Zur Bedeutung von Arbeit für Menschen mit sehr schweren Körperbehinderungen

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 15, April 2000 impulse (15/2000)
Copyright: © Reinhard Lelgemann 2000

Zur Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit

Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit oder anerkannter künstlerischer Arbeit hat in unserer Gesellschaft einen besonders hohen Stellenwert. Gleichzeitig ist offenkundig, dass die Fähigkeit unserer Gesellschaft, Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen, begrenzt ist und angesichts immer globalerer Unternehmenszusammenschlüsse immer geringer werden wird. Dieser Prozess darf nicht als 'natürliche Entwicklung' mystifiziert, sondern muss in seiner systemimmanenten Funktion für die Kapitalwirtschaft gesehen werden, die der körperlichen Arbeit langfristig in immer geringerem Maße bedarf, bzw. sie auslagert oder durch intelligente Maschinen kostengünstig ersetzt (vgl. Rifkin 1997). Dies führt zu einer Krise der Gesellschaft, der Politik, des Bildungswesens, aber auch der Menschen, die in diesen Zusammenhängen leben und ihre Identität in Interaktionen mühsam entwickeln müssen, für den Produktionsprozess aber nicht mehr unbedingt notwendig sind (Forrester 1997, 195).

Arbeit im Sinne industrieller, arbeitsteiliger Erwerbsarbeit prägt das Bewusstsein und die Identitätsbildung eines jeden Menschen. Arbeitslosigkeit wird von den in diesen sozialen Bedingungen aufwachsenden Menschen zumeist negativ und stigmatisierend erlebt, auch wenn mit der tatsächlichen Arbeit nicht nur positive Assoziationen verbunden sind.

Welche Auswirkungen Arbeitslosigkeit auf Menschen hat, die vorher berufstätig waren, wurde systematisch erstmalig von Jahoda et. al. (1975) in den zwanziger Jahren in dem kleinen oberösterreichischen Ort Marienthal untersucht. Entsprechend konnte die Bedeutung von Arbeit als industrieller Erwerbsarbeit folgendermaßen benannt werden:

  1. Die industrielle Erwerbsarbeit schafft Zeiterfahrung (der Tag wird strukturiert, der Wechsel zwischen Arbeitswoche und arbeitsfreiem Wochenende, zwischen Arbeit und Urlaub wird nachvollziehbar).

  2. Der soziale Horizont wird erweitert (es entstehen Kontakte über die Familie und Nachbarschaft hinaus, das Wissen um die Welt wird vergrößert).

  3. Die Mitverantwortung für ein Produkt, die Beteiligung an kollektiven Zielen integriert.

  4. Über die Arbeit wird uns der soziale Status zugewiesen, der für den Aufbau der persönlichen Identität von grundlegender Bedeutung ist.

  5. Arbeit im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses zwingt uns mit ihren Anforderungen zur Aktivität, zur Entwicklung der in uns schlummernden Kräfte, macht den Wechsel von Spannung und Entspannung erlebbar (vgl. Jahoda 1983, 70).

"Neben diesen Kategorien wird über Arbeit ein Stück Selbständigkeit und Selbstverantwortung erreicht, das sich nicht zuletzt in der finanziellen Unabhängigkeit zeigt" (Butzke 1991, 8).

Obwohl allgemein Arbeit auch als mühevoll und anstrengend erlebt und beschrieben wird, kommt Heinichen in seiner Darstellung der Erfahrungen mit Betroffenen zu dem Ergebnis, dass "Arbeitsverlust... zur gesellschaftlichen Ausgrenzung führen (kann). Er wirkt existenzgefährdend. Arbeitslosigkeit erschüttert das Sicherheitsbedürfnis des Menschen und läßt ihn an seinem Selbstwert zweifeln. Dies wird als psychisches Trauma erlebt" (Heinichen 1994, 68).

Bezogen auf den einzelnen Menschen formuliert Küng:

"(1) Einen Lebenssinn gibt es nicht ohne Arbeit.

(2) Lebenssinn gibt es keineswegs nur durch Arbeit" (Küng 1994, 21).

"Arbeit als planvolles, auf ein Ziel ausgerichtetes Tun (...) charakterisiert nun einmal den Menschen. Ohne sinnvolle Arbeit geht ein Stück Menschenwürde verloren" (Küng 1994, 22). Deshalb lehnt er "stumpfsinnnige, entfremdete (und somit) entwürdigende Arbeit" (Küng 1994, 22) ab. Gleichzeitig aber ist ihm klar, dass Arbeit Mühe bereitet und eine Herausforderung darstellt. Ausgehend vom 2. Satz seines Postulates stellt er fest: "Arbeit kann nicht die einzige Quelle von Lebenssinn sein; der Mensch ist mehr als Arbeit, und er bleibt auch dann noch Mensch, wenn er nicht mehr arbeitet, arbeitslos oder arbeitsunfähig ist" (Küng 1994, 23).

Seit Beginn der neunziger Jahre mehren sich die Stimmen, die "das Arbeitsverständnis der modernen Industriegesellschaft ... immer noch zu einseitig auf Erwerbsarbeit reduziert (sehen)", und betonen, dass "die anderen Formen der Arbeit oder des Tätigseins für unsere Gesellschaft unverzichtbar (sind)." Insbesondere Fink verweist auf die mögliche Bedeutung einer selbstbestimmten sozialen Tätigkeit, der Hausarbeit, der Nachbarschaftshilfe, des Heimwerkens und der Ehrenämter.

"Es geht um die Wiedergewinnung der Arbeit als komplexe, vielfältig motivierte menschliche Gesamttätigkeit, um die Rückeroberung der sozialen Dimension der Arbeit. Wo Arbeit ist, muß Tätigkeit werden. Arbeit muß Bestandteil des bewußten Lebens und Selbsterlebens werden. Wir müssen, auch während wir arbeiten, das Gefühl haben, daß wir leben" (Fink 1994, 108).

Auch Hilfen für Menschen mit Behinderungen werden in den Veröffentlichungen von Rifkin, Forrester und dem Club of Rome als mögliche neue oder auszuweitende Arbeitsfelder dargestellt, allerdings nur der Club of Rome bezieht Menschen mit leichteren Beeinträchtigungen in seine Überlegungen zur Zukunft der Arbeit aktiv ein und hofft, dass durch den Einsatz informations-technologisch gesteuerter Arbeitsprozesse neue Arbeitsmöglichkeiten gefunden werden (vgl. Giarini; Liedtke 1998, 229f). Eine wesentliche Zielsetzung dieser Vorschläge ist die Sicherung demokratischer Strukturen aller Gesellschaften (weltweit) durch Entwicklung eines Dritten Sektor (vgl. Rifkin 1997, 202f). Dies wird aber sicherlich nur gelingen, wenn die Strukturen in den Gruppen und Tätigkeitsfeldern des Dritten Sektors selber demokratisch gestaltet sind. Erst hierdurch wäre die Würde des einzelnen Menschen gewahrt, und es könnte ein Lebenssinn gefunden werden, der über fremdbestimmtes Beschäftigen hinausgeht. Ein Beispiel für die Umsetzung derartiger Überlegungen stellt für mich im lokalen Bereich das Projekt ‚Bürgerjahr in Essen' des Behindertenreferates der evangelischen Kirche dar, welches arbeitslosen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung neue Formen der gemeinsamen Arbeit anbietet und mit ihnen entwickelt.

Am Ende dieser skizzenhaften Darstellung bleibt zusammenfassend festzustellen, dass Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit eine spezifische Sinngebung erfahren hat, die in unserer Gesellschaft als durchaus maßgebend bezeichnet und von der angenommen werden kann, dass sie für das einzelne Individuum von großer Bedeutung ist. Wenn selbst anstrengende und für die Familie und die Gesellschaft wertvolle Hausfrauenarbeit immer noch nicht als 'vollwertige' Arbeit anerkannt ist, so wird erkennbar, wie mühevoll sich hier Erlebensstrukturen verändern lassen. Bezahlte Erwerbsarbeit stellt ein zentrales Element bei der Identitätsbildung des Menschen dar. Gleichzeitig ist den Kritikern dieses Verständnisses zuzustimmen, die auf die Enge eines derartig reduzierten Arbeitsbegriffes hinweisen. Ob die aktuelle gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Situation, die durch hohe Arbeitslosigkeit trotz steigender Umsatzzahlen gekennzeichnet ist, zu einer Veränderung des gesellschaftlichen Bewußtseins führen wird, bleibt - wissenschaftlich gesehen - abzuwarten, praktisch aber mitzugestalten.

Bezogen auf die Gruppe der Menschen mit Behinderungen und hier auf die Gruppe der Menschen mit sehr schweren Körperbehinderungen kann erwartet werden, dass auch sie Erwerbsarbeit als zentrales Element ihrer Identität definieren und unter der Nichtermöglichung einer solchen Arbeit leiden werden. Es wäre unverantwortlich, seitens staatlicher oder institutioneller Vorgaben von dieser Gruppe die konsequente Vorwegnahme einer gesellschaftlichen Haltung zu erwarten, die entlohnte Erwerbsarbeit nicht mehr als wesentlich begreift und sie mit dieser Begründung von den entsprechenden beruflichen Rehabilitationsangeboten und sinnvoll erlebten Arbeitsmöglichkeiten ausschließen zu wollen.

Arbeit aus der Sicht von Menschen mit sehr schweren Körperbehinderungen

Nach ausführlichen qualitativen Interviews in mehreren Werkstätten für Behinderte und Tagesförderstätten im ersten Halbjahr 1996 wurde im zweiten Halbjahr eine standardisierte Befragung durchgeführt. Angeschrieben wurden alle Werkstätten, soweit bekannt auch Tagesförderstätten, in denen Arbeitsmöglichkeiten entwickelt worden waren, und Einzelpersonen. Der Rücklauf war hoch. Von den versandten Fragebögen wurden fast 31% ausgefüllt zurückgesandt. In die Auswertung einbezogen wurden schließlich 386 Beschäftigtenfragebögen.

Die Befragten beschrieben sich in einem hohen Maß als Menschen, die für mehrere Stunden am Tag auf Hilfe anderer angewiesen waren (58%), der Gebrauch der Sprache fiel fast 40% der Antwortenden schwer. Nur 13,5% der Befragten benutzten dagegen eine Sprechhilfe oder ein anderes Kommunikationssystem.

Hätten sie drei Wünsche frei, so wäre ihnen am wichtigsten ‚Gute Freunde zu haben', ‚Gesund zu sein' und ‚einer sinnvollen Arbeit nachgehen zu können'.

Bezogen auf ihre konkrete Situation in der Einrichtung (Werkstatt oder Tagesförderstätte) störte sie am meisten:

  • dass es scheinbar keine Arbeitsmöglichkeit auf dem 1. Arbeitsmarkt gibt,

  • wenn es in der Arbeitsgruppe keine Arbeit gibt,

  • die relativ niedrige Höhe des Entgelts,

  • nicht genug und ständig wechselndes Personal,

  • dass sie keine Berufsausbildung machen können und

  • dass Gruppenleiter oft keine oder nicht genug Zeit für sie haben.

Den Befragten war es wichtig, renten- und sozialversichert zu sein, etwas anderes zu sehen, als die Wände in ihren eigenen Zimmern, mit anderen Menschen zusammenzusein, eine sinnvoll erlebte Arbeit auszuüben, die von der Gesellschaft anerkannt wird und in der sie an der Erstellung eines Produktes oder einer Dienstleistung mitarbeiten können; schließlich wollen sie sich an der Entwicklung konkreter Arbeitsmöglichkeiten beteiligen. Sie sehen Arbeit als wichtig an, verweisen aber auch darauf, dass es noch andere wichtige Dinge im Leben gibt. Wichtig sind ebenfalls stabile personelle Beziehungen zu akzeptierten Personen, um Kommunikation und eine angemessene Versorgung in allen Bereichen (auch der Hilfe beim Essen, der Pflege und Hygiene) zu ermöglichen. Mit ihrem in der Werkstatt oder einer Tagesförderstätte verdienten Entgelt sind sie eher nicht zufrieden, wobei diese Frage allerdings weniger bedeutsam scheint, als die anderen hier dargestellten Aussagen.

Die Ergebnisse legen nahe, berufliche Rehabilitation in einem umfassenderen Sinn zu sehen. Auf einen Beruf oder eine einzelne konkrete Tätigkeit konzentrierte Rehabilitation erscheint nicht angemessen, sondern muss ergänzt werden um die Elemente 'Einbeziehung der sozialen Bedürfnisse', und 'Ernstnehmen der Person', auch und gerade wenn sie sehr schwer körper- oder mehrfachbehindert ist. Eine Forderung, die sicherlich für alle Rehabilitanden gilt.

Schlussfolgerungen:

Arbeitslosigkeit bedeutet Ausgeschlossen sein von zentralen gesellschaftlichen und für den Einzelnen sehr bedeutsamen Erfahrungen:

  • ein Produkt oder eine Dienstleistung mitgestalten,

  • Kolleginnen und Kollegen haben,

  • sozial anerkannt sein,

  • Geld selbst verdienen und ausgeben können.

All dies trifft auch auf Menschen mit sehr schweren Körperbehinderungen oder mehrfachen Behinderungen zu, und wird - wie die vorliegende Untersuchung ergeben hat - auch so erlebt. Menschen mit sehr schweren Körperbehinderungen wollen möglichst auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig sein und, falls dies nicht möglich ist, eine Tätigkeit in einer Werkstatt oder einer anderen Einrichtung ausüben. Es reicht ihnen nicht dabeizustehen.

Um zu erfahren, welche Interessen der einzelne Mensch hat, muss ein Dialog geführt werden, der häufig die Nutzung unterstützender Kommunikationshilfen und erhebliche zeitliche Ressourcen erfordert. Nur im Einzelgespräch kann geklärt werden, ob der Umgang mit der eigenen Beeinträchtigung als so erschwerend erlebt wird, dass keine Arbeitsmöglichkeit gesucht oder ob eine sinnvoll erlebte Tätigkeit gewünscht wird. Es ist notwendig, die Kernforderung 9 der Brandenburger Erklärung "Integrative Arbeitsplätze mit Werkstattstatus und Integrationsbegleitung sollen auch für den Personenkreis von Menschen mit schwersten Behinderungen geschaffen werden, die aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit auch mit entsprechender Unterstützung nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden können." (Bundesarbeitsgemeinschaft Unterstützte Beschäftigung 1999, 8) zumindest mittelfristig zu realisieren.

Literatur

Bundesarbeitsgemeinschaft Unterstützte Beschäftigung (1999): "Brandenburger Erklärung", in: impulse, Nr. 13, 4-8.

Butzke, Fritz (1991): "Aussonderung durch Verzicht auf Arbeit im Sinne von 'Erwerbsarbeit'?", in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 14, 3, 7 - 9.

Fink, Ulf (1994): "Arbeit ist mehr als Broterwerb", in: Hoffmann, Hilmar (Hrsg.); Kramer,

Dieter (Hrsg.) (1994): Arbeit ohne Sinn ? - Sinn ohne Arbeit ?, Weinheim, 102 - 109.

Forrester, Viviane (1997): Der Terror der Ökonomie, Wien.

Giarini, Orio; Liedtke, Patrick, M. (1998): Wie wir arbeiten werden. Der neue Bericht an den Club of Rome, Hamburg.

Heinichen, Jürgen (1994): "Arbeit und Arbeitslosigkeit - Erfahrungen mit Betroffenen", in:

Hoffmann, Hilmar (Hrsg.); Kramer, Dieter (Hrsg.) (1994): Arbeit ohne Sinn ? - Sinn ohne Arbeit ? Weinheim, 61 - 68.

Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F.; Zeisel, Hans (1975): Die Arbeitslosen von Marienthal - Ein soziographischer Versuch, Frankfurt am Main.

Jahoda, Marie (1983): Wieviel Arbeit braucht der Mensch, Weinheim

Küng, Hans (1994): "Arbeit und Lebenssinn angesichts von Wertewandel und Orientierungskrise" in: Alfred-Herrhausen-Gesellschaft für internationalen Dialog (1994): Arbeit der Zukunft, Zukunft der Arbeit, Stuttgart; 7 - 36.

Lelgemann, Reinhard (1996): Arbeit ist möglich, Düsseldorf

Lelgemann, Reinhard (1999): Gestaltungsprozesse im Bereich beruflicher Rehabilitation für Menschen mit sehr schweren Körperbehinderungen als Herausforderung der Werkstätten für Behinderte und Tagesförderstätten, Aachen.

Rifkin, Jeremy (1997): Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt a.M.

Anschrift:

Dr. Reinhard Lelgemann

Worringstraße 24

45289 Essen

Tel & Fax: 0201 / 57 03 99

e-mail: Reinhard@Lelgemann.de

Quelle:

Reinhard Lelgemann: Zur Bedeutung von Arbeit für Menschen mit sehr schweren Körperbehinderungen

Erschienen in: impulse Nr. 15 / April 2000

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 01.02.2005

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