Über den Einfluss der Freizeitgestaltung auf die berufliche Integration

AutorIn: Norbert Rump
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 30, August 2004, Seite 17 - 21. impulse (30/2004)
Copyright: © Norbert Rump 2004

Die Situation

Das bisher vorhandene Gruppenangebot des Integrationsfachdienstes der Sozialtherapie Kassel e.V., welches sich mit arbeitsalltagsrelevanten Themen auseinandersetzt, steht den Kunden des Integrationsfachdienstes zur Verfügung, die noch auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind oder sich gerade in einer Integrationsmaßnahme befinden. Bei der Arbeit in diesen Gruppen stellt sich heraus, dass die Treffen auch für den Austausch persönlicher Themen unter den Teilnehmern genutzt werden. Für viele der Teilnehmer sind die Treffen auch eine Möglichkeit, sich mit anderen Menschen zu unterhalten. Sobald ein Integrationsverlauf als erfolgreich abgeschlossen wird, müssen diese Kunden aber die Gruppe verlassen. Für sie gibt es nun keine Möglichkeit mehr, auf ein Gruppenangebot des Integrationsfachdienstes zurückzugreifen.

Diese Situation ist problematisch. Die integrierten Kunden kommen durch ihre Arbeitsaufnahme in ein neues Umfeld. Sie haben neue Kollegen, neue Aufgaben und einen anderen Tagesablauf, der in den meisten Fällen mehr Anstrengungen und Belastungen mit sich bringt, als es vor der Arbeitsaufnahme der Fall war. Unter diesen Umständen fehlen den Kunden oft die Energie und die Möglichkeit, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten bzw. neue Kontakte aufzubauen. Es wird die Gefahr einer sozialen Isolation gesehen, die sich negativ auf die Arbeitskraft auswirkt. Dadurch könnte das Ziel der Integrationsmaßnahme, das Finden und Erhalten eines Arbeitsplatzes auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, gefährdet werden.

Aufgrund dieser problematischen Situation wurden von den Mitarbeiterinnen Überlegungen angestellt, wie man auch für diese Zielgruppe ein Gruppenangebot zur Verfügung stellen kann.

Nachdem ich in einem Praktikum bei dem Integrationsfachdienst von diesem Problem erfahren hatte, entwickelte ich die Idee, im Zuge einer Diplomarbeit ein solches Gruppenangebot als wissenschaftliches Projekt durchzuführen und auszuwerten.

Der folgende Beitrag soll einen Überblick über die Thematik geben, das Projekt beschreiben und die Ergebnisse der Diplomarbeit zusammenfassen.

Die Theorie

Ziel der Diplomarbeit war es, herauszufinden, ob die Freizeitgestaltung Auswirkungen auf die berufliche Integration hat und ob es ggf. dann Aufgabe eines Integrationsfachdienstes sein kann, ein solches Angebot bereitzuhalten. Hierfür befasste ich mich zuerst mit den Theorien von Arbeit und Freizeit. In der Zusammenführung dieser beiden Komplexe leitete ich eine Bedeutung der Freizeit für die Arbeit her. Dies wurde dann in dem Projekt auf die Praxis übertragen und überprüft.

Da eine grundlegende Darstellung der Arbeits- und der Freizeit-Theorien den Rahmen dieses Berichts sprengen würde, beschränke ich mich auf die Erläuterung der Themenschnittpunkte und hierbei auf die Bedeutung der sozialen Kontakte im beruflichen Integrationsprozess.

Zu der Bedeutung von sozialen Kontakten im beruflichen Integrationsprozess

Die Integration auf den allgemeinen Arbeitsmarkt erhöht auf der einen Seite die Selbstbestimmungsmöglichkeiten der Menschen mit Behinderungen. Auf der anderen Seite steigt aber auch die Verantwortung für die eigene Person und die eigene Situation. Eine gelungene berufliche Integration bedeutet nicht gleichzeitig, dass die Zahl der sozialen Kontakte zunimmt. In einem Forschungsbericht des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe von 1999 wird dem sozialen Netzwerk jedoch eine wichtige Funktion bei der beruflichen Integration zugeschrieben. "Soziale Netzwerke haben eine mittelbare und unmittelbare Unterstützungsfunktion bei der Suche und Aufnahme einer Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Gerade für Personen mit Behinderungen geben beständige und dichte Beziehungen zu Verwandten und Freunden in alltäglichen Dingen vielfältige instrumentelle und emotionale Unterstützung und bereiten u.a. durch ihre verschiedenen Sozialisationsfunktionen auf eine Berufstätigkeit vor." (Landschaftsverband Westfalen-Lippe, 1999, S. 86)

Die sozialen Kontakte von Menschen mit Behinderungen sind in der Regel eingeschränkt. Über die Anzahl der Kontaktpersonen bei Menschen ohne Behinderungen gibt es keine genauen Ergebnisse. Die Angaben liegen in einer Bandbreite von 22 bis 40 Personen (vgl. ebenda, S.87). Der oben genannte Forschungsbericht gibt für die untersuchte Gruppe (Kunden von Integrationsfachdiensten) eine durchschnittliche Anzahl von 16 Kontaktpersonen an. "Ca. 20% der Bewerber waren zu Beginn der Begleitung mit ihren Sozialkontakten unzufrieden und wünschten sich einen größeren Freundeskreis."(ebenda)

Von den Befragten haben:

  • "81% Kontakt zu ihren Eltern, Geschwistern und anderen Verwandten,

  • 42% zu professionellen Helfern,

  • 28% zu Arbeitskollegen,

  • 35% zu ihren Nachbarn,

  • 21% zu nicht verwandten Mitbewohnern,

  • 20% zu Mitgliedern aus Vereinen und Clubs,

  • 3% zu Mitgliedern aus Selbsthilfeinitiativen,

  • 56% zu weiteren Freunden und Bekannten.

  • Ferner leben 25% in einer festen Partnerschaft." (ebenda)

Bei einem Blick auf die einzelnen Bewerber ergeben sich im Durchschnitt die häufigsten Kontakte mit den Verwandten oder Haushaltsangehörigen (49,7%). Danach folgen Vereinsmitglieder (21%) und Freunde (15,4%). Unter 10% liegen Nachbarn (8,7%), Arbeitskollegen (6%) und professionelle Helfer (2,6%). (vergl. ebenda)

Es zeigt sich, dass die Befragten durch die eingeschränkte Freizeitsituation nicht ohne weiteres neue Leute kennen lernen, die nicht Familienmitglieder oder Arbeitskollegen sind. Jedoch auch die Kontakte zu den Arbeitskollegen sind oft nicht direkte Folge einer beruflichen Integration. Aus der Untersuchung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe geht hervor, dass Menschen mit Behinderungen in den Betrieben oft auf Arbeitsplätzen arbeiten, die wenig Möglichkeiten zur Interaktion mit Kollegen bieten. "Es wurde kein Zusammenhang zwischen einer erfolgreichen beruflichen Eingliederung und dem Grad der sozialen Einbindung ermittelt. (...) Weder die Größe ihrer Netzwerke noch deren Zusammensetzung haben sich seit dem Beginn der Begleitung geändert. (...) Die vermittelten Bewerber sind nach wie vor isolierter als nichtbehinderte Menschen, haben seltener einen Ansprechpartner bei persönlichen Problemen, zählen zu einem hohen Anteil professionelle Helfer zu ihren Bekannten und leben stärker auf die eigene Familie bezogen. Demzufolge beschrieben auch nach wie vor ca. 20% der Befragten ihre Sozialkontakte als unbefriedigend." (ebenda, S.93).

Bei Menschen mit Behinderungen, die vor ihrer Integration in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt und eventuell noch in einer betreuten Wohnform gelebt haben, bestanden die sozialen Kontakte überwiegend aus Kollegen oder Mitbewohnern. Nach einer Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt, dem damit verbundenen Verlassen der Werkstatt und oft auch dem Wechsel der Wohnform, brechen diese vorher zentralen Kontakte häufig ab. Und da die Möglichkeiten am Arbeitsplatz oder in der Freizeit neue Leute kennen zu lernen erheblich eingeschränkt sind, besteht die Gefahr einer sozialen Isolation. Diese Isolation durch den Verlust der sozialen Bezüge kann sich unter anderem negativ auf die berufliche Situation auswirken. Besonders dann, wenn in der beruflichen Integration auch die Chance gesehen wurde, neue Freunde zu finden, können sich "(...) diesbezügliche Frustrationen auf die Arbeitsmotivation und damit auch auf die Leistungsfähigkeit niederschlagen." (ebenda, S.94).

Auch in einem Bericht des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen wird auf die Problematik der Isolation innerhalb von selbstbestimmten Lebensräumen hingewiesen. Hier gibt es zwar größere Freiräume für spontane Freizeitaktivitäten, "allerdings besteht gleichzeitig ein weitaus höheres Risiko zur Isolation und Vereinsamung, denn der Aufbau und Erhalt sozialer Kontakte erfordert intensive, individuelle Anstrengungen. Bedeutsam werden in diesem Zusammenhang die infrastrukturellen Rahmenbedingungen, die Möglichkeiten der Inanspruchnahme von Freizeitangeboten im Stadtteil, Freizeithilfen durch ambulante Dienste und Hilfen und/oder die Möglichkeiten der Kommunikation und Begegnung im Rahmen spezieller Freizeitangebote." (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, 1993, S. 223).

Die Freizeit ist ein Ort, an dem das soziale Netzwerk genutzt, aber auch gepflegt werden kann. Aus diesem Grund ist durch eine Verbesserung der Freizeitsituation die Möglichkeit gegeben, auch das soziale Netzwerk zu stärken und auszuweiten. Da, wie oben aufgeführt, das soziale Netzwerk eine wesentliche Rolle bei der beruflichen Integration spielt, werden durch eine Verbesserung im Endeffekt auch die Chancen einer dauerhaften Eingliederung auf den ersten Arbeitsmarkt vergrößert.

In der Auswertung des Projektes in Kassel wurden die TeilnehmerInnen interviewt. Sie wurden auch auf ihren Umgang mit Freizeit angesprochen. Neben den Auswirkungen auf das soziale Netzwerk hat die Freizeit hier weitere Funktionen. Für den einen ist Freizeit einfache Abwechslung zur Arbeit. Ein anderer beschreibt die Funktion, die die Freizeit für ihn hat, recht genau:

"N: mhm. Und wenn du dann diesen Ausgleich hast, so ähm, in der Freizeit ist es dann auch leichter wieder nächsten Tag zur Arbeit zu gehen?

B: Ja, ja das ist schon so.

N: das ist besser -

B: das ist besser wenn jetzt, das könnt jetzt bei jedem so gehen. Man kann ja nicht arbeiten und keine Freizeit haben und dann gleich wieder am nächsten Tag arbeiten, dann sagt man sich, puh, jetzt hab ich 2 Tage gearbeitet und nicht meine Freizeit dazwischen, also man sollte schon seine Freizeit haben. Man sollte arbeiten, Freizeit, arbeiten dann kriegt man wieder neuen Schwung. Wenn man den nächsten Tag dann wieder arbeitet, dann hat man die Freizeit eben in sich aber verdrängt sie n bisschen aber man arbeitet man so weiter. Man arbeitet trotzdem dann so weiter."

Zusammengefasst sagt er, dass er in der Freizeit Freiräume vom Job hat, an etwas anderes denken und Ablenkung finden kann. In der Freizeitgruppe kann er sein, wie er ist, und er ist hier auch entspannter als am Arbeitsplatz. Für ihn ist ein regelmäßiger Wechsel zwischen Arbeit und Freizeit wichtig. In der Freizeit holt er sich neuen Schwung für die Arbeit.

Die Freizeit hat für ihn also positive Auswirkungen auf sein Selbstempfinden. Er benötigt eine zufrieden stellende Freizeitsituation, um Energien für den Arbeitsalltag zu sammeln. An einer anderen Stelle des Interviews wiederholt er diese Bedeutung:

"N: Und was bringt dir die Freizeit?

B: Die Freizeit bringt mir wenigstens, ähm, etwas Entspannung, dass ich wieder an den nächsten Tag drangehen kann. Dass ich mich wenigstens ein bisschen entspannt hab, dass ich ein bisschen lockerer bin in der Freizeit, also dass ich in der Arbeit dann wieder richtig hart ran gehe. Also dass ich richtig arbeite und Freizeit dann so locker ist, also dass ich mich entspanne.

N: Dass du da auch Energien sammelst, die du dann für die Arbeit nutzt und so.

B: Ja, ja. Weil manchmal gehen bei mir die Energien ja auch weg gleich beim Arbeiten und hier füll ich sie auch wieder auf in der Freizeit."

Die Freizeit bildet in diesem Fall einen Ausgleich zum Berufsleben. Diese Funktion nennt OPASCHOWSKI das Bedürfnis nach Kompensation. (vgl. Markowetz, 2000, S. 13). Wird dieses Bedürfnis nicht befriedigt, kann auftretender Stress im Arbeitsleben nicht ausgeglichen werden. Das hat zur Folge, dass die Arbeitskraft gefährdet ist und dadurch die Arbeitsleistung zurückgehen kann. Dies wiederum wirkt sich negativ auf den Erfolg der Integrationsmaßnahme aus.

Ebenso wie durch die fehlende Kompensationsmöglichkeit wird die berufliche Integration negativ beeinflusst, wenn die restlichen sieben Bedürfnisse (Rekreation, Edukation, Kontemplation, Kommunikation, Integration, Partizipation und Enkulturation) nach OPASCHOWSKI (ebenda) in der Freizeit nicht befriedigt werden können. Nach MARKOWETZ werden Menschen mit Behinderungen aber in dieser Befriedigung erheblich benachteiligt. (ebenda)

Aufgrund des Einflusses der eingeschränkten Bedürfnisbefriedigung auf die berufliche Integration, erscheint es für die Arbeit der Integrationsfachdienste erneut wichtig, die Freizeitsituation der Bewerber zu beachten.

Die Praxis

Das Ziel des Projektes

Das Gruppenangebot bezog sich auf die Freizeitgestaltung der TeilnehmerInnen. Ziel war es, den TeilnehmerInnen die Chance zu geben, die Freizeitgestaltungsmöglichkeiten in Kassel kennen zu lernen und zu erfahren, was es bedeutet, seine Freizeit mit anderen Menschen zu verbringen. Dadurch sollten die TeilnehmerInnen angeregt werden, über ihre Freizeitgestaltung nachzudenken und zu erkennen, was sie anders machen könnten, falls sie mit ihrer Situation nicht zufrieden sind. Es sollte ihnen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Freizeit nach ihren Vorstellungen und Wünschen zu verbringen und dabei auf öffentliche Angebote zurückgreifen zu können.

Das Projekt war zeitlich befristet, da den TeilnehmerInnen nicht ein ständiges Angebot im Sinne eines Stammtisches oder Ähnliches gegeben, sondern eher Unterstützung beim Kennenlernen der von allen Menschen nutzbaren Möglichkeiten der Freizeitgestaltung angeboten werden sollte.

Der Ablauf des Projektes

Um die gesetzten Ziele zu erreichen, mussten einige Dinge bei der Konzeptentwicklung beachtet werden.

Freiwilligkeit:

Die Teilnahme an der Gruppe war freiwillig. Auch ein erster Schnupperkontakt war möglich, um daraufhin zu entscheiden, ob das Angebot den Vorstellungen des Einzelnen entspricht. Bei einem Entschluss für die Gruppe war später jedoch eine regelmäßige Teilnahme erforderlich.

Offenheit:

Das Angebot war für Menschen mit Behinderungen gedacht, die in einem beruflichen Integrationsprozess stecken oder bereits auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt integriert worden sind. Zusätzlich konnten aber auch Kunden des Integrationsfachdienstes teilnehmen, die sich nach der Betreuung für die Arbeit in einer Werkstatt für Behinderte entschieden hatten. Auch das Mitbringen von FreundInnen zu den Treffen war möglich, bedurfte aber einer kurzen vorherigen Absprache, falls es für die Planung des Treffens relevant erschien.

Gemeinsames Planen der Treffen/Mitbestimmung:

Die TeilnehmerInnen wurden auf dem ersten Treffen dazu aufgefordert, ihre Aktionswünsche zu äußern. Die Vorschläge wurden gesammelt und es wurde über die Durchführbarkeit gesprochen. Anschließend ist abgestimmt worden, welche Aktionen ausgewählt werden sollten.

Um die Gruppe ins Laufen zu bringen, wurden die ersten vier Termine mit gewünschten Aktionen gefüllt und überwiegend von dem Gruppenleiter organisiert. Das fünfte Treffen war wiederum ein Organisationstreffen, auf dem reflektiert wurde, wie die ersten Treffen gelaufen waren. Wurden die Erwartungen erfüllt oder gab es Probleme und Missverständnisse, die zu Unzufriedenheit führten. Auf diesem Treffen wurden die folgenden Treffen organisiert. Ab diesem Zeitpunkt war es nun auch Aufgabe der TeilnehmerInnen, die Organisation der Treffen zu übernehmen, um so Erfahrungen in der Freizeitplanung zu sammeln.

Das letzte Treffen sollte dann noch einmal der Reflexion des gesamten Projekts dienen und einen Ausblick in die Zukunft ermöglichen.

Ein Vierteljahr nach dem letzten Treffen fand ein Nachtreffen statt, auf dem über die Entwicklung der Freizeitsituation der einzelnen TeilnehmerInnen gesprochen wurde. Dieses Treffen diente aber nicht nur dem Rückblick, sondern war auch Ebene für ein Wiedersehen der TeilnehmerInnen, um noch einmal etwas gemeinsam zu unternehmen.

Inhalt der Treffen:

Für die geplanten Treffen sollten einige Punkte beachtet werden.

Es sollten nur Aktionen angeboten werden, die alle TeilnehmerInnen mitmachen können. Es musste also darauf geachtet werden, dass keiner von ihnen aufgrund irgendwelcher Einschränkungen ausgeschlossen war.

Es wurden keine aufwändigen Freizeitaktionen gemacht. Eher wurden Dinge unternommen, die die TeilnehmerInnen später relativ spontan in ihrer alltäglichen Freizeit wiederholen konnten.

Aus dem Ziel, die Freizeitmöglichkeiten in Kassel kennen zu lernen, ergibt sich die Folgerung, dass die Aktionen in Kassel stattfanden und mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar waren. Aus dem gleichen Grund war es wichtig, dass auf öffentliche Angebote zurückgegriffen wurde, damit den Teilnehmerinnen auch Kontakt zu anderen Menschen während ihrer Freizeitgestaltung offen stand und sie nach dem Ende des Gruppenangebots ohne Unterstützung diese und andere Angebote konsumieren konnten. Es sollte keine isolierende Situation hergestellt werden, sondern der Kontakt zur Gesellschaft gesucht werden.

Folgende Vorschläge wurden in dem ersten Treffen unter anderem zusammengestellt:

  • Kinobesuch

  • Schwimmen

  • Wandern

  • Eis essen gehen

  • Bummeln gehen

  • Schlittschuh laufen

  • Museumsbesuch

  • Planetarium

  • Fahrradtour

  • Picknick am See

  • Disko

  • Basteln

  • Kegeln/Bowling

  • Billiard

  • Video schauen

  • Fahrt auf der Fulda

Von diesen Treffen wurden die herausgesucht, an denen die meisten TeilnehmerInnen Interesse hatten und an denen alle teilnehmen konnten.

Regelmäßigkeit:

Die Treffen fanden regelmäßig alle 14 Tage statt. Über Wochentag und Uhrzeit wurde mit den TeilnehmerInnen abgestimmt. Die Treffen wurden nur in Ausnahmefällen am Wochenende geplant, da der Bedarf in der Woche für größer gehalten wurde und die Aktionen überwiegend nur zwei Stunden dauern sollten, um dem Ziel, alltäglich durchführbare Freizeitaktionen kennen zu lernen, gerecht zu werden.

Das Ergebnis und mögliche Folgen für die Arbeit der Integrationsfachdienste

Das Ziel der Diplomarbeit war es, herauszufinden, ob die Freizeitgestaltung von Menschen mit intellektuellen Einschränkungen einen Einfluss auf den beruflichen Integrationsprozess hat, und wenn, inwieweit es Aufgabe von Integrationsfachdiensten sein kann, die Freizeitsituation in den Integrationsverlauf mit einzubeziehen.

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema "Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt" belegt die Bedeutung, die Erwerbsarbeit für einen Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft hat. Für Menschen mit Behinderungen ist ein Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zusätzlich eine Chance, sich mehr Selbstbestimmungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Die Konsequenz hieraus ist jedoch nicht, dass versucht werden sollte, alle Menschen mit Behinderungen in die Berufswelt zu integrieren. Vielmehr muss es die Möglichkeit geben, sich bei Bedarf Unterstützung auf der Suche nach einem Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu holen. Dafür sollte für die Finanzierung von Arbeitsassistenten und den begleitenden Hilfen am Arbeitsplatz ausreichend Geld zur Verfügung gestellt werden

Die Beschäftigung mit dem Thema "Freizeit von Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen" zeigen, dass die Freizeit ein wichtiger Ort für die gesellschaftliche Integration von Menschen mit Behinderungen ist. Die Freizeit wird jedoch in der praktischen Arbeit mit diesen Menschen nicht ihrer Bedeutung entsprechend beachtet. Dies zeigt sich in den Untersuchungen, aus denen hervorgeht, dass ein Großteil der befragten Menschen mit Behinderungen unzufrieden mit der eigenen Freizeitsituation ist. Generell besteht ein Bedarf an mehr Auswahlmöglichkeiten, die eigene Freizeit zu gestalten. Oft sind die bestehenden Angebote auch speziell für Menschen mit Behinderungen konzipiert und finden in isolierenden Einrichtungen statt. So wird eine Integration in die Freizeitbereiche der restlichen Gesellschaftsmitglieder erschwert oder verhindert.

Nach der Auseinandersetzung mit den Themen Arbeit und Freizeit wird in der Zusammenführung dieser Themenkomplexe die Bedeutung der Freizeit für die berufliche Integration deutlich. Die Liste der Einflussfaktoren ließe sich bestimmt noch vervollständigen. Allerdings ist schon bei der Betrachtung der Wirkung von sozialen Kontakten eine große Bedeutung der Freizeitsituation für die berufliche Integration ersichtlich. Diese Bedeutung sollte bei der Arbeit der Integrationsfachdienste Beachtung finden, indem die Freizeitsituation des Bewerbers und die Zufriedenheit mit dieser bei der Beratung und Begleitung im Integrationsprozess mit einbezogen werden.

Zur Stärkung der sozialen Netzwerke und zur Unterstützung bei der Befriedigung der genannten Freizeitbedürfnisse muss versucht werden, die ggf. negative Freizeitsituation der Menschen mit Behinderungen zu verbessern.

Da den Menschen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten wollen, bei Bedarf schon jetzt Unterstützung in der Veränderung ihrer Freizeitsituation angeboten werden muss, ist zu empfehlen, dass bei der Informationssammlung über das soziale Umfeld durch den Integrationsfachdienst auch die Freizeitsituation Beachtung findet. Wird ein Unterstützungsbedarf gesehen, ist entweder auf örtlich bestehende Angebote zu verweisen oder zu überlegen, selbst ein solches Angebot bereitzustellen. So wird zum Beispiel in einem Buch der Lebenshilfe in einem Abschnitt zu Assistenz und Integrationshilfen im Arbeitsbereich auch diese Unterstützung zu den Aufgaben eines Fachdienstes für berufliche Integration gezählt. "Der Fachdienst unterstützt Menschen mit Behinderung auch dabei, soziale Kontakte im Wohn- und Freizeitbereich anzubahnen und zu pflegen. Damit soll einer Vereinsamung vorgebeugt und zu einer persönlichen Stabilisierung der Klientinnen und Klienten beigetragen werden, weil private Belastungen häufig in einer Wechselwirkung zum Arbeitsverhältnis stehen." (Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig behinderte e.V., 1995, S.88f).

Die Unterstützungsangebote sind Hilfen zur Freizeitgestaltung, die "(...) die Vermittlung von Freizeittechniken, das Kennenlernen von Freizeitmöglichkeiten sowie Hilfen und Anregungen zur Auswahl von Freizeitaktivitäten (...)" umfassen können. (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, 1993, S. 225)

Die Ergebnisse der Untersuchung der Freizeitgruppe innerhalb des Integrationsfachdienstes der Sozialtherapie Kassel e.V. verdeutlichen, dass das bereitgestellte Angebot in der kurzen Zeit die gesetzten Ziele nur bedingt erfüllen konnte. Es stellte sich heraus, dass die TeilnehmerInnen eher ein länger andauerndes Angebot benötigen, bei dem sie die Möglichkeit haben, mit anderen Menschen ihre Freizeit zu verbringen. Ein solches Angebot liegt jedoch nicht im finanziellen Handlungsspielraum der Integrationsfachdienste. Eine Möglichkeit für die MitarbeiterInnen dieser Dienste, der Situation dennoch gerecht zu werden, könnte in der Informationssammlung über die bestehenden Angebote in ihrer Region liegen, um bei Bedarf einem Bewerber entsprechende Vorschläge machen zu können.

Die Durchführung der Freizeitgruppe hat erneut gezeigt, wie wichtig es ist, großen Wert auf die Mitbestimmung der TeilnehmerInnen zu legen. Menschen mit Behinderungen wollen nicht, dass immer wieder Entscheidungen für sie getroffen werden. Sie wollen, soweit es in ihren Kompetenzen liegt, selbst über ihre Angelegenheiten entscheiden. Dass Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen über diese Kompetenzen verfügen, wird ihnen oft abgesprochen. Die Praxis widerlegt jedoch diese Sichtweise. Seit einigen Jahren schließen sich Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen zum Beispiel in "People First"-Gruppen zusammen. In diesen Gruppen setzen sich die Teilnehmer unter anderem mit dem Thema Selbstbestimmung auseinander, bieten Beratungen für andere Menschen mit Behinderungen an und halten Vorträge auf Tagungen. Es werden auch Fachbücher in eine "leichte Sprache" übersetzt und veröffentlicht, damit Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen diese lesen und verstehen können. Der Erfolg dieser Gruppen und ihre stete Verbreitung zeigen, dass Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen sehr wohl die Kompetenz haben, für sich selbst zu entscheiden. Ihnen muss nur die Möglichkeit dazu gegeben werden.

Das abschließende Fazit der Diplomarbeit und dieses Berichtes besteht zusammengefasst aus folgenden Punkten:

  • Das Ergebnis der Untersuchung an der Freizeitgruppe und die Auseinandersetzung mit der Theorie haben gezeigt, dass es wichtig ist, bei einer Integrationsmaßnahme auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt die Freizeitsituation der BewerberIn mit einzubeziehen. In welcher Form dies geschehen kann, hängt stark von dem Handlungsspielraum der Fachdienste ab. Es könnte aber schon mit der Bereitstellung von Informationsmaterial zu Freizeitangeboten einen Anfang gemacht werden.

  • Es ist Aufgabe der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen, also auch Aufgabe für SozialpädagogInnen, die in diesem Bereich tätig sind, verstärkt weitere Möglichkeiten zur Selbstbestimmung zu entwickeln. Diese Entwicklung muss in Kooperation mit der Zielgruppe stattfinden, damit nicht immer wieder Angebote entstehen, die an den eigentlichen Wünschen und Bedürfnissen der Menschen mit Behinderungen vorbeigehen. Um die Qualität der Arbeit in diesem Bereich zu verbessern, müssen demnach auch an den betreffenden Fachbereichen der Universitäten und Fachhochschulen verstärkt Seminare und Vorlesungen angeboten werden, die sich mit Selbstbestimmungsmöglichkeiten auseinandersetzen.

Literatur:

Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V.: "Offene Hilfen", Marburg: Lebenshilfe Verlag, 1995.

Landschaftsverband Westfalen Lippe: "Projekt Integration", Münster, 1999.

Markowetz, Reinhard: "Freizeit von Menschen mit Behinderungen" aus: Markowetz, Reinhard; Cloerkes, Günther (Hrsg.) "Freizeit im Leben behinderter Menschen" - Heidelberg: Ed. S, 2000.

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen: "Behinderte Menschen in Nordrhein-Westfalen", Düsseldorf, 1993.

Kontakt

Norbert Rump

Hamburger Arbeitsassistenz

Schulterblatt 36, 20357 Hamburg,

Tel.: 040 / 4313390

eMail: n.rump@gmx.de

(Die komplette Diplomarbeit ist unter der oben genannten eMail-Adresse erhältlich.)

Quelle:

Norbert Rump: Über den Einfluss der Freizeitgestaltung auf die berufliche Integration

Erschienen in: impulse 30, August 2004, Seite 17 - 21.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 13.09.2005

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