Behinderte als "Gratis-Lückenfüller"

Bilder in der Öffentlichkeit und die Möglichkeiten emanzipatorischer Bildungsarbeit mit behinderten Menschen

AutorIn: Hans Hovorka
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen in: Forster, Rudolf/ Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird, Jugend und Volk, Wien 1982, S. 219 - 242
Copyright: © Jugend und Volk 1982

Angst in der Tramway

Unbeschwert, weil mit einem gültigen Fahrausweis versehen, sitze ich an einem sonnigen Herbstvormittag des Jahres 1980 in einer vollbesetzten Wiener Straßenbahn und lese gerade in einer Pressemitteilung der Vereinten Nationen, daß ein wesentliches Ziel des "Jahres der Behinderten" darin besteht, "die Öffentlichkeit verständnisbereit zu machen für Wesen und Problematik körperlicher und geistiger Behinderung".[1]

Da entwickelt sich einige Sitzreihen hinter mir ein immer lauter werdender Monolog eines etwa sechzigjährigen Fahrgastes, der sich über eine junge Frau aufgeregt, die ihm nicht sofort ihren Sitzplatz angeboten hat. Nach einer für Wiener Verhältnissen nicht ungewöhnlichen Schimpfkanonade auf die Respektlosigkeit der heutigen Jugend, die nichts arbeiten will und nur den Eltern in der Tasche liegt, die keine Arbeitslosigkeit und keinen Krieg mitgemacht hat überhaupt asozial, rauschgiftsüchtig und terrorismusverdächtig ist, sieht der gutgekleidete und sprachgewandte Mann, der wie er stolz feststellt fleißig gearbeitet nie geraucht und getrunken hat, endlich auch unsere Gesellschaftsordnung zusammenbrechen prognostiziert Chaos und Anarchie.

Während es im Wagen immer ruhiger wird und nur einige bekräftigende Kommentare anderer Fahrgäste zu hören sind, wie "ja, ja, recht haben's, früher hätt's das nicht gegeben" usw., läuft der scharfsinnige Gesellschaftsanalytiker zur Höchstform auf: "Verschimpeln und verkrüppeln solln's ... auf Krücken gehn ... die Händ' und Füß' solln ihnen abfallen ... der Krebs soll ihnen in der Fut wachsen ..." usw.

Angesichts dieser Alltagspraxis von Aufklärungsarbeit über Behinderung habe ich meine Fachlektüre schon längst weggesteckt und lausche fassungslos den Tiraden dieses Menschenfreundes. Während ich überlege, wie ich meinen zwischen Wut und Ohnmacht schwankenden Zustand durch energisches Eingreifen stabilisieren und die im Raum stehende Forderung nach "Vergasen" verhindern kann, beobachte ich zwei "bessere" Damen, die sich bei den letzten Verwünschungen des selbsternannten Weltenrichters verschmilzt zuzwinkern. Plötzlich bekomme ich riesige Angst: Kalter Schweiß auf der Stirn, trockner Mund, möchte nur weg, flüchten und verlasse auch zwei Stationen zu früh panikartig den Wagen, ohne mich umzusehen.

Wieder einigermaßen ruhig geworden, wird mir bewußt, daß es nicht die Bedrohung vor möglicher Behinderung war, die mich verstört hat, sondern die Angst vor dem Mann, vor den vielen unauffälligen, arbeitsamen und moralisierenden Männern und Frauen, die Behinderung, Verstümmelung und Ausmerzung als gerechte Strafe für unangepaßtes Verhalten lächelnd begrüßen, und denen ich mit meinen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit, mit meinen soziologischen Erklärungsmodellen über Verursachung und Auswirkungen von Behinderung, völlig unterlegen bin.

Damals habe ich beschlossen, meinen Beitrag für den vorliegenden Reader anders als geplant zu schreiben: Empört, parteilich und unnachsichtig gegenüber noch so versteckten Tendenzen nach Aussonderung, gegenüber allen Beschönigungs- und Beschwichtigungsversuchen, "daß es den Behinderten ohnehin so gut wie noch nie geht" und daß es nur an mehr Verständnis in der Öffentlichkeit mangelt, um Behinderte zu "Menschen wie wir alle"[2] werden zu lassen.

Der Beitrag beschäftigt sich daher in der Hauptsache mit den verschiedenen Formen der öffentlichen Darstellung von Alltags- und Integrationsproblemen behinderter Menschen im Rahmen von Informations- und Aufklärungskampagnen sowie mit der Berichterstattung in der Boulevardpresse, soweit sie sich nach der ersten Halbzeit des "Behindertenjahres" überblicken ließ. Die Ergebnisse werden in Beziehung gesetzt zu theoretischen Konzepten und Modellen einstellungsverändernder Öffentlichkeitsarbeit, wobei das Verfahren "emanzipatorischer Behindertenarbeit" als am wirksamsten erkannt wird.

Am Beispiel eines in Wien durchgeführten Volkshochschulkurses mit behinderten und nichtbehinderten Menschen werden die Möglichkeiten und Grenzen aktivierender Gemeinwesensarbeit und wissenschaftlicher Begleituntersuchungen im Sinne der Aktionsforschung beschrieben (Lernen zum Handeln - Demokratisierung der Forschungspraxis).

Die Ausführungen schließen mit einer Diskussion und kritischen Würdigung derzeit laufender Bemühungen, Integrationsfragen und Betroffene in die schulische und außerschulische Bildungsarbeit einzubeziehen. Sie münden in die Forderung nach höchster Wachsamkeit vor wieder verstärkt feststellbaren "Volksgesundheits-Theorien", die zwangsläufig zur "Ausrottung unwirtschaftlicher Menschen" führen.



[1] Pressemitteilung des beratenden Ausschusses für das Internationale Jahr der Behinderten, UNIS/IYDP, 1980-08-19.

[2] Motto der Ausstellung des BMfSV und der Stadt Wien zum "Internationalen Jahr der Behinderten 1981" (eröffnet am 7.5.1981 im Kaufhaus Herzmansky (!) in Wien).

"Wir wollen ein Volk, das wieder gerade, aufrecht und heil an Leib und Seele ist"

Immer mehr Personen und Gruppen weisen in den letzten Jahren auf die verheerenden Auswirkungen von isolierenden Sondereinrichtungen und -maßnahmen für behinderte Menschen hin. Ihnen wird oft vorgeworfen, daß sie "zum größten Teil nur theoretisch mit der Behinderten-Arbeit vertraut sind" (RETT 1981, S.29) und Utopien hinsichtlich der Integrationsmöglichkeiten behinderter Menschen in Bildung, Arbeit, Wohnen und Freizeit fordern, die "sinnlos und gefährlich sind, weil sie Wünsche erwecken, die nicht realisierbar sind" (a.a.O., S. 29).

Wer ist kompetent?

Diese Kritik mag auf den einen oder anderen "Theoretiker" durchaus zutreffen, doch muß man unbedingt jahrzehntelang in der "Behinderten-Arbeit" gestanden haben, um Aussagen über empirisch nachgewiesene soziale Benachteiligungen behinderter Menschen in wichtigen Lebensbereichen machen zu dürfen? Um feststellen zu können, daß nicht allein Krankheit und Defekt für die individuell erfahrene Behinderung ausschlaggebend sind, sondern eine Gesellschaft, die von der Norm abweichende Menschen als nicht leistungsfähig und damit wirtschaftlich nicht optimal verwertbar durch Sonderbehandlungen und diskriminierendes Mitleid bei der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben behindert?

Und wie verhält es sich eigentlich mit den immer mehr und stärker werdenden Initiativ- und Aktionsgruppen behinderter und nichtbehinderter Menschen, die gleichlautende Forderungen stellen[3], sind die auch "praxisfern"? Oder mit der Dachorganisation der Behindertenverbände Österreichs (Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation), deren Hauptanliegen es ist, "alle Menschen, die aufgrund körperlicher, geistiger oder psychischer Schädigung behindert sind, in die Gesellschaft zu integrieren"[4] und die eine "grundsätzliche Integration behinderter Kinder und Jugendlicher in allgemeine Kindergärten und Schulen" fordert (Gruppenintegration - Individuelle Integration)[5]?

Sind das alles Utopisten, unrealistische Weltverbesserer, Querulanten oder gar "Linke", nur weil sie die gleichen Rechte für alle, also auch für behinderte Menschen verlangen? Wenn ja, dann kann man auch annehmen, daß die Vereinten Nationen nur eine Tarnorganisation der kommunistischen Weltverschwörung sind, denn immerhin fordern auch sie, daß behinderte Menschen dieselben bürgerlichen und politischen Rechte wie alle anderen Menschen haben sollen[6]; und den Antrag, 1981 zum "Internationalen Jahr der Behinderten" zu erklären, hat immerhin Libyen eingebracht!

Behinderung als "bevölkerungspolitisches" Problem

Das Bild von Behinderung als Defizit und unheilbarer Krankheit, die nur mit Expertenhilfe unter Kontrolle gebracht werden kann, ist nicht neu, auch wenn es sich heute differenzierter darstellt als noch vor vierzig Jahren. Damals ging beispielsweise der Schulunterricht in "Erblehre, Rassenkunde und Bevölkerungspolitik" (BURGSTALLER 1941) davon aus, daß "körperliche Gebrechen, Krankheiten und Mängel ... auf die Nachkommen vererbt" (a.a.O., S. 22) werden und die "Ausmerzung Erbkranker" als "wichtigste bevölkerungspolitische Maßnahme" (a.a.O., S. 33) notwendig sei.

"Wir wollen ein Volk, das wieder gerade, aufrecht und heil an Leib und Seele ist" (a.a.O., S. 33), schreibt der Verfassereines 1941 in Wien herausgebrachten Lehrerhandbuchs mit 400 Zeichnungen für den Schulgebrauch und meint, daß sich "die einfachen Zeichnungen .... dem Gedächtnis des Schülers weit besser einprägen werden als der beste Vortrag" (a.a.O., Geleitwort).

Nach dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (1933) wurden bekanntlich "Erbkranke" unfruchtbar gemacht (sterilisiert) und Behinderungen wie "körperliche Mißbildungen", "erbliche Taubheit und Blindheit", "angeborener Schwachsinn", "Jugendirresein", usw. "ausgemerzt" (a.a.O., S. 33). In bekannter Gründlichkeit hat man auch errechnet, daß mit den Kosten, die der Staat jährlich für die Betreuung "Erbkranker" ausgeben muß, 70.000 Eigenheime gebaut werden könnten (vgl. Abb.1).

Abbildung 1: "Kosten-Nutzen-Rechnung" des Rehabilitationsaufwands im "Dritten Reich" - Vereinfachte Schulbuchdarstellung (BURGSTALLER 1941, S. 32)

Dieser die Bauwirtschaft fördernden und Arbeitsplätze sichernden Argumentation schließt sich vier Jahrzehnte später ein oberösterreichischer Arzt an, der ein "Gesetz zur Förderung der Volksgesundheit"[7] fordert: "Personen, die aus charakterlichen, geistigen oder körperlichen Gründen nicht imstande bzw. geeignet sind, Kinder zu sittlich geordneten Staatsbürgern zu erziehen, sind zu beraten, keine Kinder ins Leben zu rufen"[8]. Um die "Erbgesundheit des Volkes" zu gewährleisten, schlägt er die Möglichkeit einer (vorerst?) freiwilligen Sterilisation bei Männern bzw. einer Eileiterunterbrechung bei Frauen vor, denn "da durch die Operation die Geburt von erb- oder schwangerschaftsgeschädigten Kindern verhindert wird, wird der Staat von einer großen Last befreit"[9].

Ein "ewiggestriger Spinner" und Einzelfall, den ohnehin niemand ernst nimmt, oder ein "Fachmann", der offen ausspricht, was viele nur denken, und der mit offizieller Unterstützung rechnen kann? Leider, dieser Mann steht - zumindest in Oberösterreich - nicht allein. Dort ist man nämlich seinem Vorschlag nach einer "Erhebung über die Volksgesundheit" zuvorgekommen und führt im Auftrag des Landeshauptmanns eine Befragungsaktion an allen Sonderschulen durch, die angeblich dazu dienen soll, "Prognosen über die Berufsfähigkeit der Schüler und die Planung der künftigen psychiatrischen Versorgung" zu erstellen[10].

Datenschutz? - Nicht für Sonderschüler und deren Angehörige

Zum Unterschied zur vorgeschlagenen Erhebung des um Volksgesundheit und Volksvermögen so besorgten Anhängers der Sterilisation, der vor allem Schüler der achten Schulstufe über ihre Verhaltensweisen und über Auffälligkeiten in ihrer Familie befragen und diese Angaben für eine spätere "Ehebefähigungs-Beurteilung"[11] heranziehen möchte, sollen bei der Sonderschulerhebung die Lehrer Auskünfte über ihre Schüler und deren Elternhaus geben (Kontaktbereitschaft, Lenkbarkeit, Neigung zur Delinquenz, Stehlen usw.). Der "wissenschaftliche Leiter" der Untersuchung (gleichfalls ein Arzt) begründet die von den Lehrern verlangte Mißachtung des Datenschutzes (Namensnennung der Schüler!) mit der Notwendigkeit, "den weiteren Weg der Schüler verfolgen zu können"[12].

Es ist nur der Wachsamkeit einer Gruppe von Sonderschullehrern zu danken, daß diese Schüler und Eltern gleichermaßen diskriminierende und stigmatisierende "Schnüffelaktion" öffentlich bekannt wurde. Die Datenschutzkommission des Bundeskanzleramtes überprüft mittlerweile, ob bei dieser Erhebung nicht etwa zur Verletzung der Amtsverschwiegenheit angestiftet werden sollte. Nicht untersucht wird hingegen die im Untersuchungsziel gemachte Unterstellung, Sonderschüler von vornherein als Geistig- und Mehrfachbehinderte zu bezeichnen[13] und wie sich eine solche "Erhebung" mit den offiziellen Stellungnahmen und Beteuerungen hinsichtlich der Gleichberechtigung und Integration behinderter Menschen verträgt[14].

Daß hier nur die Spitze eines Eisbergs von Diffamierung und Benachteiligung sozial schwächerer Bevölkerungsteile sichtbar geworden ist, kann nur vermutet werden, ist aber angesichts von in letzter Zeit vermehrt bekannt gewordenen Skandalen über Behindertenheime und mittelalterliche "Betreuungs"methoden ein legitimer Verdacht.



[3] vgl. Alternativgruppen von Behinderten und Nichtbehinderten Österreichs (Hrsg.): Forderungskatalog, Wien 1981 - in diesem Band abgedruckt.

[4] Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: Forderungsprogramm, Wien 1980.

[5] ebd

[6] vgl. UNO-Resolution 3447 (XXX) vom 9.12.1975 über die Rechte behinderter Menschen.

[7] ARBEITER ZEITUNG, Wien, 1981-05-11.

[8] Zitat ebd.

[9] ebd.

[10] VOLKSSTIMME, Wien, 1981-05-14 und 1981-05-20.

[11] ARBEITER ZEITUNG, a.a.O.

[12] VOLKSSTIMME, Wien, 1981-05-20, Zitat Dr. Hofmann.

[13] vgl.ebd.

[14] In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß der Landesschulrat für Oberösterreich (Landesschulinspektor für Sonderschulen ist der derzeit freigestellte FPÖ-Klubobmann Friedrich Peter) einer 1974/75 im Auftrag des Österreichischen Komitees für Sozialarbeit vom Institut für Stadtforschung durchgeführten gesamtösterreichischen und anonymen Erhebung über vorhandene Einrichtungen zur schulischen Rehabilitation nicht zugestimmt hat, da "terminologische, sachliche und systematische Unklarheiten in manchen Fragestellungen ein unvollständiges und verzerrtes Bild der tatsächlichen Lage in Oberösterreich ergeben würden".

Zum öffentlichen Interesse an Behinderung

Ergebnisse einschlägiger Untersuchungen über Einstellungen der Bevölkerung zu behinderten Menschen (z.B. SEIFERT u.a. 1978) - ein hohes Maß an Zufriedenheit, selbst nicht behindert zu sein und große Angst, selbst einmal behindert zu werden - lassen die Annahme zu, daß die nichtbehinderte Bevölkerung sehr genau weiß, was es auch in einem "Sozialstaat" heißt, behindert zu sein, was es bedeutet, von den gesellschaftlichen Normen und Werten abzuweichen und von vielen Alltagsaktivitäten ausgeschlossen zu sein.

"Helfen und gewinnen"

Da erschießt sich ein junger Mann aus "Angst vor Erblinden"[15], vergiftet ein verzweifelter Vater die behinderte Tochter: "Nach Behindertenfilm die Tochter vergiftet"[16], ein "Gugginger Patient erwürgt im Rausch einen Zweiten"[17], eine "Blinde Wienerin lag vierzehn Tage tot in ihrer Wohnung"[18], ein "Epileptiker fällt auf seine Mutter: Frau starb"[19], ein Behinderter, der keine Arbeit findet, fleht "Laßt mich bitte ins Gefängnis!"[20], ein "Glasauge schockte Hausfrau"[21], während "Blinde um Spenden bitten"[22] und sogar ein "Blindenhund Feuerwehrleute biß"[23]. Schließlich tarnte sich auch noch ein Rauschgiftschmuggler als "gelähmter Rollstuhlfahrer" und "lief der Polizei davon"[24].

Ob die weitverbreitete Angst vor Behinderung und vor Behinderten gemildert werden kann, wenn sich jetzt sogar "der Papst den Behinderten zuwendet"[25] und sich "die Kirche den Behinderten öffnet"[26]? Wenn anläßlich des "Behindertenjahres" eine Schallplatte produziert wird mit dem aufmunternden Titel "Kopf hoch, mach mit - Märsche einst und jetzt"[27] und "ein singender Pater mit seiner Kehle die Herzen der Behinderten höher schlagen läßt"[28]? Wohl kaum. Behindertenstereotype wie mißtrauisch, ängstlich, hilfsbedürftig, einsam, krank usw. prägen in hohem Maße das Durchschnittsbild, das uns täglich über Zeitung, Radio und Fernsehen vermittelt wird und uns davor zurückhält, mit behinderten Menschen in angstfreien Kontakt zu treten.

Immer aufwendigere Spendenaktionen tragen das Ihre dazu bei, sich durch "Hilfe auf Distanz" ein ruhiges Gewissen zu erkaufen ("... doch gottseidank ich bin nicht so"). Und sei es auch nur in einer "Herz für Kinder"-Aktion über "Persil-Trommeln" mit beiliegenden Spendengutscheinen, deren Wert von der Trommelgröße und dem Preis abhängig ist. Dabei wird so "nebenher" auf wissenschaftlich eher ungewöhnliche Weise in einer Art Wettbewerb erhoben, daß gehörlose Kinder und Jugendliche in der Gunst der Helfer weit abgeschlagen "an letzter Stelle rangieren"[29] und ihr "Schicksal .... von der breiten Öffentlichkeit nicht sehr ernst genommen wird"[30].

Um den Objektcharakter behinderter Menschen noch dem Dümmsten klarzumachen, bemüht sich schließlich auch das Österreichische Fernsehen mit einer allweihnachtlichen Versteigerungsaktion, bei der auch der Zuseher daheim mitmachen darf, "namhafte österreichische Künstler"[31] noch namhafter (und ihre Werke noch teurer) zu machen und bringt unter dem Motto "Wer bietet mehr?" etwas "Licht ins Dunkel", in dem, so wird damit indirekt zugegeben, behinderte Kinder das restliche Jahr über leben müssen.

Diese famose Idee hat so eingeschlagen, daß sich der verantwortliche Fernsehintendant mit einer ähnlich organisierten Live-Versteigerung "Wer will mich" auch in den Dienst des Tierschutzes zu stellen bereit erklärt hat. Bewerber für die feilgebotenen Hunde unterliegen allerdings "einer strengen Auslese, und nur, wer die besten Möglichkeiten für eine fachgerechte Tierhaltung bietet, hat Chancen, so einen vergessenen Vierbeiner zu bekommen"[32].

Ob wohl genauso strenge Kriterien angelegt werden für die Gestaltung der Lebensbedingungen der 40.000 in Anstalten untergebrachten behinderten Österreicher?[33] Vielleicht könnten die Erfahrungen dieser Tierversteigerung auf die "Pfandl-Show"[34] zugunsten behinderter Kinder rückgekoppelt werden, damit endlich überprüft werden kann, ob es stimmt, daß Gehörlosigkeit in der öffentlichen Anerkennung von Behinderung am schlechtesten abschneidet? Aber nein, die Versteigerung behinderter Kinder via TV würde sicherlich scheitern, weil ja über die Bedingungen "fachgerechter Behindertenhaltung" bei den Verantwortlichen keine Einigung erzielt werden kann (pro und kontra Integration).

Dann schon lieber einen gesunden, wenn möglich rasse- und zimmerreinen Hund zum Liebhaben und zum Selbstschutz, der in der Öffentlichkeit überall hinscheißen und bei Krankheit oder Altersschwäche im Tierschutzhaus bequem eingeschläfert werden kann. Blinde und lahme Hunde wurden, soweit bekannt, bis jetzt noch nicht zur Versteigerung angeboten und so dürfen wir auch nächste Weihnachten mit der bemerkenswerten Schnorr-Aktion "Kunst ins Volk" rechnen.

Behinderung als Abschreckung

Es scheint, als ob mit der Angst vor drohender Behinderung mehr Geschäft zu machen ist als mit den Behinderten selbst. Wie die im Frühjahr 1981 bundesweit durchgeführte "Zeckenschutz-Impfaktion 81" gezeigt hat, ist für Ärzte, Apotheker und die Pharma-Industrie auch bei impfmüden und inzwischen sparsamer gewordenen Österreichern noch einiges Geld zu holen.

Der werblich perfekt vorbereiteten "größten Informationsaktion, die die Österreichische Apothekerkammer je durchgeführt hat"[35] konnte sich kaum jemand entziehen. 1.300 Großplakate und eine "massive Hörfunkkampagne" haben die Bevölkerung auf die Aktion aufmerksam gemacht und an die Notwendigkeit der vorbeugenden Impfung erinnert[36]. Das ganze Spektakel stand unter dem furchteinflößenden Motto "Lieber zeckengeimpft als gehirngeschädigt" und hat einmal mehr gezeigt, was privatwirtschaftliches Interesse auf die Beine zu stellen imstande ist. Die Aktion hatte einen, mit früheren Impf-Aufrufen wie zum Beispiel für die Polio-Schluckimpfung nicht vergleichbaren durchschlagenden Erfolg zu verzeichnen: 1,2 Millionen Österreicher sind bereits "zeckengeimpft", dank der "entsprechend hochdramatischen Gestaltung und einem überaus starken Aufforderungseffekt"[37] der Plakatmotive und Texte, die sogar mit einem "Werbeoscar" ausgezeichnet wurden (vgl. Abb.2)

Abbildung 2: Verzweiflung, Hilflosigkeit, Leid - Behinderung als Abschreckung und Geschäft ebd.

Abschreckender kann Behinderung, furchtbarer können Distanz und Vorurteile gegenüber behinderten Menschen kaum mehr visualisiert werden, als mit dieser, vom Bundesministerium für Gesundheit und Umweltschutz mitfinanzierten Öffentlichkeitsarbeit[38]. Abstoßende Bilder und aufrüttelnde Texte prägen sich eben viel stärker ins Gedächtnis ein als lange Erklärungen, das hat man schon vor vierzig Jahren gewußt!

Mit dieser kostspieligen Kampagne wurde mit großer Wahrscheinlichkeit eine viel größere Breitenwirkung zum Thema Behinderung erzielt als mit der Plakataktion des Bundesministeriums für soziale Verwaltung anläßlich des "Behindertenjahres", mit dem mißverständlichen Text "Behindert. Ein Mensch zweiter Klasse? Ein Vorurteil!", das "das ganze Jahr über als Gratis-Lückenfüller"[39] affichiert wurde und "das die Menschen, um die es geht, nicht woll(t)en"[40].

Immerhin ist der darin verpackte Ruf nach mehr Menschlichkeit bis zur Österreichischen Ärzteschaft durchgedrungen, die sich bereit erklärt hat, die Zeckenschutzimpfung in einem befristeten Zeitraum zu einem herabgesetzten Honorar durchzuführen[41], wobei klugerweise verschwiegen wird, daß die genauso wirksame Impfung innerhalb von 48 Stunden nach dem Zeckenbefall im Gegensatz zur vorbeugenden Impfung von der Krankenkasse bezahlt wird. Der riesige Werbeaufwand für die Impf-Kampagne, der freundlicherweise auch von der Herstellerfirma des Impfstoffes mit einem "namhaften Betrag" unterstützt worden sein soll[42], steht zwar in keiner Relation zur Wahrscheinlichkeit einer Infektion durch einen Zeckenbiß, sehr wohl aber zum dabei auf Kosten verängstigter Bürger gemachten Gewinn der Pharma-Industrie und der Ärzteschaft.

In Bereichen, wo weitaus häufiger Behinderungen "produziert" werden, in der Arbeitswelt, engagieren sich diese Herrschaften hingegen kaum. Kein Wunder, gegen Arbeitsunfälle und Frühinvalidität kann man ja schließlich nicht vorbeugend impfen und dabei noch ein Geschäft machen.

Der "Bumerang-Effekt" anonymer Spenden- und Aufklärungs-Kampagnen

Angesichts der großen Resonanz, mit der Spendenaktionen mit Gewinn-Chancen und vor Behinderung warnende Aufklärungs-Kampagnen rechnen können, wäre es interessant, einmal zu untersuchen, ob und in welche Richtung damit Einstellungs- und Verhaltensänderungen zu behinderten Menschen erreicht und wieweit dadurch Vorurteile und gegenseitige Unsicherheiten im Alltag abgebaut werden können.

Entsprechende ernstzunehmende kommunikationswissenschaftliche Untersuchungen stehen derzeit noch aus. Es kann jedoch angenommen werden, daß sich die in der Vorurteilsforschung festgestellte große Distanz zu behinderten Menschen besonders deutlich, wenn auch subtil verschleiert, in der Berichterstattung der Printmedien, in Radio und TV und in der bildlichen wie textlichen Darstellung bei Spenden- und Aufklärungs-Feldzügen widerspiegelt.

Die Darstellungsweisen behinderter Menschen in Tages- und Wochenzeitungen, in Zielgruppenmedien und in öffentlichen Informations-Kampagnen unterschieden sich zwar formal, eine qualitative Analyse nach inhaltlichen Kategorien, latenten Botschaften und Bedeutungen würde jedoch vermutlich grundlegende Gemeinsamkeiten erkennen lassen, die sich vom Selbstbild der Betroffenen stark unterscheiden und dem Integrationsgedanken widersprechen (Leistungsschwäche, Hilflosigkeit, Dankbarkeit, Geduld usw.).

Eine der Ursachen dafür liegt sicherlich in einem Informationsdefizit der verantwortlichen Journalisten und Autoren über die tatsächliche Lebenssituation, Alltagsprobleme und Fähigkeiten behinderter Menschen begründet. Hinzu kommt, daß durch die räumliche Isolation behinderter Menschen in Sonderinstitutionen die Trennung bzw. Unterscheidung zwischen "Gesunden" und "Behinderten" begünstigt und angstfreie Begegnungsmöglichkeiten unter Alltagsbedingungen erschwert werden. Regelmäßige Kontakte in der Schule, im Betrieb, im Wohnbereich und in der Freizeit können auch durch bundesweite Appelle nach mehr Menschlichkeit, Entgegenkommen und Toleranz nicht ersetzt werden.

Abbildung 3: Behinderung und Schadenfreude (Mad-Süchtig, 1977)

Im Gegenteil: Durch fortwährende Hinweise auf das "Anderssein" behinderter Menschen und eine überrepräsentative Häufigkeit der medialen Abhandlung von Behindertenproblemen, wie es gerade im "Behindertenjahr" geschieht, erzielt man leicht einen "Bumerang-Effekt". Die Betonung der traurigen Lebenssituation behinderter Menschen sowie moralisierende Spenden- und Hilfeaufrufe können besonders bei Menschen, denen es finanziell, physisch und psychisch selbst nicht gut geht oder die gar um ihren Arbeitsplatz zittern müssen, zu unerwünschten Abwehrreaktionen führen, die sich im günstigsten Fall auf schadenfrohes Lachen über das Unglück behinderter Menschen in Witzzeichnungen beschränken (vgl. Abb.3).

Ebenso wenig reichen belehrende Sachinformationen über Behinderungs"arten", Verhütungs- und Behandlungsmethoden und ähnliches mehr aus, die gesamtgesellschaftliche Dimension des Phänomens "Behinderung" zu erklären. Die immer genauere Beschreibung von Abweichungsmerkmalen (von "A" wie "Amputiert" bis "Z" wie "Zeckenbiß") führt vielmehr zu neuerlicher Diskriminierung und zu einer Klasseneinteilung behinderter Menschen. Damit wird die ohnehin bestehende hierarchische Rangordnung der öffentlichen Anerkennung von Behinderung noch verfestigt, an deren Spitze der querschnittgelähmte Autorennfahrer steht und in der ältere, geistig behinderte Menschen das Schlußlicht bilden.



[15] KURIER, Wien, 1981-01-08.

[16] KRONEN ZEITUNG, Wien, 1981-02-19.

[17] KURIER, Wien, 1979-09-11.

[18] VOLKSSTIMME, Wien, 1980-10-10.

[19] KURIER, Wien, 1980-10-28.

[20] KURIER, Wien, 1980-09-20.

[21] WIENER WOCHENBLATT Nr. 41/Okt.1980.

[22] OBERÖSTERREICHISCHES TAGBLATT, Linz,1981-02-04.

[23] KRONEN ZEITUNG, Wien, 1980-12-14.

[24] KRONEN ZEITUNG, Wien, 1980-09-17.

[25] SALZBURGER NACHRICHTEN, Salzburg, 1981-02-13.

[26] KURIER, Wien, 1980-08-11.

[27] BADENER ZEITUNG, Baden,1981-01-09.

[28] TIROLER TAGESZEITUNG, Innsbruck, 1981-02-04.

[29] KURIER, Wien, 1980-11-17.

[30] KURIER, Wien, 1980-11-17.

[31] ARBEITER ZEITUNG, Wien, 1981-02-12.

[32] KRONEN ZEITUNG, Wien, 1981-02-03.

[33] vgl. Ergebnisse des Mikrozensus KÖRPERBEHINDERUNGEN, Dezember 1976

[34] ARBEITER ZEITUNG, Wien, 1981-02-12; "Pfandl" - in Wien gebräuchlicher Ausdruck für Leihhaus.

[35] AP-INTERN (Vertrauliche Standesinformationen der Österreichischen Apothekerkammer): Alles über die Zeckenschutzimpfung 1981. Eine Information der österreichischen Apothekerkammer), Wien 1981.

[36] ebd.

[37] KURIER, Wien, 1981-03-04.

[38] AP-INTERN, a.a.O.

[39] Zitat aus dem Schreiben der Firma "progress werbung" an die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation,1980-12-12.

[40] Lebenshilfe Nr.3 und 4 A/80 Zeitschrift der Lebenshilfe für Behinderte, Wien, S.22.

[41] AP-NTERN, a.a.O.

[42] Die Herstellerfirma Immuno AG ist u.a. durch die Errichtung von "Blutbanken" und großaufgezogenem Handel mit Blutplasma in der "Dritten Welt" bekannt geworden.

Emanzipatorische Behindertenarbeit als bildungspolitische Aufgabe

Wieauch immer Aufklärungsaktionen zum Einstellungswandel gegenüber behinderten Menschen aufgezogen werden, ihr gemeinsames Merkmal ist die Einseitigkeit der Informationsvermittlung und die Nichteinbeziehung der Betroffenen, die eigentlich am besten wissen müßten, welche Hindernisse ihrer Integration im Wege stehen und wie diese beseitigt werden sollten.

Neue Formen und Methoden einstellungsverändernder Öffentlichkeitsarbeit

Einstellungsverändernde Öffentlichkeitsarbeit ist immer davon abhängig, wer, wem, was, wie und wo vermittelt und soll dazu beitragen, Kommunikations- und Interaktionsstörungen zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen aufzuheben. Verfahren zur Einstellungsänderung sollen sich daher immer auf Ereignisse und das Verhalten in aktuellen Begegnungssituationen konzentrieren (überzeugen allein genügt nicht). Sie müssen problem- und konfliktorientiert sein und mithelfen, daß auftretende gegenseitige Spannungen zutage gefördert, von den Beteiligten aufgearbeitet sowie in sichtbare Handlungen übergeführt werden können.

Dazu ist es wichtig, daß sich behinderte Menschen, ähnlich der wachsenden Zahl von Bürgerinitiativen, für ihre Interessen einzusetzen lernen, sich solidarisieren und emanzipieren und befähigt werden, selbst Öffentlichkeit herzustellen, wozu sicher ein längerer Lernprozeß notwendig sein wird.

Der dafür erforderliche Aktionsrahmen (das Handlungsfeld) muß überschaubar (gemeindenah), die Zielgruppe darf nicht anonym sein.

In den letzten Jahren sind mehrere Praxismodelle "emanzipatorischer Behindertenarbeit" bekannt geworden, die vor allem kommunalpolitische Probleme zum Inhalt hatten und zu unterschiedlich "aggressiven" und erfolgreichen öffentlichen Aktionen geführt haben[43]. Sie waren durchwegs von einer großen Konflikt- und Handlungsbereitschaft der daran beteiligten Personen getragen, die neue Formen und Methoden einstellungsverändernder Öffentlichkeitsarbeit entwickelt und beispielhaft erprobt haben. Dabei wurden Möglichkeiten aufgezeigt, wie die Expertenvormundschaft durchbrochen und direkter Kontakt mit der nichtbehinderten Bevölkerung hergestellt werden kann: behinderte Menschen informieren selbst über ihre Probleme und Lösungsvorstellungen.

Beispiel Volkshochschule

Ein 1976 an einer Wiener Volkshochschule begonnenes Projekt zur Bildung einer Aktionsgruppe behinderter und nichtbehinderter Menschen soll hier stellvertretend für ähnliche Initiativen etwas ausführlicher beschrieben und kritisch eingeschätzt werden, weil darin besonders auf die Bildungsdefizite behinderter Menschen Rücksicht genommen und in Österreich erstmalig emanzipatorische Behindertenarbeit in einer Institution der Erwachsenenbildung versucht wurde (HOVORKA 1979).

Der VHS-Kurs "Dokumentationsworkshop über Probleme behinderter Menschen am Beispiel einer Großstadt - Wien" ging vom Anliegen und Vor-Urteil einer interdisziplinären Arbeitsgruppe, der der Verfasser angehört, aus (Institut für soziales Design), die, nach kritischer Prüfung ihrer mehrjährigen Tätigkeit im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit in der Rehabilitation, die Wirksamkeit aufklärerischer Maßnahmen aufgrund fehlender Kontrollmöglichkeiten und -instrumente in Frage stellte: Informationen über Integrationsbarrieren behinderter Menschen beschränken sich vorwiegend auf die Darstellung von Sachproblemen (z.B. bauliche Barrieren) und bleiben ohne Resonanz bei den Betroffenen und bei den dafür verantwortlichen Stellen. Öffentlichkeitsarbeit, die mit bloßer Symptombeschreibung und Problemdarstellung auf einen anonymen Adressatenkreis hin orientiert ist und die Entstehung und sozialen Folgen von Behinderung nicht klarlegt, kann, so wurde vermutet, nicht im Interesse behinderter Menschen sein.

In einer vorwissenschaftlichen Untersuchung setzen wir uns daher mit den Schwierigkeiten behinderter Menschen im Alltagsleben auseinander, finden den Einstellungsaspekt für die konkrete Weiterarbeit ausschlaggebend und entwickeln ein sozialpädagogisches VHS-Kurskonzept, mit dem Vorsatz, Öffentlichkeitsarbeit über Integrationsprobleme nicht nur für, sondern gemeinsam mit den Betroffenen zu leisten. Das Kursprojekt knüpft an die MethodenAktivierender Gemeinwesenarbeit an (SEIPPEL 1976, HAUSER & HAUSER 1971),die im Unterschied zur sozialen Gruppenarbeit auf emanzipatorische Aspekte von Lernvorgängen in Konfliktfeldern ausgerichtet sind und Bildungsdefizite benachteiligter Bevölkerungsgruppen auszugleichen suchen ("Lernen zum Handeln").

Wir beschließen darüber hinaus, das Kursprojekt wissenschaftlich zu begleiten und auszuwerten. Entsprechend der Diskussion über die Anwendbarkeit der Soziologie in Bereichen gesellschaftlichen Handelns, entscheiden wir uns als Forschungsstrategie für die Aktionsforschung (action research). Herkömmliche, auf Beobachtungsverfahren und Befragungen beschränkte sozialwissenschaftliche Erhebungstechniken werden als unzureichend erkannt, das Entscheidungsproblem des an Gruppen-, Handlungs- und Lernprozessen teilnehmenden Forschers (als Kursleiter) zu lösen. Sie hat unter gewissen Gesichtspunkten für die Soziologie einen ähnlichen Charakter wie die Gemeinwesenarbeit für die Sozialarbeit und will in der Erwachsenenbildung als "Soziologie der Alternativen" über solidarisches, zielgerichtetes Handeln gemeinsames Lernen ermöglichen (vgl.Abb.4). Damit soll die Distanz zwischen Forscher und Beforschten (Subjekt-Objekt-Verhältnis) in der Tendenz überwunden werden. Der Forscher hat bei einem derartigen Forschungsvorgehen keinen Erfahrungsvorsprung vor den Untersuchten hinsichtlich deren aktueller Situation und erarbeitet und bewertet die einzelnen Forschungs- und Handlungsschritte gemeinsam mit allen Beteiligten. Die Entscheidung zur "Aktion" und "Forschung" führt damit eher zu einer um wissenschaftliche Legitimation bemühten Sozialarbeit als zu einer wissenschaftlich fundierten Aktion.

Der Kursverlauf: Behinderte stellen Öffentlichkeit her

Das Projekt wird trotz unerwartet auftretender Schwierigkeiten (keine Finanzierungsbasis, anfänglicher Boykott eines großen Behindertenklubs) und hoher Zeitbelastung der Initiatoren bei der Kursvorbereitung durch intensive Kurswerbung mit der Versammlung von rund dreißig körperbehinderten und nichtbehinderten Interessierten an der Volkshochschule begonnen. Insgesamt finden im ersten Kursjahr mehr als 80 Personen zur Kursgruppe; der relativ beständige Kern umfaßt rund 20 Personen verschiedener Sozial- und Altersgruppen.

Der Gruppenfindungsprozeß verläuft unerwartet rasch und erfolgversprechend. Die große Handlungs- und Konfliktbereitschaft der Beteiligten führt bereits im ersten Kurssemester zu einer großen Straßenaktion in einer vorweihnachtlich geschmückten Fußgeherzone (Passantenbefragung, Plakate, Flugblätter) zum Thema "Vorurteile" (vgl. Abb. 5), bei der gemeinwesenorientierte Methoden der Aufklärungsarbeit erstmals erprobt, mit verschiedenen Medien dokumentiert und ausgewertet werden (Tonband, Foto, Video).

Abbildung 5: Plakat- und Flugblattmotiv zum Thema "Vorurteile" des VHS-Kurses "Dokumentationsworkshop" für Straßenaktion und Passantenbefragung

Dabei war der Beschluß, Öffentlichkeit herzustellen, auf die kognitive Ebene der Einstellungsänderung eingeschränkt und vorrangig auf gesellschaftliche Fragen der Diskriminierung behinderter Menschen und weniger auf die persönlichen Bedürfnisse der Einzelnen ausgerichtet. Diese wurden gemäß den Zielsetzungen des Kursexperiments durch Kontakte und Lernprozesse im Rahmen der Aktionsvorbereitung, -durchführung und -auswertung befriedigt, in die alle Beteiligten einbezogen werden konnten. Die Aktion fördert die rasche Entwicklung eines Gruppenbewußtseins ("Wir-Gefühl") und leitet zu modifizierten Fragestellungen und Arbeitsmethoden über, die den Ablauf des zweiten Kurssemesters dominieren.

Nach einer "heroischen" Gruppenphase vor und einer "sicheren" Gruppenphase kurz nach der erfolgreichen Straßenaktion, die auch in den Massenmedien Beachtung fand, kommt es zu Konflikten zwischen der VHS-Leitungden Kursleitern und den Teilnehmern ("alternde" Gruppenphase), die wesentlich zum Selbstbestimmungsprozeß und zu erkennbaren Verhaltensänderungen bei allen Beteiligten führen. Vor allem die behinderten Teilnehmer sind selbstbewußter und kritischer gegenüber dem Kurskonzeptder nichtbehinderten Initiatoren geworden und setzen sich hinsichtlich der inhaltlichen Schwerpunktsetzung der weiteren Kursarbeit durch: Sie wollen sich mit konkreten Hindernissen in der nächsten Umgebung beschäftigen und suchen die Konfrontation mit für bauliche Barrieren ("Vorurteile aus Stein") im öffentlichen Bereich verantwortlichen Fachleuten, was auch gelingt.

In der laufenden Arbeit lernen sie mit Hilfe der Kursleiter ("Hebammenfunktion" der Kursleiter) Denk- und Handlungsschritte selbständig zu entwickeln. Sie übernehmen immer mehr Verantwortungsbereiche in der Gruppeund begreifen sich allmählich als selbstführende Gruppe, die eigene Arbeitsziele und - weisen zu entwickeln imstande ist. In einer langsam wieder "aufsteigenden" Gruppenphase gelingt es den Kursinitiatoren, ihre "Leitungs"funktion an ein Teilnehmerkollektiv zu übertragen und sich nach einem Jahr aus der Aktionsgruppe fast völlig zurückzuziehen. Ein Prozeß, der viele Diskussionen erforderte und durchaus nicht reibungslos vonstatten ging. Einige Teilnehmer fühlten sich von den Kursleitern im Stich gelassen ("die haben jetzt genug Material über uns gesammelt und verschwinden").

Der Stellenwert gesellschaftlich-politischer Bildung in der "Behinderten-Arbeit"

Straßenaktionen, das Befragen von Passanten und die Herstellung von Flugblättern und Plakaten, wie sie im beschriebenen VHS-Kurs als von den Betroffenen bestimmte Öffentlichkeitsarbeit entwickelt und erprobt wurden, gehören heute sozusagen zum Repertoire fortschrittlicher Initiativgruppen behinderter und nichtbehinderter Menschen und finden auch in der Öffentlichkeit immer stärkere Beachtung. Einzig die "Behinderten-Experten" sind nicht recht froh darüber, weil ihnen damit Kompetenzen entzogen und sie zu Auseinandersetzungen gezwungen werden, die nicht immer angenehm und imagefördernd sind (z.B. die Protestaktion vor der Wiener Hofburg anläßlich der "feierlichen Eröffnung" des "Behindertenjahres" im Jänner 1981, Politiker wurden durch Rollstuhlfahrer "behindert").

Die Ausstrahlung des Kursexperiments hat die Annahme der Initiatoren bestätigt, daß aktivierende Gemeinwesenarbeit als emanzipatorische Erziehungshilfe in der Erwachsenenbildung wirksam werden kann. Als praktische Konsequenz für die Öffentlichkeitsarbeit in der Rehabilitation macht das untersuchte Modell deutlich, daß die in der Fachliteratur häufig referierten Hinweise zur Aufhebung von Kommunikations- und Einstellungsbarrieren nur dann glaubhaft realisiert werden können, wenn sie von den Betroffenen selbst bestimmt und von den mit Behinderten- und Bildungsfragen befaßten Stellen als kompensatorische Bildungsarbeit, als, Beitrag zur gesellschaftlich-politischen Bildung für benachteiligte Bevölkerungsgruppen anerkannt und gefördert werden.

Wichtig ist dabei, daß behinderte und nichtbehinderte Menschen gemeinsam handeln und die Distanz zwischen "Helfern" und "Hilfsbedürftigen" aufheben lernen. Emanzipatorische Behindertenarbeit wird so zu einer bildungspolitischen Aufgabe, die auf eine weitgehende Neuorientierung der verantwortlichen gesellschaftlichen Institutionen mit den Behinderten abzielt.

Künftige sozialpädagogische Kursexperimente - nicht nur mit behinderten Menschen - müssen entsolidarisierende und individualisierende Bildungsformen und -inhalte zu durchbrechen versuchen und auf eine Demokratisierung politischer Willensbildung bestehen, ohne die der gesellschaftliche Bezugsrahmen, in dem Behinderung produziert wird, nicht erfahrbar gemacht und Veränderungen nicht erwartet werden können.

Kritische Einschätzung der Kurs- und Forschungsarbeit

Zuletzt bleibt nun noch die Frage offen, wie sich der legitime Wunsch der Kursinitiatoren nach wissenschaftlicher Begleitung emanzipatorischer Behindertenarbeit mit dem demokratischen Anspruch der Aktionsforschung, die Distanz zwischen Forschern und Beforschten aufzuheben, vertragen hat.

Der vom Verfasser untersuchte VHS-Kurs hat sehr deutlich gezeigt, daß der noch so stark in die Gruppenarbeit einbezogene Forscher immer in das Dilemma gerät, das theoretische Erkenntnisinteresse nicht zugunsten eines kurzfristig situationsbezogenen Krisenmanagements aus den Augen zu verlieren.

Auch bei starker Verflochtenheit mit dem Gruppengeschehen und bei größtmöglicher Transparenz hinsichtlich des Anliegens und Forschungsinteresses können die real vorhandenen Interessens- und Bildungsunterschiede der Beteiligten nicht völlig aufgehoben werden. Eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Experten und Betroffenen ist nur zeitweise erreichbar, am ehesten noch in Phasen gemeinsamen zielgerichteten Handelns (gemeinsame Konfliktgegner). Grundprinzip muß die Ehrlichkeit gegenüber den weniger privilegierten behinderten Gruppenmitgliedern sein. Jedes Verschweigen des Forschungsinteresses rächt sich früher oder später und kann die Gruppenatmosphäre vergiften, wenn nicht sogar eine konstruktive Weiterarbeit unmöglich machen.

In diesem Zusammenhang drängt sich natürlich die Frage auf, wieweit es überhaupt vertretbar ist, zielgruppen- und handlungsorientierte VHS-Kurse zu initiieren und nach geglückter Gruppenbildung und einigen Aktionserfolgen relativ abrupt aus dem Geschehen auszusteigen.

Im beschriebenen Kursexperiment war der Rückzug der Kursleiter nach Kursjahr von vornherein geplant gewesen, da für die zeitaufwendige Arbeit keine ausreichenden Fördermittel aufgetrieben werden konnten und das erklärte Ziel aktivierender Gemeinwesenarbeit sein muß, die Betroffenen zu eigenem Handeln zu befähigen. Ausschlaggebend war aber auch das Fehlen einer entsprechenden "Rückendeckung" durch die Bildungsinstitution Volkshochschule, die die "Geister, die sie rief" nicht mehr los wurde und ohne deren volle Unterstützung emanzipatorische Bildungsarbeit sehr erschwert wird.

Für die Betroffenen ist diese professionelle Haltung zu sozialer Arbeit nichtimmer einsichtig. Teilerfolge der Gruppenarbeit können, wenn sie nicht laufend gemeinsam bewertet werden und in die Weiterarbeit einfließen, oft ins Gegenteil umschlagen und zu Resignation bei den Beteiligten und zu unüberbrückbarem Mißtrauen gegenüber den nichtbehinderten Gruppenleitern führen. Es wäre daher günstig, von vornherein behinderte Menschen in die Kursvorbereitung einzubeziehen, um derartige Konflikte zu vermeiden (ganz können sie natürlich nie vermieden werden).

Emanzipatorische Bildungsarbeit mit behinderten Menschen wird aber auch erschwert durch die gegenwärtige Forschungspraxis in Österreich und die starken Legitimations- und Kontrollbedingungen in Sozialarbeit und Erwachsenenbildung, auf die in diesem Beitrag nicht näher eingegangen werden kann. Die Befürchtung bleibt jedoch, daß soziales Lernen unter Alltagsbedingungen und an Alltagsproblemen für benachteiligte Bevölkerungsgruppen auch weiterhin durch begrenzte institutionelle Bedingungen behindert und auf Modellversuche beschränkt bleiben wird.

Partizipations- und Integrationsbemühungen sind eben in letzter Konsequenz auch immer politische Kampffragen und stehen in Widerspruch zum herrschenden Demokratieverständnis, das sich in Volksbefragungen erschöpft. Gerade dieser Umstand kann aber auch eine Herausforderung für die Sozialforschung (Aufgabe der "Wertfreiheit" wissenschaftlichen Tuns) und für alle in der "Behinderten-Arbeit" tätigen fortschrittlichen Kräfte sein, die "Berührungsangst" mit ihren Untersuchungs- und Arbeits"objekten" zu überwinden und als von den Betroffenen Lernende mitzuhelfen, Integrationshindernisse bleibend zu beseitigen.



[43] vgl. etwa KLEE (1976), Teilnehmer des VHS-Kurses 60113 (1978), THIMM (1977) sowie in diesem Band die Beiträge des Linzer Arbeitskreises "Bewältigung der Umwelt" und der Initiativgruppe Behinderte-Nichtbehinderte in Innsbruck.

Schlußbemerkungen: "Wehret den Anfängen!"

Es mag schon sein, daß manche hier gemachte Feststellung und geäußerte Kritik einseitig und überspitzt ausgefallen ist. Weder sollte die gesamte österreichische Ärzteschaft und alle Journalisten diffamiert werden, noch war es Absicht, der zwangsweisen Integration behinderter Menschen das Wort zu sprechen, in eine Gesellschaft, deren "Normalität" zumindest angezweifelt werden darf. Positive Tendenzen und Prozesse des Umdenkens auch höheren Orts sollen nicht geleugnet werden. Sie hier zu referieren, hätte den Rahmen der Ausführungen gesprengt.

Es geht auch sicher zu weit, ideologische Trends der Berichterstattung, Öffentlichkeitsarbeit und "Behinderten-Arbeit" für die Einstellungen und Meinungen der österreichischen Bevölkerung allein verantwortlich zu machen. Ganz von der Hand zu weisen ist ein Zusammenhang aber nicht.

Denn die Belastung mit der unmittelbaren nationalsozialistischen Vergangenheit, deren Aufarbeitung vor allem in den Schulen versäumt wurde, die immer härter werdenden Verteilungskämpfe im sozialen Bereich und eine von gewissen Kräften geschürte und unterstützte Staats- und Demokratieverdrossenheit in der Bevölkerung (140.000 Bürger-Stimmen!), lassen unter der dünnen Haut von Humanität eine erschreckende Ablehnung gegenüber leistungsschwachen und von der Norm abweichenden Menschen erkennen.

Die in letzter Zeit bei einschlägigen Symposien häufiger ausgesprochene Hoffnung, daß die Menschen in wirtschaftlich schlechteren Zeiten näher zusammenrücken und damit auch Behinderte in ihre "Notgemeinschaft" aufnehmen werden, ist, wie die jüngste Geschichte zeigt, schlichtweg falsch. Schon sorgen sich wieder "Erb-Saubermacher" um den "genetischen Verfall" der Österreicher und um die durch Rehabilitationsausgaben belastete Volkswirtschaft. "Erbforschung" nach den Ideologien und dem Muster der Nürnberger Blutgesetze ist in gewissen Kreisen wieder "in" und wird von allerhöchsten Stellen geduldet, wenn nicht gar gefördert.

Gleichzeitig explodieren weltweit die Rüstungsausgaben und steigt die Gefahr einer atomaren militärischen Auseinandersetzung auch in Europa. Nach Berechnungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) werden auf der Welt jährlich viertausendmal soviel Mittel für Vernichtungswaffen aufgewendet wie für die berufliche Eingliederung der rund 450 Millionen behinderten Menschen notwendig wären[44]. Diese Waffen müssen irgendwann einmal auch zum Einsatz kommen, um der Rüstungsindustrie neue Aufträge zu verschaffen. Leidtragend ist immer die Zivilbevölkerung bzw. die Millionen durch Kriege "produzierten" behinderten Menschen. Es gehört schon einiges an Menschenverachtung dazu, zu behaupten, es gäbe "wichtigere Dinge als den Frieden" (US-Außenminister Haig) und es ist sehr bedenklich, daß diese Äußerung von den für das "Behindertenjahr" verantwortlichen Stellen in Österreich kommentarlos hingenommen wurde. Nach erfolgreichem Einsatz der Menschen vernichtenden, aber materielle Güter schonenden Neutronenbombe, wird es allerdings auch nicht mehr allzu viele überlebende Kriegsopfer geben, die sich, wie 1981, mit den Zivilinvaliden solidarisieren und in ihren Mitgliederorganisationen eine halbe Million Schilling sammeln können ("Wir Kriegsopfer sind es gewohnt Taten zu setzen")[45].

Deshalb die Forderung, der sich u.a. auch die Behindertenverbände Österreichs anschließen sollten: Für Frieden und Abrüstung! Gegen eine österreichische Rüstungsindustrie, die vielleicht bald ihre "Produktpalette" mit einem "Rollstuhlprogramm" für Kriegsinvalide vervollkommnen wird[46] und gegen das Aufkommen geistiger Strömungen, die über kurz oder lang wiederdazu führen werden, daß Behindertenheime und Rehabilitationszentren zu Euthanasie- und Vergasungsanstalten werden.

Einen Beitrag dazu können und müssen auch unsere Schulen durch eine konsequentere Anwendung des Unterrichtsprinzips "Politische Bildung" leisten. Sie stehen vor der eminent wichtigen Aufgabe, die Jugend zu befähigen, gesellschaftliche Ursachen von Behinderung zu erkennen und gegen jedwede Verharmlosung- und Beschwichtigungsversuche furchtlos und offensiv aufzutreten. Ein "Erlaß"[47] an alle Schulen, Behindertenproblemen mehr Beachtung zu schenken, reicht hier, so gut er auch gemeint sein mag, sicher nicht aus, weil er die meisten Lehrer eher verunsichert und überfordert und weil entsprechend aufbereitete Unterrichtsmittel nur spärlich vorhanden sind. Demokratiebewußtsein und engagiertes Eintreten für sozial Schwächere kann nur vermittelt werden, wenn auch die Lehrer aus ihren Denk- und Handlungsschablonen auszubrechen bereit sind, wozu es u.a. einer qualitativen Vertiefung und quantitativen Ausweitung von Ausbildungs- und Weiterbildungsprogrammen bedarf. Gegenseitige Unsicherheiten und Vorurteile zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen müssen an ihren Wurzeln bekämpft werden, wobei die schrittweise Aufhebung der strikten Trennung zwischen Normal- und Sonderschulen einen wesentlichen Beitrag leisten kann.

Bei der Erfüllung der Forderung nach dem Recht auf Selbstbestimmung behinderter Menschen und nach Ausgleich ihrer Bildungsdefizite, kommt aber ebenso den kommunalen und freien Trägern der Erwachsenenbildung steigende Bedeutung zu. An sie ist die Forderung gerichtet, von Konzepten bevormundender und diskriminierender "Behinderten-Kurse" auf "Heinz-Conrads-Niveau" abzurücken und emanzipatorischen Bildungsprogrammen mehr Raum zu geben, sowie ihre Einrichtungen endlich behindertengerecht zu adaptieren (Beseitigung und Vermeidung baulicher Barrieren!). Bildung und Kultur sollen nicht länger gönnerhaft von Nichtbehinderten für Behinderte gemacht, sondern mit und durch die Betroffenen gestaltet werden.



[44] vgl. VOLKSSTIMME, Wien, 1981-01-30 und 1981-02-12.

[45] vgl. Nachrichtendienst des Organisationsbüros zum "Internationalen Jahr der Behinderten", 10. Nachtrag zum Veranstaltungskalender, Wien 1981, S. 4.

[46] Unüberprüfte Mitteilung eines Beschäftigten der Steyr-Werke bei der Dritten Regionalkonferenz von Rehabilitation International 1981 in Wien an den Verfasser.

[47] Erlaß des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, ZI.28.448/9-11b/1980 zum "Internationalen Jahr behinderter Personen" unter dem Motto "Schüler sind Partner".

Literaturverzeichnis:

BURGSTALLER, S., Erblehre, Rassenkunde und Bevölkerungspolitik (400 Zeichenskizzen für den Schulgebrauch), Deutscher Verlag für Jugend und Volk, Wien 1941.

HAUSER, R., H. HAUSER, Die kommende Gesellschaft (Handbuch für soziale Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit), J. Pfeiffer, München 1971.

HOVORKA, H., Emanzipatorische Behindertenarbeit an Volkshochschulen. Ein Aktionsforschungsprojekt in der Gemeinwesenarbeit. Dissertation an der grund- und integrativwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, Institut für soziales Design (Hrsg.), Eigenverlag, Wien 1979.

KLEE, H., Behindertenreport 2, Fischer, Frankfurt a.M. 1976.

MAD-SÜCHTIG, Aragones, Hamburg 1977.

RETT, A., Die Reform der Behinderten-Betreuung - eine permanente Herausforderung, in: Behinderte 4, 1981, Heft 1, S. 28-30.

SEIFERT, K.H, W. STANGL, I. KLEEMANN, Einstellungen von Berufstätigen gegenüber Körperbehinderten. Unter besonderer Berücksichtigung der Einstellungen zur beruflichen Eingliederung, Institut für Psychologie und Pädagogik der Johannes-Kepler-Universität Linz, Forschungsbericht, Linz 1978.

SEIPPEL, A., Handbuch Aktivierende Gemeinwesenarbeit, Burckhardthaus, Gelnhausen-Berlin 1976.

TEILNEHMER des VHS-Kurses 60113 (Hrsg.), Dokumentation - Wohnsituation Behinderter in Düsseldorf, Düsseldorf 1978.

THIMM, W. (Hrsg.), Erwachsenenbildung im Problemfeld "Behinderte unter uns", Pädagogische Hochschule, Heidelberg 1977.

Quelle:

Hans Hovorka: Behinderte als "Gratis-Lückenfüller". Bilder in der Öffentlichkeit und die Möglichkeit emanzipatorischer Bildungsarbeit mit behinderten Menschen

Erschienen in: Forster, Rudolf/ Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird, Jugend und Volk, Wien 1982, S. 219 - 242

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 08.02.2006

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation