Vorwort - Das Zusammenspiel von Denken und Fühlen

AutorIn: Josef Fragner
Themenbereiche: Kultur, Eugenik
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/98; Thema: Das Zusammenspiel von Denken und Fühlen Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (3/1998)
Copyright: © Josef Fragner 1998

Vorwort - Das Zusammenspiel von Denken und Fühlen

Der Chemiker Primo Levi (Ist das ein Mensch?) mußte in Auschwitz vor dem promovierten Ingenieur Pannwitz Prüfungen ablegen. Er steht als Häftling 174517 vor dem hochgewachsenen, blonden Deutschen: "Wie er mit dem Schreiben fertig ist, hebt er die Augen und sieht mich an.

Von Stund' an habe ich oft und unter verschiedenen Aspekten an diesen Doktor Pannwitz denken müssen. Ich habe mich gefragt, was wohl im Innern dieses Menschen vorgegangen sein mag und womit er neben der Polymerisation und dem germanischen Bewußtsein seine Zeit ausfüllte; seit ich wieder ein freier Mensch bin, wünsche ich mir besonders, ihm noch einmal zu begegnen, nicht aus Rachsucht, sondern aus Neugierde auf die menschliche Seele.

Denn zwischen Menschen hat es einen solchen Blick nie gegeben. (...) Der jene blauen Augen und gepflegten Hände beherrschende Verstand sprach: ,Dieses Dingsda vor mir gehört einer Spezies an, die auszurotten selbstverständlich zweckmäßig ist.

Der Blick von einem Menschen zu einem Nichtmenschen stellt in keiner Weise das Andere der Vernunft dar. Insgesamt hat die instrumentelle Vernunft in der Seele von Dr. Pannwitz die Forderungen des Gespürs für Moral und die Gewissheit des Gemeinsinns besiegt. Und eben dieser Sieg macht seinen Wahnsinn aus.

Velesen ergänzt Hannah Arendts Interpretation des Bösen (wie im Fall Eichmann dargestellt) als ein Produkt der Gedankenlosigkeit. Eichmann war nicht bloß gedankenlos, sondern vor allem gefühllos. Was in Wahrheit das Böse freisetzte, war Eichmanns Gleichgültigkeit gegenüber der Bedeutung des Leidens, der Zufügung von Schmerz. "Es gibt keinen uninteressierten Zugang zum Phänomen des Leidens; wenn man die Fähigkeit zu fühlen aus der Moralität ausschließt, schließt man die Humanität aus ihr aus."

Gefühle durchbrechen die "Gleichgültigkeit", wie sie unter dinggleichen anderen herrscht. Gefühle entziehen den Anderen aus der stereotypen Gewissheit und werfen ihn in ein Universum des Fragens und der Offenheit. Gefühle entwinden den Anderen der Welt der Routine und normativ erzeugten Monotonie. Dadurch macht die emotionale Bindung den Anderen zum Problem und zur Aufgabe des Selbst für das Selbst. Der Andere verwandelt sich in die Verantwortung des Selbst, und hier genau beginnt die Moral als Möglichkeit der Wahl zwischen Gut und Böse. Doch dieser Schauplatz ist mit Ambivalenz überzogen.

Wir können diesem Geflecht von Verstehen und Antworten, diesem Zusammenspiel leiblich-sinnlicher Intersubjektivität nicht entfliehen, moralisch zu handeln bedeutet, sich dieser unheilbaren Ambivalenz zu stellen.

Josef Fragner, Chefredakteur

Quelle:

Josef Fragner: Vorwort - Das Zusammenspiel von Denken und Fühlen

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, Nr. 3/98; Reha Druck Graz, Thema: Das Zusammenspiel von Denken und Fühlen

bidok - Volltextbibilothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 09.03.2006

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