Berufliche Teilhabeerfahrungen von Frauen mit Lernschwierigkeiten

AutorIn: Helga Fasching
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: bidok works 10/2013, S. 23. Zusammenfassung von Kerstin Hazibar bidok works (10/2013)
Copyright: © bidok works 2013

Abbildungsverzeichnis

    Vorwort

    Zusammenfassung von Kerstin Hazibar

    In diesem Text geht es um ein Forschungs-Projekt. Das Forschungs-Projekt beschäftigt sich mit dem Wechsel von der Schule in den Beruf bei Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten.

    Das sind einige Ergebnisse aus dem Forschungs-Projekt:

    • Für Sonder-Schüler und Sonder-Schülerinnen ist der Wechsel von der Schule in den Beruf schwieriger. Für Integrations-Schüler und Integrations-Schülerinnen ist der Wechsel einfacher.

    • Für Frauen aus Sonder-Schulen ist der Wechsel von der Schule in den Beruf nochmals schwieriger. Für Männer aus Sonder-Schulen ist der Wechsel einfacher.

    Warum ist es für Frauen schwieriger, Arbeit zu finden?

    • Frauen werden von den Eltern und den Lehrer und Lehrinnen oft weniger unterstützt.

    • Frauen machen seltener ein Praktikum oder eine Fort-Bildung. Oft fehlen den Frauen nach der Schule dann klare Berufs-Wünsche. Durch Erfahrungen mit der Arbeits-Welt und durch ein Praktikum können Frauen verschiedene Berufe kennenlernen.

    • Diese Erfahrungen sind wichtig, um zu entscheiden, wo man nach der Schule arbeiten will.

    Deshalb schaut die Autorin in diesem Text besonders auf die Erfahrungen von Frauen mit Lernschwierigkeiten mit der Schule und der Arbeit.

    Berufliche Teilhabeerfahrungen von Frauen mit Lernschwierigkeiten

    In einem österreichischen Forschungsprojekt zu den beruflichen Teilhaberfahrungen von Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten wurden umfangreiche bundesweite quantitative als auch qualitative Datenerhebungen durchgeführt. In verschiedenen Publikationen wurde aus Perspektive der Eltern (Fasching 2012a, 2013a, b, Fasching & Mursec 2010), der Lehrpersonen (Fasching 2012a, Linhart 2011), der Anbieter arbeitsmarktpolitischer Integrationsmaßnahmen (Fasching 2012b, Fasching & Koenig 2010) der Übergangsprozess von der Schule in Arbeit bei jungen Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten bereits dargestellt.

    Die Ergebnisse aus der Analyse zu den Strukturdaten zeigen, dass die berufliche Teilhabe sich für Frauen und Männer aus Sonderschulen schwieriger gestaltet als für Frauen und Männer aus integrativer Beschulung.

    Abbildung 1. Berufliche Integration

    Berufliche Integration

    Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass Frauen aus Sonderschulen im Übergang von der Schule in den Beruf gegenüber Männern aus Sonderschulen benachteiligt werden: Die jungen Frauen erhalten weniger Unterstützung im beruflichen Orientierungsprozess seitens der Eltern und der Lehrpersonen als junge Männer und absolvieren weniger Praktika während und nach der Schulzeit.

    Des Weiteren nehmen die jungen Frauen seltener an nachschulischen Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen zur Unterstützung der beruflichen Integration am regulären Arbeitsmarkt teil als junge Männer. Dafür wechseln die jungen Frauen häufiger direkt von der Schule in die Werkstatt bzw. Beschäftigungstherapie als die jungen Männer (Fasching 2013a, Fasching 2012b, Fasching & Mursec 2010).

    Abbildung 2. Wechsel von Schule in die Werkstatt

    Wechsel von Schule in die Werkstatt

    Zusammengefasst kann aus den Ergebnissen zu den Strukturdaten geschlossen werden, dass die Interaktion von Behinderung und Geschlecht eine spezielle Dynamik vor allem im Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung einnimmt, die an der gesellschaftlichen Struktur von männlicher Erwerbsarbeit orientiert ist und weibliche Problemlagen vernachlässigt.

    Abbildung 3. Dominanz männlicher Erwerbsarbeit

    Dominanz männlicher Erwerbsarbeit

    Deshalb wird im Folgenden der Blick auf Ergebnisse aus mehreren biographischen Interviews mit drei Frauen mit Lernschwierigkeiten im Rahmen des Forschungsprojekts gelenkt, die ähnliche Übergangserfahrungen von der Schule in die Arbeitswelt gemacht haben.

    Die Forschungsergebnisse zeigen, dass den drei Frauen nach Beenden der Pflichtschule berufliche Vorstellungen fehlten. Fehlende Berufsvorstellungen hängen bei ihnen mit unzureichenden Informationen über verschiedene Berufe und Beschäftigungsmöglichkeiten sowie mit mangelnden praktischen Erfahrungen darüber zusammen. Unzureichende Informationen und mangelnde praktische Erfahrungen über verschiedene Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten führen dazu, dass die drei Frauen mit Lernschwierigkeiten direkt nach Beenden der Schule in die Beschäftigungstherapie wechseln.

    Den Frauen gefällt die Tätigkeit in der Beschäftigungstherapie nicht. Sie wollten andere berufliche Eindrücke erhalten und bekamen die Möglichkeit, Praktika außerhalb der Beschäftigungstherapie zu absolvieren. Erst über Praktika konnten sie berufliche Erfahrungen am regulären Arbeitsmarkt machen, die dazu führten, dass sie Beschäftigungs-wünsche auf einen Arbeitsplatz am allgemeinen Arbeitsmarkt äußerten. Ihnen gelang die berufliche Teilhabe am regulären Arbeitsmarkt. Den Übergang von der Schule in den regulären Arbeitsmarkt erleben sie als einen mühsamen Orientierungsprozess. Sie wünschen sich mehr Information, Beratung und Unterstützung im beruflichen Orientierungs- und Entscheidungsprozess.

    Abbildung 4. Aufklärung

    Aufklärung

    Die Ergebnisse der qualitativen Analyse zeigen, dass die drei Frauen mit Lernschwierigkeiten nach Beenden der Schule über keine klaren Berufsvorstellungen verfügten.

    Eine, den weiblichen Problemlagen abgestimmte berufliche Unterstützung blieb seitens der Eltern, der Lehrpersonen oder der professionellen Unterstützer/innen für eine selbstbestimmte nachschulische Lebensgestaltung zumeist aus. Traditionelle Vorstellungen der Eltern, Lehrpersonen und professionellen Unterstützer/innen, die für Frauen mit Lernschwierigkeiten eine Ausbildung oder Beschäftigung für eine autonome und selbstbestimmte Lebensweise als nicht notwendig erachten, scheinen – trotz des fortschreitenden Emanzipationsprozesses – noch immer zu gelten (Goeke 2010, Römisch 2011).

    Ihren Ausgangspunkt finden traditionelle Vorstellungen im Sozialisationsprozess der jungen Frauen, in welchem von den verschiedenen Sozialisationsinstanzen häufig Abhängigkeit und Unselbständigkeit gefördert werden. Die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen wird in der Regel nur im Ansatz, kaum aber für zentrale Lebensbereiche, die ein wirklich selbstbestimmtes Leben ermöglichen – wie etwa Arbeit und Wohnen – unterstützt (Umb-Carlsson & Sonnander 2006).

    Abbildung 5. Information

    Information

    Für schulische und nachschulische berufliche Orientierungs- und Qualifizierungsmaßnahmen leitet sich der Auftrag ab, die erforderliche Sensibilität für Aspekte des Geschlechts und der Geschlechterdifferenz systematisch und durch geeignete Maßnahmen zu entwickeln.

    Mit der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wird nun die Sicherstellung geeigneter Maßnahmen gefordert, um (jungen) Frauen mit Behinderung Autonomie und eine gleichberechtigte Teilhabe an allen festgesetzten Grundrechten und -freiheiten in vollem Umfang zu garantieren.

    Hier inbegriffen ist auch die Inanspruchnahme des Rechts auf „Bildung in einem lebenslangen Lernprozess“ (UN-Konvention, Art. 24) und das Recht auf „Arbeit und Beschäftigung“ sowie auf spezifische, berufliche Bildungs- und Beratungsprogramme beim Einstieg ins Berufsleben (Artikel 27), die aufgrund des Artikels 6 auch speziell auf die Problematiken und alltäglichen Herausforderungen von Frauen mit Behinderungen abgestimmt werden müssen.

    Der Forderung einer geschlechtersensiblen Unter-stützung im Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung, die insbesondere den speziellen Benachteiligungen von Frauen mit Behinderungen gerecht wird, ist dringend nachzukommen. Eine inklusive Pädagogik muss sich dieser strukturellen Reflexion und nachfolgenden inhaltlichen Gegenlenkung stellen (Bretländer & Schildmann 2011, 41). Insbesondere ist darauf zu achten, dass im Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung junge Frauen mit Lernschwierigkeiten bzw. mit erhöhten Unterstützungsbedarf eine ihren eigenen geschlechterspezifischen Problemlagen adäquate Beachtung finden.

    Abbildung 6. Gleichstellung

    Gleichstellung

    Forschungsprojekt

    Forschungsprojekt „Partizipationserfahrungen in der beruflichen Biographie von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung“ (Finanzierung: Österreichischer Wissenschaftsfonds (FWF), Projektnummer: P20021, Laufzeit: 2/2008 - 1/2013, Durchführung: Institut für Bildungswissenschaft der Universität, Projektwebsite: http://vocational-participation.univie.ac.at/de/home/

    Literatur

    Bretländer B. & Schildmann U. (2011). Geschlechtersensible Inklusionsforschung vor dem Hintergrund der neuen UN-Konvention (vor allem Artikel 6, 23, 24, 27, 28). In: Flieger P. & Schönwiese V. (Hrsg.), Menschenrechte, Integration, Inklusion. Bad Heilbrunn, Klinkhardt: 39-45.

    Fasching H. & Koenig O. (2010). Arbeitsmarktpolitische Unterstützungsmaßnahmen in Österreich. Dokumentation der bundesweiten Trägerbefragung arbeitsmarkt-politischer Unterstützungsmaßnahmen. Datenband II der dreibändigen Reihe „Die Übergangs-, Unterstützungs- und Beschäftigungssituation von Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung in Österreich“. Universität Wien http://vocational-participation.univie.ac.at/de/publikationen/

    Fasching H. & Mursec D. (2010): Schulische Ausgangssituation und Übergang in Ausbildung und Beruf in Österreich. Dokumentation der bundesweiten Befragung der Bezirksschulinspektor/innen und Eltern. Datenband I der der dreibändigen Reihe „Die Übergangs-, Unterstützungs- und Beschäftigungssituation von Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung in Österreich“. Universität Wien http://vocational-participation.univie.ac.at/de/publikationen/

    Fasching, H. (2012a). Career counseling at school for placement in sheltered workshops? In: British Journal of Learning Disabilities, Preprint online (5. Nov. 2012 DOI: 10.1111/bld. 12009).

    Fasching H. (2012b). Partizipation von Frauen und Männern mit intellektueller Beeinträchtigung an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. In: HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG, 2, 79-88.

    Fasching H. (2013a). Interaktion von Behinderung und Geschlecht im Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung. Erweiterte Analysen aus einem aktuellen Forschungsprojekt. In: VHN, 82, 46-59.

    Fasching, H. (2013b). The Educational Situation and Transition Process to Work of School Leavers with an Intellectual Disability in Austria. In: Seifried, J. & Wuttke, E. (eds.), Transitions in Vocational Education (Research in Vocational Education, Volume 2). Opladen/Berlin/Toronto: Budrich, 105-122.

    Fasching, H. & Postek, N. (2013c). Grounded Theory und Intersektionalitätsforschung zur Analyse biographischer Interviews von Frauen mit intellektueller Beeinträchtigung. In: VHN (in press). Goeke St. (2010). Frauen stärken sich – Empowermentprozesse von Frauen mit Behinderungserfahrungen. Marburg: Lebenshilfe-Verlag.

    Linhart J. (2010). Der Einfluss schulischer Berufsorientierung auf den Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf bei jungen Frauen mit intellektueller Beeinträchtigung. Diplomarbeit, Universität Wien.

    Römisch K. (2011). Entwicklung weiblicher Lebensentwürfe unter Bedingungen geistiger Behinderung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

    Umb-Carlsson O. & Sonnander K. (2006). Living conditions of adults with intellectual disabilities from a gender perspective. Journal of Intellectual Disability Research, 5, 326-334. Winker G. & Degele N. (2009). Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript.

    UN Convention (2006): Convention on the Rights of Persons with Disabilities. UN Convention. http://www.un.org/disabilities/convention/news.shtml

    Kontakt

    Abbildung 7. Helga Fasching

    Helga Fasching

    Ass. Prof. Mag.a Dr.in Helga Fasching

    Institut für Bildungswissenschaft

    Universität Wien

    helga.fasching@univie.ac.at http://bildungswissenschaft.univie.ac.at

    Information

    Dieser Text ist eine Verschriftlichung des Vortrags von Helga Fasching im Rahmen der Podiumsdiskussion „Die UN-Konvention - Bedeutung für die berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in Tirol“, vom 03. Oktober 2013 in Innsbruck, aus der Veranstaltungsreihe „Berufliche Integration in Tirol“.

    Die Grafiken von Julia Orschulik sind Visualisierungen des Vortrags, um Inhalte in schwerer Sprache leichter verständlich zu machen.

    Quelle:

    Helga Fasching: Berufliche Teilhabeerfahrungen von Frauen mit Lernschwierigkeiten. In: bidok works 10/2013, S.23

    bidok – Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 13.01.2015

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