Dafür gibt es doch Bedarf! - Teil 1

Portraits von ExistensgründerInnen mit Behinderung - Hakan Ayrilmaz und Jacqueline Arlt

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 46/47, 2 + 3/2008, Seite 43-44. impulse (46/47/2008)
Copyright: © Redaktion impulse 2008

Dafür gibt es doch Bedarf!- Teil 1

In der letzen Ausgabe der Impulse wurde das Projekt enterability vorgestellt (Heft 45; 1/ 2008, S. 5 f), welches Menschen mit Schwerbehinderung bei dem Schritt in die berufliche Selbstständigkeit unterstützt. In dieser und den nächsten Ausgaben werden Menschen mit Behinderung vorgestellt, die den Weg in die berufliche Selbstständigkeit gewagt haben. Die Portraits der behinderten ExistenzgründerInnen sind mutmachende Beispiele, die Einblick in ein ungewöhnliches und innovatives Projekt geben.

Anmerkung von bidok: Den Bericht über das Projekt enterability finden Sie unter folgendem Link: http://bidok.uibk.ac.at/library/imp-45-08-radermacher-existenzgruenderinnen.html

Kwikimarkt-Onlinehandel

Seit über 2 Jahren ist Hakan Ayrilmaz ein erfolgreicher Unternehmer. Der 36-Jährige Bürokaufmann erkannte den Trend der Zeit und machte sich mit einem Online-Handel im Bereich Telekommunikation selbstständig. Als Angestellter hatte er vor der Existenzgründung eher schlechte Erfahrungen gemacht:

"Auf Grund meiner Behinderung bin ich in meinen bisherigen Arbeitsverhältnissen häufig herabwürdigend und diskriminierend behandelt worden. Ich wünschte mir eine Arbeit in der ich mich trotz meiner Einschränkungen als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft fühlen kann."

Und das ist ihm gelungen. Seit März 2006 betreibt er mit Hilfe einer Arbeitsassistenz, die ihm vom Integrationsamt für 20 Stunden in der Woche finanziert wird, mit "Kwikimarkt" einen regen Handel. Vor allem über die Internet-Plattform "Ebay" bietet er Handys und PCs an. Neben den behinderungsspezifischen lagen auch viele wirtschaftliche Vorteile des Online-Handels für Herrn Ayrilmaz auf der Hand: Über das Internet kann man auch ohne Ladengeschäft in zentraler Lage ein sehr großes Kundenpublikum ansprechen und für sich gewinnen.

Herr Ayrilmaz ist nach einer Hirnblutung seit 20 Jahren linksseitig spastisch gelähmt und sehbehindert (GdB von 90):

"Bedingt durch eine Halbseitenlähmung habe ich einige körperliche Einschränkungen. So bin ich nicht in der Lage, Pakete eigenhändig zu packen oder zur Post zu bringen. Da ich vor dem Eintritt meiner Behinderung Linkshänder war, musste ich neu Schreiben lernen, meine Handschrift ist bis heute für andere schwer lesbar. Formulare, Paketkarten, Quittungen etc. kann ich nicht eigenhändig beschriften."

Die Assistenz unterstützt ihn bei der Abwicklung von Bargeschäften, wie zum Beispiel der Direktabholung von Waren oder Materialeinkäufen. Auf Grund der Gesichtsfeldeinschränkung ist bei LieferantInnen- und KundInnenbesuchen eine Begleitung durch die Assistenz erforderlich.

Hakan Ayrilmaz resümiert zufrieden: "Die Einrichtung eines für mich und meine Fähigkeiten optimal ausgestatteten Arbeitsplatzes ist mir gelungen. Trotz meiner Körperbehinderung kann ich meine Arbeitskraft effektiv einsetzen."

Das Unternehmenskonzept wurde mit Unterstützung von enterability über ein halbes Jahr hinweg intensiv geplant und von der Agentur für Arbeit für 6 Monate mit dem Überbrückungsgeld gefördert. Durch eine gründliche Markterkundung und Finanzplanung wurde das Risiko der Selbstständigkeit so weit wie möglich reduziert. In der Zwischenzeit steht Herr Ayrilmaz finanziell auf eigenen Beinen:

"Es ist mir gelungen, mit relativ geringem Startkapital und ohne Aufnahme von Krediten in kurzer Zeit ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Bereits nach wenigen Monaten konnte ich die ersten Gewinne verzeichnen."

Kontakt:

E-Mail: info@kwikimarkt.de

Internet: www.kwikimarkt.de

Tel.: 030 / 31566022

"Mit Arlt-Reisen, gut und günstig reisen!"

Seit Dezember 2007 wirbt Jacqueline-Yvonne Arlt mit diesem Slogan für Ihr Online-Reisebüro. Das Besondere an ihrem Unternehmen "Arlt-Reisen" ist die Kombination aus Online-Portal und persönlicher Beratung, die am Telefon, per Mail oder auf Wunsch auch bei den KundInnen zu Hause stattfindet. Mit ihrem Angebot erfüllt sie alle Urlaubswünsche, von Pauschalreisen über Aktivurlaub bis hin zu einzelnen Flügen oder Hotelübernachtungen. Als gelernte Betriebswirtin konnte Frau Arlt in ihren bisherigen Tätigkeiten für große Klassische Orchester vielfältige Erfahrungen in Organisation und Management sammeln:

"Besondere Freude hat mir schon immer die Vorbereitung und Durchführung von Tourneen gemacht - mein Wunsch für die Zukunft war es, für immer freundlich lächelnde Menschen zu arbeiten. Und in welcher Branche gelingt das besser, als im Reisegewerbe? Ich setze die Urlaubsträume meiner KundInnen in die Wirklichkeit um. Ich möchte zeigen, dass es auch mit einer Behinderung möglich ist, aktiv am Leben teilzuhaben. Ich selbst bin begeisterte Sporttaucherin trotz meines Wirbelsäulen- und Bandscheibenschadens".

Frau Arlt hat auf Grund einer Wirbelsäulenverbiegung mit Bandscheibenverlust einen GdB von 70 und ist auf starke Schmerzmittel angewiesen.

Das Integrationsamt finanzierte Frau Arlt beim Start in die Selbstständigkeit eine technische Arbeitsplatzausstattung. Ein vielseitig verstellbaren Stuhl sowie ein elektronisch höhenverstellbaren und programmierbarer Tisch ermöglichen Fr. Arlt das Arbeiten in wechselnden Sitzpositionen oder auch im Stehen: "Ich muss alle 30 Minuten meine Position vom Sitzen in Stehen ändern. Außerdem kann ich maximal 6 Stunden am Stück arbeiten. Es gibt auch Tage, an denen sind die Schmerzen so stark, dass ich nur im Liegen arbeiten kann."

Auf dem freien Arbeitsmarkt hat Fr. Arlt mit ihrer Behinderung keine Chance auf eine Anstellung. Die Selbstständigkeit ist für sie die einzige Chance, mit 45 Jahren auch weiterhin beruflich tätig zu sein. Mit dem Online-Reisebüro hat sie sich selbst einen Arbeitsplatz geschaffen, der ihrer Behinderung und den damit verbundenen Bedürfnissen gerecht wird.

Gemeinsam mit den BeraterInnen von enterability erarbeitete Jacqueline Arlt einen Businessplan, der auch Grundlage für die Existenzgründungsförderung (Gründungszuschuss) durch die Agentur für Arbeit sowie die technische Ausstattung des Integrationsamtes war: "Bei enterability kann ich jederzeit anrufen und bekomme immer ein offenes Ohr für meine Fragen und Anliegen. Die Beratung geht über eine übliche Existenzgründungsberatung weit hinaus, da auch immer rechts und links des Weges geschaut wird." Besonders schätzt Frau Arlt auch das Netzwerk von UnternehmerInnen mit Schwerbehinderung, das enterability aufgebaut hat. "enterability bietet einen Raum für Austausch unter Gleichgesinnten, der mir sehr wichtig ist."

Kontakt:

E-Mail info@arlt-reisen.de

Internet: www.arlt-reisen.de

Tel.: 030 / 21808101

Handy: 0177 / 8678698 oder 0176 /

23746117

Quelle:

Redaktion impulse: Dafür gibt es doch Bedarf!- Teil 1. Portraits von ExistensgründerInnen mit Behinderung - Hakan Ayrilmaz und Jacqueline-Yvonne Arlt

erschienen in: impulse Nr. 46/47, 2 + 3/2008, Seite 43-44.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 09.09.2010

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