Mit Zeugnis und Abschlussprüfung

Neuer Ausbildungsberuf für Jugendliche mit Lernschwierigkeiten: Assistent/in in sozialen Einrichtungen

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 52, 01/2010, S. 17-20 impulse (52/2010)
Copyright: © Jörg Hass-Tjaden 2010

Mit Zeugnis und Abschlussprüfung

Die Gruppe der Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten stellt quantitativ den größten Anteil in der Gruppe derer mit sonderpädagogischen Förderbedarf dar. Diese Zielgruppe ist insbesondere in der Phase der beruflichen Ersteingliederung erschwerten Bedingungen ausgesetzt, da ihre behinderungsbedingten kognitiven Einschränkungen den Zugang zu den üblichen beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten zumindest erschweren. Auch die sogenannten "Einfacharbeitsplätze" (die ohne berufsschulische und vertiefte betriebliche Qualifizierung besetzbar sind) werden sich in den nächsten Jahren weiter reduzieren.

Die Initiative "job - Jobs ohne Barriere"

Diese Initiative für Ausbildung und Beschäftigung behinderter wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) durchgeführt. Ziele sind u.a.

  • die Förderung der Ausbildung behinderter und schwerbehinderter Jugendlicher,

  • die Verbesserung der Beschäftigungschancen behinderter und schwerbehinderter Menschen, insbesondere in kleinen und mittelständischen Betrieben

  • und die Stärkung der betrieblichen Prävention durch Einführung eines betrieblichen Eingliederungsmanagements Innerhalb dieser Initiative führt die Gesellschaft zur Förderung nachhaltiger Lebensqualität e.V. das zweijährige Projekt "Berufliche Qualifizierung behinderter Jugendlicher zum/zur HelferIn im Altenheim" durch.

Mit dem Pilotprojekt werden zwei Ziele verfolgt: Jugendliche mit (erheblichen) Lernschwierigkeiten sollen direkt nach Beendigung der Klasse 9 der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen in einem Betrieb im dualen System ausgebildet werden und ihre Berufsschulpflicht durch den Besuch der Berufsfachschule Altenpflege erfüllen. Durch diesen veränderten Weg soll der Gefahr der Maßnahmekarrieren, also zunächst das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) der Berufsbildenden Schule und anschließende Berufsbildungsmaßnahmen unterschiedlicher Träger zu besuchen, vorgebeugt werden. Außerdem soll speziell für die Zielgruppe und orientiert an ihren individuellen Fähigkeiten, ein neuer Ausbildungsberuf entwickelt werden.

Vorbereitungsphase

Der Projektdurchführung "vorgeschaltet" ist eine von dem Träger der Jugendhilfe durchgeführte Maßnahme, durch die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Alltagskompetenz stabilisiert und weiterentwickelt werden sollen, um eine Basis von allgemein erforderlicher Kompetenz zu schaff en, an die (auch) eine Realisierung berufl icher Teilhabechancen anknüpfen kann.

Inhalte der Vorbereitungsphase sind.

  • Erwachsene Haltung im Arbeitsleben

  • Kooperation am Arbeitsplatz

  • Konfliktbewältigung

  • Kommunikation am Arbeitsplatz

  • Berufsfeld "Der alte Mensch"

Ausbildungsphase

Die Einrichtungen

Die Jugendlichen absolvieren an vier Wochentagen die betriebliche Ausbildung in sechs Einrichtungen der Altenpflege.

In allen Häusern stehen den Jugendlichen AusbilderInnen als MentorInnen zur Verfügung und die Einrichtungen beteiligen sich aktiv an der Mitarbeit im projektbegleitenden Beirat.

Die Jugendlichen werden in den Häusern nach § 66 BBiG theoriereduziert in folgenden Bereichen ausgebildet:

  • Küche

  • Hauswirtschaft/Wäscherei

  • Hausmeisterdienst

  • Unterstützung des Fachpersonals bei

  • der Begleitung der BewohnerInnen

Berufliche Qualifizierung: In der Spülküche

Sie nehmen dabei helfende Tätigkeiten wahr, durchlaufen jeden Bereich in einem dreimonatigen Wechsel und arbeiten nicht in pflegerischen Arbeitsfeldern. Sie ordnen die Wäsche, sortieren sie vor und bestücken die Waschmaschinen und Trockner. In der Küche übernehmen sie Reinigungstätigkeiten, helfen bei der Speisenzubereitung, decken die Tische ein und räumen sie wieder ab. Sie bereiten kleine Feiern auf den Stationen mit dem Fachpersonal vor, gehen mit den BewohnerInnen und den MitarbeiterInnen der Einrichtungen spazieren, musizieren und spielen mit den BewohnerInnen. Kurz: Ihr Einsatz ist sehr vielseitig und bietet jedem entsprechend seinen Fähigkeiten einen interessanten Ausbildungsplatz.

Die Berufsschule

Einmal wöchentlich werden die Auszubildenden durch die Berufsfachschule Altenpflege in Emden beschult. Dazu stellt die Berufsschule eine Dozentin, die in den Räumlichkeiten des Trägers zwei Klassen mit vier bzw. fünf Auszubildenden beschult. Der Berufsschulunterricht bedeutet für die Jugendlichen:

  • ausgewogener Unterricht mit hohem Praxisbezug

  • Handlungsorientiertes Lernen (Projekte, Ausflüge, Rollenspiele)

  • halbjährliches Berichtszeugnis und Notenübersicht

  • regelmäßige Elternsprechtage

  • Unterricht in den Fächern:

  1. Fachtheorie Hauswirtschaft

  2. Fachpraxis Hauswirtschaft

  3. Berufskunde

  4. Wirtschaft und Soziales

  5. Beschäftigung und Betreuung

Die finanzielle Unterstützung

Die Jugendlichen erhalten während ihrer zweijährigen Ausbildung einen Lohn, der jedoch noch nicht mit den Tarifpartnern abgestimmt wurde. Dies ist für das letzte Projektjahr vorgesehen. Derzeit zahlt die Agentur für Arbeit einen Teil als Eingliederungszuschuss, das zuständige Integrationsamt übernimmt nach dem Arbeitsmarkinstrument "Job 4000" einen weiteren Teil der Förderung. Den restlichen Anteil des Gehalts übernehmen die Arbeitgeber.

...in der Hausmeisterei...

Die Entwicklung des neuen Ausbildungsberufes

Während der ersten Monate des Projektes wurde mit den Ausbildungsbetrieben, der Berufsschule, der Industrie- und Handelskammer (IHK), der Gewerkschaft ver:di und dem Projektträger der neue Ausbildungsberuf "Assistent/Assistentin in sozialen Einrichtungen" entwickelt. Dazu wurden eine Ausbildungsregelung, ein Ausbildungsrahmenplan und ein Ausbildungsbegleitschein erstellt. Nach dem Beschluss des Berufsbildungsausschusses vom 19. Mai 2009 und der Zustimmung der Gewerkschaft steht damit erstmalig ein theoriereduzierter sozialer Beruf im dualen Ausbildungssystem zur Verfügung! Bislang wurden diese Berufsbilder ausschließlich als schulische Ausbildung angeboten. Bei Interesse kann der neue Beruf nun in jedem Kammerbezirk bundesweit ausgebildet werden, wenn die jeweiligen regionalen Voraussetzungen geschaffen wurden.

Die Ausbildungsregelung beinhaltet:

  • Rechte und Pflichten als Auszubildende/r

  • Arbeitsschutz und Unfallverhütung, Hygiene im Betrieb, Umweltschutz bestimmungen kennen und anwenden

  • Planen einfacher Arbeitsabläufe

  • Übernahme hauswirtschaftlicher Tätigkeiten, Zubereiten kleiner Speisen

  • Einsetzen von Maschinen, Textilpflege, Instandsetzungsarbeiten, Gartenarbeiten in der Hausmeisterei

  • Unterstützung des Fachpersonals bei der Begleitung/Beschäftigung der BewohnerInnen

  • Gestaltung des Lebensumfeldes von BewohnerInnen,

Die Zwischenprüfung

Wie in allen Ausbildungsberufen ist auch in diesem neuen Beruf eine Zwischenprüfung nach der Hälfte der Ausbildungszeit, nach 12 Monaten vorgesehen.

Die PrüfungsteilnehmerInnen müssen in höchstens 90 Minuten eine Arbeitsaufgabe aus einem der folgenden Gebiete durchführen:

  • Hauwirtschaftlicher Bereich: den Servierwagen bestücken

  • Küchenbereich: eine Kaltspeise vor- und zubereiten

Die Abschlussprüfung

Die Abschlussprüfung unterteilt sich in eine praktische und eine theoretische Prüfung. Dabei ist die Wertigkeit entsprechend der Zielgruppe und ihren individuellen Fähigkeiten deutlich im praktischen Teil angesiedelt. Zudem kann bei der IHK ein Nachteilsausgleich beantragt werden. Dies bedeutet z.B., dass eine Person des Vertrauens während der Prüfung Aufgaben vorlesen kann.

Praktische Prüfung (Wertung 50%)

Zeit: höchstens 4 Stunden

  • Eine Menükomponente nach Vorgabe erstellen

  • Eindecken, Abräumen und Säubern der Tische im Speisesaal

  • Vorbereitung einer kleinen Feier für die BewohnerInnen

  • Kleine Reparaturarbeit/Malerarbeit oder Auswechseln von Filtern nach Vorgabe vornehmen

Schriftliche Prüfungen

  • Schriftliche Prüfung im Bereich Hygiene Wertung 20% Zeit: 60 Min

  • Schriftliche Prüfung im Bereich Hauswirtschaft, Wertung 20% Zeit: 60 Min

  • Schriftliche Prüfung im Bereich Wirtschaft- und Sozialkunde Wertung 10% Zeit: 30 Min

Die Jugendlichen sind weiterhin verpflichtet einen wöchentlichen Tätigkeitsnachweis zu führen.

... und in der Wäscherei

Sozialpädagogische Begleitung

Ein wichtiges Kriterium für das Gelingen der Ausbildung ist eine gezielte sozialpädagogische Begleitung. Es zeigt sich, dass insbesondere im sozialen und familiären Bereich eine Vielzahl von Problemen auftreten können, die ohne fachliche Unterstützung sowohl die Jugendlichen wie auch die Betriebe belasten und in einigen Fällen die Ausbildung auch gefährden würden.

Bestandteile der sozialpädagogischen Begleitung sind u.a.:

  • bei den Auszubildenden Verlässlichkeit fördern

  • bei familiären oder betrieblichen Konflikten eingreifen

  • Netzwerke wie Jugendamt, pro familia, Suchtberatung usw. nutzen

  • Unterstützung bei der Berichtsheftführung

  • Rückmeldungen aus den Betrieben mit

  • den Auszubilden

  • Unterstützung am Arbeitsplatz

Der Beirat

Das Projekt wird von einem vierteljährlich tagenden Beirat begleitet und unterstützt.

Vertreten sind:

  • das Jugendamt der Stadt Emden

  • die Berufsfachschule Altenpflege in Emden

  • die Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg

  • die Gewerkschaft Ver:di

  • die Einrichtungen der Altenpflege

  • der Projektträger

  • beratend die Agentur für Arbeit

Die enge Kooperation mit allen Partnern, die wesentlichen Anteil an relevanten Entscheidungsabläufen (z.B. Inhalte der Ausbildung, fi nanzielle Fragen, Gründung einer Prüfungskommission, Tarifgespräche usw.) haben, ist für das Gelingen des gesamten Projektes überaus bedeutsam.

Die Evaluation

Durch das Institut für angewandte Sozial und Gesundheitswissenschaften, Emden, wurde eine wissenschaftliche Begleitung beantragt. Wichtig erscheint uns dabei die Frage, ob unser Vorgehen, eine Ausbildung nach Beendigung der Förderschule unter Verzicht des BVJ und weiterer berufsvorbereitenden Maßnahmen anzubieten, erfolgreich umzusetzen ist. Wenn diese Frage positiv beantwortet werden kann, besteht die Möglichkeit, dieses auf andere Berufe im theoriereduzierten Bereich auszudehnen. Dadurch könnten neue Ausbildungsberufe in Kooperation mit den jeweiligen regionalen Unternehmen entwickelt und verlorengegangene Nischenarbeitsplätze neu geschaffen werden.

Jörg Hass-Tjaden ist Dipolm-Pädagoge und Projektkoordinator der Gesellschaft zur Förderung nachhaltiger Lebensqualität e.V.

Kontakt und nähere Informationen

Ges. zur Förderung nachhaltiger Lebensqualität e.V.

Kieselstraße 19, 26725 Emden

Tel.: 04921 - 91 96 19, Fax: 04921 - 99 98 76

E-Mail: info@gnl-ev.de

Internet: www.gnl-ev.de

Quelle:

Jörg Hass-Tjaden: Mit Zeugnis und Abschlussprüfung: Neuer Ausbildungsberuf für Jugendliche mit Lernschwierigkeiten: Assistent/in in sozialen Einrichtungen

erschienen in: impulse Nr. 52, 01/2010, S. 17-20

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.05.2012

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