"Sind Sie vollsehend?"

Barrierefreiheit bei einer Bank

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 35, September 2005, Seite 25 - 27 impulse (35/2005)
Copyright: © Redaktion impulse 2005

Inhaltsverzeichnis

"Sind Sie vollsehend?"

Frau Beatrix Jost hat einen ungewöhnlichen Job. Als Produktmanagerin für barrierefreies Internet entwickelt Sie für die Netbank, die erste europäische reine Internetbank, barrierefreie Produkte. Die Netbank erschließt sich mit Ihrer Strategie der Barrierefreiheit neue Kundengruppen und hat sich auf die neue Kollegin ganz speziell vorbereitet, denn Frau Jost ist nahezu blind. Ich habe Sie an Ihrem Arbeitsplatz in Hamburg getroffen. Frau Jost empfängt mich im dunkelblauen Businessdress. Bevor unser Interview beginnt, begrüßt uns noch Vorstandsmitglied Peer-Michael Teske, der für Marketing und Vertrieb verantwortlich ist. Wie ich von Ihm erfahre, haben alle Mitarbeiter "Dialog im Dunkeln" besucht, bevor die neue Kollegin ihren Arbeitsantritt hatte. Wie er da steht und mit leuchtenden Augen erzählt, gewinne ich den Eindruck, dass man sich nicht nur Gedanken über ein gutes Marketing gemacht hat, sondern auch Barrierefreiheit als Unternehmenskultur versteht. Vorbehalte und Anfangsschwierigkeiten gab es schon, aber über die will Frau Jost gar nicht viel sagen.

Impulse: Frau Jost, als wir telefoniert haben und ich Sie um eine Wegbeschreibung bat, fragten Sie mich "Sind Sie vollsehend?" Ich war zunächst irritiert und habe Ihre Frage bejaht. Nachdem ich aufgelegt hatte, dachte ich "Stimmt eigentlich gar nicht, ich trage ja eine Brille."

Frau Jost lacht: "Also mit Brille sind Sie ja auch wieder vollsehend."

Impulse: "Ja, das ist richtig. Was mich überrascht hat, ist die Wortwahl. Ich hatte noch kein längeres Gespräch mit einem Menschen, der stark sehbehindert ist, und es ist richtig, aus ihrer Perspektive bin ich vollsehend. In ihrer nächsten Frage haben Sie mich dann gefragt, ob ich im Rolli sitze, war das so?"

Frau Jost: "Für mich war klar, dass Sie als Redakteurin dieser Zeitschrift wahrscheinlich selbst behindert sind."

Impulse: "Ich selbst habe auch diverse Behinderungen, aber Sie wirken sich nicht so beeinträchtigend aus".

Frau Jost: "Ich wollte sicherstellen, dass Sie mit meiner Wegbeschreibung zurecht kommen."

Foto: Beatrix Jost

Impulse: "Sie haben mir sehr exakt gesagt, dass ich aus dem Zug steigen, Richtung Gleis 12 gehen und nach 80 m links abbiegen muss. Woher wissen Sie, dass das 80 m sind? Zählen Sie die Schritte?"

Frau Jost: "Ich bin nicht ganz blind, und ich habe noch einen kleinen Sehrest. Ich denke, ich kann Entfernungen sehr gut schätzen. Ich merke mir das einfach, warum weiß ich auch nicht."

Impulse: "Wie orientieren Sie sich als blinder Mensch in einer Welt, in der Informationen hauptsächlich über Schrift und Bild vermittelt werden? Sie halten auch Vorträge in anderen Städten, die Ihnen nicht vertraut sind. Wie machen Sie das?"

Frau Jost: "Hotels buche ich über das Internet, am Bahnhof angekommen, nehme ich mir ein Taxi."

Impulse: "Und wie finden Sie den Taxistand?"

Frau Jost: "Da frage ich mich durch. Hier in Hamburg-Altona, wo ich mich auskenne, bin ich ohne Blindenstock unterwegs, aber in fremden Städten nehme ich meinen Stock zu Hilfe und frage mich durch."

Impulse: "Wie erleben Sie dabei Ihre Mitmenschen?

Frau Jost: "Ohne Stock sind Sie oft irritiert aber wenn ich einen Stock dabei habe, sind Sie in der Regel sehr hilfsbereit."

Impulse: "Gibt es Benimm-Regeln im Umgang mit blinden oder sehbehinderten Menschen?"

Frau Jost: "Ja, die gibt es. Man sollte nicht einfach einen Blinden an der Hand nehmen und ‚hinter sich her ziehen'. Normalerweise hält sich der Blinde beim Sehenden am Arm über dem Ellenbogen fest. So kann der Sehende seinen Arm ganz normal benutzen und muss ihn nicht angewinkelt halten. Der Blinde geht damit automatisch einen halben Meter hinter dem Sehenden her und merkt somit rechtzeitig, wenn der Sehende Stufen rauf oder runter geht oder die Richtung ändert. Eigentlich muss der Sehende dann gar nicht viel machen."

Impulse: "Häufig ist bei Sehenden auch eine große Unsicherheit da, wie der blinde Mensch unterstützt werden kann."

Frau Jost: "Als ich bei der NetBank angefangen habe, war da auch eine große Unsicherheit meiner Kollegen, wie sie mit mir umgehen sollten. Bei mir ist das noch ein bisschen schwieriger, denn ich sehe ja noch etwas. Man muss mir nicht alles sagen. Wenn ich mit jemandem länger zu tun habe, dann sage ich ihm auch, dass bestimmte Hinweise nicht erforderlich sind. Ich mache es inzwischen so, dass ich den Leuten sage, was ich mir wünsche, worauf sie mich hinweisen sollen und worauf nicht."

Impulse: "Wie wird man Produktmanagerin für Barrierefreiheit?"

Frau Jost: "Man macht eine Ausbildung zur Informatikkauffrau und bewirbt sich."

Impulse: "Wie haben Sie davon erfahren? War die Stelle offiziell ausgeschrieben?"

Frau Jost: "Ich habe von einem Bekannten eine E-Mail weitergeleitet bekommen. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass sie auch offiziell ausgeschrieben war und die Ausschreibung in mehreren Mailinglisten kursierte. Die Stelle war für eine sehbehinderte/n WebdesignerIn ausgeschrieben, die/der sich mit Programmieren auskennt, und das war genau das, was ich machen wollte. Ich hatte mir diesen Schwerpunkt schon in der Ausbildung gesetzt. Damals war HTML noch kein Teil der Ausbildung, aber ich habe es dort quasi eingeführt. Anfangs habe ich sogar selbst unterrichtet, bis einer der Ausbilder selbst so fit war, dass er den Unterricht fortsetzen konnte. Als Abschlussarbeit hatte ich mich dann auch mit einem Internetprojekt beschäftigt und dort auf die Aspekte der Barrierefreiheit geachtet. Insofern war diese Stelle genau passend für mich."

Impulse: "Herr Teske, der Vorstand für Marketing- und Vertrieb hat gesagt, dass die Barrierefreiheit unter anderem als Marketinginstrument eingesetzt wird. Ist das erfolgreich?"

Frau Jost: "Ja. Es gab im letzten Jahr beispielsweise einige sehr positive Berichte in der Presse. Vier Prozent unserer "vollsehenden" Kunden nutzen mittlerweile unseren barrierefreien Banking-Client, trotzdem haben wir leider noch nicht so viele Kunden, die unser "Blindenkonto" nutzen, wie ich es mir wünsche.

Impulse: "Wie erklären Sie sich das? Haben Sie diese Kundengruppe der Blinden und Sehbehinderten noch nicht erreicht?"

Frau Jost: Wir haben bestimmt noch nicht alle Blinden erreicht. Ich bin sehr bemüht, in Kontakt mit Blindenverbänden zu treten, um auf unser Angebot aufmerksam zu machen. Ein Problem sind die Geldautomaten. Leider verfügen wir derzeit nur über 800 Geldautomaten, die von unseren Kunden kostenfrei genutzt werden können. Als Blinder hat man diesbezüglich einen weiteren Weg, da sie sich den Weg erst genau erklären lassen müssen. Aufgrund der wenigen Geldautomaten wird unser Konto häufig als Zweitkonto genutzt. Da nur ca. ein Drittel der Blinden im erwerbsfähigen Alter einen Job haben, reicht vielen das Geld dazu nicht. Eine weitere Schwierigkeit ist auch die Bedienung des Geldautomaten. Blinde müssen sich jeden Geldautomaten einzeln von einem Bankmitarbeiter oder einem Bekannten erklären lassen."

Impulse: "Dazu gehört ja auch, dass man als Blinder am PC so fit sein muss, dass man Online-Banking machen kann. Die Geräte müssen vorhanden sein und man muss diese bedienen können."

Frau Jost: "Da sind Blinde häufig kompetenter als Sehende. Denn das Internet ist eine wichtige Informations- und Kommunikationsplattform."

Impulse: "Barrierefreiheit hat ja auch für viele andere Personen Vorteile. Ältere Menschen oder Menschen mit geringen Deutschkenntnissen profitieren auch davon. Sie haben in Ihrem Prospekt zum barrierefreien Konto eine sehr große Schrift und eine einfache Sprache verwendet und haben auch den Inhalt auf das Wesentliche reduziert. Damit sticht der Prospekt aus vielen anderen heraus. Wie waren Sie an der Entwicklung des Folders beteiligt?"

Frau Jost: "Der erste Entwurf der Agentur war so, dass ich ihn selbst kaum lesen konnte. Die Schrift war zwar in der von mir vorgegebenen Größe, die Buchstaben aber so dünn, dass ich sie nicht erkennen konnte. Ich habe der Agentur dann bei der Umsetzung geholfen. Als designerisches Element sollten die Seitenzahlen in Braille gedruckt werden. Hierfür hatte sich die Agentur aus dem Internet ein Alphabet der Blindenschrift heruntergeladen - nur leider war es ein amerikanisches. Ich habe das dann korrigiert."

Impulse: "Schade eigentlich, dass die Sehenden so gar nichts von der Blindenschrift kennen."

Frau Jost: "Es gibt einige Pharmakonzerne, die auf den Medikamentenpackungen den Medikamentennamen in Blindenschrift einprägen. Und in Marburg, wo es viele blinde Menschen gibt, haben die Restaurants auch Speisekarten in Blindenschrift."

Impulse: "Sie arbeiten befristet. Ihr Arbeitsvertrag ist für 3 Jahre abgeschlossen worden. Ihr Projekt endet in einem dreiviertel Jahr. Wie geht es bei Ihnen danach weiter?"

Frau Jost: "Es wird zur Zeit darüber verhandelt, ob ich hier weiterarbeiten kann. Mein bisheriger Auftrag war das Marketing für Barrierefreiheit und die Kundenbetreuung, sowie die Sicherstellung der Barrierefreiheit auf unserem Internetauftritt www.netbank.de. Bei einer Weiterbeschäftigung würde sich mein Schwerpunkt verändern, und ich würde mich mehr mit Programmierung und Pflege des Internetauftritts befassen."

Impulse: "Sie sind 20 Kollegen und Kolleginnen. Das ist die ganze Netbank. Wie funktioniert das?"

Frau Jost: "Wir arbeiten viel mit Outsourcing. Wir haben beispielsweise das gesamte Back-Office ausgelagert. Neben eine Internetagentur haben wir auch eine PR-Agentur und kooperieren mit verschiedenen Unternehmen, die Produkte anbieten, die wir nicht in unserem Portfolio haben, wie z.B. Versicherungen. Lediglich der Kreditbereich ist komplett unter unserem Dach. Ansonsten ist es hauptsächlich Aufgabe der NetBank-Mitarbeiter, unsere Partner zu koordinieren. "

Impulse: "Wie ist die Netbank darauf gekommen, ausgerechnet Blinde und Sehbehinderte als neue Kundengruppe zu erschließen?"

Frau Jost: "Vor Beginn meiner Beschäftigung hat ein Kollege gemerkt, dass Blinde bei uns kein Konto eröffnen können. Denn weder der Kontoantrag, die Anschreiben noch die TAN-Listen können von Blinden gelesen werden. Dass eine ganze Kundengruppe von dem Angebot der Netbank ausgeschlossen wird, wollte man nicht, und so fing man an zu rechnen. Das Ergebnis kennen Sie: ich wurde eingestellt."

Impulse: "Wie viele Blinde oder Sehbehinderte gibt es in Deutschland?"

Frau Jost: "Genaue Zahlen gibt es leider nicht, denn nicht alle werden erfasst. Zum Beispiel ältere Menschen sind den Blindenverbänden nicht bekannt bzw. haben auch keinen Schwerbehindertenausweis. Laut einer Statistik des Blindenverbandes gibt es etwa 155.000 Blinde und 500.000 Sehbehinderte."

Impulse: "Ihr Job ist bisher einzigartig. Uns ist niemand bekannt, der "Produktmanagerin für barrierefreies Internet" ist. Ist ihr Job Vorbild für andere?"

Frau Jost: "Ich fürchte nein, da sich nicht viele Unternehmen mit der Barrierefreiheit beschäftigen und diejenigen Unternehmen, die sie für sich zum Thema machen, suchen sich eine professionelle Agentur für den Internetauftritt. Natürlich umfasst meine Arbeit mehr als nur die barrierefreie Gestaltung des Internetauftritts, aber ich denke nicht, dass ein anderes Unternehmen einen Mitarbeiter nur für die Zielgruppe der Sehgeschädigten einstellen würde."

Impulse: "Barrierefreiheit wirkt ja nicht nur nach außen, sondern auch nach innen in einem Unternehmen. Sensibilisierung, Rücksicht auf den anderen; in diesem Zusammenhang ist Barrierefreiheit nicht nur Web-Design sondern auch ein Teil der Unternehmenskultur. Ich habe den Eindruck, die Netbank hat sich da viele Gedanken gemacht."

Frau Jost: "Ja, das stimmt. Man hat sich viele Gedanken gemacht, wie ich einen guten Start im Unternehmen haben könnte, und wie ich am besten zurechtkomme. Man hat mich nach Hilfsmitteln gefragt, und ob ich die Türbeschriftung in Punktschrift bräuchte; aber 20 Leute, das kann man sich auch ohne Punktschrift gerade noch merken."

Impulse: "Was haben Sie denn für Ihren Arbeitsplatz gebraucht?"

Frau Jost: "Eine Computerausstattung mit Großbildschirm, Großschriftprogramm, Sprachausgabe, Bildschirmlesegerät und einen Scanner."

Impulse: "Ist Ihr Arbeitsplatz vom Integrationsamt bezuschusst worden?"

Frau Jost: "Ja. Das hat reibungslos funktioniert. Ich hatte nur 3 Wochen von der Zusage bis zum Arbeitsantritt; das war alles recht spontan. Ich bin mit fliegenden Fahnen nach Hamburg gezogen. Ich hatte meine Ausstattung bereits am ersten Arbeitstag hier. Allerdings musste ich nicht auf den technischen Berater der Agentur für Arbeit zurückgreifen, sondern hatte mir die erforderliche Ausstattung bereits ausgesucht und Angebote vorgelegt. Das hat den ganzen Vorgang wahrscheinlich beschleunigt."

Impulse: "Wie haben Sie den Umzug so schnell hinbekommen?"

Frau Jost: "Ich habe drei Abende im Internet gesucht und hatte dann einen

Besichtigungstermin mit einer Maklerin vereinbart. Ich bin dann am Wochenende mit meinem Schwager nach Hamburg gefahren, habe noch bei dreißig weiteren Zeitungsannoncen angerufen, drei Wohnungen besichtigt und dann schließlich die Wohnung genommen, für die ich mich am Anfang gleich interessiert hatte."

Impulse: "Ein wichtiger Faktor für die Wohnungssuche ist sicher die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln."

Frau Jost: "Die ist extrem wichtig. Ich würde gern im Grünen wohnen, aber ich habe eine der wenigen Stellen in Hamburg erwischt, wo man zum nächsten Park mit dem Bus fahren muss. Das ist sehr schade, trotzdem ist es mir so gelungen, innerhalb einer Woche eine Wohnung in Hamburg zu finden."

Impulse: "Dafür wohnen Sie wahrscheinlich am Verkehrsknotenpunkt in Hamburg."

Frau Jost: "Absolut. Ich habe mit Abstand den kürzesten Arbeitsweg im Kollegenkreis. Ich fahre mit dem Bus acht Minuten und das ist für Hamburg schon fast einmalig."

Impulse: "Wenn Sie einen Wunsch frei hätten in Ihrem Job, was würden Sie sich wünschen?"

Frau Jost: "Ich würde mir wünschen, dass mehr unserer Partner ihre Internetangebote auch barrierefrei gestalten würden. Unsere Seiten sind mittlerweile fast barrierefrei und einfach zu bedienen, aber sobald Sie ein Partnerprodukt abschließen wollen, zum Beispiel einen Bausparvertrag, und Sie die Seite unseres Partners besuchen, ist dessen Auftritt nicht barrierefrei. Das ist wirklich schade."

Impulse: "Und Sie konnten Ihre Partner bisher nicht bewegen, sich Ihnen anzuschließen?"

Frau Jost: "Uns ist es bei den Börseninformationsseiten gelungen. Die sollten überarbeitet werden. Wir haben einen kleinen Handel abgeschlossen: Wir geben euch unser Know-how von der Barrierefreiheit und ihr setzt es ein. Das war eine tolle Sache."

Impulse: "Woran liegt das?"

Frau Jost: "Bei vielen wirtschaftlich arbeitenden Unternehmen ist das Knowhow im Unternehmen selbst nicht vorhanden. Außerdem wird die Relevanz bzw. der Nutzen nicht richtig eingeschätzt. "Für die paar Behinderten lohnt sich der Aufwand nicht". Aber es geht nicht nur um ein paar Behinderte. Auch die ältere Generation profitiert von der Barrierefreiheit. Dieses Potenzial müssen Unternehmen erst erkennen."

Impulse: "Frau Jost, vielen Dank für unser Gespräch! Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg."

Das Interview mit Frau Jost führte Stefanie Wiesenberg.

Quelle:

Redaktion impulse: "Sind Sie vollsehend?" Barrierefreiheit bei einer Bank

erschienen in: impulse Nr. 35, September 2005, Seite 25 - 27

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Stand: 10.05.2010

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