Aus Grolls Skizzenbuch

Die Hunde von Piräus

AutorIn: Erwin Riess
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr.5/2001; Thema: Bewegung statt Fitness Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (5/2001)
Copyright: © Erwin Riess 2001

Inhaltsverzeichnis

Die Hunde von Piräus

Es heißt, Piräus sei die Stadt der Schiffe und der Häfen. Aus diesem Grund hatte Groll auf der Reise nach Zypern ein paar Tage Aufenthalt eingelegt, um die berühmten Häfen und den Schiffsfriedhof von Salamina zu besuchen. Schon am ersten Tag aber hatte Groll die Erfahrung machen müssen, dass Piräus nicht nur die Stadt der Schiffe ist. Piräus ist auch die Stadt der Hunde. Er war oberhalb des Hafens eine Seitengasse entlang gerollt, am frühen Nachmittag, mitten auf der Straße, die leer und ausgestorben war wie die Bürgersteige und Straßencafés, und unvermittelt hatte er sich in einem Rudel schwarzer, räudiger Hunde wiedergefunden, die mit hechelnder Zunge seine Verfolgung aufnahmen. Groll versuchte, mit ruhigen und kraftvollen Handstößen den Rollstuhl zu beschleunigen. Er fuhr in der Straßenmitte, um den Hunden, die in Ellbogenbreite neben ihm herliefen, die Zähne fletschten und knurrten, keine Angriffsmöglichkeit zu bieten. Auch vermied er es, den Leithund, der Groll am nächsten kam und mit einem schnellen Biss jederzeit Grolls Knie hätte erreichen können, anzusehen. Er fuhr nur so schnell er konnte die Gasse entlang. Er hoffte, dass irgendwann die Hunde aufhören würden, ihr Revier zu verteidigen oder dass ein Auto entgegenkommen möge, das die Hunde von ihm separieren würde. Aber die Gasse setzte sich über viele Kreuzungen schnurgerade fort, keine Menschenseele war zu sehen, kein Auto, kein Radfahrer kreuzte Grolls Bahn, und die Hunde gebärdeten sich aggressiver. Groll fuhr jetzt so schnell der Rollstuhl es zuließ, er spürte den warmen Atem der hechelnden Tiere und er spürte, wie die Hatz sie von Minute zu Minute wilder machte. Der Leithund fing an, nach den Schuhen zu schnappen, was Groll veranlasste, noch mehr zu beschleunigen. Die Vorderräder begannen zu flattern, Groll musste das Tempo zurücknehmen, was die Hunde mit einem triumphierenden Jaulen quittierten. Da spürte Groll, wie das Rollstuhlnetz von Bissen gebeutelt wurde, und von diesem Moment an war es um seine Selbstbeherrschung geschehen: Er bremste abrupt, so dass die Hunde einige Meter voranstürzten und vor Überraschung übereinander strauchelten. Groll brüllte wie ein gehetztes Wild. Langsam nahm er wieder Fahrt auf, weiter brüllend, und er sah dabei den Hunden mit allem Hass, der sich in ihm aufgestaut hatte, in die Augen; er brüllte aber auch die Menschen, die sich jetzt in Hauseinfahrten und auf Balkons zeigten, an, er beschimpfte sie in der unflätigsten Weise, auf jedes Lebewesen, das in seine Nähe kam, schrie er wie ein Besessener ein. Er brüllte die Passanten noch an, als er längst am Hafen angelangt und von den Hunden nichts mehr zu sehen war, und die Menschen sprangen zurück, machten den Gehweg frei, und wandten sich erschrocken von ihm ab.

Quelle:

Erwin Riess: Aus Grolls Skizzenbuch - Die Hunde von Piräus

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 5/01,

Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 27.04.2006

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