Welche Unterstützung brauche ich bei meiner Arbeit?

Workshop von Unterstützten Arbeitnehmern

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 29, Mai 2004, Seite 32 - 33 impulse (29/2004)
Copyright: © Angellika Thielicke 2004

Unterstützung brauche ich bei meiner Arbeit?

Sechs Stunden lang setzten sich 26 Menschen mit Behinderung im Rahmen der Vorkonferenz der Jahrestagung der BAG UB intensiv über sich, ihre Lebenssituation, ihre Arbeitsmöglichkeiten, ihren Unterstützungsbedarf und ihre Zukunftsperspektiven auseinander. Sie kamen aus Hamburg, Düsseldorf, Marburg, Gießen, Erlangen, Nürnberg und München, und waren alle mit Ausnahme von zwei Personen, die noch in einer WfbM arbeiten aber bereits Praktikumserfahrung hatten, als unterstützte Arbeitnehmer mit unterschiedlichem Status in unterschiedlichen Branchen des allgemeinen Arbeitsmarktes tätig.

Nach einem längerer Erfahrungsaustausch über die individuelle Arbeitssituation wurde intensiv in Kleingruppen gearbeitet und die Arbeitsergebnis anschließend im Plenum zusammengeführt und ausgewertet.

Die erste Fragestellung führt zu folgendem Ergebnis, wobei die Reihenfolge hier auch eine Wertung der Wichtigkeit (in Klammern Anzahl der Personen, für die dieser Punkt besonders wichtig ist) darstellt:

Was ist mir in meinem Leben besonders wichtig?

1.- ein sicherer Arbeitsplatz (24 Nennungen)

2.- ernst genommen werden (22)

3.- Freizeitspaß (19)

4.- Gemeinschaft mit Menschen ohne Behinderung (18)

5.- Teamgeist (16)

6.- fachliche Unterstützung (15)

7.- genug Geld, um gut zu leben (14)

8.- Ziele haben (12)

9.- Unterstützung durch Familie und Freunde (12)

10.- selbstverwaltete Projekte für Menschen mit Lernschwierigkeiten (10)

Für alle Teilnehmer stand fest, dass ihre Arbeit angepasst an ihre Fähigkeiten und Neigungen gemeinsam mit anderen nichtbehinderten Menschen ein zentraler Bestandteil ihres Lebens sei. Besonders wichtig ist ihnen, dass sie von ihren Kollegen aber auch von anderen Menschen akzeptiert und ernst genommen werden. Die beiden Teilnehmer, die zur Zeit noch in einer WfbM arbeiten, beklagten sich vor allem darüber, dass ihre Gruppenleiter große Unterschiede zwischen den nichtbehinderten und den behinderten Mitarbeitern in einer WfBM machen und dass dies der Hauptgrund dafür sei, dass sie die WfbM verlassen wollten. Ihr Wunsch, nach einer anderen Arbeit in einer anderen Umgebung wird von Seiten der WfbM gar nicht oder nur mangelhaft unterstützt. Strategien, die helfen können, dieses Ziel zu erreichen, wurden gemeinsam entwickelt:

Was kann ich selber tun, um einen Arbeitsplatz zu bekommen?

Eigeninitiative entwickeln

Kontakte knüpfen

mir Partner suchen

mich informieren

mich qualifizieren

Diejenigen, die bereits einen unterstützten Arbeitsplatz haben, war aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Lage unsicher, ob sie ihren Arbeitsplatz bis zu ihrer Rente behalten würden. Ihnen war jedoch deutlich, dass sie auch selber einen entscheidenden Anteil daran haben, ob sie in ihrem Betrieb weiterhin beschäftigt würden:

Was kann ich selber tun, um meinen Arbeitsplatz zu erhalten?

  • pünktlich sein

  • gewissenhaft und ordentlich arbeiten

  • meine Arbeit so gut wie möglich machen

  • höflich und freundlich sein

  • engagiert sein

  • nicht rumstehen

  • bereit sein, länger zu arbeiten

  • nicht krank machen

  • Dinge, für die man zuständig ist, tun

  • wenn man weiß, was zu tun ist, nicht ständig fragen

  • Pausen einhalten

  • sich ins Team einfügen, teamfähig sein

  • ehrlich sein, nicht klauen

  • auf Kollegen zugehen

  • keinen Stress verursachen

  • sich selber akzeptieren, wie man ist

  • möglichst da arbeiten, wo man gerne arbeitet

  • Sicherheitsbestimmungen einhalten

  • Hygienevorschriften einhalten

  • auf eigene Körperpflege achten

  • passende Berufskleidung tragen

Ihnen allen war deutlich, dass ihre Arbeitssituation aber auch von der notwendigen Unterstützung abhängig ist. Keiner von ihnen hätte seinen derzeitigen Arbeitsplatz ohne Hilfe von außen erlangt und sie betonten, dass sie zur Aufrechterhaltung ihrer Arbeit weiterhin auf Unterstützung angewiesen seien, zwar nicht mehr in dem zeitlichen Umfang wie bei der Arbeitsuche und der Einarbeitung, aber doch kontinuierlich "weil man braucht ja jemanden, wo man hingehen kann" und vor allen Dingen in Krisensituationen.

Welche Unterstützung brauche ich von anderen, um in einem Betrieb arbeiten zu können?

1. Ich brauche gute Informationen von Integrationsfachdiensten, von Behörden, z.B. dem Arbeitsamt oder anderen Rehabilitationsträger, von den Einrichtungen oder Schulen, damit ich weiß, welche Hilfen und welche Unterstützung ich bekommen kann.

2. Am meisten würde es mir helfen, wenn ich zu einer Stelle gehen kann, wo man Ahnung hat und wo ich eine Bezugsperson habe, die mich kennt.

3. Die Servicestelle könnte das machen, bis jetzt ist es noch nicht so, aber solch eine Stelle fehlt uns.

4. Ich brauche einen Ansprechpartner für Probleme.

5. Ich brauche Hilfe bei Schreibkram.

6. Ich brauche Hilfe bei der Arbeitsplatzsuche.

7. Ich brauche eine gute Arbeitsanleitung.

8. Ich brauche einen Arbeitsplatz, der gut strukturiert und übersichtlich ist, an dem ich nicht überfordert werde und ich brauche die dazu notwendige, ausreichende Unterstützung.

9. Ich brauche einen Ansprechpartner im Betrieb.

10. Ich brauche gute Arbeitskollegen, die nett, hilfsbereit, freundlich und kollegial sind.

11. Ich brauche Lob und Anerkennung, wenn ich etwas besonders gut gemacht habe.

12. Ich brauche Kollegen, die auf Fehler, die ich manchmal mache, aufmerksam machen, damit ich etwas verändern kann.

13. Ich brauche ein gutes Betriebsklima.

14. Ich brauche Gesprächsrunden mit anderen unterstützen Arbeitnehmern.

15. Ich brauche gleichberechtigte Kontakte zu Menschen ohne Behinderung.

16. Ich brauche genug Geld, um davon normal leben zu können.

Es schloss sich eine lebhafte Diskussion darüber an, dass eigentlich alle Menschen mit Behinderung, die in einem Betrieb arbeiten wollen, auch die Gelegenheit haben müssten, sich dort auszuprobieren. In einer Werkstatt für behinderte Menschen sollten nur noch diejenigen arbeiten, die dort lieber arbeiten wollten. Dass man mit einer schweren Behinderung automatisch in eine Werkstatt gehen muss, wird als ungerecht und bevormundend erlebt. "Wieso entscheidet ein anderer für mich?" "Wenn ich das nicht ausprobiere, kann man doch nicht wissen, ob ich das kann." Der Wunsch nach ernsthaften Wahlmöglichkeiten wurde vehement artikuliert. Fast jeder konnte von Situationen berichten, in denen die eigenen Vorstellungen und Wünsche nicht ernst genommen wurden, in denen er selber Objekt gut gemeinter Überlegungen war, weil Angehörige, Fachleute oder Behördenvertreter der Meinung waren, dass sie besser wüssten, was für einen Menschen mit Behinderung gut und richtig sei.

Der Workshop endete mit zwei Forderungen, die auch zukünftig nicht aus den Augen verloren werden sollten:

"Wir brauchen eine Interessenvertretung."

"Das Geld muss anders verteilt werden."

Diese zweite Forderung wurde über den Workshop hinaus vehement und engagiert weiter diskutiert. Es wäre gut, wenn es einen "neuen Robin Hood" gäbe, der denen Geld abnimmt, die zu viel haben, und denen gibt, die zu wenig haben. Noch besser wäre es, wenn diejenigen, "die viel haben, denen, die zu wenig haben, freiwillig etwas abgeben". Es gab aber starke Bedenken, dass dies ein Weg sein könnte, der einfach funktioniert, "weil man nur richtig reich wird, wenn man nix abgibt" und weil es "denen, die Geld haben, egal ist, wenn andere nix haben."

Kontakt:

Angelika Thielicke

spectrum.e.V

Hohe Leuchte 24

35037 Marburg

Tel: 06421/93177-7 / Fax: -8

bag-ub@thielicke.de

Quelle:

Angelika Thielicke: Welche Unterstützung brauche ich bei meiner Arbeit? Workshop von Unterstützten Arbeitnehmern

Erschienen in: impulse Nr. 29, Mai 2004, Seite 32 - 33

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.08.2006

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