Biene, Biene, Honigbiene.

Ana - Integration aus Kinderperspektive

AutorIn: Petra Flieger
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in domino 1/1996, S. 17-18
Copyright: © Petra Flieger 2000

Inhaltsverzeichnis

Biene, Biene, Honigbiene.

"Ana mag so gerne Bienen. Sie macht "sssssss" und sticht, nein, kitzelt alle mit dem Zeigefinger. Manchmal schwirrt sie summend wie eine Biene in der Klasse herum," erzählt Lukas. Anas KollegInnen wissen ihre Vorliebe gut einzusetzen. Flora berichtet: "Auf der Schullandwoche ist sie immer um 6 Uhr aufgestanden und hat gesagt: `Gehen wir frühstücken!´ Es war aber viel zu zeitig, und wir wollten noch schlafen. Da haben wir gesagt: `Die Bienen schlafen auch noch´. Dann hat sich Ana wieder niedergelegt."

Ana ist ein Kind mit, wie Fachleute sagen, schwerer geistiger Behinderung und ein "klassischer Fall" für die Sonderschule, wo sie auch ihr erstes Schuljahr verbracht hat. Von dort übersiedelte sie 1992 als "Integrationskind" in eine öffentliche Volksschule, wo sie gemeinsam mit drei behinderten und 16 nichtbehinderten Kindern sowie 2 LehrerInnen einen zweiten Schulbeginn startete.

Dieser gestaltete sich für Ana nicht einfach, denn "sie wollte nie in der Klasse bleiben und ist immer davongelaufen," erinnern sich die nun 10- jährigen. Vor 3 Jahren konnte Ana praktisch überhaupt noch nicht sprechen, außer "Mama" und "o.k" war von ihren Lautäußerungen nichts verständlich. In Gesprächen mit den Kindern wird Anas beeindruckende Sprachentwicklung deutlich:

"Früher hat sie nicht reden können, oder wir haben sie vielleicht auch nicht so gut verstanden", meint Nina Sophie, "sie hat oft geweint und etwas Weiches gebraucht, um sich zu trösten". Manuela ergänzt: "Sie hat immer nur Puzzles gemacht oder ist in der Klasse herumgerannt." Aber: "Jetzt spricht sie perfekt, und man kann sich sehr gut mit ihr unterhalten", findet Flora. Ana erzählt von verschiedenen Fernsehprogrammen, diskutiert über Sportartikel und träumt davon, daß sie ins Disneyland nach Paris fahren wird.

Zu dessen Figuren hat Ana eine besondere Beziehung, denn in der zweiten Klasse, als sie lernte, auf ihrem Sitzplatz in der Klasse zu arbeiten und mit Schreibgeräten umzugehen, malte sie am liebsten Figuren von Walt Disney an. "Früher hat Ana Micky Mäuse und Plutos angemalt, wenn wir geschrieben haben. Aber jetzt lernt sie Buchstaben. A, M, O, I, P und T kann sie schon ganz alleine schön schreiben. Auch zählen kann sie schon bis 5," weiß Patrick. Martin erinnert sich, "daß Ana gespielt hat, wenn wir geschrieben haben". Ob ihn das gestört hat? "Nicht besonders. Aber jetzt arbeitet sie, wenn alle arbeiten, und macht Pause, wenn alle Pause haben."

Danach gefragt, was ihnen einfällt, wenn sie an Ana denken, antworten die meisten spontan: "Ana ist so freundlich und höflich. In der Früh grüßt sie alle und fragt: ´Geht gut?` Das Grüßen haben wir von ihr gelernt." Außerdem schätzen alle Kinder Anas Humor. "Ana verkleidet sich gerne. Dann unterhält sie uns alle," erzählt Lili.

Ana hat einen äußerst eisernen Willen. Manchmal, früher viel öfter als heute, wenn sie etwas nicht tun will, was von ihr verlangt wird, "stampft sie mit dem Fuß auf und brüllt und schleudert Sachen durch die Gegend", schildert Lukas. Was er sich dann denkt? "Naja, sie wird schon ihren Grund haben." Manchmal wird es als störend empfunden, wenn Ana während einer ruhigen Arbeitsphase laut ist, "aber Ana ist viel braver geworden, und hie und da kann man den Lärm schon aushalten," meint Nina.

Ana ist eine begeisterte Turnerin, der es nun auch im Turnunterricht gelingt, in ihrer Riege zu bleiben und die Übungen zu versuchen, die alle machen. Für ihre MitschülerInnen ist es selbstverständlich, ihr dabei Hilfestellungen zu geben. Clemens erinnert sich: "Weil Ana immer vom Baskettballspielen gesprochen hat, haben wir in der Schule damit begonnen. Sie schießt die meisten Körbe." Allerdings ist es manchmal für alle, LehrerInnen und Kinder, sehr nervend, wenn Ana einen ganzen Vormittag lang fragt, ob die Klasse turnen gehen wird.

Alle sind sich einig, daß Ana in der Volksschule viel gelernt hat. Keiner hätte sich gedacht, daß sie einmal schreiben und rechnen wird. Ab kommenden September wird Ana mit einem Teil ihrer jetzigen KollegInnen ihre Schullaufbahn in einer Integrationsklasse an einem Wiener Gymnasium fortsetzen.

Quelle:

Petra Flieger: Biene, Biene, Honigbiene. Ana - Integration aus Kinderperspektive

erschienen in domino 1/1996, S. 17-18

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.01.2007

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