Lust auf Unternehmen! - soziale Verantwortung strategisch gestalten

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse, Nr. 44/2007, Seite 29-31. impulse (44/2007)
Copyright: © Heidemarie Erhardt 2007

Lust auf Unternehmen!

Das Teilprojekt "Akzente" aus der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft "Talente" beschäftigt sich mit der Sensibilisierung von ArbeitgeberInnen für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Im Rahmen des Projekts entstand ein Workshopformat zum Thema "Soziale Verantwortung von Unternehmen".

Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz - das weckt bei vielen UnternehmerInnen und Personalverantwortlichen negative Assoziationen. Es wäre müßig, die mit der Beschäftigung behinderter Menschen verbundenen Vorurteile an dieser Stelle aufzuzählen. Sie sind nur allzu gut bekannt. Umso wichtiger erschien es uns, diesem "Negativ-Touch" etwas Positives entgegenzusetzen, nämlich die Beschäftigung behinderter Menschen als Wahrnehmung sozialer Verantwortung und somit Imagegewinn für das beschäftigende Unternehmen.

Seit geraumer Zeit bemüht sich die Europäische Union, die Begriffe Corporate Citizenship (das Unternehmen als Bürger und Teil der Gesellschaft) und Corporate Social Responsibility (die soziale Verantwortung von Unternehmen), die für den Wettbewerb amerikanischer Unternehmen mittlerweile essentiell sind, auch in Europa einzuführen.

Auf der anderen Seite fühlen sich viele UnternehmerInnen moralisch unter Druck gesetzt. Hatten doch die Medien in der Diskussion um Massenentlassungen und die Auslagerung von Produktionen ins Ausland die soziale Verantwortung von Unternehmen ins Spiel gebracht und als moralische Keule gegen die "vaterlandslosen Gesellen" geschwungen.

UnternehmerInnen fühlen sich daher zunehmend zu sozialem Engagement verpflichtet - oft ohne recht zu wissen, wo sie ansetzen können. Denn nicht jedes Engagement passt zu Unternehmen und Produkt. Die Wahrnehmung sozialer Verantwortung ist kein Akt der Nächstenliebe und Sozialromantik. Vielmehr soll eine Win-Win-Situation, also ein Vorteil für beide Seiten, entstehen: für den Geförderten und das Unternehmen. Dies bedarf einer strategischen Ausrichtung und Gestaltung.

In Dr. Andreas Grabenstein, Geschäftsführer des Nürnberger Instituts Persönlichkeit und Ethik, fanden wir einen Mitstreiter, der sich seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema Unternehmensethik auseinandersetzt. Gemeinsam entwickelten wir einen Workshop speziell für kleine und mittelständische Unternehmen, den wir "Lust auf Unternehmen! - soziale Verantwortung strategisch gestalten" nannten. Zielgruppe sind neben GeschäftsführerInnen Personalverantwortliche und MitarbeiterInnen aus dem Bereich Marketing/ Öffentlichkeitsarbeit.

Was verstehen wir unter sozialer oder gesellschaftlicher Verantwortung?

In landläufigem Sinn werden besondere Leistungen wie Spenden, Sponsoring und Ähnliches als Wahrnehmung gesellschaftlicher oder sozialer Verantwortung wahrgenommen. Dies ist ein enges, um nicht zu sagen zu enges Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung. Denn gesellschaftliche Verantwortung beginnt viel früher.

Schon mit ihrem "Kerngeschäft" übernehmen Firmen soziale Verantwortung, ist doch die Gewinnerwirtschaftung Grundlage für die Sicherung von Arbeitsplätzen. Mit Produkten und Dienstleistungen reagieren sie auf gesellschaftliche Bedürfnisse und setzen Ressourcen effizient ein. Darüber hinaus engagieren sich viele Unternehmen für Bildung, Ökologie, Kultur und ein faires Miteinander innerhalb und außerhalb des Betriebs. Sie setzen sich für die gesellschaftliche Entwicklung des Standorts ein, an dem sie wirtschaften.

Ein weites Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung unterscheidet daher das, was gesellschaftlich verlangt ist, was zum Standard oder "guten Ton" gehört, von dem, was Unternehmen tun "sollen", was von ihnen "erwartet" wird und dem "Sahnehäubchen", was sein "kann" oder gesellschaftlich "erwünscht" ist.

Zu gesellschaftlich Verlangtem gehört:

Die Einhaltung von Gesetzen & guten Sitten (z. B. Steuern zahlen)

Schaffung von sicheren Arbeitsplätzen

Gewinnerzielung, Erreichen der Unternehmensziele

Die Gewinnerzielung als Aspekt sozialer Verantwortung mag manchem erstaunlich erscheinen. Aber wer keinen Gewinn erwirtschaftet, kann keine Arbeitsplätze sichern und muss im Gegenteil sogar Arbeitsplätze abbauen.

Gesellschaftlich erwartet wird die Wahrnehmung sozialer Verantwortung über das gesellschaftliche Minimum hinaus. Dazu gehört der Respekt gegenüber dem Standort (Kultur, Situation). Besonders bei Unternehmen mit Dependancen im Ausland und hier insbesondere in Entwicklungs- oder Schwellenländern kann es dabei zu Konflikten kommen, weil die gesellschaftliche und kulturelle Situation des Standorts - zumeist aus Unwissenheit - nicht respektiert und gefördert wird.

Das gesellschaftlich erwünschte "Sahnehäubchen" kann ein Kultursponsoring (Museum, Theater, Konzert etc.) oder ein besonderes Engagement (z. B. Bau eines Spielplatzes für einen Kindergarten, Computer für eine Schule) oder ähnliches sein.

Neben der Erklärung unterschiedlicher Definitions- und Sichtweisen von und auf Unternehmensverantwortung ist ein wichtiger erster Input die Vorstellung eines konkreten Unternehmens und seiner Aktivitäten. Für unsere Workshops konnten wir die Prokuristin und den Juniorchef einer Erlanger Großbäckerei gewinnen, die in einem Interview ihre Aktivitäten darstellten.

Die Großbäckerei (über 1100 MitarbeiterInnen) arbeitet seit mehreren Jahren mit uns zusammen. Mittlerweile konnten bereits 6 MitarbeiterInnen über das Betriebliche Arbeitstraining von ACCESS in das Unternehmen integriert werden. Über das Projekt "Aktion Berufsstart", das Jugendliche mit Behinderung im Übergang von der Schule in den Beruf begleitet, wurde ein Teilnehmer in Ausbildung vermittelt.

Grafik Pyramide Unternehmensverantwortung

Daneben ist die Firma in vielen weiteren Bereichen aktiv. Neben einem ausgiebigen Kultursponsoring gehört die Förderung und Verwendung heimischer Produkte genauso zum Portfolio wie eine Stiftung zur Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien. Anhand des Beispiels lässt sich gut zeigen, welche Vielfalt an Möglichkeiten es gibt. Es zeigt aber auch, dass eine zu große Vielfalt eher verwirrend ist und ein gezielteres Engagement eine möglicherweise größere Außenwirkung hätte.

Landkarte der Unternehmensverantwortung

Die Aktivitäten werden auf einer "Landkarte der Unternehmensverantwortung" eingeordnet.

Die Mitte der Landkarte ist der Kern, das "Kerngeschäft" des Unternehmens. Je weiter außen etwas eingeordnet wird, umso weiter ist es vom Kerngeschäft entfernt

Landkarte

Grafik Pyramide Unternehmensverantwortung

Die Farben der Ringe wiederum korrespondieren mit den Farben und Kategorien der Pyramide der Unternehmensverantwortung.

Unternehmensaktivitäten können in die Landkarte eingetragen werden. Dabei wird Engagement im ökonomischen, ökologischen oder sozialen Bereich unterschieden. Oftmals sind die Übergänge fließend und können mehreren Bereichen zugeordnet werden.

Das Engagement kann sich beziehen oder Einfluss haben auf

  • Produkt, Dienstleistungen, KundInnen, LieferantInnen

  • Geld, Gewinn, Umsatz

  • MitarbeiterInnen

  • Standort, Region

  • Staat, Politik

  • Natürliche Umwelt

Die TeilnehmerInnen sind aufgefordert, ihr eigenes Unternehmen unter die Lupe zu nehmen und Unternehmensaktivitäten anhand der Landkarte einzuordnen. Was die TeilnehmerInnen in Einzelarbeit über ihr Unternehmen herausfinden, stellen sie in der Kleingruppe vor. Kaum jemand hat sich zuvor einmal die Zeit genommen, das eigene Unternehmen auf die Fragestellung hin zu betrachten. Viele TeilnehmerInnen sind daher erstaunt angesichts der Fülle dessen, was sie schon auf dem Gebiet der sozialen Verantwortung leisten.

Die nächste Frage, die sich stellt, lautet: Wie komme ich zu den Feldern, in denen ich mich engagiere? Oder anders formuliert: Ist das Engagement strategisch geplant oder reagiere ich nur dann, wenn jemand um Unterstützung bittet? Gibt es einen Fokus für das Engagement und ein Konzept, das dahinter steht?

Bei den sozial engagierten UnternehmerInnen unterscheiden wir zwischen den WohltäterInnen und den StrategInnen. Ein soziales Engagement kann sich in spontanen Projekten äußern oder in festen Kooperationen. Es kann regelmäßig oder unregelmäßig stattfinden, wie das Schema auf der folgenden Flipchart erläutert.

Foto Typen Unternehmensverantwortung

Wohltäter oder Stratege

Wer an einem solchen Workshop teilnimmt, wird sich in der Regel eingestehen müssen, dass er bzw. sie kein Konzept hat oder gar eine Strategie verfolgt bei der Wahrnehmung sozialer Verantwortung. Umso sinnvoller und wichtiger ist es, einen Schwerpunkt auf dieses Thema zu setzen.

In den bisherigen zweieinhalbstündigen Abendveranstaltungen stellte sich jedoch heraus, dass gerade hierfür keine Zeit mehr blieb. Daher haben wir uns entschlossen, einen 2. Workshop anzuschließen, in dem es darum gehen wird, was ein sinnvolles Engagement fürs Unternehmen ist und wie man es nach außen und innen kommuniziert.

Die spannendste Frage zum Schluss: Interessiert das Thema die Zielgruppe wirklich und wie kommt der Workshop bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an?

Bei der Werbung für den Workshop haben wir hauptsächlich auf E-Mail und Telefonakquise gesetzt. Das heißt, ich habe zunächst E-Mails verschickt mit einem Prospekt in .pdf-Format. Nach zwei bis drei Wochen habe ich telefonisch nachgehakt. Dieses Vorgehen erscheint mir sinnvoll, da ich bei Telefonaten einen Aufhänger - die E-Mail - habe. Das Schlagwort soziale Verantwortung brennt tatsächlich einigen auf den Nägeln. Viele GesprächsteilnehmerInnen sagten spontan, dass das ein Thema ist, mit dem sie sich gerne mal beschäftigen möchten. Bei vielen klappt es dann allerdings nicht auf Grund der fehlenden Zeit. Dies mag manchmal vorgeschoben sein. Bei den meisten war es durchaus nachvollziehbar. Aber so was ist ja nie endgültig. Dann werden sie beim nächsten Mal eben wieder eingeladen. Und irgendwann klappt's bestimmt.

Diejenigen, die an einem der bisherigen Workshops teilnahmen, waren durchweg begeistert. Konnten sie sich doch hier einmal ausführlich mit "Gleichgesinnten" austauschen.

Zitat einer Teilnehmerin: "Die Unternehmen sind vom Produkt her ziemlich unterschiedlich, aber gerade ein Austausch zu vermeintlich unterschiedlichen und im Grunde doch vergleichbaren Themen kann sehr erkenntnisreich sein."

Die Teilnehmenden erhoffen sich durch eine Auseinandersetzung mit dem Thema eine bessere Unternehmenskultur. Der neue Blickwinkel auf ihr Unternehmen inspirierte sie dazu, weiterzudenken und sich mit den Kolleginnen und Kollegen im Betrieb zusammenzusetzen. Alle TeilnehmerInnen wollen den Workshop weiter empfehlen.

Wir sind gespannt, wie sich das Thema in der Zukunft entwickelt.

Wer sich genauer über das Projekt Unternehmensverantwortung informieren möchte, kann sich gerne an die Autorin wenden.

Kontakt

Heidemarie Erhardt

ACCESS gGmbH

Michael-Vogel-Str. 1c

91052 Erlangen

Fon: 09131-897444

E-Mail h.erhardt@access-ifd.de

Quelle

Heidemarie Erhardt: Lust auf Unternehmen! - soziale Verantwortung strategisch gestalten

erschienen in: impulse, Nr. 44/2007, Seite 29-31.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 06.05.2009

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