Behindertsein I- Bedeutung und Würde aus eigenem Recht

oder: Die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens als Postulat der Vernunft

AutorIn: Fredi Saal
Themenbereiche: Eugenik
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 4/5/1998. Thema: Ich will arbeiten! Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (4/5/1998)
Copyright: © Fredi Saal 1998

I Das Leben muß sich im Interesse des eigenen Seins als ganz und gar unangreifbar erweisen.

Anscheinend nicht zu Unrecht wird darauf verwiesen, das Argument der Werte sei in der Beurteilung menschlicher Existenz fehl am Platz, weil diese an Seinsqualitäten mehr in sich berge, als die bloße Wertzuschreibung erkennen lasse. Man möchte dieser Sicht des Menschlichen spontan und erleichtert zustimmen. So schlimm kann es um den Stand des Humanen nicht stehen, wenigstens nicht, solange solche Anschauungen die Diskussionen beherrschen. Doch dann straft die gleichzeitige Rede von lebenswertem und lebensunwertem Dasein unseren Überschwang in der Überhöhung des Menschseins, die es verbietet, es wie eine x-beliebige Sache anzugehen, sehr rasch Lügen. Was wir zuvor als nicht festlegbaren Kern eines unfaßbaren Wesens auszumachen suchten, gerät uns unter der Hand wieder zur Verdinglichung einer Sache, die wir unseren Wertmaßstäben unterwerfen. Ihnen ist nicht mit metaphysischen Zurechtweisungen zu begegnen. Weigern wir uns, uns auf die Ebene der rationalistischen Betrachtungsweise der Wert - "Ethiker" einzulassen, sind wir rettungslos verloren. Hier zählen nur empirische Fakten.

So kommen wir gar nicht umhin, dem Leben als höchsten Wert des Daseins erst einmal ohne Wenn und Aber absolute Geltung zu verschaffen. Alles andere läßt sich zumindest der Möglichkeit nach wieder in sein altes Recht einsetzen, solange wir uns auf der Bühne des Lebens halten. Eine vorzeitig ums Dasein gebrachte Existenz aber bleibt auf immer einer eventuellen "Wiedergutmachung" entzogen.

Daraus ergibt sich zwingend eine nicht zu relativierende Schranke menschlichen Handelns: Die Achtung vor dem vitalen Dasein humaner Existenz. Wird diese Schranke ignoriert, entzieht es sich selbst den Boden, auf dem es allein stehen kann - der Existenz eines jeden Individuums. Damit wird reine Unantastbarkeit zur unabweisbaren Relevanz. Sie stellt das höchste Gut humaner Existenz dar, weil es sich durch nichts ersetzen läßt. Kein fahrlässig beendetes Dasein kann zurückgeholt werden. Darum stellt die Unantastbarkeit des Lebens keinen nur schönen Akt feinsinniger Menschenfreundlichkeit dar, sondern sie bietet allein die Bedingung meiner eigenen Daseinsmöglichkeit, wenn sich auch für mich die Schicksalsumstände rauh und frostig gestalten. Erst auf dem sicheren Boden der Unantastbarkeit menschlichen Lebens als nicht zu überbietendem Wert kommt zwangsläufig so etwas wie individuelle Würde und individuelle Bedeutung zum Tragen.

Das menschliche Leben muß sich also im Interesse des eigenen Seins als ganz und gar unangreifbar erweisen, soll es auch nur einigermaßen Sicherheit für die nächsten Schritte auf dem Daseinsweg vermitteln. Sonst wird jedes Vertrauen der Existenz hinfällig - im Individuellen wie im Sozialen. Darum findet auch die Freiheit der Wissenschaft an diesem Punkt ihre Grenzen. Es kann nicht erlaubt sein, an der potentiellen (Selbst)-Auslöschung humanen Daseins mitzuwirken. Hier handelt es sich nicht um ein beliebiges Tabu, das bornierte Schwachköpfe um keinen Preis angetastet sehen wollen. Es geht vielmehr um ein Postulat der Vernunft, das niemand auf Dauer ungestraft mißachten darf. Ich bereite mir im Umgang mit dem Anderen virtuell immer mein eigenes Schicksal. Mit dem Ergehen des Mitmenschen bleibe ich unentwirrbar verwoben. In der Sprache von Karl Jaspers heißt dies - setzen wir seinen Begriff der Freiheit mit der Abwesenheit von Bedrohung des Lebens gleich: "Ich kann nur frei sein in dem Maße, als die anderen frei sind".

Es gibt weder eine äußere noch eine innere Sicherheit, solange nicht für jeden absolutes Vertrauen in die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens besteht, mag dieses auch von außen betrachtet noch so wenig lebenswert erscheinen. Alles Leben drängt danach, sich selbst zu erhalten. Nur auf Grund eines solchen Vertrauens läßt sich das Leben überhaupt bewältigen - selbst dann, wenn ich mich noch nicht akut in meiner Existent bedroht sehe. Die Forderung nach Unantastbarkeit humaner Existenz findet ihre fundamentale Entsprechung im globalen Postulat der "Ehrfurcht vor dem Leben". Als Albert Schweitzer in seiner "Kultur und Ethik" mit diesem moralischen Imperativ vor die Öffentlichkeit trat, mag mancher meiner Zeitgenossen hilflos mit der Schulter gezuckt haben: Das ist gewiß edel gedacht, aber wo bleibt die für jedermann unabweisbare Begründung? Heute, in den Jahrzehnten der sich häufenden Umweltkatastrophen wird wohl kaum noch jemand so fragen. Die Antwort liegt inzwischen zu sehr für jeden unübersehbar auf der Hand. Wollen wir als Ganzes überleben, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die "Ehrfurcht vor dem Leben" in konkrete Praxis umzusetzen. Wollen wir als Individuum würdig bis ans natürliche Ende unsere Existenz auskosten, muß uns die Unantastbarkeit des Lebens zur absoluten Verpflichtung werden. Danach erst lassen sich Fragen der Bedeutung und Würde des Individuums glaubwürdig erörtern.

Unter diesem Blickwinkel könnte es nun so scheinen, als handele es sich auch bei meiner Reputation in meiner Lebenswelt um einen geliehenen Mantel, den mir der Andere als Vertreter des Gesellschaftlichen zuwirft, um damit meine existentielle Blöße zu bedecken. Doch dies wäre ein folgenschwerer Irrtum. Denn das hieße, sich auf Gedeih und Verderb dem Gutdünken eines Anderen auszuliefern. Das wäre unvermeidbar, weil Bedeutung und Würde des Menschen einen schweren Stand haben, sobald sie das Maß bestimmter Standards unterschreiten. Dies betrifft Schwerbehinderte nicht weniger als chronisch Kranke, hilflose Alte und andere Ausgegrenzte innerhalb einer sozialen Gemeinschaft. Hier hilft kein Grundgesetzartikel, keine religiöse Form, kein humanitärer Anspruch. Da es um Zuwendungen geht, die je nach der emotionaler Gestimmtheit von mir dem Anderen zugeteilt, aber auch entzogen oder gar gänzlich verweigert werden können, fußen sie scheinbar auf nichts anderem, als auf dem Akt der Nächstenliebe. Sie fällt mehr oder weniger willkürlich hier hin oder dort hin, je nach der zeitweiligen Gestimmtheit des Gewährenden. Daß in der Zuwendung oder Ablehnung des Anderen durch mich potentiell auch immer über meine eigenen Möglichkeiten zum gelassenen Weiterleben in auch anderen Lebenssituationen als der jetzigen entschieden wird, will im Überschwang momentanen "Glückes" nicht so recht einleuchten. Gern schmückt man sich mit dem jahrtausendalten Gebot der Nächstenliebe, übersieht aber dessen ernsten Zusatz. Das "...wie dich selbst" beinhaltet ja nicht die Mahnung, einer Selbstüberforderung vorzubeugen, sondern die Erinnerung daran, daß ich mir selbst im Umgang mit dem Anderen die Bedingung eigener Daseinsmöglichkeiten schaffe. Es handelt sich damit um eine durch und durch pragmatische Verhaltensregel. Um nichts anderes und nichts geringeres geht es auch in der Maxime "... auf daß es dir gut gehe" des vierten mosaischen Gebotes, das die Aufrechterhaltung der Würde der Eltern in allen Unwägbarkeiten des Schicksals zur bedingungslosen Pflicht erhebt.

Nur die konsequente Unantastbarkeit des Lebens, die ebenso ohne Ausnahme für jeden anderen Menschen gilt, ist geeignet, auch mir den Anspruch meiner Individualität auf Daseinsrecht zu garantieren, selbst wenn ihr Wert von außen betrachtet eines Tages durch Eintritt ungünstiger Schicksalsfügungen plötzlich noch so zweifelhaft erscheint. Unantastbarkeit des Lebens ist keine Frage der Ethik, sondern eine der praktischen Vernunft. Sie bedeutet das höchste Gut, weil es ohne Leben nichts gibt, schon gar nicht das eigene Dasein. Man kann sich vernünftigerweise nicht den Boden entziehen, auf dem man steht. Wer dem anderen seinen Platz im gemeinsamen Haus des Lebens streitig macht, kann sich auch der eigenen Wohnstätte nicht sicher sein. Immer muß ich angstvoll auf das Urteil des Anderen starren: Billigt er mir auch noch weiterhin Bedeutung und Würde zu? Ich mache mich damit auch in meiner Selbsteinschätzung vollkommen von der Sympathie den Anderen abhängig. Ihm stände das Recht zu, über meinen Daseinswert zu entscheiden. Da ich das Gleiche meinerseits selbst an anderen Menschen praktiziere, verfestigt sich das System der gegenseitigen Zuteilung von Bedeutungsgraden nur noch zusätzlich. Immerhin geht es um die Fundamente meiner eigenen Daseinsmöglichkeiten, die sich nicht beliebig auswechseln lassen, ohne mir den Boden unter den Fußen zu entziehen. Ich brauche einen festen Standpunkt. Dieser kann aber niemals in einer willkürlichen Zuweisung liegen, die heute für den Anderen gelten soll, nicht jedoch für mich selber, wenn mir morgen das gleiche "diskreditierende" Geschick ins Haus steht, das ihn um Würde und Bedeutung brachte.

Es bedarf also verbindlicher Postulate, die jenseits barmherziger Betulichkeit von vorn herein keine weitere Begründung mehr nötig haben. Der Ansatzpunkt dazu läßt mich nur in der Ambivalenz und Verwobenheit menschlichen Miteinanders suchen. Sehen wir unser Dasein im Spiegel der Anderen - gerade auch des nicht "Normgerechten", der immer auf der Kippe zwischen Sein und Nichtsein balanciert - und das nicht nur im übertragenen Sinn? Wenden wir uns ihm zu, nicht aus christlicher oder sonstiger Barmherzigkeit, die wir uns als einen schönen Gefühlsluxus leisten, sondern weil wir ihn ebenso eigenständig und darum ebenso vollwertig ansehen wie uns selber? Wäre es so, es sähe um vieles anders aus in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Auf Barmherzigkeit berufen sich auch jene, die ihre Umwelt mit radikal beherzten chirurgischen Schnitten ein für alle mal von Leid, Behinderung, Alter, Siechtum und dem Anderen - zur - Last - fallen befreien möchten.

II Jede willkürliche Bedeutungszuweisung enthält ein Element der Vergewaltigung.

Nach einer kurzen Atempause, ausgelöst durch die Schrecken der nationalsozialistischen Jahre, befindet sich die Diskussion um Sterbehilfe, "Euthanasie", einer Befreiung von "unerträglichen Leid" der Betroffenen und Mitbetroffenen wieder in vollem Gange. Zusätzliche Kosten-Nutzen-Rechnungen drängen nach einer Bereinigung der "sozialen Frage". Eine "praktische Ethik" rechnet kühl die Glückssumme der einen gegen die anderen auf, und läßt die Entsorgung von Ballastexistenzen als rational zwingend erscheinen. Dabei geraten die Gegner einer solchen "Erlösung" im Sinne der Bewältigung existentieller Probleme immer mehr ins Hintertreffen, zumal sie sich mit den eigenen Waffen geschlagen sehen - denen der "Humanität" und der "praktischen Vernunft". Die "Leidensbewältiger" treten ja keineswegs als "Bösewichte" auf, diese Planer immer größerer Glücksdeputate. Sie würden sich auch aus ehrlicher Überzeugung dagegen wehren, als lebensfeindlich zu gelten. Sie hegen ein nicht geringes Maß an Mitleid mit der geschundenen Kreatur als Antriebselement - und das darf man ihnen keineswegs als pure Heuchelei unterstellen. Eher schon mischen sich bei ihnen Mitgefühl und nüchterner Pragmatismus zu einer sonderbaren Konstellation, die nahezu zwangsläufig in die Konsequenzen einmünden, die der Psychiater Klaus Dörner als "tödliches Mitleid" charakterisiert.

Befürworter der mildtätigen Barmherzigkeit mit ihren im Lande verstreuten Asylen aussortierter Menschen und Befürworter jener "Barmherzigkeit", die die beste Lösung in der Vermeidung und endgültigen Entsorgung von Leid, Elend, Krankheit, Verfall sieht, treffen sich in einem entscheidenden Punkt: Sie übersehen die unbezweifelbare Eigenständigkeit jedes Individuums. Sie glauben sich in ihrer eigenen Existenz völlig unbetroffen von dem, was mit dem Anderen geschieht. Sie halten sich für diejenigen, die anderen Daseinsrecht, Würde und Bedeutung zusprechen oder versagen dürfen. Unter Humanität wird so der schöne Luxus einer Caritas gegenüber dem benachteiligten Anderen verstanden, den man aus Herzensgüte entweder nicht verkommen läßt oder dem man - wie auch seiner betroffenen Umwelt - ein entwürdigendes Schicksal ersparen möchte. Diese Humanität begreift sich nicht als eine Versicherungsprämie für den eigenen Schadensfall, sondern als ein mehr oder weniger widerwillig gespendetes Almosen, das vermieden wird, läßt man es gar nicht erst zu unregulierten "Schadensfällen" kommen.

Zu einer anderen Sicht des Menschen gelange ich nur, indem ich mir seine Bedeutung und seine eigenständige Würde bewußt mache, die ganz unabhängig von meinen Zuweisungen besteht. Nur durch sie gewinne ich die eigene Autonomie, die mir meinen festen Halt gegenüber den Einsprüchen einer nicht greifbaren Gemeinschaft gibt. Durch das, was ich als unauswechselbares Individuum bin, habe ich meine eigene, durch nichts zu erschütternde Bedeutung. Alles, was mir dagegen von außen zugeschrieben oder auch nicht zugeschrieben wird, nimmt sich dagegen als zweitrangig aus. Ein Wissen von mir kann nur ich selber haben. So ist die Bedeutung allein im Träger dieser Bedeutung zu suchen, nicht in irgendwelchen Zuschreibungen von außen. Das gilt natürlich auch für den schwerstmehrfachbehinderten Menschen, von dem wir oft annehmen, daß ihm entginge, was um ihn herum vor sich geht. Auch er besitzt diese Bedeutung allein Kraft seines Daseins.

Abgesehen von dem tatsächlichen Sachverhalt, nach welchem dem Individuum die vorrangige Bedeutung zukommt, weil dieses zusammen mit anderen Individuen die Welt das Sozialen schafft, wäre es schlecht um mich bestellt, überließe ich die Einordnung meines Daseins der Klassifikation durch eine mehr oder weniger ungreifbare Umwelt. Wie rasch liefe ich Gefahr, irgendwo unten durchzufallen und als Nichts dazustehen. Im Alltag des sozialen Umgangs bleibt es nicht aus, daß Menschen von Fall zu Fall viel, weniger oder überhaupt keine Bedeutung zugemessen wird. Im Verständnis einer wie auch immer gearteten Gruppenbildung gehörte es zu ihren Privilegien, mir Anerkennung zuzubilligen oder eben auch zu versagen. Seine Bedeutung wäre abhängig von der Achtung oder Mißachtung eines gesellschaftlichen Zustandes, dessen Meinung sich zudem plötzlich wieder ändern kann. Keine Geltung bestünde darin, mich immer des Wohlwollens der gängigen Lesart "richtigen" Erscheinens zu versichern. Deshalb auch das Bemühen mancher Behinderter, ihr Daseinsrecht mit einem "Gebrauchtwerden" zu begründen. Bei solch einer Betrachtungsweise, in der nicht die individuellen, sondern nur die allgemeinen Werte gelten, die auf das äußere Erscheinungsbild abheben, muß natürlich die Nichtbehinderung als unermeßliche Gnade erscheinen. Dort, wo man von der Eigenständigkeit und Unaustauschbarkeit des Individuums durchdrungen ist, könnte solch eine Feststellung überhaupt nicht aufkommen. Allenfalls würde von der unbegreifbaren Gnade des Selbstseins gesprochen. Dann aber ließe sich kein humanes Dasein gegeneinander auf die Waagschale legen. Wir hätten es dann wie in der Diplomatie mit souveränen Existenzen zu tun, die zu mißachten schwerwiegende Eingriffe in das Gesamtgefüge des Ganzen mit allen negativen Folgen mit sich brächte.

Ich erlebe mich als mich mir gegeben. Aus diesem Mich - mir - Gegebensein kann ich nicht aussteigen - wenigstens solange nicht, wie ich Wert darauf lege, weiterhin am irdischen Daseinslauf teilzunehmen. Ich kann niemand anderes sein oder werden als jener, der ich in mir angelegt bin - mit allen Ecken und Kanten, mag ich mich auch noch so sehr dagegen sträuben. Von einer anderen Seinsweise fehlt mir einfach jede Kenntnis. Ich bleibe stets auf das Vorhandene verwiesen. Es steht mir nicht frei, mich selbst gegen einen anderen einzutauschen. Die Gnade des Daseins kann also nicht darin liegen, nicht behindert oder sonst wie "anders" zu sein. Es gäbe mich dann nicht. An meiner statt fungierte ein Anderer, der mir stets fremd bliebe, selbst wenn er meinen Namen trüge. Die Gnade des Seins liegt nicht im Allgemeinen, sondern in der Art und Weise, wie ich mir selbst gegeben bin. Wenn also eine Behinderung dazu gehört, zählt sie selbstverständlich zu den Konstanten, die meine individuelle Existenz ausmachen. Ich finde sie vor als meine Daseinsbedingung wie ich alles andere in der Welt vorfinde, das sich mir als mein Schicksal darbietet. Daraus gestaltet sich mein Dasein - ganz gleich, ob ich es in größtmöglicher Freiheit ergreife oder ob ich mich in ihm von anderen Mitlebenden bereitwillig wie auf einem Spielbrett von einem Feld zum anderen schieben lasse. Im einen Fall sehe ich mich immer wieder auf Festlegungen von außen verwiesen, im anderen bleibt mir stets die Zukunft als offene Möglichkeit mit den meinem Dasein innewohnenden Perspektiven.

Das Erste, auf das ich in der Welt immer wieder treffe, ist mein eigenes Selbst in den Modifikationen seiner Befindlichkeit. Danach erst treffe ich über diese Membrane das gesamte übrige Dasein, mit dem ich mich auseinanderzusetzen habe. Solch eine Auseinandersetzung bleibt in ihrer Konkretheit immer ein Vorgang, der eng an mich gebunden ist und mich zum "Regisseur" des Geschehens macht. Nur erkennen viele Erdenbürger diese Zusammenhänge nicht und lassen sich zu Ausführenden degradieren, wo sie eigentlich aus Souveränität selbst entscheiden und ihre Möglichkeiten ergreifen müßten. Diese Ausstattung mit sicherer Verankerung in sich selbst sollte sie aus souveräner Gelassenheit im täglichen Miteinander unangreifbar machen, wodurch sich jede Aggression von selbst erübrigte. Dadurch ist jedes menschliche Dasein in seinem Wesen nach allen Richtungen offene Möglichkeit - und zwar bis zum letzten Atemzug. Das gilt für jedes, also auch für jedes anscheinend unansprechbare, menschliche Individuum auf je eigene Weise. Dabei unterliegt es weder einer allgemeinen noch einer individuellen Form. Es läßt sich auf nichts und von niemanden festlegen. Das widerspräche der konstatierten Offenheit.

Bei aller Offenheit meiner eigenen Möglichkeiten, die mir die Chance einräumen, weitgehend selbstbestimmt zu leben, wenn ich dadurch kein anderes Dasein beeinträchtige, kann ich nur der sein, als der ich mir gegeben bin. Wer dies als übersteigerten Individualismus wertet, es gar als unverantwortlichen Hedonismus oder als schrankenlosen Egoismus verwirft, hat nie begriffen, was verantwortungsvoller Individualismus bedeutet: Die wechselseitige Anerkennung autonomer Existenzen. Egoismus auf Kosten Außenstehender verbietet sich in diesem Miteinander von selbst. An diesem Punkt muß jede Diskussion über die Unantastbarkeit des Lebens ansetzen. Nicht mit hochherzigen Appellen an die Barmherzigkeit, die schnell in Beweisnot gerät, weil idealistisch etwas für einen Anderen gefordert wird, das sich schnell als sentimental vom Tisch gefegt sieht, wenn ihm die "harten Tatsachen des Lebens" entgegenstehen. Erst wenn ich erkennen muß, daß ich mich im Anderen selber treffe, hört die Beschäftigung mit dem Nächsten auf, lediglich eine Anwandlung von sentimentalen Altruismus zu sein. Es geht dann nicht nur um das Leben und die Daseinsbedingungen von Menschen, die mir gleichgültig, ja lästig sind, sondern es geht ganz konkret um mich und die Frage, ob ich in jeder möglichen Situation menschenwürdig weiterleben kann. Dadurch wird mir jeder Andere in meinem Verhalten zu ihm unter der Hand zu meinem eigenen Schicksal. Seine Bedeutung garantiert meine eigene, die mir eingeboren mit auf den Lebensweg gegeben wurde. Sie enthüllt sich damit als die Zwillingsschwester der Würde. Dabei ist zu unterscheiden zwischen "Bedeutung haben Kraft des eigenen Daseins" und zwischen "als bedeutend gelten". Das eine birgt die Grundvoraussetzung individueller Existenz, das andere wird mir von außen zugeschrieben. Sie kann mir also auch wieder entzogen werden, sobald ich nicht mehr in der erwarteten Weise funktioniere. In diesem Denken wird mir Bedeutung nur zuerkannt oder aberkannt. Über meine Bedeutung entscheidet dann der Umstand, welches Quantum an Wohlwollen mir die Umwelt entgegenbringt. Wehe, ich werde von ihr als überflüssig betrachtet! Jede willkürliche Bedeutungszuweisung enthält so in sich ein Element der Vergewaltigung und muß in kritischen Situationen des Lebens auf uns zurückschlagen, wenn nicht gar uns mit dem Tode bedrohen. Nur wenn ich per se im Anderen dessen Bedeutung unabhängig von meiner Beurteilung anerkenne, darf ich dieses auch für mich selber erwarten - besondere wenn diese Zuweisung der Bedeutung an das Lebensrecht gekoppelt erscheint.

Jeder Mensch ist sein eigener Bedeutungsträger, erst einmal unabhängig davon, ob die Mitwelt ihm dies zubilligt oder nicht. Kraft seiner Existenz kommt ihm das Prädikat souveräner Selbstrepräsentation zu. Dadurch, daß es ihn gibt, ist die Bedeutung seines Daseins gesetzt. Verhielte es sich anders, wäre er der beliebigen Disposition anderer preisgegeben, die ihrerseits auch keinen Moment des eigenen Lebens sicher sein könnten, weil sie sich stets einer Neubewertung ihres Bedeutungszusammenhanges durch andere unterwerfen müßten. Jegliche soziale Stabilität ginge verloren, sähe sich die Bedeutungszuweisung und damit in letzter Konsequenz die Entscheidung über das Lebensrecht in die Hände anderer gegeben. Gerade weil der Mensch seine eigene Bedeutung besitzt, entzieht er sich jeder willkürlichen Beliebigkeit, mit der über seine natürliche Fortexistenz auch bei negativen Schicksalsdaten geurteilt werden darf.

Mein Lebensrecht ist nicht gesichert, wenn ich das der Anderen auch nur ansatzweise in Frage stelle, weil es die Erwartungen an ein gängiges Gebrauchtwerden nicht mehr erfüllt. Die Sicherheit meines Lebens bis zum natürlichen Tode setzt die seine voraus. Sein Daseinsrecht ist die fraglose Garantie des meinen. In ihm bewahre ich mir die Aussicht auf eine nicht vorzeitig abgebrochene Zukunft, weil Dinge eintreten können, die mir meine Bedeutung in den Augen anderer nehmen. Meine Bedeutung behalte ich nur, wenn ich nicht in Versuchung gerate, ihm die seine streitig zu machen, indem ich ihm meine Vorstellungen aufdränge, nach denen er sich zu richten hat, will er sich des Anrechtes auf Dasein erfreuen. Das verleiht ihm die Gleichwertigkeit mit allen anderen, die zumindest zu gleicher Zeit mit ihm leben, weil sie durch gemeinsames Dasein aufeinander verwiesen sind, einander das Lebensrecht garantieren, aber auch verweigern können - im irrationalen Glauben, Mißgeschicke bis hin zur Hinfälligkeit im Alter beträfen immer nur die anderen.

Gleichwertigkeit bedeutet nicht Gleichheit. Ihr Anspruch, aber auch ihre Evidenz liegen weitaus höher. Sie betont vielmehr den Wert der Ungleichheit als Regulativ der Zusammenhanges, in dem jeder seinen Platz und seine "Nische" findet, auch wenn die persönlichen Umstände von der derzeit gültigen Norm abweichen. Nur dadurch, daß in der Gleichwertigkeit die Ungleichheit als negatives Moment aufgehoben wird, kann ich es überhaupt wagen, mich einem tragenden Urvertrauen zu überlassen. Wenn sich meine Ungleichheit in der Ungleichheit des Anderen zur Gleichwertigkeit aufhebt, weil sich in ihm die Ansprüche auf Leben austarieren, sehe ich keinen Anlaß mehr, ihm z. B. wegen "Unbrauchbarkeit" seinen Platz im Dasein streitig zu machen. Die Leerstelle, die seine gewaltsame Eliminierung hinterläßt, könnte leicht zum eigenen vorzeitigen Grab werden, wenn die gewünschten Daten sozialer Brauchbarkeit entfallen. Bei einer Gleichheit der Menschen wäre dies nicht möglich. Das Durchhalten einer so verstandenen Identität müßte sich schon im Abnehmen von Lebenskräften verheerend auswirken. Als Behinderter - gleich welcher Art, und sei es nur die des Alters - mußte ich vor dem Gesetz der Gleichheit zugrunde gehen. Ich kann nicht mit einem Unbehinderten, Intelligenteren, Jüngeren konkurrieren. Die Illusion einer solchen "Identität" könnte nur im Chaos enden. Außerdem würde dies ein geklontes Lebewesen in DIN-Format voraussetzen. Nur die Gleichwertigkeit im Unterschiedenen Ungleicher zueinander schafft die Balance eines möglichst ungeminderten Daseins für alle.

Identisch vermag ich immer nur mit mir selbst sein, als einem, der nichts anderes sein kann, als das was er ist - also auch unter scheinbar weniger günstigen Umständen z. B. mit einer Behinderung. Will ich oder irgendein Anderer meine Behinderung nicht, so stößt mich das in den Orkus der Nichtigkeit. Das eine will oder soll ich nicht sein - ich selbst; das andere kann ich niemals sein und werden - ein Anderer. Mir bliebe nichts übrig, als mein Dasein zu verfluchen und händeringend nach dem "Gnadentod" zu rufen. Ich kann mich nicht von mir lösen.

Ich kann dieses Mich - von - mir - selbst - lösen ernstlich selbst nicht wollen. Dazu bin ich viel zu vertraut mit mir - vertrauter als mit irgend jemand anderen. Darum handelt es sich beim Selbstmord auch um eine relativ seltene Erscheinung. Alles Leben trägt in sich das Bestreben, sich selbst zu erhalten. Nur wenige finden ihr Dasein ganz und gar unerträglich. Sonst würde weltweit fortwährend von den Betroffenen selbst nach dem "Gnadentod" als Erlösung von allen Übeln gerufen. Daß dies nicht geschieht, sondern vielmehr ein unbändig kreatürliches Am - Leben - festhalten besteht, findet seine Erklärung in einem Blick auf die existentielle Wirklichkeit: Meine Identität finde ich nur in mir selbst, niemals im neidisch - resignierenden Vergleich mit anderen. Ich müßte mich innerlich zerreißen, wollte ich Verhältnissen nachjagen, die mir ein anderer anscheinend voraus hat. Ich bin nicht er, und kann es auch gar nicht wünschen, weil ich mir sonst selber verloren ginge. Das meint nicht die demütige Schicksalsergebenheit, sondern das Begreifen nur mir gegebener Möglichkeiten aus der einzigartigen Konkretheit meiner Existenz für mich, die ich mit niemand anderem teile. Leben vermag ich mich nur mich selber. Das gilt, um beim Beispiel zu bleiben, für die Identität eines Menschen mit angeborener Behinderung sowieso; aber auch jener, der aus der ursprünglichen Identität als Nichtbehinderter herausgerissen wurde, kommt gar nicht darum herum, die neue Daseinsform als die seine anzuerkennen, will er nicht in einer seelischen Katastrophe untergehen. Wer sich seiner gegebenen Identität mit sich selbst entzieht, sieht sich zum Scheitern verurteilt. Es gibt keine andere.

Dies ist das Geheimnis der Gleichwertigkeit bei aller Ungleichheit. Erst durch diese Ungleichheit erscheint jeder Mensch als unverwechselbares Individuum auf der Bühne des Daseins. Die Balance dieser unzählig unterschiedlichen, eigenständigen Welten individueller Ganzheiten findet ihre tragende Achse in der Idee der Gleichwertigkeit, aus der kein Stück mutwillig herausgebrochen werden darf. Dabei drängt sich wie von selbst das Bild der "prästabilisierten Harmonie" auf, von welcher der Philosoph Leibniz spricht. Erst wenn es so etwas wie Gleichwertigkeit völlig unterschiedlicher Daseinsentwürfe gibt, in der das eine nicht geringer als das andere gilt, kann es zu einem ausgewogenen Miteinander kommen.

III Die Würde ist ebenso wie die Bedeutung als Prädikat unauswechselbarer Individualität jedem Menschen ursprünglich zu eigen.

Sie hängen zusammen wie Zwillingsgeschwister.

Manchen mag es irritieren, daß bisher zwar von Gleichwertigkeit die Rede war, aber die Würde merkwürdig verhalten zu ihrem angestammten Recht gelangte. Immerhin handelt es sich beim Menschen auch im eigenen Verständnis nicht nur - und das ganz am Rande - um ein taxierbares Objekt der Gegenstandswelt, sondern um ein dynamisches Wesen, das sich selbst in innerer Bewegung zu überschreiten vermag. Es ruht als lebendig - bewußtseinsgetragenes und unaustauschbares Sein in sich selber. Als solchem müßte dem Menschen eigentlich ganz selbstverständlich vor allem anderen das Prädikat der Würde zukommen. Diese Eigenschaft allein würde hinreichen - hätte sie die unanfechtbare Geltung - zumindest jedes humane Dasein mit dem Mantel der Unangreifbarkeit auszustatten. Aber abgesehen davon, daß unsere Großeinrichtungen für die Entsorgung Unangepaßter (euphorisch "Heim" genannte, mit ihren diversen Unterabteilungen) als Schmiede der Sozialverträglichkeit diesem Anspruch hohnlachen, wie will ich dies (Autoritäten wie Kant, Grimm, Schmitt u. a. hin, Autoritäten her) Leuten nahelegen, die nicht einmal die Unantastbarkeit jedes menschlichen Lebens anerkennen? Sie dient dann bestenfalls als Rechtfertigung der "würdevollen" Beendigung eines "Lebens ohne Würde", als dem Recht auf einen "würdevollen Tod". Ihnen kann ich nur mit den schwer widerlegbaren Fakten der eigenen Involvierung begegnen, die selbst sie nicht von der Hand zu weisen imstande sind. Bestenfalls. (Ob sie allerdings auch bereit sind, daraus die unabdingbaren Konsequenzen zu ziehen, steht auf einem anderen Blatt.)

Wir vermögen eben einem Anderen nicht das Prädikat unanfechtbarer Würde - auch in all seiner körperlich-geistigen Hinfälligkeit - zuzubilligen, solange wir uns als unfähig erweisen, in der Respektierung seiner "Wertlosigkeit" den Wert unserer eigenen Daseinsberechtigung in sämtlichen Lebenslagen zu erblicken. Für die Mißachtung dieses Zusammenhanges zahlen wir dann den Preis unserer eigenen Herabwürdigung durch den Anderen, aber auch durch uns selber, sobald wir in widrigen Umständen auf die Schattenseiten humaner Existenz gelangen. Denn ich kann schwerlich an mir etwas gutheißen, für das mir sonst bei anderen Menschen nur ein Gefühl der Verachtung bleibt. Der Umgang mit dem Anderen wird mir hier auf grausame Weise zum eigenen Schicksal. Ich kann mich selbst nicht achten, gerate ich in die Situation eines anderen, für die ich bisher nur Hohn und Spott aufbrachte. Der Selbsthaß kann gar nicht anders, als Besitz von mir zu ergreifen. Nur solange ich den Wert des Anderen in jeder Situation unangetastet lasse, bleibt auch die von mir verkörperte Daseinsqualität garantiert. Erst auf diesem Fundament läßt sich das Postulat der Würde begründen, die sich nicht achselzuckend als überflüssige Sentimentalität beiseite schieben läßt.

Das Gebot der Nächstenliebe, Grundlage jedes humanen, moralisch - ethischen Verhaltens, sieht sich nur glaubwürdig im Blick auf die Verwobenheit von Existenz zu Existenz vertreten. Das Diktum des biblischen "wie dich selbst" als Begründung der Aufgeschlossenheit für die Belange des Anderen spricht an dieser Stelle jenseits aller Gefühlsduselei die Sprache einer durch und durch pragmatischen Lebensphilosophie. Nicht im Bestreben, mir einen guten Namen zu machen und mich mit den Lorbeeren eines Wohltäters zu schmücken, soll ich mich um den Benachteiligten kümmern, sondern "damit es mir gut gehe", wenn ich selber in eine Lage gerate, in der ich über das übliche Maß hinaus von der Zuwendung anderer abhängig werde. Es handelt sich massiv um mein eigenes Interesse, weil es sich darum dreht, auch unter ungünstigen Bedingungen nicht auf ein lebenswertes Dasein verzichten zu müssen. Merkwürdig, daß dieser fundamentale Aspekt ethischen Verhaltens kaum beachtet wird. Schon in dieser Hinsicht verlieren alle Forderungen, die in der neutestamentarischen Bergpredigt gipfeln, von vornherein jeden moralinsauren Beigeschmack bigotter Frömmelei. Es geht niemals nur um den Anderen bei meinem Tun oder Unterlassen, sondern immer auch zugleich um mich selber.

Die Würde ist ebenso wie die Bedeutung als Prädikat unauswechselbarer Individualität jedem Menschen ursprünglich zu eigen. Sie hängen zusammen wie Zwillingsgeschwister. Als solche gehören sie zur Person und werden im Kern nicht von anderen konstituiert. Zwar läßt sich nicht verhindern, daß die Mitwelt diesen Tatbestand ignoriert, dennoch gibt es keine Möglichkeit, mir diese Konstanten menschlichen Daseins zu- oder abzusprechen. Sie blieben mir auch ohne grundrechtlich geschütztes Verfassungsgebot. Würde und Bedeutung sind Bestandteile meiner Existenz.

Noch einmal: Bedeutung kommt jeden Mensch allein schon dadurch zu, daß es ihn gibt! Wie ein souveräner Staat nimmt er teil am Miteinander unabhängiger, eigenständiger Gebietskörperschaften. Jeder Einspruch von außen zieht darum eine Verletzung von Rechten nach sich, die nicht ohne Rückwirkung auf das Ganze einer Gemeinschaft bleiben. Darin steht die Bedeutung ihrer Zwillingsschwester, der Würde, in nichts nach, die ich mir ebenfalls mit keinem wie auch immer gearteten "Gebrauchtwerden" erwerben kann - schon gar nicht durch "Fishing for Compliments" beim Anderen, indem ich ihn mir auf die eine oder andere Weise gewogen zu machen suche. Er hat mir weder etwas zuzusprechen noch abzusprechen.

Ich verfüge über einen eigenen Fundus wertstiftender Anlagen in mir, einfach weil ich als menschliches Wesen existiere - auch wenn dies oft über der Schwere einer Behinderung nicht anerkannt wird. Die Erlangung von Bedeutung durch eigenes Tun trägt manchmal seltsame Blüten. So, indem z. B. jede Daseinsäußerung zur unerhörten Leistung stilisiert wird. Merkwürdigerweise wollen manche Leute in jeder Bemühung eines z. B. behinderten Kleinkindes eine Art Arbeitsvorgang sehen, dessen Ausübung ihm herausragende Bedeutsamkeit verleiht. Es bedarf aber dieser "Verleihung" überhaupt nicht, sondern mit ihr kommt nur etwas Zusätzliches hinzu, dessen Ausbleiben zwar schmerzlich ist, aber nichts am originären Sachverhalt der Selbstkonstituierung ändert. Und das bei allen seinen möglichen "Ausfällen". Dafür braucht es nicht das Geringste zu "tun". In der Sprache jüdisch-christlicher Theologie ließe sich vielleicht sagen: Es wurde vom Schöpfer "bei seinem Namen gerufen" und sieht sich von daher immer schon "gerechtfertigt". Oder profaner gesprochen: Schon allein dadurch, daß es mich gibt, postuliert sich die einzigartige Bedeutung meiner unverwechselbaren Individualität. Sonst handelte es sich bei mir um ein beliebig austauschbares Wesen, das mit objektivem Recht aus dem Verkehr gezogen wird, sobald es sich als unfähig erweist, ein Mindestmaß sinnvoller Funktionen zu erfüllen. Ich fiele mir und anderen zur Last. Euthanasie wäre dann wirklich das Gebot der Stunde.

Stimmen wir der Aussage zu, nach der es sich im Auftreten der Bedeutung um die Zwillingsschwester der Würde handelt, so kommt ihr ebenso wie dieser ein autonomes Für - sich - sein zu. Dieses rangiert noch vor dem Für - andere - sein, denn zu diesem Sein für andere käme es nicht, fände ich mich nicht als mich selbst vor, auf den der Andere reagiert, indem er mich "erkennt". Bei aller noch zu konstatierenden Ungenauigkeit des "Wissens" in der Selbstwahrnehmung stehe ich mir im Für - mich - sein sehr viel näher als ich es jemals dem Anderen gegenüber sein kann. Wenn auch unzulänglich, ich spüre immer einen Grund in mir, der mich irgendwie trägt; beim Anderen kann ich immer nur ins "Schwimmen" geraten. Ich müßte in seiner "Haut" stecken, um mich auf seine "Wahrheit" ebenso zu verlassen, wie ich auf meine. Deshalb handle ich fahrlässig, wenn ich dem Anderen das Recht zubillige, mir meine Bedeutung zuzuschreiben und dafür sich des eigenen positiven "Wissens" von mir zu entschlagen, also mich unter das Diktat der Meinung den Anderen zu beugen. Damit wäre es um jeden geschehen, der nicht imstande ist, sich der zur Zeit gängigen Norm anzupassen.

Vor aller Zuweisung von Aussagen durch andere bin ich vom Ursprung her der autonome Träger eigener Bedeutung und eigener Würde. Dies könnte mir selber eine durch nichts zu erschütternde Selbstsicherheit im Leben geben. Denn was von vornherein als Baustein des Daseins gegeben ist, kann mir eigentlich nicht genommen werden - es sei denn, man überantwortete mich dem Tod. Von daher verböte sich also jede Mißachtung eines menschlichen Lebens. Uns fehlt jede Legitimation, willkürlich über den Anderen in einer Kosten-Nutzen-Rechnung zu verfügen. Ich bin, der ich bin, das ist genug! Doch leider: Es hilft mir nichts, daß ich so etwas wie genuine (oder aber auch nur zugeschriebene) Bedeutung und Würde besitze, wenn sie nicht von der Umwelt als Begründung meiner Eigentlichkeit anerkannt wird. Und hier liegt das Problem. Es liegt nur scheinbar im Widerspruch zu dem, was im Vorhergehenden als eine unzulässige Frage der Zuschreibung von Bedeutung und Würde durch den Anderen abgewehrt wurde. An der Substanz der Aussage ändert sich nichts. Solange ich aber den Bio-"Ethikern" auf ihrer Bewußtseinsebene nicht den Wert von Bedeutung und Würde vermitteln kann, muß jeder Versuch scheitern, Einspruch gegen das eugenische Denken zu erheben.

Im Gegenteil. Gutwillig gemeinte Aussagen wie "Menschen kommen nur in der beziehungsstiftenden und bedeutungszuweisenden Mehrzahl vor... Der Mensch in der Einzahl, als Individuum, ist dem gegenüber eine künstliche und technische Abstraktion."(Klaus Dörner: "Neue Ethik in der Gehirnforschung?" in "Psycho" 10/94 S. 46) laden geradezu dazu ein, als Selektionsinstrument eingesetzt zu werden. Denn dann wurde der Einzelne so gut wie bedeutungslos - seine Würde im Eigentlichen auch. Zumindest repräsentierte sie in diesem Sinne einen ambivalenten Wert mit Positiv- und Minuszeichen. Der Hoheitsanspruch ursprünglicher Bedeutung und Würde ginge unweigerlich verloren. Es scheint aufschlußreich, daß sie als solche nicht dem Verdikt einer "Tyrannei der Werte" bei Carl Schmitt verfällt. Vermutlich hält man sie als Argument für so schwach, daß man ohne jede Gefahr für die eigene aussondernde Position mit ihr ins Feld ziehen kann.

Bisher ging es um meine Bedeutung für mich. Daß ich darüber hinaus eine positive oder auch eine negative Bedeutung für andere gewinne, kommt noch hinzu. Dies geschieht durch rein Dasein an sich - nicht erst, wenn ich mich der rigiden Arbeitsmoral in einer Werkstatt für Behinderte unterwerfe, weil es quasi als eine Art "Adelstitel" menschlichen Daseins gilt und es überhaupt zur "Normalität" gehört, irgend etwas zu "arbeiten", auch wenn ich nichts Hinreichendes für meinen Lebensunterhalt zu verdienen vermag, ja im Gegenteil oft genug noch zusätzliche Kosten verursache. Die Begründung der Bedeutung durch Arbeit beinhaltet ein gefährliches Argument, das sich rasch auch gegen seinen Verwender richten kann.

Nicht anders steht es mit dem "Gebrauchtwerden" im Allgemeinen. Wer sich von ihm abhängig macht, steht eines Tages ziemlich verlassen da. Nein, viele Menschen, z. B. Schwerstmehrfachbehinderte, "leisten" nichts. Sie wirken durch nichts als ihr Dasein, und dies, ob sie wollen oder nicht. Ohne Zweifel entwirft der Mensch sich selbst. Darum müssen wir höllisch aufpassen, daß er nicht vom anderen entworfen wird. Dabei ist eine nicht zu überschätzende Gefahr zu beachten: Würde und der würdige Abbruch eines "würdelosen" und somit "lebensunwerten" Daseins liegen gar nicht so weit auseinander. Kommt dazu auch noch über die Diskussion der "Brauchbarkeit" die Kosten-Nutzen-Rechnung ins Spiel, fallen alle Elemente, die für das Lebensrecht jeden humanen Daseins sprechen.

Gewiß, jeder Mensch braucht Betätigung - allein schon um sozusagen seinen Lebensraum "abzustecken", im Bemühen, sich gegen den Anderen kenntlich zu machen und sich ihm gegenüber als erkenntlich zu erweisen. Auch dies kostet Mühe, Anstrengung, ja Leid. Aber es birgt eine ganz andere Qualität als das des zwangsweisen Absitzens in einer Werkstatt, das niemanden wirklich etwas bringt - weder ein nennenswertes Einkommen noch einen Zuwachs an befriedigender Lebenserfüllung. Ob übrigens niemand merkt, wie korrumpiert sich unser Arbeitsbegriff allein durch seine Zielsetzung darbietet, nach der sich "Leistung (wieder) lohnen" muß? Wer empfindet in ihm den Zynismus gegenüber Menschen, die zwangsweise "leisten" sollen, ohne daß es sich "lohnt"?

IV Die Welt der anderen entdecke ich nur durch Verankerung in mir.

Ein Mensch kann nur Bedeutung auch bei anderen erlangen, weil in ihm selbst als Kern eigene, genuine Bedeutung liegt. Sonst wäre Bedeutung nichts weiter als der Ausdruck sozialer und wirtschaftlicher Abhängigkeiten - kurz ein Reflex des Einflusses, den jemand auf Grund seiner Stellung innerhalb eines Gemeinschaftskörpers ausübt. Schwinden diese Voraussetzungen, zehrt er bestenfalls von dem Glanz eines mehr und mehr verblassenden "Nachruhms" oder er sieht sich gar auf eine absolute Bedeutungslosigkeit zurückgeworfen, weil die Fama seiner Verdienste nichts mehr hergibt. Schon ehe er als ausgebrannter Körper ins Grab sinkt, stirbt er immer wieder neu seinen sozialen Tod. Ohne Bewußtsein eigener Bedeutung, das ihm auch nicht die allerschlimmste Mißachtung zu nehmen vermag, müßte er auch sich selbst zum dauernden Ärgernis werden. Das Dasein würde zur Hölle, und die Urlösung vor ihr durch andere zum Gebot zwingender Menschlichkeit. Die eigene Bedeutung und die Würde bleiben mir als Tiefstes, wenn mir alles andere abhanden kommt. An meiner ursprünglichen Bedeutung entzündet sich die Bedeutung, die ich für andere bekomme. Es verhält sich nicht anderes wie in der Liebe: Geliebt werden kann ich nur, weil es in mir etwas gibt, das mich liebenswert macht. Sonst fehlte jeder Anknüpfungspunkt. Ich wäre eine beziehungslose Monade, der selbst das Band der "prästabilierten Harmonie"(G. Leibniz) abgeht, das als unsichtbare Verhindung zwischen den Lebewesen und als ordnende Kraft das geistig - vitale Geschehen regelt.

Durch waches Hinsehen und Hinhorchen auf die eigene Befindlichkeit läßt sich leicht die Erfahrung machen: Das Soziale, der Ort des Zusammentreffens mit dem Anderen besitzt als Vergewisserung des Daseins keine Dominanz über die eigene Begegnung mit dem Gegebenen. Zwar bedingen sich beide in der Bewältigung und Deutung des Lebenslaufes existentiellen Seins, das ich mit allen anderen Menschen teile, aber ich stehe mir in der Unmittelbarkeit den Erlebens näher als jedem anderen. Ich habe also keinen Anlaß, meinen Einsichten weniger zu trauen als denen, die mir der Andere vorträgt, und mich ihnen zu unterwerfen, um mich seiner Bedeutung gewährenden Zustimmung zu versichern. Mein Lebenssinn ist nicht davon abhängig, ob er mir von den Mitlebenden zugestanden wird. Dieser liegt ganz allein in mir. Dabei steht es außer Frage, daß die Sympathie mir wichtiger Menschen eine anfeuernde Bestätigung darstellt. Doch dieser Vorgang bestimmt nur meine Geltung im Miteinander, nicht aber meine Bedeutung an sich. Ich habe sie einfach dadurch, daß es mich gibt. Ich trage sie als ursprünglichen Adel in mir. Zu Unrecht wird diese Betrachtungsweise sehr oft als abstrakter Individualismus, als verabsolutiertes Selbstbestimmungsrecht im Sinne eines parasitären Egoismus geradezu verteufelt. Aber die Welt des Anderen entdecke ich nur durch die Verankerung in mir. Ich finde nur in mir den festen Grund, von dem ich in der Kommunikation eine Beziehung zu anderen stifte. Daraus gibt es keine größere Nähe als die zu mir. Dies wird nur verdeckt, weil ich von der Übermacht der Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes mit Erwartungen, Forderungen und Wertungen zugeschüttet werde, die mich als eigenständiges Wesen verschwinden lassen. Jedoch, trotz dieser beängstigenden Präsenz des Anderen bleibe ich mir bei aller Unsicherheit in meinem Mir - selbst - unmittelbar - Gegebensein unendlich gegenwärtiger als es mir die Welt des Anderen jemals werden kann.

Gegenüber der Unmittelbarkeit des Erlebens konkreten Daseins in mir selbst bleibt das Gebiet des anderen wie ein unauslotbares Territorium. Auf ihm bewege ich mich wie in einer nebelverhangenen Moorlandschaft, in der mein Fuß bei jedem Schritt in unwegsames Gelände einzubrechen droht. Die Welt der Anderen stürzt auf mich ein als eine im Grunde undurchschaubare und nicht einzuschätzende Macht. Fakten, an die ich mich einigermaßen halten kann, finde ich nur in dem, was ich mir selbst bin. Verliere ich diese eine Seite des "Urvertrauens", treibe ich rettungslos zwischen Bedeutungszuweisung und vorenthaltener Anerkennung durch den Anderen.

Natürlich führe ich kein Dasein eines Robinson auf seiner einsamen Insel. Sogar dieser brauchte seinen Freitag, um zu überleben. Mein Dasein und das den Anderen bedingen einander. Er existiert unauflösbar durch mich wie ich durch ihn. Aber ohne eigene Bedeutung kann mir der Andere auf Dauer keine solche zusprechen. Mit der Würde verhält es sich nicht anders. Man hat sie kraft Existenz oder es handelt sich bei ihr um ein Phantom. Lediglich zugesprochene Würde ist eigentlich keine. Ihr fehlte jede Substanz.

Es ließe sich zwar sagen: Die Liebe eines Anderen zu mir etabliert meine Bedeutung für diesen Menschen, der sich in Zuneigung mit meinem Dasein verbindet. Doch dies setzt voraus, daß ich in meinem Dasein überhaupt liebenswert bin - und das ohne Kautelen des Anderen. Oder höre ich auf liebenswert zu sein, wenn dieser Andere mir seine Liebe wieder entzieht? Dann hätte natürlich Sartre recht mit seinem Verdikt, nach dem das Dasein der Anderen die Hölle bedeutet. Ihm stände ja in reiner Willkür die Entscheidung zu, über meine Liebenswürdigkeit, und damit zugleich über meine Würde zu befinden. Denn darauf liefe es hinaus, wenn ich mich von der Bedeutungszuweisung anderer abhängig machte. So ließe sich beliebig jede Abqualifizierung des Einen durch den Anderen rechtfertigen. Woher sollte die Bedeutung eines gesellschaftlich "überflüssigen" Schwerstmehrfachbehinderten kommen, wenn er nicht durch eigene Bedeutung zur Bedeutung für andere wird? Zumindest deklamotorisch billigt man der Würde doch den Status der Autonomie zu. Warum soll dies nur für sie gelten?

V Es gilt nicht etwa das als "normal",was ich in und aus mir selbst bin, sondern das, was eine Daseinswelt außerhalb meiner Existenz als verbindlich vorschreibt.

Die Umwelt und der uns begegnende Andere bleiben uns vielfach ein Rätsel. Annähernde Gewißheit wird uns nur zuteil, wenn wir in uns selbst hineinhorchen und von diesem relativ sicheren Grund unsere Erkundungsfahrten in den Lebensbereich des Anderen unternehmen. Dabei bekommen wir nie einen direkten Zugang zu ihm, sondern was sich uns bietet, entstammt unserer Erfahrung im Miteinander der Begegnung. Diese findet auf der Bühne unseres Inneren statt. Eine solche Erfahrung sagt also mehr über uns selbst als über den Anderen aus. Bei aller verbleibenden Unsicherheit können wir uns nur konkret auf das verlassen, was wir durch unser In - der - Welt - sein in uns selbst als Realität erleben. Das müßte sich im Grunde nach den Gesetzen der Kausalisität in ein kaum zu schlagendes Selbstbewußtsein ummünzen - und seien die eigenen Schwächen auch noch so groß. Nur gerade das geschieht nicht. Weil man die Unzulänglichkeiten des Anderen nicht so unmittelbar wie jene bei sich selbst erlebt, fällt es oft schwer, sich selbst oder gar anderen gegenüber die Empfindung den Ungenügens einzugestehen - oder sie manchmal auch umgekehrt nicht wie mit schmetternden Fanfaren den "Ich armer Sünder" vor sich herzutragen. Eines wie das andere verhindert es nachhaltig, bei mir selbst "zuhause" zu sein. Ich sehe mich dann gezwungen, mir ein passendes Bild für die Außenwelt zuweisen zu lassen - und sei es nur das eines lustvoll büßenden Arm - Sünder - Da - seins.

Oft müssen wir uns ein passendes Bild zumindest für die Außenwelt zulegen, aber oft genug auch für uns selbst. Wir wollen anders scheinen als wir es sind. Wie gut kennen wir dies aus der eigenen inneren Erfahrung. Allerdings weniger bei einem spektakulären Vorkommnis wie z. B. einer schweren spastischen Lähmung. Sie tritt so gravierend zutage, daß erst einmal überhaupt nichts anderes übrig bleibt, als sich mit ihr zu arrangieren. Über meine unkoordinierten Bewegungen und über meinen Rollstuhl läßt sich nicht hinwegsehen. Aber wie meine Umwelt oft darauf mit degradierender Herablassung reagiert, das macht mir in der Regel schon sehr zu schaffen. Dies nicht etwa, weil ich ihr Idealbild verinnerlicht habe oder toleranterweise als möglichen Standpunkt unter vielen anderen anerkenne, sondern weil es mich immer wieder in meiner individuellen Identität verletzt. Ich möchte als jener Mensch ernst genommen werden, wie ich es in meinem ganzen unauswechselbaren "Sosein" bin. Denn das "Sich - bei - mir - zuhause - fühlen" hängt auch von den mir begegnenden Menschen ab. Auf fatale Weise bewege ich mich im Netz der Ambivalenz: Unentrinnbar ruhe ich in mir als ein autonomes Selbst - und bleibe dennoch ebenso unentrinnbar auf den Anderen angewiesen, um körperlich und seelisch zu überleben. D. h.: ich muß mich auf das stützen, als was ich mich in der Welt vorfinde, und ich muß mich doch auch immer gleichzeitig an der Sicht des Anderen orientieren, mit der er meine Verhaltensweisen beeinflußt. Und dies, obwohl er mir sehr viel ferner steht als ich mir selber.

Dort, wo ich eigentlich meine Bedeutung als mein ureigenstes Wesensmerkmal in mir selbst trage, lasse ich sie mir von anderem Menschen zuschreiben. Bei genauem Hinsehen gelingt es ihnen zwar nur annäherungsweise, über sich selbst, erst recht über mich und über andere zu urteilen. Doch das ignorieren die meisten. Sie blenden diesen Sachverhalt einfach aus, indem sie für unumstößliche "Gewißheiten" sorgen. Aus innerer Unsicherheit übertragen sie ihre schwankenden Anschauungen als feststehendes Gesetz auf die ganze übrige Umwelt, um der eigenen Sichtweise eine unangreifbare Plattform zu geben. Dieses Gesetz erhebt zur Norm, was sich im Verein mit der Mehrheit aller in einer Zeit Mitlebenden als verbindlicher Erscheinungs- und Verhaltenskodex durchsetzen läßt. Dies bedeutet zugleich: Alles, was der Festlegung eines bestimmten Bildes entgegensteht - von dem, das als normales Leben gelten soll - fällt der degradierenden Mißachtung anheim. Letzte und auch logische Konsequenz dieser Betrachtungsweise gipfelt in der Etablierung "lebensunwerten Lebens", dessen Beseitigung zum unabweisbaren Akt humanitären Handels erklärt wird. Weniger ethisch verbrämt zielt dies im Letzten auf den "Genozid an den Benachteiligten, Alten und Behinderten" hinaus, wie ihn der Deutsch-Amerikaner Wolf Wolfensberger in seinem gleichnamigen Buch beklagt. Dies läßt sich nur solange als eine fahrlässige Übertreibung ansehen, solange man nicht selbst mit der Realität konfrontiert wird, die hinter dieser ungeheuer klingenden Unterstellung zutage tritt.

Hier erweist sich ganz besonders, wie gefährlich es sich auswirkt, wenn - wie immer wieder im Laufe der ethischen Diskussionen um den Wert humaner Existenz - über Gebrauchtwerden oder Nichtgebrauchtwerden auch nur irgendeines Menschen miteinander gerichtet wird. Dies muß nahezu zwangsläufig geschehen, sieht man die Bedeutung einer Individualtät nicht in dieser selbst - völlig unabhängig davon, wie weit wir sie noch als ansprechbar im Sinne des Verstehens ansehen - sondern ausschließlich in der, die ihm von außen zugesprochen wird. Damit mache ich das Lebensrecht vom Urteil anderer abhängig. Das gilt dann allerdings für jeden Menschen - auch wenn ich zum aktuellen Zeitpunkt nur potentiell betroffen bin. Mein gesenkter Daumen als Werturteil über das Schicksal des Anderen holt mich unweigerlich ein, sollte ich in eine vergleichbare Situation geraten. Daß dies so kommt, ist dabei mehr als wahrscheinlich. Von Behinderung oder ernster Krankheit mag ich vielleicht verschont bleiben - die Gebrechen des Alters stellen sich mit Gewißheit ein. Wie soll ich mich dann noch selber ausstehen können - von anderen in ihrer Haltung zu mir ganz zu schweigen - nachdem ich für alles "Unbrauchbare" nur Mißachtung aufbrachte? Eigentlich läßt sich kaum begreifen, weshalb eine so simple Einsicht der Zusammenhänge ignoriert wird, nach denen ich mir in der Art meines Umganges mit dem Anderen das eigene Schicksal bereite, frei nach dem Gesetz: So wie ich ihm, so ich mir selbst. Man muß sich schon recht göttergleich dünken, um davon auszugehen, als einziger diesen Gestetzmäßigkeiten enthoben zu sein.

Es trifft ja zu: Vielfach fällt es recht schwer, uns selbst zumindest erst einmal ohne Vorbehalte so zu nehmen wie wir uns in der Welt vorfinden, weil wir uns nicht selten als unerträglich ansehen und uns so als durch und durch unausstehlich empfinden, vor allem, wenn wir versuchen, uns mit dem vermeintlich objektiven Blick der gesellschaftlichen Umwelt zu betrachten. Wir fühlen ihn wie einen sengenden Lichtstrahl auf uns gerichtet und unternehmen beinahe alles, ihm zu entkommen und in den Schatten bergender Unauffälligkeit zu gelangen. Bei vielen anderen glauben wir das anzutreffen, was uns selber fehlt. Auch wenn wir mit den beobachteten Daseinsäußerungen eigentlich gar nicht so sehr übereinstimmen, möchten wir das nicht gern zeigen, aus Furcht, die freundlich gestimmte Aufmerksamkeit der Mehrheit aller anderen zu verlieren, von denen wir uns gern als einen der ihren anerkannt sähen. Sonst könnte uns ja deren Meinung über uns ziemlich unberührt lassen. Wir brauchten nicht daran zu leiden, aus ihrem Zustimmungsnetz herauszufallen. Wir hielten fest an unserer eigenen Sicht der Dinge, und blieben bei ihr, bis vielleicht neue Argumente den bisherigen Standpunkt aus neuer Einsicht revidierten oder doch relativierten.

In der Regel muß ich mich an das halten, was ich in und an mir vorfinde. Auch dem Behinderten geht es nicht anders. Die Schwere ihrer psycho-somatischen Einschränkung erlaubt es außerdem gar nicht erst, vor sich selbst oder vor anderen das individuelle "Sosein" zu verbergen und in irgendeine gefälligere Form "schönzureden". Beispielsweise die körperliche Lähmung abzuleugnen, wäre töricht und werde bei der Umwelt bestenfalls ein verständnisloses Kopfschütteln hervorrufen. Zu offensichtlich stellt sich der empirische Sachverhalt dar. Es gibt nichts zu bemänteln.

Das ändert sich jedoch in dem Maße, je weniger eine Abweichung von der üblichen Norm unmittelbar für jeden ins Auge fällt. Eine in Wahrheit trotzdem gegebene Behinderung läßt sich abstreiten, vor der Mitwelt verbergen und hilft, den Anschein völliger Unversehrtheit zu wahren. Dies erlaubt dann, sich dem "Adelsstand" der Nichtbehinderten zugehörig fühlen zu dürfen und an dem entsprechenden "Ansehen" als "normaler Mensch" teilzuhaben. In diesem Zusammenhang gilt nicht etwa das normal, was ich in und aus mir selbst bin, was ich bei mir von mir selbst erfahre, sondern das, was eine Daseinswelt außerhalb meiner eigenen Existenz als verbindlich vorschreibt. Nicht meine Normalität ist gefragt, die ich in mir als ursprüngliches Dasein verkörpere - denn nur dieses erlebe ich ganz konkret bei jedem Schritt, den ich unternehme - sondern die Normalität des Anderen, die dieser im Verein mit Gleichgesinnten als verbindlichen Orientierungsrahmen setzt.

Wir fürchten, außerhalb eines solchen "sozialen Netzes" angesiedelt zu werden und bemühen uns deshalb so weit wie nur möglich "gut Wetter" beim Mitmenschen zu machen und dieses konstant zu halten, um so die Gefahr eines Ausschlußes auf ein Mindestmaß zu begrenzen. Entdecken wir in uns Auffassungen und Strebungen, die von den allgemein sanktionierten Verhaltensweisen des Herkömmlichen divergieren, so schreiben wir das nicht der Verschiedenheit unterschiedlicher Individuen zugute, sondern wir rechnen es uns ausschließlich als unser persönliches moralisches Versagen an. Der Andere als individuelle Erscheinung der mehrheitsbildenden Gesellschaft entwickelt sich so zum Richtung gebenden Maß aller Dinge.

Doch was wissen wir von diesem Anderen - ihm, der sich aufschwingt, über die Institution "der Gesellschaft" mein Dasein zu bestimmen? Was hat er mir voraus, das ihm diese Mächtigkeit gibt, mir auch gegen eigene Hinsicht und gegen eigene Überzeugung seine Maximen des Denkens und Handelns aufzudrängen? Dreht es sich nicht um einen Mechanismus, ausgelöst durch nichts als unsere Angst, ohne Anpassung an ihn zu vereinsamen - einfach, weil wir nicht bedenken, daß es ihm nicht anders geht als uns, was ihn ebenso an uns bindet wie uns an ihn? Ihm gelingt es durch seine vermeintliche Stärke mich auf seinen Kurs zu zwingen, weil er sich gemeinsam mit "anderen" Anderen auf eine bestimmte Seinsweise dessen festlegt, was als ein "richtiger" Mensch zu gelten hat und was nicht. Die von ihnen her gesehen wiederum "anderen" Anderen werden zur Stabilisierung der eigenen Situation als nicht dazugehörig ausgeschlossen. Um der eigenen Unsicherheit zu entgehen und um die eigene Position unangreifbar zu machen, muß es Menschen geben, von denen man sich gefahrlos abgrenzen kann. Sie zählen dann genau genommen zur kaum noch "verwertbaren" humanen Ausschußware. Es etablieren sich die "besseren" gegen die "minderwertigen" Zeitgenossen. Natürlich werde ich alles dafür tun, um zu den "besseren" zu gehören, die sich auch "die Normalen" nennen, um deren Anerkennung zu finden, die ja auch so etwas wie einen Hauch von "Liebe" zu uns herüberwehen läßt. Zwar weiß ich im Grunde nicht einmal genau, worin dieses "Bessere" besteht. Aber es fungiert fraglos als der Schlüssel zur Teilhabe am freundlichen Binnenklima, das von der tonangebenden Gruppe der Anderen auf mich ausstrahlt. Es zählt zum Privileg, hier einen Platz finden. Das gilt selbst dann - oder vielleicht auch gerade erst recht -, wenn ich mich nicht in der glücklichen Lage sehe, "dazu zu gehören". Ich empfinde es als einen diskriminierenden Makel.

Damit bestätige ich nicht nur indirekt den Anspruch des Anderen - obgleich er doch selbst nur einen kleinen Teil des sozialen Kosmos ausmacht - über die verbindliche Wirklichkeit menschlichen Daseins zu entscheiden. Die Wirklichkeit den Anderen wird mir wirklicher als die eigene. Ich überlasse mich ihr in der Hoffnung, dadurch eine effektvolle Stütze gegen die sich immer wieder neu erhebenden Zweifel und Unsicherheiten in der eigenen Brust zu erhalten. Ich baue mein Haus nicht auf den Grund eigenen Seins, sondern auf den einer blind vorausgesetzten Maßgeblichkeit des Anderen. Von ihm erwarte ich Halt, Rat, Wegweisung, Führung, weil ich ihm merkwürdigerweise erst einmal eine größere Kompetenz als mir selbst zutraue und zum anderen, weil mir an nichts so sehr als an seiner Zuwendung liegt. Bis zur Selbstverleugnung bin ich dafür bereit, ihr nachzujagen. Es gilt mir das Höchste, an der "objektiven" Welt des Anderen teilzuhaben und den schwankenden Boden der "Subjektivität" zu verlassen. Der Andere scheint uns im Besitz einer Wahrheit zu sein, die wir bloß noch nicht kennen, und die es also zu erringen gilt.

VI Es gibt nichts Gewisseres als die unaustauschbare Person, in der ich mich als mir selber gegeben vorfinde.

"Objektive" Welt des Anderen? Was wissen wir von ihr? Beginnen wir darüber nachzudenken, ohne das Erlebnis der eigenen Innenwelt mit dem des Anderen zu verwechseln, indem wir einfach von uns auf andere schließen, kommen wir eigentlich nicht umhin, festzustellen, daß es sich erst einmal um ein Phantom handelt, dem wir uns im Anderen mit Haut und Haaren ausliefern. Von ihm wissen wir nämlich im Grunde so gut wie nichts. Dennoch machen wir nur zu oft Gelingen oder Mißlingen unseres Lebens von ihm abhängig, um uns seines Wohlwollens zu versichern. Wir "wissen" nur das von ihm, was er uns verbal oder durch sein spontanes Verhalten mitteilt. Wir deuten es noch gerade irgendwie intellektuell und mit einem mehr oder weniger eingeschrängten Einfühlungsvermögen, können es aber nicht annähernd existentiell in uns nachvollziehen. Spricht der Andere beispielsweise auch noch so einfühlsam von seinem hier oder dort empfundenen Schmerz, so bleibt dieser doch für uns unzugänglich. Selbst wenn wir angesichts seines Leides und aufgrund seiner Schilderung von dessen verheerender Wirkung in einem Meer des Mitleids zerflössen, blieben wir immer nur bei unserem eigenen - nur von uns erfahrenen - Leid, niemals erreichen wir jedoch in Wirklichkeit das authentische Leid des Anderen.

Darum vermuten wir auch nur zu oft Leidenszustände und Schwierigkeiten beim Anderen, wo sich weit und breit keine finden, wenigstens solange er sie uns nicht ausdrücklich wissen läßt. Was für uns nach "schwerem Schicksal" aussieht, ist für den Anderen vielleicht nichts als seine banale Normalität. Es bedarf überhaupt keines Mitleids. Damit bauen wir nur neue Hürden zwischen ihm und uns auf. Denn ohne Zweifel: in der Regel bringt kein Mitleid die Menschen einander näher. Im Gegenteil. Beim Mitleid handelt es sich fast immer um ein höchst unangenehmes Gefühl, dem wir lieber aus dem Wege gehen. Es verbindet nicht, sondern es sperrt aus. Man gebraucht es nicht als den Weg, einem Menschen näherzukommen. Mit verschwindend wenig Ausnahmen dient es vielmehr dazu, uns von dem Bemitleidenden weiter und weiter zu entfernen.

Ebensowenig wie wir mit dem Anderen leiden können, sondern immer wieder nur auf unsere eigenen Empfindungen zurückgeworfen werden, die wenig bis überhaupt nichts mit dem realen Gemütszustand des Beurteilten zu tun haben müssen, will es uns gelingen, dies auf anderen Gebieten der Gefühls- und Gedankenwelt des mir außen in mein Blickfeld tretenden anderen Menschen zu praktizieren. Ich bleibe auf meine subjektiven Mutmaßungen angesichts der verbalen und emotionalen Äußerungen meines Gegegenübers angewiesen, die sich bei mir oft genug im Hervorschießen festgefügter Reaktionsschablonen bemerkbar machen, mit denen ich mehr oder weniger automatisch auf bestimmte Vorkommnisse eingehe. Eigentlich muß ich mich auf merkwürdige Weise immer wieder in einem schwer beschreibbaren Akt einer emotional-rationalen Vergewisserung der Konkretheit des Anderen versichern, obgleich er doch einen überhaupt nicht zu überschätzenden Einfluß auf mich besitzt. Nimmt man es genau, so beschreibt dieser Vorgang etwas Dämonisches - eine Empfindung, die sich vielfach als reale Entsprechung in zahlreichen Varianten unserer zwischenmenschlichen Beziehungen ausmachen läßt. Man fühlt sich einer Kraft im täglichen Umgang ausgesetzt, die sich gegen das Bestreben sträubt, das ablaufende Geschehen zu durchschauen. Da ist etwas ganz und gar Konkretes, das massiv die Hand nach meinem Dasein ausstreckt. Will ich es aber selber fassen, greife ich ins Leere und stehe da wie jemand, der nach Wind hascht. Das macht Angst. Vor was eigentlich? Anscheinend vor einem Nichts...

Oder ist da doch jemand, dem meine eigentliche und auch real begründete Angst gilt, dem ich am liebsten davonlaufen möchte - mir selbst und meiner der Ungewißheit ausgesetzten individuellen Situation? Gibt sich der Abgrund, vor den ich mich in meinem eigenen Dasein gestellt sehe, so furchterregend, daß ich mich aus der Konkretheit meiner Existenz lieber in das Ungefähre des Gängigen und dabei doch immer wieder ins Unaufschlüsselbare allgemeiner Gewohnheiten rette? Zwar bleibe ich auch im Getümmel einer für mich tonangebenden Gruppe einsam, doch ich brauche mich wenigstens nicht allein zu fühlen, kann mich im Strom der gängigen Meinungen und Verhaltensweisen treiben lassen - allerdings ohne jemals wirklich einen festen eigenen Stand unter meine Füße zu bekommen. Es wird mit jeder allgemeinen Kursänderung der vorgegebenen Ansichten und Verhaltenserwartungen unter mir fortgespült. Den festen Boden für meinen Gang durch mein Dasein gewinne ich kaum, indem ich erst einmal aus mir herausgehe und das dort Gefundene in mich hineintrage, um daraus mein Lebenshaus zu errichten. Es verhält sich vielmehr umgekehrt. Erst wenn ich bei mir bleibe, kann ich es wagen, von sicheren Grund des Eigenseins meinen Fuß auf das Terrain des Anderen zu setzen, um sein Land zu erkunden und dort als für mich vielleicht brauchbar Gefundenes in das eigene Lebenskonzept einzufügen. Natürlich muß ich mich am Gegebenen orientieren und danach meine Schritte setzen. Ich habe mit dem Anderen zu "rechnen", meine Erfahrungen mit ihm zu machen, mich auf den Umgang mit ihm einzurichten, seine Sphäre zu respektieren und Ebenen zu finden, auf denen wir im Gleichklang stehen. Das kann immer nur tastend geschehen. Das Gelände des Anderen bleibt unsicher. Ich bedarf immer wieder meines mir eigenen Bereiches, auf den ich mich zurüchziehen und von dem aus ich zu immer neuen Erkundungen aufbrechen kann. Er ist mir mehr als alles andere vertraut - auch bei aller in der Auseinandersetzung mit mir selbst begegnenden streckenweisen Unzugänglichkeit.

Bei aller unergründlichen Tiefe des Individuums, das sich selbst wieder und wieder als ein unlösbares Rätsel erscheinen läßt: Es gibt nichts Gewisseres als die unaustauschbare Person, in der ich mich als mir selber gegeben vorfinde. An allem - bis hin zur zwischenmenschlichen Beziehung, sei sie befriedigend, durch Ambivalenz oder gar durch offene Ablehnung charakterisiert - läßt sich zweifeln. Immer wieder erhebt sich dringend die Frage, ob ich nicht einer Fata Morgana erlegen hin. Das gilt für alle Erfahrungen, die von außen auf mich eindringen. Selbst so mächtige Widerfahrnisse wie die Liebe oder das Religiöse bleiben nicht davon ausgespart. Alles unterliegt für mich dem potentiellen Verdikt der Täuschung. Es könnte sich bei allem, was mir in der Welt als Erscheinung und Erfahrung mit anderen Lebewesen begegnet um einen Trugschluß handeln. Nur eines läßt sich auch mit der größten Spitzfindigkeit nicht in Frage stellen: Die Tatsache, daß ich es bin, der von diesen Zweifeln geschüttelt und gebeutelt wird. Jedesmal, wenn ich in Versuchung gerate, an der Realität meines Daseins inmitten anderen Daseins zu zweifeln, werde ich von meinen Empfindungen handfest wieder auf den Boden der Tatsachen gestellt. Ich erlebe dieses Hin- und Her gerissensein zwischen Überzeugung und Zweifel ganz konkret in mir selber. Schmerzen, die daraus entstehen, sind alles andere als ein Phantom. Meine Ungewißheit setzt mir mit scharfen Krallen zu, und läßt gar nicht erst den Verdacht aufkommen, es könne ein anderer sein als ich, der die Pein ausweglosen Suchens nach unwiderlegbaren Sachverhalten erleidet. In diesem Sinne werde ich mir zwangsläufig so etwas wie der Mittelpunkt der Welt - voller Beschämung über die Tatsache meiner Begrenzung. Zumindest aber komme ich dabei nicht um die Einsicht herum, daß ich es bin, der alles um sich in Frage stellt. Ohne die von mir überhaupt nicht wegzuleugnende Realität meiner Existenz wäre das nicht im Entferntesten möglich. Ich besitze die Fähigkeit, alles in Frage zu stellen, weil es mich ganz konkret gibt. Wenigstens theoretisch vermag ich von allem anderen abzusehen, nie und nimmer jedoch von mir selber. Ich kann mich nicht von mir abschütteln - nicht einmal im Schlaf. Denn auch im Traum komme ich mir in die Quere. Ich bin in mir eine nicht in Frage zu stellende konkrete Instanz, die jedes andere "Konkrete" weit in den Schatten stellt.

Es war der französische Philosoph René Descartes, der diese simple aber grundlegende Wahrheit menschlicher Existenz "entdeckte". Diese "Entdeckung" besagt im Grunde nichts anderes als: Sollte es überhaupt so etwas wie "die Wahrheit" geben, so erfahre ich sie zuallererst und am authentischsten in mir selbst, also über meine konkret erfahrbare Existenz. Alles das, was von außen auf mich zukommt, muß das Bewußtsein meiner hautnahen Berührung mit allem Seienden um mich her passieren, will es die Formen faßbarer Realität für den Umgang mit ihr annehmen. Dadurch wird nicht der Anspruch erhoben, als sei ich im Besitz der Wahrheit, sondern lediglich: Ich muß über das Dasein, in dem ich als Existenz stehe, autonom verfügen, will ich nicht meinen Halt in ihm verlieren und zum Spielball der Willkür mir fremder, hin und herschwankender Deutungen anderer zu werden, unter denen heute dieses gilt und morgen das andere. Womit wir bei uns selbst "dran" sind, das können wir annähernd wissen, auch in dem, was uns selbst an uns zeitweilig oder auch für immer ein Rätsel bleibt. Der Andere dagegen muß uns der Sache und dem Wesen nach schlichtweg im dichten Nebel der Ungreifbarkeit verschwinden. Sozusagen wie in einem Akt des Glaubens an einen unbekannten Gott begeben wir uns in seine Hände und erwarten von ihm Entscheidungen, von denen Gelingen oder Mißlingen unseres Lebens abhängen.

Lassen wir dies zu, so gilt zwangsläufig der Satz: Nicht wir selbst führen unser Leben, sondern der Andere als das mehr oder weniger Zufällige Gesicht einer anonymen Gesellschaft. Ihr räumen wir über den Anderen unzulässigerweise jeden entscheidenden Einfluß auf jenes Dasein ein, das wir eigentlich nur ganz allein vor uns selbst und vor der Mitwelt zu verantworten haben. Von ihm läßt sich jedoch nur das greifen, was er uns als dringliche Aussage von sich selbst preisgibt. Diese mag zutreffen; sie kann uns aber auch ebensogut auf eine falsche Fährte locken. Dennoch zweifeln wir eher an uns selber, als daß wir es riskieren, durch ein Beharren auf einem für uns richtigen Standpunkt "Ansehen" beim Anderen zu verlieren und dadurch das friedliche Einvernehmen mit ihm auch nur ansatzweise in Frage zu stellen. Wir fürchten uns, auf das zu bauen, was wir ursprünglich als einmaliges Individuum darstellen, jenen festen Ort unserer unaustauschbaren Existenz, von dem aus wir unsere Daseinsmöglichkeiten entwerfen. Statt dessen flüchten wir uns in ein Bild, in dem uns der Andere gerne sähe, weil er sich - ebenso wie wir selber - nicht gern beunruhigen läßt von der verwirrenden Vielfalt anderer Entwürfe von Lebensmöglichkeiten. Wir gelangen niemals zu uns selber, sondern zwingen uns in den Rahmen, den uns der Andere hinhält oder den wir unsererseits dem Anderen als passendes Umfeld empfehlen.

Damit begnügen wir uns freiwillig mit dem, was Kant "die selbstverschuldete Unmündigkeit" des Menschen nennt. Nur nicht einen Schritt des Eigenseins wagen, der uns die anheimelnde Gunst des umworbenen Anderen kosten könnte. Dies geschieht wechselseitig. Wir halten uns gegenseitig in Abhängigkeit. Dagegen wird oft eingewandt, das Recht und die Pflicht zur Eigenständigkeit führe zu egoistischem Hedonismus. Allein, dies beinhaltet einen falschen Begriff von selbstbewußtem Eigensein. Denn auch dieses beruht erklärtermaßen auf einer durch nichts zu relativierenden Wechselseitigkeit. Erst wenn ich dem Anderen das gleiche Recht wie mir einräume, kann ich verantwortungsvoll meine Eigenständigkeit geltend machen. In solch einem Verhältnis zueinander muß sich jeder Egoismus von selbst auflösen, sonst richtet er sich notwendigerweise auch gegen mich selbst. Aber wir fürchten das anstrengende Geschäft der Unabhängigkeit. Uns scheint das Wagnis zu groß, es uns eventuell mit dem Anderen zu verscherzen. Eher lassen wir uns von ihm ein Leben lang gängeln und unterstützen ihn in seinem Bemühen, alles "Unpassende" und "Störende" aus dem sozialen Miteinander fernzuhalten, indem es als das aus der Norm herausfallende folgerichtig zum "Unnormalen", also zum Nichtseinsollenden erklärt wird. So gerät jede Abweichung vom als verbindlich Angesehenen zum Makel der Behinderung, die in aufwendigen Rehabilitationsverfahren zur Korrektur ansteht.

Wir nehmen vor uns selbst Reißaus, und doch können wir nichts anderes sein als das, als was wir uns in unserer unübersteigbaren Existenz gegeben sind. Auch wenn wir Himmel und Hölle in Bewegung setzten; wir entkämen unserem Selbstsein nicht - und dem, was ein Leben lang alles damit an Erwünschtem und Unerwünschtem einhergeht. Das ist - je nach Standpunkt - die wunderbare Stärke oder der verhängnisvolle Fluch unseres unaustauschbaren individuellen Daseins. Der Wunsch, in eine andere als die vom Schicksal zugewiesene eigene Individualität zu steigen, mag noch so stark im Herzen brennen; ich bleibe im Wesentlichen lebenslang jener Mensch, der ich von Anbeginn als ich selber hin. Es gelingt mir nicht, aus meinem "So - sein" auszusteigen - sollte ich es in fortgesetzter Qual auch unaufhörlich zum Teufel wünschen. Ich bleibe an mich gebunden - auch mit einem möglichen Zwiespalt in mir selbst.

Zum Beispiel bildet die Existenzweise des Haderns mit der zugewiesenen Geschlechtszugehörigkeit eine relativ seltene - aber um so tragischere - Ausnahme menschlichen Daseins. In der Regel können wir uns gar keinen anderen Zustand vorstellen als den, in dem wir uns vorfinden - zumindest solange wir darin nicht von unserer Umwelt irritiert werden. Es gibt ja am Anfang erst einmal nichts als uns selbst. Wir sind für unser Empfinden kein Teil der Mutter; die Mutter erleben wir vielmehr als einen Teil von uns. Unter großen Schmerzen lernen wir erst, daß wir nicht in allem der Nabel der Welt sind, sondern uns bewußtseinsmäßig nur so und nicht anders im Begreifen der uns umgebenden Welt denken können. Diese Welt löst sich in unzählige Welten auf, die für uns zum großen Teil ganz und gar unzugänglich bleiben. So wie wir uns vorfinden beim Eintritt in das Dasein kommen wir uns ohne Wenn und Aber ganz "richtig" vor. Wie sollte es sich auch umgekehrt verhalten?! Zu Beginn meiner Lebensreise scheint es nur mich zu geben, denn alles andere, das mir begegnet, wird nicht als etwas anderes empfunden, sondern als etwas, das zu mir gehört wie ein unendlicher Körper. Werde ich nicht von einem chronischen Schmerz geplagt, lassen sich Perioden des sich Unwohlfühlens wie Hunger, nasse Windeln, unzureichende Kleidung wenigstens in unseren Graden rasch wieder beheben. Oft genügen nur wenige Laute des Unmutes - und schon springt jemand herbei, um die Quelle das Mißbehagens auszuschalten. Für mein Empfinden spielt es vorerst keine Rolle, ob man mich als Mädchen, Jungen, Behinderten, als hübsch, häßlich oder sonstwas deklariert. Was einzig und allein zählt, läuft auf die stets präsente Erfahrung des "Ich bin" hinaus.

Gegen dieses starke Erlebnis des eigenen Daseins vermag so rasch nichts aufkommen. Auch später, wenn ich meiner Abhängigkeit vom Anderen gewahr werde und ihn mehr und mehr als etwas Abgetrenntes von mir unterscheide, bleibe ich für mich das stärkere Gewicht in meiner Wahrnehmung des Daseins. Alle Anderen, die mir von außen entgegentreten, kommen mir dagegen als mehr oder weniger schemenhaft vor. Sie verfügen zwar über die Möglichkeit, massiv auf mein Dasein einzuwirken und mir das Leben sauer zu machen, doch sie selbst bleiben dabei eigentümlich ungreifbar. Nichts ist so sicher wie ich mir selber. Hier bewege ich mich auf autonomen Gebiet wie auf einer Insel, die von anderen Inseln umgeben ist. Was auf den anderen Inseln geschieht, von dem vermag ich kaum etwas annähernd Zutreffendes zu ahnen. Vom Tun und Treiben der Bewohner kommt mir nur ungefähre Kunde. Ich stehe mit ihnen in loser Tuchfühlung und versuche, einigermaßen mit ihnen auszukommen.

Diese mächtige und vorrangige Erfahrung der eigenen Befindlichkeit sieht sich nicht an ein intellektuell erhellendes Bewußtsein gebunden. Auch der scheinbar unansprechbare Schwerstmehrfachbehinderte, der keinerlei erkennbare Reaktion auf unsere Kontaktversuche mit ihm zeigt, besitzt ein "Bewußtsein" von sich. Ihm widerfährt die Erfahrung seines Daseins vermutlich noch stärker als den Vernunftbegabteren, indem er sich unreflektiert als Mittelpunkt seiner Welt erlebt und nicht aus ihr hinausgedrängt werden will. Es wäre unerträgliche Anmaßung, solch eine Existenzweise als bloßes Vegetieren abzutun. Wir können überhaupt nicht wissen, wo diese Menschen unser teilnehmender Zuspruch erreicht. Dies gilt es allen Bio- "Ethikern" und ihren Anhängern ins Stammbuch zu schreiben, die ein solches Bewußtsein bei schwer behinderten Kleinkindern ebenso wie bei anderen Menschen in Zuständen der Absence und hochgradigen Verwirrtheit leugnen, um daraus das Recht ihrer "Entsorgung" abzuleiten. Dies trifft auch auf die Feststellung des sogenannten klinischen Todes zu, wenn es um die Entnahme vom Organspenden geht. Die Übertragung von einem wirklich Toten wäre nutzlos. Solange aber noch Leben durch einen "Leichnam" pulst, können wir auch nicht ein reagierendes Bewußtsein ausschließen. Bei der Lektüre von Carmen Thomas' "Berührungsängste? Vom Umgang mit der Leiche" zumindest bieten sich solche Gedanken als naheliegend an.

Die Autonomie das Individuum sollte uns eigentlich Anlaß zu einem Gefühl der Sicherheit geben und uns zu einem Quell des schwer erschütterbaren Selbstwertempfindens gereichen. Denn gegenüber allem anderen, das uns in der Welt begegnet, gibt es nichts Gewisseres, als das, was wir beim Abstieg in uns selbst finden. Nur - wir erleben es dauernd hautnah: Mit unserem Selbstbewußtsein läßt sich nicht viel Staat machen. Es liegt mehr am Boden, als daß es sich in seltenen Augenblicken des ganz und gar Bei - sich - seins zu seiner ihm möglichen Größe erhebt - oft nicht zum geringen Erstaunen der Betroffenen und der ihn sonst als angepaßt erlebenden Umwelt. Wie frisch gesetzte Junghölze verlangen wir angstvoll ein ganzes Dasein über nach der Halterung an dem festen Stab, damit wir nicht umknicken. Dieser Stützposten ist uns der Andere. An ihn seilen wir uns an, in der Furcht, aus dem Gleichgewicht unserer Befindlichkeit zu geraten und den Stand unseres schwankenden Selbst zu verlieren. So reiht sich abgestützter Baum an angestützten Baum. In solch einem Wald bleibt nichts anderes zu tun, als sich gegenseitig am Umkippen zu hindern. Oder im übertragenen Sinne und schärfer noch: Sich gegeneinander in Schach zu halten. Dabei hätte jeder Baum in unserem Wald genug eigenen Lebensraum, um aus eigener Kraft ins Leben hinauszuragen - also Kraft genuinen Daseins zu "existieren" und im Verein mit den vielen, ebenso eigenständigen Anderen ein ausgewogenes Ganzes (oder in unserem herangezogenen Beispiel - des "Waldes") zu bilden.

Wir können uns auch im Bilde eines Schwimmers sehen, der ins Meer des Lebens springt, um sich mit kräftigen Bewegungen vom Ufer abzustoßen. Es erhebt sich die Frage: Was ist für mich realer: Ich, der Schwimmer oder das Wasser, das mich über die Abgründe trägt, mit dem und durch das ich relativ geborgen gleite, mit all seinen vielfältigen Lebenserscheinungen? Gewiß, das Wasser besitzt sozusagen eine dämönische Macht. Es vermag mich zu tragen, es kann mich aber auch mitleidslos in die Tiefe reißen, gelingt es mir nicht, gefährlichen Strudeln standzuhalten. Dennoch bin ich ihm aufgrund meines "Wissens" um die mir eigenen Energien allen unbrandenden Hindernissen überlegen, weil ich in mir selbst die Navigation finde, den Fährnissen zu begegnen. Solange ich mich auf die Sicherheit meines Eigenseins verlasse, kann ich mir nicht verloren gehen. Nur darf ich nicht vergessen, daß niemand als ich selber das Steuermannspatent für mein Leben in Händen hält. Wenn wir eben dem Wasser das Attribut "mitleidslos" beifügten, so ist das eigentlich schon zuviel. Bleiben wir bei dem Bild des Wassers als Hinweis auf die Welt des Anderen, die sich im Rahmen der "Gesellschaft" konstituiert, so erübrigt es sich, diesem Gebilde Gefühlsäußerungen zuzubilligen.

Es verfügt über keine Emotionen. Obgleich gespenstisch in seinen Auswirkungen auf uns, stellt es eigentlich ein Nichts dar, dem keine Eigenschaft zukommt, die wir ihm nicht selber zulegen. Zwar besitzt auch das Wasser, in dem ich mich bewege, bewegen muß, um überhaupt leben und überleben zu können, eine unübersehbare Wirklichkeit, die wir auf Schritt und Tritt auf mehr oder weniger unheimliche Weise zu spüren bekommen, wenn wir - ob wir es wollen oder nicht - in es hineintauchen. Dennoch bleiben es stets wir, die Individuen, welche das Wie und Was der Bedingungen unseres Daseins in ihm bestimmen und letztendlich auch den Fahrtweg selbst verantworten müssen, damit wir möglichst ohne gefährliche Kollisionen durch das Meer der Lebenszeit steuern.

Doch es ist schwer, die Wasser eigenständig in ruhiger Gelassenheit zu durchkreuzen. Es macht Angst, den eigenen Weg zu finden. Wir trauen dem Element nicht, das uns trägt. Nicht wir bestimmen, was uns zuträglich ist oder nicht. Vielmehr ist eine tonangebende Gruppe von Individuen, die sich interindividuell darauf einigt, was verbindlich als tragendes Wasser gelten soll und welche Meereszonen zu meiden sind. Als autonomer Schwimmer im Ozean des Daseins liegt es an mir, mich seinen Wogen zu überlassen oder gegen sie anzuschwimmen. Trotz der unheimlichen Gewalt des Wassers über mich und andere, weiß ich eigentlich so gut wie nichts über dieses Element, ohne das ich nicht leben kann, von dem ich mich aber auch nicht verschlingen lassen darf, will ich auch nur einigermaßen eigenständig meine Lebensstrecke bewältigen. Das Daseinsgewässer - obgleich unabdingbares Lebenselement - bleibt mit all seinen wechselnden Signalen anderen Lebens seltsam undurchschaubar und dadurch auch beängstigend fremd. Es besitzt keine eigene Sprache. Was wir dennoch zu hören meinen, ist nur zu oft verhallend, verwirrend und widersprüchlich. Das einzig Konkrete in diesem Zusammentreffen spiegelt sich im Bewußtsein des "Schwimmers", der in jeder Sekunde einer Situation "voll dabei ist" - selbst dann noch, wenn er es bei unterschiedlichen Gelegenheiten zuweilen verliert. Ich bin bei mir in einer Art und Weise, wie ich es sonst nirgendwo sein kann - auch in den höchsten Augenblicken des Liebesrausches nicht. Ich bleibe in und bei mir, mag ich auch noch so sehr versuchen, in etwas anderem aufzugehen.

Ich vermag nur jener zu sein, als der ich mir gegeben bin - eben dieser Mensch, den ich in mir jederzeit vorfinde, ob es mir nun zusagt oder nicht. Es gelingt mir nicht, mir als meinem Selbst zu entkommen. Im Ernst sollte ich dies auch gar nicht wollen. Denn das bedeutete nichts anderes, als sich in die Arme des Nichtseins zu werfen. Eine andere Existenz bleibt mir unzugänglich; ich besitze nicht einmal die entfernteste Möglichkeit, mich in sie hineinzuversetzen. So könnte ich meiner Existenz nur entkommen, wenn ich ihr ein Ende setzte. Sie ließe sich nicht durch eine andere auswechseln. Meine Existenz bleibt unersetzbar. Das macht meine Bedeutung, meine Würde - aber auch mein Wagnis als eigenständiges Individuum aus, weil es meine Unterschiedenheit von allen anderen oft auch auf vielfach schmerzhafte Weise betont.

Anmerkung der Redaktion:

Der Beitrag von Fredi Saal "Behindertsein - Bedeutung und Würde aus eigenem Recht"

wird in Heft 6/98 fortgesetzt.

Autor

Fredi Saal, Jahrgang 1935, wurde in Hannover (D) mit einer schweren spastischen Lähmung geboren. Galt nach amtsärztlichen Gutachten im siebten und im vierzehnten Lebensjahr als nicht bildungsfähig. Auf Einspruch der Mutter Beobachtungsaufenthalt in der Psychiatrie. Von dort für insgesamt elf Jahre Einweisung in verschiedene Heime, davon sieben in einer geschlossenen Einrichtung für geistig Behinderte mit angegliederter Hilfsschule. Mit achtzehn Leben außerhalb der Anstaltsmauern. Weiterbildung durch Teilnahme an Kursen der Volkshochschule. Vierzehn Jahre eingeschränkte Berufstätigkeit als Aufzugsführer in einer Schokoladenfabrik. Danach Bezieher einer Erwerbslosenrente. Seit 1974 mit der Lehrerin Helene Saal verheiratet. Lebt jetzt in Mülheim an der Ruhr. Ab 1960 Vorträge und Veröffentlichungen zu Behindertenfragen, darunter die beiden Bücher "Warum sollte ich jemand anderes sein wollen?", Gütersloh 1992, und "Leben kann man nur sich selber", Düsseldorf 1994.

Strippchens Hof 25

D-45479 Mülheim/Ruhr

Quelle:

Fredi Saal: Behindertsein I- Bedeutung und Würde aus eigenem Recht

oder: Die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens als Postulat der Vernunft

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 4/5 / 1998; Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 18.09.2006

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