Leistungssport im Behindertensport

Widerspruch oder Herausforderung?

AutorIn: Andrea Scherney
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr.5/2001. Thema: Bewegung statt Fitness Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (5/2001)
Copyright: © Andrea Scherney 2001

Was ist Leistungssport im Behindertensport?

Wann eigentlich der Behindertensport von der Leistungswoge erfasst worden ist, weiß man nicht genau. Zuerst war die Breite da und plötzlich machten da und dort besondere leistungsfähige Behinderte auf sich aufmerksam. TrainerInnen, FunktionärInnen und Verbände konnten sich einfach dem Leistungsstreben nicht mehr verschließen. Es war einfach eine natürliche Sache.

Behindertenleistungssport beinhaltet Vorbereitung und Teilnahme an großen nationalen und internationalen Behindertensportbewerben, mit seiner Werbewirksamkeit in der Öffentlichkeit und vor allem auf junge Behinderte. Er schafft auch für behinderte Menschen nachahmenswerte Idole. SpitzensportlerInnen im Behindertensport müssen natürlich nach den neuesten Erkenntnissen der modernen Trainingslehre vorbereitet werden und unterscheiden sich nicht von nichtbehinderten SportlerInnen.

WETTKÄMPFE sind ein wesentlicher Faktor im Behindertensport, denn im Streben nach Leistung, nach Vergleich der Leistungen mit anderen, selbst nach Wettbewerben in Meisterschaftskämpfen, unterscheidet sich der Behindertensport nicht vom Regelsport. Solches Streben ist legitim, spornt an, ist möglicherweise das treibende Element. Aber so wie im Regelsport nicht jeder in jedem Sport-zweig ein Leistungssportler sein kann, so ist dies auch im Behindertensport nicht möglich. Der Grad der Behinderung, die natürliche Veranlagung, die körperliche und geistige Konstitution, sowie die Kondition wird schließlich entscheiden, ob ein Behinderter am Behindertensport oder Behindertenleistungssport mit Erfolg und auf alle Fälle ohne körperlichen Zweitschaden teilnehmen kann.

Der Leistungsvergleich ist dem Sport als ursprünglicher Anteil beigegeben. Wettkämpfe entstehen folglich auf direktem Weg aus der normalen Übungspraxis. Dadurch werden Leistungsbereitschaft und Leistungswille auch für die realen Leistungsbezüge im Leben geschult. Im Streben nach Leistung und nach Vergleich der Leistungen unterscheidet sich der Behindertensport nicht vom Sport der Nichtbehinderten.

Hat der Behindertensportler eine Sportart einmal erlernt, beginnt die Sehnsucht nach Leistungsvergleich in ihm zu wachsen. Er will seine Leistung in Konkurrenz mit ähnlich behinderten Sportkollegen und vor Publikum unter Beweis stellen. Er will sich an seine körperlichen Grenzen herantasten. Das ist eine natürliche Entwicklung im Sport und natürlich auch im Behindertensport.

Durch regelmäßiges und technisch ausgereiftes Training begibt sich der Behindertensportler auf die Ebene des Leistungs- und Wettkampfsports.

Leistungssport, also das tägliche mehrmalige Training mit dem alleinigen Ziel der sportlichen Höchstleistung, wird noch oft von Funktionären und Ärzten limitiert oder vielleicht gar verboten, da die Leistungen und die Belastungen zu sogenannten Sekundärschäden führen können. Es wird dabei außer acht gelassen, dass damit eigentlich der Leistungssport und die Leistung generell zur Disposition gestellt wird und nicht als Konsequenz die sportmedizinische Begleitung verbessert und intensiviert wird. Die Auffassung, dass der Leistungssport behinderter Menschen zu einer Verschlimmerung der "Behinderung" führen kann, wird durch die in unserer Sportpraxis doch noch mangelhafte - gemessen am Anspruch - sportmedizinische Betreuung als nichtzutreffend widerlegt. Im Gegensatz hierzu hat der Leistungssport nichtbehinderter Menschen mit seinen noch größeren Trainingsumfängen und hohen Intensitäten eine verbesserte medizinische und physiotherapeutische Betreuung zur Folge. Der teilweise erhobene Einspruch der Gefährdung behinderter Menschen durch den Leistungssport steht in keinem Verhältnis zum Status des Wirkens, wobei ich den engagierten und auf hohem fachlichen Niveau stehenden Einsatz unserer ehrenamtlichen Ärzte und Physiotherapeuten nicht herabmindern will, sondern auf das mangelnde Interesse und das Fehlen von neuesten Untersuchungsergebnissen der Sportmedizin- und Sportwissenschaft in Bezug auf Behindertensport hinweisen möchte.

Der Kölner Sportwissenschaftler Dr. Horst Kosel (1988) meinte, dass bei verantwortungsbewusstem Trainingsaufbau und sorgfältiger sportmedizinischer Betreuung der AthletInnen der Leistungssport für den Behinderten nach seiner Erfahrung keine größere Gefahr darstellt als auch für den Nichtbehinderten.

Ziel des Leistungssports sind Höchstleistungen und nicht Rehabilitation. Der Leistungssport, auch der Leistungssport behinderter Menschen, steht den Zielen des Rehabilitationssportes diametral entgegen. Aus dem Rehabilitationssport kann, wie auch aus dem Jugend- und Nachwuchssport bei nichtbehinderten Menschen, Leistungssport erwachsen - ist sozusagen ein Vorläufer des Leistungssports. Aber der Leistungssport hat in jedem Fall sportliche Höchstleistungen zum Ziel und nicht einfach "nur" eine bessere Bewältigung von Aufgaben des Alltages oder eine Eingliederung in die Gesellschaft. Zugleich aber leistet der Leistungssport behinderter Menschen einen wichtigen Beitrag, um im gesellschaftlichen Bewusstsein den Gedanken der umfassenden, gleichberechtigten Teilhabe behinderter Menschen an der Gesellschaft zu befördern.

Der Wiener Sportwissenschaftler Mag. Günter Schagerl (1990) äußerte sich schon vor Jahren positiv zum Leistungssport, denn kein Leistungssport für Behinderte hieße, dieser Menschengruppe wesentliche Entwicklungs- und Erlebnischancen vorzuenthalten. Nur Experten ohne Einfühlungsvermögen würden dies wollen, fordern und hoffentlich nicht durchsetzen.

Organisation und Paralympics

Um die Organisation des Behindertensports für den Leistungs- und den Breitensportbereich effektiver gestalten zu können, wurde zusätzlich zum Österreichischen Behindertensportverband (ÖBSV) am 25.2.1998 das Österreichische Paralympische Committee (ÖPC) gegründet, das nun rein für den Spitzensport und das Sponsoring von Paralympics zuständig ist: IPC- (International Paralympic Committee) und CISS- (Weltverband des Gehörlosensports) Wettkämpfe gibt es derzeit für SportlerInnen mit Amputationen und anderen Behinderungen am Stütz- und Bewegungsapparat, Störungen des zentralen Nervensystems, und für blinde, sehbehinderte, gehörlose, hörbehinderte und mentalbehinderte SportlerInnen.

Der Gipfel aller sportlichen Ambitionen mündet in der Teilnahme an internationalen Großveranstaltungen wie Welt- und Europameisterschaften oder die Paralympics, die alle vier Jahre an den selben Wettkampfstätten der Olympischen Spiele stattfinden.

Die XI. Paralympics, die in der Zeit vom 18. - 29.10.2000 stattfanden, bildeten nicht nur den sportlichen Höhepunkt, sondern waren eine Vervollkommnung des integrativen Gedankens im Sport. Die vom Österreichischen Behindertensportverband bestens vorbereiteten AthletInnen (49) und die kompetenten BetreuerInnen (31) fanden in Sydney ideale Bedingungen vor. Paralympisches Dorf sowie Sportstätten, die keinen Wunsch offen ließen, beflügelten rund 4000 SportlerInnen aus 123 Ländern und rund 1,3 Millionen ZuseherInnen. In 550 Bewerben wurden über 300 Welt- und Paralympics-Rekorde aufgestellt. Die Medien in der ganzen Welt haben von dieser unglaublichen Leistungsexplosion im Behindertensport berichtet. Die Öffentlichkeit hat erkannt, dass es sich hier nicht um HobbysportlerInnen handelt, sondern um SpitzenathletInnen, die in ihrer Disziplin Weltklasseleistungen erbringen.

Obwohl das Österreichische Team bei dem Paralympics sehr gut abschnitt (15 Medaillen), mussten unsere AthletInnen erkennen, dass Gold in Sydney sehr viel höher hing als noch in Atlanta. Mit dem 38. Rang (von 123 Nationen) in der Medaillenwertung wurde aber ein beachtlicher Leistungsbeweis erbracht. Viele TrainerInnen, aber auch PolitkerInnen setzten sich für eine Distanzierung von der allgemein gültigen "Goldfixiertheit" ein, da ein vierter oder fünfter Platz in diesem dichten Feld bedeutet, zur absoluten internationalen Weltspitze zu zählen.

Auch Bundespräsident Klestil sagte die Hilfe und Unterstützung der Regierung zu, da durch die breiter gewordene Weltspitze es unerlässlich sein wird, strukturell und konzeptionell die Entwicklung des Spitzensports behinderter Menschen voranzutreiben, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Winterparalympics 2002 in Salt Lake City auf Hochtouren, da Österreich mit seinem Team von 50 Personen die Vormachtstellung im Alpinen Skilauf verteidigen will.

"Doping Disables - Doping behindert", eine Kampagne des IPC!

Wie weit können wir dem Streben nach Höchstleistungen im Behindertensport entgegenkommen?

Diese Frage beschäftigt die TrainerInnen und FunktionärInnen des Behindertensportverbandes, aber vor allem die ärztlichen BetreuerInnen, denn

  • es kann in keinem Fall im Sinne der Bestrebungen des Behindertensports sein, die Schwächeren zu ignorieren und die Besten übertrieben herauszustreichen.

  • Es kann aber auch auf keinem Fall im Interesse unserer Bestrebungen liegen, die behinderten Sportler durch übertriebene Beanspruchung zu überfordern und seelisch-körperlich zu verspannen. Auch eine in der Öffentlichkeit vielbeachtete Höchstleistung kann nicht einen dadurch erlittenen gesundheitlichen Schaden wettmachen, im Gegenteil: Der Rückschlag würde noch mehr schaden.

  • Es kann ebenfalls nicht im Interesse des sporttreibenden Behinderten sein, die Auswüchse des heutigen Hochleistungssport zu übernehmen, wie: Korruption, Doping u.ä. Diese Gefahren sollten nicht übersehen werden.

Alles, was mit Verstand, Körper und Geist - dem Motto der Paralympic-Bewegung - zu tun hat, wird vom Doping behindert. Der IPC-Kodex sieht für Doping strenge Strafen vor. Wenn bei einem Wettkampf der Doping-Test einer Sportlerin oder eines Sportlers positiv ausfällt, wird sie/er disqualifiziert und für vier Jahre gesperrt. Dasselbe gilt für positive Tests außerhalb eines Wettkampfs. Weil es unter Umständen Fälle gibt, in denen SportlerInnen aus medizinischen Gründen verbotene Mittel nehmen müssen, hat das IPC ein Genehmigungsverfahren im Medizinischen Beratungsausschuss eingeführt. Die Genehmigung hängt von dem Mittel und von dem jeweiligen Sport ab, da das Mittel die sportliche Leistung nicht verbessern darf. Um die persönliche Integrität zu gewährleisten, muss bei SportlerInnen mit Sehschwächen oder geistigen Behinderungen das Kontrollverfahren von einer Begleitperson überwacht werden.

Mit der Gründung des IPC 1989 und durch die Arbeit der medizinischen Kommission wurde für den Behindertensport eine klarere Doping-Politik entwickelt. Das IPC arbeitet weiterhin mit derselben Liste verbotener Mittel wie das Internationale Olympische Komitee (IOC). Seit den Paralympics 1992 in Barcelona wurden bei zahlreichen internationalen IPC-Veranstaltungen Doping-Tests durchgeführt. Von 1992 bis Sydney 2000 waren insgesamt 12 Tests positiv, elf positive Proben wurden unter 500 Doping-Tests in Sydney gefunden. Aber jeder einzelne positive Test ist zuviel. Doping hat in der Paralympic-Bewegung nichts zu suchen.

Techno-Doping und Materialschlachten im Behindertensport?

Der Drang, die Leistungen zu verbessern, führt auch bei den Behinderten-Spitzensportlern zu dem Wunsch, ihre Ausrüstung und Accessoires so zu verbessern, damit leichter höhere Leistungen erzielt werden können. Es wird sehr viel auf diesem Gebiet experimentiert und entwickelt. Daher wird Material und Technik unter dem Aspekt des ständig steigenden Erfolgsdruck auch im Behindertensport immer ausschlaggebender. Die Qualität der technischen Hilfsmittel wie Prothesen, Rollstühle oder spezielle Sportgeräte werden ein Gradmesser zwischen Erfolg und Misserfolg und werfen das Problem möglicher Wettbewerbsvorteile durch technische Hilfsmittel auf.

Für jede einzelne Disziplin oder Sportart ist es erforderlich, spezielle Prothesen zu entwickeln oder zumindest eine Sportprothese auf die speziellen Anforderungen (Winkel- und Kräfteverhältnisse) einer Sportdisziplin einzustellen. Dabei ist es ungeheuer wichtig für die/den AmputiertensportlerIn, mit dem jeweiligen Prothesentechniker sowohl in der Werkstatt, als auch auf dem Sportplatz eng und intensiv zusammenzuarbeiten.

Dasselbe gilt für den Bereich des Rollstuhlsports. Rennrollstühle werden zu Kraftmaschinen, die mit möglichst wenig Energie zu Höchstgeschwindigkeit angetrieben werden sollen.

Oder es werden spezielle Rollstühle für eine neue Behindertensportart wie "Rollstuhl-Rugby" entwickelt, die durch ihre aufwendige Panzerung Verletzungen am Sportler vermeiden sollen. Der Tennisrollstuhl wiederum ist gekennzeichnet durch seinen besonderen Aufbau und den großen Sturz seiner Räder. Er ist für die Sportart RS-Tennis konzipiert und speziell dafür entwickelt worden.

Einige Sportgeräte, wie Wurfrollstühle für alle Stoß- und Wurfbewerbe in der Leichtathletik oder der Monoski zum Alpinen Skilauf, wurden meist von Athleten selbst erfunden und konstruiert.

Paralympics sind neben einem sportlichen Großereignis auch immer eine Innovations- und Informationsbörse für die Anwender von technischen Hilfen. Orthopädische Hilfsmittel, unförmige Gestelle wie Orthesen, Prothesen und Rollstühle dürfen im Leistungssport sogar gut aussehen und gelten manchmal schon als schick. Das Design beflügelt so das Bewusstsein. Denn erst, wenn sich die Prothese oder der Rollstuhl von einem dürftigen Hilfs- zu einem souveränen Fortbewegungsmittel wandelt, erhält das Individuum die echte Chance, vom Außenseiter zum Insider zu avancieren.

Wir sind die Formel 1 für die orthopädische Industrie. Wir testen Materialen in Extremsituationen, damit eine qualitative anspruchsvolle Versorgung für den Alltag für alle möglich wird. Viele Menschen mit Behinderungen profitieren von den Fortschritten und können heute ein aktiveres und selbstbestimmteres Leben führen. Der wesentliche Punkt dabei ist die Verbreitung und Veröffentlichung der ungeheuren und vielfältigen Möglichkeiten der Prothetik- und Hilfsmittelindustrie, die fast jeden "gehandicapten" Menschen mobil machen könnte, - wenn sie/er davon wüsste. Aufklärung und Information in der Rehabilitation sind existentiell. Informationen über Neuerungen und Verbesserungen der prothetischen Hilfsmittel müssten leichter zugänglich gemacht werden.

Frau mit Behinderung und dann noch im Leistungssport?

Als Behindertensportlerin gehört man gleichzeitig zwei großen Minderheiten an. Die Unterrepräsentation der Frau im Behindertensport ist weniger ein Spiegelbild als eine negative Folge der schon schlechten Stellung der Frau im Sport.

Zusätzlich zu den bekannten Problemen einer Frau im Sport kommt im Behindertensport die Überwindung hinzu, die Behinderung gerade im Sporttreiben offen zur Schau zu stellen. Nur wenige behinderte Frauen betreiben Leistungssport, und entwickeln ein starkes Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.

1996 in Atlanta waren bei den Paralympics nur 24% der AthletInnen Frauen, bei den Olympischen Spielen wenigstens 34%. Ein weiterer Vergleich macht deutlich, dass in vielen Nationen das Problem "Frauen mit Behinderung und Leistungssport" tabuisiert wird und somit nicht existent scheint, denn 47% der Paralympic-Nationen brachten keine Frauen nach Atlanta, aber nur 13% der Nationen wagten es bei den Olympischen Spielen.

Aimee Mullins, eine doppelunterschenkelamputierte Frau, die bei den Paralympics 1996 in Atlanta 3 Weltrekorde in der Leichtathletik errang, stellte sich als Modell zur Eröffnung der Londoner Modewoche für eine Kollektion von Alexander McQueen zur Verfügung. Ihren spektakulären Auftritt wollte sie nicht als billige Effekthascherei missverstanden wissen, sondern machte deutlich: "Ich will der Welt beweisen, dass eine amputierte Frau nicht trotz, sondern wegen ihrer Behinderung schön, stark und erotisch sein kann."

Mit der Fitnesswelle wird propagiert, dass "frau" durch Fitness und Sport einen schöneren Körper erhält - trotz Behinderung? Widersprüche müssen offen diskutiert und mit den Betroffenen verarbeitet werden. Positiv beeinflussen die Wellnessprogramme mit ihren neuen inneren Schönheitsidealen das Bewegungsbedürfnis behinderter Frauen: Wohlbehagen und ein gutes Körpergefühl trotz Behinderung.

Eine völlig gleichberechtigte Involvierung der Frauen in allen Bereichen des Sports (Funktionärinnen, Trainerinnen etc.) könnte helfen, diese Ängste, die nicht nur behinderte Frauen abhalten Sport zu betreiben, abzubauen, da sich die männlich dominierten Ideale im Sport wandeln würden. Leider sind im Vorstand des IPC nur eine weibliche und 22 männliche Mitglieder. Zusätzlich gibt es nur vier Chair-Ladies von 24 Vorsitzenden der Paralympischen Sportarten im IPC-Sport Council und in diesen weiblich geführten Sportarten wie z.B. Reiten, Schwimmen, Tanzen ist der größte weibliche Athletinnenanteil aller Sportarten.

Der jetzt mögliche HSNS-Zugang der SpitzensportlerInnen in Österreich sollte auch nicht zu euphorisch als Fortschritt für den Frauenleistungssport bewertet werden. Schließlich schließt dieser von vornherein schon wieder viele Frauen aus, z.B. Behindertensportlerinnen oder Frauen, die aus verschiedensten Gründen dem Bundesheer nicht beitreten wollen oder können, um den geliebten Spitzensport auszuüben. Frauen sollten sich nicht in ihrer Verzweiflung wünschen, zu "Männern" zu werden, um in das männlich ausgerichtete Schema des Sports zu passen. Die männlichen Strukturen des Sports müssen sich ändern, wenn der Wunsch nach mehr Frauen im Sport nicht nur ein geheuchelter ist.

Die Frage der Integration von Behinderten und Nichtbehinderten im Leistungssport?

Es stellt sich die Frage, ob der Leistungs- und Hochleistungssport von Menschen mit Behinderungen die angestammten Strukturen des Behindertensports überfordern. Die ÜbungsleiterInnen sind nicht immer kompetent genug, AthletInnen trainingstechnisch auf hohem Niveau zu begleiten und zur Goldmedaille bei den Paralympics zu führen. Aus diesem Grund trainieren viele Leistungs- und Kadersportler bereits in Nichtbehinderten-Vereinen. Eine enge Kooperation mit den Fachverbänden und den Olympiastützpunkten hat sich in Deutschland mittlerweile schon etabliert, in Österreich müssen wir an diesem Beziehungsgefüge noch hart arbeiten.

Selbstverständlich gibt es auch in Österreich Meetings, die von behinderten AthletInnen bestritten werden. Berührungsängste gibt es auf dieser Ebene kaum, denn die nichtbehinderten SportlerInnen wissen aus eigener Erfahrung, welche Energie und wie viel Training für bestimmte Bewegungen erforderlich sind und respektieren allein die erbrachte Leistung. Je mehr gemeinsame Aktionen stattfinden, umso mehr wird der Normalisierungsprozess in Gang gesetzt.

Alle Bereiche des Trainings (Trainingsgemeinschaften zwischen Behinderten und Nichtbehinderten) und der Vorbereitung auf Wettkämpfe sind integrativ möglich. Voraussetzung ist die Öffnung oder bauliche Umgestaltung vorhandener bzw. noch zu schaffender Leistungszentren für behinderte und nichtbehinderte SportlerInnen und die Weiterbildungsmöglichkeiten in Richtung behinderungsspezifischer Grundkenntnisse und Methodik der Fach- und SpartentrainerInnen.

Eine Trennung der Wettkampfaktivitäten auf höchstem Niveau (EM, WM, Paralympics - Olympische Spiele) zwischen Behinderten und Nichtbehinderten erscheint durch den Aspekt der Bewältigung zweier sehr komplizierter Massen an SportlerInnen und BetreuerInnen und der unterschiedlichen Sportarten, Disziplinen, Regeln und Equipment sinnvoll.

Leistungssport, Wirtschaft und Medien?

Der interessante Bereich für Medien und Wirtschaft liegt spiegelbildlich wie im Sport der Nichtbehinderten im Leistungssport.

Die Vielzahl von Wettbewerben und Behinderungsklassen schmälern die Transparenz der Leistungen von Menschen mit Behinderungen in der Öffentlichkeit. Deshalb wird in Hinblick auf eine bessere Präsenz in den Medien eine einschneidende Reduzierung der Behinderungsklassen gefordert. Andererseits muss jedoch ein differenziertes System erhalten bleiben, um die behinderungsabhängige Leistungsfähigkeit der SportlerInnen gerecht bewerten zu können. Diese Gegebenheiten müssen auch die Medien respektieren und in einer angemessenen Berichterstattung reflektieren.

Nur zu oft landen die medial aufbereiteten Beiträge über Veranstaltungen oder Personen im Behindertensport in der Gesellschaftsrubrik und nicht im Sportprogramm. Wir wären nicht in Österreich, hätten nicht auch die JournalistInnen ihre Probleme im Umgang mit behinderten SportlerInnen, was sich aber nach mehrmaligen Kontakten als gute Zusammenarbeit entpuppt und sich in tollen Beiträgen widerspiegelt.

Sport- und Sozialsponsoring schließen einander nicht aus, sondern geben dem üblichen und schon sehr verbrauchten Markt des reinen Sportsponsorings eine neue erfrischende Note: ein/eine BehindertensportlerIn zeigt beeindruckende Leistungen nicht trotz, sondern mit Behinderung. Im Vordergrund steht nicht mehr nur die Behinderung und ein Schicksal, sondern die sportliche Aktivität, die sportliche Leistung, die mit einer körperlichen oder mentalen Einschränkung absolviert werden kann. Die positive Lebenseinstellung, die Vorbildwirkung, die wiedergewonnene Freude an der Bewegung und die absoluten Topleistungen sollten der österreichischen Wirtschaft als Werbekampagne genügen, dennoch überwiegt Skepsis, Mitleid und die österreichische Vogel-Strauss-Mentalität, was zwar nicht von Spenden aber von Sponsoring abhält.

Leistungssport ist die Spielwiese überkompensierender Behinderter?

Eine Gruppe von Paralympic-SportlerInnen in Sydney erklärte gegenüber den Medien:

"Wir betonen, dass wir keineswegs unter pathologischem Leistungszwang stehen und unsere Behinderung im Sport zu verdrängen suchen. Die psychische Verarbeitung eines Handicaps ist vielmehr eine der wichtigsten Voraussetzungen, um Leistungssport zu betreiben. Wir empfinden unsere Behinderung nicht als ein soziales Stigma, sondern als physischen Funktionsverlust, der sich durch sportliche Aktivitäten ein gutes Stück wettmachen lässt."

Die Autorin

Andrea Scherney, geb. 26.8.1966, Sportdirektorin des ÖBSV, Universitätslektorin, Leichtathletikerin, sportliche Erfolge bei Welt- und Europameisterschaften, sowie Paralympics

Österreichischer Behindertensportverband

Brigittenauer Lände 42,

1200 Wien

Tel. 01/33 26 134-17, Mobil-Tel. 0676/35 25 253

Fax 01/3320 397

andrea.scherney@univie.ac.at

Sportdirektor@oebsv.or.at

Quelle:

Andrea Scherney: Leistungssport im Behindertensport. Widerspruch oder Herausforderung?

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 5/01, Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 21.06.2005

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation