Integration als Lebenseinstellung

AutorIn: Maria Brandl
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: erziehung heute, Sonderheft: Weissbuch Integration, Heft 3, 1998 / betrift:integration, Sondernr. 3a 1998, S. 27. Hrsg: Tiroler Bildungspolitische Arbeitsgemeinschaft, Studien Verlag Innsbruck 1998
Copyright: © Maria Brandl 1998

Integration als Lebenseinstellung

Gibt es "die" Familie eines behinderten Kindes, "die" Eltern, "die" Geschwister? Das würde zumindest voraussetzen, daß es "den" Behinderten gäbe, dessen Existenz auf die übrige Familie zurückwirkt. (Hans von Lüpke)

Den Satz, "Ich habe ein behindertes Kind" nach der Geburt meines Kindes auszusprechen, war einfach unvorstellbar. Ich wurde plötzlich vor die Tatsache gestellt, nunmehr ein Kind zu haben, welches "anders" ist, "anders" als ich es mir erwartet hatte. Alles, einfach alles sollte sich nach der Geburt dieses Kindes verändern. Mir blieb keine Wahl, sondern ich mußte innerhalb kürzester Zeit mit den gegebenen Umständen fertig werden. Mußte lernen zu akzeptieren, mich auf eine neue Situation einzulassen und damit umzugehen. Für mich, meine Familie, unseren Bekannten- und Freundeskreis eine vollkommen neue Situation.

"Gegenüber uns behinderten Menschen wird vielfach aufgrund von Bildern gehandelt, die unserer Realität nicht entsprechen. Der Schock, den Eltern von behinderten Kindern haben, wenn sie ein behindertes Kind bekommen, ist ja zum großen Teil der Schock, den sie von den Bildern von Behinderung beziehen, der völlig abgelöst ist von der Realität des Kindes selbst." (Volker Schönwiese)

An den Rand gedrängt

Von einer Minute auf die andere habe ich gemerkt, gefühlt was es heißt, zu einer Außenseiterin zu werden, von der Gesellschaft gemieden zu werden, was es heißt, wenn Menschen Angst haben mit einem umzugehen, wenn sie nicht wissen wie sie sich verhalten sollen. "Wie die Behinderten auf den Schock der Familie reagieren, so reagiert die Familie auf das Gebot der Gesellschaft, sich an die vereinbarten Regeln, der vereinbarten "Normalität" zu halten. Der Ausdruck einer abgrundtiefen Angst vor Abweichungen von der vereinbarten Norm. Wer sich verweigert, muß mit Ausstoßung rechnen." (Hans von Lüpke)

Durch Mario lernte ich eine andere Welt, eine andere Sicht- und Lebensweise kennen. Lernte zu merken und zu erleben, wie sehr ich mit Mario jetzt immer wieder auf das Wohlwollen anderer Menschen angewiesen bin, lernte, wie sehr von der Gesellschaft ständig Unterschiede zwischen meinen beiden Kindern gemacht wurden und werden. Viele unserer Freunde ergriffen die Chance - sie lernten mit Mario umzugehen. Ihnen allen rechne ich es hoch an, daß sie nicht die Flucht ergriffen, sondern auch die Beziehung zu ihm und ihre Einstellung wachsen ließen und so heute der Integration von Menschen mit Behinderung positiv gegenüberstehen.

Angst und Zwiespalt

Der erste große Schritt in die Öffentlichkeit war der Eintritt in den normalen Kindergarten.

Im September wurde mein Sohn Mario in den Kindergarten aufgenommen. Für viele Eltern und deren Kinder mag dies selbstverständlich sein - für mich und mein Kind war das aber ein Zeitpunkt, dem wir mit sehr viel Herzklopfen, Ängsten und Zwiespalt entgegenblickten. Mario war nicht so wie jedes andere dreijährige Kind. Er kam mit schweren Fehlbildungen zur Welt. Es war viel von den Kindergärtnerinnen abhängig, wie die Kinder mit der Behinderung von Mario umzugehen lernen. Ein großer Wunsch von mir war, daß es Mario schafft, in die Gemeinschaft so aufgenommen und angenommen zu werden, wie er eben ist.

Mario hat zwar eine sehr harte Zeit hinter sich, aber trotzdem bat ich alle, ihm nicht nur Mitleid entgegenzubringen. Sein Leben ist eben so verlaufen und ich wünsche mir nicht, daß ihm aus Mitleid Fehlverhalten, so wie es jedes andere Kind auch hat, leichter verziehen wird.

Gleichzeitig möchte ich aber nicht versäumen, meine Ängste zuzugeben die ich vor der Kindergartenzeit hatte: Für jedes Kind ist es der erste Schritt ins Leben. Für Mario bedeutet es aber auch ein erstes Kennenlernen mit seinem "Anders sein". Auch davor, täglich zu sehen, wie weit Mario im Vergleich zu körperlich nichtbehinderten Kindern in seiner Entwicklung zurück ist, hatte ich große Angst. Niemand konnte und kann mir sagen, wie sich Mario weiterentwickelt.

"Entscheidend ist letzten Endes, daß die Beschäftigung mit Behinderten und ihren Familien nicht aus einer mitleidig-karitativen Position heraus erfolgt, sondern daß sie von der Neugier auf eine Erweiterung von Erfahrungsmöglichkeiten geprägt ist. Es ist dies die Position, die Geschwister von Behinderten und Kinder in integrierten Gruppen ganz selbstverständlich machen, soweit sie nicht durch die Erwachsenen mit Leistungsdruck und Konkurrenzdenken daran gehindert werden." (Hans von Lüpke)

Gleiches Recht?

Mir war unverständlich, wieso Mario ab Schuleintritt plötzlich aus dieser gewohnten Gemeinschaft, aus seinem Freundeskreis herausgerissen werden sollte. Warum? Es wurde mir auf einmal deutlich bewußt gemacht, welche Unterschiede vom Gesetz her zwischen Kindern aufgebaut werden. Plötzlich wurde ich zur Bittstellerin, nur um für mein zweites Kind das gleiche Recht in Anspruch nehmen zu können, welches für meinen älteren Sohn Selbstverständlichkeit war und ist. Dies konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Mario sollte weiterhin mit nichtbehinderten und behinderten Kindern aufwachsen. Er sollte weiterhin lernen mit seinen Schwächen und Stärken umzugehen, nur so kann er sich auch selbst in die Gesellschaft integrieren. Mit Unterstützung vieler Gleichgesinnter wurde für Mario eine Schule gefunden.

"Es kommt also darauf an, bei den Themen, die individuell an den Familien mit behinderten Kindern abgehandelt werden, den gesellschaftlichen Hintergrund zu erkennen und zu benennen. Immer wieder geht es um die Frage, wieviel Spielraum kann sich eine Gesellschaft leisten. Ist das Unbekannte bedrohlich, gibt es nur einen schmalen Weg und die Angst vor dem Abgrund auf beiden Seiten, oder ist das unbekannte Gelände ringsum ein Anreiz für Entdeckung, für Neugier? Könnte das behinderte Kind ein solches "Unbekanntes" sein?" (Hans von Lüpke)

Die Schulabschlußfeier der Volksschule nahm ich zum Anstoß um ein paar Worte mitzuteilen, die mir schon lange am Herzen lagen: "Es ist sicherlich nicht ganz üblich, daß eine Mutter jetzt hier zu der Klasse spricht, aber ich denke mir, was ist an unserer Klasse schon üblich. Vor vier Jahren haben ein paar "verrückte" Eltern für ihre Kinder gekämpft. Unsere Kinder sind in diese Klasse gekommen. Für uns und Sie als Eltern war alles neu und völlig unbekannt. Niemand von Ihnen wußte so ganz genau, auf was er sich da einließ. Gemeinsam haben wir uns auf das Neue eingelassen. Ich wünsche Ihnen allen, daß sie sich wertvolle Dinge für das Leben mitgenommen haben. Die Voraussetzungen waren mehr als genug da, auch die Möglichkeiten und vor allem die Menschen, denen der Gedanke der Integration in Haut und Haar übergegangen ist. Denn Integration bedeutet nicht nur behinderte Kinder oder Menschen in unsere Mitte aufzunehmen und vielleicht dies zu tun, damit wir unsere eigene Angst vor Behinderung nicht zu groß werden lassen oder das Gefühl zu haben, jetzt besonders sozial sein zu müssen. Integration bedeutet viel, viel mehr. Hier geht es um das Denken an sich, hier geht es um eine Einstellung, um einen Lebensgedanken."

Veränderungen

Genauso wie alle anderen Kinder und deren Eltern, sahen auch Mario und ich dem Schulwechsel in die Hauptschule mit gemischten Gefühlen entgegen. Ein neuer Lebensabschnitt - für das behinderte wie für das nicht behinderte Kind. Die gleiche Ungewißheit, die gleichen Ängste machten sich spür- und bemerkbar: Wie wird es in der neuen Schule sein? Wie werden die Kinder, die Lehrerinnen, die Eltern reagieren?

Die Ferienzeit brachte die ersten Veränderungen: Mario wurde sich seiner Behinderung, seines "Anders-Sein" deutlich bewußt. Plötzlich war dies Gesprächsthema und all die Dinge, von denen ich annahm, daß sie Mario nicht wirklich registrierte, wurden plötzlich angesprochen und für alle Beteiligten zu einem schmerzhaften Prozeß. Ein Prozeß, der noch immer voll im Gange ist. Meiner Meinung nach ist es gerade der, der Mario dazu verhelfen kann, zu sich selbst und seiner Behinderung offen zu stehen.

Marios ersten Tage in der neuen Schule waren von einer deutlich spürbaren Beklemmung begleitet. Erstmals konnte bzw. mußte ich zusehen, wie mein Kind die Situation alleine meisterte bzw. meistern mußte. Ich habe ihn bewundert, wenn er mit erhobenem Kopf mit all den fremden Kindern in die Schule ging, obwohl ihm völlig klar war, wie sehr er in seiner "Anders-Artigkeit" beobachtet wurde. So wie für all die anderen Kinder, ist es für Mario eine völlig neue Situation, ein völlig neues Erlebnis von "Schule", es bedeutet für alle eine Umstellung, eine Neuorientierung.

Die Klassengemeinschaft findet sich langsam zusammen, die ersten Gespräche mit Eltern, Lehrerinnen und Sonderschullehrer haben stattgefunden. Sicherlich wird es wieder Menschen geben, denen es Wert ist, diesen Weg der Integration zu gehen.

Quelle:

Erschienen in: erziehung heute, Sonderheft: Weissbuch Integration, Heft 3, 1998 / betrift:integration, Sondernr. 3a 1998, S. 27

Hrsg: Tiroler Bildungspolitische Arbeitsgemeinschaft, Studien Verlag Innsbruck 1998

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 15.07.2002

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