhafte Affektregulation die kindliche Wahrnehmung von Sicherheit und Verlässlichkeit in der Bindungsbeziehung beeinträchtigt, muss das Kind eine Strategie entwickeln, um möglichst rasch und möglichst zuverlässig eine subjektive Sicherheit herzustellen. Bedürfnisaufschub und Impulshemmung sind hierbei innerhalb der kindlichen Erfahrungswelt mit Ohnmacht, Hilflosigkeit und einem Gefühl des Ausgeliefertseins verbunden. Diese in den frühen Interaktionen und Beziehungen erworbene Erfahrung und Erwartung stellt eine Gefahr für die sich entwickelnde Ich-Struktur dar, die auf Sicherheit, Kontingenzerfahrungen zwischen „Innen“ und „Außen“ sowie auf das Gefühl der Selbstwirksamkeit angewiesen ist. Demnach kann die Impulsivität als Versuch verstanden werden, die unmittelbare Aufmerksamkeit der primären Bezugsperson zu erreichen, in der Hoffnung so ein Sicherheitserleben herzustellen und die als gefahrvoll empfundene Situation durch eigene Verhaltensregulation zu kontrollieren. Die frühe Affektregulationsstörung und Impulsivität wird dann als Risikofaktor für die Entwicklung einer ADHS-Problematik wirksam, wenn die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen der primären Bezugsperson und dem Kind im weiteren Verlauf der Entwicklung und trotz der fortschreitenden, kindlichen Genese sozial-kommunikativer Fähigkeiten bestehen bleiben. In dieser kritischen Entwicklung können keine kompensatorischen Erfahrungen gemacht werden, sodass die frühen Erfahrungen tiefgreifender in das kindliche Gehirn integriert werden und so die Entwicklung der Bindungs-beziehung und die damit verbundenen inneren Arbeitsmodelle, das Selbst- und Weltkonzept des Kindes, nachhaltig prägen. Als besondere Prädiktoren haben sich dabei ein überstimulierendes und intrusives Verhalten der primären Bezugsperson sowie eine mangelnde soziale und emotionale Unterstützung und Beziehungsprobleme der Eltern, das heißt, psychische Belastungen der primären Bezugsperson, erwiesen.[253] Während intrusive Verhaltensweisen als Folge des Versuchs, ein regulationsgestörtes Kind zu beruhigen oder als Folge vermeintlicher Protektion offenkundig die Entwicklung und Entdeckung des kindlichen Selbst behindern, indem sie keinen Spielraum für Selbstinitiative sowie zum Erleben und Bewältigen von Gefahr lassen, ist die Wirkung elterlicher Belastung auf die Strukturierung des frühkindlichen Selbst subtiler. Durch eine aufgrund psychischer Belastung eingeschränkte Sensibilität und Feinfühligkeit kann sich eine wechselhafte, für das Kind nicht vorhersehbare Reaktionsweise der primären Bezugsperson auf die kindlichen Bedürfnisäußerungen entwickeln, wie sie für die unsicher-ambivalente respektive präzwingende Bindung beschrieben wurde. Hierbei hat es den Anschein, als traue sich das Kind nicht, alternative Strategien und Verhaltensweisen zu erproben, da andernfalls der Selbstschutz in der Bindungsbeziehung gefährdet werden könnte. Das Kind muss seine Bezugsperson kontrollieren, indem es seine Affekte unterreguliert und darf nicht von bisher bewährten Interaktionsmustern abweichen. Die von Jaffe et al. in unsicher-ambivalent und desorganisiert gebundenen Mutter-Kind-Dyaden gefundene übermäßig ausgeprägte Synchronizität in der Koordination des Kommunikationsrhythmus verdeutlicht diese als notwendig und selbstprotektiv wahrgenommene Starrheit. Diese „künstlich“ hergestellte, in Gefahr- respektive Stresssituationen wirksame Nähe und Abhängigkeit von der primären Bezugsperson behindert jedoch das sich natürlich entwickelnde intraindividuelle Autonomie- und Explorationsbedürfnis des Kindes. Das ohnehin spannungsgeladene Verhältnis von Abhängigkeit und Autonomie in der kindlichen Entwicklung ist in einer Beziehung, die von Unvorhersehbarkeit, Unsicherheit und kindlicher Kontrolle geprägt ist, kaum zu ertragen. Dieses Hin- und Hergerissen-Sein enthält ebenfalls die ambivalenten Verhaltensweisen des Kindes zwischen Regression und Progression, zwischen unmittelbarer Nähe und Distanz wie auch Aggression und Hilflosigkeit. Die Strukturierung eines authentischen, kohärenten kindlichen Selbst wird hierbei insofern erschwert, als dass seine Affekte zugunsten der Strategie, welche die größtmögliche Aufmerksamkeit und damit verbundene Sicherheit gewährleistet, verzerrt werden. Das Aufmerksamkeitsdefizit einer ADHS-Problematik kann daher in zweierlei Sinne verstanden werden. Erstens besteht das Aufmerksamkeitsdefizit seitens der primären Bezugsperson, welche, aus kindlicher Perspektive, nicht hinreichend aufmerksam und kontingent auf seine Bedürfnisäußerungen reagiert und daher zur Aufmerksamkeit „gezwungen“ werden muss. Zweitens ist das Aufmerksamkeitsdefizit seitens des Kindes, das heißt, seine sprunghaft wechselnde, schwer fokussierbare Aufmerksamkeit, als Ausdruck übermäßiger Wachsamkeit zu verstehen. Das Kind wurde in den frühen Interaktionen und Beziehungen auf die Wahrnehmung potentiell gefährlicher Situationen sensibilisiert, um möglichst rasch und effizient dieser Gefahr entgegenwirken zu können. Da die Lebenswelt des Säuglings überwiegend aus der Kommunikation und Interaktion mit seiner primären Bezugsperson besteht, war die kindliche Wachsamkeit in dieser Lebensphase vorwiegend darauf bezogen. Mit zunehmendem Alter wird die kindliche Lebenswelt jedoch komplexer. Nun müssen auch außerhalb der dyadischen Beziehungswelt liegende Aspekte der Umgebung beachtet und auf der Basis bereits gemachter Erfahrungen als gefährlich respektive ungefährlich eingestuft werden. Da diese Kinder in den frühen Interaktionen jedoch nur eingeschränkte Möglichkeiten zu kohärenten Erfahrungen hatten, auf deren Grundlage sie neue Erfahrungen interpretieren könnten, versuchen sie nun ihre Umgebung ebenso wachsam wahrzunehmen und ein kohärentes Bild des Selbst und der Umwelt zu gestalten. So kollidiert die Komplexität der Umgebung mit dem kindlichen Bedürfnis, alles um es herum möglichst wachsam wahrzunehmen. Demnach sind Kinder mit einer ADHS-Problematik besonders sensibel gegenüber äußeren Informationen. Bei Kindern, die ein eher intrusives elterliches Verhalten erlebt haben, kann das Aufmerksamkeitsdefizit hingegen als Schutzmechanismus gegenüber äußeren Reizen verstanden werden, welcher sie vor der desorientierenden Wirkung einer Überstimulation bewahren soll. Der Zusammenhang zwischen überstimulierendem Verhalten der Eltern in den Interaktionen mit ihrem sechs Monate altem Säugling und der Entwicklung von Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen im Kindergarten- und Schulalter konnte in einer prospektiven Studie von Sroufe et al. (1997) nachgewiesen werden.[254] Außerdem fand Vanessa Kummetat (2007) einen Zusammenhang zwischen den kindlichen Bindungsmustern und einer ADHS-Problematik. Kinder der ersten und zweiten Grundschulklassen wurden dabei in Abhängigkeit von der Einschätzung der Eltern und Lehrer in eine Untersuchungsgruppe, welche auffälliges, ADHS-typisches Verhalten zeigte, und eine als unauffällig eingestufte Kontrollgruppe eingeteilt. In der Untersuchungsgruppe war, im Vergleich zu der Kontrollgruppe, ein deutlich geringerer Anteil sicherer Bindungsmuster und ein deutlich höherer Anteil desorganisierter und unsicher-ambivalent gebundener Bindungsmuster vorhanden.[255] Die Differenz des Anteils desorganisierter Kinder zwischen der Kontroll- und der Untersuchungsgruppe war zudem auf dem .05-Niveau signifikant.[256]

In diesem Sinne können die symptomatischen Elemente der ADHS als Ausdruck einer früh-kindlichen Beziehungsproblematik verstanden werden, die sich als selbstprotektive Bewältigungsstrategien im Entwicklungsverlauf manifestieren. Bedeutsam ist die mangelnde Kontingenz- und Kohärenzerfahrung des Kindes in den frühen Beziehungen und Interaktionen. Ziel der frühen Beziehungen ist es, das kindliche Selbst in Abhängigkeit zu seiner Umwelt zu strukturieren und so angemessene, adaptive Strategien zu entwickeln. Durch Äquilibrations-prozesse soll ein Gleichgewicht zwischen der wahrgenommenen Struktur der Umwelt und den inneren Repräsentationsstrukturen hergestellt werden. Dazu muss sich das Kind als kohärentes, das heißt, zusammenhängendes Individuum wahrnehmen und Kontingenzen, Übereinstimmungen, zwischen seiner inneren und der es umgebenden äußeren Welt entdecken können. Ist dem Kind diese Möglichkeit durch die genannten Faktoren nicht gegeben, muss es alternative Strategien entwickeln, um ein zusammenhängendes Selbst- und Welt-konzept zu gestalten. Durch die frühen Affektregulationsstörungen wird der Fokus des Säuglings auf affektiv-emotionale Strategien der Informationsverarbeitung gelenkt. Die extreme Darstellung des eigenen Affektes und die daraus resultierende Impulsivität können, wie beschrieben, als Störung des emotionalen Regulationssystems gesehen werden. Außerdem ist es möglich, dass das Kind dies als Strategie nutzt, um die notwendige Kontingenz in den Interaktionen herzustellen und sich selbst als emotional kohärent zu erleben, auch wenn dies eine Verzerrung des eigenen Affektes bedeutet. Das darin enthaltene Spannungsverhältnis kann sich in der Hyperaktivität kanalisieren. Das Kind hat keine andere Strategie entwickeln können, um seine es überschwemmenden affektiven Zustände zu regulieren. Der übermäßige Bewegungsdrang wird so zu einem „Regulationsersatz“, sowohl bei positiven als auch bei negativen Affekten. Zudem ist in der Hyperaktivität ein Gefühl der eigenen Handlungsfähigkeit enthalten. Durch mangelnde kontingente Erfahrungen, welche durch die Möglichkeit der Selbstwirksamkeit ein wichtiges, progressives Element der Ich-Entwicklung darstellen, wurde das Kind primär in eine reaktive Rolle gedrängt. Die Hyperaktivität kann daher auch als Versuch verstanden werden, eine aktive Rolle einzunehmen und sich selbst als handlungsfähig zu erleben. Das konstitutionelle Moment der kindlichen Urheberschaft, das heißt, der Handlungsfähigkeit und Aktivität, für die Selbstentwicklung und –strukturierung wird im folgenden Kapitel näher erläutert. Zusammen mit dem Aufmerksamkeitsdefizit als protektive Strategie, welche entweder eine Informationen ausblendende oder aber hypersensible informations-wahrnehmende Funktion innehat, fügt sich das Bild der ADHS-Symptomatik auf der Basis früher Interaktionen und Beziehungsgestaltungen zusammen. Daraus kann sich ein neues Verständnis des Symptomkomplexes entwickeln, welches das Kind als Individuum in einem komplexen, dynamischen Entwicklungssystem aus familiären Bedingungen und äußeren Lebenskontexten sieht.

5.3.Die kindliche Urheberschaft als Quelle des Selbst und der Selbstkontrolle

Das Gefühl der eignen Handlungsfähigkeit ist eines der menschlichen Grundbedürfnisse.[257] Es geht darum, selbst Handlungen zu initiieren und so Veränderungen, Konsequenzen, in der materiellen wie personellen Umwelt, aber auch im eigenen Erleben bewirken zu können. Bereits der Säugling zeigt Freude, wenn er durch eigene Aktionen ebenfalls ein Mobile in Bewegung versetzen kann.[258] Er erlebt sich selbst als physischen Akteur. Das Gefühl der Handlungsfähigkeit ist mit der Erkenntnis kausaler Zusammenhänge und Kontingenzen verbunden. Die Strukturierung und Ordnung der inneren wie äußeren Welt stellt eine zentrale Aufgabe der frühen Lebensphase dar und bildet die Basis für ein Gefühl der relativen Sicherheit, welche die Entwicklung adaptiver, strukturierter (Ich-) Strategien in Abhängigkeit zu der Struktur, den Gesetzmäßigkeiten, der Umwelt ermöglicht. Diese relative Sicherheit bein-haltet die Möglichkeit, Ereignisse auf der Grundlage bereits gemachter Erfahrungen miteinander zu verknüpfen und so Kontingenzen und Kausalitäten feststellen zu können. Das Kind sucht nach Gemeinsamkeiten und Differenzen der einzelnen Ereignisse und Erfahrungen. Da die Entwicklung des kindlichen Selbst- und Weltbildes eng miteinander verbunden ist, hat die Suche nach Ordnungen der äußeren Welt Einfluss auf die entstehende Ich-Struktur. Das Kind erlebt sich selbst als in sich kohärenten, aber abgegrenzten Teil der es umgebenden Ordnung. Es lernt aus seinen Erfahrungen, welche sein Ich strukturieren. Das psychische Selbst des Kindes, welches über das Empfinden des Körperselbst hinausgeht, entwickelt sich dabei primär in der Interaktion und Kommunikation mit seinen primären Bezugspersonen. Auch hier kann der Säugling Kontingenzen zwischen seinem Selbst und dem Anderen feststellen. Das Kind erlebt sich so beispielsweise bereits im Mutterleib als Urheber, wenn seine spürbaren Bewegungen eine Reaktion der Mutter, wie ein Streicheln der Bauchdecke, hervorrufen. Ähnlich verhält es sich in den frühen Affektabstimmungen, in denen der Säugling sich als „sozialen Akteur“[259] erleben kann. Die kindliche Bedürfnisäußerung bewirkt ein bestimmtes Verhalten der Bezugsperson, idealtypisch die Bedürfnisbefriedigung oder auch Beruhigung des Kindes. In der markierten Spiegelung seiner Affektzustände durch die Bezugsperson kann das Kind hierbei Kontingenzen zwischen der inneren und äußeren Welt feststellen und die Kausalität von Aktion und Reaktion erfahren. Insbesondere die frühe Präferenz perfekter Kontingenzerfahrungen unterstützt die Entwicklung des Selbst-Gefühls, da sie der Selbstexploration dient. Im Alter zwischen drei und fünf Monaten[260] jedoch beginnen Säuglinge, hohe, aber unvollkommene, „relative“[261], Kontingenzen zu präferieren. Dies sind Kontingenzen, welche „für die Reaktionen gut abgestimmter sozialer Objekte auf den Säugling charakteristisch sind“[262] und die Hinwendung des Kindes zur Entdeckung und Repräsentation der sozialen Umwelt lenken. Die Kontingenzerfahrungen des Kindes ermöglichen mit der Entdeckung der eigenen Urheberschaft Erfahrungen über Identität und Differenz sowie über Nähe und Distanz. Eine hohe Kontingenz geht mit einem „hohen Grad an Kontrolle über den Stimulusvorgang“[263] einher, deren Verlust zu Distressbekundungen und Frustration führt.[264] Damit sich das Kind jedoch tatsächlich als Urheber empfinden kann, ist es ebenso notwendig, dass die selbst initiierte Handlung die gewünschte Konsequenz hat. Andernfalls kann sich eine Erwartungshaltung der eigenen Wirkungslosigkeit und ein Gefühl des passiven Ausgeliefert-Seins entwickeln. Dies bedeutet allerdings nicht, dass kleinere Fehlabstimmungen zwischen der primären Bezugsperson und dem Kind die Entwicklung der Urheberschaft behindern. Vielmehr geht es um die gegenseitige Abstimmung und die eigene Regulation des Verhaltens in Bezug auf das Verhalten des Gegenübers, sodass das Resultat der Interaktion, respektive der gemeinsamen Affektregulation, ein für beide Partner befriedigen-des, selbstwirksames Ergebnis darstellt. Das Kind kann darin sein Selbst entdecken und erproben, es kann Strategien entwickeln, verwerfen und modifizieren, je nachdem, welche mit größerer Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führt. „Ich handle, ich bewirke – also bin ich!“ könnte in Bezug auf Descartes „Ich denke, also bin ich.“ formuliert werden. Die vielfältigen Erfahrungen des Kindes mit seinem Selbst, vor allem in der Differenz zu dem Anderen, und die darauf beruhenden Erwartungen beeinflussen seine Ich-Entwicklung. Daher stellt die Erfahrung der eigenen Urheberschaft einen motivierenden, progressiven Faktor für die weitere Entwicklung dar. Fähigkeiten und Kompetenzen weiterzuentwickeln ergibt vor allem dann Sinn, wenn das Individuum einen Nutzen darin sehen beziehungsweise mit einer erfahrungsabhängigen Wahrscheinlichkeit eine Wirkung erzielen kann. Gleichzeitig muss das Individuum die Sicherheit haben, Misserfolge, Frustration und Angst bewältigen zu können, ohne der Willkür der Umgebung machtlos ausgeliefert zu sein, was wiederum eine Bedrohung des psychischen oder physischen Selbst darstellen würde. Die Erfahrung der Kontrolle in der Urheberschaft beeinflusst zudem die Entwicklung der Selbstkontrollfähigkeiten. Durch die kontingente Reaktion der primären Bezugsperson auf die Bedürfnisäußerungen kann der Säugling diese mit der positiven Veränderung seines Affektzustandes, welcher an die gelungene Co-Regulation anschließt, assoziieren. Der Säugling erlebt sich selbst als „selbst-regulierenden Akteur“[265] und kann seine Fähigkeiten auf dieser Basis weiterentwickeln. So ist der „Raum“ im Selbst für desorganisiertes, unkontrolliertes Erleben geringer, wenn das Individuum sich prinzipiell als Urheber zielgerichteter, wirkungsvoller Handlungen erleben kann. Im weiteren Entwicklungsverlauf wird dies zunehmend bedeutend. Das als handlungs-fähig repräsentierte Ich kann darauf vertrauen, dass es in einer Situation oder einem Zustand, welche/r für das Selbst gefährlich werden könnte, eingreifen und wirksam werden kann. Das Individuum muss nicht jedem aufkeimendem Impuls nachgehen, sondern kann diesen kontrollieren, um die angemessenste und, im Hinblick auf die Konsequenzen unkontrollierten Handelns, zielführenste Strategie auszuwählen.

In der präzwingenden Bindungsstrategie, welche bereits als Risikofaktor für die Entwicklung einer ADHS-Problematik identifiziert wurde, ist die mangelnde Kontingenz- und Kausalitätserfahrung, welche die Basis der Urheberschaft darstellt, sehr deutlich. Obwohl intrusives Elternverhalten, im Gegensatz zu unvorhersehbarem, zufallsabhängigem Elternverhalten[266], Kontingenzerfahrungen im Sinne offensichtlicher Aktionen und Reaktionen erkennen lässt, bleibt dem Kind durch die allzu große Nähe kein Spielraum, sich in der Differenz selbst zu entdecken und seine Urheberschaft über diesen Bereich hinaus zu erfahren. Außerdem ist es vorstellbar, dass eine intrusive Bezugsperson in ihrem Bemühen bestimmte Aspekte des kindlichen Verhaltens, wie beispielsweise das Kopfabwenden oder das Überstrecken, nicht richtig wahrnimmt und versteht. So könnte sie diese Reaktion des Kindes als Folge des hef-tigen Affektes, aber nicht als Aufforderung zu mehr Distanz, missverstehen. Durch die rigiden Aktionen und Reaktionen der Bezugsperson geht das entwicklungsfördernde Moment der interaktiven Fehlabstimmungen verloren. Außerdem hat das intrusive Elternverhalten insofern bereits auf der interaktiven Ebene Ähnlichkeiten mit dem unvorhersehbaren Elternverhalten, als dass auch hier, aus kindlicher Perspektive zufallsabhängig, manche Äußerungen respektive Hinweise des Kindes beantwortet, andere wiederum ignoriert werden. Auch wenn intrusivem und unvorhersehbarem Elternverhalten unterschiedliche Rahmenbedingungen zugrunde liegen, wird der Prozess der kindlichen Strukturbildung bei genauerer Betrachtung in sehr ähnlicher Weise auf einem kritischen Niveau erschwert. Die defizitäre Möglichkeit des Kindes, sein Selbst, wie auch die äußere Welt, durch Kontingenz- und Kausalitätserfahrungen zu strukturieren und sich selbst nicht als passives Objekt der Umwelt wahrzunehmen, spiegelt sich in der orientierung- und haltsuchenden präzwingenden, später obsessiven Bindungsstrategie. So könnte die ADHS-Problematik auch als „strukturelle Störung“[267] angesehen werden. Außerdem könnte die große Wirkung so genannter Wenn-Dann-Pläne auf Kinder mit einer ADHS-Symptomatik aufgrund der darin enthaltenen festgelegten Abfolge und Kontingenzerfahrung als Indiz für die Bestätigung der Hypothese einer mangelnden Kontingenz- und Urheberschaftserfahrung gelten.

5.4.Die Rolle des Dritten

Die Rolle des Dritten, meist des Vaters, kann sowohl als strukturgebendes Element als auch als zweite Chance des Kindes zu einer kompensatorischen Beziehungsgestaltung gesehen werden. Bereits während der Schwangerschaft gilt die triadische Kompetenz der werdenden Eltern, „die Fähigkeit von Vätern und Müttern, ihre zukünftigen familialen Beziehungen zu antizipieren und zu konzeptualisieren“[268], als Prädiktor für die spätere Entwicklung des noch ungeborenen Kindes. Die triadische Kompetenz respektive die Triangulierung/Triangulation beschreibt allgemein die intrapsychische Fähigkeit, sich im Erleben triadischer Konstellationen entwickeln zu können.[269] Kinder entwickeln bereits früh eine anfängliche „triadische Beziehungsfähigkeit“[270]. Sie sind dazu in der Lage, mit mehreren Person, Mutter und Vater, in Beziehung zu treten und diese ebenso in eine gemeinsame Interaktion zu integrieren. Allerdings entspricht diese frühe Triangulierung nicht der späteren, vollständig entwickelten triadischen Kompetenz. „Die Bevorzugung der dyadischen Beziehungsform ergibt sich aus deren verhältnismäßig einfachen Struktur. Tri- oder polyadische Formen zerfallen leicht in mehrere dyadische, da sie viel schwieriger zu stabilisieren sind.“[271] Die ausgereifte triadische Kompetenz umfasst die Fähigkeit, sich in den unterschiedlichen Konstellationen des Beziehungs-dreiecks aufgehoben zu fühlen und das potentielle, temporäre Ausgeschlossensein ertragen zu können.[272] Die Lebenswelt des Säuglings besteht daher vielmehr aus einzelnen Dyaden, in denen er spezifische Erfahrungen mit der dieser Dyade zugehörigen Person erleben kann. So kann das Kind, wie bereits Bowlby feststellte, zu Mutter und Vater eine eigene, unabhängig strukturierte Beziehung und Bindung aufbauen. Zwischen den einzelnen Bindungen ergab sich in einer Untersuchung von Main und Weston (1981) keine signifikante Korrelation. „Fremden Personen und neuen Aufgaben gegenüber verhielten sich die Kinder unterschiedlich: Kinder mit „sicherer“ Bindung an beide Eltern traten optimistisch und selbstbewusst auf, im Gegensatz zu Kindern mit „unsicher-vermeidender“ oder „unsicher-ambivalenter“ Bindung, während die Kinder mit nur einer „sicheren“ Elternbindung nach beiden Seiten tendierten.“[273] So kann die zweite, andersartige Bindungserfahrung dem Kind dabei helfen, kompensatorische Beziehungs- und Selbstrepräsentationen auszubilden. Ebenso bietet die Triangulierung selbst kompensatorische Elemente für die Dyaden. Wann genau die triadische Kompetenz des Kindes ausgereift ist, ist in der Literatur nicht eindeutig. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich diese nicht erst, wie in der klassischen Psychoanalyse angenommen, während der ödipalen Phase entwickelt.[274] Dennoch bedarf das Kind gewisser fortgeschrittenerer Fähigkeiten, die beispielsweise im Neugeborenenalter noch nicht vorhanden sind. Das Kind muss sich die mentalen Zustände anderer, die nicht den seinen entsprechen müssen, vorstellen können, es muss die Fähigkeit zur Mentalisierung entwickelt haben. „Das Kind braucht ein psychisches Verständnis des Anderen, den es in der Interaktion mit einem Dritten sieht“[275]. Die Rolle des Dritten, des Vaters, verkörpert einen strukturbringenden, trennenden „Eindringling“ in die Mutter-Kind-Dyade, indem er diese öffnet und die Gesetze der Welt hineinbringt. Durch seine Repräsentation der Gesetze der Geschlechter- und Generationendifferenz sowie des „Anspruchs der Kultur und Gesellschaft“[276], durch sein „Nein!“, er-leichtert der Dritte die Separation von Mutter und Kind und somit die kindliche Autonomie- und Ich-Entwicklung. Außerdem ermöglicht der Dritte durch Grenzen und Gesetze die Erfahrung von Orientierung und Struktur. Dadurch kann das Kind neue Kontingenz- und Kausalitätserfahrungen zur Strukturierung eines kohärenten Selbst sammeln. Dies ist insbesondere dann als „zweite“ Entwicklungschance wichtig, wenn das Kind in seiner Beziehung zur Mutter nur unzureichend Gelegenheit dafür hatte. Wichtig ist jedoch auch, dass die Mutter selbst beginnt, die Rolle des Dritten innerlich zu repräsentieren, indem sie die Autonomie- und Identitätsentwicklung des Kindes durch Triangulierungsprozesse unterstützt. Kinder mit einer ADHS-Symptomatik zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie sich in dyadischen Situationen und Beziehungen leichter selbst regulieren und strukturieren können, als in tri- oder polyadischen.[277] Dies verweist auf Defizite in der triadischen Kompetenz. Der potentielle, vorübergehende Ausschluss aus der gemeinsamen Interaktion, beispielsweise mit Gleichaltrigen, ist für sie mit einem Gefühl der Gefahr verbunden. Nicht im Aufmerksamkeitsfokus des Gegenübers zu stehen, bedeutet für sie einen Verlust der Kontrolle über die Situation und die subjektiv wahrgenommene, erhöhte Wahrscheinlichkeit „übersehen“ oder nicht wahrgenommen zu werden. Durch die präzwingenden respektive obsessiven Bindungsstrategien haben die Kinder die Erwartung ausgebildet, dass dies einen Neglekt ihrer Bedürfnisse nach sich ziehen und somit eine Gefährdung für ihr Selbst darstellen könnte. Zudem ist das kontrollierende Element der Rigidität und übermäßig hohen Übereinstimmung des präferierten Koordinationsrhythmus in der Triade oder Polyade für das Kind nicht zu leisten. Daraus ergibt sich wiederum das entwicklungsfördernde Potenzial triadischer Strukturen – die Differenz, und die daraus motivierte Generierung von Lösungen innerhalb der Interaktion und Kommunikation. In den komplexen Strukturen der Triade kann eine unzureichende Befriedigung von Bedürfnissen („Fehlern“) als stimulierend und funktional angesehen werden, wenn „diese von den Beteiligten wahrgenommen, benannt oder auf anderen Wegen im Dialog thematisiert wird.“[278] Des Weiteren fällt bei Kindern mit einer ADHS-Symptomatik vermehrt die reale oder emotionale, psychische Abwesenheit des Vaters auf. In Verbindung mit der geschlechterspezifischen Auftretenswahrscheinlichkeit einer ADHS werden die Jungen auch als „vaterlose Gesellen“[279] bezeichnet. Innerhalb der frühen Triangulierung wird daher die Bedeutung des Vaters oder einer anderen konstanten, männlichen Bezugsperson als Identifikationsobjekt für die männliche Kernidentität betont.[280] Der Wunsch des Jungen nach Männlichkeit, Stärke und die damit verbundenen Aggressionen sind mit einem „Vaterhunger“ zu vergleichen. Das männliche, strukturbietende Vorbild kann dem Jungen helfen, seine aggressiven Tendenzen zu integrieren und sie nicht externalisiert in einem „verzweifelten und „ungekonnten“ Griff nach Männlichkeit“[281] auszuleben. Die Auswirkungen eines psychisch oder physisch abwesenden Vaters sind zudem vermutlich umso gravierender, je belasteter die frühe Mutter-Kind-Bindung, das heißt, je eingeschränkter das frühe Containment und die sich daraus entwickelnde Mentalisierungsfähigkeit, war.[282] So hat der Junge weniger Möglichkeiten, ein kohärentes, männliches Selbst auszubilden und „die Welt zu begreifen“[283].

Der Vater als die dritte, strukturgebende, im Falle des Jungen auch als die Männlichkeit symbolisierende Person, hat demnach wichtige Funktionen im kindlichen Entwicklungsprozess inne. Darüber hinaus kann dem Dritten jedoch auch eine präventive Funktion zugeschrieben werden. Die dritte Person kann der Mutter in der frühkindlichen Lebensphase, aber auch bereits während der Schwangerschaft, als Stütze und Entlastung dienen. Dies ermöglicht es ihr, sich auf ihr Kind und die gemeinsame Beziehungsgestaltung in sensibler Weise einzulassen und die Bedürfnisse des Kindes unverzerrt wahrzunehmen. Die dritte Person, als „sichere Basis“ der Mutter, kann so dabei helfen, die Grundlage für die „sichere Basis“ des Kindes und eine ungefährdete Bindungsbeziehung zu bilden. Die prä- sowie die postnatale Qualität der partnerschaftlichen Unterstützungsleistung für die (werdende) Mutter erwies sich als Prädiktor für mütterliche wie kindliche postnatale Belastungen.[284] Somit könnte sich der Kreis der potentiellen Risikofaktoren für die Entwicklung einer ADHS-Problematik in der frühen Kindheit, von der pränatalen Lebensphase über Regulationsstörungen bis hin zur Bindungsbeziehung als selbstprotektive Strategie, schließen.



[226] Raffai 2011, S. 51

[227] Ebd., S. 51 f.

[228] Ebd., S. 51

[229] Ebd., S. 52

[230] Tanner Stapleton et.al. 2012, S. 454

[231] Ebd., S. 454

[232] Hüther; Krens 2013, S. 110

[233] Ebd., S. 26

[234] Hüther; Krens 2013, S. 110 f.

[235] Ebd., S. 111

[236] Rauh 2012, S. 51

[237] Hüther; Krens 2013, S. 112

[238] Ebd., S. 22

[239] Hüther; Krens 2013, S. 114 f.

[240] Ebd., S. 117 f.

[241] Ebd., S. 117

[242] Hüther; Bonney 2010, S. 33

[243] Ebd., S. 34 f.

[244] Hüther 2005, S. 57

[245] Bonney 2012, S. 23

[246] Bonney 2012, S. 23

[247] Ebd., S. 23

[248] Bernfeld 1973, S. 141

[249] Bonney 2012, S. 23

[250] Ebd., S. 39

[251] Schore 2005, S. 36

[252] Schore 2005, S. 48

[253] Von Lüpke 2006, S. 176

[254] Von Lüpke 2007, S. 119

[255] Kummetat 2007, S. 108

[256] Ebd., S. 109

[257] Von Lüpke 2009, S. 101

[258] Staufenberg 2011, S. 119

[259] Fonagy; Gergely; Jurist; Target 2004, S. 212

[260] Unterschiedliche Angaben in der Literatur: Staufenberg 2011, S. 119: fünf Monate; Fonagy et al. 2004, S. 219: drei Monate

[261] Staufenberg 2011, S. 119

[262] Fonagy; Gergely; Jurist; Target 2004, S. 219

[263] Ebd., S. 218

[264] Ebd., S. 218

[265] Fonagy; Gergely; Jurist; Target 2004, S. 227

[266] Da das unvorhersehbare Elternverhalten bereits im vorherigen Kapitel ausführlicher behandelt wurde, wende ich mich nun primär dem intrusiven Elternverhalten zu.

[267] Dammann 2007, S. 198

[268] Von Klitzing 2002, S. 869

[269] Staufenberg 2011, S. 123

[270] Ebd., S. 124

[271] Ebd., S. 124

[272] Ebd., S. 124

[273] Bowlby 2008, S. 9

[274] Wiegand 2012, S. 58

[275] Staufenberg 2011, S. 124

[276] Ebd., S. 124

[277] Ebd., S. 124

[278] Von Lüpke 2006, S. 173

[279] Bonney 2012, S. 65

[280] Staufenberg 2011, S. 143

[281] Staufenberg 2007, S. 97

[282] Staufenberg 2011, S. 147

[283] Ebd., S. 147

[284] Tanner Stapleton et.al. 2012

6.Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass es im frühen Entwicklungsverlauf eines Kindes, von seiner Entstehung im Mutterleib bis zur Vollendung der frühen Kindheit im dritten Lebensjahr, vielfältige Risikofaktoren für die psychosoziale und organische Reifung gibt. Diese Risikofaktoren sind nicht in vollem Umfang zu erfassen. Vielmehr würde der Versuch eine Verleugnung der Komplexität menschlicher Entwicklung und menschlichen Seins bedeuten, welche dem Individuum nicht gerecht wird. In dem Bewusstsein, die psychosozialen und neurologischen wie epigenetischen Wechselbeziehungen nicht vollständig entschlüsseln zu können, kann jedoch eine bestimmte Perspektive auf die Entwicklung eingenommen werden, die es erlaubt, innerhalb eines abgegrenzten Bereiches potentielle Risikofaktoren zu identifizieren. Ich habe mich für die bindungstheoretische Perspektive entschieden, da Bindung und Beziehung ein wesentlicher Bestandteil frühkindlicher, aber auch generell menschlicher Entwicklung ist. Auch ich nahm in der Bearbeitung des Themas „Risikofaktoren für die Entwicklung einer ADHS-Problematik aus epigenetischer und bindungstheoretischer Sicht“ eine Komplexitätsreduktion vor, um Auffälligkeiten im Entwicklungsverlauf näher betrachten und deren Wirkung aus bindungstheoretischer und epigenetischer Sicht untersuchen zu können. Da epigenetische Mechanismen wie auch die erfahrungsabhängige Reifung des Gehirns keine linear-kausalen Schlüsse zulassen, können keine genauen Ursache-Wirkungs-Modelle der Umwelteinflüsse verfasst werden. Fest steht jedoch, dass Stimuli der Umwelt einen Einfluss auf den sich entwickelnden Organismus haben, auch, wenn die exakte Wirkung des Einflusses nicht kalkulierbar ist. Ebenso muss die Zeit vor und nach dem jeweiligen Stimulus beachtet werden, da sowohl die bisher ausgebildeten neuronalen und genetischen Strukturen dessen Wirkung beeinflussen als auch später erworbene Erfahrungen bereits bestehende Strukturen neu gestalten können. Frühe Bindungsbeziehungen sind in diesem Rahmen insofern von Bedeutung, als dass sie ein bestimmtes, nach etwa einem Lebensjahr relativ persistentes Muster der kindlichen Erfahrungs- und Lebenswelt beschreiben, welche wiederum, vor allem aufgrund der Dauer und Intensität, Rückwirkungen auf den Organismus des Kindes haben. Die Entwicklung der frühkindlichen Mutter-Kind-Bindung beginnt jedoch nicht erst zum Zeitpunkt der Geburt. Bereits pränatal bildet sich auf der Grundlage gemeinsamer Erfahrungen und der mütterlichen, bewussten und unbewussten, Vorstellungswelt eine Beziehung zwischen der werdenden Mutter und ihrem ungeborenen Kind. Zudem ist das Kind während der Schwangerschaft über den mütterlichen Organismus mit deren Lebenswelt verbunden, sodass es auf der hormonellen wie auf der Beziehungsebene am Leben der werdenden Mutter teilnimmt und so ihre Freuden, Sorgen und Ängste in gewisser Weise mit ihr teilt. Durch suboptimale pränatale Entwicklungsbedingungen, wie beispielsweise eine ungewollte Schwangerschaft oder psychische Belastungen der Mutter, wie Unsicherheit, Sorgen und Nöte, kann das Kind mit einem verminderten Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit geboren werden, welches es ihm erschwert, sich in der extrauterinen Welt zurechtzufinden und sich an die neuen Lebensumstände anzupassen. Zudem können damit verbundene prä-natal entwickelte biologische Erregungsmuster die Anpassungsleistung des Neugeborenen beeinträchtigen. Dies kann sich in Regulationsstörungen des Kindes, in vermehrtem, kaum zu beruhigendem Schreien, Schlaf- und Essstörungen, äußern (Schreibaby) und zu weiteren Beeinträchtigungen der Beziehungsgestaltung zwischen dem neugeborenen Kind und seiner Mutter respektive primären Bezugsperson führen. Hierbei ist die primäre Bezugsperson als individuelles Subjekt, nicht als „neutrales“ Objekt des Kindes, das nur dessen möglichst prompter und sensibler Bedürfnisbefriedigung dient, zu betrachten. Jeder Mensch lebt und entwickelt sich auf der Grundlage komplexer und vielfältiger Systeme. Bisherige wie aktuelle Erfahrungen und Umstände prägen die individuellen Verhaltensweisen und somit die Sensibilität, mit welcher auf das Kind eingegangen werden kann. So können Regulationsstörungen des Kindes aufgefangen oder aber in kritischen Bindungsbeziehungen manifest werden. Den bedeutendsten Risikofaktor für die Genese einer ADHS-Problematik stellt ein intrusives und/oder für das Kind unvorhersehbares Verhalten der Bezugsperson dar, das zu einer präzwingenden, im Vorschulalter obsessiven, Bindungsstrategie führen kann. Die Wahrscheinlichkeit für dieses Verhalten kann durch kindliche Regulationsstörungen erhöht sein, was den Beobachtungen einer Korrelation zwischen dem Auftreten einer Regulationsstörung und dem Auftreten einer ADHS-Symptomatik entspricht.[285] In der präzwingenden Bindungs-strategie hat das Kind nicht gelernt, seine Affekte in angemessener Weise und zunehmend selbstständig zu regulieren. Im Zusammenspiel mit den unzureichenden Kontingenz- und Urheberschaftserfahrungen ist das Kind somit auf die sofortige Reaktion der Bezugsperson auf seine Bedürfnisäußerungen angewiesen, da andernfalls eine subjektiv wahrgenommene Gefährdung des kindlichen Selbst droht. Das Kind muss seine Bezugsperson und die Situation kontrollieren können, um sich relativ sicher zu fühlen. Um die Wahrscheinlichkeit einer Reaktion der Bezugsperson zu erhöhen, unterreguliert das Kind seinen Affekt und stellt diesen in problematischer Weise dar. Der Affekt wird somit zugunsten der selbstprotektiven Strategie verzerrt. Diese adaptive Strategie kann im weiteren Verlauf der Entwicklung, zu einem ADHS-typischen Verhaltensrepertoire führen, wobei jedoch die dynamische Wechsel-beziehung zwischen Kind und Umwelt mitbedacht werden muss. Die Symptome der ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit, die Hyperaktivität und die Impulsivität, sind im Hinblick auf die frühen Interaktions- und Kommunikationsmuster als selbstschützende und subjektiv sinnvolle Reaktionen auf bisherige Erfahrungen und die darin entwickelten Erwartungshaltungen zu sehen. Das Aufmerksamkeitsdefizit kann daher sowohl als erhöhte Wachsamkeit als auch als Abwehr übermäßiger Stimuli verstanden werden. In der Impulsivität wird das mangelhafte Regulationssystem, aber auch das Bedürfnis, Kontingenzen herzustellen und sich selbst als emotional kohärent zu erleben, deutlich. Die Hyperaktivität hingegen kann sowohl als Regulationsersatz in nicht ertragbaren Affektzuständen als auch als Überwindung der Passivität betrachtet werden. Allgemein ist die Informationsverarbeitung stark zum affektiv-emotionalen Zugang verschoben. Daher kann die ADHS-Problematik, meiner Meinung nach, auch als Beziehungs- und Kommunikationsproblematik verstanden werden. Eine dritte Person, die dem Kind kompensatorische Beziehungserfahrungen sowie Erfahrungen der Struktur, Grenzen und Kontingenzen bietet, hat eine zentrale Rolle in der Überwindung, aber auch in der Prävention dieser Problematik inne. Für das männliche „ADHS-Kind“ ist insbesondere eine männliche Identifikationsfigur in der Rolle des Dritten von Bedeutung, die ihm unter anderem den Umgang mit seinen aufkeimenden aggressiven Triebimpulsen vorleben und so dem Jungen dabei helfen kann, diese zu integrieren. Die deutliche Überrepräsentation der Jungen mit einer ADHS-Symptomatik könnte aus dieser Perspektive auf die heutige starke Verändrung der familiären Strukturen hinweisen, in denen der Vater entweder real oder emotional abwesend ist. Darüber hinaus stellt sich jedoch auch die Frage der Abgrenzung zwischen Pathologie und Norm. „Die männlichen aggressiven Seiten geraten in der beschleunigten Fördereuphorie einer feminisierten Pädagogik in Verruf und werden schneller als früher als soziale Störung wahrgenommen.“[286] So könnten Jungen, die in ihrem bisherigen Leben primär Frauen als Bezugs- und Betreuungspersonen hatten, vorschnell mit der Diagnose ADHS etikettiert werden, obwohl sie in ihrem Verhalten lediglich ihren „Vaterhunger“[287] zum Aus-druck bringen. Allerdings stellt die Diagnose die Grundlage für die anschließenden Interventionsmaßnahmen dar. Ein Junge, der seinen Wunsch nach Stärke und den damit verbundenen aggressiven Tendenzen verstanden und anerkannt wissen will, braucht jedoch vielleicht eine ganz andere Art der Hilfe als ein Kind mit Bindungskonflikten. Allerdings scheint die Frage der Abgrenzung der ADHS-Problematik, zumindest zum aktuellen Zeitpunkt, immanent zu sein. Sie beginnt bei der Frage nach normalem und pathologischem Verhalten, zieht sich über die Diagnostik und die Frage nach der Abgrenzung von anderen Krankheits- oder Störungsbildern bis hin zu der Frage, ob ADHS eine reelle Störung oder doch eine Modediagnose sei. In der wissenschaftlichen wie öffentlichen Diskussion herrscht viel Uneinigkeit über das Thema „ADHS“. Dabei hat es den Anschein, als wäre der Diskurs ähnlich affektiv verschoben wie die ADHS-Problematik selbst. Die Überlegungen des anderen „Lagers“ wer-den (partiell) gar nicht wahrgenommen und die eigenen Überzeugungen heftig verteidigt, als drohe das persönliche Weltbild mit dem Zulassen anderer Meinungen zerstört zu werden. Besonders deutlich wurde dies, meiner Meinung nach, in der von Russel Barkley und 74 an-deren international anerkannten ADHS-Wissenschaftlern im Jahre 2002 verfassten und unterschriebenen Konsensus-Erklärung zur ADHS. Darin bestreiten sie, dass es in der wissenschaftlichen Gemeinschaft Uneinigkeiten über das Bestehen und die Ätiologie der ADHS gäbe. „(...) In der Oeffentlichkeit entsteht dann häufig der Eindruck, als ob sich die Wissenschaft nicht darüber einig sei, ob ADHS nun wirklich existiere oder nicht. Tatsächlich gibt es aber diese Uneinigkeit so wenig, wie man sich auch nicht mehr darüber streitet, ob nun Rauchen Krebs begünstigt oder ob ein Virus als Ursache von HIV/AIDS in Frage kommt. (...) Dennoch soll noch einmal betont werden, dass die der ADHS zugrunde liegenden Primär-symptome nicht oder gar ausschliesslich durch Umweltfaktoren zu erklären sind. Aus diesem Grund anerkennen die Unterzeichner dieser Erklärung die zunehmende Evidenz der neuro-biologischen und genetischen Anteile an dieser Krankheit. (...)“[288] Kann dies nicht als verzweifelter Versuch verstanden werden, den inkontingenten Zustand, die Situation des ADHS-Diskurses zu kontrollieren und somit Halt und Orientierung zu schaffen? Die der Symptomatik zugrunde liegenden Mechanismen, auch wenn sie nur als wahrscheinlich angenommen werden könnten, werden abgewehrt. Ebenso wird die Existenz weiterer Auffassungen über ADHS wie auch die neueren Erkenntnisse der Epigenetik und Neurobiologie verleugnet. Das Kind als defizitäres Objekt der Forschung und Interventionen steht im Fokus, während die Dynamik und Komplexität menschlicher Entwicklung, welche sich nur in Beziehungen mit anderen Menschen vollziehen kann, mehr als vernachlässigt wird. Meines Erachtens nach wird in dem primär biologischen Modell der ADHS das Problem aus dem Kontext externalisiert, ebenso wie das Kind mit ADHS-Symptomen seine eigentlichen Konflikte und Sehn-süchte externalisiert. Die Entstehung der Symptome wird aus dem kindlichen Lebenskontext herausgelöst, separiert und auf den weitgehend unerreichbaren „Raum“ der Genetik projiziert. Damit ist die Frage der Verantwortung und „Schuld“ geklärt – es ist die genetisch bedingte Hirnstoffwechselstörung. Die schmerzliche Verletzung der Eltern, die aus der Reflexion über die eigene „Fehlbarkeit“ resultieren kann, wird damit vermieden. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen oder gar den Vorwurf von Erziehungsfehlern, wenn die psychosozialen Faktoren kindlicher Entwicklung betont werden. Vielmehr geht es um Verständnis und Sensibilität sowohl gegenüber dem Kind als auch gegenüber seinen engsten Bezugspersonen. Aus dieser Perspektive können sie als Subjekte, als Individuen wahrgenommen und anerkannt werden. Außerdem können sie sich in der Bearbeitung ihrer Konflikte als handlungsfähig und nicht als den genetischen Dispositionen passiv ausgeliefert erleben. Darüber hinaus bietet das Verständnis der ADHS-Symptomatik als adaptive, selbstprotektive Strategie früher Beziehungsproblematiken Möglichkeiten, sowohl präventiv als auch kompensatorisch tätig zu werden. Dies ist vor allem für den pädagogischen Bereich relevant, da dieser, insbesondere in der frühen Kindheit, einen starken Bezug zum Elternhaus des Kindes hat. So könnten die jungen Eltern eines Kindes mit Regulationsstörungen beispielsweise in der Krabbelstube über die Beratungsmöglichkeit in einer Babyambulanz aufgeklärt und ihnen die Bedenken, Hilfe in Anspruch zu nehmen, genommen werden. Ebenso können die Verhaltensweisen des Kindes selbst sensibler wahrgenommen und eigene, durch das kindliche Verhalten ausgelöste Emotionen und Reaktionen reflektiert werden, um den Kreislauf der negativen Gegenseitigkeit zu durchbrechen und dem Kind so andersartige Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Außerdem sollten die Eltern für ihre eigenen Belastungsgrenzen sensibilisiert und die Bedeutung der sicheren Basis für die Eltern stärker kommuniziert werden. Des Weiteren ist eine offene Kommunikation über konfliktbesetzte, negative Gefühle der Eltern wichtig, denen mit Verständnis, nicht mit Ablehnung begegnet werden sollte. Durch verständnisvolle professionelle oder private Bezugspersonen kann der auf den Eltern lastende Druck, als „gute“ Eltern nur „gute“ Gefühle bezüglich ihres Kindes haben zu dürfen, reduziert werden. Die „entwicklungsfördernde Qualität von Beziehungserfahrungen wird (V.K.) nicht durch maximale Bedürfnisbefriedigung bestimmt, sondern die Erfahrung, belastende und konflikthafte Situationen im Zusammenspiel mit Erwachsenen bewältigen zu können. Dabei ist es für Kinder wichtiger, auch Gefühle der Ablehnung bis hin zum Hass in voller Klarheit zu erleben, als über eine doppelte Botschaft von demonstrativer Freundlichkeit bei unterdrückter Aggression.“[289] Eine Unklarheit der emotionalen Botschaften vermittelt dem Kind ein Gefühl der Unsicherheit. Es kann die Doppeldeutigkeit nicht einordnen und wird dadurch in „die Irre“ geführt. Seine Wahrnehmungen der Botschaften sind somit „verrückt“ und die Mutter kann aufgrund dieser Unsicherheiten nicht mehr als „sichere Basis“ wahrgenommen werden. Zudem ist die Erfahrung von Kontingenzen für das Kind nicht möglich. Durch eine Entspannung und Entlastung der Elternsituation können bereits Veränderungen in den Eltern-Kind-Interaktionen auftreten, da die Eltern die Bedürfnisse ihres Kindes feinfühliger und unverzerrter, hinreichend frei von eigenen Belastungen, wahrnehmen und beantworten können. Dies ist vor allem in der Zeit der Bindungsentwicklung von Bedeutung. Haben sich jedoch bereits kritische Muster etabliert, besteht in der bewussten Wahrnehmung der frühkindlichen Bindungsstrategie und der Reflexion eigener Verhaltensweisen die Möglichkeit, diese Muster allmählich zu durchbrechen, um so neue, gemeinsame Beziehungserfahrungen zu gestalten. Auf dieser Basis kann das Kind seine bisherige selbstprotektive Strategie umstrukturieren und sein Selbst wie auch seine Umwelt in ungefährdeter, unverzerrter Weise entdecken. Dies ermöglicht dem Kind durch die Erfahrung von Flexibilität bei gleichzeitiger Stabilität eine gelungene Anpassung an die außerfamiliäre Welt, eine wichtige Grundlage für den weiteren, gelingenden Sozialisationsprozess. Somit könnte die Identifikation von Risikofaktoren für die Genese einer ADHS-Problematik aus bindungstheoretischer wie auch epigenetischer Sicht nicht nur für das Kind und sein direktes Lebensumfeld von Bedeutung sein, sondern auch aus wirtschaftlich-ökonomischer Perspektive.



[285] Staufenberg 2011, S. 290

[286] Staufenberg 2011, S. 145

[287] Ebd., S. 144

[289] Von Lüpke 2004, S. 9

7.Literaturverzeichnis

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8.Eidesstattliche Versicherung

Ich versichere an Eides statt, dass ich die vorstehende Arbeit selbstständig und ohne fremde Hilfe angefertigt und alle Stellen, die wörtlich oder annähernd wörtlich aus Veröffentlichungen genommen sind, als solche kenntlich gemacht habe.

Vanessa Kiefer

Diese Erklärung wurde maschinell erstellt und ist auch ohne Unterschrift gültig.

Quelle

Vanessa Kiefer: Risikofaktoren für die Entwicklung einer ADHS-Problematik aus epigenetischer und bindungstheoretischer Sicht. Bachelorarbeit vorgelegt an der Goethe-Universität Frankfurt, Fachbereich 04: Erziehungswissenschaften, Institut für Sonderpädagogik, Sommersemester 2014

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 16.12.2015

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