Arbeit und Begegnung

Möglichkeiten zur Teilhabe von Menschen mit schwerer geistiger Behinderung am Arbeitsleben

AutorIn: Klaus Kistner
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 46/47, 2 + 3/2008, Seite 39-42. impulse (46/47/2008)
Copyright: © Klaus Kistner 2008

Arbeit und Begegnung

Für viele Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf existieren kaum Möglichkeiten zur Teilhabe am Arbeitsleben. Der Verein ‚Arbeit und Begegnung' versucht, auch für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf sinnvolle Arbeitsmöglichkeiten zu entwickeln oder sie durch ‚arbeitsnahe Tätigkeiten' in Arbeitszusammenhänge einzubinden.

Einen Höhepunkt im Wochenablauf bildet für Herrn D. das Zerreißen leerer Kartons an einem Walsroder Kaufhaus. Tage vorher schon fragt er danach. Jeden Montag geht es los. Frühmorgens macht er sich mit drei anderen Teilnehmern und seinem Betreuer auf den Weg zur Bushaltestelle. Er genießt die Fahrt im Linienbus. Manchmal schaut er spaßeshalber auf die Armaturen und fragt den Fahrer, ob alles in Ordnung sei.

Das Recyceln von Altpapier führen wir schon seit einigen Jahren durch. Zusammen mit den Hausmeistern eines Walsroder Kaufhauses - und teilweise allein - zerreißen wir die leeren Kartons und legen die Kartonschnitzel in eine hydraulische Presse. Anschließend werden sie zu Ballen zusammengebunden und in einen Container geladen, der vom Recyclingunternehmen abgeholt wird. Während der Arbeit nehmen sich die Hausmeister Zeit und unterhalten sich mit uns. Zum Frühstück im Kaufhaus haben sie uns einen Kaffee aufgesetzt. Eine weitere Gruppe führt die gleiche Arbeit am örtlichen Naturkostladen durch.

Bei dieser Arbeit trifft Herr D. andere Menschen außerhalb seines Wohnbereiches. Unterwegs gewinnt er neue Eindrücke und Erlebnisse. Er arbeitet dort, wo andere Menschen auch arbeiten. Ebenso wie sie leistet er eine Arbeit die wichtig und einsichtig ist.

Wirtschaftlich ist die Leistung von Herrn D. und seinen Mitarbeitern wenig ergiebig. Diese Arbeit wird sonst von den Hausmeistern zwischendurch und nebenbei erledigt. In Geld umgerechnet käme für jeden von uns vielleicht der Gegenwert von einer Tasse Kaffee heraus. Unter solchen Vorzeichen käme normalerweise in einem Wirtschaftsunternehmen kein Arbeitsverhältnis zustande.

Herr D. bei der Arbeit

Der Verein ‚Arbeit und Begegnung'

Bevor das Arbeitsverhältnis am Walsroder Kaufhaus zustande kam, musste vieles grundsätzlich neu durchdacht werden. Im Verlauf dieses Prozesses ist der Verein "Arbeit und Begegnung e.V." entstanden.

Ausgangspunkt war die wiederholte Beobachtung bei meiner Arbeit in einer Wohneinrichtung für Menschen mit einer Behinderung, mit welcher Freude die Betreuten alle Begegnungen außerhalb der Einrichtung aufnehmen. Oftmals stellen zufällige oder geplante Kontakte außerhalb der Wohneinrichtung einen Höhepunkt im klar gegliederten Wochenablauf dar, von dem die Menschen mit Behinderung lange Zeit zehren.

Die wenigsten der Betreuten haben Aussicht auf eine bezahlte Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und auch nicht für alle findet sich eine Zugang in eine Werkstatt für behinderte Menschen. Mich und andere bewegte dabei die Frage, ob dies bedeutet, dass der Zugang für sie zum allgemeinen Arbeitsleben für alle Zeit versperrt ist? Wir fragen uns, ob für sie nicht jenseits der Marktgesetze vielleicht Wege kreiert werden können - jenseits von bezahlter Arbeit. Entlohnt werden könnte ihre Arbeit - die wirtschaftlich keinen nennenswerten Ertrag erbringt - doch durch immaterielle Bezahlung, wie Zuwendung, Zeit füreinander haben und persönliche Ansprache, zum Beispiel bei einem gemeinsamen Kaffeetrinken.

Eine solche Entlohnung stellt keine

Notlösung dar. Vielmehr eröffnet sie neue Möglichkeiten und Freiheiten, etwa

  • die Freiheit, nach eigenen Interessen verschiedene Arbeiten durchzuführen und vor allem solche, die einem Spaß machen

  • die Freiheit, Arbeit zu finden, wo es sonst keine gibt

  • die Freiheit nicht von einem einzelnen Arbeitgeber abhängig zu sein. Vielmehr können mit unterschiedlichen Arbeiten Erfahrungen gesammelt werden, die zur persönlichen Weiterentwicklung beitragen.

Manche unserer Arbeitsverhältnisse haben sich entwickelt aus Tätigkeiten, welche die Betreuten im Rahmen von tagesstrukturierenden Maßnahmen innerhalb der Einrichtung erlernt haben. So haben einige der von uns betreuten Personen vermittelt bekommen, mit handbetriebenen Mühlen Getreide zu mahlen und daraus Brot oder Kuchen zu backen. Später haben wir das Getreidemahlen als gelegentliche gemeinsame Aktion in einigen umliegenden Kindergärten angeboten. Dabei wurden wir stets begeistert empfangen.

Eine regelmäßige Arbeit außerhalb der Einrichtung entstand erst am Heidemuseum Walsrode.

Hier haben wir an den "Backtagen", die von Mai bis September wöchentlich stattfinden, das Getreidemahlen und Backen als Mitmachaktion angeboten. Während die Eltern den Kuchen aus dem historischen Backofen verzehrten, konnten die Kinder mit uns kräftig an der Mühle drehen und mit dem gewonnenen Mehl eine Backmischung herstellen oder einen Teig ausrollen.

Viel Andrang bei den ‚Backtagen'

Andere Arbeiten entstanden gleich im betrieblichen Umfeld - wie beispielsweise das Kartons zerreißen an zwei Walsroder Geschäften.

In einer Übersicht lässt sich das Konzept von "Arbeit und Begegnung" wie folgt darstellen:

Ebene

Merkmale

Arbeiten im

häuslichen Umfeld

  • Für sich und/oder andere etwas Nützliches tun

  • Selbstversorgung / Selbständigkeit

Mobile Dienste

  • gelegentlich außerhalb des häuslichen Umfeldes

  • arbeiten

Die Arbeiten in einem Betrieb - oder ähnlichem - können in vier Ebenen unterschieden werden:

 

Ebene

Merkmale

Tätigwerden

  • Freude an Tätigkeiten mit anderen Menschen am gleichen Ort und mit ähnlichem Material.

  • Ein Verständnis der Abläufe und ein Beitrag zum Arbeitsergebnis werden nicht vorausgesetzt.

Zielgerichtete Aktivierung

  • unter Anleitung einer pädagogischen Fachkraft mit Materialien arbeiten, die in dem Betrieb verwendet werden

punktuelle Mitarbeit

  • am betrieblichen Ablauf teilnehmen, ohne ein wirtschaftlich verwertbares Ergebnis zu erzielen

Festeinstellung

  • Gegen angemessene Bezahlung ein wirtschaftlich verwertbares Ergebnis erzielen

Am wichtigsten ist uns, dass jeder behinderte Mitarbeiter eine Form des Arbeitens findet, mit der er glücklich wird.

Es ist durchaus denkbar, dass aus solchen Arbeitsverhältnissen für einzelne TeilnehmerInnen eine bezahlte Festeinstellung entsteht. Voraussetzung dazu ist, dass sie zuverlässig eine Leistung erbringen, die wirtschaftlich verwertbar ist.

Tatsächlich aber sind die von uns vermittelten Arbeiten weit von einem solchen Zustand entfernt.

Ziel unserer Anstrengungen ist es, den Beteiligten abseits aller wirtschaftlichen Zwänge Arbeiten zu vermitteln, die sie innerlich erfüllen, die ihnen Spaß machen und ihnen Begegnungen mit anderen Menschen verschaffen.

Unter diesen Vorzeichen ist es uns gelungen, einige Arbeiten zu finden, wo wir keine vermutet hätten und neue Arbeitsangebote aufzubauen, die es zuvor nicht gab. Mit dem Wunsch nach Begegnung und Ansprache als Gegenleistung für unsere Arbeit sprechen wir bei manchen ArbeitgeberInnen eine Seite an, für die sie menschlich zugänglich sind.

So sind im Laufe der Jahre neben dem Kartons zerreißen und dem Getreidemahlen eine Reihe weiterer Arbeiten entstanden:

  • Für den Weltladen Walsrode liefern wir donnerstags vorbestellte Bananen an die Kunden aus. Wir bringen sie auch zu den örtlichen Berufsbildenden Schulen, welche die Bananen als Praxisteil der Ausbildung intern vermarkten. Dabei erleben wir allerhand Begegnungen und genießen die Bewegung an der frischen Luft. Der Weltladen versorgt uns mit einem Frühstück und mit Unterhaltung. Auch die Fahrt mit dem Linienbus bedeutet ein Stück Teilhabe am öffentlichen Leben.

  • Einmal monatlich führen wir Arbeiten zur Landschaftspflege mit dem Verein Schäferhof Neuenkirchen durch. Hieran beteiligen sich auch Schulklassen sowie Betreuer und Bewohner aus umliegenden Behinderteneinrichtungen. Gefördert wird unsere gemeinnützige Arbeit mit Mitteln der Europäischen Union.

  • In der kalten Jahreszeit entkusseln wir die umliegenden Heideflächen. Damit die Heide sich besser ausbreiten kann entfernen wir Kieferntriebe und morsches Geäst und verbrennen sie anschließend.

  • In der warmen Jahreszeit haben wir einen Rundwanderweg mit unterschiedlichen Stationen errichtet mit Infotafeln, einem Insektenhotel, einem Baumxylophon, einem Barfußpfad u.a.

Der Barfußpfad macht Arbeit und schafft Begegnungen

Bei all diesen Arbeiten entstehen vielfältige Begegnungen. Betreute, die nicht sprechen können, nutzen die Tätigkeit selbst als Ausdrucksform. Im gemeinsamen Tun gehen sie auf andere zu, helfen sich untereinander oder fordern Hilfe an.

Teamarbeit

Begegnung macht Freude

Die nächsten Herausforderungen

Noch ist es uns nicht hinreichend gelungen, auch Menschen mit schwerster geistiger und Mehrfachbehinderung in unser Konzept einzubinden. Wir haben zwar ein erweitertes Verständnis von "Arbeit" entwickelt und die Begegnungen in den Mittelpunkt gestellt. Wie aber kann Menschen eine Teilhabe am Arbeitsleben ermöglicht werden, die auch einfachste Arbeitsschritte entweder nicht verstehen oder nicht als sinnvolle Handlung für sich sehen?

Hier geht es nicht um die Verwertung einer Arbeitsleistung, sondern darum zu verstehen, was überhaupt gefordert ist. Zunächst können wir ansetzen an den spontanen Tätigkeiten eines Menschen. In dem dabei vorgefundenem Spannungsfeld zum landläufigen Arbeitsbegriff können wir dann versuchen, einige Annäherungen anzubahnen. Vielleicht könnte uns ein Begriff wie "arbeitsnahe Tätigkeiten" dabei einige Schritte weiter bringen.

Bei "arbeitsnahen Tätigkeiten" handelt es sich um Tätigkeiten,

  • die nicht den Anspruch von "Arbeit" erfüllen

  • die möglichst außerhalb von Sondereinrichtungen dort stattfinden, wo andere Menschen ihre Arbeit verrichten

  • die mit den vor Ort gegebenen Mitteln und Themen den Interessen und Fähigkeiten des Betreuten nahe kommen

  • die Begegnungen ermöglichen

  • die Aktivität und Interesse anregen

  • die Anstrengung verlangen, jedoch nicht zu einem bestimmten Ziel führen müssen

  • die Spaß, Erlebnisintensität und Aktivität vor rationale Einsicht und Zweckmäßigkeit stellen.

Als Beispiel hierfür mag ein schwerstbehinderten jungen Mann dienen, den wir ‚arbeitsnah' in unser Ursprungsbeispiel eingebunden haben. Der junge Mann wirft nahezu alles, das er in die Hände bekommt, nach kurzer Zeit fort. Wir haben ihn beim zerreißen der Kartons am Kaufhaus in einen großen flachen Karton gesetzt. Die anderen Teilnehmer legen die zerrissenen Kartonschnipsel bei ihm ab - er wirft sie mit Freude wieder hinaus. Zugleich ist er im Mittelpunkt des Geschehens und bekommt viel Aufmerksamkeit.

Zum Schluss nehmen wir ihn aus dem Karton heraus, die anderen Teilnehmer füllen die heraus geworfenen Schnipsel wieder ein und wir bündeln den vollen Karton für den Abtransport.

Eine arbeitsnahe Tätigkeit kann auch bedeuten, dass wir Wahrnehmungsübungen zur basalen Stimulation aus dem Umfeld der Einrichtung auslagern. Dazu können wir uns an Orte begeben, wo andere Menschen arbeiten, wo wir eine stimmige Atmosphäre und geeignete Wahrnehmungsreize vorfinden.

Solche Orte könnten beispielsweise sein:

  • eine Gärtnerei mit Pflanzen, Erde und duftenden Kräutern

  • ein Bauernhof mit Tieren, Gemüse- und Getreidefeldern, mit Maschinen

  • eine Fabrik mit ihren Geräuschen, Gerüchen und dem spürbaren festen Arbeitstakt

  • ein Kleinzoo mit Tieren, die zu füttern sind und von denen sich einige streicheln lassen

Die Tätigkeiten müssen bei jedem dieser Beispiele sehr stark auf den schwerst- und mehrfachbehinderten Teilnehmer zugeschnitten werden. Sie sind vom Ergebnis

losgelöst und ganz auf den Erlebnischarakter der Arbeit ausgerichtet.

Mit diesem Ansatz stehen wir noch ganz am Anfang - und brauchen Unterstützung. Wir suchen Menschen, die sich für diese Form der Arbeitsvermittlung interessieren, die vielleicht schon ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder vergleichbare Ansätze verfolgen und mit uns daran weiterarbeiten wollen.

Mit einem Forschungsprojekt planen wir demnächst, im kleinen Rahmen zu untersuchen, wie in Betrieben unterschiedlicher Branchen Nischenarbeitsplätze nach unserem Konzept entstehen können. Auch hier brauchen wir Menschen, die mit uns auf die Suche gehen.

Schließen möchte ich mit einem Wort von Heinz von Förster:

"Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen."

Kontakt:

Klaus Kistner

Verein Arbeit und Begegnung e.V.

Altenboitzen 107, 29664 Walsrode

Tel.: 05166 / 1654

E-Mail: k_kistner@web.de

Internet: www.arbeit-und-begegnung.de

Quelle:

Klaus Kistner: Arbeit und Begegnung. Möglichkeiten zur Teilhabe von Menschen mit schwerer geistiger Behinderung am Arbeitsleben

erschienen in: impulse Nr. 46/47, 2 + 3/2008, Seite 39-42.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 09.09..2010

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