betrifft: integration 1/92

AutorIn: Rudolf Scholten
Themenbereiche: Schule, Kultur
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Integration: Österreich / Verein Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen (Hrsg.): betrifft: integration Nr. 1/1992, Herold Druck- und Verlagsges.m.b.H., Wien betrifft: integration (1/92)
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KOMMENTAR

Rudolf Scholten: Grundsatzerklärung zur integrierten Schule

Österreich bekennt sich zur "vollen Teilnahme" und Integration behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben entsprechend der Zielsetzung der von der UN erklärten Dekade behinderter Menschen. Dazu gehört auch das Recht auf volle Teilnahme am schulischen Leben. Während in der Vergangenheit dieses Recht auf Teilnahme am schulischen Leben in Form der Schulpflichterfüllung in der Sonderschule seitens des Staates wahrgenommen wurde, verlangten seit Beginn der 80er Jahre Eltern, sowie auch Lehrer und andere Advokaten behinderter Menschen die Verwirklichung diese "vollen Teilnahme" im Rahmen eines Schulunterrichts, der nicht vom Unterricht anderer, nichtbehinderter Kinder getrennt ist.

Versteckter Lehrplan

Drei Tendenzen prägen diese Weiterentwicklung der Schulorganisation:

  • Erstens die Einsicht, daß Schule nicht nur die Aufgabe wahrnimmt, Wissen zu vermitteln, sondern immer schon und derzeit in zunehmenden Maß auch mit sozialen und persönlichkeitsbildenden Aufgaben betraut war und ist. Dabei spielt der "versteckte Lehrplan", der unter anderem durch getrennte oder gemeinsame Schulen zum Ausdruck kommt, eine wesentliche Rolle.

  • Zweitens der Umstand, daß im Bereich Pädagogik und Therapie behinderter Kinder in den letzten Jahren Erfahrungen gemacht wurden, wie eine allgemeine, nicht aussondernde Umwelt zum gemeinsamen Nutzen behinderter wie nichtbehinderter Kinder strukturiert werden kann. Viele Einschätzungen, etwa daß Down Syndrom, gleichbedeutend mit schwerster geistiger Behinderung sei, mußten als Ergebnis jahrelanger gezielter Entwicklungen revidiert werden und relativieren bisherige pädagogische Haltungen. Dabei waren insbesondere Erfahrungen von Nutzen, die aus der integrativen Erziehung gewonnen werden konnten.

  • Drittens der Umstand, daß gemeinsamer Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kinder heute von Eltern behinderter Kinder in einem Ausmaß und mit einer Nachhaltigkeit verlangt wird, daß sich die Schule diesem gesellschaftlichen Auftrag nicht entziehen kann.

Paradigmenwechsel

All das führt derzeit zu einem Paradigmenwechsel im schulischen Bereich, der nicht nur in Österreich, sondern in praktisch allen industrialisierten Ländern zu beobachten ist. In den letzten Jahren entstanden hunderte Schulversuche des gemeinsamen Unterrichts, die von den Eltern und Lehrern gemeinsam getragen wurden.

Diese Entwicklung stellte zwar die Belastbarkeit des Schulsystems auf eine harte Probe. Das Unterrichtsministerium würdigt jedoch ausdrücklich den Beitrag, den die Beteiligten durch ihren Einsatz für eine menschengerechte, humanistische Pädagogik leisten. Die Situation erfordert, daß das Unterrichtsministerium die weiteren Entwicklung nicht nur dem "freien Spiel der freien Kräfte" überläßt, sondern auch eine ausdrückliche Erklärung über die zu verfolgenden Ziele abgibt.

In Abkehr von der bisher verfolgten Zielsetzung, in gesonderten Bildungseinrichtungen die beste mögliche Schule für behinderte Kinder zu entwickeln, sieht das Unterrichtsministerium die Entwicklung der Schule zu einer Schule unter Einschluß aller Kinder als zentrale Notwendigkeit zur Wahrung des Wohles behinderter wie nichtbehinderter Kinder.

Durch diese geänderte Zielsetzung wird weder der Verdienst geschmälert, den die Sonderschule in der Förderung und Zuwendung zu behinderten Kindern unfraglich erworben hat. Vielmehr kann auf den breiten Erfahrungsschatz des Sonderschulwesens zurückgegriffen werden und wird die Sonderschule daher weiter wichtige Aufgaben wahrzunehmen haben.

Es bedarf der gezielten langfristigen Zuwendung zu den besonderen Aufgaben, die Kindern mit Behinderung an Schule und Erziehung stellen. Mehr als bisher ist dafür das Wissen, die Erfahrung und weitere Erforschung dieser Aufgaben durch die Lehrer und Therapeuten erforderlich, die dies bisher in der Regel im Rahmen der Sonderschule und verwandter Einrichtungen betrieben haben. Vor allem die Erforschung integrativer Rahmenbedingungen muß ausgebaut werden.

Vorrangig ist in den nächsten Jahren, daß die vorhandene spezielle Erfahrung der Sonderpädagogik der allgemeinen Pädagogik und ihren Institutionen zur Verfügung gestellt wird, und daß sich dieses Wissen um die Erfahrungen und Notwendigkeiten bereichern muß, die durch die Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft entstehen.

Integration kann nur als andauernder Prozeß verstanden werden. Das bedingt, daß man bislang als "Grenzen" verstandene Hindernisse als Aufgabe definieren, für die Wege und Lösungen gesucht werden müssen. Dabei muß auch anerkannt werden, daß es Probleme und Schwierigkeiten für alle Beteiligten geben wird, an denen sie aber letzlich menschlich wachsen und pädagogisch reifen können. Es wäre aber vermessen zu behaupten, daß in der jetzigen differenzierten Schulorganisation nicht gleichfalls ungelöste Probleme bestehen würden.

Österreich kann und muß dabei auch von den Erfahrungen anderer Länder profitieren, die sich schon länger auf diesem Weg der Integration befinden.

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Quelle:

Integration: Österreich / Verein Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen (Hrsg.): betrifft: integration Nr. 1/1992, Herold Druck- und Verlagsges.m.b.H., Wien

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 19.04.2005

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