Behinderung, Sport, Medien

AutorIn: Cornelia Renggli
Themenbereiche: Disability Studies
Schlagwörter: Menschenbild, Körper, Medien
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 3/4/2007, Thema: Disability Studies Behinderte Menschen (3/4/2007)
Copyright: © Behinderte Menschen 2007

Information

BEHINDERTE MENSCHEN, die Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten ist das Fachmagazin im deutschsprachigen Raum. Alle zwei Monate bringt es Fachwissen zu einem Schwerpunktthema. Dazu gibt es Reportagen, Meldungen, Buchbesprechungen, Fortbildungstipps und Kommentare. Produziert wird die Zeitschrift von der Reha-Druck, einer Druckerei in Graz, in der behinderte Menschen Ausbildung und Arbeit finden. Probeexemplare, Geschenkabos und Schnupperabos können auch online angefordert werden: www.behindertemenschen.at

Sensationen und Probleme

"Sensation beim Golden-League-Meeting der Leichtathleten in Rom: Der doppelseitig unterschenkelamputierte Südafrikaner Oscar Pistorius (21) wurde bei seinem ersten großen Auftritt in einem Rennen Nicht-Behinderter in 46,90 Sekunden Zweiter des 400-m-B-Laufs" (www.bbv-net.de/public/article/aktuelles/sport/mehr/andere/458501 , 14.07.2007, 10:58). Das Bestreben des mehrfachen Paralympics-Siegers Pistorius, sich für die Olympischen Spiele 2008 in Peking zu qualifizieren, sorgt in den Medien für viel Aufsehen. Der Athlet wird in den Berichten u.a. als "Mann ohne Unterschenkel", der Leichtathletik-Geschichte schreibe, als "das schnellste Ding auf keinen Beinen", als "Blade Runner" aufgrund der "Gepard" genannten Prothesen und als gegen Goliath kämpfenden David beschrieben. Doch was für die Medien eine Sensation ist, scheint dem organisierten Sport Probleme zu bereiten: Der Internationale Leichtathletik-Verband hatte im März den Gebrauch von Hilfsmitteln bei Wettkämpfen verboten, nun aber Pistorius eine Ausnahmegenehmigung erteilt, um die sich dem Verband stellenden Fragen zu überprüfen: Kommen dem Athleten durch die Prothesen unerlaubte Vorteile zu? Findet in diesem Sinn ein "Technodoping" statt? In diesen Diskussionen, die insbesondere in den Medien geführt werden, spielen Grenzen eine wichtige Rolle: Oft werden sie als selbstverständlich betrachtet, was sich gerade bei der Feststellung von Regelverstößen zeigt. Die folgenden Ausführungen betrachten, wie solche Grenzen festgelegt und dadurch Differenzen hergestellt werden.

Behinderung und Sport

Unter diesem Titel wird wohl eine Thematisierung des Behindertensports erwartet. Ein großer Teil der hier zur Diskussion stehenden Medienereignisse betrifft diese Thematik. Den Anfang macht jedoch eine Beschreibung, wie Behinderung im Sport auftritt. Es handelt sich dabei um Berichte über Menschen, die aufgrund von Umwelt-, gesundheitlichen oder sonstigen Einflüssen behindert wurden, eine bestimmte sportliche Leistung zu vollbringen. Behinderung tritt hiermit als eine Erwartungsverletzung auf (vgl. Weisser 2005). In diesen Zusammenhang gehört das Wortspiel im Zitat "Seither hat er nicht nur im Golf ein Handicap" aus der Zeitung eines Großverteilers (Migros-Magazin 44, 30.10.2006, 14): Das Handicap wird doppelt, d.h. als zuvor im Text erläuterte Schulterverletzung des Komikers Marco Rima und damit als neudeutsche Bezeichnung für etwas, was auch Behinderung genannt wird, und als dessen Handicap beim Golf angesprochen. Die von Rima ausgeübte Sportart mit ihren spezifischen Regeln setzt das Handicap ein, um die Spielstärke von Golfspielenden zu bezeichnen, damit eine - je nach Platz - bedingte Vergleichbarkeit zu schaffen und Benachteiligungen zu vermeiden. Das Ziel der Golfspielenden besteht darin, dieses berechnete Handicap zu minimieren - ein Ziel das auch die Rehabilitation von Menschen mit Behinderung verfolgt. Die Golfspielenden finden für das Erreichen ihres Zieles allerhand Ratgeberliteratur: Mit System zum besseren Handicap. In 10 Wochen zum Erfolg, Schritt für Schritt zum Wunsch-Handicap, Dein Handicap ist nur im Kopf usf. Weitere Titel wie Ich habe ein Handicap, Das Handicap-Prinzip oder Die Handicapgesellschaft hinterlassen jedoch die Unsicherheit, ob es immer noch um Golf oder vielleicht eher um Behindertensport geht.

Der organisierte Behindertensport weist - wie so viele Organisationen im Bereich der Behinderung - einen Zusammenhang mit Kriegsfolgen auf (vgl. DePauw / Gavron 1995, Steadward/Foster 2003). Im Film Kraft des Willens - Die paralympische Idee (2005) zeigt Katrin Beikirch, wie der deutsche Neurochirurg Ludwig Guttmann während des Zweiten Weltkriegs in England ein Zentrum für Rückenmarksverletzte errichtete und dort Sport zur Erholung und als Hilfe zur Rehabilitation einrichtete. 1948 wurde mit den nach dem Ort der Klinik benannten Stoke Mandeville Games ein Leistungsvergleich für Männer und Frauen im Rollstuhl eingeführt. Dieser Wettkampf erhielt ein Symbol aus drei Rollstuhlrädern, die mit Freundschaft, Gemeinschaft und Sportlichkeit besetzt wurden. Die ersten Paralympischen Spiele fanden 1960 nach den Olympischen Spielen in Rom statt. Anfangs bestanden die Disziplinen v.a. darin, Alltagstauglichkeit zu beweisen. Die Spiele 1972 in Heidelberg erhielten als neues Credo "1000 Kämpfe, 1000 Sieger" gemäß der olympischen Idee "Dabeisein ist alles". Bereits die nächsten Spiele kehrten jedoch wieder zu Leistungsprinzip und Medaillenspiegel zurück. In den folgenden Jahren erweiterte sich die Teilnehmerschaft und Ende der 1980er-Jahre wurde das Internationale Paralympische Komitee IPK gegründet.

Das IPK ist u.a. für die Klassifizierung der Sportlerinnen und Sportler zuständig: Mit der Begründung, möglichst vielen Menschen die Beteiligung am Wettkampfsport zu ermöglichen und allen Teilnehmenden gleiche Voraussetzungen, d.h. Chancengleichheit zu bieten, werden die Athleten in komplizierter und disziplinär unterschiedlicher Weise klassifiziert. In der Leichtathletik etwa erfolgt eine Aufteilung in die Hauptgruppen: Rollstuhlfahrer, Spastiker, Körperbehinderte stehend, Athleten mit so genannter geistiger Behinderung, Sehgeschädigte und Blinde sowie in eine Gruppe, die mit "Les Autres" bezeichnet wird. Beim Schwimmen wird hingegen nicht nach Behinderungsart, sondern nach funktionellen Voraussetzungen der Sportlerinnen und Sportler eingeteilt. Die Klassifizierung führt mit ihrem detaillierten Regelwerk zu einer starken Differenzierung der Disziplinen. Trotz Kritik an dieser Regulierung wird mit der Begründung, dass ein Leistungsvergleich als zentrales Moment des Sports nur so möglich sei, daran festgehalten. Dem IPK wird der Erfolg zugeschrieben, dass der Behindertensport professioneller wurde. Die Athleten sagen dahingehend, dass sich zwar ihre Trainingsmöglichkeiten verbessert haben und ihre Leistung mehr anerkannt werde, Sponsoren und ausreichende Förderung hingegen immer noch fehlen.

Die Aufmerksamkeit von Wirtschaft und Politik gilt nach wie vor wenigen Wettkämpfen und einzelnen herausragenden Sportlerinnen und Sportlern. In ihrer Kundenzeitschrift berichtet eine Kreditkartenfirma über den von ihr unterstützten Behindertensportler und überschreibt den Beitrag mit einem charakteristischen Titel: "Spitzensport trotz Handicap. Mit Talent und Wille zum Erfolg" (Viseca 2005, 16). "Kraft des Willens", wie es auch der Film zu den Paralympics meint, und kraft einer Begabung soll eine sportliche Leistung zustande kommen, auch wenn eine Behinderung dies nicht vermuten lasse. Beim englischen Begriff dis-ability zeigt sich dieser Widerspruch deutlicher als bei der Behinderung: Für das Erbringen einer Leistung werden gewisse Fähigkeiten vorausgesetzt. Behinderung erfährt jedoch die Zuschreibung einer Unfähigkeit, dis-ability, und damit eines Unvermögens, Leistungen zu erbringen. Im Gegensatz zu Menschen ohne scheint von Menschen mit Behinderung nicht erwartet zu werden, zu sportlichen Spitzenleistungen fähig zu sein. Sind sie es aber doch, verletzen sie die an sie gestellten Erwartungen.

Sport und Medien

"Wird man als Spitzensportler irgendwann zum Krüppel?" fragte ein Late-Night-Talker seinen Gast, die hochschwangere ehemalige Skirennfahrerin Sonja Nef (Aeschbacher, SF1, 21.09.06, 2220-2320). Die Antwort gab ihm kurz zuvor der Eiskunstläufer Stéphane Lambiel in der Kundenzeitschrift der Schweizerischen Bundesbahnen: "Wer Leistungssport betreibt, geht auch Risiken ein. Angesichts meiner Knie- und Rückenprobleme habe ich mich auch schon gefragt, ob ich mit 40 im Rollstuhl lande. Doch ich habe diesen Weg gewählt, also muss ich jetzt auch die Nachteile akzeptieren" (via 8, 2006, 18). Die Medien thematisieren damit den Widerspruch zwischen dem Sport, der zur Gesundheit beitragen soll, aber auch - v.a. als Spitzensport - der Gesundheit schaden kann. Sport strebt stets die Überwindung körperlicher Grenzen an. (Nicht nur) Disabled Sports USA verfolgen das Motto: "If I can do this, I can to anything". So wird etwa im Echo online die Aussage eines Vereinsvorsitzenden der jubilierenden Rüsselsheimer Versehrten-Sportgemeinschaft zitiert: "Viel wichtiger als der Sieg sei es für die Versehrten, den Sieg über die Grenzen des eigenen Körpers zu meistern." (www.echo-online.de/kundenservice/a_detail.php3?id=47187, 30.10.2006). Findet eine Grenzüberschreitung statt, werden einerseits Spitzenleistungen möglich, andererseits besteht die Gefahr von Verletzungen, die bis zu einer Verunmöglichung des Sports führen können. Mit dieser Grenze spielt auch das Doping als spezifische Reaktion auf die Anforderung to (be) fit. Solche Reaktionen greifen auf den Körper und damit auf jenes Medium zu, wo Behinderung und Kategorien wie Geschlecht, Rasse, Ethnie lokalisiert werden.

Nicht nur der Sport, sondern auch die Medien formen Körper. Ein Beispiel dafür und eine weitere Antwort auf Aeschbachers Frage stellt die Berichterstattung zum ehemaligen Skirennfahrer Silvano Beltrametti dar. Beltrametti wurde in den - möglicherweise auch durch die - Medien behindert: Bei einem vom Fernsehen übertragenen Rennen stürzte er und erlitt eine Verletzung an der Wirbelsäule. Seither ist Beltrametti in den Medien präsent. So war er ein Jahr nach dem Unfall z.B. auf dem Titelblatt einer Boulevardzeitschrift zu sehen: Sportlich gekleidet posierte er vor einer Naturkulisse und machte - nicht zuletzt mit der Aussage, die Lähmung akzeptiert zu haben - den Eindruck, selbst Fels in der Brandung zu sein (Schweizer Illustrierte 49, 2002). Die Lähmung - im ganzen Bericht ist nie von Behinderung die Rede - scheint mit dieser Inszenierung "natürlich" geworden zu sein. Beltrametti könne zwar keine Rennen mehr fahren, sei aber gemäß seiner Aussage "im Herzen ein Spitzensportler geblieben" und leiste im "wahren" Leben Großes (Schweizer Illustrierte 14, 2004). Der Siegescode des Sports wurde auf diese Weise in den (medialen) Alltag transportiert.

Die mediale Schicksalsbewältigung nahm im Fall Beltrametti ein so großes Ausmaß an, dass sich die Theatergruppe 400asa herausgefordert sah, dies in B. - Ein Stück über Sport und Behinderung (2004) zu thematisieren: "Heute will 400asa ein bisschen Fernsehen spielen! Wir spielen das Beste, was das Fernsehen neben Krieg zu bieten hat! Sport! (...) Zufälligerweise gibt es einen hübschen Film über die Hoffnungen, die Fallen und die Tücken im tragischen Leben eines jungen Skirennfahrers!" (http://400asa.com/b/index.html, 17.02.2006). Dieses Schau-Spiel sorgte für einiges Aufsehen, wohl weil es die Spielregeln der Medien sichtbar machte und damit um deren Selbstverständlichkeit beraubte. Sport und Medien haben diese Komponente des Spiels gemeinsam. Das Spiel umfasst auch den Wettkampf, damit den Vergleich von Leistungen und die Ausrichtung an bestimmten Normen. Dieses Spiel, dessen Regeln es - zuweilen unter Androhung von Strafen - einzuhalten gilt, ereignet sich als Sprach- und Schauspiel. Der Mediensport spielt gemäß Lamprecht und Stamm mit der Schaulust der Zuschauenden und deren Sehnsucht nach dem Besonderen. Er legt deshalb seinen Fokus auf das Außergewöhnliche: "Das Kämpfen bis zum Umfallen, das Nicht-Aufgeben, das Scheitern in letzter Minute sind Tugenden, die besonders geschätzt werden. So sind es oft die tragischen Helden, denen unsere Sympathie gilt" (Lamprecht / Stamm 2002, 144). Zum Zweck der Unterhaltung werden in oft ästhetischen und dramatischen Inszenierungen Erlebnisse und Emotionen angeboten. Auch wenn Beltrametti keinen Sport mehr treiben wird, sich jedoch nach den Spielregeln der Medien sportlich verhält, werden diese weiterhin über ihn berichten.

Medien und Behinderung

Luhmanns Aussage "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien" (Luhmann 2004, 9) gilt für Behinderung in besonderer Weise. Auch wenn diese überall, mitten unter uns, d.h. nicht nur am Rand ist, so scheint diese oft nicht oder nur spezifisch wahrgenommen zu werden. Hätten die Medien dieselben Klassifikationen wie das Paralympische Komitee, so würde Behinderung wohl in die Gruppe der "Les Autres" eingeteilt. Die Darstellung von Behinderung erfolgt in den Medien oft auf dichotome Weise: Entweder werden bewundernswerte Helden, die ihr Leben trotz ihres Schicksals meistern, oder aufgrund ihres Schicksals mitleidenswürdige Opfer gezeigt (vgl. Hardin 2004, Radtke 2003). Wurde Beltrametti als Held porträtiert, so stellte die gleiche Zeitschrift die Behindertensportlerin Edith Hunkeler in einem Beitrag mit dem Titel "Warum immer ich?" (Schweizer Illustrierte 51, 2006, 13) als Opfer dar - die Aufteilung von Mann und Frau auf diese zwei Rollen mag nicht zufällig sein. Im Artikel wird über Hunkeler berichtet, die 2006 zum fünften Mal den Titel der Behindertensportlerin des Jahres erhielt. Sie wurde damit nicht wie Marianne Buggenhagen Sportlerin des Jahres (1994), sondern bekam einen Sondertitel, der nur für Männer oder Frauen, jedoch nicht für Mannschaften vorgesehen ist. Dies zeigt, wie der mediale Behindertensport auf Individuen ausgerichtet ist. Hunkeler erhielt den Preis, obwohl sie im vergangenen Jahr die erwarteten Leistungen aufgrund eines Unfalls nicht erbracht hatte - und trotz ihrer Kritik an den Medien. So äußerte sie sich auf ihrer Homepage: "Kaum jemand von der Schweizer Presse nahm meinen Sieg und auch den dritten Platz von Heinz Frei zur Kenntnis. Es ist nicht das erste Mal, dass ich dies erlebte, aber dieses Mal berührte es mich - mehr als sonst. (...) An jenem Sonntag war ich einfach nur traurig. Ein Satz hätte gereicht, um Heinz Frei und mich zu erwähnen, aber dieser blieb einmal mehr aus" (www.edith.ch/public/php/index.php?main_menu=1&article_id=22; 29.08.2006). Mit ihrem "einsamen Sieg", wie sie ihn nannte, erfüllt Hunkeler sowohl die Rolle der Heldin des Sports als auch des Opfers der Medien.

Grenzen und Differenzen

Auch der eingangs erwähnte Leichtathlet Pistorius erfüllt diese Doppelrolle: ein sportlicher Held der Medien und mediales Opfer des Sports. Da dieses Spiel am besten funktioniert, solange die Regeln eingehalten werden, sind Beteuerung des Athleten: "Wenn jemals Beweise gefunden werden, dass ich dadurch Vorteile habe, würde ich sofort aufhören. Ich will mich nicht auf unfaire Weise mit anderen messen" (Welt, 13.07.2007) wichtig. Auf diesem Spielfeld sind auch Rollentausche möglich: Eine Boulevardzeitung kann von "Zweibeinern", "Unhandicapierten" und davon schreiben, dass eine Materialschlacht Pistorius behindere (Blick, 14.07.2007). Findet allerdings ein Regelverstoß statt, werden Grenzen verletzt und damit Differenzen verschoben. Diese Störung bestehender Ordnungen hat Reaktionen zur Folge, die Grenzen wieder festzulegen versuchen. Dies zeigt sich bei der Berichterstattung zu Pistorius beispielsweise dann, wenn er Kritik am Leichtathletikverband IAAF übt. Die Gunst der Medien schwindet, ebenso wie durch die Sportorganisation wird der Athlet durch manche Artikel disqualifiziert: Pistorius sei aus der Bahn gekommen, er wolle gar eine Revolution anstoßen. Die Sprache wird kämpferischer und es werden Positionen bezogen. Eine dieser Positionen nimmt der Verband ein, der stets beteuert, keine Vorurteile gegenüber Sportlerinnen und Sportlern mit Behinderung zu haben: "Bislang war es leider oft so, dass Behinderte benachteiligt worden sind. Wenn das hier vielleicht auch genauso aussieht, täuscht es. Die Benachteiligung kann jetzt den gesunden Athleten treffen (...) Unsere Aufgabe als Weltverband ist es, gerechte Wettkämpfe für alle Athleten zu bieten" (Bietigheimer Zeitung, 18.07.2007). Aufgrund seiner Annahme, das Handicap von Athleten könnte bald darin bestehen, keine Prothesen zu haben, argumentiert der Verband mit Chancengleichheit und Fairness. Auf dem Spiel stehe "die Reinheit des Sports" (Der Spiegel 29, 2007, 122). An dieser Stelle drängen sich viele Fragen auf: Wie entstehen Benachteiligungen im Sport, der für alle gerecht sein soll? Wie werden mit Chancengleichheit und Fairness Ausschluss und eine Trennung in olympischen und paralympischen Sport legitimiert? Wie "rein" ist Sport jetzt? usw. Die letzte Frage wurde bereits in den Medien diskutiert: Die in der Leichtathletik befürchteten Wettkämpfe der Materialhersteller fänden andernorts - z.B. in der Formel 1 - bereits statt. Bei diesen Massenspektakeln treffen somit sportliche Ideale auf ökonomische Interessen. Bei der Leichtathletik wird allerdings die Wirtschaft als bedeutende Mitspielerin in Medien und Sport nur selten erwähnt. Die - seltenen - Angaben zu den Kosten einer Prothese bewegen sich beispielsweise zwischen 15'000 und 18'000 Dollar, 25'000 Dollar sowie 25'000 Euro. Über diese differierenden Beträge hinausgehende Informationen, die Grenzen festlegen und damit Differenzen zeigen, stellen eine Ausnahme dar: "Der Wirtschaftsstudent ist im Hauptberuf Sportpromi; er hat einen Manager, der Pressetermine organisiert und sein Geld anlegt; (...) er hat Sponsorenverträge mit Firmen wie Nike, Visa, Baume & Mercier, Honda. Tom Hanks wolle seine Geschichte verfilmen, besagen Gerüchte" (Der Spiegel 29, 2007, 121). Das Spiel mit Differenzen läuft weiter...

Literatur

Depauw, K.P./ Gavron, S. J.: Disability and Sport. Human Kinetics, Champaign 1995.

Lamprecht, M./ Stamm, H.: Sport zwischen Kultur, Kult und Kommerz. Seismo, Zürich 2002.

Hardin, B.: The 'Supercrp' in Sport Media. Wheelchair Athletes Discuss Hegemony's Disabled Hero. In: Sociology of Sport Online 7/1 (2004), http://physed.otago.ac.nz/sosol/v7i1/v7i1_1.html (18.09.2006).

Luhmann, N.: Die Realität der Massenmedien. 3. Aufl. VS, Wiesbaden 2004

Radtke, P.: Zum Bild behinderter Menschen in den Medien. In: Aus Politik und Zeigeschichte B8 (2003), 7-11.

Steadward, R.D. / Foster, S.L.: History of Disability Sport. From Rehabilitation to Athletic Excellence. In: Steadward, R. D. / Wheeler, G. D. / Watkinson, E. J. (Hrsg.): Adapted Physical Activity. The University of Alberta Press, Edmonton 2003, 471-496.

Weisser, J.: Behinderung, Ungleichheit und Bildung. Eine Theorie der Behinderung. Transcript, Bielefeld 2005.

Die Autorin

Cornelia Renggli

Kulturwissenschaftlerin, schreibt ihre Dissertation zu Bildern von Behinderung, 2003-2006 Koordinatorin des Nationalen Forschungsprojekts "Integration und Ausschluss durch Bilder des Anderen" an der Universität Basel, seit 2004 Assistentin und Aufbau des Forums "Disability Studies" an der Universität Zürich, seit 2006 am Nationalen Forschungsschwerpunkt "Bildkritik" assoziiertes Projekt "Sport und Behinderung. Eine transdisziplinäre Analyse zu Körper, Bild und Bewegung"

Universität Zürich, IPK

Wiesenstr. 7/9, CH-8008 Zürich

c_renggli@access.uzh.ch

www.disability-studies.ch

Quelle:

Cornelia Renggli: Behinderung - Sport - Medien

Erschienen in: Behinderte Menschen, Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, Nr. 3/4/2007, Thema: Disability Studies

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 11.11.2010

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