Vieles beginnt mit einem gemeinsamen Traum

Erfahrungen aus zwei Modellprojekten zur Entwicklung einer inklusiven Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung

AutorIn: Stefan Doose
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 54, 03/2010, Seite 18-25. impulse (54/2010)
Copyright: © Stefan Doose 2010

Vieles beginnt mit einem gemeinsamen Traum

Seit Anfang 2009 werden im Kreis Ostholstein an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins inklusive Weiterbildungen in Persönlicher Zukunftsplanung entwickelt und durchgeführt. Zusammen mit verschiedenen veränderungsbereiten Organisationen wird versucht, neue Wege zur Inklusion in der Region zu gehen und das Dienstleistungsangebot weiterzuentwickeln. Möglich wurde dies durch zwei miteinander verzahnte Projekte: Das Landesinklusionsprojekt "Neue Wege zur Inklusion - Zukunftsplanung in Ostholstein" läuft seit dem 1.2.2009 bis zum 31.12.2010 und ist eines der Modellprojekte, mit denen die Landesregierung von Schleswig-Holstein die Umsetzung des politischen Leitziels der Inklusion stimuliert [1] . Das europäische Leonardo-Projekt "New Paths to Inclusion" läuft mit europäischen Partnern u.a. aus Österreich, Tschechien und Großbritannien seit dem 1.10.2009- 30.9.2011. Es ergänzt und erweitert das Projekt um wichtige europäische Komponenten.

Mittlerweile sind in der Region zwei Grundkurse in Persönlicher Zukunftsplanung sowie ein Aufbaukurs für Multiplikatorinnen und eine europäische Weiterbildung durchgeführt worden. Es wurden so insgesamt 60 Personen mit und ohne Behinderung von verschiedenen Organisationen in der Region geschult. Das Projekt wird von einer regionalen Plattform der Projektpartner begleitet und von Prof. Dr. Andreas Hinz von der Martin-Luther-Universität Halle evaluiert. Am 30.9.2010 fand in Lensahn der landesweite Fachtag "Neue Wege zur Inklusion" mit 350 TeilnehmerInnen statt, auf dem das Projekt der interessierten Öff entlichkeit in Plenumsbeiträgen und 14 Workshops von ReferentInnen und TeilnehmerInnen der Weiterbildungen vorgestellt wurde. In diesem Artikel sollen nun erste Ergebnisse des Projekts vorgestellt werden.

Kontext und Begründung des Projektes

Das politische Leitziel der Inklusion[2] meint die Teilhabe aller Menschen im Gemeinwesen und will Ausgrenzung aufgrund von Unterschiedlichkeit wie z. B. Behinderung, ethnischem Hintergrund, Geschlecht, Alter oder Leistungsfähigkeit verhindern. Inklusion muss deshalb im sozialen Nahraum beginnen, Erfahrungen von gelingender Vielfalt ermöglichen und neue Formen der Unterstützung zielgruppenübergreifend dafür anbieten. Ausgehend vom Recht eines jeden auf Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft (§1 SGB IX), muss zukünftig auch für behinderte Menschen die selbstverständliche Möglichkeit bestehen, ohne Barrieren am Leben in der Region teilzunehmen und die dafür notwendigen, individuell zugeschnittenen personenzentrierten Dienstleistungen zu erhalten. Die Eingliederungshilfe ist dabei, basierend auf dem Wunsch- und Wahlrecht des behinderten Menschen, sich von einer überwiegend einrichtungszentrierten Hilfe zu einer personenzentrierten Hilfe neu auszurichten[3], außerdem ist die Barrierefreiheit und gleichberechtigte Teilhabe aller Bürger als Querschnittsaufgabe in allen Politikbereichen zu verankern. Ein solcher Veränderungsprozess muss sich vor Ort, in der individuellen Lebenssituation von Menschen und in der Ausgestaltung des Dienstleistungsangebots konkretisieren. Dies erfordert von den Handelnden neue Denkweisen und professionelle Strategien, sowie eine Bereitschaft von Organisationen ihr Dienstleistungsangebot weiterzuentwickeln und von Leistungsträgern und der Politik dies aktiv zu unterstützen. Persönliche Zukunftsplanung und Sozialraumorientierung sind zwei konzeptionelle Ansätze, die gut zu diesen Zielsetzungen passen:

Persönliche Zukunftsplanung umfasst mehrere methodische Planungsansätze, um gemeinsam mit Menschen, ihren Familien und Freunden positive Veränderungsprozesse auf der Ebene der Person, der Organisation sowie des Gemeinwesens zu gestalten[4]. Es sind methodische Ansätze, um mit Menschen mit und ohne Behinderung über ihre persönliche Zukunft nachzudenken, Visionen für eine positive Zukunft z.B. in den Bereichen Wohnen, Freizeit, Arbeit, Bildung zu entwickeln, Ziele zu setzen und diese mit Hilfe eines Unterstützerkreises Schritt für Schritt umzusetzen[5]. Persönliche Zukunftsplanung eignet sich insbesondere zur schnittstellenübergreifenden Unterstützung von Übergangssituationen wie z.B. dem Übergang von der Schule in das Erwachsenenleben, der Werkstatt für behinderte Menschen in Unterstützte Beschäftigung, von Wohnstätten in ambulant betreutes Wohnen und von der Arbeit in den unterstützten Ruhestand.

Methodische Ansätze, um sich spielerisch kennen zu lernen: Projekt "Neue Wege zur Inklusion"

Das Konzept der Sozialraumorientierung richtet den Blick auf wesentliche Aspekte gelingender Inklusion: Die konsequente Orientierung an den Interessen und am Willen der unterstützten Person und die Nutzung der Ressourcen der Menschen und des Sozialraums. Dabei sind nach dem SONI-Modell vier Ebenen bedeutsam[6]:

  • Sozialstrukturelle-sozialpolitische Ebene

  • Organisationsebene

  • Netzwerkebene

  • Individuelle Ebene

Das Landesinklusionsprojekt "Neue Wege zur Inklusion - Zukunftsplanung im Kreis Ostholstein" und das Leonardo-Projekt "New Paths to Inclusion" haben Modellcharakter für den deutschsprachigen Raum, verfolgen aber bewusst einen regionalen Ansatz und wollen modellhaft Impulse auf allen vier Ebenen im Kreis Ostholsteingeben.

Inklusive Weiterbildung Persönliche Zukunftsplanung

Kursentwicklung

Zur Entwicklung der Weiterbildung wurde ein Kursentwicklerteam, dem mit Ines Boban, Stefan Doose, Carolin Emrich, Susanne Göbel und Oliver Koenig die führenden ExpertInnen im deutschsprachigen Raum angehören. Prof. Dr. Andreas Hinz nahm für die Begleitforschung an den Treff en teil. Einen wesentlichen neuen Impuls bekam die Kursentwicklung durch einen so genannten Transfer-Workshop vom 21.-23.1.10 in Manchester von Julie Allen und Julie Lunt von "Helen Sanderson Associates". In Großbritannien wurde auf der Basis einer neuen politischen Strategie zur Inklusion von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung ("valuing people") Anstrengungen unternommen, das Hilfesystem personenzentrierter und inklusiver zu gestalten. Helen Sanderson Associates haben als Beratungs- und Trainingsorganisation die Regierung und Organisationen vor Ort beraten, weitergebildet und vielfältige Materialen entwickelt. Im Rahmen des Projektes "Neue Wege zu Inklusion in Ostholstein" sollen einige dieser Materialien ins Deutsche übersetzt werden[7].

Mittlerweile wurde auch das Curriculum für die europäische Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung fertig gestellt. Die Weiterbildung läuft seit März 2010 parallel mit je einer TeilnehmerInnengruppe aus Eutin, Wien und Prag. Die Module werden jeweils von einem Referenten/einer Referentin in allen drei Ländern unterrichtet.

Vielfältige Anregungen und Erfahrungen durch die inklusive Gruppe: der Basiskurs Persönliche Zukunftsplanung 2009

Basis- und Aufbaukurs Persönliche Zukunftsplanung

Die zunächst entwickelte Weiterbildung gliederte sich in zwei Basiskurse und einen Aufbaukurs für MultiplikatorInnen mit je 20 TeilnehmerInnen mit und ohne Behinderung. Die Weiterbildung stand allen Interessierten im Kreis Ostholstein off en und war für die TeilnehmerInnen kostenlos. Wichtig war uns eine möglichst gemischte Zusammensetzung der Weiterbildungsgruppe. Die TeilnehmerInnen des Kurses sollten daher verschiedene Gruppen umfassen:

  • 25 % Menschen mit Behinderungen, welche in Selbstvertretungsstrukturen arbeiten oder arbeiten wollen • 40% Fachkräfte aus Organisationen, die Menschen mit Behinderung begleiten

  • und unterrichten

  • 10% Führungskräfte aus Organisationen

  • 10% Eltern, die als Multiplikatoren und Peer-Support für andere Eltern arbeiten bzw. arbeiten wollen

  • 15% TeilnehmerInnen außerhalb des Kreises Ostholstein, die im Sinne eines Innovationstransfers bestimmte Erfahrungen für das Projekt mitbringen[8]

Die TeilnehmerInnen kamen aus 10 verschiedenen Organisationen. Neben der Ostholsteiner Behindertenhilfe und Integra als veränderungsbereite Organisationen im Kreis waren u.a. mixed pickles, mittendrin Lübeck, die Lebenshilfe, CareNetz Service, Job B, die Hamburger Arbeitsassistenz und eine Hilfeplanerin des Kreises Ostholstein vertreten. Trotz Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe ist es uns nicht gelungen in den ersten Basiskursen Eltern mit einzubeziehen.

Der Basiskurs soll zur aktiven Unterstützung und Moderation eines Persönlichen Zukunftsplanungsprozesses befähigen. Der Aufbaukurs für MultiplikatorInnen soll zur Weiterverbreitung der Idee und Methode von Persönlicher Zukunftsplanung befähigen.

Die Inhalte des Basiskurses umfassen:

  • Menschenbild und Philosophie Persönlicher Zukunftsplanung

  • verschiedene Planungsmethoden

  • Erkunden von Stärken und Fähigkeiten, Träumen und Zielen

  • Zukunftsplanungstreff en gestalten, Moderation von Unterstützungskreisen

  • Einführung in die Planungsverfahren MAPS und PATH

  • Unterstützerkreise für Menschen mit schweren Behinderungen

  • Sozialraumorientierung - Erschließung von Möglichkeiten vor Ort

Im Rahmen der Weiterbildung wurden auf der individuellen Ebene konkret persönliche Zukunftsplanungen durchgeführt und persönliche Veränderungsprozesse begleitet. Jede TeilnehmerIn des Basiskurses musste mindestens an einem Zukunftsplanungsprozess aktiv beteiligt sein, oft waren es wesentlich mehr.

Aus den beiden Basiskursen wurde dann mit interessierten und geeigneten TeilnehmerInnen der Aufbaukurs Persönliche Zukunftsplanung gebildet, der mit 20 TeilnehmerInnen im November 2009 startete und bis April 2010 lief.

Im Rahmen des Aufbaukurses mussten von den TeilnehmerInnen mindestens drei Persönliche Zukunftsplanungen begleitet worden sein. Außerdem sollte ein Projekt zur Weiterentwicklung von Persönlicher Zukunftsplanung entwickelt werden. Es haben sich in der Weiterbildung u.a. Projektgruppen zum Thema Persönliche Zukunftsplanung für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung, zur Seminargestaltung und zur Materialentwicklung gebildet.

Im Aufbaukurs standen neben inhaltlichen Impulsen durch die ReferentInnen vor allem die kollegiale Beratung und Reflexion der Planungsprozesse sowie die eigenständige Arbeit in Projekten im Vordergrund.

Europäische Weiterbildung

Die europäische Weiterbildung Persönliche Zukunftsplanung ist die dritte Weiterbildung im Rahmen des Projektes und startete im März 2010 und endet im Januar 2011. Sie wurde durch das europäische Projekt um zwei zusätzliche englischsprachige Seminare erweitert. Außerdem wurde das Curriculum gemeinsam mit den anderen europäischen ExpertInnen weiter entwickelt. An der Weiterbildung nahmen auch zwei Beobachter aus Luxemburg und der Schweiz teil, die dort im kommenden Jahr eine neue Weiterbildung zum Thema Persönliche Zukunftsplanung starten wollen. Es fanden folgende Seminare statt

  • Modul 1: Grundlagen der Persönlichen Zukunftsplanung

  • Modul 2: Personenzentriertes Denken

  • Modul 3: Unterstützungskreise und Sozialraumorientierung

  • Modul 4: Persönliche Lebensstilplanung und Lagebesprechung

  • Modul 5: Arbeiten im Unterstützerkreis

  • MAPS und PATH

  • Modul 6: Organisationen verändern

Rolle der veränderungsbereiten Organisationen

Die Ostholsteiner Behindertenhilfe GmbH (OHBH) als großer Anbieter von Wohn- und Werkstätten, ambulant betreutem Wohnen und ab dem 1.1.2009 einer virtuellen Werkstatt sowie die integra gGmbH als regionaler Integrationsfachdienst (IFD) und Anbieter berufl icher Integrationsmaßnahmen sehen sich als veränderungsbereite Organisationen und wollen für Menschen mit Behinderungen Möglichkeiten zur Entwicklung einer Persönliche Zukunftsplanung anbieten und ihr Dienstleistungsangebot in Richtung Inklusion weiterentwickeln. Veränderungsprozesse im Sinne einer Persönlichen Zukunftsplanung und Inklusion stoßen an Systemgrenzen, wenn sie nicht auch als Organisationsentwicklungsprozesse gesehen werden. Insofern erweist sich der Grundansatz des Projektes, die Weiterbildung zum Thema Persönliche Zukunftsplanung gezielt mit veränderungsbereiten Organisationen in einer Region anzubieten, als sinnvoll. Durch das Engagement der Geschäftsführungen konnte Persönliche Zukunftsplanung als ein Element in der Weiterentwicklung des Dienstleistungsangebots für Menschen mit Behinderung verankert werden. So fand beispielsweise nach dem ersten Basiskurs eine halbtägige Fortbildung für alle Leitungskräfte der Ostholsteiner Behindertenhilfe zum Thema Persönliche Zukunftsplanung statt, um die Methode stärker im Bewusstsein aller Beteiligten zu verankern. Die Teilnahme von drei Leitungskräften aus dem Bereich Berufliche Bildung, der Berufliche Integration und des Wohnens der Ostholsteiner Behindertenhilfe hat dazu geführt, dass Elemente Persönlicher Zukunftsplanung zu einem festen Bestandteil in diesen Arbeitsbereichen geworden sind.

Bei integra wird Persönliche Zukunftsplanung regelmäßig in der neuen Maßnahme Unterstützte Beschäftigung und im Übergang Schule-Beruf genutzt. CareNetz hat das Thema in einer Lehrerfortbildung beim IQSH zum Übergang Schule - Beruf aufgegriffen. Das Thema Persönliche Zukunftsplanung wurde sowohl im Frühjahr 2009 als auch 2010 als Wahlpflichtkurs Persönliche Zukunftsplanung in der Oberstufe der grundständigen Ausbildung von ErzieherInnen an der Fachschule für Sozialpädagogik in Lensahn angeboten. Mixed Pickles und mittendrin in Lübeck haben Persönliche Zukunftsplanung in einem Modellprojekt in Lübeck im Übergang von der Familie zum eigenständigen Wohnen genutzt. Insgesamt zeigt sich, dass es sinnvoll ist, mehrere NutzerInnen von Dienstleistungen, professionelle Unterstützungspersonen und Leitungskräfte einer Organisation weiterzubilden, um neue Handlungsroutinen in den beteiligten Organisationen herauszubilden.

Das Projekt "Neue Wege zur Inklusion - Zukunftsplanung im Kreis Ostholstein" ergänzt dabei gut die anderen Projekte und Vorhaben im Kreis, so z.B. das Landesprojekt Übergang Schule/ Beruf/ IFD, das Bundesprojekt JobBudget, die Entwicklung einer virtuellen Werkstatt durch die OHBH oder die Weiterentwicklung der Teilhabeplanung durch den Kreis, indem es mit dem Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung ein ressourcenorientiertes und schnittstellenübergreifendes Planungsinstrumentarium einführt. .

Regionale Plattform

Durch das Netzwerk der regionalen Partner soll das Projekt begleitet, der fachliche Austausch gestärkt und flexiblere gemeindenahe Dienstleistungsangebote entwickelt sowie eine politische Teilhabeplanung für den Kreis Ostholstein angestoßen werden. Selbstvertretungsstrukturen im Kreis Ostholstein sollen gestärkt und ausgebaut werden. Als aktiver Partner ist neben den beteiligten Organisationen auch der Kreis Ostholstein mit einbezogen, um eine Verzahnung mit der Teilhabeplanung und der Übergang Schule-Beruf genutzt. CareNetz Neuausrichtung der Eingliederungshilfe zu erreichen. Dabei ist eine Zusammenarbeit durch die regionalen Partner mit dem AK Integration und anderen bestehenden Netzwerken im Kreis vorgesehen. Das Netzwerk der regionalen Partner hat sich drei bis vier Mal im Jahr getroff en. Unter der Moderation von Prof. Dr. Andreas Hinz wurde unter anderem mit der Methode PATH eine Zielvorstellung für die Entwicklung in der Region bis zum Ende des Projekts entworfen und ein Jahr später mit einer sogenannten Projekt Lagebesprechung ausgewertet.

Der AK Integration konnte nach jahrelangem Bemühen im Frühjahr 2010 die Gründung eines Behindertenbeirats im Kreis Ostholstein erreichen. Im AK Integration wurde auch ein Zukunftspapier für Menschen mit Behinderung im Kreis Ostholstein entwickelt. Um dem Gedanken der Inklusion und den Anforderungen der UN-Konvention Rechnung zu tragen wird in den nächsten Jahren eine bereichsübergreifende politische regionale Teilhabeplanung notwendig sein. Die Verbreitung der Projektergebnisse wird durch die aktive Mitarbeit des Inklusionsbüros des Landesverbandes der Lebenshilfe und der Beratungsstelle Inklusion des Paritätischen Schleswig-Holstein, sowie durch die Einbeziehung der Koordinierungsstelle soziale Hilfen der schleswig-holsteinischen Kreise (KoSoz) und des Sozialministeriums strukturell abgesichert. Das Projekt ist Teil der Initiative "alle inklusive" und eines der Referenzprojekte des Paritätischen zum Thema Inklusion und hat sich auch bereits in diesem Rahmen präsentiert. Diese Verzahnung des Projektes soll es ermöglichen, innovative Impulse von der Landesebene in das Projekt aufzunehmen und anderseits Impulse für die landesweite Weiterentwicklung in Richtung Inklusion zu geben.

Fachtag in Lensahn: TeilnehmerInnen des Grundkurses berichten von ihren Erfahrungen,...

Landesweiter Fachtag "Neue Wege zur Inklusion"

Am 30.9.2010 fand ein landesweiter Fachtag im Kreis Ostholstein zum Thema "Neue Wege zur Inklusion - Persönliche Zukunftsplanung, personenbezogene Dienstleistungen und Sozialraumorientierung" mit 350 TeilnehmerInnen an der Fachschule für Sozialpädagogik in Lensahn statt, der allen Interessierten off en stand.

Die TeilnehmerInnen und ReferentInnen der Europäischen Weiterbildung Persönliche Zukunftsplanung erzählten von Ihren Erfahrungen mit der Persönlichen Zukunftsplanung im Plenum und in 14 Arbeitsgruppen. Prof. Dr. Andreas Hinz zog ein erstes Zwischenfazit der Begleitforschung. Dr. Helen Sanderson von Helen Sanderson Associates und Dr. Sam Bennett vom Department of Health in Großbritannien erläuterten eindrucksvoll, wie in dem Programm "Working together for change" die Informationen aus personenzentrierten Planungen für strategische Veränderungen genutzt werden. Am Ende wurden die Konsequenzen von Persönlicher Zukunftsplanung für die Inklusion in der Region mit Vertretern der Leistungsträger und Wohlfahrtsverbände diskutiert.

... Ines Boban verdeutlicht in einem Workshop das Potenzial von Unterstützungskreisen

Zwischenfazit und Ausblick

Das Projekt "Neue Wege zur Inklusion" hat zum einen dazu beigetragen eine umfassen-de inklusive Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung zu entwickeln und Methoden des personenzentrierten Denkens, Planens und Handelns weiterzuentwickeln.

Zum anderen ist das Projekt eine bewusste Investition in eine Region. Die Verknüpfung von Weiterbildung, Organisationsentwicklung und regionaler Entwicklung ist spannend. Die Weiterbildung bewusst trägerübergreifend mit veränderungsbereiten Organisationen in einer Region zu veranstalten und Leitungskräfte systematisch mit einzubeziehen hat sich bewährt. Es ist ein Quantensprung zu den bisher üblichen, einführenden zwei tägigen Seminaren zum Thema Persönliche Zukunftsplanung, bei denen MitarbeiterInnen aus verschiedenen Organisationen kamen und häufig nach dem Seminar als EinzelkämpferInnen in ihre Organisation zurückkehrten. Ohne ein kleines Projekt wie dieses überzubewerten, ist hier doch eine Keimzelle für eine veränderte Zusammenarbeit und personenzentrierte Praxis in einer Region gesät worden. Die Mühen des Alltags bleiben, aber Organisationen beginnen , ihre Dienstleistungen personenzentriert und sozialraumorientiert weiterzuentwickeln und die Zukunft ihrer eigenen Organisationen mit Methoden der Zukunftsplanung zu planen.

In der Region hat eine Reihe von Personen mit Zukunftsplanungen begonnen. Einige sind sehr erfolgreich, manche fast erfolgreich, viele sind noch dabei, an anderen werden wiederum die Widersprüche des Systems sichtbar. Persönliche Zukunftsplanung ist, zumindest in Teilen, Bestandteil von regulären Maßnahmen und Diensten geworden. Dabei gelingt dies leichter in der ambulanten Betreuung im eigenen Wohnraum, im Übergang in die selbst gewählte WG, im Freundeskreis, im Übergang Schule-Beruf, in der Unterstützten Beschäftigung, im Berufsbildungsbereich oder in der virtuellen Werkstatt als im Arbeitsbereich der Werkstätten und im Wohnheim.

Neues Denken und eine veränderte Sichtweise ist etwas, was die TeilnehmerInnen der Weiterbildung berichten. Die Weiterbildung wurde durch das lebendige, häufig emotional berührende Lernen zu einem Kraftort für Veränderungen und des Austauschs. Entwicklungsbedarf besteht noch in der inklusiven Ausgestaltung der Weiterbildung. Es steht aus meiner Sicht nicht in Frage, ob eine inklusives Seminar sinnvoll ist, sondern wie wir sie besser gestalten können. Durch die inklusive Gruppe sind vielfältige Anregungen und Erfahrungen in die Weiterbildungsgruppe getragen worden. Das gemeinsame Ausprobieren von Materialien, die Gestaltung von Planungsprozessen lief gut, wobei zunehmend nicht nur Menschen mit Behinderungen in den Kursen für sich selber planten. Problematisch waren z.B. eher theoriegeleitete Powerpoint Präsentationen und lange Seminartage. Eine stärkere Binnendifferenzierung der Seminare kann aber nur ein Teil der Lösung sein. Juliane Töpfer, die die Weiterbildung als wissenschaftliche Mitarbeiterin begleitet hat, wird sich in ihrer Examensarbeit mit der inklusiven Gestaltung von Seminaren in der Erwachsenenbildung beschäftigen.

In der letzten Projektphase wird es darum gehen zu einer guten und breiten Praxis personenzentrierter Planung in der Region zu kommen und diese zur strategischen Weiterentwicklung der Dienstleistungen zu nutzen. So soll im Frühjahr 2011 gemäß des von Helen Sanderson vorgestellten Prozesses "working together for change" im Rahmen von Strategietagen mit allen Betroffenen aus den beteiligten Organisationen die persönlichen Zukunftsplanungsprozesse ausgewertet und auf ihre Konsequenzen für die Organisationen und die Region untersucht werden. Ziel ist es, die Verbindung herzustellen zwischen individuellen Planungen und strategischer Entwicklung für Organisationen und die Region im Hinblick auf die Veränderung der Unterstützungsdienstleistungen für Inklusion. So zeigte sich beispielsweise in einer Reihe von Planungsprozessen die Bedeutung von Eltern/gesetzlichen BetreuerInnen für das Gelingen von persönlichen Zukunftsplanungsprozessen und Inklusion. In Übergangsprozessen sollten die Eltern einbezogen und z.B. mit gezielter Information, Peer-Support durch andere Eltern und Seminarangeboten für Eltern im Ablösungsprozess unterstützt werden. Wichtig ist, dass sie Zutrauen in ein selbstbestimmtes Leben ihrer Kinder in der Gesellschaft entwickeln, anderenfalls drohen Verselbständigungsprozesse an ihrem Widerstand zu scheitern.

Die AbsolventInnen der Weiterbildung haben bereits begonnen, verschiedene Seminare zum Thema Persönliche Zukunftsplanung im Land anzubieten. Neben diesen einzelnen Seminaren sollte es aber ein Ziel sein, in anderen Regionen mit veränderungsbereiten Organisationen die entwickelte inklusive Weiterbildung zum Thema Persönliche Zukunftsplanung durchzuführen, um vor Ort Veränderungsprozesse in Richtung Inklusion zu unterstützen.

In Luxemburg und in der Schweiz ist eine Durchführung der hier entwickelten Weiterbildung in 2011 bereits geplant. Die Universität Halle hat, inspiriert durch dieses Projekt, gemeinsam mit dem Bundesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte einen bundesweiten Zertifikatslehrgang Persönliche Zukunftsplanung eingerichtet.

Prof. Dr. Andreas Hinz erläutert die Ergebnisse der Begleitforschung

Die Ergebnisse der Begleitforschung des Projektes werden 2011 als Broschüre veröffentlicht. Wir werden weitere Materialien aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen und neue Materialien mit den TeilnehmerInnen entwickeln (so ein "Reiseführer Persönliche Zukunftsplanung in einfacher Sprache" oder eine Methodenbox Persönliche Zukunftsplanung) und die Internetplattformen www.persoenliche-zukunftsplanung.de bei Mensch zuerst - Netzwerk People First Deutschland neu gestalten. Das europäische Projekt wird auf der Internetseite www.personcentredplanning.eu vorgestellt und die Projektergebnisse dokumentiert werden. Es wird im September 2011 eine DVD mit Trainingsmaterialien geben. Im nächsten Frühjahr soll es auch eine Schwerpunktausgabe der impulse zum Thema Persönliche Zukunftsplanung geben.

Ziel ist, auch in anderen Regionen Veränderungsprozesse in Richtung Inklusion zu unterstützen.

Ein gelungener Abschluss des Projekts "New Paths to Inclusion" wäre eine bundesweite Fachtagung zum Projektende im September 2011 mit der Gründung eines bundesweiten Netzwerks Persönliche Zukunftsplanung. Noch ist dies eine Vision, denn es fehlt an Ressourcen so eine Aufgabe zu bewältigen.

Aber mit einem gemeinsamen Traum hat schon vieles begonnen...

Dr. Stefan Doose

ist Lehrer an der Fachschule für Sozialpädagogik und Koordinator des Projekts "Neue Wege zur Inklusion - Zukunftsplanung in Ostholstein"

Kontakt und nähere Informationen

Fachschule für Sozialpädagogik

Dr.Julius-Stinde-Str. 4, 23738 Lensahn

Mail: stefan.doose@t-online.de



[1] vgl. Rosendahl 2009

[2] vgl. Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein 2007

[3] vgl. Bund-Ländergruppe zur Reform der Eingliederungshilfe

[4] vgl.O`Brien/O`Brien 1999

[5] vgl. Doose 2007

[6] vgl. Früchtel, Cyprian, Budde 2007

[7] Als erstes konnte das Minibuch Personenzentriertes Denken auf Deutsch herausgegeben werden, in dem hilfreiche Methoden für die tägliche Praxis vorgestellt werden (Sanderson/Goodwin 2010). Es ist ab sofort bei Mensch zuerst in Kassel erhältlich

[8] z. B. die Hamburger Arbeitsassistenz, die BAG UB für den Bereich berufl iche Integration, der Landesverband Lebenshilfe, Mixed Pickles für den Bereich der Selbstvertretung behinderter Mädchen und Frauen, CareNetz für das Persönliche Budget

Literatur

Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung" der Arbeits-und Sozialministerkonferenz, November 2008

Doose, Stefan: "I want my dream!" Persönliche Zukunftsplanung. Neue Perspektiven und Methoden einer individuellen Hilfeplanung mit Menschen mit Behinderungen. Kassel: Mensch zuerst - Netzwerk People First Deutschland. Aktualisierte Auflage 2007 verfügbar über: http://bidok.uibk.ac.at/library/doose-zukunftsplanung.html

Hamburger Arbeitsassistenz: talente. Ein Angebot zur Förderung von Frauen mit Lernschwierigkeiten im Prozess beruflicher Orientierung und Qualifi zierung. Theoretische Grundlagen, Projektbeschreibung, Methoden, Materialien, Filme, Begleit-DVD. Hamburg: Hamburger Arbeitsassistenz 2008.

Früchtel, Frank; Cyprian, Gudrun; Budde, Wolfgang: Sozialer Raum und Soziale Arbeit. Textbook: Grundlagen. Wiesbaden 2007

Rosendahl, Bernhard: Auf dem Weg zur Inklusion. Umsetzung der Politik für Menschen mit Behinderung in Schleswig-Holstein. In: impulse (2009), H.50, 39-42.

Sanderson, Helen; Goodwin, Gill: Minibuch Personenzentriertes Denken. Stockport 2010.

Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein: Politik für Menschen mit Behinderung - Gesamtkonzept. Kiel 2007

O'Brien, John; O'Brien Connie Lyle (Hrsg.): A little book about Person Centered Planning. Toronto: Inclusion Press, 1999, www.inclusion.com

Quelle:

Stefan Doose: Vieles beginnt mit einem gemeinsamen Traum. Erfahrungen aus zwei Modellprojekten zur Entwicklung einer inklusiven Weiterbildung in Persönlicher Zukunftsplanung

Erschienen in: impulse Nr. 54, 03/2010, Seite 18-25.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 05.09.2012

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