Lernen, was arbeiten bedeutet

Ein Integrationsprojekt

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 37, Jänner 2006, Seite 15. impulse (37/2006)
Copyright: © Redaktion impulse 2006

Lernen, was arbeiten bedeutet

Pünktlich und korrekt gekleidet zur Arbeit erscheinen, Anweisungen befolgen und sich gegenüber Vorgesetzten und Kollegen angemessen verhalten - auch diese Arbeitstugenden lernen zurzeit 15 behinderte Jugendliche in einer berufsvorbereitenden Maßnahme bei Linde Material Handling. Dieses Projekt, das vom Integrationsfachdienst (IFD) Aschaffenburg betreut wird, ist einmalig in Bayern und vermutlich in ganz Deutschland.

"Die Teilnehmer der Maßnahme wären mit einer Ausbildung in einem Betrieb überfordert, aber in Behindertenwerkstätten sind sie unterfordert", erläutert Manfred Dietl, Leiter des IFD in Aschaffenburg. Um auch diesen Jugendlichen mit Körper- und / oder Lernbehinderung eine Chance am Arbeitsmarkt zu geben, wurde vor zwei Jahren das Förderprojekt ins Leben gerufen. Träger der beurfsvorbereitenden Maßnahme ist die Arbeiterwohlfahrt, Bezirksverband Unterfranken. Als der IFD, der im Auftrag der Arbeitsagentur das Projekt durchführt, an Linde herantrat, war man schnell bereit, die Bemühungen des Fachdienstes zu unterstützen. Auch die örtliche Arbeitnehmervertretung hat das Projekt von der ersten Minute an befürwortet.

"Als größter Arbeitgeber in Aschaffenburg haben wir natürlich eine gewisse Vorbildfunktion", sagt Heinz-Jörg Murmann, Leiter operatives Personalmanagement bei Linder Material Handling. "Wir sind einer der größten Ausbildungsbetriebe der Region und verfügen somit über langjährige Erfahrungen im Umgang mit Jugendlichen. Und natürlich freuen wir uns, wenn wir behilflich sein können, auch behinderten jungen Menschen eine berufliche Perspektive zu geben." Linde stellt die Räumlichkeiten und die Arbeitskleidung zur Verfügung. Die Betreuung übernehmen zwei Ausbilder und ein Sozialpädagoge des IFD, und sie suchen gemeinsam mit Ansprechpartnern von Linde nach geeigneten Aufgaben.

Vermittlung in kleinere Betriebe

Die berufsvorbereitende Maßnahme dauert maximal zwei Jahre - im ersten Jahr sind die Jugendlichen überwiegend bei Linde und erlernen im Betrieb die Grundlagen des Arbeitslebens. Im zweiten Jahr absolvieren sie eine Reihe externer Praktika bei Betrieben, die als potenzielle Arbeitgeber in Betracht kommen. "Ziel der Maßnahme ist nicht die Übernahme in ein Ausbildungs- und Arbeitsverhältnis bei Linde", erklärt Dietl. Potenzielle Arbeitgeber sind eher kleine und mittelständische Industriebetriebe, Altenheime, Kindergärten oder Großküchen. In diesen Betrieben können die Jugendlichen leicht Montage- und Hilfstätigkeiten ausüben. "Linde dient uns vielmehr als Testbetrieb, damit die Jugendlichen den Arbeitsalltag in einem Industriebbetrieb kennen lernen, unterschiedliche Arbeitstechniken erlernen und ihre eigenen Stärken und Schwächen besser einschätzen können." Das Projekt hat Erfolg: Von den 14 Teilnehmern der ersten Maßnahme konnten bereits einige junge Männer und Frauen vermittelt werden.

Stolz, bei Linde zu arbeiten

Trifft man einen der Jugendlichen auf dem Werksgelände, wird man schon von weitem freundlich gegrüßt. Vor allem das Wort "Mahlzeit" hat es ihnen angetan. Sie tragen ihre Arbeitskleidung mit Linde-Logo, und wenn man sie fragt, wo sie arbeiten, gibt es nur eine Antwort: "Bei Linde". Sie sind stolz, bei Linde zu arbeiten und begeistern sich für die Produkte des Unternehmens. "Zum Abschluss des ersten Lehrgangs, haben wir ein Gruppenbild mit Stapler gemacht", erzählt Bernhard Hellmann, einer der Ausbilder des IFD. "Das war für unseren Jugendlichen das Größte, vor allem, als sich jeder einmal auf den Fahrersitz des Staplers setzen durfte. Sie sind fast geplatzt vor Stolz." Und das ist ein wichtiger Nebeneffekt des Trainings: Die Jugendlichen fühlen sich integriert, und das stärkt ihr Selbstbewusstsein und beflügelt oftmals ihre Leistungen.

Als die erste Gruppe im Oktober 2003 bei Linde in Aschaffenburg ihre Arbeit aufnahm, stand ihnen Werksplaner Herbert Ziegler beratend zur Seite. Gemeinsam mit den Ausbildern des IFD fand er zu Beginn vor allem in der Instandhaltung geeignete Tätigkeiten. Mittlerweile hat sich die Arbeit der Gruppe herumgesprochen, und Ausbilder Bernhard Hellmann erhält ebenso Aufträge aus der Produktion.

983 Quadratmeter Fensterfläche

391 Meter Fahrbahnmarkierungen haben die Jugendlichen gestrichen, 351 Gullys und Revisionssschächte gereinigt, 983 Quadratmeter Fensterfläche geputzt. Ausbilder Bernhard Hellmann hat in seiner Dokumentation alle Arbeiten der ersten Maßnahme haargenau aufgeführt. Und das sind nicht wenige: Wände wurden gestrichen, beim Umzug geholfen, Transportwagen gereinigt, Akten entsorgt, Grünanlagen gepflegt, Fahrräder repariert und einfache Tätigkeiten in der Vormontage erledigt. "Bei manchen der Arbeiten waren wir angenehm überrascht, mit welchem Elan die Jugendlichen mitmachen", erinnert sich Bernhard Hellmann. "Sie kommen gerne zur Arbeit und auch bei den Elternabenden erhielten wir von den Familien eine positive Rückmeldung. Die Eltern bemerkten lediglich, dass ihre Kinder abends müde von der Arbeit kommen, aber das ist schließlich normal".

Großes technisches Interesse

"Die Jugendlichen interessieren sich für ihre Arbeit", sagt der engagierte Ausbilder. "Sie zeigen großes technisches Interesse und wollen wissen, wie ein Gabelstapler funktioniert. Einige Mitarbeiter aus der Ausbildungswerkstatt haben sich erfreulicherweise an einem Nachmittag Zeit genommen, um ihnen die Produktion und Funktionsweise eines Staplers zu erklären. Das hat die Jugendlichen begeistert." Alle 14 Tage wechseln die Jugendlichen ihre Tätigkeit, damit sie in dem einen Jahr möglichst viele verschiedene Aufgaben kennen lernen. An jedem Arbeitsplatz haben sie einen Ansprechpartner von Linde, der sie unterstützt und ihnen hilft, falls es Probleme gibt. "Die Jugendlichen gehen in dieser Zeit auch mit "ihrer" Abteilung in die Kantine zum Essen", berichtet Hellmann. "So werden sie langsam richtig selbständig." Linde-Mitarbeiter gehen offen mit ihnen um und es gibt wenig Berührungsängste - ein vorbildliches Verhalten, das den Jugendlichen ihren Einstieg ins Arbeitsleben zusätzlich erleichtert. (jo)

Mit freundlicher Genehmigung, aus "Linde today 1/2005, dem Linde-internen Mitarbeiterjournal

Quelle:

Redaktion impulse: Lernen, was arbeiten bedeutet. Ein Integrationsprojekt

erschienen in: impulse Nr. 37, Jänner 2006, Seite 15.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 18.09.2007

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation