Vom Zufall zum Glücksfall

AutorInnen: Sybille Gurak, Uwe Giga
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 30, August 2004, Seite 25. impulse (30/2004)
Copyright: © Sybille Gurak, Uwe Giga 2004

Vom Zufall zum Glücksfall

Gespräch mit Marianne Gerwin, Geschäftsführerin der Duktil Guss Fürstenwalde GmbH über ihre Erfahrungen mit schwer behinderten Beschäftigten

In jedem Monat verlassen 600 Tonnen Qualitätsprodukte die Duktil Guss Fürstenwalde GmbH. Formteile aus Sphäro- und Grauguss bis zu 150 Kilo das Stück werden hier gefertigt und zwar auf Kundenwunsch vom Modellbau bis hin zur Frei-Haus-Lieferung. Abnehmer sind Nutzfahrzeugbau-, Maschinenbau- und Armaturenbaubetriebe im In- und Ausland.

Das in den Jahren 1996/97 auf altem Firmengelände komplett neu errichtete Werk baut auf 75 Jahren Gießereierfahrung vor Ort, auf Qualitätsmanagement, modernste Technik und vor allem auf seine 150 Mitarbeiter. 13 davon sind schwerbehindert.

Frage: Sie beschäftigen in Ihrem Unternehmen bemerkenswert viele behinderte Mitarbeiter. Warum?

Frau Gerwin: Einige arbeiten hier schon länger als ich und das sind 20 Jahre. Meine erste Neueinstellung als Geschäftsführerin habe ich im Frühjahr´93 vorgenommen. Es war nicht so, dass ich zielgerichtet einen Behinderten gesucht hätte. Wir brauchten jemanden, der einen sehr anspruchsvollen Arbeitsplatz ausfüllt. Der Auftragslage entsprechend war das ein Modellbauer. Ich fand ihn mehr durch Zufall in einer Geschützten Berliner Werkstatt. Der junge Mann ist gehörlos. Fördermittel haben mir die Entscheidung leichter gemacht. Inzwischen ist ein zweiter gehörloser Modellbauer dazu gekommen. Sie machen ihre Arbeit sehr professionell. Für eine Klasse dieser Geschützten Werkstatt haben wir im

Werk eine Führung gemacht. Wir wollten zeigen: Es ist nicht das Ende, wenn man behindert ist...

Frage: Kann sich eine Unternehmerin so ein großes Herz leisten?

Frau Gerwin: Jeder, der gesund ist und gesunde Kinder hat, sollte dankbar sein und Mitverantwortung übernehmen für die, die eingeschränkt leben müssen. Ich habe also schon ein großes soziales Herz, aber auch meine marktwirtschaftlichen Erfordernisse.

Fakt ist: Schwerbehinderte fallen in der Regel nicht öfter aus als andere. Sie sind an ihrem Platz sehr engagiert. Nur die Chance muss man ihnen erst mal geben. Sie scheinen bei der Arbeit regelrecht zu wachsen. Das motiviert das ganze Team. Wir haben eine gute Stimmung bei uns.

Mein Produktionsleiter hat zudem eine Ader dafür, Stärken zu erkennen und zu fördern.

Das ist keine Gefühlsduselei, sondern Marktwirtschaft.

Und natürlich darf man die Menschen nicht auf ihre Behinderung reduzieren.

Schon seit Jahren pflegen geistig Behinderte aus den Hoffnungstaler Anstalten Reichenwalde unsere Außenanlagen. Auch da sind wir sehr zufrieden.

Frage: Bringt ein behinderter Beschäftigter nicht automatisch einen enormen Mehraufwand an Bürokratie, Zeit und Arbeitsplatzgestaltung mit sich?

Frau Gerwin: Das ist ein Vorurteil und stimmt so nicht!

Bei den gehörlosen Modellbauern zum Beispiel mussten alle akustischen Warnsignale umgebaut werden in optische. Das wurde finanziert. Beide Mitarbeiter lesen den Team-Kollegen vom Mund ab. Wenn wir uns unterhalten, dann nebeneinander sitzend am Computer.

Was Zeit und Bürokratie betrifft: Jetzt überlasse ich nichts mehr dem Zufall. Durch den Integrationsfachdienst konkret Frau Giga und Frau Schütz kann ich zielgerichtet auf Behinderte zugehen - auch für den Einsatz in der Produktion. Wenn mein Anforderungsprofil bekannt ist, empfiehlt mir der IFD geeignete Bewerber. Ich erspare es mir, Berge von Briefen mit Bewerbungen und Empfehlungen zu lesen. Ich möchte wenig Ansprechpartner haben und nur solche, auf die ich mich verlassen kann.

Der IFD berät mich zu Fördermitteln und stellt für mich die Anträge. Die Einarbeitung des Mitarbeiters und auch eventuelle Umbauten werden bezahlt. Und die Begleitung bleibt ja fortbestehen.

Frage: Hat das übrige Team keine Vorbehalte?

Frau Gerwin: Ich hatte auch meine unternehmerischen Ängste am Anfang. Vorbehalte gab es auch im Team immer: Beim ersten Wolgadeutschen, bei den Frauen über 50, bei den Afrikanern und natürlich bei den Schwerbehinderten. Ich habe den Teamleitern nahegelegt, dass wir international sind (lacht). Und so werde jetzt einfach zugepackt, wenn Hilfe beim Nachbarn fehlt. Das passiere bei Männern, bei Frauen, bei Behinderten. Und soviel Freiraum sei auch.

Klar gebe es im Arbeitsalltag mal Zwischenfälle, Ausfall und Unregelmäßigkeiten - aber überhaupt nicht nur bei Behinderten.

Großen Aufwand verursache zum Beispiel auch die Lehrausbildung. Hier fände die Geschäftsführerin gerechterweise eine Ausbildungsabgabe angebracht für alle Unternehmen, die das einfach auslassen.

Auf die Frage, ob es auch Auszubildende mit Behinderung gebe, antwortet Frau Gerwin mit einem ziemlich sprechenden Blick zur schwellenlosen Tür: "Nein, aber wie wäre das mit einer Rolli-Fahrerin?", scheint sie sich selbst zu fragen. Gleich inspiziert die Geschäftsführerin ihr eigenen Treppenhaus und das Foyer. "Die Türen sind breit, Platz für einen Lift wäre da...."

Kontakt:

Marianne Gerwin

Duktil Guss Fürstenwalde GmbH

Saarower Chausee 34

15517 Fürstenwalde

eMail: info@duktil-guss.de

Internet: www.duktil-guss.de

Quelle:

Sybille Gurak, Uwe Giga: Vom Zufall zum Glücksfall

Erschienen in: impulse 30, August 2004, Seite 25.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 13.09.2005

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