"Simon wollte immer schon arbeiten"

Das Gespräch mit Gerda Obrist

AutorIn: Alexandra Breuß
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: erschienen in der Zeitschrift des Insituts für Sozialdienste Vorarlberg, Nr. 3/Juni 2010, S. 6-8
Copyright: © IfS Vorarlberg 2010

"Simon wollte immer schon arbeiten"

Ihr Sohn Simon hat mit Hilfe des IfS-Spagat einen Arbeitsplatz gefunden. Können Sie Simon zu Beginn kurz vorstellen?

Simon ist der Älteste meiner vier Söhne. Er ist 22 Jahre alt und geistig sowie körperlich behindert. Simon kann nur mit Hilfe von Krücken laufen und kaum lesen, schreiben und rechnen - er erkennt nur einzelne Buchstaben und Wörter, sein Zahlenraum reicht bis zehn. Simon ist ein Kind der Integration der ersten Stunde, er ist in der Spielgruppe, im Kindergarten und in der Schule integriert worden. Und so war es für uns naheliegend, auch einen integrativen Arbeitsplatz zu suchen. Da er sowohl im körperlichen wie auch im geistigen Bereich Assistenz benötigt, war die Skepsis am Anfang natürlich relativ groß.

Heute ist Simon bei seinem Physiotherapeuten als Leasingarbeiter angestellt - er ist jeden Vormittag an einer anderen Arbeitsstelle, hat eine Halbtagsstruktur für die ganze Woche und ist jeden Tag an einem anderen Ort. Einen Tag arbeitet er in der Physiotherapiepraxis,

wo er einfache Büro- und Einkaufstätigkeiten erledigt. Einen Vormittag ist er auf der Dornbirner Sparkasse. Dort stellt er Jugendmappen zusammen, erledigt Tätigkeiten, die man speziell für ihn erstellt hat. Einen weiteren Vormittag arbeitet er im Architekturbüro Kaufmann, wo er u.a. für das Leeren der Papierkörbe zuständig ist. Dann ist er noch einen Vormittag Hausmeistergehilfe bei der Firma Prisma und einen Vormittag arbeitet er bei uns in der Firma, wo er Büroarbeiten erledigt.

Hat Simon selbst den Wunsch geäußert, arbeiten zu wollen?

Simon hat immer schon gesagt, dass er arbeiten will. Am Anfang hat er ein Jahr lang in verschiedenen Firmen und Betrieben geschnuppert. Sein Physiotherapeut hat sich dann bereit erklärt, ihn als Leasingarbeiter anzustellen. Im ersten Jahr konnte Simon nur einen halben Tag auf der Sparkassa arbeiten - aber das war ihm zu wenig. Er wollte mehr arbeiten.

War sein Wunsch nach Arbeit der Grund dafür, dass Sie als Mutter aktiv geworden sind?

Bei uns ist das ein lebenslanger Prozess. Simon war ungefähr ein Jahr alt, als wir erfuhren, dass er schwerstbehindert ist. Er hat ein dreiviertel Jahr als gesundes Kind gegolten und war dann von heute auf morgen schwerstbehindert. Von dem Zeitpunkt an, als man uns sagte, er sei so schwer behindert, dass er in eine Blindenschule müsse - die nächste ist in Zürich oder Innsbruck - war für mich klar, dass wir den integrativen Weg beschreiten. Es gab nie eine Alternative, denn ich würde mein gesundes Kind nicht mit sechs Jahren in ein Heim geben und schon gar nicht mein behindertes. Dadurch war unser Weg bereits vorbestimmt. Für Simon war einfach klar, dass er normal arbeiten gehen möchte - wie alle anderen.

Er führt ein ganz "normales" Leben ...

Ja. Dadurch, dass er noch nie ausgesondert war, mussten wir ihn nie integrieren. Er war von Geburt an ein Teil der Familie. Er hat in diesem Sinne auch keine Spezialrolle gespielt, es hat sich nicht alles nur um ihn gedreht. Er hat die gleichen Rechte und Pflichten, er muss die gleichen Regeln einhalten, er bekommt keinen speziellen Schutzraum, er ist kein Schützling. Er muss sich im Leben behaupten - mit all seinen Fähigkeiten, mit all seinen Defiziten. Und er muss lernen, damit umzugehen. Für uns war klar, durch die Integration ist er nicht "nichtbehindert", aber er soll seinen Platz in der Gesellschaft finden. Und die Gesellschaft soll ihn akzeptieren, so wie er ist. Daher war für uns klar, wir suchen eine Arbeit für Simon. Es war ja nichts vorgegeben. Wir waren bei den Ersten, mit denen der IfS-Spagat gemeinsam integrative Arbeitsplätze gesucht hat.

Hatten Sie von Anfang an das Gefühl, dass sich Simons Wünsche nach einer Arbeitsstelle in die Realität umsetzen lassen, oder war Sie eher skeptisch?

Nein, ich war nie skeptisch. Für mich war klar, es ist ein Experiment, wir müssen flexibel und ausdauernd sein, wir müssen uns neuen Situationen anpassen und es einfach versuchen. Wenn eine Arbeitsstelle nicht klappt, dann klappt sie nicht, dann versucht man etwas anderes. Einfach gemeinsam mit Simon und dem Unterstützungskreis zu schauen, was kann er - und anhand seiner Fähigkeiten eine speziell auf ihn angepasste Tätigkeit suchen.

Sind Sie direkt nach der Schule auf den IfS-Spagat aufmerksam geworden?

Spagat war die ersten drei Jahre ein EU-Projekt, in dessen Rahmen ich Elternvertreterin war und auch in die Partnerländer Holland, Schweden mitgereist bin. Ich bin gleichzeitig im Verein "Integration Vorarlberg" und unser Verein hat gemeinsam mit dem IfS das Projekt Spagat entwickelt. Wir kannten die Bedürfnisse unserer Kinder, wir wussten, was vorhanden ist und wie es funktionieren könnte. Und so haben wir mitgestaltet. Aber es war ein Versuch.

Wir Eltern wollten damals unsere Kinder integrieren, aber wir hatten keine Lobby, wir brauchten einen Träger. Und deshalb waren wir sehr froh, Unterstützung durch das IfS zu erhalten. Ohne IfS wäre es nicht möglich gewesen, würde es Spagat gar nicht geben - auch wenn wir Eltern noch lange den Willen gehabt und weitergekämpft hätten, es wäre nicht realisierbar gewesen.

Stand Simon damals schon vor dem Einstieg ins Berufsleben?

Nein, er war noch in der Hauptschulphase, aber es war natürlich bereits ein Thema. Wir haben uns schon bewusst damit beschäftigt, was nach der Schule passiert, wie es weitergehen soll.

Wie hat das Umfeld von Simon auf die Teilnahme an IfS-Spagat reagiert?

Simon lebt in einem Umfeld, in dem alle gleich denken wie wir. Es gab eigentlich keine "Gegner". Am Anfang gab es zwar Zweifler, die fragten: "Kann das funktionieren?" Es mussten ziemlich viele Gespräche stattfinden, viel Aufklärung betrieben werden: Wie ist das, wie viel Assistenz braucht Simon? Es konnte sich niemand vorstellen, wie so ein Spagat-Arbeitsplatz funktionieren soll.

Weil es das einfach noch nicht gegeben hat?

Es war absolutes Neuland - nicht nur österreichweit, sondern auch europaweit - es hat nichts Ähnliches oder Vergleichbares gegeben. Dieses Projekt ist praktisch in Vorarlberg entwickelt worden.

Welche Erfahrungen haben Sie und Simon gemacht, als er die ersten Arbeitsstellen besichtigen konnte? Wie ist man ihm am Arbeitsplatz begegnet? Waren die Angestellten skeptisch oder sind sie ihm offen gegenübergetreten?

Es war schwierig. Es haben viele Vorgespräche stattgefunden - "Könnt Ihr Euch das vorstellen? So könnte es funktionieren ... Wärt ihr bereit, eine Arbeitsstelle zu schaffen?" Die Arbeitgeber wussten nicht, was auf sie zukommt. Sie hatten irgendwie Angst - wie gehen wir damit um? Was müssen wir für Rahmenbedingungen schaffen? Können wir das? Wir haben das Projekt Spagat immer wieder erklärt - so lange, bis die Bereitschaft da war, Simon anzustellen.

Anfangs haben wir uns in der Sparkasse auf ein Probejahr geeinigt. Ich habe immer wieder betont, sollte es nicht klappen und sich Simon nicht wohlfühlen, dann ist niemand daran interessiert, das Arbeitsverhältnis aufrechtzuerhalten. Es konnte ja nur dann funktionieren, wenn alle Rahmenbedingungen optimal für Simon sind. Es hat dann relativ gut geklappt und so ist die befristete Anstellung nahtlos in eine fixe übergegangen.

Andere wiederum - ich denke an das Architekturbüro Kaufmann - waren total offen. Herr Kaufmann ist vorbeigekommen, hat sich das angeschaut und gleich gesagt: "Du bist gut, dich nehmen wir, du bist angestellt." Es ist sehr unterschiedlich. Die einen sind sehr offen, die anderen etwas skeptisch. Es gibt Unternehmer, die sich trauen, etwas Neues auszuprobieren, etwas zu riskieren. Wie es natürlich auch andere gibt, die von vornherein sagen, das wollen wir nicht.

Sind Sie im Rahmen der Arbeitssuche für Simon auch auf Ablehnung gestoßen?

Ich glaube, in solchen Firmen haben wir erst gar nicht angefragt. Wir haben die Stellen ganz bewusst ausgesucht, wo wir schon wussten, es besteht ein Funke von Hoffnung.

Was natürlich bei Spagat der Fall ist: Man braucht wahnsinnig viel Zeit. Man braucht Zeit für Entwicklung. Das Erlangen der heutigen Arbeitsstruktur hat relativ lange gedauert.

Nochmals zurück zu den Anfangszeiten von IfS-Spagat. Sie haben den Beginn des Projektes und seine Entwicklung bis heute miterlebt. Was erlebten Sie und Simon in den vergangen Jahren als schwierig, als besonders einprägsam und auch als positiv?

Das Besondere an IfS-Spagat ist, dass bei uns in Vorarlberg auch Menschen mit schwersten Behinderungen integriert werden - nicht nur Personen mit leichten Lernschwächen oder Teilleistungsschwächen, sondern Schwerstbehinderte. Und siehe da, es funktioniert! Ich selbst glaube, je schwerer ein Kind integriert, umso mehr muss es ein Teil der Gesellschaft sein und sich die Gesellschaft verantwortlich fühlen.

Schwierigkeiten bei Simon selbst waren neue Dinge, wie beispielsweise eine neue Busverbindung. Das hat ihn anfangs überfordert. Aber Schritt für Schritt hat er solche Dinge geschafft. Er musste lernen, dass er nicht mehr ein ganz starres, fixes Programm hat, sondern dass er flexibel sein muss. Auch lernen, dass ihm nicht alle wohlgesonnen sind. Das war eine neue Erfahrung für ihn. Man muss ständig daran arbeiten, step by step. Es geht einfach einen Schritt vor und wieder ein paar Schritte zurück, dann wieder vorwärts, aber die Richtung ist natürlich eindeutig vorwärts. Das Positive heute ist, dass er sich sehr gut organisieren kann, Sachen, die man ihm vorher nie zugetraut hätte. Wir haben festgestellt, dass er eigentlich erst im IfS-Spagat begonnen hat, sich so richtig zu entwickeln. Als er gezwungen war, sich zu entwickeln, gefordert war, etwas zu verändern, flexibel zu sein, sich immer wieder auf neue Arbeiten, neue Leute einzustellen - da hat er gelernt, sich seinen Platz in der Gesellschaft zu erschaffen.

Wenn Sie das Projekt IfS-Spagat betrachten, was gestaltete sich in der Entwicklung von Spagat als schwierig, als einfach?

Ich habe die Lebensgeschichten von verschiedene Klientinnen und Klienten des IfS-Spagat mit verfolgt. Viele hatten schon Schwierigkeiten. Aber in unserem Fall ist es super gelaufen, ist Spagat genau der Weg, den ich mir für Simon gewünscht habe und den er sich auch wünscht. Er kann sich voll damit identifizieren.

Konnten Sie den Weg mitgestalten?

Es war ein aktives Gestalten seines Lebens. Und wenn ich ihn heute so betrachte - er ist total zufrieden mit sich, er ist eine starke Persönlichkeit und er führt wirklich ein selbstbestimmtes Leben. Er wird immer Assistenz brauchen - wie viel oder wie wenig, das weiß niemand. Aber das Ziel ist, ein selbständiges Leben zu führen, ein Leben so "normal" wie möglich.

IfS-Spagat hat ihn dabei unterstützt?

Spagat ist das einzig Wahre. Als wir damals während der Projektphase von IfS-Spagat andere Projekte im Ausland besuchten, kam ich frustriert nach Hause zurück. Für mich war es furchtbar zu sehen, wie wenige Möglichkeiten Menschen mit Behinderungen haben. Mir wurde klar, dass Spagat die einzige Alternative ist. In keiner Institution, in keiner Einrichtung - sie mag noch so gut und engagiert sein - haben Menschen mit Behinderungen solch gute Bedingungen wie im Spagat, dass sie sich wirklich entfalten, selbstbewusst leben und ihr Leben aktiv mitgestalten können. IfS-Spagat bietet Möglichkeiten, verschiedene Entwicklungen durchzumachen.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, was wünschen Sie sich für Simon und für den IfS-Spagat?

Für den IfS-Spagat wünsche ich mir, dass es auf alle Fälle weiter geht. Es muss weitergehen - meiner Meinung nach am liebsten flächendeckend. Nicht nur in Vorarlberg. Ich hätte mir auch sehr gewünscht, dass das Projekt Spagat von anderen übernommen wird, z.B. von der Schweiz, Deutschland oder Italien. Für mich ist Spagat so ein wunderbares Projekt - ein richtiges Vorzeigeprojekt. Und es macht mich etwas traurig, dass es in Österreich noch nicht flächendeckend angeboten wird.

Ihrer Meinung nach könnte auch das Ausland davon profitieren?

Ja. Simons Arbeitsplätze werden z.B. von holländischen Delegationen besucht. Es kommen von überall her Leute, um Spagat-Arbeitsplätze zu besichtigen. Denn es kann sich niemand vorstellen, dass so etwas funktioniert, dass mit entsprechenden Rahmenbedingungen jeder Mensch mit Behinderung arbeiten kann.

Für Simon selbst wünsche ich mir natürlich, dass diese Entwicklungen, die er in der Arbeitswelt macht, auch in der Freizeit, im Bereich Wohnen weiter laufen. Noch ist Wohnen kein Thema, aber es wird sicher eines werden - und auch dann werden wir eine Lösung finden.

Sie blicken voller Vertrauen in die Zukunft: Da ergibt sich etwas, das für uns, für Simon passt?

Ja, sicherlich. Solang es so viel Unterstützung gibt und solang so viel Platz für Entwicklung da ist, gibt es keine Probleme, muss man sich keine Sorgen machen.

Unsere Vision wäre natürlich, dass jeder seinen Platz in der Gesellschaft hat, ob er jung oder alt, behindert oder nicht behindert, homosexuell oder was auch immer ist. Jeder soll sein Leben so führen, wie er/sie es führen möchte.

Vielen Dank für das spannendeGespräch.

Das Gespräch führte Alexandra Breuß.

Gerda Obrist wohnt in Dornbirn.Sie ist Mutter von vier Söhnen und engagiert sich im Verein "Integration Vorarlberg".

Quelle:

Alexandra Breuß: "Simon wollte immer schon arbeiten" - Das Gespräch mit Gerda Obrist

erschienen in der Zeitschrift des Insituts für Sozialdienste Vorarlberg, Nr. 3/Juni 2010

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 06.04.2011

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