Lieber lebendig als normal

Ein-Blick in die "Besonderheiten" der Lebenswelt-orientierten Integrativen Wohngemeinschaft (LIW)

AutorIn: Jo Jerg
Themenbereiche: Lebensraum
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr.5/2001. Thema: Bewegung statt Fitness Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (5/2001)
Copyright: © Jo Jerg 2001

Lieber lebendig als normal[1]

Seit 1996 existiert in Reutlingen eine LIW, in der 8 Frauen und Männer in einem Haus mit Garten in einem Vorort zusammenleben. Die vier BewohnerInnen ohne Assistenzbedarf haben in der Regel einen Teilzeitjob, arbeiten im Verkauf, als Facharbeiter und sind beruflich nur in Ausnahmen im pädagogischen Bereich tätig. Voraussetzung für den Einzug in die WG ist für Personen ohne Assistenzbedarf eine grundsätzliche Offenheit hinsichtlich integrativer Lebensformen sowie die Bereitschaft, 15 Stunden Assistenz pro Woche zu übernehmen. Dafür werden ihnen keine Mietkosten berechnet. Vier BewohnerInnen benötigen Assistenz. Ein Kennzeichen der LIW ist, dass eine Hierarchie von Behinderungsformen vermieden wird. Deshalb kann auch eine Frau, die eine "Rund-um-die-Uhr-Assistenz" braucht, in der Wohngemeinschaft leben. Die anderen drei BewohnerInnen mit Assistenzbedarf benötigen Unterstützung in alltäglichen Situationen, wie z.B. bei der Verpflegung, bei der Erledigung von Hausarbeiten, z. T. bei der Körperpflege und vor allem emotionalen und psychischen Rückhalt zur Alltagsbewältigung. Die Wohngemeinschaft wird von einem hauptamtlichen Mitarbeiter und zusätzlichen Kräften (Zivildienstleistende oder PraktikantInnen) begleitet.

Träger der Wohngemeinschaften ist der "Wohngruppenverbund der Gustav-Werner-Stiftung zum Bruderhaus Reutlingen" (Träger der Freien Wohlfahrtspflege) in Kooperation mit der "Arbeitsgemeinschaft Integration Reutlingen" (Elternselbsthilfe), die das Projekt entwickelte. (In diesem Jahr wurde die zweite LIW eröffnet.)

Als Einstieg in die Sichtweisen der BewohnerInnen und Beteiligten soll ein Ausschnitt aus dem einführenden Kapitel des Abschlussberichts[2] von "Ein Leben in Widersprüchen" einen Einblick in die Welt der LIW geben und die "Besonderheiten" der Wohngemeinschaft, die als Eckpunkte dieser Lebensform die Tragweite des gemeinsamen Wohnens von Menschen mit und ohne Assistenzbedarf andeuten, aufzeigen. Dabei geht es weniger darum, die Vorzüge der LIW zu präsentieren, sondern eher zu dokumentieren, dass der Alltag in der LIW eigentlich viele Züge einer ganz normalen Wohngemeinschaft trägt und z. T. durch etwas anders gelagerte Widersprüche gekennzeichnet ist.



[1] Nach der gleichnamigen Ausstellung von Kassandra Ruhm

[2] Der vorliegende Bericht steht in einer Reihe von Praxisforschungsprojekten zur Lebenslage von Menschen mit Assistenzbedarf an der Evang. Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg. Die Wohngemeinschaft wurde in den letzten vier Jahren wissenschaftlich begleitet. Der erste Bericht "Koi Wunder" erschien 1998. In Gruppengesprächen mit den BewohnerInnen mit und ohne Assistenzbedarf, den Mitarbeitern, Müttern (Eltern) und TrägervertreterInnen wurden die Erfahrungen aufgezeichnet und hier in Auszügen wiedergegeben. Alle Namen wurden geändert.

Auszug aus dem trauten Heime - Eine besondere Situation im Leben von Menschen mit Assistenzbedarf und ihren Familien

Die LIW - Ein Elterntraum

Beginnen möchte ich mit einer längeren Passage aus dem Müttergespräch, in der neben den Perspektiven der Mütter die Wahrnehmungen ihres Umfeldes stehen. Dabei ist von besonderer Bedeutung, dass die Verantwortung für die Lebensform von erwachsenen Menschen mit Assistenzbedarf in der Regel immer noch in den Händen der Eltern liegt. Die Bewertungen des Umfelds und die gesellschaftlichen Normen hinsichtlich der Vorstellungen über das Leben von Menschen mit Assistenzbedarf prägen in großem Maße die Haltungen der Eltern in bezug auf ein unabhängiges Leben ihrer Söhne/Töchter.

MUTTER S: Gut, dass sie (andere Mutter) manches gesagt haben (in bezug auf Veränderungswünsche an die Wohngemeinschaft), ... was noch besser sein könnte oder noch toller, so als Grundsatz muss ich sagen, drüber über all dem steht, dass ich das ganz toll finde, dass ich's ganz prima finde, wie's ist. Da sind einige Punkte, die könnten vielleicht auch noch traumhaft besser sein, aber wenn man das mit anderen Sachen vergleicht, dann ist das wirklich jetzt schon traumhaft. Deshalb soll man nicht stehen bleiben, aber es ist traumhaft, wenn man's vergleicht.

MUTTER R: Dann kann ich das immer wieder nicht verstehen, wenn wir Bekannte treffen - und es war jetzt vor drei Wochen beim Spazierengehen sonntags - und dann die ersten Worte waren: ach du armes Kind.

MUTTER P: Das würde ich zu einem Kind sagen, das immer noch bei der Mutter ist.

MUTTER R: Ja, du armes Kind, und dann hat die Birgit gesagt, warum bin ich ein armes Kind. Und dann sagte der Vater, der hat aber auch ein behindertes Kind, ja du bist ja in einem Heim. Und dann habe ich gesagt, die Birgit war noch nicht in einem Heim und wird auch nicht in ein Heim kommen, weil die Birgit ist in einer Wohngruppe, ja, das ist ja wohl das gleiche - dann habe ich gesagt, noch lange nicht. Und dann sagte der Vater, mein Michael kommt einmal nie fort, und dann habe ich so gemacht (sie faltet die Hände vor der Brust zum Gebet) und habe gesagt, beten Sie jeden Abend zu Gott, dass Sie die Worte wahr machen können, denn Sie wissen ja nicht, was Ihnen morgen geschieht. Ich sage, es heißt so oft, es ist am Abend anders, als dass es am Morgen war.

MUTTER P: Wie man so denken kann! Wo kommt denn das Kind hin, wenn die Eltern mal gestorben sind?

MUTTER R: Ja, du armes Kind, ehe sie überhaupt Grüß Gott gesagt hatten, da habe ich gesagt, warum denn ...

MUTTER S: Das finde ich auch schlimm, so von jetzt auf nachher ...

I: Wie reagiert denn das Umfeld, das sie haben, auf die Situation, dass die Tochter oder der Sohn in die Wohngemeinschaft gezogen ist?

MUTTER P: Sehr positiv, alle rundum, sehr positiv. Jeder sagt, jetzt ist einfach die Zeit da, die Familienphase ist abgeschlossen und auch, wenn ich ein behindertes Kind habe, es muss raus, natürlich war die Phase ja sowieso schon länger, und irgendwo sage ich mir - vielleicht ist es ein bisschen egoistisch gedacht -, aber irgendwo habe ich ja nachher auch nicht mehr die Kraft oder die Nerven. Und wenn man jetzt so ein bisschen so Abstand hat, das ist schön, dieses Miteinander und auch für David. Dem stinkt's doch auch, wenn ich ihm dauernd dies oder das sage - wie bei uns früher auch, wenn die Mutter was sagte, nur halt alles ein bisschen früher. Ich finde das ganz normal, nur kommt alles ein bisschen später bei behinderten Menschen. Die brauchen das genauso. Es ist schön, wenn sie sich ablösen, und sie werden selbständiger. Ich habe ja auch vieles vorher dem David abgenommen, weil's mir eben auch zu lange dauerte, wenn er sagte, mach' ich mal, mach' ich mal, wenn ich irgendwelche Dinge forderte. Ich finde, das ist ganz gesund so. Deshalb sage ich immer, was Sie grade sagten, andere sagen immer, armes Kind, du bist ja wirklich ein armes Kind, wenn du es nicht sein darfst, wenn du nicht so raus kannst.

(Mütterinterview :28-29)

Obwohl die Wohngemeinschaft schon vier Jahre existiert und dabei unterschiedliche Phasen durchlebt hat, bleibt bei den Müttern das Gefühl eines erfüllten Traumes in bezug auf die Wohngemeinschaft erhalten. Schon in den ersten Gesprächen haben die Mütter diesen Aspekt des Traumhaften immer wieder betont (vgl. Jerg 1998), und auch heute noch ist diese Dimension in den Gesprächen präsent, obwohl noch vieles in dem gemeinsamen Wohnen aus ihrer Sicht verbesserungswürdig erscheint.

Die Reaktionen aus dem persönlichen Umfeld auf den Auszug der Söhne/Töchter sind sehr unterschiedlich. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv. Bei den Müttern selbst bleibt trotzdem noch ein Rest von einem nicht selbstverständlichen Vorgang zurück, der in der Aussage "vielleicht ist es ein bisschen egoistisch gedacht" zum Ausdruck kommt.

Dass selbst unter Eltern im Bekanntenkreis, die die Situation aus eigener Erfahrung und Betroffenheit kennen, so starke Widerstände kommen und Abwertungen erfolgen, zeigt, wie angstbesetzt der Auszug aus der Familie erlebt werden kann. Diese Haltung (der Bekannten auf dem Sonntagspaziergang) stößt bei den Eltern der Wohngemeinschaft auf Unverständnis, weil sie inzwischen erfahren haben, zum Teil auch erfahren mussten, wie wichtig es für ihre Töchter/Söhne ist, ein relativ unabhängiges Leben vom Elternhaus zu führen, um eine selbständige Lebensführung entwickeln zu können. Die Konstruktion zweier Lebenswelten - zu Hause ist es doch am besten, im Heim oder anderswo sind die Lebensbedingungen für die Töchter/Söhne schlechter - ist vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Menschen mit Assistenzbedarf verständlich. Dadurch werden die Nöte von Eltern sichtbar. Gleichzeitig verdecken sie die Abhängigkeitsverhältnisse und z. T. schwierigen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und idealisieren eine Lebensform, die schlicht und einfach wenig Raum für die Entwicklung eines eigenen Lebens der Töchter/Söhne zur Verfügung stellt. Auf Dauer kann das Zu-Hause-Wohnen sowieso nicht aufrechterhalten werden, weil Eltern aus unterschiedlichen Gründen (z. B. Krankheit, Tod) irgendwann nicht mehr die Sorge für die Kinder tragen können.

Individuelle Gestaltung der Ablösung vom Elternhaus

Die Wohnortnähe zu den Eltern ist für einige BewohnerInnen mit Assistenzbedarf eine wichtige Voraussetzung für den Einzug in die LIW. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass viele Eltern und ihre Töchter/Söhne den Zeitpunkt der Wohnorttrennung so weit wie möglich hinausschieben - oft auch bis zu dem Augenblick, an dem ein Zusammenwohnen aus gesundheitlichen Gründen der Eltern eine abrupte Trennung erfordert (vgl. voriger Abschnitt).

Eine Bewohnerin mit Assistenzbedarf, die selbst in dem Dilemma zwischen dem alten und neuen Lebensort zerrissen ist, beschreibt die Situation, rückblickend auf ein Jahr Wohnen in der LIW, folgendermaßen:

BEWOHNERIN B: Und als ich eingezogen bin, da habe ich mich auch ganz schwer getan, weil ich dreißig Jahre bei meiner Mutti zu Hause gewohnt habe. Es ist sehr schwierig gewesen, von Anfang an.

I: Was hat dir geholfen, sich hier zurechtzufinden?

BEWOHNERIN B: Meine große Schwester, die hat mir viel Geduld gezeigt und auch gesagt, Birgit, wir versuchen das auch. Und ich weiß, sie hat mir auch beigebracht, dass ich mich langsam daran gewöhne.

I: Was hat dir hier in der WG geholfen?

BEWOHNERIN B: Da hat der Kurt, der Gesamtleiter, mir geholfen. Er hat gemeint, ich pack das schon. Er kannte mich schon ein wenig: Wir waren anfangs öfters im Garten und haben uns darüber unterhalten, wo ich gemerkt habe, ich habe Angst. Aber allmählich wird es ein bisschen besser, und so habe ich mich daran gewöhnt.

(Interview mit BewohnerInnen mit Assistenzbedarf :4)

Diesen Gesprächsauszug habe ich deshalb ausgewählt, weil die Bewohnerin von sich aus gefragt hatte, ob es die LeserInnen interessiert, wie sie den Einzug in die Wohngemeinschaft erlebt hatte.

Der Wechsel in die WG ist mit Trennungsängsten verbunden. Dieses Beispiel zeigt - und dies könnte anhand anderer Beispiele mit ähnlichen Situationen verdeutlicht werden -, dass es innerhalb des Familiensystems Mitglieder geben muss, die hinter dem Verselbständigungsprozess der BewohnerInnen mit Unterstützungsbedarf stehen, den Ablösungsprozess begleiten und als Vermittlungspersonen Verantwortung übernehmen. Aus der Sicht der Bewohnerin stehen sich hier zwei Welten gegenüber, die sich nicht so ohne weiteres vereinbaren lassen. Die enge Bindung an die Mutter, die jetzt während der Woche alleine wohnen muss, ist für die Birgit (BewohnerIn m.A.) nicht so einfach wegzustecken und wirkt in den Wohngemeinschaftsalltag hinein. Die geäußerte Angst von Birgit bezieht sich weniger auf die Bewältigung des Alltags in der Wohngemeinschaft. Hier kann sie die Anforderungen und Herausforderungen leichter meistern. Die Angst konzentriert sich viel stärker auf die Anforderung, die Trennung der Welten mit ihren Unvereinbarkeiten aushalten zu können. Die Unterstützung der Schwester als auch die des Mitarbeiters hilft ihr, die schwierige Ablösungsthematik zu bewältigen.

An dieser Situation soll bewusst gemacht werden, dass die Selbständigkeit bei einigen BewohnerInnen weniger eine Frage der Kompetenz bezüglich kognitiven oder körperlichen Fähigkeiten ist, sondern in einem weitaus größeren Maße eine Frage der Beziehungsabhängigkeit zum Elternhaus darstellt. Festgefahrene Beziehungsstrukturen, die durch jahrzehntelange gegenseitige Abhängigkeit entstanden sind, sind nicht ohne weiteres aufzulösen. Diese Beziehungsabhängigkeit ist eine gegenseitige und bedarf deshalb einer intensiven Betreuung beider Beziehungsparteien sowie einer individuellen Gestaltung des Ablösungsprozesses.

Auf Dauer könnte ein Regelangebot der LIW dazu führen, dass Menschen mit Assistenzbedarf früher aus dem Elternhaus ausziehen können bzw. dürfen und dadurch der Schritt in ein selbstgestaltetes und selbstverantwortliches Wohnen möglicherweise leichter zu bewältigen ist.

Die LIW - Gemeinsames Wohnen von Menschen mit und ohne Assistenzbedarf

Außenperspektiven und Innenperspektiven

Eine wichtige Erfahrung in der LIW ist, dass Widersprüche permanent auftauchen und auch von den BewohnerInnen wahrgenommen werden, aber wenig ins Blickfeld von Außenstehenden geraten. Auf den ersten Blick übt das gemeinsame Zusammenleben auf BesucherInnen etc. eine Faszination aus, die sich aus dem, was die BewohnerInnen und Mitarbeiter selbst mit der Menschlichkeit, Toleranz etc. beschreiben, speist.

Von Anfang an war immer wieder zu beobachten, dass eine einseitige positive Darstellung und Bilanzierung der LIW bei den direkt Beteiligten Widerstände hervorruft. Umgekehrt werden bei einem Blick hinter die Kulissen und bei der Diskussion von Grenzen der Wohngemeinschaft von den BewohnerInnen die positiven Seiten wieder hervorgehoben. Die folgende Passage aus dem Gespräch mit den Mitarbeitern macht sichtbar, dass die LIW als eine Welt, die dem mainstream der Leistungsgesellschaft nicht folgt und dadurch Faszination und Begeisterung erntet, gleichzeitig Anteile des Versagens bzw. Scheiterns hervorbringt. Dieses Leid - oder mit Bourdieus treffendem Begriff zu reden - dieses "positionsbedingte Elend" darf nicht unter den Tisch gekehrt und nicht auf den Bereich des Privaten beschränkt werden.

MITARBEITER A: Ja, das hat auch - ich denke wieder, so die Außenwirkung ist halt toll. Da sieht man einfach, also schon mal, das ist kein Heim, wo jetzt was weiß ich wie viele da gemeinsam versorgt werden und wo in der Pampa das niemand mitkriegt, sondern mitten in der Stadt, Menschen mit und ohne Behinderung, im Gemeinwesen zum Teil integriert, man geht gemeinsam einkaufen, man isst gemeinsam, man lebt zusammen, das hört sich schon mal absolut gigantisch gut an. Aber wenn man's dann genauer anguckt, dann sieht man einfach, überall sind Grenzen, weil es sonst auch für die Menschen ohne Behinderung nicht tragbar wäre, dort zu wohnen. Und ich muss die auch bewundern, das muss ich echt sagen, das ist schon toll, wenn jemand sagt, ich möchte jetzt ein Jahr so leben mal.

MITARBEITER K: Es hat ja auch etwas verdammt Positives in der WG, diese Menschlichkeit, dieses Chaos und diese Menschlichkeit, das ist das, was die WG auch so trägt. Die Leute, die dort wohnen, die sind chaotisch ohne Ende, sind aber wahnsinnig menschlich drauf, und das ist das, was du heutzutage in unserer perfekten Welt oft nicht mehr findest, und das macht auch die WG aus. Und dann ist es auch für mich okay als Hauptamtlicher, da hinzukommen und dieses Chaos ein wenig zu pflügen, das Chaos ein wenig zu organisieren und zu richten. Trotzdem bleibt da noch genügend Chaos übrig. (Mitarbeiter :51)

Ein wesentlicher Unterschied zu Lebenswelten, in denen Menschen mit Assistenzbedarf als Gruppe betreut werden, liegt darin, dass ein gemeinsames Wohnen von Menschen mit und ohne Assistenzbedarf strukturell und interaktiv bzw. kommunikativ andere Prozesse in Gang setzen kann. Was hier mit "Menschlichkeit" bezeichnet und ausgezeichnet wird, entfaltet sich in den folgenden Aspekten, die diesen umfassenden Begriff an konkreten Beispielen begreifbarer bzw. fassbarer machen möchten.

Selbstgestaltung und Barrieren

Privates Wohnen ist verbunden mit Selbstgestaltungsmöglichkeiten des Alltags. Die LIW bietet hier durch die Anwesenheit von BewohnerInnen ohne Assistenzbedarf eine Garantie des Privaten, die auch von der Institution respektiert wird. Im Unterschied zu einer Wohngruppe ohne BewohnerInnen mit Assistenzbedarf besteht in der LIW die Notwendigkeit, bisherige Grenzen zu überwinden. In einer Diskussion über die weniger angenehmen Seiten in der Wohngemeinschaft und im Zusammenleben wurde von den BewohnerInnen ohne Assistenzbedarf u. a. auch erwähnt, dass die Konfrontation mit anderen Bewältigungsformen und Empfindlichkeiten eine Barriere darstellt, mit der jede/r Einzelne umzugehen lernen muss.

BEWOHNER F: Wir haben die Möglichkeit hier, die Regeln stellen wir zum großen Teil selber auf, mit Hilfe von Dr....(Mitarbeiter), weißt du, also das machen wir schon so, wie wir das wollen.

BEWOHNER H: Wir können alle heimkommen, wann wir wollen.

BEWOHNER F: Ja, das wäre zum Beispiel etwas ... nein, also ich denke, das ist eher etwas Positives, wenn da jetzt niemandem was einfällt, das wäre halt das Gelabere, ständig könntest du dich über irgend etwas beschweren, das ist schon klar. Ich könnte mich beschweren, dass die Clara ...

BEWOHNERIN E: ... sabbert ..., dass die dann überall ihren Rotz dann ablässt oder so, schon beim Essen, das ist echt schon irgendwo sehr ..., wenn sie immer alles so antatscht da, die Wurst ... äh und zack - beim Gsälz überlege ich mir's zweimal, gucke ich erst, ist's astrein oder ...

I: Ja, da muss man schon Grenzen überschreiten, nicht wahr.

BEWOHNERIN E: Am Anfang, wenn ich die Zuckerdose da aufgemacht habe ... hingestellt und neuen Zucker geholt. Aber das weißt du halt irgendwie, wenn du hier einziehst, dass es halt keine normale WG ist, sondern halt irgendwie ein Projekt ist und dass man das halt irgendwie in Kauf nehmen muss.

(Interview mit BewohnerInnen ohne Assistenzbedarf. :30)

Selbstbestimmung in angenehmer Atmosphäre

Zunächst antworten die BewohnerInnen mit Assistenzbedarf auf die Frage hinsichtlich des Besonderen in der Wohngemeinschaft mit "alles". Bei der weiteren Konkretisierung der Frage kommen Beispiele, die die Stimmung in der Wohngemeinschaft für sie charakterisieren. Für die BewohnerInnen mit Assistenzbedarf liegt der besondere Reiz der Wohngemeinschaft in der Atmosphäre und Gemeinschaft, die sie wie alle anderen auch als ein Lebenselixier einnehmen. Gerade auch Menschen mit Assistenzbedarf gelingt es, Atmosphäre und Wohlbefinden in der Wohngemeinschaft herzustellen. Die Entscheidungsfreiheit in bezug auf ihre Freizeitgestaltung, die Bettgehzeiten sind neue Räume, die allen, die von zu Hause ausziehen, ein selbständigeres Leben ermöglichen.

I: Was gefällt dir hier gut?

BEWOHNERIN B: Die Atmosphäre hier, die Menschen.

I: Kannst du das ein bisschen beschreiben?

BEWOHNERIN B: Wenn die Andrea (Bewohnerin m.A) abends oder morgens aufsteht und lacht uns an zum Beispiel und die Clara (Bewohnerin m.A.) da reinfliegt und macht auch ein´ Scheiß, manchmal und der Kurt auch.

I: Wie ist es mit den anderen, die hier wohnen?

BEWOHNERIN B: Die finde ich auch gut ... Wir können abends manchmal ausgehen. Ins Kino, ins Nepomuk (Szenencafe), Kaffeehäusle-Ausgeh-abende (offenes Cafe der Lebenshilfe im Stadtzentrum) und viele andere Möglichkeiten.

I: Ist es dir wichtig, selbst was unternehmen zu können, entscheiden zu können?

BEWOHNERIN B: Ja, alleine ausgehen mit dem Freund. (BewohnerInnen m.A. :4)

Die Bedeutung der Selbstbestimmung für die BewohnerInnen mit Assistenzbedarf muss vor dem Hintergrund des gemeinsamen Lebens, also in Zusammenhängen, in denen andere relativ unabhängig von ihren Eltern mitleben, betrachtet werden. Jede Form der gutgemeinten "Einmischung" von Eltern in das Wohngemeinschaftsleben lässt sich in der LIW nicht so einfach praktizieren. Hier werden die Eltern mit ihren Vorstellungen - sei es die Gestaltung von Räumen zu bestimmten jahreszeitlichen Anlässen etc. oder bei ihren Besuchen in der Wohngemeinschaft - herausgefordert, ein neues Verhältnis zu ihren "Kindern" zu entwickeln. Die Präsenz von Personen, die unabhängig von ihren Eltern dort wohnen, führt dazu, dass die BewohnerInnen mit Assistenzbedarf sehen lernen, wie es sein kann, sich ohne die Eltern zu bewegen. Gleichzeitig gibt ihnen dieser gemeinsame Alltag den Rahmen, die Wohngemeinschaft zu einem elternunabhängigen Terrain zu definieren.

Assistenz in privater Wohnatmosphäre

Im Unterschied zu Institutionen, in denen Arbeit und privates Leben in der Regel klar getrennt sind, lässt sich in der LIW die Assistenz nicht eindeutig in Arbeit und Freizeit aufteilen. In der LIW ist der Alltag nicht völlig durchstrukturiert, obwohl bestimmte Aufgaben, wie z. B. Abendassistenz oder Zuständigkeiten im Voraus abgesprochen werden. Häufig sind die anderen MitbewohnerInnen auch im Wohnzimmer, so dass BewohnerInnen, die rein organisatorisch im Plan für Assistenzbegleitung eingetragen sind, sowie auch diejenigen, die einfach da sind, die Grenzen zwischen Assistenz und Freizeit nicht ziehen (können), weil sich beides mischt.

Diese Exklusivität, die in der LIW praktikabel ist und besonders geschätzt wird, liegt in der Möglichkeit, ausschließlich "zeiteffektive Begleitung" zu umgehen. Hier ist auch jemand da, der nicht "Dienst" hat oder "auf der Arbeit ist", sondern Alltagssituationen teilt, ohne einen Arbeitsauftrag. Während in der Behindertenhilfe die zeiteffizienten Leistungsberechnungen für Assistenz und Pflege schon zu absurden, menschenunwürdigen Kalkulationen und Praktiken führen, stellt die LIW eine mit Annehmlichkeiten versehene Assistenz bereit. Die Notwendigkeit einer Doppelassistenz beim Aufstehen und Frühstücken, die aufgrund der häufigen epileptischen Anfälle einer Bewohnerin außer Frage steht und in der LIW nicht durch Sachzwänge übergangen werden muss, hat nicht nur für die Bewältigung der Assistenz Vorteile. Sie führt auch dazu, dass Assistenzleistungen nicht nur als Arbeit, sondern auch als ein angenehmes Arbeiten, das den Arbeitscharakter verlieren kann, wahrgenommen wird.

BEWOHNERIN L: Ich glaube, so lange hätte ich's auch nicht ausgehalten, wenn's wirklich Arbeitscharakter gehabt hätte. Das hat man ja am Anfang probiert, alleine, oder dass man das auf jeden Fall macht, aber die Dienste zu zweit, auf jeden Fall.

BEWOHNERIN M: Ja, und das haben wir ja auch selber gesagt, wir machen den sechs-Uhr-Dienst zu zweit, weil das was ganz anderes ist, wenn du das zu zweit machst, dann ist's zehnmal netter einfach, dann ist es nicht so Arbeit.

BEWOHNERIN L: ... wenn die Andrea dann mal ins Bett gemacht hat, und ich habe mit dir Frühdienst gehabt, das war halb so schlimm, also nicht mal.

BEWOHNERIN M: Ja, das ist wirklich ganz anders einfach, und dann freust du dich, dass du es geschafft hast, um sechs Uhr aufzustehen und bis um sieben Uhr bist du fertig mit allem, dann ist der Tag noch vor dir, ja, ich finde, da kannst du alles viel relativer sehen.

(Interview mit ehemaligen BewohnerInnen

o.A. :66/67)

Wohnen in der Gemeinschaft

Im folgenden Textbeispiel wird aus der Sicht der derzeitigen BewohnerInnen die Vermischung von Assistenz und Wohnen, von gemeinsamen Bezügen, die nicht nur unter dem Aspekt der Assistenz stehen und die vorangestellte Perspektive der ehemaligen BewohnerInnen unterstreichen, nochmals betont. Die Gemeinschaft, die hier als besonderes Merkmal der Wohngemeinschaft bezeichnet wird, weist darauf hin, dass in einer individualisierten Welt, in der wir uns zurechtfinden müssen, der Wert der Gemeinschaft, der Zusammengehörigkeit und Zugehörigkeit in der LIW realisierbar sein kann.

I: ... wenn ihr noch mal überlegt, was findet ihr das Besondere hier, oder was gefällt euch besonders daran, hier zu wohnen, was macht das Wohnen interessant ?

BEWOHNERIN E: Die Gemeinschaft auf jeden Fall. Das sind nicht bloß Dienstzeiten, sondern dass man auch gern so hier ist oder auch untereinander etwas unternimmt so und man einen schönen Garten hat, so im Sommer.

BEWOHNER F: Einfach, das mit den Leuten stimmt, und man freut sich aufeinander und übereinander, und das ist ganz arg toll. ...

BEWOHNERIN E: Dass man auch einen Zusammenhalt hat, dass keiner da gegen den anderen sich aufspielt, dass man zusammenhält untereinander.

BEWOHNER F: Das ist ein Glücksfall auch in einer WG. (BewohnerInnnen o.A:14)

Professionelles Profil: So viel "Fachlichkeit" wie nötig

Einen wesentlichen Beitrag zur privaten Atmosphäre in der Wohngemeinschaft bzw. zum wenig sichtbaren institutionellen Kontext trägt die ungewöhnliche Trägerkonstellation einer großen Einrichtung und einer Elternselbsthilfeorganisation bei, die aus ihren unterschiedlichen Perspektiven die professionellen Aufgaben und die institutionellen Routinen immer wieder hinterfragen. Das Ziel, so wenig wie möglich in die Gestaltung des Alltags der BewohnerInnen einzugreifen und Professionalität anzubieten in den Bereichen, in denen sie erforderlich ist, gibt den BewohnerInnen auch die Möglichkeit, eigene Wohnstrukturen zu entwickeln.

MITARBEITER K: Das ist ja auch etwas Besonderes in der WG, dass es von Anfang an geheißen hat, so wenig wie möglich Fachlichkeit da rein zu stecken, sondern die große Überschrift in der Jurastraße besteht darin, gemeinsam leben, dass es einem gut geht, dass man lachen kann, dass es einem Freude macht, dort zu leben. Und so wenig wie möglich sozialpädagogische Organisation und Pläne und Struktur und piepapo, sondern da mit reingehen und leben und so im Hintergrund versuchen, den Alltag mit zu organisieren oder so zu strukturieren.

(Mitarbeiter :16)

Die nicht vorhandenen institutionellen Strukturen mögen - aus der berufsbezogenen Perspektive - einer notwendigen intensiveren Pflege und Förderung entgegenstehen und auf diesem Terrain das Perfekte vermissen lassen. Diesem institutionellen Vorteil steht ein Sich-zu-Hause-fühlen gegenüber.

BEWOHNERIN M: Aber, ich finde, die (Eltern) sollten gehen und sich dann aber wirklich zurückhalten und einfach das Vertrauen haben, dass die Leute wirklich das machen wollen, denn ich glaube, der Wille und der Wunsch war von uns allen da, dass wir's richtig machen und dass wir gemacht haben, was wir konnten und manchmal - aber weißt du, was dann gefehlt hat zum Perfekten, das ist dann vielleicht das, was so eine Institution ausmacht, was halt einfach menschlich war. Grade vom Pflegerischen her ist eben eine Institution besser, aber ich denke, die Andrea (Bewohnerin mit "Rund-um-die-Uhr-Assistenz) wäre nicht so glücklich, obwohl sie manchmal öfters ein Bad brauchen könnte. (ehem. BewohnerInnen o.A. :66)

Vielfalt und Verschiedenheit

Die Gestaltung des gemeinsamen Wohnens ist von den jeweiligen Personen, die zusammenleben, abhängig. Jede neue WG wird andere Möglichkeiten bereitstellen, je nach den Erfahrungen und Fähigkeiten der BewohnerInnen. Im Unterschied zu einem lebensweltorientierten Wohnkonzept, in dem ausschließlich Menschen mit Assistenzbedarf wohnen, besteht in der LIW die Chance, dass durch den offenen Personenkreis eine größere Vielfalt an Aneignungs- und Bewältigungsformen gelebt wird. Dadurch entsteht für die BewohnerInnen ein "Lernfeld", das sozusagen durch die täglichen Begegnungen allen Beteiligten neue Sichtweisen und Bewältigungsmöglichkeiten erschließen lässt.

TRÄGERVERTRETER V: Ja gut, natürlich, aber versucht ihr auch, wirklich so ein Konzept von Alltagsorientierung, Alltagsbewältigung aufzubauen? Die Frage wäre dann allenfalls, inwiefern bietet die Wohngemeinschaft einfach vielleicht doch ein bisschen mehr Möglichkeiten als eure Wohngruppe? Ich denke, in vielen Punkten unterscheidet sie sich nicht. Was die andere Dimension halt ist, ist dass das Gefälle, die Unterschiedlichkeit oder die Verschiedenheiten halt im Grunde größer sind, die auf der einen Seite dann auch Probleme, aber unter Umständen halt auch wieder andere Lernmöglichkeiten schaffen können.

TRÄGERVERTRETER U: ... dass die Lernmöglichkeiten natürlich immer abhängen von den Menschen, die dort auch leben, das ist klar.

TRÄGERVERTRETERIN S: Ich denke, die ganze Situation ist einfach anders.

TRÄGERVERTRETER U: Vom Ansatz her ist das natürlich schon auch in eine Wohngruppe umgesetzt worden. ...

TRÄGERVERTRETER V: Also eigentlich, wenn ich das jetzt in der Wohngemeinschaft sehe, dann denke ich schon, da haben wir's ja so definiert, dass wir dort Menschen wohnen haben wollen, die keine Behinderung haben und andere Leute, die Behinderungen haben, das haben wir ja so definiert im Voraus. In der Nelkenstraße (herkömmliche Wohngruppe im Stadtteil), um das Beispiel aufzugreifen, wohnen Leute mit Behinderung, aber mit unterschiedlicher Behinderung durchaus, da gibt's unterschiedliche Möglichkeiten, und jeder bringt seine Möglichkeiten ein. ...es wohnt jetzt niemand dort, der praktisch keine Behinderung hat, aber vom Grundsatz können alle voneinander lernen, der eine macht's so, der andere so, es können alle voneinander lernen. Wenn man jetzt sagt, man kann nur im Grunde genommen von den Menschen ohne Behinderungen lernen, dann stimmt das nicht.

I: Das ist ja die Frage jetzt ..

TRÄGERVERTRETER V: Von dem Grundsatz her kann ich ja nicht ausgehen ... mit den Leuten zusammen das lernen können, was dort möglich ist. Es ist nicht bloß möglich zu lernen, was in der Wohngemeinschaft möglich ist, sicher, weil dort auch ganz andere Leute wohnen, aber in der Nelkenstraße ist auch was möglich zu lernen.

TRÄGERVERTRETERIN T: Aber ich glaube halt, wenn ich jetzt wieder vergleiche mit der Hanna (lebt im Heim), das ist halt mein Vergleich, das sind zehn schwerstbehinderte Frauen, sehr auffällige Frauen, und da ist die Situation derartig bestimmt von diesen zehn sehr schwierigen Frauen, dass ich also wirklich, wenn ich einen Hut hätte, dann würde ich ihn ziehen vor den Mitarbeitern, weil die auch die Menschen in ihrer Individualität unheimlich toll behandeln, das muss ich sagen .... aber für mich wirkt das unheimlich anstrengend, wenn die Situation total dominiert ist von diesen Behinderungen.

(Interview mit den Trägern :33)

Chaos und Toleranz

Die LIW ist eine Gegenwelt, die ein Kontrastprogramm zu den bisherigen sicheren, vorhersehbaren und gewohnten Strukturen mit sich bringt. Darin sich zu bewegen ist einerseits anstrengend, weil das Chaotische, das alle auch mit der Wohngemeinschaft verbinden, weniger Zuverlässigkeit und Sicherheit gewährleistet. Andererseits besteht das Besondere an der Wohngemeinschaft gerade in Begriffen wie Menschlichkeit, Offenheit, Toleranz, die mit den Zügen des Chaotischen in Verbindung gebracht werden. Verstehen wir wie Bauman Chaos als einen Zustand, der die Lebensverhältnisse in Opposition zur Ordnung widerspiegelt (Bauman 1992 :17) und die BewohnerInnen davor bewahrt, alles in geordneten Bahnen zu denken und lenken, so kann diese Lebendigkeit, die die BewohnerInnen, Mitarbeiter und Eltern so schätzen, als Ausdruck dieser Offenheit gedeutet werden.

I: Machen wir mal eine Abschlussrunde. Was ist das Besondere an der LIW?

MITARBEITER K: Die Menschlichkeit, das Miteinander und die Menschlichkeit würde ich in den Vordergrund stellen.

I: Wie zeigt sich die Menschlichkeit? Kannst du das näher beschreiben?

MITARBEITER K: Dass sie offen sind, alle sind trotzdem sehr offen für alle neuen oder fremden Leute, die kommen, die uns besuchen oder die sie besuchen. Es ist eine große Toleranz da und eine große Offenheit, die Leute auch mit reinzunehmen und auch das WG-Leben zu zeigen, egal wie chaotisch oder dreckig es ist, in Anführungsstrichen.

ZIVI J: Da ist's immer dreckig.

MITARBEITER K: Für meine Begriffe auch nicht ... und auch immer wieder verblüfft mich die WG,, wenn's manchmal ganz schlecht aussieht, dass sie alle schlecht drauf sind, oder dass es irgendwie, ja, dass sie schlecht drauf sind und dass es irgendwie so irgendwo den Berg runtergeht. Dann kann ich am nächsten Tag kommen, und die Leute strahlen wieder, sind gut drauf und lachen viel. Also weißt du, die holen sich dann auch wieder irgendwie raus, das haben sie schon drauf. Manchmal wenn's ganz arg trist ist oder wenn auch ganz arg viele Schwierigkeiten da sind, kann's am nächsten Tag schon wieder ganz anders sein. Und bei allen Schwierigkeiten dieses Zusammenlebens finde ich's trotzdem immer noch spannend, diese WG mit dieser Art von Chaoten, einfach auch immer in bezug auf die Behinderung auch ... trotzdem ist's für mich immer spannend, dort hinzugehen, und ich geh' auch trotzdem noch gern hin.

MITARBEITER A: Es ist halt total vielschichtig, also grade, du hast ja vorhin schon gesagt, dass sie so offen sind, dass Besuch kommen kann. Es hat so unterschiedliche Persönlichkeiten, da ist so viel Leben drin, das finde ich schon ungewöhnlich. Da pulsiert ständig was, da kommen die Einzelnen dann mit ihren Eindrücken, die sie haben, die kommen dann ins Wohnzimmer, und dann kommen da Besucher und so, das ist so vielschichtig, so interessant.

I: Das sind doch aber auch bloß acht Leute, ich meine, was ist da das Besondere? ...

MITARBEITER A: Es ist halt einfach, es sind halt einfach ein Haufen Leute, egal, ob sie jetzt eine Behinderung haben oder nicht, und dann kommt ja auch Besuch, und dann kommen auch Angehörige, klar, aber hauptsächlich auch Besuch und zwar auch grade, weil sie auch vom Alter her so auseinander sind und auch so unterschiedliche Berufsfelder drinstecken oder nicht drinstecken und im Werden sind und so. Das finde ich schon heiß, das ist sehr abwechslungsreich. (Mitarbeiter :69-70)

Chaos hat einen negativen Touch, obwohl darin Bewegung Raum erhält und es nicht durch starre Strukturen gekennzeichnet ist. Vor allem - und das scheint mir wichtig zu sein für die Bewertung der LIW - hält das Chaos einen Raum vor, in dem Widerspruch, Unvereinbarkeiten, Ambivalenz etc. nicht beseitigt werden (vgl. Bauman ebd.:19).

Offenheit und Ängste

Die Vielfalt und Heterogenität der BewohnerInnengruppe stellten sich als ein Spannungsfeld dar. Sie bieten Chancen, sich selbst zu erleben mit der Herausforderung, das bisherige Leben ein Stück weit hinter sich zu lassen. Die Persönlichkeit jeder einzelnen BewohnerIn kann in den Vordergrund treten und dadurch die bisherige Erfahrung von Zuschreibungen durcheinanderwirbeln. Als Folge können Unsicherheiten und Ängste auftreten. Wohin es dabei geht, bleibt offen.

PRAKTIKANTIN Y: ...gerade die Unterschiedlichkeit ist das Besondere, die unterschiedlichen Lebensstile, Lebensweisen, ...da liegt irgendwas Besonderes in der Luft, das ist irgendwie spannend. Und ich denke, gerade auch da liegt auch die Chance für die Leute mit Behinderung, weil da wirst du nicht in eine Schablone gedrückt, da bist du du, du kannst es auch sein. ...

MITARBEITER K: Und dann finde ich, dass es da irgendwie ganz arg viel hapert, weil da die Menschen mit Behinderungen doch dermaßen aus Strukturen rauskommen. Wenn du das im Alltag siehst, da knallen einfach jedes Mal Welten aufeinander. ...ich denke, das stimmt so, dass das eigentlich eine Chance für die Leute mit Behinderung darstellen könnte oder sollte, aber meistens ist das eine ganz große Angst und eine Unsicherheit, die sich jetzt bei der Birgit zum Beispiel absolut zeigt, absolut. Und ich weiß nicht, wie's mit dem David eigentlich ist.

(Mitarbeiter :71)

Auflösung von gängigen Ordnungsschemata

Das bisherige Ordnungsschema Behinderung und Normalität bricht in der LIW auf, weil auch zu sehen ist, dass die sogenannten nichtbehinderten BewohnerInnen ihre "Päckchen" im Alltag zu tragen haben und einige Dinge auch nicht so gut geregelt bekommen, zum Teil auch ganz massive Probleme haben, die in Relation zu dem Unterstützungsbedarf von BewohnerInnen mit Assistenzbedarf nicht ohne weiteres "harmloser" daherkommen.

Während bei dem folgenden Gesprächsauszug die Arbeitszuverlässigkeit der BewohnerInnen mit Assistenzbedarf hervorgehoben wird, von der sich die BewohnerInnen ohne Assistenzbedarf eine Scheibe abschneiden könnten, entstehen im gemeinsamen Wohnen noch weitaus mehr Felder, in denen die Unterscheidung nach Assistenzbedarf verschwimmt.

MITARBEITER K: ...Zum Beispiel gehen unsere Leute oder die Leute in der WG gehen alle jeden Tag zur Arbeit. Höchstens denen geht's wirklich mal schlecht, dass sie Magenweh haben oder dass sie ... wie bei jedem anderen auch. Ich kenne das von den anderen Gruppen, dass die da alles Mögliche erfinden und boxen und treiben, dass sie ja nicht in die WFB raus müssen. Unsere Leute sind dermaßen diszipliniert in der Hinsicht, die stehen jeden Tag auf und gehen ins Geschäft. Da muss ich sagen, da dreht sich der Stiefel um, dass ich manchmal denke, da möchte ich mal mehr mit den anderen ein bisschen drüber schwätzen, was da eigentlich los ist.

I: Bei den Menschen ohne Assistenzbedarf.

MITARBEITER K: Was ich da schon mitgekriegt habe, ob das der Oskar war, die Lisa oder jetzt auch die Eva oder der Felix sozusagen, die gucken auch, wie sie irgendwie ab und zu mal ein bisschen was schleifen lassen, aber die anderen vier sind dermaßen diszipliniert, was das betrifft, man steht morgens auf und geht zur Arbeit. Wenn ich dann höre, wenn sie (andere MitarbeiterInnen) von den anderen Gruppen berichten, das ist dort so konträr, das gibt's bei mir nicht oder bei uns nicht, sondern die plagen sich sogar noch hin, wenn sie krank sind teilweise.

(Mitarbeiter :52)

Es steht außer Frage, dass die BewohnerInnen mit Assistenzbedarf mehr Unterstützung benötigen aufgrund ihrer besonderen Lebenslage. Wird der Blick aber nicht auf den besonderen Assistenzbedarf fokussiert, sondern werden die Bewältigungsmustern im Ganzen betrachtet, so gibt es in der LIW Situationen, in denen mann/frau sich fragt: Wer braucht da eigentlich wen? Die gängige Vorstellung, dass Menschen mit Assistenzbedarf in "normalen" Lebensbezügen wesentlich mehr Entwicklungsmöglichkeiten offen stehen, ist nur eine Seite der Medaille und ein typisches Einbahnstraßen-Denken. Menschen ohne Assistenzbedarf können im gemeinsamen Alltag auch viel dazulernen, sich ganz neue Sichtweisen über das eigene Leben erschließen und insbesondere von der direkten Reaktion, der Offenheit und Emotionalität der BewohnerInnen mit Assistenzbedarf vieles abholen, was ihnen für die eigene Bewältigung des Alltags hilfreich sein kann.

Zum Schluss dieses Kapitels steht ein Gesprächsauszug, in dem für mich zusammenfassend die bisherigen Aspekte, die die LIW charakterisieren, treffend mit dem Begriff des "Lebendigen" auf den Punkt gebracht werden.

Lebendigkeit und gegenseitiges Wohlwollen

Aus der Retrospektive der ehemaligen BewohnerInnen wird das Lebendige der Wohngemeinschaft und ihre BewohnerInnen zum zentralen Begriff. Immer wieder die Eigeninitiative und Fähigkeit zu entwickeln, schwierige Situationen zu beleben, spiegelt dieses Pulsieren wider und verkörpert die Energien, die in dieser Wohnform entstehen können.

I: Gibt's noch was ... irgendwas, was ihr noch sagen wollt, was ihr noch loswerden wollt zu dem Thema?

BEWOHNER O: Ich bereue es immer noch nicht, dass ich da gewohnt habe.

BEWOHNERIN M: Nein, auf keinen Fall.

BEWOHNER O: Es war eigentlich schon eine Super-Zeit eigentlich.

BEWOHNERIN M: Ja natürlich. Und ich finde, so muss das sein, es war immer nie langweilig, es war wirklich immer so kurzweilig, das war wirklich immer so. Es war auch immer voller Überraschungen, wenn's auch manchmal keine so netten waren, aber irgendwie, es war sehr lebendig. Ich finde so das Wort lebendig, das ist für mich das Wort, das für die Wohngemeinschaft passt. Und ich finde, die Leute sind lebendig gewesen. Da gehört halt wirklich beides dazu und ich finde halt grade jetzt noch mal in bezug auf die Eltern, weil ich finde, denen ihre Rolle ist wirklich nicht einfach, weil die sind eigentlich ja bloß von außen und gucken rein, und die möchten gern mitschwätzen, aber wir wollen das eigentlich nicht so. Und ich finde, was wir von unseren Eltern, eigentlich haben wir schon so das Wohlwollende, ich denke, also ich finde, das hab' ich immer schon gespürt, dass sie's wirklich mit uns wohl wollen und sie meinen's gut, und ich glaube, wenn sie sich das erhalten können oder wenn die Eltern das haben und kein Misstrauen, ich finde, das stärkt dann irgendwie schon. Und wenn man weiß, wie das gewürdigt wird, und das ist eigentlich auch von der Frau S. und von ... das ist schon immer wieder signalisiert worden. Und ich finde, also das finde ich toll, wenn die Eltern das können, wenn sie das wirklich sagen können und gleichzeitig ohne den Anspruch dann, ohne Anspruch das äußern zu können, dass sie nichts rückerwarten, dass wir ihnen auch was geben, sondern eigentlich - mir war's am liebsten, sie haben bloß gegeben und nichts wollen, weil ich war in der Situation, wo ich da gewohnt habe, war die Gebende, nicht bloß, aber ja, aber es war schon viel, was man gegeben hat und wenn man den Eltern auch noch hat geben müssen ... (ehem. BewohnerInnen o.A. :64/65)

Diese Form des Lebendigen lässt sich wahrscheinlich nur entwickeln, weil von außen - hier im Textauszug am Beispiel der Position und Situation der Eltern aufgezeigt - nicht ständig Ansprüche eingefordert werden. Das Gefühl und Vertrauen, dass alle Beteiligten der Idee und Praxis der LIW positiv gegenüberstehen und keine Interessengruppe aufgrund der strukturellen Bedingungen grundsätzlich eine Oppositionsrolle einnehmen muss, sondern für alle eine Teilhabe und Mitgestaltung möglich ist und somit jede Einzelne auch zum Gelingen der Inklusionsumsetzung beitragen kann, bieten eine Basis, auf der das Lebendige sich übertragen lässt. Die Folge ist, dass diese Lebendigkeit in den Räumen der Wohngemeinschaft spürbar ist, auch wenn sie zum Teil "dicke" Konflikte, besonders anstrengende Bewältigungsmuster, chaotische Zustände, auch Verzweiflung und Unzufriedenheit hervorbringt. Aber bisher scheint immer das Moment des Lebendigen durch bzw. bildet einen Widerhaken, der die Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten zurückdrängt und den Schein des Glanzes, des Lichtes nicht verblassen lässt.

Die ehemaligen BewohnerInnen sind erst vor kurzem aus der Wohngemeinschaft ausgezogen. Sie sind dem Alltag der Wohngemeinschaft "entronnen" und blicken mit einer Distanz zurück. Rückblickend können Situationen verklärt bzw. idealisiert oder klarer erkannt werden. Da sie alle vor allem wegen beruflicher Veränderungen aus der Wohngemeinschaft ausgezogen sind und heute immer noch regen Kontakt zu der Wohngemeinschaft haben, sind keine "offenen Rechnungen" zu begleichen. Wenn aus dem Gespräch mit den ehemaligen BewohnerInnen ein vorsichtiges Fazit gezogen werden kann, dann war zu beobachten, dass sie die Positionen der anderen Beteiligten aus der Distanz facettenreicher sehen.

Besonderheiten im Vergleich zu anderen institutionellen Angeboten

Im Gegensatz zu anderen institutionellen Angeboten zeigt das integrative, lebensweltorientierte Wohnprojekt, in dem Menschen mit und ohne Assistenzbedarf zusammenwohnen, dass sich das Verhältnis von Selbstbestimmung und Abhängigkeit in einer anderen Weise herstellt. Die Aussagen von den BewohnerInnen, Mitarbeitern, Eltern und Trägern bestätigen, dass die Eingebundenheit der BewohnerInnen ohne Assistenzbedarf in die Wohngemeinschaft den institutionellen Charakter verhindert und die Privatsphäre des Wohnens garantiert. Schon allein die Tatsache, dass ein Besuch in der Wohngemeinschaft von Seiten der Leitung (Träger) erfragt wird (im Gegensatz zur Ankündigung), zeigt die Akzeptanz der Privatsphäre.

Der "Zugriff" auf die BewohnerInnen bleibt somit weitgehend verwehrt. Die Position und der Status der BewohnerInnen tendieren eher zu Bedingungen, wie sie in privaten Lebensformen üblich sind. In diesem Zusammenhang lassen sich auch Veränderungen hinsichtlich der institutionellen Abhängigkeit wahrnehmen: In dieser Wohnform haben die BewohnerInnen eine Machtposition, die ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft von Seiten der Institution voraussetzt. Die Vermittlungsarbeit des hauptamtlichen Mitarbeiters wird deshalb zu einer zentralen Aufgabenstellung.

Kritische Einschätzungen zu dem gemeindenahen Wohnen (vgl. z. B. Dalferth 1997) geben Anlass zum Nachdenken. Es bleibt z. B. zu bedenken, dass diese Wohnform nicht allen möglichen AdressatInnen entspricht, so wie auch viele andere Bürger nie in eine Wohngemeinschaft ziehen oder darin nicht zurecht kommen (würden).

Bis jetzt äußern sich die BewohnerInnen trotz aller auftretenden Schwierigkeiten und vorhandenen Veränderungswünsche positiv über die Möglichkeiten, die sich ihnen durch diese Wohnform erschlossen haben.

Dabei müssen Bewältigungsschwierigkeiten, die sich in der Wohngemeinschaft ergeben, vor dem jeweiligen konkreten Hintergrund bzw. im speziellen Kontext betrachtet werden: Nehmen wir z. B. die Ablösungsschwierigkeiten von Eltern und ihren Söhnen/Töchtern. Die Attraktivität des Wohnangebots liegt darin, dass vorhandene Ängste hinsichtlich der Ablösung individuell bearbeitet werden können. Für einige BewohnerInnen sind mit dem Einzug in die Wohngemeinschaft Probleme entstanden, die sie bisher nicht hatten: Einerseits der Anspruch, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, an einem eigenen Ort zu leben und andererseits gleichzeitig die Beziehungen zu den Eltern neu zu gestalten. Diese Herausforderung anzunehmen und im Alltag damit leben zu können, ist nicht einfach. Aber wenn sie heute noch bei ihren Eltern leben würden, wäre das Wohnthema in den Beziehungen zwischen den Eltern und Töchtern/Söhnen - vielleicht sogar unausgesprochen - virulent, aber praktisch aufgeschoben.

Positive Effekte innerhalb der LIW sind nur zu erreichen, wenn die Rahmenbedingungen in einer lebensweltorientierten integrativen Wohngemeinschaft für alle Beteiligten annehmbar sind. «

Was darunter zu verstehen ist, wird in "Leben in Widersprüchen" aus unterschiedlichen Perspektiven versucht, zusammenzutragen und zu bündeln.

"Leben in Widersprüchen" kennzeichnet den Alltag der LIW. Dabei werden gesellschaftliche Widersprüche, Widersprüche zwischen Ehrenamt und Professionalität, zwischen privat und öffentlich, zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit usw. sichtbar.

Im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung stehen die Erfahrungen der Beteiligten (BewohnerInnen, Mitarbeiter, Eltern und Träger) mit ihren unterschiedlichen Positionen und Perspektiven auf den Alltag der Wohngemeinschaft. Weiterhin werden Diskussionen über Rahmenbedingungen und Standards einer lebensweltorientierten integrativen Wohngemeinschaft dokumentiert.

Der Auszug ist aus dem im vergangenen Monat erschienenen Buch: Jerg, Jo: Leben in Widersprüchen, Diakonie Verlag, Reutlingen 2001. ISBN 3-930061-74-0, 180 Seiten

Literatur

Bauman, Zygmunt: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 1992

Dalferth, Matthias: Zurück in die Institutionen? Probleme der gemeindenahen Betreuung geistig behinderter Menschen in den USA, in Norwegen und Großbritannien. In: Geistige Behinderung 4/97. S. 345-357. 1997

Autor

Jo Jerg

Evang. FH Reutlingen-Ludwigsburg

Ringelbachstraße 221

D-72762 Reutlingen

jo.jerg@t-online.de

Jerg, Jo 1998: Koi Wunder. Erste Erfahrungen in einer integrativen, lebensweltorientierten Wohngemeinschaft, Reutlingen, Diakonie-Verlag

Zu beziehen über Evang. FH Reutlingen-Ludwigsburg, DM 8,- einschließlich Versand.

Quelle:

Jo Jerg: Lieber lebendig als normal. Ein-Blick in die "Besonderheiten" der Lebenswelt-orientierten Integrativen Wohngemeinschaft (LIW)

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 5/01, Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 28.03.2006

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation