Es läuft was falsch bei der Schulintegration

AutorIn: Petra Flieger
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen in: monat - Sozialpolitische Rundschau der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation: http://www.oear.or.at/publikationen/monat-sozialpolitische-rundschau
Copyright: © Petra Flieger 2012

Es läuft was falsch bei der Schulintegration

Grafik: Petra Flieger

Um die Sonderschulen in Österreich muss sich niemand Sorgen machen - sie blühen und gedeihen, wie ein paar Blicke auf aktuelle Zahlen der Statistik Austria belegen.

(pflie) Beispielsweise verzeichneten im Schuljahr 2010/11 sechs Bundesländer (Burgenland, Niederösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol und Vorarlberg) mehr SonderschülerInnen als im Jahr davor. Diese Zunahme ist vor allem insofern äußerst bemerkenswert, weil das in diesen Bundesländern außer der Neuen Mittelschule keiner anderen Schule gelungen ist, im Gegenteil: Bundesweit kämpfen die Volks- und Hauptschulen sowie Polytechnische Schulen seit Jahren mit allgemein stark rückläufigen Kinderzahlen, seit kurzem verzeichnet auch die AHS-Unterstufe weniger SchülerInnen. Nicht so die Sonderschulen. Zwar gab es nach Einführung der Gesetze zur schulischen Integration von Kindern mit Behinderungen Mitte der 1990er Jahre einen deutlichen Rückgang an SonderschülerInnen in Österreich, aber wie die Grafik zeigt, markiert ein Knick um die Jahrtausendwende einen deutlichen Gegentrend: Der Anteil der PflichtschülerInnen, die Sonderschulen besuchen, nimmt seit damals österreichweit wieder kontinuierlich zu. So besuchten im Schuljahr 2000/01 1,71% aller PflichtschülerInnen eine Sonderschule, doch diese sogenannte Segregationsquote steigt seit damals kontinuierlich an und erreichte im Schuljahr 2010/11 bundesweit beachtliche 1,98%.[1] In einzelnen Bundesländern führt diese Tendenz zu Segregationsquoten, die im vergangenen Schuljahr sogar deutlich höher waren als vor 20 Jahren, als es noch gar keine Gesetze für die schulische Integration von Kindern mit Behinderungen gab. Beispielsweise lag im Schuljahr 1990/91 die Segregationsquote in Niederösterreich bei 2,61%, nun beträgt sie 2,97%; in Vorarlberg stieg sie im selben Zeitraum von 2,48% auf 2,96%. Es ist paradox: Die schulische Integration hat in Österreich nach einer anfänglichen Irritation und Schwächung zur Stärkung des Sonderschulwesens und - wie die Zahlen eindrücklich belegen - zu einer Zunahme der Segregation im österreichischen Bildungssystem geführt. Möglich gemacht hat dies die Einführung des sonderpädagogischen Förderbedarfs. Da konsequent immer mehr SchülerInnen einen sonderpädagogischen Förderbedarf zugeteilt erhalten, können allen kämpferischen Einzelinitiativen für Schulintegration zum Trotz die Sonderschulen laufend mit SchülerInnen befüllt werden. Gleichzeitig sicherte die Verankerung der Elternberatung sowie der Diagnostik für sonderpädagogischen Förderbedarf an Sonderpädagogischen Zentren, eine Funktion, die Sonderschulen übernehmen, diese endgültig ab. Mit durchschlagendem Erfolg, wie die Zahlen belegen.

Im Bildungsministerium scheint man all diesen Entwicklungen zum Trotz davon überzeugt zu sein, dass Österreich mit den bestehenden Integrationsgesetzen am besten Weg zu einem inklusiven Bildungssystem ist. So heißt es etwa in einer aktuellen Anfragebeantwortung und bezugnehmend auf Artikel 24 der UN-Konvention, "dass neben einem voll ausgebauten inklusiven System derartige Schulen (= Sonderschulen; Anm. P.F.) als zusätzliche Angebote bestehen dürfen."[2] In Anbetracht der oben dargestellten Realität Sonderschulen als zusätzliche Angebote zu bezeichnen, grenzt an Realitätsverweigerung. Oder an Etikettenschwindel, aber daran sind wir hierzulande ja gewöhnt, man denke nur an die flächendeckende Umbenennung von Sonderschulen in die bereits genannten Sonderpädagogischen Zentren oder von Hauptschulen in Neue Mittelschulen.

Bietet möglicherweise der Nationale Aktionsplan für Menschen mit Behinderungen neue Perspektiven? Mittlerweile liegt dafür ein Entwurf vor, der sich auf ein paar Seiten auch dem Thema Bildung widmet. "Inklusiver Unterricht als Regelform" wird als ein Schwerpunkt der Zielsetzungen angeführt, dafür soll es Fortbildungsmaßnahmen geben für LehrerInnen und für die Schulbehörde, die dann Eltern besser beraten und sonderpädagogische Gutachten zielgerichteter verfassen können sollen. Der Begriff "Sonderschule" taucht weder bei den Zielsetzungen noch bei den Maßnahmen auf, am florierenden Sonderschulwesen soll also in Österreich definitiv nichts geändert werden. Als Indikator wird eine nicht näher bezeichnete und inhaltlich nicht konkret beschriebene "Inklusionsquote an allen österreichischen Schulen" angestrebt. Inklusionsquote? Bislang gibt es nur die sogenannte Integrationsquote, damit wird jener Anteil von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf beschrieben, die integrativ beschult werden. Durchaus denkbar, dass aus dieser Integrationsquote die Inklusionsquote wird. Das wird spaßig, denn ich sehe sie schon vor mir, die Schlagzeile: "Sonderschulen österreichweit führend bei der Inklusionsquote! Hier gibt es 100% Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf!" Aber im Grunde genommen ist mir gar nicht nach Lachen zumute, denn erst letztens hat eine Sonderschuldirektorin ihre Schule mir gegenüber als inklusive Schule bezeichnet.

Mag. Petra Flieger, freie Sozialwissenschafterin, hat als Lehrerin mehrere Jahre in einer Integrationsklasse gearbeitet



[1] Alle Zahlen eigene Berechnungen auf Basis von Daten der Statistik Austria im Jänner 2012 (http://www.statistik.at/web_de/statistiken/bildung_und_kultur/formales_bildungswesen/schulen_schulbesuch/index.html ) Herangezogen wurden die Daten der SchülerInnen in Pflichtschulen und in der Unterstufe der AHS sowie in den Schuljahren 2009/10 und 2010/11 auch die SchülerInnen in der Neuen Mittelschule.

[2] Vgl. die Anfragebeantwortung vom 16. Jänner 2012 http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/J/J_09900/index.shtml

Anhang

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

PflichtschülerInnen

648.719

685.992

690.328

579.314

552.318

AHS Unterstufe

92.878

103.359

106.925

114.693

112.330

NMS

0

0

0

16.848

34.324

 

741.597

789.351

797.253

710.855

698.972

           

SonderschülerInnen

18.322

18.524

13.602

13.221

13.198

           

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

2,47

2,35

1,71

1,86

1,89

Segregationsquotient Österreich

Tirol

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

2,17

2,03

1,66

1,99

2,12

           

PflichtschülerInnen

60.376

64.044

65.651

55.586

52.667

AHS Unterstufe

6.070

6.514

6.458

7.366

7.273

NMS

0

0

0

440

2.221

 

66.446

70.558

72.109

63.392

62.161

SonderschülerInnen

1.442

1.434

1.194

1.264

1.316

Segregationsquotient Tirol

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

PflichschülerInnen

121.370

131964

135379

113249

108882

AHS Unterstufe

15.460

17387

18184

21167

21019

NMS

0

0

0

2274

4895

 

136.830

149351

153563

136690

134796

SonderschülerInnen

3575

3763

3188

3896

4003

           

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

2,61

2,52

2,08

2,85

2,97

Segregationsquotient Niederösterreich

Vorarlberg

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

PflichschülerInnen

34418

35742

36342

28782

25168

AHS Unterstufe

3370

3605

3663

4174

4043

NMS

0

0

0

4382

7326

 

37788

39347

40005

37338

36537

SonderschülerInnen

938

942

1006

1078

1083

           

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

2,48

2,39

2,51

2,89

2,96

Segregationsquotient Vorarlberg

Steiermark

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

PflichschülerInnen

104657

101359

101359

76.986

73657

AHS Unterstufe

12993

14138

14296

14.319

13844

NMS

0

0

0

3.125

5005

Summe

117650

115497

115655

94.430

92506

davon SonderschülerInnen

2227

1612

760

603

623

           

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

1,89

1,4

0,66

0,64

0,67

Segregationsquotient Steiermark

Wien

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

PflichschülerInnen

83.766

97527

101404

97137

95159

AHS Unterstufe

26.460

29502

31579

33308

32574

NMS

0

0

0

861

1793

 

110.226

127029

132983

131306

129526

SonderschülerInnen

4459

4960

3696

2879

2822

           

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

4,05

3,90

2,78

2,19

2,18

Segregationsquotient Wien

Salzburg

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

PflichschülerInnen

45126

47996

47529

40893

39341

AHS Unterstufe

5530

6063

6580

7218

7175

NMS

0

0

0

464

1236

 

50.656

54059

54109

48575

47752

SonderschülerInnen

1105

1300

996

969

977

           

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

2,18

2,40

1,84

1,99

2,05

Segregationsquotient Salzburg

Oberösterreich

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

PflichschülerInnen

125678

133580

134855

112205

107136

AHS Unterstufe

13348

15390

15625

16353

16060

NMS

0

0

0

1308

3774

 

139026

148970

150480

129866

126970

SonderschülerInnen

2959

2965

1840

1450

1433

           

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

2,13

1,99

1,22

1,12

1,13

Segregationsquotient Oberösterreich

Kärnten

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

PflichschülerInnen

50046

50940

48955

37433

34562

AHS Unterstufe

6889

7504

7329

7661

7267

NMS

0

0

0

1387

3373

Summe

56935

58444

56284

46481

45202

davon SonderschülerInnen

1213

1257

699

774

625

           

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

2,13

2,15

1,24

1,67

1,38

Segregationsquotient Kärnten

Burgenland

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

PflichschülerInnen

23281

22840

21487

17043

15746

AHS Unterstufe

2758

3256

3211

3154

3075

NMS

0

0

0

1576

2692

Summe

26039

26096

24698

21773

21513

davon SonderschülerInnen

404

291

223

308

316

           

Schuljahr

1990/91

1995/96

2000/01

2009/10

2010/11

Segregationsquotient

1,55

1,12

0,9

1,41

1,47

Quelle

Petra Flieger: Es läuft was falsch bei der Schulintegration.

Erschienen in: monat - Sozialpolitische Rundschau der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, Februar 2012.

bidok- Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.08.2012

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