Zusammenspiel - Metapher des Lebens wie des Lernens

AutorIn: Rudolf zur Lippe
Themenbereiche: Kultur, Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/98; Thema: Das Zusammenspiel von Denken und Fühlen Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (3/1998)
Copyright: © Rudolf zur Lippe 1998

Zusammenspiel - Metapher des Lebens wie des Lernens

Wir haben auf allen Ebenen und in allen Gegenden der Welt mit dieser Frage der Lebensformen gegen die Globalisierung jetzt in einer Weise zu tun, daß wir wirklich in vielen Richtungen darüber nachdenken müssen.

Aber beginnen wir hier mit der, die Ihnen eine unmittelbare ist, in der Sie Dinge miteinander verbinden, vor allen Dingen eben Menschen miteinander verbinden, in alltäglicher Arbeit und in besonderen Begegnungen. Das Leibliche ist ein Thema und ein Gegenstand auch meiner Arbeit. Ich verdanke es meinem Lehrer Karlfried Graf Dürckheim, der vor über 50 Jahren aus Japan zurückkam nach Europa. Er sagte nicht: Denkt mal, wie schön die da denken. So hatten uns Glasenapp, Feldheim, Kayserlingte und andere vom Osten mitgeteilt. Sondern er kam wieder zu uns mit den praktischen Übungen der Zazen-Tradition - des Atmens, des Gehens, des Sitzens und Stehens und brachte uns das Denken wirklich durch die Erfahrung des anderen In-der-Welt-Seins, durch diesen eigenen Leib hindurch. Von daher wurde ein anderes Denken möglich.

Ich sage immer, wenn man aus unserer Vernunft so vieles weggelassen hat, verdrängt hat, was eben vom Leiblich-Sinnhaften her, vom Gefühl her zu ihr gehört - wir haben gerade ein Stichwort ausgetauscht über das großartige Buch von Carola Mayer-Seetaler "Vernunft und Gefühl" - wenn man so vieles weggelassen hat, dann kann es nicht dadurch wieder hereinkommen, daß man von dem Rest des Übriggebliebenen es abzuleiten versucht. Das muß gerade den hartgesottensten Kausalisten einleuchten. Ich habe deshalb schon vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren angefangen, das leibliche Üben in die wissenschaftliche Arbeit aufzunehmen. Ich mache das auch in den praktischen Workshops, die ich genau so gebe wie Vorträge. Aber ich mache es eben auch in der täglichen Arbeit in der Universität. Ich nenne das dann Leibpraktische Denkübungen: Wunderbare Dinge, wie dies, daß man wieder lernt, fallen zu können, ohne sich weh zu tun. So entsteht eine ganz andere Beziehung zu sich und der Welt, nämlich eine viel freiere. Ich glaube auch, daß das eine wichtige soziale Qualität hat. Es war eine der wesentlichen Übungen, die ich eingebracht habe, als wir in den Bürgerinitiativbewegungen der Siebziger und Achtziger Jahre anfingen zu überlegen, was kann man eigentlich von grundauf tun, um eine gewaltfreie Widerstandseinstellung praktizieren zu können. Gewaltfreiheit bedeutet zunächst einmal, daß man sich auch freier fühlt gegenüber dem, was einen mit Angst erfüllt. Angstfreiheit und Freiheit zum Anderen, die beiden antworten einander. Sie kennen die beiden Begriffe von Nietzsche: Freiheit wovon und Freiheit wofür. Sie gehören zueinander. Da kann das leibliche Erfahren und die Übung darin natürlich eine wunderbare Vermittlung übernehmen. Ohne sie geht, glaube ich, nichts: mit ihr alleine sicher auch nicht genug.

Ich hab mir vorgenommen, heute zu Ihnen über das Zusammenspiel zu sprechen. Ich könnte auch Spiel sagen; aber dann hätten Sie an "Mensch ärgere dich nicht" oder die Spielhalle am Bahnhof von Linz gedacht, was eben nicht gemeint ist.

Zusammenspiel ist für mich ein Begriff, der uns erlauben könnte, etwas ins Bewußtsein aufzunehmen und uns entsprechend zu benehmen, uns zu verhalten und weiterzusuchen gegenüber dem, was in dem sehr Mode gewordenen Begriff des Systems, der lebenden Systeme bis hin zur systemischen Therapie einen mißverständlichen Statthalter bekommen hat. Eine Ergänzung und in wichtigen Punkten auch eine Korrektur dazu heißt am besten Spiel. Dazu muß ich ein Wort zu diesem Begriff des Systems sagen, der von allen benutzt wird und nicht deutlich genug wahrscheinlich im Bewußtsein ist. Einige von ihnen wissen, daß ich befreundet bin mit Humberto Maturana, daß ich ein großer Verehrer von Gregory Bateson geworden bin und mit ihm eine sehr kurze, aber eigentlich eine Freundschaft fürs Leben gefunden habe. Von beiden habe ich gelernt, was eigentlich mit System gemeint sein kann. Wir haben durch die Naturwissenschaften der letzten zweihundert Jahre uns immer mehr darauf spezialisiert - und das hat die Gesellschaft als ganze natürlich übernommen, - auch wo wir nicht Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler sind - daß wir das, womit wir uns wissenschaftlich beschäftigen, isolieren, um es genau und exakt zu untersuchen, möglichst eben zu messen. Dieses ist als eine für manche Zwecke nützliche, aber sehr begrenzte Vorgehensweise erkannt und kritisiert worden. Darauf hat der Gegenbegriff des Systems geantwortet. Die Dinge und die wesentlichen Vorgänge sind eben nicht als einzelne, isolierte wirklich zu begreifen, weil sie so auch gar nicht zu funktionieren vermögen. Die Wechselbeziehungen sind zur Lebensentstehung wesentlich. Also konzentriert man sich auf den Zusammenhang, nachdem man vorher die Isolation betrieben hat.

Das ist gut und sehr notwendig. Nun sind wir Europäer, die westlichen Zivilisationen, so eine merkwürdige Veranstaltung, die immer meint, man würde einen Fehler dadurch ausgleichen, daß man den umgekehrten Fehler macht. Das hat viel für sich, weil es viel bequemer ist; man braucht sich dann nicht in einem Zwischen zu bewegen. Das aber ist gerade, was das Leben eigentlich meint. Es geht immer um ein Zwischen in einem polaren Feld. Wo findet unser Leben, wo findet unser Erleben von Farbe, von allem, was wir sehen, statt? Zwischen Licht und Dunkel und nicht im Dunkeln oder im Licht. Das totale Licht erlaubt uns ebesowenig, sehend wahrzunehmen, wie die totale Dunkelheit. Dieses Zwischen wäre in den Systembegriff so zu übersetzen, wie Schiller in seinen "Ästhetischen Briefen" es ausgezeichnet und weit vorausgreifend formuliert hat. Sein Beitrag zum Spiel ist auch der deutsche Beitrag zur Europäischen Aufklärung genannt worden. Er sprach von Schönheit und Spiel von der Ästhetik her, aus den Enttäuschungen über die Schrecken der Französischen Revolution. "Wie kommen wir zu einer Freiheitsbewegung, die nicht in die Zerstörungen und Gewalttätigkeiten und damit auch die Katastrophen von Revolutionen führt?" Das war ja die Anschauung von 1789 und 1793, also der großen französischen Freiheitsbewegung und dann ihrer Umkehr in das Terrorregime. Die Antwort Schillers darauf war: Wir müssen in den Menschen selber diese Fähigkeit anregen und ausbilden, in einem Wechselspiel die eigene Seite eines Dialogs, würden wir sagen, mitzuübernehmen. Er hat dafür die Kunst als ein Vorbild gebraucht.

Es gibt in diesem ästhetischen Denken zwei Modelle: Das eine ist das der Schönheit, die Schönheit, die wir aus der Betrachtung von Kunst, auch aus dem Hören natürlich von Kunst aufnehmen. Daran, ich würde nicht sagen schulen, aber daran üben wir in uns, wie wir mit der Welt gegenüber zu einem guten gemeinsamen Fortgang kommen können. Goethes Wort von der Bildung ist da das einzige, das dem gerecht werden kann - etwas in uns hervorzubilden, auszubilden. Das nennt Schiller auf der anderen Seite das Spiel, den Spieltrieb. Sie alle kennen diesen einen Satz aus seinen "Ästhetischen Briefen": "Der Mensch ist da nur ganz Mensch, wo er spielt", und er spielt natürlich auch nur da wirklich, wo er ganz Mensch wird. In diesem Sinne spreche ich von "Zusammenspiel".

Nun möchte ich dazu ein paar Dinge erläuternd sagen; zunächst noch als Gegenstück zu dem System.

Ich sehe sehr wohl, daß der Systembegriff, Systemtheorie, systemische Therapien so gemeint sein kann, wie Schiller sein Zusammenspiel begriffen hat. Schiller hat uns die absolut gültige Formulierung für das Prinzip vor 200 Jahren gegeben. Die Teile dürfen überhaupt nur unter der Bedingung annehmen, Teile eines Ganzen zu werden, sich ein-, sich unterzuordnen, daß ebenso das Ganze den Teilen dient. Diese Wechselbeziehung ist gemeint. In den gängigen Praktizierungen und Anwendungen des Systembegriffs finden wir immer wieder, daß genau diese Ebene vergessen wird. Das Motto ist so wahnsinnig praktisch. Wir nehmen die Dinge aus unserer bisherigen isolierenden Betrachtung heraus und stellen sie wieder in die Zusammenhänge. Das klingt wunderbar. Dann kann man sagen: Wir fragen nach der Funktion des Einzelnen fürs Ganze. Das ist jedoch die einseitige Beziehung des Einzelnen zum Ganzen, und zwar als die der Unter- und Einordnung. Du hast zu funktionieren! Damit du funktionieren kannst, sorgen wir dafür, daß die anderen Elemente auch funktionieren, wie es das Ganze braucht. Dann mußt du doch sehr zufrieden sein. Schiller hat keinen Zweifel daran gelassen, daß ihm das Kunstwerk, um das es ihm eigentlich in dieser Ästhetik geht, das Kunstwerk der menschlichen Gemeinschaft ist. Er hat eine neue Sozialphilosophie in dieser Ästhetik versucht. Also geht es darum, daß nicht die einzelnen Menschen bloß auf ihre Funktion in einer funktionierenden Gesellschaft betrachtet und eingeordnet werden. Wie wichtig und gefährdet diese Funktion ist, sehen wir an dem unglaublichen Erfolg, den systemisches Denken etwa in der Sozialtheorie, bei einem Niklas Luhman z.B., nun allerorten findet.

Spiel. Ich hab einen merkwürdigen Zufall nutzen können, um etwas über das Spiel deutlich für mich und andere zu formulieren, das mir vorher nicht so klar war. In Salzburg hat Günther Bauer ein Institut für Spielforschung am Mozartheum eingerichtet, das außerordentlich interessant unsere ganze Vorgeschichte und Gegenwart des Umgangs mit dem Spielen und seiner Bedeutung zusammenträgt. Zu der Eröffnung seines Instituts bat er mich um den Festvortrag. Dahinter stand, wie macht man so etwas heute, eine Sponsorship von Seiten der Österreichischen Spielbanken, die vertreten sind durch einen hochinteressanten und liebenswürdigen Direktor, der sich für alle möglichen Dinge auch seinerseits interessiert und diese Sache fördert. Aber natürlich war das Glücksspiel ein Thema dieser Tagung. Ich saß in der Klemme. Das zwang mich, danach zu fragen, was ich für eine Vorstellung von Spiel habe, daß sie mit dem Glücksspiel nicht recht zusammenpaßt. Es geht um den Begriff des Zufalls. An dem unterscheiden wir uns ums Ganze. Ich verstehe unter Spiel das Spiel mit dem Zufall. Das Glücksspiel in der gängigen Form seiner Praktizierung ist der Versuch, gegen den Zufall zu gewinnen. Sie wissen, die routinierten Spieler arbeiten immer daran, Systeme zu erfinden, mit denen man dahinterkommt, an welcher Stelle welche Wahrscheinlichkeit sich dann doch ergibt, so daß man dem Zufall entkommen und in eine Art Vorhersage gelangen kann. Die Vorgeschichte des Glückspiels im 17., 18. Jahrhundert hat sicher einen gar nicht banalen Hintergrund. Das interessiert uns heute aber nicht, sondern nur so viel: Es geht im Spiel, im Zusammenspiel, darum, mit dem Zufall zu spielen.

Ich bringe das zusammen mit dem Thema der vorjährigen Tagung, dem Thema der Grenzen, wie Sie es, glaube ich, sehr deutlich angegangen haben. Es gehört eben entscheidend zu der conditio humana, daß wir begrenzte Wesen mit begrenzter Lebenszeit, mit begrenzten Möglichkeiten sind. Unsere Sinne sind begrenzt. Die europäische Geschichte hat seit Platon und Sokrates, die in anderer Hinsicht uns große Vorbilder sein können, aber in dieser Hinsicht leider den Schluß gezogen, wenn die Sinne begrenzt sind, dann täuschen sie uns doch. Vielleicht, weil wir nicht wissen, wo sie begrenzt sind. Deswegen wollen wir uns lieber in der Erkenntnis von den Sinnen abwenden können, um theoretisch die Welt zu erforschen. Wir sollen uns auch von dem Leib insgesamt abwenden; denn der Leib verleitet uns dazu, uns ablenken zu lassen von etwas, das wesentlicher ist. Das hat dann in der wütenden Askese der kirchlich geprägten christlichen Geschichte eine immer rigidere Form angenommen. Ausgerechnet die Protestanten, die sich doch einmal gegen die Verhärtungen einer dogmatisierten katholischen Kirche hatten aufmachen wollen auf neue Wege, sind da noch enger geworden, weil sie sinnenhafte Erfahrung als Verführung befürchten.

Davon versuchen wir uns heute zu befreien. Freilich hat oft die Welle von Körpertherapien etwas Einseitiges, die Forcierung von Sex etwas Trotziges, von Gesundheit und gutem Aussehen etwas Zwanghaftes. Sicher sollen auch diese Seiten beitragen und können es, wenn wir sie richtig zu gebrauchen verstehen. Aber was da an Klischees und Maschinen herumsteht, ist sicher nicht Anregung für ein Sinnenbewußtsein, wie wir es eigentlich meinen. Das Spiel mit dem Zufall ist auch in den leiblichen Begegnungen und der sinnlichen Wahrnehmung nur dann möglich, wenn wir begreifen, daß wir immer die doppelte Aufgabe haben. Die Grenze zu erkennen und zu wissen, was sie bedeutet nach zwei Seiten: sowohl was jenseits liegt und nicht möglich ist, wie was innerhalb der Grenzen möglich wird. Dann gilt es, in ein Spiel mit dem Möglichen so einzutreten, daß immer mehr möglich wird.

Das hat keine Garantie dafür, daß unendlich viel möglich wird; das wird nie der Fall sein. Aber ich bin überzeugt, es gibt eine Erfahrung im Leben eines jeden von uns für das, was die Philosophie immanente Transzendenz nennt. Das klingt wie ein vielleicht zu abstrakter Begriff. Ich übersetze ihn mit einem Satz von Goethe. Bei Hugo Kükelhaus habe ich ihn an der Wand seiner Werkstatt gefunden und er hat ihn mir noch einmal geschrieben. "Willst du ins Unendliche schreiten, geh nur im Endlichen nach allen Seiten." Das Erproben des begrenzten Zugänglichen ergibt eine Qualität, die immer eine Ahnung von dem, was von jenseits hineinspielen kann, möglich macht. Sie sorgt dann auch dafür, daß die Grenzen durchlässig werden für weitere Ahnungen. Es gibt etwas, das, glaube ich, unendlich wichtig ist dafür und überhaupt für unsere ganze Lebenserfahrung. Wir suchen doch dann die Fülle. Und die Fülle zeichnet sich dadurch aus, daß man die Fülle auch in einem Tröpfchen erleben kann. Fülle ist nicht etwas, das in absoluten Zahlen gemessen wird. Fülle muß viel, sozusagen alles sein. Alles ist dann kein Begriff für etwas Meßbares. Fülle ist eine Qualität. Die Qualität der Fülle ist in dem Aufleuchten eines Blickes möglich.

Ich möchte es übersetzen in etwas, woran mir liegt, gerade auch, wenn ich mit Menschen spreche, die sich der Arbeit mit besonders begrenzt lebenden Menschen widmen und der Begegnung mit ihnen erschließen. Ich habe in dem Leben mit einem kleinen Kind - ich bin ein wickelnder Vater gewesen - etwas erlebt, das ein wunderbarer Leitfaden ist, allerdings gar nicht so einfach durchzuhalten. Das schönste Geschenk meines Lebens war sicher, daß es ein Kind gibt - und jetzt einen jungen Menschen - das mit mir aufgewachsen ist. Das zweitschönste Geschenk war eine Anleitung von Leboyer, der uns die indische Praktik der Babymassage übersetzt hat. Eine Übung der Arbeit an dem Leib eines Kindes zwischen dem zweiten und achten, neunten Monat. Aus bestimmten Gründen geht es vorher nicht so gut und hinterher nicht so gut. Sie nimmt jeden Tag vielleicht eine dreiviertel Stunde ein. In der Zeit war ich am Wissenschaftskolleg zu Berlin und es war herausgekommen, daß aus bestimmten Gründen die Zeit zwischen 6 und 7 Uhr abends, die beste dafür ist. Jeder wußte, zu einem Vortrag konnte ich nur kommen, wenn er vor 6 zu Ende war oder nach 7 Uhr anfing. Ich bin jeden Tag in dieser Zeit mit dem Kind zusammen gewesen in diesem Gespräch der ausstreichenden Gesten und der gelöst heiteren Antworten von Bauch und Armen und Beinen. Danach fängt die Zeit an, in der Kinder sprechen lernen. Dann sagen die Leute: Ach, es ist ja wunderbar, jetzt fängt diese Zeit an, wo die Kinder sprechen, und das ist ja dann schon viel interessanter. Ich habe immer gesagt, ich finde jede Phase bei einem Kind bei weitem die interessanteste. Aber leider sind alle zu kurz.

Ich habe aus der frühen Erfahrung eine tiefe Möglichkeit der Verständigung in dem nicht sprachlichen Miteinander kennengelernt über die Berührung, über den Blick, über die Haltung, die Gesten. Da gibt es etwas unendlich Kostbares und Wohltätiges zwischen den Menschen zu bewahren. Nun kam die Sprache hinzu. Wir haben unsere Sprache zu einem Instrument - eigentlich im allerersten Augenblick schon - der Manipulation gemacht. Wenn ein Kind gelernt hat, was schlafen heißt, dann benutzen sofort die Erwachsenen den Ausdruck schlafen, um dem Kind beizubringen, daß es jetzt zu verschwinden hat und nicht stören soll. So geht es mit allen möglichen Dingen. Wieso es überhaupt geschehen kann, daß wir sprechen lernen, ist ein Wunder; denn was wir eigentlich beigebracht bekommen, ist, sich gegenseitig zu manipulieren. Das machen uns die Erwachsenen vor, ganz besonders mit der Sprache. Ich habe mir also gesagt, ich muß diesem Kind versprechen, daß ich mich weiterhin bemühen werde, in das hineinzuhorchen, was du nicht sagen kannst oder nicht sagen willst. Dann später nicht, weil du die Sprache nicht hast, sondern weil es schwer zu sagen geht, aus irgendeinem anderen Grund. Das durchzuhalten ist sehr schwierig und gelingt mir gar nicht immer. Aber dieser junge Mensch weiß, daß ich ihm das eigentlich schuldig zu sein meine. Auf seine Weise hilft ihm wohl dieses Wissen; aber er merkt auch, wo es daran fehlt. Das ist eben doch ein sehr wichtiges Zusammenspiel.

Da wartet eine tiefe Dimension auf uns, die wir durch die Sprache differenzieren und bewußter machen, pflegen sollten, statt Sprache dagegen zu setzen. Leider hat uns Freud überhaupt nicht geholfen, wenn er sagt, daß die sogenannten Primärprozesse, also alle diese vorsprachlichen Formen der Äußerung und alle diese Formen der Begegnung lediglich vor-phallisch sind und durch Sekundärprozesse überformt werden müssen. Die existentiellen Begegnungen sollen unter diesen Primat gebracht werden, wie alle Wünsche und Strebungen dem Sexualtrieb untergeordnet sein sollen. Ich halte es dagegen mit Lu Andreas-Salome, die Freud sehr früh gesagt hat: Was er den Narzismus nennt, hat noch ganz andere Dimensionen. Die "Selbstliebe" ist gleichzeitig, früh und in der Tiefe, die All-Liebe.

Damit bin ich bei dem dritten Punkt, um den es mir heute sehr geht.

Wenn wir ein Zusammenspiel betrachten, dann ist es selbstverständlich, daß es nur als Geschichte in einer langen Zeit hervorgebildet sich denken läßt. Geschichte heißt immer, daß wir etwas von den möglichen Begegnungen verwirklichen und dabei auch gleichzeitig schon wieder etwas nach einer anderen Seite verbauen. Also müssen wir noch einmal darauf zurückkommen, um das Eine einzulösen und das Andere aufzulösen. Es ist ein solcher ständiger Vorgang, der nur als Rhythmus in der Zeit, und zwar über lange Zeit, möglich ist. Alle, die mit Kindern gelebt haben, können das gut wissen. Ich vermute, das würde ein Gegenstand eines Austauschs sein, den ich sehr gerne mit den Mitarbeitern des Vereins "Miteinander", Linz, mit ihren Erfahrungen vertiefen würde. Ich vermute, daß dies auch bei Menschen von großer Bedeutung ist, bei den aus andern Gründen die nichtsprachliche, die in unsere Gesellschaft kaum übliche Begegnung eine wesentliche Rolle spielt und spielen muß. Das Erleben der Dinge in Phasen spielt eine so große Rolle. Die wahnsinnige Angst von Eltern vor dem, was ihre Kinder jetzt machen oder eben nicht machen wollen oder können, muß abgewogen werden.

Natürlich hat mein Sohn eine Phase gehabt, wo Computer alles war - Computerspiel. Der Vater fürchtet dann, er wird geistig, sinnenhaft, sportlich ein Krüppel; das ist doch eine Katastrophe. Warum soll das eine Katastrophe sein, wenn er das eine Weile tut. Allerdings ist entscheidend, ob es zuvor dauerhafte andere Interessen und Passionen gegeben hat. Wir wissen von uns selber, wenn wir uns mit etwas beschäftigen, müssen wir es erst einmal kennen lernen und dann sind wir 150prozentig drinnen, um es uns anzueignen. Dann werden wir frei davon, indem wir es wirklich kennen. Genau so ist es auch gewesen, als er mit vier Jahren eine Muskelmann-Puppe haben mußte, mit einer in der Brust eingebauten Walze, die Blitze schleudert. Das fand er phantastisch. Dann ging das Ding kaputt und ich war heilfroh. Doch er hat zwei Wochen verlangt, Papa ich brauche einen neuen Muskelkerl. Ich hab gesagt, nein, ich will den nicht. Schließlich habe ich begriffen, es ist so töricht, gegen diesen Wunsch anzukämpfen; dadurch fixiert sich nur alles. Dieses Ding wird beherrschend für uns, wenn wir nicht sofort einen kaufen. Also haben wir an der nächsten Tankstelle das Ding für viel Geld gekauft. Es hat nicht so lang gedauert, daß dann die Beine einzeln in der Badewanne geschwommen sind.

Ein bißchen Luft lassen, ein bißchen Abstand lassen, und versuchen, darüber auch dem andern die Möglichkeit zu geben, wenn es dann mal so weit ist, wieder ins Spiel damit zu kommen. Also Phasen. Geschichte ist entscheidend. Aber sie ist nur möglich und wir können diese Gelassenheit nur finden, wenn noch zwei weitere Dinge, die ich unbedingt heute erwähnen muß, einigermaßen gegenwärtig sind. Das eine ist die ganz einfache Einsicht - und Hegel hat sie auf seine Weise in einer Konstitutionslogik formuliert; ich finde sie bei Gregory Bateson auf eine modern naturwissenschaftliche Weise formuliert wieder - wir kommen in ein Zusammenspiel mit Momenten, Wesen, Dingen, Vorgängen der Welt uns gegenüber nur in dem Maße, in dem wir in uns selbst ein Zusammenspiel zulassen, ausbilden und vielleicht auch wissen. Menschen sind Wesen, die Verstand haben und wissen können. Also sollten die Dinge, die uns in anderer Weise bestimmen und beschäftigen, auch mit unserem Wissen verbunden werden. Deswegen ist es so wichtig, daß es jetzt Bücher gibt, wie das über "Vernunft und Gefühl". Nicht ein disjunktives "und", sondern als eine Berührung der beiden Seiten, als ein gegenseitiges Durchdringen. Dasselbe gilt für den Verstand und das Wollen, für überhaupt alle unsere gegensätzlichen Vermögen und Existenzweisen.

Das innere Spiel braucht auch seine Freiheit. Das Wortspiel hat eigentlich einen ganz großartigen Bedeutungshof, der uns nur im Laufe der letzten ein-, zweitausend Jahre unserer Zivilisation verloren gegangen ist. Wenn man einmal in etymologische Wörterbücher schaut, dann findet man so viele Vorstellungen in der Bedeutung unserer Worte vor der mittelhochdeutschen Lautverschiebung und den entsprechenden Bedeutungsverschiebungen. Da steht Ahd.-Althochdeutsch. Da finden wir ein Wort "spelan". Das heißt nicht herumfummeln oder sich ablenken lassen, spielerisch, verspielt sein. Dies ist vielmehr ein Wort der Lebensbewegung durch die Welt als eine Art erprobender Suchbewegung. Das haben wir noch in der einen Tradition, nämlich im Handwerksgebrauch. Wenn der Tischler sagt, die Schublade muß Spiel haben, dann heißt das zweierlei Dinge: Sie muß einen zuverlässigen Zusammenhang mit dem Tisch haben, sonst wackelt sie, klappert sie, fällt heraus und verfehlt ihren Zweck. Sie muß einen Zusammenhang erhalten. Sie muß gleichzeitig aber auch Spielraum haben; es muß ein Freiheitsgrad da sein. Zusammenhang und Freiraum sind aufeinander bezogen. In diesem Sinne müssen wir in uns selbst auch immer neue Spielräume bewußt gewähren und schaffen und mit neuen differenzierteren Zusammenhängen unseres Empfindens und Reagierens, leiblich wie seelisch, wie auch in unserem Denken, zusammenbringen. Das innere Spiel.

Schließlich möchte ich von dem sprechen, das mit Geschichte und innerem Spielen und dem Rhythmus, der in der Geschichte entstehen sollte, zusammen die Möglichkeit ergibt, die eigentlich ist in dem Erleben und Gestalten von Begegnungen und Aufgaben aller unserer Lebenssituationen. Vielleicht kann man da in den sogenannten sonderpädagogischen Bereichen eben das lernen, was wir eigentlich alle brauchen, vielleicht die normal Behinderten besonders brauchen, weil sie gar nicht an diese Frage denken. Es geht doch immer um ein Drittes. All diese Dinge, von denen wir sprechen, haben nur einen Sinn, wenn wir uns auch als Beteiligte wissen in einem großen Wechselspiel, das ein gutes Gleichnis für die Welt als ganze überhaupt ist. Ich habe gelernt, daß die Inder in ihrer Auffassung das Wort eiea, das Spiel heißt, als die Interpretation der Schöpfungsgeschichte überhaupt verstehen. Ein Spiel, indem die Götter die Geschöpfe in die Welt setzen, selber auch Mitspieler sind und selber auch sich überraschen lassen müssen von dem, was uns zufällt, also auch mit dem Zufall spielen müssen. Eine offene Weltgeschichte. Ich glaube, es ist entscheidend zu wissen, daß in irgendeiner Weise die Welt jetzt wird. Sie wird mit uns und in einem Winzigen auch durch uns. Wenn wir in der Konfrontation von Ich und Ich - ich bin so wichtig; du, du bist nun, weil ich das ja gelernt habe, auch so wichtig - fixieren, dann bleibt es eben bei dem, was heute bezeichnenderweise grassiert: Wir sagen Konfrontation, konfrontiert sein, wo es eigentlich um Begegnung geht. Da sagen Leute doch glatt, ich bin jetzt mit meinem Kind konfrontiert. Daß es Gegenüberstellungen gibt, daß es auch zu Frontbildungen kommt, daß man etwas durchkämpfen muß, ist selbstverständlich. Aber das ist doch aufgehoben in einem Zusammenspiel. Das Ringen ist doch immer auch etwas, in dem wir zusammengehören mit einer Geschichte, die über uns hinausweist. Begegnung statt Konfrontation ist nur möglich, wenn wir eine andere als die herrschende Einstellung zu dem finden, was wir ich oder selbst nennen. Wir werden nicht sehr weit kommen mit diesem Ich, das wir aus der Geschichte des Abendlandes geerbt und langsam immer mehr isoliert haben.

Natürlich ist in unserer monotheistischen Religion der eine Gott, auf den wir zeigen, bei Abraham das Gegenüber für den einen Menschen. Es ist eine Zentralperspektive. Es gibt den Fluchtpunkt und den Augenpunkt - soviel haben die meisten im Kunstunterricht oder später gelernt. Wir in der modernen Welt sind emanzipiert und aufgeklärt und was alles noch und haben den Gott, der den zentralperspektivischen Zielpunkt gegenüber dem Augenpunkt Mensch bildet, abgeschafft. Was übrig geblieben ist, ist der Augenpunkt allein. Was macht man mit einem zentralperspektivischen System, das nur noch einen Augenpunkt hat? Vielleicht kommt man noch auf die Idee, sich einen zweiten Augenpunkt gegenüber zu stellen und das Dialog zu nennen. Aber das ist doch kein Dialog. Der Dialog findet erst statt in dem Bewußtsein auch dessen, was uns gemeinsam ist, daß wir Glieder von etwas sind, das wir vielleicht nicht kennen, das wir vielleicht nicht benennen. Manche tun es noch; manche tun es schon wieder. Ich würde das offen lassen. Zu einer Welt zu gehören, die erst wird und immer erst noch im Werden sein wird, darum geht es mir. Dazu gehört als Grundeinstellung die Freiheit auch gegenüber sich selber zu haben, um in das Spiel mit dem Anderen zu kommen. Dann allerdings sind für uns selber unglaubliche Reichtümer in oft sicher auch unglaublichen Schwierigkeiten zu entdecken. Diese Schwierigkeiten sind nicht als eine Strafe, aber auch nicht als etwas, das mir angetan wird, zu begreifen, sondern als eine Grenze der Möglichkeiten. Sie kann vielleicht aufgelöst werden, oder eben vielleicht an einer Stelle nicht aufgelöst werden. Aber sie ist eine Bedingung dieses eigenen Wechselspiels, durch das wir uns im Anderen auch selber erkennen.

Das ist alles gar nicht so neu. Wir müssen nur aus dieser zentralperspektivischen Sicht mit dem davon übriggebliebenem Ich herauskommen. Wilhelm von Humboldt hat es als eine Selbstverständlichkeit formuliert: um selber denken zu können, muß man doch das Gegenüber haben, die Menschen, die einem erlauben, dem eigenen Gedanken wiederzubegegnen und ebenso einem anderen Gedanken von ihnen zu begegnen. Im Fühlen ist es, glaube ich, ebenso und in dem, was Sie Integration nennen, sicherlich erst recht. Ich hoffe, daß Ihnen, was ich Ihnen sage, ein bißchen dabei hilft, die Dinge so wichtig und so ernst zu nehmen und sie immer bewußter so darin zu erleben, wie Sie es wahrscheinlich längst tun . Mir ist eine wunderbare Hilfe dabei eine Einsicht eines alten Weisen aus dem Indien der Shiva-Traditionen. Der Ausdruck vom Erleben der Fülle ist Freude. In jedem Moment der Freude zeigt sich uns etwas von einer Fülle, die keinem gehört und allen zugehört und in der darum, als einem Dritten, wir auch immer neu zu einander finden können.

Anmerkung: Dieser Beitrag ist die Niederschrift des Vortrages von Rudolf zur Lippe am 8. Mai '98 beim 2. Bildungsforum "Das Zusammenspiel von Denken und Fühlen", organisiert vom Verein Miteinander, Linz.

Der Autor

Dr. Rudolf zur Lippe, geb. 1937. Er studierte Rechts-, Staats- und Wirtschaftswissenschaften in Bonn und Göttingen und anschließend mittlere und neuere Geschichte in Heidelberg und Paris. 1973 venia legendi für Sozialphilosophie und Ästhetik an der Philosophischen Fakultät der Universität Frankreich. Seit 1971 Inhaber des Lehrstuhls für Ästhetik an der Universität Oldenburg. Initiator der "Karl-Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit". Herausgeber der Zeitschrift "Poieses - praktisch-theoretische Wege ästhetischer Selbsterziehung".

Gutshaus

D-27798 Hude

Quelle:

Rudolf zur Lippe: Zusammenspiel - Metapher des Lebens und des Lernens

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/98; Reha Druck Graz, Thema: Das Zusammenspiel von Denken und Fühlen

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Stand: 29.03.2006

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