Impulsbeitrag zur Sozialraumorientierung

AutorIn: Stefan Doose
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 46/47, 2 + 3/2008, Seite 3. impulse (46/47/2008)
Copyright: © Stefan Doose 2008

Impulsbeitrag zur Sozialraumorientierung

Das Konzept der Sozialraumorientierung richtet den Blick auf wesentliche Aspekte gelingender beruflicher Inklusion: Die konsequente Orientierung an den Interessen und am Willen der unterstützten Person und die Nutzung der Ressourcen der Menschen und des Sozialraums.

Das Konzept der Sozialraumorientierung kommt aus der Kinder- und Jugendhilfe und wird nun seit einiger Zeit auch verstärkt im Bereich der Behindertenhilfe diskutiert. Die methodischen Prinzipien der Sozialraumorientierung sind (vgl. HINTE/TREESS 2007, S.45 ff):

  1. Orientierung an den Interessen und am Willen

  2. Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe

  3. Nutzung der Ressourcen der Menschen und des Sozialraums

  4. Zielgruppen- und bereichsübergreifender Ansatz

  5. Kooperation und Koordination

Diese Prinzipien passen sehr gut zur Leitorientierung der Inklusion und zu Ansätzen wie der Persönlichen Zukunftsplanung und Unterstützten Beschäftigung.

Inklusion meint die Teilhabe aller Menschen im Gemeinwesen und will Ausgrenzung aufgrund von Unterschiedlichkeit wie z.B. Behinderung, ethnischer Hintergrund, Geschlecht, Alter oder Leistungsfähigkeit verhindern. Inklusion muss deshalb im sozialen Nahraum beginnen, Erfahrungen von gelingender Vielfalt ermöglichen und neue Formen der Unterstützung zielgruppenübergreifend dafür anbieten. Es braucht dazu Menschen im ganzen Dorf, dem gesamten Stadtteil oder Kreis, um dies zu ermöglichen. Dabei geht es allerdings nicht nur darum zu sehen, was das Gemeinwesen für die Organisation tun kann, sondern auch was wir für das Gemeinwesen tun können, um das Leben für alle Menschen im Ort lebenswerter zu gestalten.

Das Konzept der Sozialraumorientierung verweist dabei mit dem SONI-Modell auf vier bedeutsame Ebenen (vgl. FRÜCHTEL, CYPRIAN, BUDDE 2007):

  1. Sozialstrukturelle-sozialpolitische Ebene

  2. Organisationsebene

  3. Netzwerksebene

  4. Individuelle Ebene

Die individuelle Ebene ist die erste Ebene der beruflichen Integration. Ausgehend von den Interessen, Fähigkeiten und vor allem dem Willen der unterstützten Person soll mit ihr ein passender Arbeitsplatz gefunden werden. Eigeninitiative und Selbsthilfe sollen dabei unterstützt und nicht ersetzt werden. Ressourcen der Person und des Umfeldes werden genutzt und vielleicht auch erst wieder freigelegt.

Auf der Netzwerksebene werden die vorhandenen Netzwerke der Person und seines Umfeldes einbezogen und ausgebaut. Eine gute Methode dazu sind die Unterstützerkreise aus der Persönlichen Zukunftsplanung oder die individuellen Berufswegekonferenzen. Das Beispiel von Integra in Bamberg in diesem Heft zeigt, wie mit sogenannten Schatzkarten die Ressourcen im Umfeld der unterstützten Person entdeckt werden können. Eine wesentliche Ressource ist das Netzwerk des Dienstes. Umso besser ein Dienst in das Gemeinwesen eingebunden ist, die Betriebe und ihre Bedürfnisse, Schlüsselpersonen und wichtige Institutionen vor Ort kennt, umso effektiver wird er Menschen in Betriebe vermitteln und dort unterstützen können. Dies ist seit langem bekannt und eine Grundlage von Unterstützer Beschäftigung. Deshalb kann erfolgreiche Arbeit in diesem Bereich auch nicht mit wechselnden, kurzfristigen Maßnahmen von einer Dauer von einem Jahr oder kürzer erreicht werden. Netzwerke müssen aufgebaut und gepflegt, soziales Kapital durch erfolgreiche Arbeit in Kooperation mit Betrieben verdient werden. Verlässlichkeit und Kontinuität sind dafür wichtige Qualitätsmerkmale. Regionale Netzwerke mit allen Beteiligten wie die regionalen Berufswegekonferenzen in Baden-Württemberg sind Beispiele für diese Praxis. Integrationsfachdienste benötigen deshalb beispielsweise neben der fallspezifischen Vergütung immer auch eine fallunabhängige Finanzierung für diese Netzwerk- und Informationsarbeit, was leider vielerorts nicht anerkannt ist.

Auf der Organisationsebene geht es darum, sich als von den unterstützten Personen und Betrieben lernende Organisation zu begreifen und gemeindenahe, betriebliche, flexible Dienstleistungen weiter zu entwickeln. Die Ostholsteiner Behindertenhilfe ist ein in diesem Heft geschildertes Beispiel für einen traditionellen Anbieter in der Behindertenhilfe, der sich u.a. mit dem Konzept der Sozialraumorientierung auf den Weg machen will, inklusivere, gemeindenahe Unterstützungsangebote zu entwickeln. Interessanter Weise sind es Werkstätten für behinderte Menschen, die sich mit diesem Ansatz in Richtung einer virtuellen Werkstatt mit einer Vielzahl von unterstützten betrieblichen Arbeitsplätzen im Gemeinwesen weiterentwickeln.

Auf der sozialstrukturellen-sozialpolitischen Ebene müssen vor Ort, in jedem Kreis, Bezirk der Agentur für Arbeit, Bundesland und natürlich auf Bundesebene immer wieder die Rahmenbedingungen für die berufliche Inklusion mit den Behörden und der Politik ausgehandelt werden. Diese politische Arbeit ist mühsam, aber eine unabdingbare Voraussetzung, damit sich die Möglichkeiten der beruflichen Integration erweitern. Das Beispiel der Unterstützten Beschäftigung zeigt, welche dicken Bretter zuweilen zu bohren sind. Ohne eine bundesweite Interessenvertretung wie die BAG UB wäre vieles nicht erreicht worden und leider bleibt diese Lobby-Arbeit weiter bitter notwendig, da die Bedingungen teilweise immer noch nicht förderlich für inklusive Unterstützungsdienstleistungen im Arbeitsleben sind.

Das Konzept der Sozialraumorientierung ist auch für die berufliche Integrationsarbeit inspirierend und lenkt den Blick auf einen zentralen Aspekt erfolgreicher Integrationsarbeit. Der Ansatz lohnt entdeckt zu werden. Möge dieses Heft eine erste Appetitanregung dazu sein.

Literatur:

Früchtel, Frank; Cyprian, Gudrun; Budde, Wolfgang: Sozialer Raum und Soziale Arbeit. Textbook: Grundlagen. Wiesbaden 2007

Hinte, Wolfgang/ Treeß, Helga: Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe. Weinheim und München 2007

Kontakt:

Dr. Stefan Doose

Steinrader Hauptstr. 16, 23556 Lübeck

Tel.: 0451 / 8804777

E-Mail: stefan.doose@t-online.de

Quelle:

Stefan Doose: Impulsbeitrag zur Sozialraumorientierung

erschienen in: impulse Nr. 46/47, 2 + 3/2008, Seite 3.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 16.08.2010

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