Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen

AutorIn: Marlis Pörtner
Themenbereiche: Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/2000. Thema: Über die Grenzen schauen Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (3/2000)
Copyright: © Marlis Pörtner 2000

Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen[1]

"Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen,"* ist ein Konzept, das auf personzentrierten Grundlagen beruht und ganz auf die praktische Arbeit im Alltag sozialer Institutionen zugeschnitten ist: Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, für alte und pflegebedürftige Menschen, psychiatrische Kliniken, usw. also im weitesten Sinne für Menschen, die in irgendeiner Form Betreuung brauchen. Es vermittelt den Mitarbeiterinnen konkrete Handhaben, wie sie mit den ihnen anvertrauten Menschen, vor allem auch solchen mit geistiger Behinderung personzentriert arbeiten können.

Personzentriert arbeiten heißt: nicht von Vorstellungen ausgehen, wie Menschen sein sollten, sondern davon, wie sie sind, und von den Möglichkeiten, die sie haben. Personzentriert arbeiten heißt, andere Menschen in ihrer ganz persönlichen Eigenart ernst nehmen, versuchen ihre Ausdrucksweise zu verstehen, und sie dabei unterstützen, eigene Wege zu finden, um - innerhalb ihrer begrenzten Möglichkeiten - angemessen mit der Realität umzugehen.

Personzentriert arbeiten heißt: mit den betroffenen Personen, nicht für sie Probleme lösen, Projekte entwickeln, Entscheidungen treffen; ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Ansichten berücksichtigen und einzubeziehen und ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Selbstverantwortung zutrauen. Personzentriert arbeiten heißt, die Ressourcen eines Organismus - sei das nun eine Person oder eine Gemeinschaft - aufspüren und fördern. Mit "fördern" ist jedoch nicht gemeint, Ziele für andere Menschen festzulegen (auch wenn sie uns noch so sinnvoll erscheinen mögen), die sie erreichen sollen, sondern: Bedingungen schaffen, in denen Menschen Entwicklungsschritte machen können, aber nicht müssen.

Personzentriert arbeiten heißt auch, den Bezugsrahmen klar zu erkennen. Da ist einerseits der gegebene Rahmen der Institution, der finanziellen Mittel, der Kompetenzen der beteiligten Personen usw., der berücksichtigt und transparent gemacht werden muss. Andererseits ist es in gewissen Bereichen und in bestimmten Situationen notwendig, einen Rahmen zu setzen, damit Ressourcen freiwerden und Fähigkeiten sich entwickeln können. Wie dieser Rahmen beschaffen sein soll, damit er nicht einengt, sondern Schutz bietet und Freiraum absteckt, ist je nach Berufsfeld, Aufgabe und individuellen Gegebenheiten verschieden. Den geeigneten Rahmen zu erkennen und zur Verfügung zu stellen, ist ein zentraler Aspekt personzentrierter Arbeit mit Menschen, die in irgendeiner Form Betreuung oder Begleitung brauchen.

Entscheidend ist dabei, die Menschen weder zu überfordern, noch zu unterfordern. Beides ist dem seelischen Wohlbefinden nicht zuträglich und begünstigt psychische Störungen. Von der Gratwanderung zwischen Überforderung und Unterforderung fühlen sich oft auch die Bezugspersonen überfordert, denn der Grat ist sehr schmal, und es ist nicht immer leicht, hier die richtige Balance zu finden. Rezepte dafür gibt es nicht - das gilt insgesamt für diesen Arbeitsbereich - aber es gibt konkrete Orientierungshilfen.

Das personzentrierte Konzept, das ich hier vorstelle, gibt solche Orientierungshilfen. Einige davon sollen nachstehend skizziert werden. Ihm liegt meine langjährige Erfahrung als Supervisorin und Praxisberaterin sozialer Institutionen zugrunde, sowie meine psychotherapeutische Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Es bietet ein Gerüst, an dem das Handeln sich orientieren kann und überprüfen lässt, und in diesem Sinne ist es auch als Instrument der Qualitätssicherung geeignet, indem es Kriterien zur Verfügung stellt, welche sich auf Lebensqualität und Entwicklungsmöglichkeiten der Klienten beziehen. Das Konzept beschreibt die gemeinsame Arbeitsgrundlage, den verbindlichen Rahmen für alle beteiligten Mitarbeiter, und steckt zugleich Spielraum ab für individuelle Arbeitsgestaltung. Damit sind wir bei einem ersten zentralen Aspekt dieser Arbeit, denn nicht nur die Mitarbeiterinnen brauchen sowohl einen verbindlichen Rahmen wie auch genügend Spielraum, um ihre individuellen Ressourcen nutzen zu können, sondern auch die Menschen, für die sie arbeiten.



[1] Das Buch "Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen" von Marlis Pörtner ist 1996 beim Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, erschienen (2. Auflage 1999)

Das Gleichgewicht zwischen Rahmen und Spielraum

ist ein tragendes Element der Alltagsgestaltung. Dieses Gleichgewicht ist keine feste Größe, sondern muss immer wieder neu gefunden werden. Die Frage: "Wie ist es in dieser konkreten Situation, für diesen Menschen, unter diesen Rahmenbedingungen und was hat Priorität?" stellt sich stets von neuem. Rahmen und Spielraum bedingen sich gegenseitig: das eine ist nichts ohne das andere. Ein Rahmen ist nur dann sinnvoll, wenn er Spielraum absteckt, und Spielraum kann nur dann genutzt werden, wenn er überschaubar ist, also einen klaren Rahmen hat. Ist der Rahmen zu weit und für den betreffenden Menschen nicht überschaubar, kann das massive Unsicherheit und Ängste auslösen. Ist er zu eng und zu einschränkend, führt das - je nach Persönlichkeit - zu Apathie und Abstumpfung, oder zu Auflehnung und Aggressionen.

Manchmal fehlt bei Menschen mit geistiger Behinderung oder bei alten Menschen mit Abbauerscheinungen nur ein kleines Verbindungsstück, eine Verknüpfung, die sie nicht machen können, um eine Situation zu überblicken oder zu bewältigen. Wenn die Bezugspersonen solche Lücken differenziert wahrnehmen, können sie dem betreffenden Menschen eine Stütze anbieten, die es ermöglicht, sie zu überbrücken. Solche Stützen für selbständiges Handeln können den persönlichen Spielraum erheblich erweitern und sind zugleich Bausteine für einen Rahmen, der hilft, aber nicht unnötig einschränkt. Dabei ist es wichtig, dass die Betreuer sensibel auf die Reaktionen der betroffenen Menschen achten, denn ob das gefundene Gleichgewicht ihnen tatsächlich entspricht, können wir nur von ihnen selber erfahren. Auch deshalb ist es wichtig, dass Bezugspersonen

Die Sprache des Gegenübers finden

Mit Sprache ist hier nicht nur die verbale, sondern die gesamte Ausdrucksweise einer Person gemeint. Gerade bei Menschen, die nicht sprechen, ist es besonders wichtig, auch die nicht verbalen Signale wahrzunehmen und darauf einzugehen. Das können ganz feine Dinge sein: ein kaum merkliches sich Anspannen oder Lösen, eine Veränderung im Gesichtsausdruck, ein tiefer Atemzug.

Wir sollten uns jedoch nicht nur darum bemühen, die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, zu verstehen, sondern auch darum, eine Sprache zu finden, die sie verstehen und die ihrem Erleben nahe ist. Nicht immer geht es dabei um die "richtigen Worte", sondern oft auch um die "richtigen Gesten". Die Sprache des Gegenübers finden, heißt: anschaulich machen, sichtbar machen, Dinge so darstellen, dass sie für den anderen Menschen begreiflich und nachvollziehbar werden. Das kann auch heißen: ihn an der Hand nehmen und ihm etwas zeigen. In diesen Zusammenhang gehört ein weiterer Aspekt, der nicht sorgfältig genug beachtet werden kann:

Klarheit

ist für Menschen mit geistiger Behinderung und / oder psychischen Problemen, ebenso wie für alte Menschen mit Abbauerscheinungen und Orientierungsschwierigkeiten, ganz besonders wichtig, denn sie hilft ihnen, sich in der Realität zurechtzufinden. Das wird oft unterschätzt. Klare verständliche Information, auch wenn sie etwas Negatives beinhaltet, ist eine unbedingte Notwendigkeit. Dabei muss stets der Bezugsrahmen des Gegenübers berücksichtigt werden: was uns selber klar und offensichtlich erscheint, ist es nicht immer auch für andere, besonders wenn ihre Auffassungs- und Denkfähigkeit eingeschränkt oder verlangsamt ist. Durch einfache, klare Hinweise in einer Sprache, die sie verstehen kann, muss die Situation für die andere Person überschaubar gemacht werden. Die Erfahrung zeigt immer wieder, wie sehr diffuse oder zweideutige Botschaften Menschen mit psychischen und geistigen Beeinträchtigungen verunsichern und verwirren und auffälliges Verhalten auslösen können.

Nicht was fehlt, ist entscheidend, sondern was da ist

Auch dieser Grundsatz der personzentrierten Sichtweise gilt nicht nur, aber ganz besonders für Menschen mit geistiger Behinderung. Für die Bezugspersonen heißt das, nicht immer vorwiegend auf die Symptome der Behinderung zu starren, sondern auch die Fähigkeiten wahrzunehmen, die ein behinderter Mensch entwickelt, um mit dem Alltag zurechtzukommen und schwierige Situationen zu bewältigen - auch wenn diese ganz eigene Art und Weise vielleicht nicht ganz dem entspricht, was üblicherweise erwartet und als "normal" betrachtet wird. Menschen mit geistiger Behinderung müssen mit dem leben, was ihnen zur Verfügung steht, und brauchen dabei unsere Unterstützung. Wenn sie ständig nur mit dem konfrontiert werden, was ihnen fehlt und was sie nicht können, so untergräbt das jegliches Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und entmutigt sie immer mehr. Das Potential zu Veränderung und Weiterentwicklung liegt nicht in den Defiziten, sondern in den ganz persönlichen Ressourcen - die möglicherweise verschüttet, nicht zugänglich oder nicht entwickelt sind. Auf die kommt es an, die gilt es aufzuspüren und zu fördern. Es ist manchmal erstaunlich, zu welch unerwarteten Schritten behinderte Menschen plötzlich fähig sind. Schritte, welche die Bezugspersonen ihnen niemals zugetraut hätten oder die ihnen gar nicht in den Sinn gekommen wären. Selbst wenn diese Schritte nicht groß sind, so weisen sie doch darauf hin, dass etwas da ist, das entwickelt und genutzt werden könnte.

Die kleinen Schritte

werden im Alltag allzu leicht übersehen. Dabei können sie nicht genug beachtet und ermutigt werden, denn jeder Schritt, und sei er noch so klein, beweist die Fähigkeit, Schritte zu machen, und enthält das Potential zu weiteren Schritten.

Menschen mit geistiger Behinderung sind in der Regel langsamer und können weniger große Abschnitte überblicken als wir. In einem weitgehend vom Tempo der "Normalen" bestimmten Alltag erleben sie permanent, dass sie überrannt werden und nicht mitkommen. Leichter behinderte Menschen entwickeln oft ein erstaunliches Geschick, das zu überspielen. Die Bezugspersonen merken es meist gar nicht und überfordern sie noch mehr.

Die Erfahrung des Ungenügens, des nicht Nachkommens ist für viele Menschen mit Behinderungen so allgegenwärtig und erdrückend, dass ihnen die Bedeutung der kleinen Schritte, die ihnen hin und wieder gelingen, kaum bewusst wird. Es lohnt sich, solche kleinen Schritte geradezu "mit der Lupe zu suchen" und sie zu bestärken, auch wenn sie in eine andere Richtung führen als die Bezugspersonen erwarten. Das schafft ein Gegengewicht zu dem ständigen Gefühl, nicht zu genügen und minderwertig zu sein, das vielen Menschen mit geistiger Behinderung, aber auch älteren Menschen, deren Fähigkeiten abnehmen, zu schaffen macht. In diesen Zusammenhang gehört auch der nächste Punkt:

Der Weg ist ebenso wichtig wie das Ziel

Sich erleben als jemand, der in der Lage ist, sich auf den Weg zu machen und etwas zu verändern, ist oft viel entscheidender als ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Problematik sogenannter Verhaltens- oder Erziehungsziele besteht darin, dass Erfolg lediglich daran gemessen wird, ob sie erreicht werden oder nicht. Der Blick ist starr auf das Ziel gerichtet. Impulse, die in eine andere Richtung weisen, bleiben unbeachtet, obschon sie ganz neue Perspektiven eröffnen könnten, wenn die Bezugspersonen nicht so fixiert wären auf das von ihnen formulierte Ziel. So werden beim behinderten Menschen Gefühle wie "Ich schaffe es nicht", "ich kann nichts" verstärkt - und damit die Anfälligkeit für psychische Probleme.

Eigene Erfahrungen ermöglichen und auf das Erleben eingehen

Wann immer es geht, muss Menschen mit geistiger Behinderung - auch solchen mit schwerer Behinderung - ermöglicht werden, eigene Erfahrungen zu machen. Anstatt die schwer behinderte Frau zurückzuziehen, die beim Spaziergang im Areal auf das geschlossene Tor zur Strasse zugeht, kann die Mitarbeiterin sie am Tor fühlen lassen, ob es offen ist. Das stellt Kontakt zur Realität her. Die Frau erfährt ganz konkret, dass das Tor zu ist und sie nicht hinauskann. Es ist nicht die Mitarbeiterin, die sie daran hindert. Immer wieder zeigt sich, dass Menschen mit geistiger Behinderung sich sehr viel besser mit einer Tatsache abfinden können, die sie real erfahren - auch wenn sie ihren Wünschen entgegensteht - als wenn sie diese als Willkür der Bezugspersonen erleben.

Ihr Augenmerk auf das Erleben zu richten, ist für viele Bezugspersonen zunächst ungewohnt. Sie sind viel mehr auf das ausgerichtet, was geschieht, als darauf, wie etwas geschieht und wie es erlebt wird. Der Betreuer versucht, die behinderte Frau zu überzeugen, dass die Situation in Wirklichkeit ganz anders ist, als sie meint, anstatt darauf einzugehen, wie sie es erlebt, und von da aus nach Lösungen zu suchen. Veränderung kann nur aus dem eigenen Erleben entwickelt werden, nicht von außen. Deshalb ist es so wichtig, dass Bezugspersonen sich in das Erleben der Menschen, die sie betreuen, einfühlen können. Wenn ihre Wahrnehmung erst einmal sensibilisiert ist für die Art und Weise des Erlebens anderer Menschen, eröffnen sich ihnen ganz neue Aspekte der Beziehung und Kommunikation.

Gefühle - auch "negative" - wahrnehmen und zulassen zu können, trägt ganz wesentlich zum seelischen Gleichgewicht und Wohlbefinden bei. Wenn Bezugspersonen akzeptierend auf solche Gefühle eingehen, können sie der emotionalen Entfremdung entgegenwirken, an der so viele Menschen mit geistiger Behinderung leiden. Oft muss bei ihnen der Zugang zu den eigenen Emotionen und zum eigenen Erleben überhaupt erst angeregt werden. Sie werden im Laufe ihrer Entwicklung selten dazu ermuntert, ihren Gefühlen zu trauen, besonders wenn diese auf befremdliche, für ihre Umgebung schwer nachvollziehbare Weise zum Ausdruck kommen. So lernen sie, ihre Gefühle mehr und mehr zu unterdrücken oder ihr Erleben gar nicht mehr wahrzunehmen. Da dies nur bis zu einem gewissen Maß möglich ist, brechen die aufgestauten Emotionen von Zeit zu Zeit umso heftiger und inadäquater hervor.

Wenn die Bezugspersonen im Alltag immer wieder einmal das Erleben ansprechen (zum Beispiel: "Du ärgerst Dich jetzt, weil Du abtrocknen musst." Oder beim Duschen: "Sie mögen es, wenn Ihnen das warme Wasser über den Rücken rieselt."), hilft das dem anderen Menschen, sein Erleben und seine Gefühle deutlicher wahrzunehmen. Auch lässt sich auf diese Weise manche aggressive Eskalation vermeiden. Zumindest aber wird die Entfremdung vom eigenen Erleben, an der so viele Menschen mit geistiger Behinderung leiden, nicht noch weiter verstärkt.

Eigenständigkeit unterstützen

Das Postulat, die Selbständigkeit zu fördern, ist heutzutage unbestritten. Doch wenn wir genau hinsehen, beinhaltet es meist sehr genaue Vorstellungen davon, was die betroffenen Personen "selbständig" tun sollten. Ob das auch dem entspricht, was sie selber wollen, wird selten gefragt. So kippt, was als Förderung von Selbständigkeit gedacht ist, häufig ins Gegenteil um und wird zur Bevormundung. Ich spreche deshalb lieber von Eigenständigkeit. Eigenständig handeln kann manchmal auch heißen, sich nicht so zu verhalten, wie die Bezugspersonen es möchten. Das sollte nicht als persönliche Kränkung aufgefasst und bekämpft, sondern als eigenständige Regung begrüßt und - wo immer der Rahmen es zulässt - unterstützt werden. Eigenständig handeln kann auch heißen, einmal einen Sonntagvormittag im Bett zu verbringen oder einmal nicht am gemeinsamen Ausflug teilzunehmen. Eigenständig handeln heißt immer auch: Verantwortung für sich selber übernehmen. Diese Verantwortung sollte Menschen mit geistiger Behinderung, im Rahmen des Möglichen, wo immer es geht, zugestanden und zugetraut werden, auch wenn sie sich dann vielleicht nicht so verhalten, wie es den Bezugspersonen richtig erscheint.

Menschen, die weitgehend fremdbestimmt leben müssen, haben meist ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Eigenständigkeit, selbst wenn sie vordergründig zu Überanpassung neigen. Wenn für dieses Bedürfnis zu wenig Spielraum vorhanden ist, kann es sich an Kleinigkeiten festhaken, die den Bezugspersonen völlig nebensächlich erscheinen, für die betroffenen Menschen aber äußerst wichtig sind. Menschen mit geistiger Behinderung empfinden dieses Autonomiebedürfnis oft sehr diffus und bringen es durch widerspenstiges, für ihre Umgebung unverständliches Verhalten zum Ausdruck. Wenn wir dieses Verhalten nicht ausschließlich als etwas Störendes betrachten, das bekämpft werden muss, sondern als Ausdruck von Eigenständigkeitsbestrebungen zu verstehen versuchen, dann lässt sich nicht nur mancher fruchtlose Machtkampf vermeiden, sondern es eröffnen sich auch ganz neue Gesichtspunkte für Veränderungen und Weiterentwicklung. Um eigenständig handeln zu können, braucht es

Überschaubare Wahlmöglichkeiten

Eine Wahl haben, selber entscheiden können: das trägt maßgeblich zur Lebensqualität bei. Deshalb ist es unverzichtbar, Menschen mit geistiger Behinderung, wo immer es geht, Wahlmöglichkeiten zu bieten. Das fördert die Eigenständigkeit und stärkt das Selbstwertgefühl. Auch für sehr schwer behinderte Menschen lassen sich manchmal noch winzige Entscheidungsmöglichkeiten ausfindig machen, die den Bezugspersonen belanglos erscheinen mögen, aber für das Lebensgefühl des betreffenden Menschen von Bedeutung sind. Vielleicht kann er - beispielsweise - zwischen zwei Kaffeetassen wählen oder selber entscheiden, wann beim Händewaschen das Wasser abgestellt werden soll? Wichtig ist, dass solche Angebote die behinderten Menschen nicht überfordern, sondern ihren individuellen Möglichkeiten angepasst und für sie überschaubar sind.

Auf einen Aspekt möchte ich noch hinweisen, dem meines Erachtens viel zu wenig Beachtung geschenkt wird:

Die schwierigen Anforderungen des Gruppenlebens

In einer Gruppe zu leben - noch dazu in einer, die nicht selbst gewählt werden kann - stellt hohe Anforderungen an die sozialen Fähigkeiten geistig behinderter Menschen. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich ihnen - die ja in der Regel auch als sozial behindert gelten - diese Anforderungen zugemutet werden. Erstaunlich sind auch die beachtlichen Leistungen, welche geistig behinderte Menschen in dieser Hinsicht erbringen - Leistungen, zu denen wir selber wahrscheinlich nicht ohne weiteres bereit wären. Wie wäre uns wohl zumute, wenn wir so eng mit anderen Menschen zusammenleben müssten, die wir uns nicht ausgesucht haben und deren Verhalten oft mühsam und manchmal sogar bedrohlich ist? Immer wieder stelle ich fest, wie belastend für viele Menschen mit geistiger Behinderung die Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kolleginnen und Kollegen sind. Es wäre sinnvoll, hier die Ansprüche manchmal etwas herunterzuschrauben - sie entsprechen ohnehin meist mehr den Gruppenidealen von Pädagogen und Psychologen als den tatsächlichen Bedürfnissen der betroffenen Menschen. Gewiss, die Möglichkeiten sind begrenzt, doch können auch unter den gegebenen Rahmenbedingungen vermehrt Rückzugsmöglichkeiten geschaffen und da und dort individuellere Lösungen gesucht werden. Und wo das gar nicht geht, sollte zumindest die Problematik der Situation erkannt und den Schwierigkeiten, die viele Bewohnerinnen damit haben, Verständnis entgegengebracht werden. Das allein bewirkt schon eine gewisse Entlastung.

Die hier angesprochenen Aspekte können nur angemessen berücksichtigt werden, wenn wir die Menschen, um die es geht,

Ernstnehmen

Das ist die Voraussetzung, unter der alles andere erst möglich wird. Es geht dabei zum einen um eine ganz grundlegende Haltung: andere - für uns vielleicht fremde oder auch befremdliche - Formen menschlicher Existenz zu respektieren. Sie sind nicht nur auf unsere Akzeptanz und Unterstützung angewiesen, sondern wir können durchaus auch von ihnen lernen. Zum anderen geht es auch ganz einfach darum, im täglichen Leben Menschen mit Behinderungen ernst zu nehmen: ihre Gefühle, auch wenn sie uns unangemessen erscheinen oder sich gegen uns richten; ihre Wünsche und Bedürfnisse, auch wenn wir sie nicht erfüllen können. Menschen mit geistiger Behinderung oder anderen Beeinträchtigungen müssen auch dann ernstgenommen werden, wenn ihre Äußerungen unverständlich und ihre Verhaltensweisen absurd erscheinen. Etwas versucht sich darin auszudrücken, das nicht einfach nur mit dem Stempel "behindert" oder "gestört" oder "verwirrt" abgetan werden darf, auch wenn wir es nicht verstehen können. Allein schon das Bemühen um Verstehen, der Versuch, sich in die subjektive Welt des anderen Menschen einzufühlen, bewirkt, dass er sich besser angenommen fühlt. Das wiederum fördert sein Wohlbefinden und stärkt sein Selbstvertrauen. Diese Arbeitweise erfordert nicht mehr Zeitaufwand, vielmehr geht es darum, Schwerpunkte anders zu setzen, den Blickwinkel zu verändern und Prioritäten neu zu überdenken. Meist sind es Nuancen, welche sich entscheidend auf die Lebensqualität auswirken, nicht nur für die behinderten Menschen, sondern auch für diejenigen, die in diesem anspruchsvollen - und manchmal überfordernden - Berufsfeld arbeiten. Das Wissen um diese Nuancen und die Sensibilität dafür, eröffnet neue Perspektiven, welche die tägliche Arbeit sowohl entspannter wie auch spannender werden lassen und allen Beteiligten mehr Befriedigung ermöglichen.

Literatur

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Pörtner, M. (2000) Fördern und Fordern. Gratwanderung zwischen überforderung und Unterforderung. In: Geistige Behinderung, 1/2000, 31-39.

Pörtner, M. (2000) Trust and Understanding, the Person-Centred Approach in everyday care for people with special needs. Ross-on-Wye, PCCS Books, (in Vorbereitung).

Pörtner, M. (2000): Der personzentrierte Ansatz in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen. In: Keil, W. & Stumm, G. (Hrsg.) Der personzentrierte Ansatz in der Psychotherapie. Die vielen Gesichter der klientenzentrierten Psychotherapie. Wien, New York, Springer (in Vorbereitung).

Pörtner, M. & Monstein, P. (1985): Personzentrierte Beratung - Überlegungen zu einem Konzept. In: Brennpunkt 22 (19-23) und in:GwG-info 60 (68-71).

Pörtner, M. & Prouty & Van Werde (1998) Prä-Therapie, Stuttgart, Klett-Cotta.

Die Autorin

Marlis Pörtner, Psychologin und Autorin, arbeitet als Psychotherapeutin in eigener Praxis seit vielen Jahren auch mit Menschen mit geistiger Behinderung, sowie als Supervisorin und Praxisberaterin in verschiedenen sozialen Institutionen. Schreiben ist ihr ebenso wichtig wie die praktische Arbeit. Ihre Bücher sind bei Klett-Cotta erschienen. Sie lebt in Zürich, wo sie geboren und aufgewachsen ist, hat erwachsene Kinder und Enkelkinder.

Südstraße 78

CH-8008 Zürich

Quelle:

Marlis Pörtner: Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/2000; Reha Druck Graz

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Stand: 24.08.2005

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