Dialoge - eine Idee wird Konzept und Wirklichkeit

Bericht über die Tagung "Dialoge - Menschen mit Behinderungen in der Erwachsenenbildung"

AutorIn: Eva-Maria Fehre
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 10, Okt. 1998 impulse (10/1998)
Copyright: © Eva-Maria Fehre 1998

Dialoge - eine Idee wird Konzept und Wirklichkeit

Vom 11.-13.6.1998 fand in Bremen die Tagung "Dialoge - Menschen mit Behinderungen in der Erwachsenenbildung" statt, veranstaltet vom Bildungswerk Martinsclub Bremen e.V. aus Anlaß seines 25 jährigen Jubiläums.

Die Universität Bremen, Studiengänge Behindertenpädagogik und Weiterbildung, die Volkshochschule Bremen, die Gesellschaft Erwachsenenbildung und Behinderung e.V., u.a. waren als Kooperationspartner am guten Gelingen der dreitägigen Veranstaltung beteiligt.

Mit über 300 TeilnehmerInnen, Betroffene, VertreterInnen der Behindertenhilfe, der Erwachsenenbildung und der Universitäten, fand die Tagung eine große Resonanz.

Erwachsenenbildung - ein Bestandteil individueller Lebensplanung

Erwachsenenbildung, insbesondere berufliche Fortbildung werden immer wichtiger, um mit den Anforderungen des Arbeitsmarktes Schritt halten zu können.

Aufgrund gesellschaftlicher Bedingungen wandelt sich die Erwachsenenbildung zu einem lebenslangen Bildungs- und Anpassungsprozeß in beruflichen und privaten Bezügen, und wird somit zu einem festen Bestandteil individueller Lebensplanung.

Diese Entwicklung trifft für Menschen mit und ohne Behinderungen gleichermaßen zu. Aber: welche Möglichkeiten haben Behinderte real, sich weiterzubilden oder ihre Ansprüche an integrative Erwachsenenbildung zu formulieren?

Das 1994 in das Grundgesetz (Artikel 3) aufgenommene Diskriminierungsverbot behinderter Menschen forderte gerade die Umsetzung von Bildungsangeboten im Sinne von Integration und Empowerment ("Selbstbemächtigung", "Selbstbefähigung").

Erwachsenenbildung als integrativer Bildungsprozeß: Unterschiedliche Perspektiven

Chancen, Voraussetzungen, Anforderungen, aber auch Hindernisse in Hinblick auf das Gelingen einer integrierten Erwachsenenbildung waren Thema der Hauptvorträge.

Schultz (Universität Bremen) ging der Frage nach, unter welchen Bedingungen Erwachsenenbildung zum gemeinsamen Lernort für Menschen mit und ohne Behinderungen werden kann.

Selbstbestimmung und Integration als wesentliche Ziele der Erwachsenenbildung, war das Thema des Vortrags von FEUSER (Universität Bremen).

Struve (Universität Oldenburg) beschäftigte sich mit der beruflichen Qualifizierung in unterschiedlichen Konzepten von Unterstützter Beschäftigung.

Die Inhalte der Arbeitsgruppen und Impulsreferate bezogen sich auf drei Themenschwerpunkte:

  • Konzepte der allgemeinen Erwachsenenbildung und beruflichen Qualifizierung: Frage nach der Didaktik integrativer Erwachsenenbildung und der hierfür notwendigen Qualifikation von DozentInnen

  • Vernetzung und Integration: Fragen der Vernetzung von Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und allgemeinen Bildungsträgern, mit dem Ziel des permanenten Informationsaustauschs und des Kompetenztransfers

  • Autonomie und Selbstbestimmung: Frage nach den fachlichen Ansprüchen von Betreuungspersonen versus den Erwartungen von behinderten Menschen (Auseinandersetzung um Prozesse der Autonomieförderung)

Ein integratives Tagungskonzept: Didaktik und Methodik

Neben dem herausragenden Niveau der inhaltlich vielfältigen Fachbeiträge bestach die Tagung durch ihre besondere didaktisch-methodische Vorgehensweise.

"Ein wesentliches Ziel der Tagung war die aktive und selbstbestimmte Teilnahme von Menschen mit Behinderungen an den Fachdiskussionen. Aus diesem Grund wurde ein in spezielles Tagungskonzept entwickelt, das folgende Bestandteile hatte:

  • TeilnehmerInnen mit Behinderungen wurde bei Bedarf eine umfassende Assistenz kostenlos und "rund um die Uhr" zur Verfügung gestellt (gewährleistet durch Studierende des Studiengangs Behindertenpädagogik der Universität Bremen)

  • Eine Moderation der Fachreferate sollte Verständlichkeit der Beiträge (nicht nur für TeilnehmerInnen mit Behinderungen) erhöhen (Prinzip "Schlaumeier").

  • es wurden keine speziellen Veranstaltungen ausschließlich für behinderte oder nichtbehinderte TeilnehmerInnen Angeboten.

  • Alle ReferentInnen stellten sich didaktisch und methodisch auf die Teilnahme von Menschen mit Behinderungen ein" (Zitat aus dem Tagungskonzept).

Die unterschiedlichen Formen der Moderation zeigten, welche Möglichkeiten bestehen, Inhalte verständlich zu gestalten, ohne zu vereinfachen.

Engagierte und qualifizierte Assistenz in den Veranstaltungen (vor allem im Sinne von "Übersetzungsarbeit") und in lebenspraktischen Bereichen seitens Studierender ermöglichte es, daß sich auch behinderte Menschen in einer ungewohnt offensiven Art am Diskussionsprozeß im Plenum und in den Arbeitsgruppen beteiligen konnten. "Daß dabei traditionelle Strukturen vehement in Frage gestellt wurden und kritische Stimmen das Mikrophon ergriffen, war durchaus erwünscht und geplant. Der Dialog sollte provozieren, Gewohnheiten sollten hinterfragt und neue Konzepte angedacht werden" (Zitat aus der Tagungsdokumentation).

Mittels eines Fragebogens, der einem Tagebuch ähnlich und am Ende der Tagung abzugeben war, wurden die persönlichen Erfahrungen und Gedanken der TeilnehmerInnen erfragt. Ziel dieser besonderen Frageform war es zu erfahren, ob und in welchem Maße sich die TeilnehmerInnen als Teil der Gemeinschaft gefühlt hatten. Fragen, wie z. B. "Was habe ich heute gelernt? Wie habe ich mich auf der Tagung gefühlt?" wurden durch grafische Symbole in ihrer Verständlichkeit unterstützt.

Eine Tagung praktiziert Integration

Mit dem integrativen Tagungskonzept wurde bewiesen und vor allem für die TeilnehmerInnen erfahrbar, daß auch komplexe theoretische Themen von behinderten und nichtbehinderten Menschen in einem gemeinsamen Prozeß diskutiert werden können. Im Rahmen der Tagung wurde Integration praktiziert.

Die Tagung war brillant und bleibt in lebendiger Erinnerung, unter anderem auch durch das kleine Tagebuch.

Den PlanerInnen und OrganisatorInnen der Veranstaltung ist voll zuzustimmen, wenn sie behaupten, das die Tagung "Dialoge - Menschen mit Behinderungen in der Erwachsenenbildung" Maßstäbe gesetzt hat.

Fazit: Dialoge - eine Idee wurde Konzept und Wirklichkeit.

Die Tagungsdokumentation zum Preis von 10 DM ist zu beziehen über:

Martinsclub Bremen

Hoffmannstr. 11

28201 Bremen

Tel.: (0049) 7071 -31144

Quelle:

Eva-Maria Fehre : Dialoge - eine Idee wird Konzept und Wirklichkeit

Bericht über die Tagung "Dialoge - Menschen mit Behinderungen in der Erwachsenenbildung"

Erschienen in: impulse Nr. 10 / Okt. 1998

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 02.03.2006

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