Zum Protest gegen die Zumutung, im Leibe zu sein

Themenbereiche: Schule
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/99; Thema: Zumutungen im pädagogischen Feld Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (3/1999)
Copyright: © Manfred Thalhammer 1999

Zum Protest gegen die Zumutung, im Leibe zu sein

In langjährigen Nachtwachen bei schwerst mehrfachbehinderten Menschen beginnen sich allmählich Gedanken zu konturieren, die die Situation des Menschen, die "conditio humana" gleichsam radikal, "von der Wurzel her" zu erfassen suchen, unsicher immer wieder von neuem, ob das Wort "Grauen", Grauen in dieser Leiblichkeit sein zu müssen, eine fortführende Modalität eines Weiterdenkens sein könnte. Die Gebrochenheit des Menschen in seiner Leiblichkeit der "Allgemeinen Pädagogik", der "Regelpädagogik" zu verdeutlichen zu suchen, scheint dringlich, um jegliches Elitäre endlich und endgültig auszuschließen.

Ganz alleine, Auge im Auge mit der Nacht und mit dem Wort. E. M. Cioran

Einige Hinweise, nein: weitgehend Wiederholungen, sollen Akzentsetzungen transparent machen, immer wieder auch unentschieden, ob Ekel, von außen kommend, nicht doch eher "objektiv" gehalten werden kann, hingegen Grauen, mögliches Engramm in jeder Zelle, "innen", inwendig ist, gleichsam ontisch persistiert. Die meisten Gedanken resultieren aus den Erfahrungen, die während der letzten neun Jahre bei der wöchentlichen Nachtwache in einer Klinik gemacht wurden, angesichts von Menschen, die sich wohl doch einer Beschreibung der Schwere ihrer Behinderung(en) entziehen: es fehlt das Wort, die ‚Sprache', wie sehr sie behindert sind.

I.

"Ein Kinderspiel. so haben wir mal gewettet, das Grauen und ich. Ich sage: ich mach jetzt die Augen zu und geh auf dem Bordstein immer so weiter. Da wirst du aber nicht weit kommen, sagt das Grauen. Bis zu Straßenlampe, sag ich. Längst nicht, sagt das Grauen. Ich schwöre, sag ich. Geh schon, sagt das Grauen, ich häng mich an deine Füße, damit dir nichts passiert.

Zehn Schritte, dann wurde der Widerstand unüberwindlich. Worauf du wohl zugehen magst, sagt das Grauen. Blinzeln gilt nicht, sagt das Grauen. Du hast schon aufgegeben, sagt das Grauen. Und da steh ich zwanzig Schritt vom Lampenpfosten entfernt, nicht mal sein Schatten hat mich gestreift, ich bin allein auf weiter Flur, und die Augen stehen mir offen vor Scham. Wenn du groß bist, werde ich noch größer sein, sagt das Grauen. Ich werde dich halten wie eine Mutter, denn was auf dich zukommt, wird noch viel grauenhafter sein als ich. Öffne die Augen, wir sind eins, du und ich, du hast verloren, aber ich habe nicht erlaubt, daß du verlorengehst". A. Muschg 1979, 139-140

Dieser mein Beitrag beschreibt "die Nachtseite" (Horkheimer, Adorno 1969, 246), um fürs Erste wenige Konturen dieser Zuordnung deutlicher machen zu können.

Zur "Unergründlichkeit im Verhältnis des Menschen zu seinem Körper" (Plessner 1970, 39-49) einige Hinweise zu formulieren, skizziert in wenigen Strichen diesen Kontext "Ich - Bewusstheit - Leib", wie er sich aus der Erziehungswirklichkeit mit Kindern, die kognitiv und/oder psychomotorisch gravierend beeinträchtigt sind, ergeben muss.

Auch wenn es riskant erscheinen mag, es gegen jedwede methodologische Begründbarkeit gewertet werden kann, im Folgenden wird von der wohl äußersten subjektiven Kategorie "Befindlichkeit" gesprochen, übergeordnet all den nun möglichen und notwendigen Kriterien der Analyse und Reflexion gegenüber den Begriffen "Gesundheit", "Krankheit", "Störung", "Behinderung", "Beeinträchtigung", "Benachteiligung".

Berichtet und konstruiert werden soll über Menschen, für die es schlichtweg ein Scandalon sein muss, die Leiblichkeit, in der sie sich vorfinden, ihr eigen nennen zu müssen. Doch hier wäre bereits Einhalt geboten: Ist diese Aussage nicht bereits meine "projektive Verkennung" (Mitscherlich 1974, 17) einer conditio humana gegenüber, die sich meiner Reflexion auch totaliter entziehen muss? Oder anders: Wie stark ist das "Ich" gegenüber der Faktizität diese Leiblichkeit zu halten? Und sogleich nachgereicht: Bei all diesen Menschen ist es zeit ihres Lebens ausgeschlossen, dass sie "Hand an sich legen" (J. Améry), fehlt ihnen doch die Möglichkeit des psychomotorischen Vollzugs. Unentschieden, und dies sei zu Beginn riskiert: Wie finden "Protest", "Verachtung" Artikulation, wie können "Furcht" gegenüber den Gegebenheiten, "im Leib zu sein" und "Angst", gerade diesen einzigen Leib zu verlieren, eine Artikulation finden?

Wenn Tillman, 5;6, schwer contergangeschädigt, zum Ausdruck bringt: "Ich bin, was ich nicht sein kann", verweist diese Formulierung auf die Akzentsetzung, wie sie alltäglich auch im konkreten Handeln des Kindes transparent wird. Sich dessen bewusst zu werden, und dies in allzu früher Zeit, dass sich dissoziative Prozesse, gleichsam primordial, in den "Tiefenstrukturen des Erlebens" (Luhmann 1972, 198) inkorporieren, gehört mutmaßlich zu den belastendsten Erfahrungen jener Kinder, die sich in einer Leiblichkeit vorfinden (müssen), die schlichtweg ihre eigene nicht sein sollte.

Ist diese Vorgabe naiv? Bereits an dieser Stelle unentschieden, wie mit Cioran weiter zu denken sei, wenn er meint: "Uns hätte erspart bleiben sollen, einen Körper mitzuschleppen. Die Last des Ich reichte aus" (1979, 76). Es sei wiederholt, dass der Fortgang dieser Ausführungen sich auf den Topos "situative Befindlichkeit" bezieht, so dass weniger Dichotomien "Gesundheit - Krankheit", doch auch "nicht-behindert - behindert", zu reflektieren versucht wird, sondern "im Leib zu sein", was auch dies immer situativ heißen mag, "den Leib zu haben", was auch dies immer intersubjektiv heißen sollte.

Der Protest, in seiner Leiblichkeit bleiben, verharren zu müssen, so der Suizid nicht als ultima ratio erachtet wird, und sei es in der permanenten Vorstellung, die Leiblichkeit, wie lange auch immer, diese "aliqua portio", dieses jämmerliche Etwas im Sinne Augustinus', ja: immer auch das Grauen vor Gegebenheiten, Faktizitäten meint, die den Funktions- und Stoffwechselzusammenhang umschreiben lassen, nackt, bloß, ungeschützt, belastet, wie auch immer, entstellt, doch auch weiterhin verletzlich, verletzbar, verwundbar, doch auch in Schmerzen affiziert: Materialität, "als verworfen in Materie (sich) zu verstehen" (Görres 1967, 8) zu suchen. Aufkündigung und Flucht davor wäre letztendlich nur mit dem oder durch den Tod imaginierbar.

Da dieser mein Versuch ausschließlich weltimmanent formuliert wird, können jedwede Hinweise transzendenter Zuordnung vermieden werden, etwa im Sinne: "Der Blick auf die materielle Natur lässt uns in Grauen und äußerstem Misstrauen einen Gott vermuten, der uns und alle seine Geschöpfe knutet und fesselt, foltert und erpresst durch das Quälholz der Materie, die in der Feinheit der leiblichen Organisation dem Geist nur dient, um ihn um so erbarmungsloser ihren Bedingungen, ihrem Zerfall, ihrer rücksichtslosen Eigengesetzlichkeit und dem grausamen Spott und Spiel ihrer albernen Zufälle zu unterwerfen" (Görres 1967, 10).

II.

"Das geschärfte Bewußtsein, einen Körper zu haben, genau das ist der Mangel an Gesundheit".

E. M. Cioran

"Die Gesundheit erhält das Leben als das, was es ist, in unfruchtbarer Übereinstimmung mit sich selbst. Krankheit dagegen ist eine Tätigkeit, die intensivste, die der Mensch zu entfalten vermag, eine rasend schnelle und dabei ortsfeste Bewegung..." (Cioran, 1979, 17)

Die Befindlichkeit des Menschen, die "psychophysische Einheit", wie zu sagen gepflegt wird, wobei "Einheit" ein fast kurioser Topos ist, dieses eigenartige, nie so sehr in den Griff zu bekommende Äquilibrieren, scheint doch zumindest an Pascals "Schilfrohr im Winde" zu erinnern, wobei sogleich Ein- und Widerspruch erfolgen muss, dergestalt, dass der permanent weitergereicht Topos einer "Homöostase" eher ein Wunschdenken genannt werden kann.

Anzusprechen wären folgende Gedanken, wobei die Spaltung "subjektiv - intersubjektiv" die psychosoziale Gegebenheit des Kindes in früher Zeit, insonderheit bezüglich eingeschränkter psychomotorischer Möglichkeiten, doch auch insonderheit für das Kind mit geistiger Behinderung, bedacht wird.

Wie lange hält es das Kind aus, sich seiner Desolatheit in corpore nicht bewusst zu werden, gleichsam auch nicht werden zu wollen, davon ausgehend, dass hier auf einen Menschen verwiesen wird, der sich nicht behindert, nicht beeinträchtigt, weder entstellt noch sich affiziert fühlt, auch fürs Erste hält, im Sinne Merleau-Ponty, dass der Mensch sich im "Fleisch" (la chair) erfährt, diese Fakzitität jedoch dem "Bewusstsein" nicht zugesteht, nicht zulassen kann, um diese Modalität einer "Inkorporation" nicht in aller Deutlichkeit und Wirksamkeit zu erleben zu müssen. Dass diese Auseinandersetzung der höchst belastende, lebenslang persistierende Insult, im Leibe zu sein, bleiben zu müssen, wird immer wieder durch "erkenntnishaltige" Konfrontationen, face-to-face mit dem "signifikant anderen" seine Alltagswirklichkeit ausmachen. Mit Langevelds Hinweis auf den "Gespiegelten Erlebniswert" (1964, 131) in der beginnenden Ontogenese kann vermutet werden, dass all diese Auseinandersetzungs- und Kommunikationsprozesse zu früh für psychomotorisch beeinträchtigte Kinder sind, gleichsam ohnmächtig, wehrlos, ausgeliefert sich wahrzunehmen, vielleicht doch noch geschützt hinsichtlich einer Prognose auf Zukunft hin, all dies sei irreversibel.

III.

"Wie den Tag beginnen, wenn der Arm zu schwach zum morgendlichen Augenreiben ist.

In Träumen kann ich ab und zu gehen. Fasziniert den gehenden und normal greifenden Menschen nachsehen. Eine unüberwindbare Brücke. Oder mir einen kleinen Teil ihrer Kraft wünschen, sie würden es kaum merken, aber ich könnte mich besser bewegen".

Thomas D. (27; Osteogenesis imperfecta, Muskeldystrophie)

Tertullian weiß: "Caro cardo salutis" - "Der Leib ist der Angelpunkt des Heils": Wie schön es auch klingen mag, allem Anschein nach gelang ihm dieses Konstrukt nur, da er nicht sagt, was wohl das "Heil" sein könnte. Bei Lichte besehen ist es einem noch immer nicht klar, worin die größere Hypothek für das "incorporierte Ich" bestünde: In diesem seinem eigenen Leib zu sein, ohne Aussicht auf Veränderbarkeit, genetisch verankert "in alle Ewigkeit" durch diesen Leib in seiner Determiniertheit, mit all den mehr und mehr sich deutlicher konturierenden Interventionen und Rückwirkungen auf das Erleben hin, in all der Problematik, wie es Görres als Grundproblematik des Menschen kurzfasst: "...aber im Gefühlsbereich das wieder umzustoßen, was in der Erkenntnis aufgebaut wurde" (1961, 76). Frühkindliches Erleben, so scheint es, sei gleichsam noch geschützt zu denken gegenüber all den sich nunmehr einstellenden Wahrnehmungsergebnissen, in dieser Leiblichkeit sein zu müssen, zu denken als eine Art Moratorium, bis sich in aller Direktheit und Ausschließlichkeit, das Bewusstsein zu stabilisieren sucht, dass dem so sei und auch so bleiben wird. "restitutio ad integrum", weltimmanentes Orplid: Vage Phantasietätigkeit, in Tag- und Nachtträumen, der Kampf gegen Unvollkommenheit, Verletzung, Verstümmelung, Kränkung.

"Danach aber, wenn Miranda Selbstkritik geübt hat, stellt sie sich vor den milden Biedermeierspiegel im Schlafzimmer und findet sich ‚passabel', ‚es geht', es ist gar nicht so schlimm, und da täuscht sie sich auch, aber Miranda lebt je zwischen einem Dutzend Möglichkeiten, sich zu täuschen, und zwischen der günstigsten und der ungünstigsten balanciert sie jeden Tag durch ihr Leben" (I. Bachmann 1972, 94). Der Leib ist Angriffsfläche, Panzer und Korsett: Die Befindlichkeit ein äußerst fragiles Äquilibrium, identisch mit dem implizierten Grauen, in dieser Leiblichkeit das Ich nicht abstürzen zu lassen.

IV.

"Eine Therapeutin über einen Jungen mit Muskeldystrophie: ‚Nach den Ferien wird er nicht mehr gehen können'. Wir haben eine andere Zeitrechung".

"Allein der Gedanke an Zukunft nimmt mir den Atem. Der letzte Vorhang hängt noch".

Thomas D.

"Introspektionen sind provisorische Fingerübungen zu einem Nekrolog". E. Cioran

"Meine Sprache und ich. Wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen. Was ich wissen muß, weiß ich... Was ich zu wissen glaube, könnte mutmaßlich auch so etwas wie mein ‚Körperbewußtsein' sein, so es nicht zu naiv gedacht ist... Es müßte der Sprache mehr an mir liegen, schon lange. Ich habe sie im Verdacht, daß ihr nur an sich selbst liegt. Oder nicht an sich selbst. Oder beides, das trifft sich; was ich ihr vorgesetzt habe, hat sie nicht berührt, sie läßt es vom Gischt einsalzen. Jeder wie er will. Ich halte mich daran" (I. Aichinger 1978, 23). Ich komme an die "Biologie", die für meinen Leib die ‚Wissenschaft' sein könnte/müsste, nicht heran. "Mein linker Fuß" (Christie), wie wäre er zu ‚denken'? Es müsste meinem Leib "mehr an mir liegen". Zunächst, wohl bedingt auch erinnerlich, könnte es gar so gewesen sein: "Das Ich ist vor allem ein körperliches" (Freud 1976, 253): Daraus, in späterer Zeit, ein "leibliches Bewußtsein" konturieren zu wollen, bei dieser und jener Progredienz und Aggravation, sei es nun intrapsychisch, sei es physiologisch, es bleibt doch weitgehend unentschieden, oder anders: "... du lachst und du weinst und gehst an dir zugrund, was soll dir noch geschehen?" (I. Bachmann 1972, 20).

Mein Leib und ich: wir reden kaum noch "miteinander". Das Ich verstummte weitgehend, schleiften sich ihm gegenüber "projektive Verkennungen" (A. Mitscherlich) ein, es konnten fatale Verfahren des Sich-Vergleichens mit dem Anderen nicht vermieden werden, ja es konturierte sich in zweifacher Weise: Versagen, sicherlich in (zu) hoher Erwartung den Dimensionen und Funktionen gegenüber, konnte nicht erfolgreich ausgeglichen und/oder werden; was könnte auch schon ‚ausgeglichen' werden? Grauen, in dieser Leiblichkeit sich vorzufinden, wann immer es eingefallen ist und persistiert, kann nicht verscheucht werden: es ist ontisch zu nennen und diese Art von "Sensationen im Leibe" überfordern Bewusstsein und Ich zugleich: sie sind die Zumutungen, wogegen Protest, gleich welcher Art, kurios erscheinen mag. "Man gab mir einen Körper - wer sagt mir, wozu? Er ist nur mein, nur er" (O. Mandelstam).

V.

Eine conclusio ist nicht zu leisten: wohl immer noch Faktizität: "... inter faeces et urinas nascitur", die conditio humana beginnend, kaum zu denken ohne Diskontinuität und Gebrochenheit, "im Widerspruch" mit der Realität, in Dissoziation und Disharmonie, es ist kaum vorstellbar, dies koordinieren zu wollen, wobei nicht einmal die Kriterien und Verfahren denkbar erscheinen, die dies ermöglichten. Gegen Ende sollen zwei längere Zitate folgen, wobei die geglaubt elitäre Position des Menschen nach Siewerth eher paradox erscheint, das nachgereichte Thema, bereits oben kurz angedeutet, neurophysiologisch und physiologisch wiederum beginnend, Bewusstheit angesichts all dieser Gebrochenheit, "im Leib zu sein", aufzubauen, gar zu stabilisieren: Davon vermag bisweilen die Erziehungswirklichkeit des Kindes mit schwerster Behinderung zu künden, und dies sei noch einmal aus der Erfahrung in der Station versucht:

Bei René und Jörg geschieht es, nicht allzu selten, dass während der Nacht, gleichsam bei höchster Vigilanz, beide zu lachen beginnen, ein befreit erscheinendes Lachen, geradezu unbegrenzt, unaufhörlich, sich müde lachen zu können. Über diese Erfahrung kann berichtet werden, diese Situation grenzt an die Nähe eines Wunders, erlebbar im Halbdunkel der Nächte einer Station, die darin definiert wird, dass René bereits seit 17 Jahren hätte sterben müssen, aufgrund der schwersten Behinderung durch eine asphyktische Drillingsgeburt, dass Jörg seit nunmehr 27 Jahren, unfähig sich auch nur einen Millimeter über die Psychomotorik darzustellen, den Kopf seit dieser Zeit um 45 Grad nach oben links gewendet, liegt.

Hierin von "Zumutung, im Leib zu sein" zu sprechen, davon zu berichten, lässt zumindest eines offen, die Analogie jeglicher conditio humana zu denken, wie verwundbar und verletzbar sie auch sein mag. Bei Petra kann mittlerweile vermutet werden, dass der Blickkontakt mit ihr, wenn sie erwacht, so sehr stabil erscheint, dass diese punktuelle Erfahrung für sie Bedingung der Möglichkeit geworden ist, wiederum die Traumwirklichkeit zu erreichen. Neuerdings, wenn René gegen morgen gebadet wird, kostet es ihr die größte Anstrengung, dieses Geschehen zu internalisieren, unentschieden, was mit René geschieht: Die kaum mehr zu stillende Abfolge des Krampfens lässt gar den Topos einer (ersten) Intersubjektivität vermuten. "Ecce homo", doch dieser Hinweis könnte schon eine Grenzüberschreitung sein.

"... Da der Mensch wesenhaft leiblich ist, so hat er auch Stand und Mittel im Leibe. Er steht und ruht im Leibe, hält sich in ihm, dergestalt, daß er im werkenden Tun wie in der bekundenden Gebärde selbst immer da ist und sich in Maß und Ordnung seiner Kräfte immer neu gewinnt. Was er aber erhält und ordnet, darstellt und entfaltet, ist seine immer schon als ganze gebaute Wesenswirklichkeit, der er im Werk seiner Hände Ort, Heimat und Stand gibt ... Ein Mann, der nicht aufrecht stehen kann, ist in seinem Wesen verletzt und heimgesucht." (G. Siewerth 1953, 57)

"... ein diskreter und unüberwindlicher Ekel enthüllt meinem Bewußtsein ständig meinen Körper: es kann geschehen, daß wir, um uns von ihm zu befreien, das Angenehme oder den physischen Schmerz suchen, aber sobald der Schmerz oder das Angenehme durch das Bewußtsein existiert werden, manifestieren sie ihrerseits seine Faktizität und seine Kontingenz, und so enthüllen sie sich auf dem Hintergrund von Ekel. Dieser Begriff Ekel ist keineswegs als eine aus unserm physiologischen Widerwillen genommene Metapher zu verstehen, sondern umgekehrt, aller konkrete und empirische Ekel (vor faulem Fleisch, frischem Blut, Exkrementen usw.) der unser Erbrechen herbeiführt, entsteht vielmehr erst auf seiner Grundlage" (J.-P. Sartre, 1991, 597-598).

Wie lässt sich "Zumutung" anthropologisch analysieren und reflektieren, ohne nicht sogleich "Hand an sich zu legen", wie es Améry zu begründen sucht?

Literatur

Aichinger, I.: Meine Sprache und ich. Frankfurt 1978.

Aichinger, I.: Kleist, Moos, Fasane. Frankfurt 1987.

Améry, J.: Hand an sich zu legen. Stuttgart 1976.

Bachmann, I.: Simultan. München 1972.

Bachmann, I.: Frankfurter Poetik Vorlesungen. München 1982.

Cioran, E.M.: Auf den Gipfeln der Verzweiflung. Frankfurt 1973.

Cioran, E.M.: Vom Nachteil, geboren zu sein. Frankfurt 1979.

Freud, S.: Das Ich und das Es. GW XIII. Frankfurt 1976.

Görres, A.: Methode und Erfahrungen der Psychoanalyse. München 1961.

Horkheimer, M. u. Adorno, T.W.: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt 1969.

Langeveld, M.: Studien zur Anthropologie des Kindes. Tübingen 1964.

Luhmann, N.: Liebe als Passion. Frankfurt 1972.

Mandelstam, J.: Gedichte. Graz 1967.

Mitscherlich, A.: Toleranz - Überprüfung eines Begriffs. Frankfurt 1974.

Muschg, A.: Noch ein Wunsch. Frankfurt 1979.

Plessner, H.: Philosophische Anthropologie. Frankfurt 1970.

Rahner, K. u. Görres, A.: Der Leib und das Heil. Mainz 1967.

Sartre, J. P.: Das Sein und das Nichts. Frankfurt 1991.

Siewerth, G.: Der Mensch und sein Leib. Einsiedeln 1953.

Tertullian, zit. in Rahner, K. u. Görres, A.: Der Leib und sein Heil, Mainz 1967.

Der Autor

Prof. Dr. Manfred Thalhammer, Professor für Sonderpädagogik der Universität Würzburg, Lehrstuhl Sonderpädagogik II (seit 1979); Lehrer an Volks- und Sonderschulen (neun Jahre); Mitarbeiter am Institut für Sonderpädagogik der Universität München 1970-1979 (Lehrstuhl Prof. Dr. O. Speck); Vorstandsmitglied der "Lebenshilfe für Geistigbehinderte" München 1970 - 1979; Schwerpunkte: Körper- und Geistigbehindertenpädagogik, Grundfragen der Anthropologie und sonderpädagogische Ethik.

Universität Würzburg

Lehrstuhl für Sonderpädagogik II

Wittelsbacherplatz 1

D-97074 Würzburg

Quelle:

Manfred Thalhammer: Zum Protest gegen die Zumutung, im Leibe zu sein

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/99; Reha Druck Graz

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Stand: 29.08.2005

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