Hamburger Schulversuch "Integrative Grundschule" - Pro und Contra "Unsinnige Erwartungshaltungen"

AutorIn: Hans Wocken
Themenbereiche: Schule, Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 1-99 Gemeinsam leben (1/1999)
Copyright: © Hans Wocken1999

Ein Zeitungsbericht in der FAZ und zwei Leserzuschriften

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bekannt für ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Gemeinsamen Unterricht für behinderte und nicht behinderte Schülerinnen, wurde am 16. November 1999 der Bericht von Heike Schmoll "Teurer und weniger effektiv - Ein wissenschaftlicher Bericht stellt Hamburgs Integrativer Grundschule ein schlechtes Zeugnis aus" veröffentlicht. In einem Leserbrief nimmt Professor Dr. Hans Wocken, Universität Hamburg, als Sprecher der wissenschaftlichen Begleitung zu diesem Artikel der FAZ Stellung:

Der Bericht der Wissenschaftlichen Begleitung über den Hamburger Schulversuch "Integrative Grundschule" wurde im September 1997 der Schulbehörde als versuchsinternes Papier übergeben.

Der überarbeitete (1) Entwurf liegt seit Mai 1998 als Publikation vor: "Die Integrative Grundschule im sozialen Brennpunkt" (Verlag Hamburger Buchwerkstatt). Die Ergebnisse werden also nicht, wie dargestellt, "unter Verschluss gehalten ", sondern liegen in vier publizierten Bänden vor. Die Verfasserin des Zeitungsberichts bezieht ihre Darstellung offensichtlich auf den Entwurf und nicht auf die autorisierte Publikation. Weil die Darstellung auf einer ungültigen Informationsgrundlage beruht, wären folglich auch manche Einzelheiten richtigzustellen. An dieser Stelle lediglich drei Anmerkungen:

  1. Der Bericht unterschlägt, dass die Auswahl der Schulstandorte "vorrangig" nach dem Kriterium "Berücksichtigung sozialer Brennpunkte (Behördenpapier) erfolgte. Damit wird das sozialpolitische Anliegen des Schulversuchs, der sich ausdrücklich Kindern mit sozialen Benachteiligungen zuwendet, nicht vermittelt und bleibt in einem Kernanliegen unverstanden.

  2. Die wissenschaftliche Begleitung hat keinen Vergleich von integrativen Klassen und Sonderschulen unternommen. In dem Bericht finden sich deshalb auch keine Belege und Aussagen, die "für die Förderung in Sonderschulen plädieren". An keiner Stelle des Berichts steht, dass die Integrativen Grundschulen "weniger effektiv" (als was eigentlich?) sind.

  3. Die wissenschaftliche Begleitung hat die Kosten des Schulversuchs weder untersucht noch gar die fragwürdige Frage nach der Rentabilität von Integration gestellt. Die Vermischung der Kosten und Effektivitätsfrage im Titel ("Teurer und weniger effektiv") wie im Text führen zu der unappetitlichen Feststellung, "dass die 30 Millionen Mark teure Integration gestörte Kinder nicht wirklich fördert". Muss man daran erinnern, dass der Wert Behinderter schon einmal nach ihren Kosten bestimmt wurde?

Auch die Landesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen" Hessen e.V. nahm zu dem Artikel von Frau Schmoll Stellung. Sie schreibt:

Keineswegs "unter Verschluss gehalten" wurden die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des Hamburger Schulversuchs "Integrative Grundschule". Allein diese Behauptung zeigt, dass Heike Schmoll - wieder einmal - nur die Erwartungen einer bestimmten Leserklientel befriedigen möchte, die die Integration behinderter Schüler an Regelschulen für eine unnötige Belästigung nicht behinderter Schüler und ihrer Lehrer hält. Die Integration lernbehinderter Schüler an Grundschulen "im sozialen Brennpunkt", die die Hamburger Studie untersuchte, hat genausowenig wie jede andere Integration das Ziel, die Lernbehinderung eines Kindes völlig aufzuheben. Dies wird in einer Vielzahl von Fällen, in denen es um "nur" lernbehinderte Schüler geht ... zwar erreicht, und der Förderbedarf kann nach vier Jahren Grundschule aufgehoben werden. Doch das erste Ziel von Integration ist es, "dort zu sein, wo die anderen auch sind", das Anliegen also, die Aussonderung behinderter Kinder zu beenden. Eltern behinderter Kinder, auch geistig behinderter Kinder, wird gern unterstellt, sie wollen ihre Kinder nur deshalb im integrativen Unterricht unterbringen, weil sie die Behinderung nicht akzeptieren. Diese Unterstellung nimmt Frau Schmoll offensichtlich für bare Münze, wenn sie feststellen zu müssen meint, dass der "Rückstand bei den Lernleistungen" nicht aufgeholt werden könne. Solch unsinnige Erwartungshaltungen haben Integrationsgegner, Eltern nicht. Schmoll schreibt weiterhin: "Trotz der Einrichtung dieser Klassen (integrativer Regelklassen) ist die Anzahl der benötigten Plätze in Sonderschulen nicht zurückgegangen, sondern gestiegen." Dies ... ist ... vor allem ein Beleg dafür, mit welch immer noch wachsenden Begeisterung Kinder (vor allem auch von Schulärzten, wie die Leserzuschrift vom 23.11.98 beweist) etikettiert und in die Schubladen der Sonderschulen gesteckt werden.

Und noch ein Wort zur Kostenfrage: Wenn schon über die Kosten des Gemeinsamen Unterrichts gesprochen werden soll, muss auch gefragt werden, wieviel es den Steuerzahler kostet, dass in Deutschland eine Vielzahl fein säuberlich voneinander getrennter Schultypen finanziert werden muss. Dazu gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die zu wesentlich günstigeren Zahlen kommen als die von Frau Schmoll zitierten; nachzulesen etwa im Aufsatz "Integration Behinderter zwischen Humanität und Ökonomie" von Professor Ulf PreussLausitz in "Pädagogik und Schulalltag", Nr. 51, 1996.

Quelle:

Hans Wocken: Hamburger Schulversuch "Integrative Grundschule" - Pro und Contra "Unsinnige Erwartungshaltungen"

erschienen in: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 1-99

Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied 1999

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 10.12.2007

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