Vorwort - Geschlecht: behindert

AutorIn: Josef Fragner
Themenbereiche: Kultur, Sexualität
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 1/2001; Thema: Geschlecht: behindert Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (1/2001)
Copyright: © Josef Fragner 2001

Inhaltsverzeichnis

Vorwort - Geschlecht: behindert

Viele Symbole sind verräterisch. Sie können zwar mit ökonomischen Argumenten legitimiert werden, dennoch: haben Sie schon Behinderten-WCs in männlich und weiblich getrennt gesehen? An der Sexualität behinderter Menschen scheiden sich noch immer die Geister. Von Vorurteilen bis zu unserer Hilflosigkeit reicht die Palette.

Die traditionelle Disziplinarmacht wird durch die Biomacht abgelöst und zwingt jede und jeden in abstrakte Verhältnisse, damit die Menschen selbst die Entfernung ihrer Körper und die Zerstörung ihrer Wahrnehmung betreiben.

Die Verantwortung für den eigenen Körper wird nun Sache der Selbstüberwachung, der Selbstprüfung und der Selbstanleitung. Es ist nicht mehr die Konformität, die das Individuum in seinen Lebensanstrengungen anspornt, sondern eine Art Anstrengung, fit zu bleiben für neue Anstrengungen. Dadurch entsteht die postmoderne Angst der Unzulänglichkeit.

Der postmoderne Körper ist vor allem ein Empfänger von Empfindungen, er trinkt und isst Erfahrungen. Die Fähigkeit, stimuliert zu werden, macht ihn zum Werkzeug der Lust. Diese Fähigkeit heißt Fitness. Den Körper fit zu halten bedeutet, ihn in Aufnahme- und Reizbereitschaft zu halten. Es ist nicht so sehr die Leistung des Körpers, die zählt, als die Gefühle, von denen die körperliche Betätigung begleitet ist. Wie tief diese Gefühle auch erlebt werden, sie könnten noch tiefer sein und sind deshalb nie tief genug.

Dietmar Kamper weist darauf hin, dass die politisch-ideologische Emanzipation der Körper gemeinsam mit der Revolutionierung der Massenmedien eine völlig neue Form von Bilderherrschaft ermöglicht: der Körper scheint zwar weniger unter dem Druck der Normen von Erziehung und Sozialisation zu stehen, dafür aber wurde er befreit zu Spiegelbildern, zu "Körperphantomen", die - im Sport, im Sex, im Konsum - als BILDER klare Vorschreibungen machen, denen niemand entgeht.

Dabei ist interessant, dass sich der menschliche Leib zunehmend auch den neuen Normierungen zu verweigern beginnt: er streikt, wird impotent oder frigide, produziert Krankheitssymptome unbekannter Art und kommuniziert auch aus medizinischer Sicht immer unverständlicher und hilfloser seine Notlage.

Viele behinderte Menschen wollen und müssen diesen Bildern etwas entgegensetzen. Sie wollen dem Bild des Makels und Leides und des geschlechtsneutralen Wesens entkommen. Indem wir uns selbst als Nichtganze akzeptieren, verschwimmen vielleicht die Konturen der Bilder.

Josef Fragner, Chefredakteur

Quelle:

Josef Fragner: Vorwort - Geschlecht: behindert

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft. Nr. 1/2001; Reha Druck Graz, Thema: Geschlecht: behindert

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 16.06.2010

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