Achtung und Anerkennung

AutorIn: Josef Fragner
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 4/5/2002; Thema: Achtung und Anerkennung Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (4/5/2002)
Copyright: © Josef Fragner 2002

Inhaltsverzeichnis

Achtung und Anerkennung

Zur Zeit wird das Wort "Selbstbestimmung" als Zauberformel verwendet. Selbstbestimmung scheint die Losung der Wahl zu sein, wo kaum vorhersehbare Veränderungen zur Normalität werden und die Fragmentierung des eigenen Lebens immer spürbarer wird. Die Illusion der sozialen Unabhängigkeit wird umso deutlicher, je mehr Abhängigkeit als Bedrohung und als Ausgeliefertsein an anonyme Mächte empfunden wird. Selbstbestimmung kann und soll sehr wohl Wege aufzeigen, den einzelnen Menschen aus falschen oder schädlichen Abhängigkeiten zu befreien, sie darf jedoch das Bewusstsein dafür nicht auslöschen, dass Abhängigkeit ein menschliches Grundfaktum ist.

Gegenseitige Angewiesenheit, Verpflichtung und positive Wertschätzung sind Qualitäten, die wichtig sind für eine gelingende Identitätsarbeit. Dies steigert auch das Gefühl, persönlich wertvoll, persönlich notwendig zu sein und persönlich gebraucht zu werden. Eine zu starke Betonung von Selbstbestimmung entwirft ein unangemessenes Bild vom Menschen. Denn Selbstbestimmung ist nicht ohne Angewiesenheit auf den Anderen, die sozialen Verflechtungen und Bindungen und die Bedeutung der Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken denkbar.

Dadurch werden andere Begriffe wie Verantwortung, Achtung, Anerkennung, Solidarität und Gerechtigkeit zu zentralen Aspekten einer humanen Qualität, weil sie das Wiederfinden von Vertrauen und das "Heilen" der Brüche und Risse in einer individuellen Sinnstruktur, der Vereinzelung, der Scham des Scheiterns, des Misstrauens, ermöglichen.

Die ethisch-existentielle Anerkennung begnügt sich nicht mit der Überwindung rechtlicher Ungleichheit, denn nur ein erweiterter Begriff zwischenmenschlicher Wertschätzung ist die Voraussetzung dafür, Selbstachtung bei und verantwortungsvolle Solidarität mit behinderten Menschen zu gewährleisten. Dabei wird der andere Mensch nicht einer jeweiligen Idee vom wahren Menschen unterworfen, sondern bleibt als Nächster immer auch unvordenklicher Anderer.

Diese Überlegungen müssen eingebettet sein in eine Reflexion einer kritischen Gesellschafts- und Subjekttheorie und mit einer Theorie politischen Handelns systematisch verbunden werden. Im Mittelpunkt muss dabei die Auseinandersetzung um Menschenwürde und gegen die Ungerechtigkeit stehen. Das heißt, die Sphäre des Rechts und damit der Politik, welche die Anerkennung als Person und als Rechtssubjekt gewährleistet und auf diesem Weg Grundlagen für eine gerechte politische und soziale Gestaltung der Gesellschaft liefert, darf nie aus unseren Augen verloren gehen.

Josef Fragner, Chefredakteur

Quelle

Josef Fragner: Achtung und Anerkennung

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft. Nr. 4/5/2002; Reha Druck Graz, S.1

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 28.02.2005

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