Reform ist möglich

AutorIn: Wolfgang Jantzen
Themenbereiche: Lebensraum
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Entnommen aus: Wolfgang Jantzen - De-Institutionalisierung. Materialien zur Soziologie der Veränderungsprozesse in einer Großeinrichtung der Behindertenhilfe. Vortrag am 24.04.1995 vor den MitarbeiterInnen der Diak. Behindertenhilfe gGmbH Lilienthal. Korrigierter Tonbandmitschnitt (Hasenpusch/Schulz)
Copyright: © Wolfgang Jantzen 1999

Reform ist möglich

Sehr geehrte Damen und Herren

heute steht ein Gesamtbericht von meinen Hospitationen an. Meine Motivation war, mit meinen Hospitationen den hier notwendigen Reformprozeß als Elternbeiratsvorsitzender zu unterstützen.

Zur Vorgeschichte

Der Prozeß hat die Vorgeschichte einer Kritik von außen in der Gestalt des Lilienthaler Memorandums. Es war nicht ganz eine Kritik von außen, da verschiedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, soweit sie es konnten und durften, sich daran beteiligt haben und wir zumindest auf der informellen Ebene gewisse Informationen zugesteckt bekamen; aber es war letztlich eine Kritik von außen.

Diese Kritik von außen besaß zwei Teile und beinhaltete einen sehr scharfen Angriff auf die Institution als solche, wie sie bisher gewesen war, und sie machte gleichzeitig - das war der andere Teil - Reformvorschläge. Bezüglich dieser Reformvorschläge ist uns damals schon von dem Kuratorium gesagt worden, daß es bezüglich dieser Vorschläge viele Berührungspunkte gäbe und man in vielen Dingen "am gleichen Strick" ziehen würde.

Wir haben den weiteren Prozeß seitens der Eltern- (Angehörigen-/BetreuerInnen-)vertretung kritisch beobachtet. Dann haben wir auch versucht, an der Konsolidierung insoweit mitzuwirken, indem wir in einer Zwischenphase von über etwa einem Jahr regelmäßig Kontakt mit der Leitung gehalten haben, uns informiert haben und gegenseitig ausgetauscht haben.

Wir selbst waren nicht mehr ein besonders arbeitsfähiges Gremium. Eine Reihe der Leute war verbraucht durch diese großen Aufregungen und Auseinandersetzungen.

Da stellte sich die Frage, wie es weitergehen soll. Ich habe mich bereit erklärt, den Vorsitz unter der Bedingung zu übernehmen, den Reformprozeß aktiv zu unterstützen. Das habe ich als meine Hauptaufgabe gesehen und habe damit bei der Leitung "offene Ohren" gefunden. Das erste Gespräch, das Herr Mencke und ich hatten, wurde mit der Intention geführt, sich genauer anzusehen, wie es jetzt hier aussieht. Ich kam daraufhin mit dem Vorschlag, in alle Wohngruppen hineinzugehen, um mir ein Bild zu machen. Das habe ich unterdessen getan.

Vorangegangenes Gespräch im kleinen Arbeitskreis zur Umstrukturierung

Ich habe nach dem ersten erwähnten Gespräch mit Herrn Mencke zunächst ein Gespräch mit dem kleinen Arbeitskreis zur Umstrukturierung geführt. Wir sind damals auf zwei Probleme gestoßen; das eine Problem wurde im Arbeitskreis benannt, auf das andere Problem habe ich aufmerksam gemacht:

  1. Problem: Die Information fließt nicht - weder von unten nach oben, noch von oben nach unten. Es existiert eine Gerüchteküche und kein Kommunikationsfluß.

  2. Problem: Es wurde überlegt, nach welchen Gesichtspunkten die Wohngruppen neu zusammengesetzt werden konnten und es kursierten bereits auf Defekte bezogene Listen, mit denen man versuchte, die schwierigen Bewohnerinnen und Bewohner zu identifizieren, um damit das Problem der Zusammenlegung von Gruppen managen zu können.

Ich habe dringend vor diesem Vorgehen gewarnt. Daß ein Bewohner bestimmte Auffälligkeiten zeigt, sagt doch weniger etwas über den Bewohner als über den Kontext aus, in dem dieser Mensch bisher gelebt hat und sagt darüber hinaus etwas über die Beziehungsfähigkeit der Gruppe aus. Dies ist bei manchen Gruppen eben schwieriger. So muß man eher den sozialen Kontext identifizieren, als daß man einen Bewohner defektbezogen betrachtet.

Dieser Kritikpunkt hat sich in der anschließenden Diskussion auch als richtig bewahrheitet. Ich empfahl, einen Ansatz zu wählen, bei dem man stabile Kerne der Gruppen identifiziert, um von dort aus zu beginnen.

Gespräche auf den Wohngruppen

Ich habe dann Gespräche in allen 30 Wohngruppen geführt (In zwei Gruppen bin ich noch ein zweites Mal gewesen). Jedes dieser Gespräche hat ca. 2 Stunden Zeit beansprucht.

Ich habe Wohnbereich für Wohnbereich mit den Gruppen gesprochen. Es waren jeweils unterschiedlich viele Kollegen und Kolleginnen da, es schwankte zwischen einer Person und sechs Personen. Nach den Gesprächen in einem Wohnbereich fand jeweils ein bereichsspezifisches Auswertungsgespräch mit dem Wohnbereich statt. Außer den Gruppenleitungen oder VertreterInnen der einzelnen Gruppen waren noch zusätzlich die Wohnbereichsleitung dabei anwesend und Frau Schulz (Fortbildung) war regelmäßig mit dabei. Zwei- bis dreimal war auch Herr Mencke (Geschäftsführung) mit dabei.

Danach ging es darum, auch mit den anderen zu reden, die nicht in den Wohngruppen arbeiten; denn man kann eine Reform nicht machen, wenn man sich nicht mit allen Leuten, die damit zu tun haben, über Konsensfähigkeit verständigt hat.

Ich habe also weitere Gespräche geführt, und zwar mit dem Bewegungsbereich, dem Förderbereich, dem Arbeitsbereich, mit dem Sozialdienst (Herrn Kaiser), mit Herrn Siedenschnur (Seelsorge), mit dem ärztlichen Dienst und auch mit der Personalverwaltung (Herrn Murken). Ich habe in dieser Zeit außerdem zwei Auswertungsgespräche mit der Leitung geführt, eines mittendrin nach der ersten Runde mit den Wohngruppen, eines nach der zweiten Runde. Es fand dann noch einmal ein Gespräch mit dem großen Arbeitskreis statt.

Schließlich hatten wir in dieser Zeit vom Elternbeirat her ein Gespräch mit dem BewohnerInnenbeirat.

Das ist das, was ich an Erfahrung heute mit einbringe. Ich habe versucht, jeweils für die Dinge, die Sie mir genannt hatten, offen zu sein, aber natürlich hatte ich auch eine Menge Fragen. Aber ich habe versucht, Ihre Antworten nicht in ein fertiges Fragenschema oder Problemlösungsschema einzuordnen, sondern habe gefragt, was wir tun könnten, d.h. was Sie jeweils für konsensfähig erachten. Und wichtig war für mich immer, bewohnerbezogen zu diskutieren, weil sich dort am ehesten die Probleme gezeigt haben.

Das, was ich jetzt vortrage sind also nicht meine eigene Ideen, sondern der Ansatz, mit dem wir beim Memorandum ausgegangen sind: von den Bewohnern ausgehend, von ihrer Lebensrealität auszugehen, angereichert durch das, was Sie mir hier an Ideen und an Erfahrungen während den Hospitationen genannt haben, also das, was Sie hier selber für möglich halten.

Das Problem liegt in der großen Komplexität aller vorhandenen Bereiche, so daß niemand alles überschaut. Damit ist eine komplizierte Problemlage gegeben - nicht nur historisch gewachsen, sondern von der Struktur her insgesamt.

Die Problemlage entspricht noch in Teilen der, wie sie im Mauthe-Gutachten genannt wurde und auch zum Teil noch den Denkstrukturen, die wir im Memorandum angesprochen haben. Natürlich hat sich auch einiges geändert, das ist nicht zu übersehen. Wir sind aber auch in der Situation, daß sich einiges ändern muß; denn wir haben, u.a. wegen der Sondervereinbarung, nicht mal mehr vier Jahr Zeit für diese Reform. Und jeder Mensch, der sozialpolitisch denkt, weiß, daß mit dieser Sondervereinbarung das äußerste erreicht wurde, was erreicht werden konnte. Wir wissen, daß es nach diesen vier Jahren ganz anders aussehen kann und vermutlich auch wird, wenn wir uns nichts außerordentliches einfallen lassen. Das heißt, wir sind zur Reform aus verschiedenen Gründen gezwungen:

  1. ... wegen der BewohnerInnensituation - für die muß sich etwas verbessern,

  2. ... aufgrund der eigenen Situation, denn wenn die Reform gelingt, bleiben Arbeitsplätze erhalten - wenn nicht, werden auch Arbeitsplätze verloren gehen;

  3. ... wegen der gesamten Versorgungslage in Niedersachsen, denn wir hier in Lilienthal sind diejenigen, die Eckwerte setzen (u.a. wegen dem hohen Pflegesatz hier) und möglicherweise auch in Zukunft setzen werden.

Das ist der Hintergrund, vor dem wir uns befinden. Und aus diesem Hintergrund heraus werde ich Ihnen jetzt als erstes die Problemlage darstellen, so wie ich sie vorgefunden habe. In einem 2. Teil möchte ich Sie mit einer Reihe von Vorschlägen bekannt machen, die aufzeigen werden, was wir ändern könnten. Sie sind Ihnen zum Teil aus unseren Diskussionen schon bekannt.

Problemlagen

1. Ich denke, der Grundfehler in dieser Einrichtung ist der, daß über lange Jahre sogenannte "Fite" und sogenannte "Schwerstbehinderte" voneinander getrennt wurden. Es hat damit ein innerer Selektionsmechanismus stattgefunden mit der Zielsetzung, die einen möglichst nach draußen zu bekommen, während die anderen vornehmlich in Haus 16 gelandet sind. Ich sage nicht, das dies bewußt geschehen ist, sondern solch ein Prozeß entsteht aus einer bestimmten Logik, die Institutionen dieser Art besitzen. Wenn diese Logik nicht begriffen und ihr nicht entgegensteuert wird, entsteht solch ein innerer Selektionsmechanismus.

2. Und diese Logik, die wir jetzt auf der Gruppenebene oder auf anderen Organisationsebenen ein Stück weit finden, wiederholt sich hier natürlich auch in den Verkehrsformen. Es gibt einfach - so ist mir verschiedentlich berichtet worden - Gerüchte über bestimmte Gruppen, die schon lange nicht mehr der Wirklichkeit entsprechen. Die Gruppen haben sich weiterentwickelt und trotzdem werden die Gruppen so behandelt oder wahrgenommen, als ob sie so wären, wie sie mal gewesen sind. Es gibt Ausgrenzungsmechanismen gegenüber bestimmten Bewohnerinnen und Bewohner. Wenn diese über das Gelände gehen oder irgendwo auftauchen, werden sie ganz unterschiedlich behandelt. Das heißt, wir reproduzieren hier innen etwas, was diese Leute vielfältig erfahren haben, bevor sie zu uns gekommen sind und was auch ihre gesellschaftliche Realität darstellt: Sie werden in extremer Weise ausgegrenzt. Dieser Mechanismus ist Bestandteil unserer Problemlage. Er hat sich als Ausgrenzung hier auf dem Gelände und zwischen den Gruppen wiederholt.

3. In der Struktur, wie sie momentan vorhanden ist, arbeiten die verschiedenen Bereiche weitgehend oder zum Teil fast völlig getrennt voneinander:

Die Gruppen arbeiten getrennt von den Diensten, also vom Förderbereich und vom Bewegungsbereich

Die Gruppen arbeiten untereinander getrennt

Die Gruppen arbeiten mit einer deutlichen Trennung gegenüber Eltern und BetreuerInnen. Das hat in diesem System gravierende Lücken in der Versorgung entstehen lassen. Oft waren die Angebote für einzelne BewohnerInnen nur personenbezogen. Wenn die entsprechenden Leute dann beispielsweise gekündigt haben, brachen die Angebote zusammen, d.h. sie waren nicht durch Strukturen abgesichert. Das bedeutet natürlich einiges. Es bedeutet schon für uns etwas, irgendwo "sitzengelassen" zu werden, aber Menschen, die immer wieder "sitzengelassen" werden, die können das nur gegen sich selber wenden und sich bewußt oder unbewußt fragen: "Was bin ich eigentlich für ein mieser Mensch, daß mich schon wieder jemand sitzen läßt?" Das heißt also, es sind auch für die Bewohnerinnen und Bewohner höchst schädliche Erfahrungen, die aus solchen Trennungen von Förderungs- und Betreuungssystemen resultieren. Das hat etwas damit zu tun und findet sich darin wieder, daß in den letzten Jahren die Unlösbarkeit der Probleme in der alten Struktur kumuliert ist, d.h. in der Überhierarchisierung unserer Einrichtung.

Insbesondere ballt sich diese Überhierarchisierung bei den Wohnbereichsleitungen. Nicht weil die Wohnbereichsleitungen das wollen, sondern weil sie zwischen den Strukturen stehen und zunehmend in die bürokratische Verantwortung hineingezwungen und aus der pädagogischen Verantwortung herausgenommen wurden. Das ist eines der großen Strukturprobleme hier. Aber nicht nur bei den Wohnbereichsleitungen ist dieses Problem auffindbar, sondern insgesamt ist es ein Problem der Überhierarchisierung und des Lösens der Probleme durch soziale Kontrolle. Dieses Phänomen gehört zur Geschichte dieser Einrichtung.

Das wirkt sich aus im Betriebsklima, welches im Mauthe-Gutachten als katastrophal geschildert wurde. Ich rede jetzt nicht von dem Engagement der einzelnen Kolleginnen und Kollegen. Das habe ich überall gespürt. Aber ich rede von dem, was mir gesagt worden ist: daß zum Teil totale Hoffnungslosigkeit bestehe, daß Leute zum Teil gesagt haben: "Ich mag mich nicht mehr öffnen weil ich glaube, daß ich mir doch nur wieder eins einfange"; es zeigt sich in Äußerungen, die sehr häufig kamen: "Die da oben interessieren sich überhaupt nicht für uns", oder in Äußerungen, aus denen zum Ausdruck kam, daß die MitarbeiterInnen sich in keiner Weise wertgeschätzt fühlten.

Das alles sind einzelne Teile, die noch aus dieser Vergangenheit in die Gegenwart ragen und wir können nicht so tun, als ob diese Problemlage jetzt nicht mehr existiert.

Auch der schlechte Ruf, den diese Einrichtung gehabt hat, ist noch vorhanden. Er wird - so hat mir beispielsweise Herr Kaiser (Sozialdienst) berichtet - in der Korrespondenz mit anderen Einrichtungen erfahren und zeichnet sich auch auf dem Stellenmarkt ab, d.h. die Lage ist noch nicht dahingehend umgeschlagen, daß nun Lilienthal ein Beispiel wäre, wo man sich gerne bewirbt. Das also zu den Problemlagen.

Methodisches Vorgehen

Bevor ich Sie jetzt mit einzelnen Vorschlägen vertraut mache - ich habe versucht, sie zu systematisieren, soweit das bei so einer komplexen Sache überhaupt gelingt - noch mal zu meinem eigenen Vorgehen. Ich bin so vorgegangen, daß ich zunächst unterstellt habe (und man darf auch nichts anderes), daß Sie die ExpertInnen für die Lösung der Probleme sind. Das hieß für mich: Wenn ich klug genug frage, bekomme ich auch kluge Antworten. Auch wichtig war natürlich die Struktur, längs derer ich frage. Und die Struktur war die Struktur der Probleme der Bewohnerinnen und Bewohner, die ich, genauer genommen, als unsere Probleme identifiziere.

Es sind vorrangig unsere Verstehensprobleme, mit diesen Menschen nicht umgehen zu können. Das ist auch erst einmal der Grund, weshalb BewohnerInnen überhaupt hier sind und weshalb wir dann an bestimmten Stellen Probleme haben und BewohnerInnen als aggressiv und autoaggressiv (oder wie auch immer) wahrnehmen, und nicht sehen, daß das die Folge eines historischen Prozesses ist, in dem - wenn wir unter gleichen Bedingungen hier eingetreten wären - ich z.B. für mich nicht sicher wüßte, ob ich so stabil wäre, wie verschiedene Bewohnerinnen und Bewohner es sind.

Das war also die Methode: Einfach nachzufragen nach dem, was Sie wissen. Das haben wir zusammen, so weit es ging, bewohnerInnenbezogen getan. Es war meine Anregung, in diesen Gesprächen zu versuchen, sich den Kopf frei zu machen von den finanziellen Grenzen; und wir haben dann einfach mal gefragt, was eigentlich sein müßte. Und von da aus versuchten wir, Lösungen zu finden. Ich habe qualitativ geforscht, also nach den dazu notwendigen Qualitäten gefragt. Es war keine quantitative Fragestellung, aber quantitativ war schon interessant festzustellen, daß ein Großteil der Bewohnerinnen und Bewohner nichtsprechend ist, daß hier auch sehr viel Blinde-Nichtsprechende und auch einige Taubblinde leben. Das ist zur Zeit alles nicht in Zahlen erfaßt, aber diesen quantitativen Aspekt hat das Problem natürlich auch und dem muß irgendwo Rechnung getragen werden, und in vielen anderen Bereichen von Quantitäten auch.

Vorschläge zur Neuorientierung

Ich sagte schon, daß wir aus den schon genannten Gründen sozusagen zum Erfolg gezwungen sind, v.a. bezüglich der Sondervereinbarung, wonach es bedeutsam ist, wie es in 4 Jahren aussehen könnte. Und ich denke, daß wir einen sehr deutlichen Reformspielraum haben. Ich dachte erst, als ich anfing, Gruppe für Gruppe durchzugehen, daß ein Reformversuch eine Art Himmelfahrtskommando sei. Meine Meinung hat sich Stück für Stück geändert und mit Ihnen zusammen habe ich eine Reihe Strukturen identifizieren können. Wenn wir diese alle zusammenbringen und beachten, denke ich, haben wir eine Chance. Es ist aber nicht so, daß wir an einer Stelle irgendeinen großen Hebel hätten. Wir haben viele kleine Hebel, die am jeweiligen Arbeitsplatz anzusetzen sind und natürlich sind einige grundsätzliche Umstrukturierungen notwendig. Davon will ich jetzt reden.

Zentral ist dabei ein Ausgangspunkt, den man als Umdenken benennen kann. Ich würde ihn mit der Überschrift "Anerkennung statt Mitleid" kennzeichnen. Was meine ich damit? Versetzen wir uns in die Lage derer hier, die als Bewohnerinnen und Bewohner hier sind. Versuchen wir uns in ihre Geschichte reinzuversetzen. Versuchen wir zu fragen: Wie würde es denn uns gehen, dauernd Trennungserfahrungen ausgesetzt zu sein? Wie würde es uns gehen, nicht über Sprache zu verfügen und dauernd nicht verstanden zu werden? Wie würde es uns gehen, wenn wir für die Reste, durch die wir unsere Persönlichkeit ausdrücken können, mit Begriffen wie "Aggressivität" oder "Autoaggressivität" (oder was immer) noch weiter stigmatisiert würden?

Da hilft also kein Mitleid und das Gefragte einfach nur hinnehmen, sondern es hilft Anerkennung, indem wir uns zu dem Standpunkt durcharbeiten, daß wir es genau so sein könnten und dann das Recht darauf hätten, human angenommen zu werden. Dieses Recht klagen die Leute ein, die jetzt als BewohnerInnen hier sind.

Wenn man sich auf diesen Standpunkt einläßt - und der hat viel für sich, weil er sich auch in vielen, höchst unterschiedlichen, Einzelproblematiken als menschlich und auch fachlich angemessen zeigt - dann muß man erst einmal grundsätzlich umdenken. Nicht mehr die "Fitesten" dürfen im Mittelpunkt unseres Denkens stehen. Vernachlässigen dürfen wir sie deswegen auch nicht, das ist klar! Jedoch die schwer Hospitalisierten müßten im Mittelpunkt stehen! Ich spreche ausdrücklich von "schwer Hospitalisierten", weil ich den Begriff Schwerbehinderte oder Schwerstbehinderte hier für falsch halte.

Wenn Sie sich vorstellen, daß die Menschen, die heute hier leben, in die Frühförderung gekommen wären (fachliche Unterstützung/ integrierte Kindergärten u.s.w.), würde keiner von ihnen diese Bilder zeigen, die sie heute zeigen. Bis hin dazu, annehmen zu müssen, daß selbst Probleme wie der zunehmende Abbau bei geistig behinderten epileptischen Patienten auch eher ein Resultat dieser langfristigen Hospitalisierung ist als von zugrundeliegenden organischen Prozessen. Es ist dies nicht meine Idee, sondern ein medizinischer Kollege hat mich in einer brieflichen Diskussion darauf aufmerksam gemacht, nachdem er einen Aufsatz zur Epilepsie von mir zuvor gelesen hatte. Und ich denke, er hat recht.

Wenn wir uns das alles vor Augen halten, ist es kein biologisch harter Kern, sondern es ist ein sozial geschaffener harter Kern, zu dessen Aufrechterhaltung beiträgt, ob wir ihn weiterhin als harten Kern definieren oder ob wir sagen: "Wir sind veränderungsfähig, denn in uns liegt der harte Kern." "Wir sind bereit zu lernen und zwar unter dem Gesichtspunkt, daß für alle Menschen Anerkennung die Grundbedingung ist." Dazu kann man einiges tun.

Rundtischgespräche, bewohnernahe Aktenführung auf der Wohngruppe und bewohner- und wohngruppenbezogene Organisation der kooperierenden Dienstleistungen

Überall konsensfähig in den Gruppen war, bewohnerbezogene Rundtischgespräche mit allen Beteiligten einzuführen - nicht nur mit den MitarbeiterInnen der Gruppe, sondern auch mit denen aus den Diensten außerhalb der Gruppe und auch, wenn möglich, mit Eltern und Betreuern. Diese Gespräche sind notwendig, damit die Bewohnerinnen und Bewohner Stück für Stück ihre eigene Geschichte wieder bekommen. Das bedeutet natürlich auch eine bewohnernahe Aktenführung auf der Wohngruppe, damit überhaupt bewußt wird, mit wem ich es zu tun habe und auch das eigene Unverständnis überwunden werden kann.

Das bedeutet eine entsprechende Umorganisation der Dienste in der Verwaltung, an verschiedenen Teilen des Organigramms und vorrangig im Bewegungsbereich und im Förderbereich, damit diese Dienste eine Unterstützung der Wohngruppen leisten können und damit sie bewohnernah und gruppenbezogen Leistungen erbringen können.

Wenn man sich auf diesen Grundgedanken, so wie er bisher skizziert wurde, einstellt, dann stehen die Wohngruppen im Mittelpunkt unserer Arbeit. Denn in den Wohngruppen findet der Alltag der Bewohnerinnen und der Bewohner statt und die Wohngruppen selbst müssen unterstützt und kompetent gemacht werden.

Vorrangige Unterstützung der Arbeit mit schwer Hospitalisierten und Unterstützung von septischen Gruppen

Zunächst einmal bedeutet dies im Einzelnen: Feste Kerne in den Gruppen stärken, d.h. gerade jetzt bei der Umstrukturierung der Wohnbereiche darauf achten, daß funktionierende Kerne von Gruppen nicht zerschlagen werden, weil wir sonst Gruppen in einen Zustand der Sepsis (Vergiftung) bringen würden. Das ist ein Wort von Fritz Redl[1], der mit schwer verhaltensgestörten Kindern in den USA gearbeitet hat. Er verwendet das Wort "Sepsis", wenn sich Gruppen in den Zustand von gegenseitigem Chaos versetzen. Sie wissen, daß wir einige Gruppen haben, in denen das regelmäßig noch passiert. Das sind Gruppen, die besonderer Hilfe bedürfen, um überhaupt Stabilität in die Gruppe reinzubringen. Zum Teil ist das schon durch gezielte Beratung mit Dr. Kutscher erfolgt.

Aber solche Störungen in den Gruppen zeigen sich nicht nur als Verhaltens-Chaos, das ist nur die eine Form. Dort, wo die Menschen sehr viel schwerer hospitalisiert sind und sich auf diese eben erwähnte Weise nicht ausdrücken können, insbesondere im Haus 16, zeigen sich solche tiefgreifenden sozialen Vergiftungserscheinungen auf andere Weise, insbesondere in Eßstörungen, Erbrechen und vielen anderen psychosomatischen Reaktionen.

Wir müssen also bei der Konsolidierung darauf achten, daß diejenigen Gruppen, in denen solche Zustände wie Verhaltenseskalationen und derartige psychosomatische Probleme vorherrschen, vorrangig und dringend unterstützt werden. Überhaupt sollte es das Prinzip sein - wenn wir eine Reform wollen - die Unterstützung dorthin zu zentrieren, wo die schwierigsten Probleme vorzufinden sind. Erstens lösen wir sie damit ein Stück weit und zweitens lernen wir dort am meisten. Die Erfahrungen der Blankenburg-Auflösung zeigen ja auch, daß die Unterlassung dieses Prinzips ein Grundfehler war. Man hat die "Fiten" herausgeholt und stand dann vor dem Problem, daß plötzlich Gruppen, die vorher funktioniert hatten, nicht mehr funktionieren konnten, weil man die Hospitalisierung der anderen verschärft hatte.

Wenn wir uns aber im Denken von vornherein auf die schwerst Hospitalisierten beziehen und dort versuchen, schwerpunktmäßig anzusetzen, werden wir am meisten lernen und die praktischen Probleme auch am schnellsten lösen. Dazu ist das wichtigste Medium, daß alle Beteiligten an einen Tisch kommen, also die Rundtischgespräche - ich habe schon gesagt, wer da alles dran teilnehmen kann - und da sollten wir jeweils bei dem schwierigsten Problem beginnen. Das schwierigste Problem ist immer das Problem, welches wir am schlechtesten verstehen. Dazu ist z.T. Unterstützung von außen notwendig. Aber meiner Erfahrung nach kann ein solcher Prozeß, wenn er erst mal in Gang gekommen ist, sehr schnell gelernt werden. Es sind viele kompetente Leute hier im Haus, so daß nicht sehr lange in allen Fragen Unterstützung von außen notwendig ist.

Nutzung und Unterstützung vorhandener Kompetenzen

Meine Erfahrung hier ist auch, daß in vielen Gruppen Kompetenzen vorhanden sind, die in anderen Gruppen benötigt werden, aber nicht abgerufen werden, und umgekehrt. Es gibt Gruppen, die z.B. Erfahrungen mit einem strukturierten Tagesablauf haben. Es gibt Gruppen, die Erfahrungen haben mit einem nicht repressiven Umgang mit Verhaltensstörungen. Es gibt Gruppen, die Erfahrungen haben im "Aufbau von Essen" und weggekommen sind von der Sonde, usw..

Es gibt überall Kompetenzen, die an anderen Stellen noch gebraucht werden. Damit spricht also erstens nichts dagegen, bei Rundtischgesprächen sich auch immer umzusehen, wer schon einmal ein vergleichbares Problem hatte und dann nachzufragen, wie es gelöst wurde. Und zum Zweiten kommt hinzu, daß das, was in der Gruppe noch nicht als Kompetenz vorhanden ist, natürlich gelernt werden kann. Alle Gruppen sollten in die Lage versetzt werden, möglichst viel und schnell zu lernen, d.h., die Fortbildung muß entsprechend so zugeschnitten werden: Ein zentrales Instrument für die Fortbildung sind natürlich gleichzeitig die Rundtischgespräche, denn wenn bei Bewohnerinnen oder Bewohner irgendwo ein Problem auftaucht (Aggressivität, Autoaggressivität, Epilepsie oder ähnliches) wird es immer auch ein Stück fachliche Diskussion sein, bis man klar hat, bis man mit eigenen Mitteln begriffen hat, was mit dem Menschen los ist oder warum diese Person das gerade macht.

Darüber gehört natürlich eine zweite Fortbildungsebene, die nicht nur problembezogen in Gruppen angelegt ist, sondern allgemeine Themen abhandelt. Man darf diese zweite Ebene nicht losgelöst von der ersten, gruppenbezogenen Ebene betrachten. Ich nenne und erläutere im folgenden nur die Themen und Fragen, die mir bei den Gesprächen genannt wurden (sicherlich gibt es noch weitere):

Das neue Betreuungsgesetz - Wie haben wir uns aus dieser Sicht zu verhalten?

Sexualität, sexuelle Gewalt - Verschiedene Bewohnerinnen, das zeigt die fachliche Diskussion schon heute, sind Opfer sexueller Gewalt gewesen. Aufgrund der Studien, die wir aus Großbritannien kennen, müssen wir annehmen, daß es sehr viel mehr Opfer sind, als wir es bisher wissen, und daß es auch nicht nur Frauen, sondern auch Männer sind. Das aufzudecken und in einer vorsichtigen Weise zu bearbeiten, so daß Leute wieder lernen können, ist eine ganz wichtige Aufgabe, weil solche Gewalterfahrungen oft über Jahre hinaus jedes Lernen blockieren.

Begriffsklärungen: Aggression, Autoaggression, autistische Züge - Sehr oft ist von autistischen Zügen gesprochen worden. Was verbirgt sich eigentlich dahinter? Was meinen wir damit? Oder Blindheit und schwere Behinderung, was bedeutet das für den Lernprozeß? Oder mehrmals ist das Wort Schizophrenie benutzt worden und es ist von Psychosen gesprochen worden. Was verbirgt sich eigentlich an Realität dahinter? In welchem Sinne helfen diese Begriffe, um jemanden zu begreifen? Oder benutzt man diese Begriffe oft nur, um abzuschalten, oder stellt man gar diesen Begriff stellvertretend hin für die fehlende Lösung eines Problems und stigmatisiert auf diese Weise?

Mitleid und Anerkennung - es besteht der deutliche Wunsch nach einer öffentlichen Diskussion zu diesem Thema. Dazu bereiten wir vor, daß möglicherweise von den Damen und Herren aus Vorstand und Aufsichtsrat auch mit diskutiert wird, denn das Thema beinhaltet auch eine Grundsatzdiskussion um den diakonischen Auftrag, den diese Einrichtung hat, und an den man, glaube ich, sie manchmal zu Recht erinnern darf.

Supervision - Supervision unter den Bedingungen wie hier, kann weder reine Fachberatung heißen, noch kann sie reine Bearbeitung der Probleme der Mitarbeiter heißen, sondern sie muß dazwischen liegen. Supervision muß Übersetzungsarbeit in den Alltag leisten, zu der die Mitarbeiter untereinander/ Mitarbeiter zu den Bewohnern/ Bewohner mit Mitarbeiter(n) nicht mehr in der Lage sind. Solche Strukturen sollten es wohl sein - so jedenfalls die Diskussion dort, wo Supervision schon mal stattgefunden hatte unter jeweils positiven oder negativen Auswirkungen, die ich von Kolleginnen und Kollegen gehört habe.

Das zu den allgemeinen Fortbildungsthemen.

Der Kommunikationsbereich

Die Wohngruppen in den Mittelpunkt stellen würde bedeuten, gezielt bestimmte Themenbereiche zu bearbeiten, wobei der folgende Themenbereich mir am deutlichsten zeigt, daß wir einen sehr großen Spielraum für Reformen haben: Ein ganz erheblicher Teil der Bewohnerinnen und Bewohner ist nichtsprechend. Es sind wohl weit über die Hälfte aller BewohnerInnen. (Ich habe es aber nicht ausgezählt; das wäre eben die quantitative Seite einer Erhebung, die man irgendwann noch mal nachtragen müßte.) Darunter ist ein erheblicher Teil nichtsprechend und blind und immerhin - das ist unterdessen erhoben worden - haben wir 11 BewohnerInnen, die taubblind sind.

Dies sind also jeweils ganz besondere Kommunikationsprobleme, und wir müßten dort, wo die Sprache aus spezifischen Gründen von den Leuten nicht bewältigt wird, alternative Systeme der Kommunikation einführen und anbieten müssen. Die Bliss-Symbolik ist ein erprobtes System, mit dem man relativ schnell einiges erreichen kann, relativ schnell, d.h. im Zeitraum von zwei, drei Jahren. Für einige wird man auf Gebärdensprache-Systeme zurückgreifen müssen. Für andere bietet sich durchaus, in dem einen oder anderen Fall, klassische Logopädie an und für wiederum andere ist im praeverbalen Bereich der Aufbau von Kommunikation i.S.v. elementarem Dialog angezeigt, bei dem BewohnerInnen erleben können, daß das, was sie selber tun, (wieder) aufgenommen wird; sie erfahren, daß hier eine belebte Umwelt ist, die anders reagiert als man bisher erwarten durfte.

All dieses ist hier in Lilienthal machbar, weil zu fast allen Fragen in Bremen "und umzu" qualifizierte Leute sind, die in der Anfangsphase Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stützen könnten, bis solche Kommunikationssysteme ein fester Bestandteil sind. Dieses würde natürlich einen erheblichen Teil an Problemen beseitigen; denn wer sich ausdrücken kann, wer sich verständlich machen kann, ist nicht so frustriert - das wissen wir alle selber - weil er verstanden wird. Es käme dadurch "Ruhe in den Betrieb rein" und es kämen wahrscheinlich eine Reihe von Kompetenzen bei BewohnerInnen heraus, die wir heute noch nicht kennen.

Vor allem, wenn wir dies mit dem zweiten Problem verbinden: Auf allen Ebenen, von den sogenannten Fiten, bis hin zu den schwer Hospitalisierten, sind tiefe Identitätsstörungen, vielfältige Trennungserfahrungen und vielfältige Kränkungen vorhanden, die berücksichtigt werden müssen und erkannt werden müssen, damit die Menschen Verständnis finden können und aufgebaut werden.

Ich halte nicht viel davon - obwohl ich das Geschäft kann und weiß wie es geht - für solche Erfahrungen eine besondere Therapie zu machen (wo es nötig ist, sollte es vielleicht auch mal geschehen). Vor allen Dingen ist es wichtig, im Gruppenalltag ein neues Grundverständnis im Umgang mit diesen Trennungserfahrungen zu finden.

Der Bereich der Beschäftigung

Ein Bereich, der ganz und gar unterentwickelt wirkt, ist der klassische ergotherapeutische/ beschäftigungstherapeutische Bereich. Zwischen den Wohngruppen einerseits und dem, was im Förderbereich/Arbeitsbereich mit Müh' und Not immer gerade geschehen kann, klafft ein großes Loch bezogen auf die traditionellen ergotherapeutischen Angebote. Solche Angebote könnten in die Wohngruppen hineingenommen werden, wenn man die Wohngruppen dahingehend unterstützen würde und ihnen aufzeigen würde, was sie z.B. nachmittags mit den BewohnerInnen machen könnten. Das wäre also ein Bereich, der, so weit wie wir es können, systematisch auszubauen wäre.

Sie werden jetzt schon zwischendurch anfangen zu fragen, was bräuchten wir dazu an zusätzlichem Personal. Es gibt aber auch verschiedene Wege, uns durch Kooperationsbeziehungen nach außen personell zu entlasten, von denen werde ich noch in einem gesonderten Punkt reden.

Wichtig ist noch, daß wir für alle Bewohnerinnen und Bewohner ein wohngruppennahes und bewohnernahes Bewegungsangebot aufbauen müssen. In Bewegungsangeboten sind eine Reihe von Bewohnerinnen und Bewohner restlos unterversorgt. Die Krankengymnastik reicht hinten und vorne nicht. Es ist so, als wenn wir in einem Bett liegen und eine Bettdecke haben, die gerade Taschentuchgröße hat und egal, wo wir sie hinziehen, sie reicht nie fürs ganze. So ungefähr kommt mir die Situation im Bewegungsbereich vor.

Wir haben darüber diskutiert und sehen trotzdem eine Menge Möglichkeiten, und zwar die systematische Nutzung des Schwimmens und der Psychomotorik für die schwer Hospitalisierten (Haus 16 und andere). Das bedeutet, daß wir einen Personenkreis von Laienhelfern einwerben müßten, die dafür sorgen, daß die Leute auch zu den Aktivitäten hinkommen können, denn die WohngruppenmitarbeiterInnen können das nicht zusätzlich leisten. Aber das ist erst mal ein auszugrenzendes Problem. Es heißt nicht, daß es prinzipiell nicht geht, sondern daß wir eine bestimmte Lösung finden müssen, um dort weiterzukommen.

Zumindest im Bewegungsbereich ist es vorstellbar, daß wir bewohnernah für sehr viele BewohnerInnen Bewegungen anbieten, daß zudem auch die Wohngruppen Kompetenzen erhalten können. Bewegungen anzubahnen bedeutet manchmal, nur Kleinigkeiten verändern zu müssen. Wenn sie erst mal eingeübt sind, dann klappt es auch. Und dies hätte zur Folge, daß natürlich die Krankengymnastik sehr viel gezielter und nicht nach dem Gießkannenprinzip stattfinden könnte. Ich denke, daß hier eine deutliche Verbesserung erreicht werden könnte.

Auch der Förderbereich müßte zum Teil unmittelbar in die Gruppen hineinarbeiten und die Gruppen jeweils in ihren Kompetenzen stärken. Etwa für einige blinde Menschen zeigt es sich, daß es für die weitere Entwicklung, d.h. um Fähigkeiten aufzubauen, sinnvoll wäre, kochen zu lernen. Für Blinde kochen zu lernen heißt natürlich, in der Wohngruppe kochen zu lernen, wo sie die Dinge kennen, wo sie nicht alles neu kennenlernen müssen. Also müßten zum Teil MitarbeiterInnen aus dem Förderbereich systematisch mit in den Wohngruppen arbeiten. Wenn dann gesehen wird, was die FörderbereichsmitarbeiterInnen machen, kann das auch schnell in den Alltag der Gruppe übergehen, d.h. dann kann man das auch selber als Wohngruppenmitarbeiter ein Stück weit. Das muß natürlich geschehen, ohne daß sonst die Förderung zusammenbricht. Das ist alles zu bedenken. Aber wenn wir das Angebot generell anders ausrichten, müßte es m.E. möglich sein.

Die Gruppe der schwer Hospitalisierten

Die Gruppe der schwer Hospitalisierten läßt sich in zwei Untergruppen unterscheiden. Es sind zum einen diejenigen mit Unterbringungsbeschlüssen nach dem Betreuungsgesetz und zum anderen diejenigen ohne Beschluß. Wir müssen uns hier sehr schnell auf das Betreuungsgesetz einstellen, das vorsieht, daß nur mit richterlichem Beschluß hinter jemandem die Tür verschlossen werden darf.

Das bringt uns aber eine Menge von Problemen. Denn wenn das hart gehandhabt würde, könnten schon jetzt eine Reihe von Gruppen auseinanderfliegen und diejenigen BewohnerInnen mit Beschluß kämen zentriert in eine "Knast"-ähnliche Situation, wo kaum noch was zu machen wäre, weil sich dort die Probleme furchtbar anhäufen würden.

Wir müssen also zusehen, daß wir an diesen Problemen schwerpunktmäßig arbeiten und daraufhin die Gruppen, in denen Menschen mit Unterbringungsbeschlüssen leben, vorrangig unterstützen, um dort ein Stück weiter zu kommen. Und wir müssen dann natürlich mit der Justizbehörde und dem Vormundschaftsgericht entsprechendes aushandeln, daß wir in einer gewissen Weise erst mal so weiterarbeiten können, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Zumindest sollte toleriert werden, was wir hier machen, damit auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht dauernd mit einem drohenden Gerichtsbeschluß im Nacken herumlaufen müssen und vor Angst nichts mehr wagen.

Auch hier zeigt sich, daß eine Menge möglich ist. Ich sage das deshalb, weil wir in den Gesprächen gerade oft den größten Teil des Gespräches auf solche Personen bezogen geführt haben und meistens doch einige Ansatzpunkte gefunden haben, die vorher nicht gesehen wurden.

Und schließlich muß dieses alles von außen systematisch koordiniert werden. Denn die Gruppen alleine können das nicht koordinieren. Sie können jeweils ihre Ansprüche nennen, aber die Dienste und die gesamte Zuarbeit muß koordiniert werden.

Zum Teil werden die Wohnbereichsleitungen dann eine andere Rolle übernehmen müssen. Es böte sich aber auch an, den Sozialdienst als Führungsinstrument zu nehmen, zumal Herr Kaiser mit der Koordination der ISB in Bremen schon ähnliche Koordinationserfahrungen hat.

Sie sehen, ich spreche damit schon an, daß sich noch einiges auf der Organisationsebene ändern muß, damit die Hospitalisierten im Mittelpunkt stehen können und damit einhergehend die Wohngruppen im Mittelpunkt stehen können. Es wird notwendig, daß - meiner Auflistung nach zu fünf Aspekten (sicherlich könnte man noch mehr benennen) - systematische Änderungen eingeführt werden.



[1] Buchempfehlung: Fritz Redl/ David Wineman: Steuerung des aggressiven Verhaltens beim Kind. München 1986.

Notwendige Änderungen

Ich nenne die Aspekte zuerst (einiges hatte ich schon angesprochen) und erläutere sie dann

  1. Entbürokratisierung und Enthierarchisierung

  2. Neuorganisation der Dienste

  3. Einwerbung zusätzlicher personeller Ressourcen durch Kooperationspartner von außen

  4. Umgestaltung im Gelände

  5. Veränderung der Kontakte zum Ort

1. Entbürokratisierung und Enthierarchisierung

Der neuralgische Punkt, also der Kippe-Punkt, in Einrichtungen dieses Typs ist das Verhältnis von persönlicher Verantwortung und bürokratischer Verantwortung.

Bürokratische Verantwortung bedeutet: "Der Laden muß irgendwie laufen", die Gelder müssen hereinkommen, es muß doch alles so normal wie möglich aussehen, daß wir auch von außen anerkannt werden .....

Persönliche Verantwortung heißt manchmal genau das Gegenteil: Wir müssen auch mal ein Chaos wagen, wir müssen ein Risiko eingehen, damit es mit einer Person weitergeht .....

Sobald Einrichtungen in ihrem Verwaltungsapparat eine bestimmte Größe erreichen, führt das dazu, daß MitarbeiterInnen, die bewohnerbezogene Qualifikationen aufweisen, gleichzeitig in den Verwaltungsapparat einbezogen werden, also bürokratische Verantwortung übernehmen. Schon gar wenn es so aussieht, als ob die Basis aus dem Ruder zu laufen droht. Das war in unserer Einrichtung der Fall. Und dann versuchte man, dies mit Kontrolle zu lösen, was aber bedeutet: Bürokratisieren und rausgehen aus persönlicher Verantwortung. Das sind allgemeine Strukturprobleme von modernen Gesellschaften und insbesondere noch mal von totalen Institutionen wie diese Anstalt eine ist.

Deshalb muß bei der Reform darauf geachtet werden, daß auch alle Leute auf Leitungsebene soweit wie möglich in persönliche Verantwortung eingebunden sind, zum Teil auch durch Veränderung des Organigramms und der Anlage der verschiedenen Dienste.

Ich denke, gerade für die Wohnbereichsleitungen ist das höchst wichtig, weil sie in eine Position gedrückt worden sind, die ihnen auch nicht gefallen kann. Es sind immer die mittleren Hirarchieebenen in solchen Betrieben, die dann besonders zur Bürokratisierung benutzt werden, wenn man sie eigentlich besonders zur Unterstützung der Gruppen und zur praktischen Arbeit nützen müßte. Da sind deutliche Änderungen im Organigramm notwendig. Aber nicht nur das.

Damit dies funktioniert und damit solche oben beschriebenen Typen von Verantwortung sich nicht wieder trennen, braucht man eine pluralistische Rückkoppelung zwischen oben und unten. Also darf es nicht nur über die Wohnbereichsleitungsebene von oben nach unten und von unten nach oben laufen, sondern man braucht Ebenen daneben. Das kann die Fachplanungsebene für Konflikte pädagogischer Art sein die Befugnis bedeuten, Konflikte direkt nach oben weitergeben zu können, wenn sie nicht lösbar zu sein scheinen, und es könnte schließlich ein Ombudsfrau/Ombudsmann-System sein, wo jemand frei gestellt wird, einfach als offenes Ohr für die Kolleginnen und Kollegen zu fungieren, die/der durch diese Aufgabe einen direkten Kontakt zur Leitung hat und Probleme unmittelbar weitergeben kann.

Das sind also drei Strukturen, die man m.E. mindestens braucht, um eine pluralistische Rückkoppelung von oben nach unten und von unten nach oben zu haben.

Für die Wohnbereichsleitungen habe ich schon gesagt, daß da deutliche Entlastungen in bürokratischer Hinsicht notwendig ist und eine deutliche Einbindung in die inhaltliche Seite des Reformprozesses. Die Wohnbereichsleitungen sind nun die einzigen, mit denen ich noch nicht extra diskutiert hatte, weil wir uns auch schon im Auswertungsgespräch gesehen hatten und dann immer jemand krank war. Aber nachdem, was ich bisher zurückgemeldet bekommen habe, stellen sie sich bestimmt nicht quer, wenn in diese Richtung eine Entwicklung erfolgt.

Schließlich kann man eine Menge Organisation auch vereinfachen und auf der Gruppenebene mit abdecken, wie das von einzelnen Kollegen schon erarbeitet wurde. Hier verfügen wir bereits auch an anderen Stellen über nutzbare Erfahrungen.

Das also zu diesen Hierarchieumstrukturierungen.

2. Neuorganisation der Dienste

Zur Neuorganisation der Dienste habe ich schon verschiedenes gesagt. Wichtig ist es, daß die Dienste nicht mehr nur auf der personellen Ebene Angebote absichern, sondern auch strukturmäßig absichern. Das heißt, in der Vergangenheit sind oft Förderungen abgebrochen worden, weil die entsprechenden MitarbeiterInnen weggegangen sind, d.h. gekündigt haben oder sich irgend sonst etwas geändert hat. Die Bewohnerinnen und Bewohner saßen dann mit neuen Trennungserfahrungen da.

Es muß eine Struktur geben, die sichert, daß angefangene pädagogische und therapeutische Prozesse auch jeweils zu Ende geführt werden. Wir sind natürlich auch hier in dieser oben erwähnten "Bett/Taschentuch"-Situation, d.h. egal, wo wir das Taschentuch hinziehen, überall ist es zu knapp. Die kooperierenden Dienste müssen vor allem auch die WohngruppenmitarbeiterInnen mit qualifizieren, damit diese das eine oder andere selbst mit sehen und beachten können, und die Dienste müssen vor allem auch immer den Wohngruppen - über die Möglichkeit der Rundtischgespräche koordiniert - bestimmte Maßnahmen zuarbeiten. Wenn wir die BewohnerInnen für Förderangebote nur aus den Wohngruppen herausnehmen, trennen wir nur die Probleme, aber wir lösen sie nicht besser.

Von besonderer Bedeutung ist, daß wir den Bereich "Ergotherapie/Beschäftigung" zwischen Wohngruppen und den anderen Diensten systematisch aufbauen. Dazu gehört es auch, daß wir bestimmte Dinge aktivieren, die in der Vergangenheit eingeschlafen sind, wie etwa wieder die Töpferei in Gang kriegen, oder daß wir überlegen, was mit der Nähstube und Schusterei oder ähnlichem geschehen wird. Ich habe da auch im nächsten Punkt bezüglich zusätzlicher personeller Ressourcen das eine oder andere dazu zu sagen. Der Sozialdienst könnte für all das als eine Planungsleitstelle laufen, denn man braucht ja einen systematischen Informationsaustausch, wenn man strukturbezogen arbeiten will (z.B. Wo fällt gerade was aus? Wie können wir damit umgehen? etc.). Das ist eine sehr komplizierte Aufgabe bei so vielen Menschen, die in einem Betrieb zusammenarbeiten.

Und eine solche Struktur - das ergaben dann auch meine Rücksprachen - würde auch dem medizinischen Dienst sehr gelegen kommen, und die Mediziner-Kollegen würden sich auf bestimmte Aufgaben zentral einstellen, wo wir auch Lösungen gebrauchen:

Das wäre die Anfallsproblematik, wozu eine Kooperation mit Bethel unterdessen in Arbeit ist und demnächst funktionieren wird.

Es ist die Frage der Neuroleptika, wo wir insgesamt einen recht guten Stand haben, was das Absetzen von Neuroleptika betrifft. Wir sind aber noch nicht am "Ende der Fahnenstange" angelangt, mit dem was wir absetzen können. Insbesondere dann, wenn sich die Lebensverhältnisse für die Bewohner bessern, können wir weiter von den Medikamenten runter.

Und drittens ist es das Gesamtproblem der Ernährung einschließlich der Eßstörungen. Das müssen wir auch besonders deutlich beachten, wenn nun die Gruppen im einzelnen mehr Selbständigkeit bekommen und sich selbst bekochen, dann werden wir sehr aufpassen müssen, daß für eine Reihe von Leuten entsprechende Dinge beachtet werden oder für andere BewohnerInnen erstmal eine Lösung für ein Ernährungsproblem gefunden wird.

Soweit also, um ansatzweise zu sagen, in welche Richtung Umorientierungen stattfinden müssen. Sie werden verstehen, daß ich zu vielem gegenwärtig noch nichts sagen kann, weil das Dinge sind, die man gemeinsam herausfinden müßte. Ich kann erst mal nur Anregungen weitergeben, die ich im bisherigen Durchgang gefunden habe.

3. Einwerbung zusätzlicher personeller Ressourcen durch Kooperationspartner von außen

Ich komme nun zu dem nicht unwichtigen Punkt der zusätzlichen personellen Ressourcen. Das ganze gelingt nicht, wenn wir nicht irgendwo eine personelle Unterstützung her bekommen. Im Verlauf der Gespräche, die wir miteinander geführt haben, habe ich eine Reihe von Punkten festgemacht, wo das wohl möglich wäre.

Mit der ersten Möglichkeit beginnen wir bald. Das habe ich auch schon damals im Gespräch mit dem Kuratorium vorgeschlagen: Die Universität hat einen Studiengang Behindertenpädagogik, der DiplompädagogInnen ausbildet. Diese müssen im Hauptstudium, also in der zweiten Hälfte ihres Studiums, ein Hauptpraktikum von einem halben Jahr machen. Das kann man auch dehnen auf ein Jahr als Halbtagespraktikum. Die StudentInnen erhalten in der Universität Supervision. Es sind in der Regel nicht nur theoretisch gut ausgebildete Studenten, sondern einige haben in Lilienthal auch schon zeitweise gearbeitet.

Solche Kooperationsbeziehungen funktionieren jedoch nur, wenn sie für beide Seiten Gewinn bringen und wechselseitig zuverlässig eingegangen werden. Wir haben auch überlegt, ob es sinnvoll ist, als zusätzliches Angebot gemeinsame Lehrveranstaltungen durchzuführen. Das würde bedeuten, daß wir Lehrveranstaltungen, die üblicherweise in der Universität stattfinden, hier stattfinden lassen und sie für MitarbeiterInnen öffnen, etwa zur Frage der rehistorisierenden Diagnostik. Zumindest ist es so, daß für die Praktikantinnen und Praktikanten das weitgehend vorgeklärt ist und wir entsprechend den schon erörterten Grundprinzipien daran denken, daß sie vor allem im Haus 16 beginnen zu arbeiten. Dort brauchen wir einfach personell "mehr Luft", damit wir einen freien Rücken haben, um uns auf die oben skizzierte langwierige und schwierige Arbeit einstellen zu können. Das ist eine erste Möglichkeit, hier zuverlässige Kooperationsbeziehungen aufzubauen.

Eine zweite Möglichkeit: Es bietet sich an, mit der Kunsthochschule in Ottersberg Kontakt aufzunehmen. Das ist eine anthroposophische Einrichtung, die in Kunsttherapie ausbildet. Man kann eigentlich dort voraussetzen, daß sie an einer Kooperation mit uns interessiert sind, wenn wir ihnen langfristig seriöse Kooperationsbedingungen anbieten. Wir könnten dadurch möglicherweise einen ganzen Teil im Bereich "Beschäftigung - Ergotherapie" personell absichern und man kann es sich auch vorstellen, daß die Kunsthochschule in Ottersberg dann die Töpfer-Werkstatt autonom im Rahmen eines entsprechenden Vertrags betreut. Das müßte man sondieren.

Weiterhin gab es in der Vergangenheit immer mal wieder Kooperationen mit dem Studiengang Sport an der Uni. Auch das könnte man systematisieren und ausbauen und dort erfragen, wie das auf Dauer möglich sein könnte. Dazu müßte man mit den entsprechenden Leuten reden. Und noch gar nicht genutzt wurde bezüglich des Studienganges "Kunst" die Tatsache, daß dort Frau Hampe seit Jahren sich um Kunsttherapie kümmert und vor allem auch um den Aspekt Kunsttherapie bei geistig behinderten Menschen.

Wenn wir das systematisch und seriös aufbauen, sind das zwar keine riesigen Mengen von Personal, jedoch sind es zusätzliche Kräfte für eine Reihe von kontinuierlichen Aufgaben.

Was die personelle Entlastung betrifft, so wäre auch daran zu denken, ob man bei Frau Prof. Becker in puncto Rhythmik und Musik (Scheiblauer Methode) versucht nachzufragen, um da evtl. ein Stück Unterstützung zu bekommen.

Zum Thema Schusterwerkstatt/Nähwerkstatt, aber auch zum Thema Fahrzeugpflege: Warum denken wir nicht mal in eine Richtung, so wie wir das jetzt in Bremen finden? Einige ältere Handwerker haben dort jetzt einen Verein gegründet, um regelmäßig ihre Dienste anzubieten. Könnte das nicht für ältere Lilienthaler Handwerker, die aus dem Beruf ausgeschieden sind und keine eigenen Produktionsmittel (mehr) haben, nicht auch interessant sein, das eine oder andere hier mit zu übernehmen? Dies ist eine Frage, bei der es sich lohnt nachzusehen.

Ich sprach vorhin schon das Schwimmen für die schwer hospitalisierten Menschen, also insbesondere für die Menschen aus Haus 16, an. Wenn diese ins Schwimmbad gehen, wirft dies das Problem auf, daß dazu Personal notwendig ist und man gebraucht eine relativ dichte Personaldecke, um diese BewohnerInnen hinzubringen, umzuziehen, beim Schwimmen zu unterstützen und sie zurückzubringen. Das ist prinzipiell über ein System von Laienhelfern aufbaubar. Das geht jedoch nicht sofort aufzubauen. Aber man kann es auf Dauer zum Ziel machen, daß jemand einen Bewohner 1 x pro Woche zu einem festen Zeitpunkt abholt. Für eine gewisse Übergangszeit - um das Modell erst mal in Gang zu bringen - läßt sich sicherlich durch die Studenten im Vordiplomstudium der Behindertenpädagogik, die ein 4-Wochen-Praktikum absolvieren müssen, etwas in diese Richtung beginnen. Das heißt, einer Reihe von Studenten anzubieten, daß sie ihr 4-Wochen-Praktikum auch dann angerechnet bekommen, wenn sie über ein Jahr lang regelmäßig einmal in der Woche dafür sorgen, daß jemand zum Schwimmen oder zum Sport o.ä. kann.

Natürlich müssen wir, ich sage es noch einmal ausdrücklich, das alles seriös machen und nach jeder Hinsicht absichern, damit wir uns keine Mißerfolge einhandeln - gerade in der Anfangszeit. Wir sollten darum stellenweise lieber ein halbes Jahr länger warten bis wir etwas machen. Nachher, wenn es erst mal ein Stück läuft, sind wir auch flexibler, wenn mal was passiert. Es ist auch nie zu vermeiden, daß irgend etwas passiert.

Dauerhaft kann man daran denken, hier in Lilienthal Laienhelfer mit Unterstützung des Behindertenvereins aber auch mit Unterstützung der verschiedenen Gemeinden zu gewinnen. Dazu sind entsprechende Kontakte vorhanden und wir werden versuchen, jetzt als Eltern/ Betreuerbeirat auch bei unserem nächsten Termin erstmalig mit dem Behindertenverein ein Gespräch zu führen, das in diese Richtung geht.

Dann ist in einer Reihe von Wohngruppen das Problem des Urlaubs und der Ferien genannt worden. Dadurch werden jeweils sehr viele Stunden aufgebraucht, so daß Überstunden gemacht werden, die nachher dringend fehlen. Ich habe gute Erfahrungen (zu Beginn der 70er Jahre in Freizeiten für geistigbehinderte Kinder und Jugendliche, die damals alle noch nicht beschult waren) mit OberschülerInnen als zusätzliche BetreuerInnen gemacht. Wenn man das ein bißchen vorbereitet und die SchülerInnen auf ihre Aufgabe einstellt, geht das in der Regel sogar auch recht gut. Es wäre ein großer Nutzen, wenn wir an den Oberschulen in Lilienthal und "umzu" einige Leute mal mit der Wirklichkeit hier bekannt machen würden. Zumindest haben die Schülerinnen und Schüler, die das damals gemacht haben, immer gesagt, daß sie einen großen Gewinn davon hatten.

Schließlich haben wir ja auch noch am Ort die VHS, auf die wir auch wieder zugehen können.Allerdings nicht gleich, denn die sind etwas frustriert von uns - nicht ganz zu unrecht. Aber wenn wir mit gezielten Vorschlägen kommen können und möglicherweise auch noch Personen nennen, die Kurse machen könnten, wird die VHS dann sicher das eine oder andere noch anbieten können.

Das ist also das Paket für personelle Entlastung - soweit wir es schon miteinander in Gruppen diskutiert haben und soweit der eine oder andere Vorschlag schon in Arbeit ist. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

4. Gestaltung des Geländes

Die Gestaltung des Geländes ist der nächste Punkt. Wir stoßen auf das Problem, daß das Gelände in dreierlei Hinsicht nicht behindertengerecht und nicht bewohnerfreundlich gestaltet ist:

1. Weder die Wohngruppen noch das Gelände sind systematisch vom Standpunkt der blinden Menschen durchgeplant. Wenn es also passiert, daß in Haus 16 ein blinder Mann im Flur die Orientierung verliert und aggressiv wird, liegt es oft daran, daß es in diesem Flur nichts zur Orientierung gibt; wo er auch hinfaßt, alles ist gleich - dabei verliert man schon mal die Orientierung. Also muß in den Gruppen angedacht werden, wie eine blindenspezifische Umwelt aussehen kann. Außerhalb der Gruppen ist natürlich auch viel an Blindenförderung möglich.

Das 2. Problem sind die sogenannten "Orientierungslosen". Das hängt sehr oft mit den Unterbringungsbeschlüssen ab, die in der Regel deshalb gemacht worden sind, weil die Leute sich im Verkehr gefährden oder andere gefährden. Wie sollen aber Leute, die relativ gut laufen können und dann mal wieder nach draußen kommen, Orientierung gelernt haben in einem restlos orientierungslosen Gelände, wo es nichts zur Orientierung gibt? Ich frage mich, wie lange Sie jeweils gebraucht haben, um sich hier zurecht zu finden. Ich habe eine ganze Zeit gebraucht, und ich bin immerhin des Lesens und Schreibens mächtig und kann auch fragen und kann Hausnummernschilder lesen. Für Leute, die das nicht können, ist das höchst schwierig und in einzelnen Gruppen auch dort, wo sozusagen relativ "Fite" leben, ist mir immer wieder berichtet worden, daß die Orientierung bei den 30er Häusern aufhört; die Leute finden sich dort nicht zurecht.

Da ist schnell einiges zu ändern, z.B. durch individuelle Wandmalereien, die man ja auch mit Kontakt von außen herstellen kann. Warum wirbt man nicht Lilienthaler Schulklassen für Wandmalereien? Das hat auch den Vorteil, daß dies relativ schnell zu realisieren ist; und zweitens hat es den Vorteil, daß alle, die da mitgemalt haben, natürlich stolz auf ihr Bild sind und es auch mal der Verwandtschaft oder Freunden zeigen wollen.

Die 3. Gruppe, für die das Gelände nicht behindertengerecht gestaltet ist, sind die RollstuhlfahrerInnen. Das gilt sowohl für die Begehbarkeit bzw. Berollbarkeit einzelner Häuser (u.a. fehlende Klingeln; fehlende Rufanlagen und ähnliches). Es gilt aber auch für die Wege, die zum Teil schlangenförmig sind, also für Rollstuhlfahrer insbesondere im Winter, und wenn die Kräfte schwach sind, völlig unzumutbare Umwege bedeuten. Man muß das einfach im Winter mal gesehen haben, wie die Leute da zum Teil mit halberfrorenen Händen stehen und nicht weiterkommen, weil sie sich erst mal wieder erholen müssen - das geht so nicht. Hier also hätte systematisches Planen anzusetzen.

Und ferner bedeutet es natürlich, das sagte ich schon, die Häuser individuell zu gestalten, darüber hinaus aber auch um die Häuser herum im Nahbereich einer Wohngruppe eine individuelle Gestaltung zu ermöglichen (z.B. eigene Gärten anlegen). Auch für das gesamte Gelände ist einiges denkbar und schon in der Diskussion: Eine Erneuerung von Beschäftigungsgeräten, ein Grillplatz, oder, wie geplant, einen Tierpark und ein Café hier aufzumachen.

Es sind nicht meine eigene Ideen, das meiste stammt ja von Ihnen direkt und manches haben wir im Gespräch gemeinsam herausgefunden.

5. Öffnung zur Gemeinde

Wir kommen damit zu dem Punkt "Kontakte und Öffnung nach Lilienthal". Dieser Punkt ist eben ein Stück schon mit angesprochen worden durch die Idee eines Cafés oder die Idee eines Tierparks in Form des Streichelzoos. Darüber hinaus könnten auch regelmäßig Konzerte in der einen oder anderen Art (außer kirchlichen Konzerten auch mal ein Rock-Konzert oder sonstiges) hier stattfinden. Das ist ja möglich, dies alles hier auf dem Gelände zu machen. Das heißt, dem Gelände Stück für Stück nicht nur einen kulturellen Anstrich zu geben, sondern dies würde auch bedeuten, das Gelände zum kulturellen Mittelpunkt zu machen. Natürlich könnten die Blaumeiers auch mal hier spielen; es ist nicht einzusehen, daß wir ihnen einerseits den Hauptdarsteller für das Stück "Fast Faust" liefern und andererseits das Stück hier nicht aufgeführt wird. Man kann systematisch Vorträge, Filme, Diskussionsreihen hier stattfinden lassen. Solche öffentlichen Veranstaltungen, wie wir sie z.B. zum Thema "Anerkennung oder Mitleid" planen, kann man auch in Lilienthal bekannt machen. Natürlich ist es möglich, wenn das Interesse zunimmt, auch mal in der einen oder anderen kirchlichen Gemeinde, bei der Volkshochschule oder ähnlichen Institutionen sich einer Diskussion zur Verfügung zu stellen.

Wir haben alles zu tun, das kulturelle Umfeld zu verändern.

Dazu gehört auch die Öffnung des Geländes in baulicher Hinsicht, über die ja jetzt diskutiert wird. Und glauben Sie mir, wenn wir das alles anfangen, es wird uns einiges mehr einfallen, es wird noch einige Möglichkeiten mehr geben. Nicht alles wird jedoch so laufen wie wir es uns vorstellen, das sowieso nicht. Es ist ein offener Prozeß, bei dem ich nicht sagen kann, und wir nicht sagen können, wie das ausgeht.

Ich will noch ein paar Punkte ergänzend nennen, die ich jetzt in dieser Systematik nicht untergebracht habe und dann bin ich am Ende meines Vortrages.

6. Weitere Punkte

Bezüglich der Betreuer müssen wir aktive Politik betreiben, denn viele Eltern sind alt. Sie werden irgendwann sterben oder sollten vielleicht schon dann die Betreuung an einen Betreuer abgeben, wenn es ihnen zu schwer wird. Das heißt also, sowohl bei den Eltern die Trennungserfahrungen mit verarbeiten helfen und sie unterstützen, als auch Betreuer zu finden, die langfristig die Betreuung in einer guten und vertretbaren Weise machen, so wie es das Betreuungsgesetz fordert, also sozusagen auch ein Stück Dolmetscher für die Bewohner zu sein und deren Belange zu artikulieren.

Dazu brauchen wir eine aktive Politik. In dieser aktiven Politik müssen wir mit dem Vormundschaftsgericht und Gesundheitsamt kooperieren. Dazu werden wir in absehbarer Zeit auch Gespräche führen müssen und mir scheint es gut und wichtig zu sein, und ich kann das nur unterstützen, wie es in einigen Gruppen schon gemacht wurde, ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht mehr hier arbeiten, für Betreuungen anzusprechen. Was auch heißen würde, sich gleichzeitig ein Potential an Kritik hier an das Haus zu binden, und Kritik ist für jede Art von Reform höchst förderlich.

Ein Reformprozess kann gar nicht Kritik genug haben und pluralistisch genug in dieser Beziehung sein, denn zugleich existiert dann das Moment, Behinderungen und die Richtung des Reformprozesses in einer neuen Weise zu sehen, wie ich dies mit der Formel "Anerkennung statt Mitleid" schon ausgedrückt habe.

Bezüglich der Mitarbeiter ist es notwendig, daß schnell eine Klärung ihrer Arbeitsbedingungen stattfindet, wohin/in welche Gruppen sie bei der Umstrukturierung kommen, sobald es absehbar ist bzw. wie es mit den Zeitverträgen und Dauerverträgen ist. Es ist mir mehrfach gesagt worden, daß daraus eine große Unsicherheit resultiert.

Ferner ist es notwendig, um diesen ganzen Prozeß qualifiziert zu gestalten, daß wir hier eine kleine Fachbibliothek und Video-Bibliothek aufbauen, damit die themenbezogenen Arbeitsgruppen, die zu einer Reihe von Problemen arbeiten werden (wie machen wir das Gelände bewohnerfreundlich; wie lösen wir die Sprachprobleme bei den BewohnerInnen etc.), auf Material zurückgreifen können, und nicht Privatliteratur kaufen müssen oder sich privat Video-Dokumente besorgen müssen.

Und schließlich gehört dazu, daß dieser ganze Prozeß auch möglichst bald systematisch dokumentiert wird. Denn wenn wir 1998 erneut verhandeln, müssen wir etwas vorweisen und am besten tut man das natürlich durch Bild- und Videodokumentationen.

Das ist es, was ich mit Ihnen als Struktur erarbeitet hatte. Sie sehen, es gibt nicht den großen Hebel, es sei denn, daß wir das systematische Umdenken, ausgedrückt durch die Formel "Anerkennung statt Mitleid" als den Hebel betrachten wollen. Alles andere sind viele Anregungen, viele Detailfragen, die sich daraus ergeben. Und es ist notwendig, daß viele Leute sich daran beteiligen und mitdiskutieren, damit auch tragfähige Strukturen herauskommen.

Wir können hier sehen, daß es sich in der Tat um eine Fortsetzung dessen handelt, was wir mit dem Lilienthaler Memorandum begonnen haben, aber jetzt nach einer Diskussion statt vor einer Diskussion. Natürlich stimmt es, was wir damals gesagt haben, daß diese Anstalt in eine Richtung gekommen war, wo sie Prozesse, die man mit Wolfensberger als eine erste, soziale Stufe von "Euthanasie" bezeichnen kann, in Kauf genommen hatte. Das tun alle Anstalten dieses Typs.

Und das andere stimmt auch, daß, wenn man systematisch bewohnerorientiert vorgeht, eine Menge an Reform möglich ist, die gemeinsam gemacht und getragen werden kann.

Das ist das, was ich im wesentlichen vorstellen wollte. Glauben Sie nicht, daß ich für irgend-etwas das Patentrezept habe. Die angestrebte Veränderung wird nur möglich sein, wenn sich alle an der Reform beteiligen. Niemand wird kritisiert werden, wenn er es noch nicht kann, weil einfach Hoffnungslosigkeit und Verletzungen oder ähnliches zu groß sind. Aber um was man bitten muß bei allen MitarbeiterInnen: Tolerieren Sie den Prozeß wenigstens, wenn Sie ihn noch nicht aktiv unterstützen können.

Bestelladresse des Readers:

Prof. Dr. W. Jantzen

Universität Bremen, Fachbereich 12,

Studiengang Behindertenpädagogik

Postfach 330440

D-28334 Bremen

Email: Basaglia@aol.com

Quelle:

Wolfgang Jantzen: Reform ist möglich

Entnommen aus: Wolfgang Jantzen - De-Institutionalisierung. Materialien zur Soziologie der Veränderungsprozesse in einer Großeinrichtung der Behindertenhilfe.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 28.03.2006

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