Lebensweltorientierte Soziale Arbeit bei "Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten"

Eine pädagogische Konzeption und ihre Umsetzung am Beispiel des Aufbauwerk der Jugend

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Bachelorarbeit
Releaseinfo: Bachelorarbeit am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck
Copyright: © Baumgartl Stephanie 2012

Inhaltsverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Ich erkläre ehrenwörtlich, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und ohne fremde Hilfe verfasst, andere als die angegebenen Quellen nicht benutzt und die den benutzten Quellen entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe.

Die Arbeit wurde bisher in gleicher oder ähnlicher Form keiner anderen Prüfungsbehörde vorgelegt noch veröffentlicht.

Baumgartl Stephanie

Innsbruck, im Juni 2012

Danksagung

Hiermit möchte ich mich bei all jenen Menschen bedanken, die mich im Laufe meines Bachelorstudiums auf die eine oder andere Weise unterstützt haben.

Des Weiteren bedanke ich mich bei meiner Vorgesetzten Frau Erika Hinteregger sowie bei meinem gesamten Team. Sie haben es mir ermöglicht, meine Befragungen überhaupt durchführen zu können.

Natürlich danke ich auch all jenen, die mir etwas von ihrer Zeit geschenkt haben, indem sie sich interviewen ließen bzw. meine Fragebögen ausgefüllt haben.

Diese haben wohl den bedeutendsten Beitrag zum Gelingen dieser Arbeit geleistet.

Ein ganz besonderen Dank gilt auch meinen Freunden, die mir während dem Schreiben insofern geholfen haben, als sie mir immer wieder Raum für Reflexionsgespräche angeboten und sich dabei auch den einen oder anderen aufgetretenen Frust angehört haben.

Vorwort

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Konzept der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit von Dr. Hans Thiersch, wobei hier das Hauptaugenmerk auf dessen Umsetzung bei der Arbeit mit "Menschen mit Lernschwierigkeiten" gelegt worden ist.

Die Herausforderung meiner Arbeit liegt somit in der Auseinandersetzung mit dem Theoriekonstrukt "Lebensweltorientierung" und dessen konkreten Umlegung in der Praxis.

Mein Interesse an der Praxis ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass ich nicht den herkömmlichen Bildungsweg, sondern einen kleinen Umweg gegangen bin- indem ich eine Lehre machte und schon damals die "Theoriewelt" in Wechselwirkung zur "Praxiswelt" kennen gelernt habe. Auch während des Studiums habe ich durch meine beruflichen Tätigkeiten immer die Chance gehabt, die Theorie mit der Praxis verknüpfen zu können.

Da also m.E. Wissen bzw. Wissenschaft nur in Zusammenführung von Theorie und Praxis bestehen kann, ist es naheliegend, dass sich auch meine Bacherlorarbeit dieser Zusammenführung widmet.

Auch mein Interesse an der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit kann mit dem Argument der begründeten Praxisnähe erklärt werden. Denn die soziale Arbeit muss sich durch ihr weit gefächertes Klientel und der Zielsetzung der Inklusion einer Theorie bedienen, die auf die jeweilige individuelle Lebenslage ihrer EdukandInnen umgelegt werden kann. Durch die nicht wirklich eingegrenzte Bezeichnung "Menschen mit Lernschwierigkeiten" verschärft sich der o.g. Umstand bei der Arbeit in Einrichtungen, die sich der Inklusion dieser Interessentengruppe widmen.

Ein dafür geeignetes Konzept ist eben die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit nach Prof. Dr. Hans Thiersch. Dieser Ansatz begegnet nämlich den Menschen in ihren jeweiligen Lebensverhältnissen, also in ihrem Alltag und den hier auftauchenden unterschiedlichen Problemlagen. Denn ob "psychische Erkrankung" oder "Behinderung"- die vorenthaltenden Partizipationschancen ergeben sich häufig aus deren Alltag und den so entstandenen Problemlagen.

Da ich mich bei der empirischen Untersuchung auf die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit bei "Menschen mit Lernschwierigkeiten" beschränke, werde ich im ersten Kapitel diesbezüglich wichtige Begrifflichkeiten erklären sowie einen kleinen Überblick über deren Situation, also über deren Lebenswelt, geben.

In Kapitel zwei wird die allgemeine Entwicklung der sozialen Arbeit dargelegt.

Erst danach wird das Konzept von Hans Thiersch präzise vorgestellt, indem ich auf Begrifflichkeiten und Definitionen eingehe, vor allem auf den Begriff Lebenswelt bzw. Alltag. Weiters werden an dieser Stelle das Menschenbild, die Vorraussetzungen und Ziele wie auch die Kritik an diesem Ansatz diskutiert.

Der zweite Teil der Arbeit bezieht sich auf meine Untersuchung im "Aufbauwerk der Jugend". Durch den empirischen Teil wollte ich herausfinden, wie das Konzept der Lebensweltorientierung konkret umgesetzt werden kann und welche realistischen "Erfolge" damit erzielt werden können. Da es sich bei dem "Aufbauwerk der Jugend" um eine Berufsvorbereitung von Jugendlichen nach der Sonderschule handelt, war das vornehmliche Ziel herauszufinden, welche Ressourcen diese Jugendlichen bereits nutzen und in welchen Lebensbereichen sie eine Entwicklung ihres Selbstbildes erfahren haben. Des Weiteren interessiert mich, welche konkreten Ansätze des Lebensweltkonzeptes von den MitarbeiterInnen bewusst aber auch unbewusst bei der täglichen Arbeit mit den Jugendlichen eingesetzt werden.

1. Einige Daten zur Situation von "Menschen mit Behinderung" in Tirol

1.1. Der Begriff "geistige Behinderung"

Der heute weit verbreitete Ausdruck der "geistigen Behinderung" wurde in den 50er- Jahren aus einer Elternbewegung der Lebenshilfe heraus begründet. Es war der Versuch, einen vermeintlich neutraleren Begriff zu den Definitionen Oligophrenie, Idioten, Schwachsinnige usw. zu finden. Trotz dieser lediglich vermeintlichen Neutralität des Begriffes ("Du bist ja geistig behindert") stellt die Einführung dieser Definition das Ende einer historischen Entwicklung dar, wodurch "geistig behinderten Menschen" endlich auch das Recht auf Schule zugesprochen wurde. Durch die neue Bezeichnung wurden sie letztlich auch als bildungsfähig angesehen (vgl. Meyer, 2002, 102ff).

"Menschen mit Lernschwierigkeiten" ist eine neuere Bezeichnung für "Menschen mit geistiger Beeinträchtigung". Der Begriff kommt aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum und stammt von Betroffenen-Bewegungen, wie beispielsweise der People First in den 70er- und 80er-Jahren (vgl. Schirbort, 2007, S. 214).

Im ICD 10 (International Classification of Diseases) werden Lernschwierigkeiten unter den Nummern F70-F79 geführt und wie folgt definiert:

"Ein Zustand von verzögerter oder unvollständiger Entwicklung der geistigen Fähigkeiten; besonders beeinträchtigt sind Fertigkeiten, die sich in der Entwicklungsperiode manifestieren und die zum Intelligenzniveau beitragen, wie Kognition, Sprache, motorische und soziale Fähigkeiten. Eine Intelligenzstörung kann allein oder zusammen mit jeder anderen psychischen oder körperlichen Störung auftreten" (DIMDI, 2009).

Festgestellt werden die sogenannten Lernschwierigkeiten mittels standardisierter Intelligenztests, die Diagnose ist aber auch abhängig von der Beurteilung der allgemeinen geistigen Funktionsfähigkeit durch einen erfahrenen Diagnostiker.

Was dieses Klassifikationsmodell m.E. im Gegensatz zu anderen "akzeptabler" macht, ist ihr Begriffsverständnis von Behinderung. Durch ihre grundlegende Unterscheidung zwischen Einschränkung von Körperfunktionen und Körperstrukturen sowie Aktivitäten und Partizipation entsteht nämlich ein ganzheitlicher Behinderungsbegriff, der sowohl den persönlichen als auch den gesellschaftlichen und sozialen Horizont des Begriffs entfaltet.

Behinderung ist bei der ICF also nicht nur ein Status bzw. eine Eigenschaft, die den Menschen auszeichnet oder ihn gar als kranken Menschen stigmatisiert, sondern der Begriff beschreibt auch seine gesellschaftliche und soziale Position. Da lebensweltorientierte Integrationsarbeit ebenso eine Lebenswelt voraussetzt, die sich wiederum durch Partizipation an der Gesellschaft und die damit verbundene soziale Position auszeichnet, kann dieses Begriffsverständnis von Behinderung gut in die lebensweltorientierte Arbeit umgesetzt werden.

Des Weiteren wird hier von Entwicklungsmöglichkeiten der betroffenen Menschen ausgegangen, daher soll sich die Diagnose immer auf die gegenwärtige Situation beziehen (vgl. DIMDI, 2009).

Trotzdem, aus der Sicht der Betroffenen handelt es sich auch beim ICF wiederum um eine Klassifikation, die eben versucht, Menschen in vorgefertigte Muster zu stecken.

Im Gegensatz zu dieser medizinischen Klassifizierung vertritt die Behindertenpädagogik ein sehr individuelles Verständnis von Behinderung. Das Hauptmerkmal hierbei ist, dass Behinderung nicht als eine Eigenschaft des Menschen gesehen wird, sondern als ein Lebensumstand, mit dem Menschen konfrontiert werden. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Schwierigkeiten erst aus dem lebensweltlichen Kontext heraus ergeben. Behinderung ist also keine angeborene Eigenschaft, mit der sich ein Mensch selbst ausgrenzt und die infolgedessen selbst zu verantworten ist (vgl. Schönwiese, 2010/2011, S8 ff).

Dieses Verständnis von Ausgrenzungsmechanismen zeigt sich auch im Lebensweltorientierten Ansatz, der- wie bereits erwähnt- im nicht gelingenden Alltag die vorenthaltenen Partizipationschancen ihrer EducandInnen sieht.

Eine einheitliche Terminologie für Menschen, die durch die Gesellschaft behindert werden, hat sich bis heute leider nicht durchgesetzt.

In meiner Arbeit wird die Bezeichnung "Menschen mit Lernschwierigkeiten" verwendet. Dies erscheint insofern "passend", als ich mich in meiner Untersuchung mit einer Einrichtung beschäftige, die sich mit der beruflichen und sozialen Integration von Menschen mit allen Arten von Behinderungen beschäftigt.

Meiner Arbeit liegt das Begriffsverständnis zu Grunde, welches Behinderung nicht als Eigenschaft, sondern als Lebensumstand versteht, also ein Begriffsverständnis, das in Behinderung eine normale menschliche Kompetenz sieht. Mit Feusers Worten: "Was wir als Behinderung wahrnehmen, ist Ausdruck der Kompetenz eines Menschen. Es ist die Kompetenz, alle Erfahrungen, die er in der tätigen Auseinandersetzung mit der Welt macht, von Beginn seines Lebens an, in seine Lernprozesse zu integrieren" (Feuser, 1998, Punkt 3).

Die Verwendung dieses Verständnisses lässt sich ebenfalls gut mit der Lebenswelttheorie verbinden. Denn je nach der Gestaltung der Lebenswelt können Behinderungen mehr oder weniger zum Vorschein kommen. Durch eine gezielte Arbeit in der Lebenswelt wird es also möglich, Kompetenzen zu stärken und die Behinderung an der gesellschaftlichen Partizipation zu minimieren.

1.2. Schule

Obwohl, wie eingangs erwähnt, "Menschen mit Lernschwierigkeiten" seit über 60 Jahren als bildungsfähig angesehen werden, gibt es in Österreich noch immer eigene Schulen für "Kinder mit Lernschwierigkeiten", die sogenannten Sonderschulen. Seit Jahrzehnten existiert jedoch zumindest ein sehr differenziertes Angebot davon.

So gibt es für "Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf" die Möglichkeit, eine entsprechende Sonderschule oder aber auch einen integrativen Unterricht gemeinsam mit "Kindern ohne Lernschwierigkeiten" zu besuchen. Letzteres ist jedoch nur von der 1. bis zur 8. Schulstufe möglich, sodass die meisten SchülerInnen gezwungen sind, ihren Schulabschluss doch in einer Sonderschule zu machen, wenn sie nicht zu den Glücklichen gehören, die den "Schulversuch"- wie es im Bericht der Bundesregierung über die Lage von Menschen mit Behinderungen in Österreich von 2008 heißt- also die "Integrationsklasse an der Polytechnischen Schule", besuchen können (vgl. Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, 2009, S124 ff).

Begründet wird die separate Schulbildung mit dem Argument der "abgestimmten Betreuung", so hat nämlich die Sonderschule lt. Schulorganisationsgesetz § 22, BGBI. Nr. 242/1962[1] ihre Funktion "... in ihren verschiedenen Arten [die] physisch oder psychisch behinderte Kinder in einer ihrer Behinderungsart entsprechenden Weise zu fördern, ihnen nach Möglichkeiten eine den Volkschulen, Hauptschulen oder Polytechnischen Schulen entsprechende Bildung zu vermitteln und ihre Eingliederung in das Arbeits- und Berufsleben vorzubereiten. Sonderschulen, die unter Bedachtnahme auf den Lehrplan der Hauptschule geführt werden, haben den Schüler je nach Interesse, Neigung, Begabung und Fähigkeiten auch zum Übertritt in mittlere oder höhere Schulen zu befähigen" (zit. nach ebd., S127).

Die Schule als System stellt also in ihrer Selektionsfunktion die Normen für "Normalität und "Abweichung" auf und legitimiert somit (nur vermeintlich) die Aussonderung von "Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf". Diese Aussonderung hat für die Betroffenen meist eine lebenslange "Karriere" als benachteiligte Personen zur Folge (vgl. Schönwiese, 2010/2011, S58).

So hat sich auch die Integration im Schulbereich seit den 90er-Jahren in Österreich deutlich weiterentwickelt. Es werden zwar immer noch Sonderschulen in Anspruch genommen, aber die Zahl der "SonderschülerInnen" hat sich von 1994/95 bis 2005/06 von 19.000 auf 13.400 reduziert, während in den selben Jahren die Zahl der "SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf" im Rahmen des integrativen Unterrichts in Volks- und Hauptschulen von 4.731 auf 13.741 angestiegen ist (vgl. Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz 2009, S124).

1.3. Rehabilitationsmaßnahmen

Da es sich beim "Aufbauwerk der Jugend" um eine Rehabilitationsmaßnahme nach Tiroler Rehabilitationsgesetz handelt, soll an dieser Stelle eine kurze Erläuterung von dessen Handhabung in Tirol Platz finden.

Im Sozial- und Jugenwohlfahrtsbericht 2009/2010 heißt es wie folgt:

"Nach der Zielbestimmung des Tiroler Rehabilitationsgesetzes ist es Aufgabe des Landes Tirol, die Anwendung zusammenwirkender Maßnahmen, durch die die physischen, psychischen, sozialen, beruflichen und wirtschaftlichen Fähigkeiten eines Menschen mit Behinderung entfaltet und erhalten werden, zu genehmigen, mit dem Ziel, ihn in die Gesellschaft einzugliedern oder wieder einzugliedern." (Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilungen Soziales und Jugendwohlfahrt, 2009/2010, S82).

Das Rehabilitationsgesetz tritt aber nur dann in Kraft, wenn "Menschen mit Behinderung" keine andere Möglichkeit haben- dazu gehören auch finanzielle Möglichkeiten, die o.a. Ziele zu erreichen. Um herauszufinden, wem diese Maßnahmen gewährt werden oder nicht, muss sich der/ die Betroffene von einem/einer Amtsarzt/ Amtsärztin untersuchen lassen, um im Anschluss eine ausreichende Diagnose vorgelegen zu können. Diese Diagnose bildet dann die Entscheidungsgrundlage und soll weiters zu einer möglichst punktgenauen und bedarfsgerechten Gewährung von Maßnahmen verhelfen (vgl. ebd., S82, ff).

Schon aus dem Vermittlungsverfahren wird ersichtlich, dass sich das Tiroler Rehabilitationsgesetz leider noch immer eines Verständnisses von Behinderung bedient, das im klinischen Kontext zu verorten ist. Hierbei wird die Behinderung ähnlich wie ein Krankheitsbild, welches eben anhand einer Diagnose festgestellt wird, gesehen.

Auch wenn den meisten Rehabilitationseinrichtungen die Konstruktion von Behinderung bewusst ist und sie infolgedessen mit einem Begriffsverständnis arbeiten, dem auch meine Arbeit zu Grunde liegt, ergibt sich durch solche Verfahren auch bei der konkreten Arbeit eine Schnittstelle zu den diagnostischen Klassifikationssystemen.

Ein Kompromiss, der sich aber bei dieser Schnittstelle Ermittlung/Rechtfertigung der "Maßnahmenbedürftigkeit" und "Maßnahmenarbeit" findet, ist wohl der o.a. ICF, der ein breiteres und angemesseneres Bild über die Gesundheit eines Menschen bietet.

Im Sozial- und Jugenwohlfahrtsbericht 2009/2010 heißt es weiter:

"Im Auftrag des Landes bemühen sich unterschiedliche Organisationen und Unternehmen, den betroffenen Menschen in verschiedensten Lebenssituationen die geeignete, d.h. den individuellen Bedürfnissen entsprechende Hilfestellung, anzubieten.

Ein Teil der Maßnahmen wird hoheitlich, [...], mit Bescheid zuerkannt. Andere Maßnahmen gewährt das Land Tirol als Träger von Privatrechten als Förderung."(ebd., S82).

Interessant hierbei ist, dass in beiden Fällen der/die FörderungsnehmerIn meist einen seinen/ihren wirtschaftlichen Verhältnissen angemessenen Kostenbeitrag leisten muss. Betroffene und Angehörige werden also schon am Beginn der Rehabilitationsmaßnahme mit der Situation konfrontiert, ihre intimen Angelegenheiten den VertreterInnen der Institutionen preiszugeben.

Nichtsdestotrotz ist dies die momentane Situation für "Menschen mit Lernschwierigkeiten", eine der begehrten Rehabilitationsmaßnahmen zu ergattern.

So wurden im Jahre 2009 für 8.445 Personen 20.222 Rehabilitationsmaßnahmen und im Jahre 2010 für 9.008 Personen 22.464 Rehabilitationsmaßnahmen in Tirol gewährt (vgl. ebd.).



[1] zuletzt geändert durch BGBI. I Nr. 26/2008

1.4. Arbeit

Da Arbeit in unserer Gesellschaft zu den Grundbedürfnissen des Lebens gehört- durch sie erfährt ein Mensch nicht nur finanzielle Absicherung, sondern auch soziale Anerkennung- haben auch "Menschen mit Lernschwierigkeiten" das Grundrecht, einen Beruf ihrer Wahl ergreifen zu können. Bei "Menschen mit Lernschwierigkeiten" spielt die Gewährung dieses Grundrechts insofern eine gewichtigere Rolle, als durch Arbeit das Gefühl der gesellschaftlichen Zugehörigkeit vermittelt wird, was das Ergebnis von gelungener Integration darstellt.

Um dies aber erreichen zu können, sind noch immer entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen nötig, wie beispielsweise das Berufsausbildungsgesetz, das auf Beschäftigungspflicht von einem "begünstigten Behinderten"[2] pro 25 ArbeitnehmerInnen beruht (vgl. Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, 2009, S142).

Trotz diesen Bestimmungen gehören "Menschen mit Behinderung" zu jenen Gruppen, die besonders von Arbeitslosigkeit betroffen sind. So waren in Österreich im Jahr 2007 von den 94.190 als "begünstigte Behinderte" gemeldeten Personen 31.392 beim AMS jahresdurchschnittlich als Arbeitslose vorgemerkt[3] (vgl. Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, 2009, S9).

Dieses Bild zeigt, dass der Zugang zum Erwerbsleben, aber auch der Verbleib für diese "Menschengruppe"- trotz Einsatz von Förderungen und Rehabilitationsmaßnahmen- erschwert bleibt. Umso wichtiger sind eben m.E. Rehabilitationsmaßnahmen, welche sich der Berufsvorbereitung widmen.



[2] Sind Menschen deren Grad von Behinderung über 50% beträgt und einen Antrag an das Bundessozialamt gestellt haben. Diese können von den Rechten und Vorteilen des Behinderteneinstellungsgesetzes und anderen Vorschriften Gebrauch machen.

[3] Da auf Grund des "Sonderprogramms für Behinderte 2006/2007" die entsprechenden Codierungen vermehrt richtig gestellt/ kontrolliert wurden, muss der diesbezügliche statistische Effekt beachtet werden.

2. Historischer Abriss zur Sozialen Arbeit

Da die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit wie auch die Behindertenarbeit in ihrem Gesamten in der Sozialen Arbeit zu verorten ist, erachte ich für das weitere Verständnis meiner Arbeit eine Darlegung deren Entwicklung als sinnvoll.

Die Soziale Arbeit entwickelte sich analog zur modernen Gesellschaft, sozusagen hat sie die Charakteristika der Moderne, wie beispielsweise das aufgeklärte Verständnis vom Menschen, aber auch das von Normalität und Abweichung zur Voraussetzung.

Es gab zwar im Mittelalter auch gesellschaftliche Vorkehrungen gegen Krankheit, Not und Elend, aber das Verständnis von Welt und Mensch war noch ein anderes. Damals wurden die jeweiligen Ursachen noch außerhalb der Person gesucht, nämlich im göttlichen Wirken- infolgedessen wurde das Leid als unveränderbares Schicksal aufgefasst. Mit der Neuzeit kam dann das moderne Denken, welches nicht nur ein neues Menschenverständnis, sondern auch neue Auffassungen über Lebensführung, über Not und dementsprechende Hilfe mit sich brachte.

Das Entscheidende war damals aber der Wandel des Gottesverständnisses. Hielt man im Mittelalter noch an dem Glauben fest, dass die Welt von Gott unveränderlich vorgegeben wurde, in der sich der Mensch vorbehaltlos einzufügen hatte, verschob sich das in der Neuzeit insofern, als nun an einem Gott festgehalten wurde, der es dem Menschen erlaubt, die Welt zu verändern. Daraus resultierte ein Ziel-Mittel-Denken und folglich wurde das planvolle Handeln aufgegriffen.

Mit der Industrialisierung ergab sich später eine Entwicklung der Manufaktur über den Kapitalismus. Dadurch änderte sich schlussendlich auch das Zusammenleben, welches nun in Privatheit und Öffentlichkeit getrennt wurde, da die Arbeit nicht mehr im eigenen Haus erledigt worden ist. Die Gesellschaft war nun gezwungen, wohlfahrtstaatliche Sicherungsformen aufzustellen, um sich den neuen individuellen Bedürfnissen anzupassen. Da nun der Staat im Gegensatz zur Familie die Aufgabe der sozialen Sicherung übernahm, ist der Prozess auch von einer zunehmenden Individualisierung gekennzeichnet.

Indem nun durch bürokratische Organisationen die "Herausgefallenen" mittels Armen- und Zuchthäusern wieder ihren produktiven Platz in der Gesellschaft finden sollten, war der Mensch das erste Mal (außer bei Lepraerkrankung) mit sozialen Ausgrenzungsmechanismen konfrontiert- dies ist wohl die Kehrseite der Entwicklung von Sozialarbeit (vgl. Richard Münchmeier/ Friedrich Ortmann 1996, S141 ff).

Die Grundzüge der "sozialen Pädagogik" aber entstanden erst um 1850, als man nicht mehr bloß versuchte, die Arbeitskraft der Armen zu nutzen, sondern begann, sich auf die "inneren" Ursachen von Armut und sozialer Abweichung zu konzentrieren. Der gravierende Unterschied zu heute bestand aber in der Vorstellung, das Elend lediglich mit materieller Führsorge beheben zu können, während den psychischen Folgen der Betroffenen wenig Beachtung zukam.

Als sich dann später die Versicherungssysteme ausbauten, war es der Führsorge möglich, sich von der Sozialpolitik abzulösen und der Sozialpädagogik die Aufgabe anzuvertrauen, sich jener Menschen anzunehmen, die Defizite im personalen und sozialisatorischen Bereich aufweisen (vgl. ebd. 149 ff).

Obwohl der Individualisierungsprozess bereits mit der Industrialisierung begann, wurde er erst in den letzten Jahrzehnten, also in jener Zeit, die heute als "reflexive Modernisierung" bezeichnet wird, für die Sozialarbeit folgenreich. Denn Individualisierung "meint, dass tradierte Lebensnormen und Deutungsmuster in ihrem Verständnis brüchig werden und sich damit neue, offenere Möglichkeiten der Lebensführung für Gruppen und für einzelne ergeben" (Thiersch, 1992, S20).

Dazu kommt ein neues gesellschaftliches Phänomen. Zu der Individualisierung der Lebensführung kommt nun auch zusätzlich deren Pluralisierung dazu und dies " meint die Unterschiedlichkeit von Strukturen in Stadt und Land, ..., aber auch die Unterschiedlichkeit der Lebensbedingungen, ..." (ebd.).

Durch diese neuen gesellschaftlichen Entwicklungen wurden die traditionellen Unterscheidungsvoraussetzungen von Erziehung - wie beispielsweise normal vs. anormal, gelingend vs. misslingend, sinnvoll vs. Irreführend - brüchig. Weil also die "Normalitätsstandards" keinem klaren Muster mehr entsprachen, konnte die Soziale Arbeit daraus keine pädagogischen Ziele mehr ableiten. Sie brauchte also ein neues Konzept. Ein Konzept, das folglich keine Normen mehr aufzustellen versucht und dessen Unterstützungsangebot sich individuell auf das soziale Umfeld, also auf die Lebenswelt ihrer KlientInnen, bezieht.

Gegenwärtig ergibt sich für die Soziale Arbeit eine Zeit des Ausbaus und der Stabilität, denn es besteht eine vielfältige Differenzierung der Angebote- auch der Ausbildungsangebote. Sozialpädagogik ist also ein selbstverständlicher Faktor in der Infrastrukturpolitik der Gesellschaft geworden, sie wird sozusagen stets mitgerechnet. Die Zusammenarbeit von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit hat sich dahingehend weiterentwickelt, dass sie sich nun als "work in process" verstehen, also in einem Hin und Her zwischen Selbstkritik und Entwicklung(-sideen).

Aber genau in dieser Gespaltenheit sieht Thiersch das augenblickliche Problem der Sozialen Arbeit. Auf der einen Seite kann sie auf einen inneren stabilen Ausbau zurückblicken, auf der anderen Seite hat sie stets mit einem öffentlichen Gegenwind zu kämpfen. Die Sozialpädagogik muss sich nach "außen" wie auch nach "innen" begründen können. Da dies mit einer großen Unsicherheit innerhalb der Disziplin verbunden ist, spricht Thiersch vom Identitätsproblem der Sozialen Arbeit (vgl. Thiersch 2012).

Es besteht gegenwärtig also eine Situation, die es nötig macht, noch einmal grundsätzlich zu überlegen, was Soziale Arbeit soll, will und kann. Dazu gibt es verschiedene Ansätze, wie beispielsweise die Systemtheorie, die Professionstheorie aber eben auch die der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit.

3. Das Konzept der Lebensweltorientierten[4] Sozialen Arbeit

Die geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Lebensweltorientorientierung hat zwar ihren Ursprung vor über 140 Jahren- während nämlich Fragen nach den Lebenserfahrungen aktuell wurden-, als sozialpädagogisches Konzept hat sie sich aber erst in der Mitte der 70er-Jahre angefangen zu entwickeln, als nämlich der Alltag von Hans Thiersch "wiederentdeckt" und als Gegenströmung zu den Technologisierungs- und Rationalisierungstendenzen der damaligen Lebensverhältnisse konzipiert wurde.

Thierschs Anspruch ist zugleich aber auch, "begründete Kriterien sozialpädagogischen Handelns herauszuarbeiten und sozialpolitische Innovationen anzuregen" (Grunwald, 1996, S9). Lebensweltorientierte Soziale Arbeit will also als Rahmenkonzept tradierte Handlungsmuster überwinden, indem Tendenzen der Bürokratisierung in Organisationen der Sozialen Arbeit geändert werden sollen, um zu einer Annäherung der realistischen Probleme ihrer KlientInnen zu gelangen. Desgleichen wird damit im engeren Sinn aber auch eine "neue Betonung der unmittelbar erfahrenen Lebensräume, der sozialen Beziehungen und der in ihnen verfügbaren Ressourcen, verstanden" (Thiersch, 1992, S44).

Seither wurde das Konzept vielfältig und kritisch weiterentwickelt. Bestimmte Momente einer modernen Sozialpädagogik wurden so formuliert, sodass sie auch gegenwärtig in ihren Prinzipien stehen. Das Lebensweltkonzept hat somit die Strukturen der gegenwärtigen Sozialpädagogik mitbestimmt und tut das auch heute noch.

Das Konzept der "Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit" ist also eng mit der Emanzipationsgeschichte der Neuzeit verknüpft. Sie sieht nämlich ihren Auftrag auch darin, durch Gerechtigkeit Gleichheit zu schaffen. Denn nicht zuletzt durch den Demokratisierungsanspruch hat der Staat die Aufgabe, allen Menschen auch den Anspruch auf Hilfe zu gewähren.

3.1. Der Begriff Lebenswelt/ Alltag

Um ihren Auftrag zu erfüllen, würden SozialarbeiterInnen, die nach dem Lebensweltkonzept arbeiten, anders als beispielsweise VertreterInnen von systemtheoretischen Ansätzen- welche die Beziehungen ihrer EdukandInnen im Auge hätten-, deren Alltag in den Blick nehmen, da es nämlich der Alltag ist, in dem erkannt wird, ob das Leben "gelingt" oder eben nicht, ob gerechte Verhältnisse erlebt werden oder nicht. Er ist das Charakteristikum der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit.

Da aber die Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Lebenswelt-/Alltagsbegriff eine Problemgeschichte ist, bei der es sich um entgegengesetzte Versuche handelt, die moderne Gesellschaft theoretisch zu erfassen, ist es für den weiteren Verlauf meiner Arbeit unabdingbar, einen historischen Abriss zur Entwicklung von dessen Begriffsverständnis zu geben. Und damit hoffentlich auch den Begriff der Lebenswelt, so wie er in meiner Arbeit Verwendung findet, greifbar zu machen.

Sinngemäß kann der Begriff der Lebenswelt/des Alltags auf eine lange Geschichte zurückblicken, denn er tauchte bereits im Kontext der Lebensphilosophie des 19. Jahrhunderts auf. Jedoch als Terminus hielt der Begriff erst zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts durch die "konservativ orientierte idealistische Kulturphilosophie" Einzug in die Wissenschaft. Er beschrieb damals die Gegenströmung zu den Modernisierungsprozessen der Gesellschaft, welche von den VertreterInnen der o.g. Orientierung als Bedrohung wahrgenommen wurden, da man von einem Verlust der Menschlichkeit und Sinnlichkeit ausging.

In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es aber der Philosoph Edmund Husserl, der durch seine als "Bewusstseinswissenschaft" bezeichnete Phänomenologie die Lebenswelt/ den Alltag als brauchbares theoretisches Konstrukt in die Wissenschaften einbrachte (vgl. Dietz, 1993, S19).

3.1.1. nach Husserl

Husserl verwendete den Begriff der Lebenswelt/ des Alltags zunächst nur vereinzelt und eher zufällig, bis er eben in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts in den Abhandlungen "Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie" versuchte, die damalige Sinnkrise der Wissenschaften dahingehend zu erklären, dass sie keinen Bezug zu der vorwissenschaftlichen Lebenswelt mehr haben. Der Alltag ist bei Husserl sozusagen das Gegenstück zur Wissenschaft, diese sind gegensätzlich geworden, weil Letzteres das Erstere nicht mehr erklären kann und somit im Verdacht steht, ihre Begründung verloren zu haben. So schreibt er: "Der Grund des Versagens einer rationalen Kultur liegt (...) nicht im Wesen des Rationalismus selbst, sondern allein in seiner Veräußerlichung, in seiner Versponnenheit in Naturalismus und Objektivismus (...) [Die Lebenswelt bezeichnet den Ort der] verborgenen Vernunft, die erst offenbar geworden sich selbst als Vernunft weiß" (Husserl, 1954, S53, zit. nach, ebd., S21).

In dieser Abhandlung stehen aber nun zwei Auslegungen der Lebenswelt im Mittelpunkt. Husserl spricht sowohl von der vorwissenschaftlichen, praktischen, alltäglichen Lebenswelt- die alles aktuelle Leben in sich fasst und somit die einzige wirklich- sprich objektiv erfahrbare Welt ist; er spricht aber auch von der Lebenswelt als ein Reich anonym gebliebener subjektiver Phänomene (vgl. ebd., S22).

Nach Husserls Annahme könnte also die Sinnkrise der Wissenschaften nur durch Rückbesinnung auf die Lebenswelt behoben werden.

Für den Begriff der Lebenswelt, so wie er in dieser Arbeit verwendet wird, sind nun folgende Schlussfolgerungen bedeutsam: Husserl beschrieb Lebenswelt als die Lebensumwelt bzw. den Alltag der Menschen, welche ganz individuelle Eindrücke hinterlassen. Der Alltag stellt die gelebte Wirklichkeit dar, in der Erfahrungen gemacht werden, die sich in das Bewusststein jedes einzelnen verankern. Um eben diese Wahrnehmung der Wirklichkeit benennen zu können, bediente sich Husserl der Phänomenologie.

Die Anhänger seiner Theorie hielten sich aber zur damaligen Zeit noch in Grenzen, erst später, in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts, war es vor allem Alfred Schütz, der sich in seinen Theorien wieder an der Lebenswelt und somit am Lebensweltbegriff, orientierte.

3.1.2. nach Schütz

Schützs- wie auch Husserls- Ziel war es, Kritik am Objektivismus und Positivismus zu üben und gegen eine zunehmende Orientierungslosigkeit der Gesellschaft vorzugehen. Erst unter diesen Motiven fand der Begriff "Lebenswelt/ Alltag"- 20 Jahre später- auch Einzug in die Sozial- und Erziehungswissenschaften.

Schütz verwendete den Begriff der Lebenswelt in dem einzigen zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Buch "Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt- Eine Einführung in die verstehende Soziologie". Da er Soziologe war, versuchte er, die vorgegebene Tatsachenwelt zu erfassen und zu beschreiben, dabei knüpfte er an Husserls transzendentale Phänomenologie an. Bei diesem Versuch diente der Lebensweltbegriff als Oberbegriff für einen Komplex von Fragestellungen.

Der entscheidende Unterschied zu Husserl ist also die Verortung des Begriffs in den Sozialwissenschaften, also diesen mit einer Handlungstheorie verbinden zu wollen (vgl. ebd., S27ff). Dabei blieb die Lebenswelt auch für Schütz die vorwissenschaftliche gemeinsame Erfahrungswelt. Auch sah er Lebenswelt in einem engeren Sinn als ausgezeichnete Wirklichkeit und in einem weiteren Sinn als Gesamtzusammenhang der Lebenssphäre. Dennoch werden "die Begriffe Lebenswelt, Alltagswelt, Wirkwelt und Sozialwelt bei Schütz synonym für diese "ausgezeichnete Wirklichkeit" eingesetzt" (ebd., S34).

Die Lebenswelt war also für Schütz, da sie Wahrnehmungs- und Wirkwelt zugleich ist, Grundlage und Ergebnis von Erlebnissen, Handlungen und Kommunikation. Denn "der Mensch macht dadurch, dass er im Handeln die Welt wahrnimmt, diese zu seiner Lebenswelt" (Kraus, 2000, S79). Daraus resultiert wiederum eine subjektive Wirklichkeit, wodurch menschliches Handeln einerseits in Abhängigkeit von externen (gesellschaftlichen) Vorgaben, anderseits von internen (sozialen) Bedingungen gerät.

3.1.3. nach Habermes

Obwohl Habermas nicht als unmittelbarer Anhänger der idealistischen Bewusstseinsphänomenologie gilt, lassen sich bei seiner Theorie des kommunikativen Handelns Tendenzen erkennen, die einige Parallelen zur Husserlschen Lebenswelttheorie aufweisen.

Habermas verwendet den Begriff der Lebenswelt als ein soziologisches Konstrukt zur Erklärung moderner Gesellschaftssysteme. Er versteht die Lebenswelt als Gegenstück zum geschlossenen System, sieht aber dennoch die Möglichkeit, System und Lebenswelt insofern miteinander zu verbinden, als seiner Annahme nach die Gesellschaft aus der Teilnehmerperspektive der handelnder Subjekte heraus als Lebenswelt einer sozialen Gruppe konzipiert wird.

Weiters müssen normative und kommunikative Prozesse in der Lebenswelt verankert werden, da ohne systematisierte Abläufe die moderne Gesellschaft nicht funktionieren würde. Dies macht aber einen gewissen Rationalisierungsgrad der Lebenswelt erforderlich (vgl. ebd., S70 ff).

Habermas gelingt es also, den Lebensweltbegriff zur gesellschaftstheoretischen Grundkategorie auszuformen, indem er ihn mit den Konzepten der kommunikativen Rationalität und des kommunikativen Handelns systematisch verbindet. Gleichzeitig hat hier der Integrationsbegriff Bedeutung, denn die Anpassung des Individuums an diese normativen Prozesse stellt nicht zuletzt auch eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft dar- und dies ist eben gleichbedeutend mit einer Integration der Lebenswelt (vgl. ebd., S79).

3.1.4 nach Thiersch

Thierschs Verwendung des Lebenswelt-/Alltagbegriffes hat seinen Nutzen in der Beschreibung des Spannungsfeldes von Praxis und Wissenschaft. Denn der Eigensinn von Praxis darf nach seiner Überzeugung weder dem von Wissenschaft vorgezogen noch durch Wissenschaft einfach entwertet werden (vgl. Grunwald, 1996, S9). Auch wenn Praxis nicht synonym mit Lebenswelt verstanden werden darf, findet der Begriff der Lebenswelt als Gegenstück zur Wissenschaft Verwendung.

Der Begriff Lebenswelt meint in Thierschs Konzept die gegebenen Sozialräume, die regionalen, lokalen und straßenbezogenen sozialen Netze sowie Zusammengehörigkeiten und Spannungen.

Lebenswelt meint zweitens aber auch die in diesen gegebenen Verhältnissen geltenden Verständnis- und Handlungsmuster, sozusagen die Selbstverständlichkeiten, die Interpretationen, die Traditionen, die Routinen und Typisierungen, in denen Verhältnisse gesehen und auch gelebt werden. Lebenswelt meint also auch die Strategien des Umgangs mit Problemen- die Techniken des Lebens und des Überlebens. Die Rede ist folglich von Bewältigungsmustern, denn Menschen haben sich in ihren vielfältigen, komplexen, oft unübersichtlichen und widersprüchlichen Alltagsaufgaben zu behaupten. Dieses Wissen der Lebensbewältigung gilt aber nicht, weil es nachvollziehbar, schlüssig oder logisch ist - wie etwa das wissenschaftliche Wissen-, sondern weil es sich eben bewährt hat - der Alltag ist also pragmatisch bestimmt. Und diese selbstverständlich geltenden, nicht hinterfragten Regeln des Umgangs und Handelns sind charakteristisch für das Profil von Lebenswelten (vgl. Thiersch, 1986, S25 ff).

Dadurch, dass Lebenswelten - wie eben skizziert worden ist - dermaßen individuell sind, müssen sie stets in ihrem Eigensinn nicht nur gesehen, sondern vor allem auch respektiert werden. Sie müssen immer auch in der Spannung von Gegebenem und Möglichem, Aktuellem und Potentiellem, Vorhandenem und Aufgegebenem gesehen werden. Gleichzeitig muss diese Eigensinnigkeit aber auch in ihrer historischen und sozialen Bedingtheit verstanden werden. Denn "die Alltäglichkeit ist [nicht nur] geprägt durch die Lebensgeschichte der Menschen, durch ihre Erfahrungen, ihre in ihnen gesicherten Kompetenzen, ihre Erwartungen, ihre Hoffnungen und Traumatisierungen.- Alltäglichkeit ist ebenso bestimmt durch die Vorgaben der gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen der Pluralisierung und Individualisierung und der ungleichen Verteilung von Lebensressourcen" (Thiersch, 1992, S47). Daraus resultieren folglich Felder von Konflikten, Felder, in denen man sich arrangieren muss.

Es ergibt sich also folgendes Begriffsverständnis von Lebenswelt/ Alltag: Auf der einen Seite ist sich der Alltag seiner Pragmatik sicher, auf der anderen Seite ergibt sich durch den Anspruch, selbst für sein Leben verantwortlich sein zu wollen, auch der Anspruch auf Stolz und auf einer dritten Seite ist der Alltag dadurch eben auch ein Konfliktfeld. Und in diesem Konfliktfeld hat die Sozialarbeit den Auftrag, ihrem Sinn von sozialer Gerechtigkeit zu folgen. Sie hat den Menschen zu helfen, sodass zumindest ein Stück ihrer unterdrückten Träume, Wünsche, Hoffnungen oder Leiden ernst genommen wird. Dieses Helfen aber muss auch im Alltag passieren (vgl. Thiersch, 2012).

3.2. Das Welt-/ Menschenbild der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

"Jede Wissenschaft vom Menschen, der menschlichen Gesellschaft wie auch der Beziehungen zwischen Menschen hat das Bestreben, den Menschen nicht in seiner Vielfalt, sondern unter einem bestimmten, jeweils scheinbar neuen Aspekt zu erfassen und damit erfassbar, aber auch beeinflussbar, steuerbar, manipulierbar, kurz pädagogisch zugänglich zu machen" (Münchmeier/ Ortmann, 1996, S52). Um dies aber zu erreichen, benötigt die Wissenschaft zu allererst ein möglichst allgemeines Bild von Mensch und Welt, um erstens menschliche Bedürfnisse überhaupt zu erkennen, um ihm dann zweitens helfen zu können. Da diese Reihenfolge unabdingbar für "wissenschaftliche Erkenntnis" ist, soll auch in meiner Arbeit kurz Platz gefunden werden, dass Welt-/Menschenbild der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit darzustellen.

Da der Mensch bei der Lebensweltorientierung immer in jenen Verhältnissen, die er selbst erfährt und die für ihn unmittelbar relevant sind, also in dem Raum, in dem er lebt, in der Zeit, in der er lebt, in den Beziehungen, in denen er lebt, gesehen wird, ist der Ausgangspunkt nicht das Subjekt, nicht der Einzelne, sondern das Soziale.

Da das Soziale aber historisch bedingt ist, nimmt sich die Lebensweltorientierung natürlich immer der gegenwärtigen Lebenswelt an und diese ist heute - so individuell diese auch für einzelne sein mag - von Desorientierung und Ratlosigkeit gekennzeichnet. Alltag wird heute durch Medien ebenso wie durch neue Formen von Technologien bestimmt. Auch werden die verlässlichen und deshalb zu Routine gewordenen Traditionen brüchig. Die gegenwärtige Situation im Konsum- und Arbeitsbereich verlangt Fähigkeiten zur flexiblen Offenheit. Es findet also eine Sprengung der geprägten Lebensverhältnisse statt. Das Ergebnis solcher Entwicklungen ist nicht nur der Verlust von Rollenmustern, sondern auch der von Lebensstrukturen (vgl. Thiersch, 1992, S44).

Lebensverhältnisse sind also, wie man erkennen kann, immer zugleich objektiv und subjektiv bestimmt. Denn der Mensch wird zwar in vorgefertigte Lebenswelten hineingeboren, diese partikularisieren sich aber durch die Pluralisierung der Gesellschaft in mehrere kleine Welten, in denen die Menschen zum Teil unterschiedliche Rollen ausleben und somit verschiedenen, häufig sogar widersprüchlichen Beziehungen ausgesetzt sind. Man spricht diesbezüglich auch von "Patchwork-Identitäten" (vgl. ebd., S47ff).

Durch diese Desorientierung und Ratlosigkeit wird also die Lebensbewältigung zunehmend komplizierter, wodurch viele Menschen in ihrem Alltag nicht mehr zu Rande kommen. Das Lebensmedium dieser Menschen ist Pragmatik und ihr Interesse ist Selbstachtung - dies gilt es zu respektieren, da auch hier der Mensch das Subjekt seiner Selbst ist.

Somit ergibt sich folgendes Bild: Der sinnhafte Zugang zur Welt, den Thiersch wohl als gelingerenden Alltag bezeichnen würde, ist durch die Sozialität des Menschen, die historisch bedingt ist, und dessen pragmatischem Interesse bestimmt.

3.3. Aufgabe/ Ziele der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ist also ein kritisches Konzept, das sowohl Indiz der oben skizzierten "Krise" ist, als auch "Ausdruck des Anspruchs, in dieser Krise angemessen agieren zu können" (Thiersch, 2012).

Einfach ausgedrückt, ist es die Aufgabe der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit, Menschen, die nicht mehr in ihrem Alltag zu Rande kommen, zu einem gelingenden Alltag zu verhelfen. Um diesen schwierig gewordenen Alltag flüssig und folglich "besser" zu machen, nutzt sie ihre institutionellen und professionellen Ressourcen[5] (vgl. ebd.). D.h. also der Alltag muss erstens begleitet, zweitens muss auch in den gegebenen Lebensmöglichkeiten agiert werden; manchmal wird die unzugängliche Lebensmöglichkeit durch neue pädagogische inszenierte Orte ergänzt und schließlich werden durch eine inszenierte belastbare Infrastruktur die gegebenen Lebensverhältnisse strukturiert (vgl. Thiersch, 1998, S85).

Um das Ziel des gelingenden Alltags aber erreichen zu können, müssen folgende Fragen im Vordergrund stehen: Wie kommen die Menschen in dem Feld, in dem sie Leben, in dem sie ihren Alltag organisieren und gestalten, in dem sie die anfallenden Alltagsgeschäfte aufgreifen und darin zugleich auch ihre Beziehungen klären müssen, zu Rande? Anders formuliert ist es die Frage nach dem Zurechtkommen in den alltäglichen Verhältnissen, im Alltag (vgl. Thiesch 2012).

Nun stecken im Alltag, dadurch dass er in der Gesellschaft verankert ist, auch gesellschaftliche Strukturen. Wenn man nun den Alltag, wie bereits dargestellt, zusätzlich als Konfliktfeld begreift, wird ersichtlich, dass es sich bei den Schwierigkeiten auch um gesellschaftlich erzeugte Konflikte handelt. Denn Fragen wie "Wie gehe ich mit Arbeitslosigkeit um, wie mit einem patriarchalen Ehemann?", werden immer in Abhängigkeit von der Gesellschaft beantwortet. Und dies ergibt eine eigentümliche Spannung, denn die eigenen Probleme stehen zwar vor einem gesellschaftlichen Hintergrund, umgegangen werden muss damit aber erst in der unmittelbaren, individuellen Situation. Dass dieses Umgehen nicht zuletzt durch diese Spannung kein leichtes Unterfangen ist, liegt auf der Hand und macht letztlich auch das Helfen bzw. Unterstützen legitim (vgl. Thiersch, 1992, S23 ff).

Es wäre aber nun zu einfach zu sagen, das Ziel der Lebensweltorientierung ist es, KlientInnen und ihren Alltag in Einklang zu bringen, denn die Beziehung Mensch-Lebenswelt ist keineswegs eine lineare Einwegerfahrung, sie steht vielmehr in einer ummittelbaren Wechselbeziehung zueinander. Einerseits beeinflusst der Mensch als kulturschaffendes individuelles Wesen seine Umwelt, anderseits aber wirkt die Umwelt, durch die Sozialisation, auf den Menschen ein. Die lebensweltorientierte Herangehensweise zur Erreichung ihrer Ziele macht sich diese Wechselwirkung zu Nutzen.

3.4. Voraussetzungen für das Gelingen des Konzeptes

Da sich der empirische Teil meiner Arbeit auf die praktische Umsetzung des Konzeptes bezieht, werde ich nun jene Vorraussetzung, die bei der direkten Arbeit Verwendung finden, darstellen.

Die unabdingbare Voraussetzung liegt nun - wie könnte es auch anders sein - in der Eigenart des Alltags selbst. Da der Alltag "nicht nur ein Ensemble von Bedürfnissen, Routinen, Gewohnheiten, Zwängen und Geboten, sondern auch ein Ensemble von Nischen, Ereignissen, Begegnungen, Widersprüchen und Irritierungen [ist, sondern auch] ein Ensemble, durch das sich Brüche und Risse hindurchziehen und in dem sich Abgründe auftun, das Kräfte, Gegenkräfte, Widerstände, Hilfen und Träume bereithält", bietet er zugleich auch die Möglichkeit, über seine Grenzen hinauszugehen, ihn zu verändern, gar ihn zu verbessern (Schulze, 1996, S75).

Die Lebensweltorientierung ist aber für die Sozialarbeit nicht nur deshalb, weil sie praxisnah ist, ein spannendes Konzept, sondern weil sie erstens zusätzlich zur Methode auch eine institutionelle Ordnung vorsieht und weil sie zweitens im Gegensatz zu beispielsweise systemtheoretischen Ansätzen nicht nur fragt, wie man arbeiten soll, sondern auch wie sich die Institutionen insgesamt sozialpolitisch - um angemessen agieren zu können - zu verhalten haben. Deshalb hat die Lebensweltorientierung als zweite Voraussetzung so etwas wie einen Kanon von Strukturmaximen aufgestellt, folglich soll die Arbeit präventiv, regional und natürlich auch alltagsnah orientiert sein und sie soll integrativ und partizipativ ausgeübt werden. Und das bedeutet eben auch, dass sich die Institutionen in die politischen Strukturverhältnissen einmischen selbst aber auch vernetzt sein müssen. (Thiersch, 1986).

  1. Die Maxime der Prävention und Nachhaltigkeit zielt auf die Etablierung bzw. Stabilisierung belastbarer und unterstützender Infrastrukturen. Diese sollen helfen, dann in Schwierigkeiten zu agieren, wenn noch Möglichkeiten offen sind. Es geht hier also um eine unbedingte Achtsamkeit im Sinne der Chance von Hilfen. Das gleiche gilt für die Nachhaltigkeit von Maßnahmen.

  2. Die Maxime der Regionalisierung und Vernetzung betont die auch in der Alltagsnähe intendierte Präsenz von Hilfen vor Ort, damit diese an die konkreten lokalen und regionalen Strukturen angepasst werden können.

  3. Die Maxime der Alltagsnähe meint die Präsenz von Hilfen in der Lebenswelt der AdressatInnen. Man kann hier auch von der Erreichbarkeit und Niederschwelligkeit von Angeboten sprechen.

  4. Die Maxime der Integration zielt auf die Nichtausgrenzung der Betroffenen, also auf die Gleichheit in den Grundansprüchen und Anerkennung im Recht auf Verschiedenheit bei Berücksichtigung der Besonderheiten jeweiliger Individuallagen.

  5. Die Maxime der Partizipation realisiert sich in vielfältigen Formen der Beteiligung und Mitbestimmung. Da pädagogisches Handeln immer helfend, unterstützend und belehrend, also immer auch asymmetrisch ist, muss also die Einhaltung dieser Maxime trotzdem gewährt sein. Lebensweltorientiertes pädagogisches Handeln berücksichtigt vor allem die Bewältigungsleistungen und -möglichkeiten im jeweils konkreten Alltag der Menschen. Es geht hier aber wiederum um die Hilfe zur Selbsthilfe

(vgl. Maas, 2011).

Das vornehmliche Ziel der Lebensweltorientierung ist, wie bereits geklärt, KlientInnen zu einem gelingenden Alltag zu verhelfen. Das, was aber als gelingend gelten kann, darf nicht einfach vorgegeben werden, sondern muss zwischen SozialarbeiterInnen und EdukandInnen ausgehandelt werden. Und dies bedeutet ein Hin und Her in Abwägung und Auseinandersetzung, Nachgeben und Kampf. Anders formuliert geht es um eine gemeinsame Arbeit, die aber auf Seiten der SozialarbeiterInnen gewisse Fähigkeiten abverlangt- diese können als weitere Voraussetzung gesehen werden.

  1. Fähigkeit, präsent zu sein: Präsenz ist die erste und wichtigste Vorrausetzung für eine gelingende Soziale Arbeit. SozialarbeiterInnen müssen jemand zum Anfassen sein. Präsenzzeiten haben einen klar definierten Anfang und ein klar definiertes Ende, sind also eingebettet in einen Rahmen, in dem SozialarbeitInnen sich selbst und ihr Gegenüber ernst nehmen, wahrnehmen, in dem klargelegt ist, wann er/sie kommt und wann er/sie geht. Diese Klarheit mag KlientInnen zunächst irritieren, vermutlich auch Mangelgefühle hervorrufen, aber mit dieser kann besser als mit Unklarheiten umgegangen werden.

  2. Fähigkeit, Verständnis für die jeweilige Problemlagen zu entwickeln: Es geht in der Sozialen Arbeit darum, Begegnungsräume zu kreieren und eine klare Aufgabenstellung zu definieren. In den Begegnungsräumen kann mit den KlientInnen Skepsis erlebt werden. Den SozialarbeiterInnen muss bewusst sein, dass es für Menschen nicht immer leicht ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil ihnen dadurch die eigene Hilfsbedürftigkeit bewusst gemacht wird, woraus sich oft ein verletzter Stolz ergibt.

  3. Fähigkeit, Vertrauen zu bilden und zu gewinnen: Die Fähigkeit, Beziehungen herzustellen - was natürlich am besten über den Weg des Vertrauens/ der Verlässlichkeit geschieht - ist eng mit der Frage nach Nähe und Distanz verbunden. Was gebe ich von mir preis, wo bleibe ich abstinent; wo bin ich professionell, wo privat? Die Frage nach Nähe und Distanz muss auch im institutionellen Kontext beantwortet werden - denn es macht einen Unterschied, ob man in einer Institution oder in einem Kurzzeitpflegeplatz für Kinder arbeitet.

  4. Die Fähigkeit, Abständigkeit im Denken und Handeln zu erreichen: Diese Fähigkeit ist ein zentraler Punkt in der Sozialen Arbeit. Dabei geht es um die Vermittlung von Konfliktfähigkeiten ebenso wie um ein Bewusstsein für zu enge Beziehungsmuster. Da Soziale Arbeit keine caritative Arbeit ist, sind hier auch Bedürfnisse der MitarbeitInnen angesprochen. Denn SozialarbeiterInnen müssen die in der Arbeit auftretenden Probleme in der Arbeit lassen, müssen Verantwortung abgeben. Die Gefahr des Ausgebrannt-Seins besteht zwar in der Sozialen Arbeit sehr stark, doch können Supervisionen u.Ä. dabei helfen, solche Fähigkeiten zu entwickeln.

  5. Fähigkeit, Phantasien zu entwickeln: Dies ist nicht nur zum Erhalt einer lebendigen, offenen Institution, sondern vor allem im Hinblick darauf, in der jeweils gegebenen schwierigen sozialen Integration der TeilnehmerInnen Alternativen und freie Optionen zu entwickeln, von großer Bedeutsamkeit. Soziale Arbeit ist aber keine aktionistische, sondern eine reflektierte Arbeit. Sie bedeutet immer auch, etwas zu riskieren. Mit Federns Worten: "Ohne riskieren geht gar nichts in der Sozialen Arbeit."

  6. Fähigkeit, an der Strukturbildung zu arbeiten: Es geht in der Sozialen Arbeit ganz wesentlich auch darum, Struktur und damit Berechenbarkeit zu konstruieren bzw. an der Struktur zu arbeiten, indem eine vorhandene Struktur aufgenommen und verändert wird. Der Alltag muss für KlientInnen verlässlich und berechenbar sein, nicht willkürlich. SozialarbeiterInnen sind AnalytikerInnen des Alltags, sie müssen eine Struktur für das herstellen, was im Alltag vermisst wird. KlientInnen leiden oft unter einer fehlenden Ich-Struktur und damit einer inneren Ordnung. Eine äußere Strukturbildung, eine Ritualisierung des Alltags führt zu innerer Struktur.

  7. Die Fähigkeit, zu managen und zu organisieren: Dabei geht es nicht darum, die Verantwortung für KlientInnen zu übernehmen, sondern SozialarbeiterInnen stehen in der Verantwortung für die Verantwortung der KlientInnen. Soziale Arbeit ist kein symmetrisches Verhältnis, sondern es wird Menschen aufgrund eines Auftrages begegnet - SozialarbeiterInnen haben dadurch eine Machtposition, sie sollten im Denken gleichsam immer ein paar Schritte voraus sein, dies schafft Sicherheit und Klarheit. Es geht aber immer um die Aktivität der KlientInnen, nicht um die der SozialarbeiterInnen, denn diese sind keine Animateure (ebd.).

3.5. Kritik

In dieser Arbeit soll das Lebensweltkonzept in seiner Gesamtheit vorgestellt werden, da m.E. nur in dieser Gesamtheit ein wirkliches Verständnis entstehen kann. Um diesen Gedanken Folge zu leisten, müssen eben auch beide Seiten betrachtet werden.

Auf der einen Seite gehört das Konzept seit über 40 Jahren zum festen Bestandteil der theoretischen wie auch praktischen Diskurse der Sozialen Arbeit - auf dieser Seite genießt es Beifall und Ansehen, auf der anderen Seite aber geriet es vor allem durch den vermeintlich beliebigen Gebrauch des Lebenswelt-/ Alltagsbegriff zunehmend auch in Kritik - hier befindet sich der Vorwurf seiner Semantik.

Zunächst sollte Folgendes festgehalten werden: Begriffe sind durch Definitionen bestimmt, diese sind wichtig, weil sie auf Theorien verweisen. Wird aber nun nur mehr mit Ähnlichkeiten des Begriffs gearbeitet, wodurch sie dann weiträumig einsetzbar werden, geht ihnen sozusagen ihre Definition abhanden, folglich werden die Begriffe auch theorielos. Diesem Prozess sind oft Begriffe ausgesetzt, die innerhalb ihrer Theorie als gesellschaftlich sinnvoll, als gut brauchbar erscheinen, die sozusagen eine "sozialpolitische Karriere" machen.

Da nun jedermann von diesem Begriff gebrauch machen will, muss er weiträumig Verwendung finden, dadurch besteht die Gefahr, dass er nicht mehr als solcher funktioniert - der Begriff wird zur Metapher. Solche Entwicklungen sind deswegen problematisch, da das Risiko besteht, den zur Metapher gewordenen Begriff weiterhin normativ in pädagogische Prozesse einsetzen zu wollen - denn so entstehen Ideologien.

Verhält es sich nun auch so mit dem Lebensweltbegriff? Der Gefahr der Semantik ist der Lebenswelt-/Alltagbegriff allemal ausgesetzt, hat er doch wirklich diese "sozialpolitische Karriere" gemacht. Entscheidend ist nun aber, ob sich analog mit dieser Entwicklung auch das Arbeiten lediglich mit Begriffsähnlichkeiten ergeben hat.

Lt. Theodor Schulz ist dies zumindest im Kontext der Umgangssprache der Fall. Denn dort scheint der Alltagsbegriff "subjektnah und ist doch subjektfern. Es gibt keine Verbform zum Substantiv, die eine Tätigkeit ausdrückt, und keine Substantivierung, die das menschliche Subjekt einer Tätigkeit benennt... Natürlich gestaltet jeder Mensch seinen Alltag. Aber tut er es wirklich, oder sind es die Umstände, die ihn zwingen, und die Verhältnisse, die sich ihm aufdrängen? Der Alltagsbegriff scheint konkret und unmittelbar verständlich. Aber gerade gegenüber seiner Selbstverständlichkeit gilt es auf der Hut zu sein. Sie verdeckt, dass es andere und vielleicht bessere Möglichkeiten zu leben gibt. Der Alltagsbegriff tendiert zur Reduktion. Er lenkt den Blick auf das Zum-Überleben-Notwendige, auf die zuverlässige Grundlage für weiterreichende Aktivitäten, Wünsche und Unternehmungen, und das heißt: auf elementare Bedürfnisse, Routinen, Gewohnheiten, Grundsätze und Konventionen, aber damit auch auf Begrenzung und Beschränkung, die in der einen oder anderen Hinsicht notwendig überschritten werden müssen. Damit wird >Alltag< zum Gegenbegriff, der von vornherein eine kritische Betrachtungsweise erfordert. Er wird dialektisch aufgeladen und zwielichtig" (Schulze, 1996, S72).

Schulz hat aber dabei vergessen, dass sich die Dialektik des Alltags nicht aus der Entwicklung des begriffsähnlichen Arbeitens heraus ergeben hat, sondern dass eine Unvermeidlichkeit der Dialektik des Alltags insofern besteht, als der Alltag einen theoretischen Ort, eine Schnittstelle - an der sich unterschiedliche Theoriestränge und Diskussionslinien kreuzen - beschreibt. Dies hat auch Thiersch erkannt und auch immer wieder betont.

Dies scheint auch Schulz dann bewusst geworden zu sein, denn später heißt es dann: "Offenbar bedarf es zur Beschreibung und Deutung so komplexer Zusammenhänge, wie es die Lebensgeschichte und Lernbedingen von Menschen sind, eines umfassenderen Begriffs, der durch adjektivische und genitivische Zusätze nach Bedarf differenziert werden kann" (ebd., S76).

M.E. ist gerade aber auch die Unschärfe und Offenheit der zentralen Begriffe Lebenswelt und Alltag ein Vorteil des Konzepts. Denn manche Wissenschaften, aber vor allem praktische Tätigkeiten brauchen nicht nur scharfe, klar abgrenzbare Begriffe, sondern eben auch offene, unscharfe, auslegungsbedürftige. Gerade Theorien, die sich auf gesellschaftliche Phänomene beziehen, müssen dadurch, dass heute nicht mehr alles durch bloße Routine, durch festgelegte Normen und Selbstverständlichkeiten gekennzeichnet ist, mit solchen offenen Begriffen arbeiten. Dazu gehört eben der Lebenswelt/Alltagbegriff, wie auch der Bildungs-, Kultur-, Identitätsbegriff u.v.m.

Ich denke nicht, dass bereits von Semantik des Lebenswelts- / Alltagsbegriffes gesprochen werden kann, natürlich ist die Gefahr danach stets vorhanden, muss also ständig kritisch mitgedacht werden. Dieser Aufgabe ist sich die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit aber ohnehin bewusst, denn so heißt es auf Seite 36 in der Aufsatzsammlung von 1992 ausdrücklich: "Lebensweltorientierte Jugendhilfe kann nicht praktiziert werden, wenn sie nicht getragen und vorangetrieben wird von einer Professionalität, die Kompetenz in Bezug auf Lebensweltorientierung mit kritischer Reflexivität verbindet."



[4] Hans Thiersch spricht nicht nur von Lebensweltorientierung, sondern häufig und in älterer Zeit noch häufiger von Alltagsorientierung. In der Einleitung des Buches von 1992 heißt es dann: "Im folgenden werden Lebensweltorientierung und Alltagsorientierung- einem weithin üblichen Sprachgebrauch folgend- synonym gebraucht..." (Thiersch, 1992, S6).

[5] Dies ist aber nicht unproblematisch, denn Institutionen wie auch Professionen neigen dazu an sich selbst zu denken, an ihre Regelungen festzuhalten, ihre eigene Methoden und Zugänge heranzuziehen. Deshalb hat die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit nicht nur eine bestimmte Methode, sondern auch eine institutionale Ordnung vorgesehen (vgl. Thiersch, 1992, S6).

4. Methoden der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit bei "Menschen mit Lernschwierigkeiten" am Beispiel des "Aufbauwerks der Jugend"

4.1. Das Aufbauwerk der Jugend

Ausgangspunkt für die Untersuchung ist das "Aufbauwerk der Jugend", das ein gemeinnütziger Verein für soziale Jugendarbeit in Tirol ist. Die Kernkompetenz des Vereins liegt in der Berufsvorbereitung für "Menschen mit besonderem Förderbedarf" mit dem Ziel der sozialen und beruflichen Integration.

Das "Aufbauwerk der Jugend" entstand bereits 1953, damals aber noch als Beschäftigungsprogramm für arbeitslose Jugendliche. Mit den Jahren kamen immer mehr Teileinrichtungen dazu und es kristallisierte sich allmählich der heutige Blickwinkel auf die Integrationsarbeit von "Jugendliche mit besonderem Förderbedarf" heraus.

Da die Einrichtung aus fünf Teileinrichtungen in unterschiedlichen Standtorten in ganz Tirol besteht, werde ich mich bei meiner kleinen Forschung jener Teileinrichtung widmen, die den Namen Lachhof trägt und in der ich selbst seit Februar 2011 als Trainerin beschäftigt bin[6]. Am Trainingsangebot der Teileinrichtung Lachhof nahmen zur Zeit der Untersuchung 16 TeilnehmerInnen mit unterschiedlichsten Lebensläufen teil, so waren es AbsolventInnen von Sonderschulen und Integrationsklassen, "Jugendliche mit Lernschwierigkeiten/ Teilleistungsschwächen" und "Jugendliche mit sozialen/ emotionalen Handikaps".

Um das Ziel der beruflichen und sozialen Integration erreichen zu können, bietet der Lachhof in den verschiedenen Trainingsbereichen - lt. pädagogischer Konzeption - eine breit gefächerte Grundqualifizierung, eine Festigung und Erweiterung sozialer Kompetenzen und eine größtmögliche Selbstständigkeit in persönlichen und lebenspraktischen Belangen. Weiters werden Berufspraktika und Arbeitserprobungen angeboten, um erstens den TeilnehmerInnen die Möglichkeit zu geben, bereits während der Berufsvorbereitung Erfahrungen außerhalb des geschützten Rahmens zu machen, und um zweitens die Vorlieben in den realen Arbeitswelten der TeilnehmerInnen herauszufinden.

Da bei der Teileinrichtung Lachhof Schwerpunkte auf das lebenspraktische Training und auf den Trainingsbereich Wohnen und Freizeit gelegt werden, fahren die Jugendlichen am Wochenende und in der Ferienzeit nach Hause. Trotzdem handelt es sich nicht um ein Haus mit Heimcharakter, vielmehr kann die Arbeit mit jener in Internaten verglichen werden.

4.2. Lebensweltorientierte Behindertenarbeit

Bei der Recherche nach Lebensweltorientierung in der Behindertenarbeit wird man leider kaum fündig. Vielleicht steckt der Grund darin, dass das Konzept der Lebensweltorientierung - zumindest dem Ansatz nach - sowieso universal, also auf die unterschiedlichsten Praxisfelder beziehbar ist. So ist in vielen Konzepten zur beruflichen Integration von "Einbeziehung der Lebenswelt" bzw. "lebensweltorientierter Integrationsarbeit" zu lesen - so auch bei der von mir untersuchten Einrichtung "Aufbauwerk der Jugend".

Auch Hans Thiersch selbst schreibt nicht viel über Lebensweltorientierte Behindertenarbeit, in seiner Abhandlung von 1992 findet sich nur ein kurzes Kapitel über Lebensweltorientierte Behindertenarbeit, hier allerdings beschränkt auf die Arbeit im Heim. Da es sich bei meiner untersuchten Einrichtung aber nicht um eine solche "Endstation", sondern um eine Berufsvorbereitung, die in höchstens 5 Jahren zu absolvieren ist, handelt, muss zunächst das Verständnis der Lebenswelt speziell für das Handlungsspektrum der beruflichen Integration definiert werden, um diese dann anschließend in Methoden und Techniken einzuarbeiten. Dieser Überlegung ist auch das "Aufbauwerk der Jugend" gefolgt und entwickelte gemeinsam mit Hans Thiersch seine eigene pädagogische Konzeption.

In dieser Konzeption heißt es:

Obwohl auch hier die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ihren Ausgang in den gegebenen Lebensverhältnissen nimmt, ist es im Einzelfall dadurch, dass die TeilnehmerInnen oft aus zerrissenen bzw. fragmentierten Lebenswelten kommen, nicht mehr möglich, direkt vor Ort, "in der vertrauten Lebenswelt wirksam zu werden. Diesen jungen Menschen sollte zunächst einmal Raum, Zeit und Beziehung angeboten werden, in denen sich Lebenswelt im Sinne eines verfügbaren, selbstbestimmten und verlässlichen Alltags herstellen lässt" (Aufbauwerk der Jugend, pädagogische Konzeption, S10). Zunächst wird den Jugendlichen ihr Alltag also in strukturierten und überschaubaren Formen zurückgegeben, bevor zielführende Fördermöglichkeiten in Betracht gezogen werden. Den TeilnehmerInnen wird also jene Zeit eingeräumt, die sie für die Entwicklung eines selbstbestimmten Alltags, außerhalb ihres Problems, brauchen, bevor an der "Problemarbeit" angesetzt wird. Diese Zeit ist auch oft für eine mögliche Selbstwertgewinnung und den Erhalt sozialer Anerkennung wichtig.

Eine Lebensweltorientierte Soziale Arbeit, wie sie im Aufbauwerk der Jugend praktiziert wird "kann als Konstrukt begriffen werden, in welchem die besondere Bedeutung persönlich überschaubarer, verlässlicher Beziehungs- und Bindungsstrukturen zum Tragen kommt. Aus strukturierten Alltagszusammenhängen heraus sollen die jungen Menschen Bewältigungs- und Gestaltungskompetenzen entwickeln. Die Sozialpädagogik kann die jungen Menschen in diesem Zusammenhang begleiten und (unter)stützen, sie hat vor allem aber darauf zu achten, dass die Begegnung unter Bedingungen stattfinden können, in denen es eine gelungene Balance von Gemeinschaft und Individualität gibt" (ebd., S11).

Wie bereits dargestellt, ist es auch eine zusätzliche Aufgabe der Lebensweltorientierten Sozialer Arbeit, sich in die sozialpolitischen Strukturen einzumischen. Die Arbeit des "Aufbauwerks der Jugend" verfolgt dementsprechend auch gesellschaftspolitische Ziele:

  • Verbesserung der Beschäftigungssituation von "Menschen mit besonderem Förderbedarf" in Tirol

  • Bewusstseinsbildung für "Menschen mit besonderem Förderbedarf" in der Bevölkerung, Abbau von bestehenden Barrieren und Berührungsängsten

  • Bewusstseinsbildung für "Menschen mit besonderem Förderbedarf" bei politischen Verantwortlichen

  • Förderung der Zusammenarbeit der sozialen Dienstleistungsträger in Tirol

  • Aktive Mitgestaltung der Soziallandschaft in Tirol

(Aufbauwerk der Jugend, Leitbild, S4)

Um die pädagogische Konzeption umzusetzen, orientiert sich die Institution "Aufbauwerk der Jugend" an den im Punkt 3.4. dargestellten Strukturmaximen. Auch ergeben sich für die MitarbeiterInnen die bereits erwähnten Handlungskompetenzen.

Wie aber die Arbeit mit "Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten", die sich lebensweltlich orientiert, explizit in der Praxis aussieht, soll nun anhand der empirischen Untersuchung nachgezeichnet werden.



[6] Etwaige Vor- und Nachteile, die sich aus dieser Konstellation ergeben können, werden in den nachfolgenden Kapiteln noch diskutiert werden.

5. Empirische Untersuchung

5.1. Forschungsfrage

Wie bereits mehrfach erwähnt, möchte ich durch den empirischen Teil meiner Arbeit herausfinden, wie das Konzept der Lebensweltorientierung konkret im Bereich der "Behindertenarbeit" umgesetzt wird und welche realistischen "Erfolge" damit erzielt werden können. Um dies aber beschreiben zu können, ergeben sich verschiedene zu untersuchende Seiten:

Das "Wie gearbeitet wird" kann anhand von Befragungen der MitarbeiterInnen des "Aufbauwerks der Jugend" beantwortet werden. Hier ergeben sich Fragen nach

  • Der Ressourcennutzung: welche Ressourcen werden während der Arbeit von den Jugendlichen erstens genutzt und zweitens geweckt?

  • Der Berufstätigkeit: Wie wird gearbeitet, um bei den Jugendlichen eine positive Arbeitshaltung herauszubilden und welche Herausforderungen ergeben sich während diesen Prozessen?

  • Den Betriebspraktika: Wie wird nach geeigneten Betriebspraktika gesucht und welche Auswirkungen nehmen die MitarbeiterInnen nach einem solchen bei den Jugendlichen wahr?

Die Frage nach den realistischen Erfolgen soll durch die Auseinandersetzung eines Repräsentanten der Jugendlichen selbst und einer anschließenden Befragung von dessen Pflegemutter geklärt werden. Hier ergeben sich Fragen nach

  • Der Ressourcennutzung und den Betriebspraktika: Hier allerdings die Frage nach dem Eigenempfinden, also der Selbstwahrnehmung dieser Prozesse.

  • Der Selbstwahrnehmung/ Selbstsicherheit: Wie hat sich seit dem Angebot des "Aufbauwerks der Jugend" die Selbstwahrnehmung der TeilnehmerInnen verändert? Wie gehen die Jugendlichen nun mit Konflikten um?

Um mehrere Perspektiven einfangen zu können, werden diese Themen sowohl von dem Jugendlichen selbst als auch von dessen Pflegemutter reflektiert.

Bei der Befragung der Pflegemutter werden sich noch weitere Frage ergeben, nämlich jene nach

  • Dem Kontakt: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem "Aufbauwerk der Jugend"?

Da ein erheblicher Teil der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit auch der Reflexionsarbeit beigemessen wird, wird zusätzlich auch die Leitung des "Aufbauwerks der Jugend" zu folgenden Themen befragt.

  • Die methodische Absicherung

  • Die Zusammenarbeit mit der Familie

Es wird natürlich davon ausgegangen, dass sich die zu untersuchenden verschiedenen Seiten gegenseitig ergänzen, dadurch wird sich in der konkreten Auswertung und bei der Ergebnisdarstellung vermutlich ein Zusammenspiel der Antworten ergeben.

5.2. Begrifflichkeiten

Die für meine empirische Untersuchung wichtigen Begriffe wurden zwar bereits unter den Punkten 1.1. und 3.1. ausführlich dargelegt, um aber für den weiteren Verlauf dieser Arbeit eine Basis zu schaffen, sollen sie nun an dieser Stelle zusammengefasst und aufeinander abgestimmt werden.

In dieser Arbeit wird ein Begriff von Behinderung vertreten, der diese als ein Resultat sozialer und gesellschaftlicher Umstände sieht. Behinderung ist somit ein Konstrukt, das desto mehr zum Tragen kommt, je mehr diese Menschen mit Hindernissen in ihrem Alltag konfrontiert werden. Folglich sollte es möglich sein, durch Veränderungen des Alltags dieses Konstrukt zu reduzieren, um anschließend eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Da also Behinderung gesellschaftlich konstruiert wird und es sich bei der Lebenswelt auch um Bewältigungsstrategien handelt (vgl. Punkt 3.1.4.), sind es die Bewältigungsstrategien des sozialen Umfelds von "Menschen mit Lernschwierigkeiten", also Bewältigungsstrategien der Eltern, LehrerInnen, MitarbeiterInnen im Sozial- und Gesundheitssystem usw., die besonders ausschlaggebend für das Erleben des eigenen Alltags sind. Diese Bewältigungsstrategien bei der Konfrontation von Behinderung zeichnen sich lt. dem Arzt Milani-Combaretti in einem typischen Bild, das in drei Phasen gegliedert werden kann.

Im Skriptum von Prof. Schönwiese heißt es dazu zusammengefasst: In der ersten Phase, der "Position der Verleugnung", stehen die Betroffenen derart unter Schock, dass sie anfänglich die Realität nicht wahrhaben können. Diese wird von der zweiten Phase, der "schizo-paranoiden-Postion" abgelöst. Da nun die Vorstellung, durch therapeutische Maßnahmen das Kind heilen zu können, besonders an Bedeutung gewinnt, ist jetzt die Gefahr des sinnlosen Förderaktivismus besonders groß. Erst in der dritten Phase, durch das Entstehen eines Realitätsbewusstseins, ist Trauerverarbeitung lt. Milani-Combaretti möglich, "kann Verantwortung die Abwehr ersetzen und Integration als System sozialer Bindungen angestrebt werden" (Schönwiese, 2012, S74).

Diese Phasen der Abwehr müssen in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Bewertung von Normalität gesehen werden. Denn bereits bei der "Diagnose" erfahren die Eltern mit einem "Kind mit Lernschwierigkeiten" durch die ärztlichen Untersuchungen ihr Kind als Abweichung der Norm. Der an dieser wohlgemerkt statistischen Norm ausgerichtete Ansatz ist auch tief im Alltagsbewusstsein verankert. Dies ist insofern problematisch, als das Alltagsbewusstsein ein unhinterfragtes Wissen ist, folglich als selbstverständlich gilt. Früher oder später wird sich also auch das Kind als Abweichung von der Norm erfahren (vgl. ebd., S15 ff). Dass solche Erfahrungen im höchsten Maße Gift für die Entstehung eines positiven Selbstwertgefühls sind, muss hier wohl nicht ausführlich diskutiert werden.

Aus diesem Zusammenspiel ergibt sich für "Menschen mit Lernschwierigkeiten" jener Alltag, der in der pädagogischen Konzeption des "Aufbauwerks der Jugend" als zerrissen und fragmentiert beschrieben wird.

5.3. Methodisches Vorgehen

Bei meiner Literaturrecherche stieß ich zwar auf einige Studien, die sich mit der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit befassen, auch auf jene von Fritz Gerold, die sich mit der Lebensweltorientierung in der Berufsintegration von "Menschen mit Behinderung" auseinandersetzt. Da diese aber alle andere Schwerpunkte behandeln, fand ich für meine Untersuchung explizit noch kein Instrument, wodurch ich gezwungen war, ein eigenes Untersuchungsdesign zu entwickeln.

Mein methodisches Vorgehen beruht auf qualitativen Daten, die sowohl durch ein persönliches Interview als auch durch schriftliche Fragebögen erhoben wurden. Die beiden Instrumente werden im Folgenden von einander getrennt vorgestellt.

5.3.1. Das problemzentrierte Interview

Lebensweltorientierte Forschung braucht durch ihre spezifischen Fragen nach den subjektiven Bewältigungs- und Handlungsmustern jene methodischen Zugänge, die qualitative Verfahren - besonders aber jene, der Interviewmethodik - zur Verfügung stellen (vgl. Thiersch, 1998, S84). Dieser Überlegung folgend, wird für einen Teil der Erhebung die Methode des problemzentrierten Interviews herangezogen. Denn diese Art des Interviews lässt dem/ der InterviewpartnerIn die Möglichkeit, seine/ ihre eigene Perspektive dazustellen, denn auch bei dieser Form des Interviews gelten die InterviewpartnerInnen als ExpertInnen ihrer Lebenswelt.

Diese Gesprächsform eignet sich auch deshalb, weil sie die Befragten möglichst frei zu Wort kommen lässt, jedoch auf ein bestimmtes Phänomen abzielt, auf das der/ die InterviewerIn immer wieder zurückkommen und das er/ sie anhand eines Interviewleitfadens ansprechen kann (vgl. Mayring, 1999, S50). Um aber ein gelungenes Interview führen zu können, benötigt man ein theoretisches Vorwissen, einen Bezug zum Stand der Wissenschaft hinsichtlich des gewählten Phänomens, welches nicht zuletzt für das Formulieren der Fragen hilfreich ist (vgl. Eder, 2005, S120).

Die Fragen ergeben sich bei dieser Arbeit aus der Beschäftigung mit der einschlägigen Fachliteratur, die im ersten Teil zusammengefasst dargelegt wurde, und aus dem zentralen Forschungsinteresse (vgl. Punkt 5.1.).

Diese im Vorfeld überlegten Fragen wurden in einem Leitfaden zusammengefasst.

5.3.2. Der Interviewleitfaden

Nach Stigler soll der Leitfaden das Interview auf das zu untersuchende Phänomen fokussieren, soll also eine Orientierungshilfe bieten. Damit ist nämlich eine Kontrolle gegeben, inwieweit einzelne Elemente im Laufe des Gesprächs behandelt worden sind (vgl. Stigler/ Feldbinger, 2005, S129ff). Weiters wird durch die Heranziehung des Leitfadens bereits während der Datenerhebung eine Systematik vorgegeben, was eine Erleichterung der nachstehenden Interviewanalyse zur Folge hat.

Der Leitfaden muss hinsichtlich des Interviewpartners zusätzlich angepasst werden. Da es sich hier um einen weniger eloquenten Interviewpartner handelt, wurde der Leitfaden stärker strukturiert. Konkret wurden hier Fragen zur vergangenen aber auch zur gegenwärtigen Lebenssituation, zu subjektiven Belastungen und eventuellen Bewältigungsversuchen gestellt. Weiters wurde gezielt die Wahrnehmung der Trainingsinhalte am Lachhof befragt.

So ergaben sich drei Teile der Interviewfragen, nämlich jene der Sondierungsfragen, der Leitfadenfragen und der Ad-hoc-Fragen. Sondierungsfragen beschreibt Mayring als solche, die "ganz allgemein gehaltene Einstiegsfragen in eine Thematik [sind]" (Mayring, 1999, S52).

In dieser Arbeit wurde zur Sondierung die Frage nach der bisherigen Lebensgeschichte gewählt. Dieser Entschluss kann mit dem Argument des damit verbundenen erleichternden Gesprächseinstiegs bekräftigt werden.

Ad-hoc-Fragen wurden spontan gestellt, wenn sie für die Themenstellung oder Erhaltung des Gesprächfadens von Bedeutung waren.

Am Ende des Interviews wurde dem Interviewpartner die Möglichkeit eingeräumt, noch etwaige wichtige Themen anzusprechen.

5.3.3. Der Interviewpartner

Thomas K.[7] ist 19 Jahre alt und nimmt seit dem Jahr 2008 am Angebot des "Aufbauwerks der Jugend" teil, lebt seitdem unter der Woche in der Teileinrichtung Lachhof. Die Wochenenden verbringt er seit November letzten Jahres in einer vom SOS Kinderdorf zur Verfügung gestellten betreuten Wohngemeinschaft.

Seine "Lernschwierigkeit" ist optisch nicht erkennbar, ebenso ist er sprachlich recht geschickt, sodass anfänglich sein vermeintlicher Entwicklungsrückstand kaum wahrgenommen wird. Thomas K. hat mehrere Geschwister, er ist nicht bei seinen leiblichen Eltern, sondern mit einem Teil der Geschwister im SOS Kinderdorf aufgewachsen.

Erst während der Volkschulszeit kam der Verdacht einer "Lernschwierigkeit". Seine allgemeine Entwicklung ist insofern verzögert, als er Probleme mit logischen Zusammenhängen und der Aufmerksamkeitsleistung hat, was eine verlangsamte Arbeitsgeschwindigkeit mit sich bringt. Selbst ist ihm seine "Lernschwierigkeit" nicht so sehr bewusst, er nimmt sich eher als vergesslich und ein wenig chaotisch wahr.

Thomas Ks. Stärken liegen mehr im handwerklichen und elektronischen Bereich. So ist er es, der gerufen wird, wenn sich der Fernseher oder DVD-Player nicht einschalten lassen. In der Freizeit schraubt er auch gern an kaputtgegangenen CD-Playern herum. Er hört gerne, viel und laut Musik und weiß genau, was man mit einem USB- Stick alles machen kann. Thomas K. befindet sich im Jugendalter, dies ist auch an seinen Hobbys ersichtlich.

Wie bereits angeschnitten, lebt Thomas K. z.Z. am Wochenende in einer betreuten WG. Diese WG teilt er sich mit fünf Mädchen und vier Jungen, die alle etwas jünger sind. Diese Wohnform stellt allerdings eine Übergangsphase dar, denn im Juni 2012 ist ein Umzug nach Innsbruck, wiederum in eine betreute WG, geplant. Auf diesen Umzug freut er sich schon sehr, zugleich stellt dieses Umzugsdatum das Ende der Trainingsmaßnahme "Wohnen und Freizeit" am Lachhof dar.

Thomas K. steht eigentlich kurz vor der Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt. Während der Zeit am Lachhof absolvierte er in vier verschiedenen Unternehmen Praktika, in denen er Erfahrungen im gärtnerischen, gastgewerblichen bis hin zum einzelhändlerischen Bereich sammeln konnte. Dabei hat sich seine Vorliebe für den Verkauf erkennen lassen. Da sich aus den verschiedenen Praktika ausschließlich positive Feedbacks ergeben haben, machte Thomas K. vor einigen Wochen einen Eignungstest für die teilqualifizierte Lehre - das Ergebnis wird noch erwartet.

5.3.4. Die Beziehung zum Interviewpartner

Wie bereits erwähnt, kenne ich Thomas K. nicht nur, sondern arbeite auch mit ihm im Rahmen meiner Beschäftigung am Lachhof zusammen. Aus dieser Beziehung ergeben sich sowohl Vor- und Nachtteile für die Interviewsituation. Diese Beziehungsdynamik soll nun kurz diskutiert werden.

Das generelle Kennen der TeilnehmerInnen war schon bei der Auswahl des Interviewpartners von Vorteil. Nicht zuletzt während der Literaturrecherche wurde mir klar, dass ich für ein gelungenes Interview eine(n) InterviewpartnerIn finden müsste, der / die erstens prinzipiell einer solchen Aufgabe gewachsen ist, der/ die aber auch zweitens Spaß an dieser Sache haben wird. Um Thomas K. den Spaß an dem Interview durch mögliche Gefühle der Verpflichtung nicht im Vorhinein zu nehmen, wurde mit ihm bezüglich Termin Folgendes ausgemacht: Für die Durchführung des Interviews wird ein Zeitraum von zwei Wochen eingeräumt- dies entspricht 6 Dienste von mir- in dieser Zeit kann Thomas K. jederzeit, wenn ihm danach ist, die Durchführung des Interviews "verlangen". Dieses Arrangement konnte nur durch meiner beruflichen Beschäftigung in der untersuchten Einrichtung getroffen werden.

Auch für die Erstellung des Interviewleitfadens war das Kennen des Interviewpartners hilfreich. Denn ist es doch für das Gelingen einer Befragung unabdingbar, dass die Fragen an den Interviewpartner angepasst werden müssen. So konnte ich aus meinem bereits vorhandenem Wissen über Thomas K. beispielsweise die Entscheidung treffen, die Fragen schon vorab stärker zu strukturieren, um ihm eine angenehme Befragungsatmosphäre bieten zu können.

Dieses Einander-Kennen war auch zweifellos für den Einstieg in das Interview sehr von Vorteil. Allerdings impliziert diese Vertrautheit insofern ein Problem für die Auswertung des Interviews, als man in Gefahr ist, befangen zu sein. Um diese Problematik so gering wie möglich zu halten, wird erstens der gesamte Forschungsablauf transparent gehalten und zweitens versucht, sich vor allem bei der Auswertung in Abstinenz zu üben.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich in Bezug auf die notwendige Offenheit des Interviewpartners zum Interviewführer. Durch meine Zusammenarbeit mit Thomas K. und meine prinzipielle Beschäftigung im Lachhof könnte die Offenheit durch den Verdacht auf möglichen Konsequenzen hinsichtlich der Antworten eingeschränkt sein. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, wurde Thomas K. im Vorhinein in mehreren Gesprächen deutlich gemacht, dass das Erzählte ausschließlich für die Universität gebraucht wird, dass das restliche Team vom Lachhof nichts darüber erfahren wird und dass mögliche negative Haltungen gegenüber der Arbeit am Lachhof genauso von Bedeutung für das Gelingen der Untersuchung sind. Weiters wurde er über die Anonymisierung des Datenmaterials aufgeklärt.

5.3.5. Die Transkription

Die Aufzeichnung des Interviews erfolgte- im Einverständnis mit dem Interviewpartner- mittels eines Tonbandgerätes. Dieses Vorgehen erlaubte nämlich im Gegensatz zu beispielsweise Gesprächsprotokollen die authentische und präzise Erfassung des gesamten Kommunikationsverlaufes.

Wenn sprachliche Färbungen, wie Dialekt und Sprachfeinheiten, nicht von Interesse sind, sondern die inhaltlich-thematische Ebene im Vordergrund steht, "wird man zwar wörtlich zu transkribieren trachten, aber dies in Schriftsprache übersetzter und grammatikalisch entsprechender Form" (Hug/ Poscheschnik, 2010, S136). Da sich der Interviewpartner als Experte zu den Trainingsinhalten des Lachhofs äußerte, war in erster Linie Inhaltliches von Bedeutung, somit kam die Technik der Übertragung in normales Schriftdeutsch zur Anwendung.

Eine Zeichenerklärung zur dokumentierten Transkription wurde schriftlich festgehalten und befindet sich im Anhang dieser Arbeit.

5.3.6. Der Fragebogen

Um die Arbeit am Lachhof in mehreren Perspektiven einfangen zu können, werden - wie bereits erwähnt - zusätzlich zum persönlichen Interview des Teilnehmers erstens die MitarbeiterInnen wie auch die Leitung des Lachhofs und zweitens die Pflegemutter des interviewten Teilnehmers schriftlich anhand von Fragebögen interviewt. Da es sich bei diesen Fragen um ausschließlich offene Fragen handelt, sind die Fragebögen auch als Interviews zu sehen. Durch die Expertise der MitarbeiterInnen, der Leitung aber auch jene der Pflegemutter handelt es sich genauer formuliert um Experteninterviews, die- durch die hohe Zahl der Personen eben schriftlich eingeholt wurden (vgl. Hug/ Poscheschnik 2010, S104).

In den Fragen bzw. Antworten tauchten natürlich auch personenbezogene Namen auf, diese wurden im Nachhinein sowohl in den Fragen als auch in den Antworten anonymisiert bzw. durch ein Pseudonym ersetzt.

Da die drei befragten Gruppen jeweils einen anderen Zugang zum vorher interviewten Teilnehmer bzw. zur Arbeit am Lachhof haben, erhielten sie einen jeweils für ihre Gruppe zugeschnittenen Fragebogen.

5.3.7. Stichprobenkonstruktion

Der Mitarbeiterfragebogen wurde von 7 MitarbeiterInnen beantwortet, davon sind zwei männlich und fünf weiblich. Alle arbeiten schon mehrere Jahre in der Berufsvorbereitung Lachhof, so ist der/die "neueste" MitarbeiterIn bereits fünf Jahre Angestellte des "Aufbauwerks der Jugend". Alle haben einschlägige Ausbildungen in diesem Bereich, ein(e) MitarbeiterIn hat eine zusätzliche Ausbildung als FamilienbetreuerIn. Bei der Befragung ausgelassen wurde die/ der erst kürzlich eingetretene "SpringerIn". Diese Entscheidung ist deshalb gefallen, weil diese(r) MitarbeiterIn erstens nur alle zwei bis drei Wochen am Lachhof tätig ist, sodass die Beantwortungsfrist für sie/ ihn nur schwer zu bewerkstelligen gewesen wäre und er/ sie zweitens erst im Herbst mit einer entsprechenden Ausbildung starten wird.

Der Leitungsfragebogen wurde entsprechend von der Leitung ausgefüllt, auch diese Person kann auf eine lange Karriere am Lachhof, die nun 25 Jahre gedauert hat, zurückblicken und zeichnet sich nicht zuletzt dadurch durch ihre Expertise aus.

Der Elternfragebogen wurde von der Pflegemutter des interviewten Teilnehmers beantwortet. Da sie als Pflegemutter im SOS-Kinderdorf tätig ist, hat auch sie eine einschlägige pädagogische Ausbildung, somit konnte auch bei dieser Befragung von einer differenzierten Beantwortung ausgegangen werden.

Weiters vereinbarte ich mit den ExpertInnen die Art und Weise der Befragung, da sie auswählen konnten, ob sie die Bögen am Computer ausfüllen wollten oder per Hand.

Drei MitarbeiterInnen füllten die Fragen händisch aus und legten sie mir anonym in mein persönliches Fach. Die anderen vier wie auch die Leitung speicherten den Fragebogen in den dafür eingerichteten Ordner am Desktop unter einem Pseudonym ab. Der Fragebogen der Mutter wurde mit der Post verschickt und kam auch über diesen Weg zu mir nachhause. Den Hinweis, dass die Befragung in der Auswertung anonymisiert werden würde wie auch die Beantwortungsfrist von zwei Wochen wurde in den Einleitungen der Fragebögen vermerkt.

5.4. Die Auswertung

Bei der Auswertung wurde die Methode "qualitative Inhaltsanalyse" nach Mayring herangezogen, wobei mehrere Schritte zu beachten sind. Hier werden nun jene präziser besprochen, die von Bedeutung waren.

Sequenzierung: Ziel der Sequenzierung ist erstens die Materialfülle zu reduzieren und gleichzeitig eine Strukturierung des gesamten Textes in seiner sequentiellen Reihenfolge vorzunehmen. Die gefundenen Sequenzen wurden in tabellarischer Form aufbereitet, wobei folgende Prinzipien der Textaufbereitung zur Anwendung kamen:

  • Auslassung: Bedeutungsgleiche und irrelevante Texteinheiten innerhalb einer Interviewsequenz wurden ausgelassen

  • Zusammenfassung: Umfangreiche Erzählpassagen wurden in komprimierter Form wiedergegeben, wobei die bedeutungstragenden Aussagen erhalten bleiben sollten.

  • Selektion: Einzelne Textbestandteile wurden bei der Sequenzierung unverändert wiedergegeben, wenn sie wesentliche Sachverhalte in treffender Form repräsentieren

(vgl. Mayring 1996, S42 ff)

Dieser erste Schritt beinhaltete schon erste theoretische Aussagen.

Offenes Kodieren: Dabei wird der Text in einzelne Sinneinheiten zergliedert und mit Codes versehen. Dabei entstehen oft viele Codes, die dann in einem nächsten Auswertungsschritt in besonders wichtigen Kategorien gebündelt werden. (vgl. ebd.)

Bestimmung der Analysetechnik: In der Auswertung wurde ein interpretatives Verfahren gewählt, und zwar aufgrund Rosenthals Überlegung: "Interpretative Methoden ermöglichen es, auf diese Phänomene dann einen anderen Blick zu werfen und die Wirkungszusammenhänge und latenten Sinngehalte am konkreten Einzelfall zu rekonstruieren" (Rosenthal 2010, S18).

Mayring unterscheidet dabei drei grundlegende Typen des inhaltsanalytischen Vorgehens. Hier habe ich mich für jenes der Zusammenfassung entschieden, da die befragten Personen als ExpertInnen anzusehen sind und daher in erster Linie Inhaltliches von Bedeutung war (vgl. Lamnek 1989, S203).

Zusammenfassen: Um das Ziel, die Materialfülle so zu reduzieren, dass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben, zu erreichen, wurde durch Abstraktion ein überschaubarer Corpus geschaffen, der aber immer noch Abbild des Grundmaterials ist.

Diese Technik wird demnach verwendet, wenn man an Inhalten interessiert ist. Die Zusammenfassung wird durch Mayrings Anleitung so gestaltet, dass sie organisiert ist. Es ist also der Versuch, durch die Verregelung eine Objektivierung zu erlangen (ebd., S204).

Interpretation: Meint die Ergebnisse in Richtung der Hauptfragestellung zu interpretieren. Hier wurden nun die individuellen Darstellungen der Einzelfälle fallübergreifend generalisiert, um zu einer Gesamtdarstellung anhand der Kategorien zu gelangen (ebd., S210 ff).



[7] Der richtige Name wurde durch ein Pseudonym ersetzt.

6. Ergebnisse

6.1. Darstellung der Ergebnisse

Um die Ergebnisse im Hinblick auf die Forschungsfrage beantworten zu können, werden nun alle 5 Kategorien zunächst im Einzelnen dargelegt, anschließend wird noch eine kleine Zusammenfassung der theoretischen und praktischen Aspekte geboten werden.

6.1.1. Methodische Absicherung

Dadurch, dass in der "methodischen Absicherung" die Vorraussetzung der Frage nach dem "Wie gearbeitet wird" steckt, bekam dieser Faktor die Kategorie 1 in der Auswertung und soll nun auch jene Kategorie sein, die die Beantwortung eröffnet.

Annäherung an die Methode:

Das MitarbeiterInnenteam der Zweigstelle Lachhof ist ein multiprofessionelles, es besteht aus einer Lehrerin, einer Familienhelferin und Dipl. Sozialbetreuerin, einer Dipl. Sozialbetreuerin, einer Dipl. Pädagogin, einem Mag. der Erziehungswissenschaften, einer Dipl. Pädagogin für Sonderschule und einem Dipl. Behindertenpädagogen. Ausgenommen in der LehrerInnenausbildung und in dem Diplomgang des Behindertenpädagogen war die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit in allen Ausbildungen ein Thema. Dies ist insofern wichtig, als auch teilweise die MitarbeiterInnen an der pädagogischen Konzeption mitgearbeitet haben und dadurch sowohl ihre breit gefächerten Fachkenntnisse als auch ihre langjährigen Erfahrungen einbringen haben können. Für alle MitarbeiterInnen, aber vor allem für jene, die in ihren Ausbildungen nichts von der Lebensweltorientierung gehört haben, wurden Workshops über das Thema "Umsetzung der Konzeption" angeboten, wurden Fortbildungen und Teamsitzungen mit Prof. Maas[8] abgehalten und einmal jährlich müssen sich die MitarbeiterInnen in Gruppen zusammentun, um ein Thema der Konzeption ihren KollegInnen nochmals vorzustellen, dadurch wird immer wieder eine gemeinsame Reflexion angeregt und gemeinsam nach "blinden Flecken" gesucht.

Um sich anfänglich zu versichern, ob sich die pädagogische Konzeption unter den Rahmenbedingungen des Aufbauwerks der Jugend umsetzen lässt, wurde Prof. Thiersch persönlich eingeladen, um sich die Umsetzung vor Ort anzuschauen.

Die Startbedingungen der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit des Aufbauwerks wurden also so gestaltet, dass von Anfang an der Gefahr, die pädagogische Konzeption lediglich als ein theoretisches Konstrukt mit bloßem formalen Charakter zu konzipieren, entgegengewirkt werden konnte.

Grundsätze:

Bevor geprüft werden konnte, inwiefern die aus der pädagogischen Konzeption resultierenden Grundsätze gelebt werden, musste natürlich erst herausgefunden werden, welche von der Leitung und den MitarbeiterInnen überhaupt als solche erkannt werden.

Da es sich bei der sozialen Arbeit um eine Beziehungsarbeit handelt, ergeben sich mehre Grundsätze, die teilweise aus den Charakteren der MitarbeiterInnen resultieren. Dadurch entsteht zwar ein sehr breit gefächertes Bild der Grundsätze, die sich aber dennoch überschneiden. So wurden einzelne Grundsätze nur einmal genannt, andere wiederum vier- bis fünfmal.

Von der Leitung her ist es ein Grundsatz, dass das professionelle Team über die Vorbildwirkung, über Toleranz und empathisches Entgegentreten eine Beziehungsarbeit leisten soll. Dies kann aber nur gewährleistet werden, wenn jeder/jede TeilnehmerIn ernst genommen und auf Wünsche und Anliegen nach Möglichkeit sofort bzw. in einem überschaubaren Zeitraum reagiert wird, also verlässlich gearbeitet wird.

Die Beziehungsarbeit wird auch von den MitarbeiterInnen als Grundsatz klar erkannt und dessen Vermittlung ebenfalls in Wertschätzung, Respekt, Empathie und Verlässlichkeit gesehen - hier allerdings um den Begriff des Vertrauens erweitert.

Vier MitarbeiterInnen sehen ihre Aufgabe auch darin, sowohl die Gemeinschaft als auch den/ die Einzelne(n) zu sehen und zu fördern. Um diese Aufgabe greifbarer zu machen, wurde von einem/ einer MitarbeiterIn ein Teil der Hausordnung zitiert: "Die Gemeinschaft kann nur funktionieren, wenn jeder Einzelne respektvoll, tolerant, rücksichtsvoll und hilfsbereit ist und am Gemeinschaftsleben teilnimmt und mitbestimmt. Jeder hat Platz in der Gemeinschaft und nimmt individuell daran teil" (7. Fragebogen MitarbeiterIn 049-053).

Um Sicherheit und Vertrauen zu entwickeln, sollte dort angesetzt werden, wo der/ die TeilnehmerIn steht. Dieses Motto wurde von fünf der sieben befragten Mitarbeiter präzise formuliert. Auch der von der Leitung bereits angesprochene Aspekt "Wünsche und Ängste der TeilnehemerInnen ernst nehmen" wurde zumindest auch einmal von den MitarbeiterInnen genannt.

Weiters wurden Grundsätze wie die Ermöglichung von Mitbestimmung und Prozessbeteiligung, die Ermöglichung von positiven Erlebnissen, der Grundsatz des Begleitens, aber auch der unabdingbare Faktor der Selbstreflexion und -kritik seitens der MitarbeiterInnen genannt.

Rahmenbedingungen und Strukturen:

Um zu prüfen, wie sich die Umsetzung im Berufsalltag absichern lässt, werden nun die Rahmenbedingungen und Strukturen des Lachhofs vorgestellt. Hier muss zunächst zwischen der allgemeinen, der Tages- und der Abendstruktur unterschieden werden, da hier ganz unterschiedliche Trainingsinhalte vermittelt werden und sich daraus folglich andere Strukturen ergeben.

Die allgemeinen Rahmenbedingungen: Dadurch, dass für die Trainingsmaßnahme ganze fünf Jahre in Anspruch genommen werden können, wird kein zeitlicher Druck vermittelt. Die Orientierungsphase, also bevor die eigentliche Berufsvorbereitung beginnt, wird individuell gehalten, sodass jede(r) TeilnehmerIn die Möglichkeit hat, zunächst mal anzukommen, weiters wird diese Zeit auf Seiten der MitarbeiterInnen dafür genützt, um die Eignungen und Interessen der TeilnehmerInnen herauszufinden. Um Wünsche und Anliegen zu besprechen, werden Einzelgespräche in Form von Sprechstunden, aber auch Gruppengespräche in Form von Gesprächsrunden angeboten, so die Leitung.

Die allgemeine Struktur wird als ein alltagsnahes, überschaubares und gut strukturiertes Umfeld beschrieben. Auch Thomas K. hat keine Probleme bei dem Beschreiben eines herkömmlichen "Lachhoftages", die Beschreibung hat fast schon einen ritualisierten Charakter. Dennoch verneint er die Frage, ob es nicht langweilig wäre, einen so durchstrukturierten Tagesablauf zu haben und meint weiters " (..) Nein, es ist ja immer anders (,) obwohl es immer gleich ist. Ich find das gut, so weiß man, was man tun muss und was nicht" (Interview, 101-102). Man kann also davon ausgehen, dass diese gleich bleibende Struktur eher als haltgebend und hilfreich wahrgenommen wird. Auch die Befragung seiner Pflegemutter kann diese Annahme bekräftigen, denn auch sie empfindet diese klaren Linien, die vorgegebenen Strukturen für Thomas K. insofern hilfreich, als dass er in sich nicht so sehr strukturiert ist.

Die Tagesstruktur: Den Tag verbringen die TeilnehmerInnen in Kleingruppen (4-7 Personen) für jeweils einem Monat entweder im Reinigungs-, Küchen oder Kreativbereich. Nicht zuletzt durch die Arbeits- und Mahlzeitenstruktur wird der Gemeinschaftssinn bzw. der Teamgeist gestärkt, da beides in der Gruppe stattfindet. Um die Selbstständigkeit zu trainieren, werden zusätzlich auch Aktionen angeboten, die die Jugendlichen alleine in Angriff nehmen können. Auch die Tatsache, dass die Arbeitsgruppen vom Alter und Eintrittsdatum her gemischt sind, kann begründet werden, denn so ergibt sich durch den Austausch von Erfahrungen ein weiter Spielraum. Auch durch den Einsatz von Einzelunterricht ergibt sich die Möglichkeit, individuell nach den Bedürfnissen der TeilnehmerInnen zu arbeiten. Neben der Wichtigkeit von gut strukturierten Lebenswelten wird von Seiten der Mitarbeiter dennoch immer wieder auch die Rolle der Flexibilität angesprochen, um keine mögliche Überforderung bzw. Unterforderung herbeizuführen, sprich um individuell fördern zu können. Natürlich werden auch Verbesserungsmöglichkeiten erkannt, so könnten lt. einer/einem MitarbeiterIn die TeilnehmerInnen bei den Entscheidungsprozessen noch mehr miteinbezogen werden, um erstens den Selbstwert zu stärken und um zweitens die Möglichkeit zu bieten, aus Fehlern zu lernen. Ein(e) zweite(r) MitarbeiterIn sieht den selbstbestimmten Alltag durch die Tagesstruktur sehr in Grenzen gehalten. Durch die Abendstruktur wird dem aber entgegengetreten, denn dies ist jener Trainingsbereich, in dem vor allem die Selbstbestimmung gefördert wird.

Die Abendstruktur: Durch die Struktur im Freizeitbereich haben die TeilnehmerInnen auch zeitliche und räumliche Bewegungsmöglichkeiten wie beispielsweise Sport, Einkauf, Ausgang. Diese Bewegungsmöglichkeiten werden auch von Thomas K. angesprochen: "Zum Beispiel fahren wir manchmal ins Jugendzentrum in Hall und da kann man dann zum Beispiel Tischfussball spielen, Getränke kaufen (,) oder wir gehen was trinken oder Kino... Wir waren auch schon mal Kegeln, eigentlich Bowlen. Das hat mir persönlich am besten gefallen. Ist viel Abwechslung dabei... In der Freizeit darf ich dann schon auch Sachen alleine machen, da haben wir zum Beispiel das freie Ausgehen" (Interview, 112-113; 115-116; 124-125). Hier geht es also auch darum, entweder in der Gemeinschaft oder aber auch alleine Kraft tanken zu können.

Für Wünsche und Anliegen, die nicht direkt ausgesprochen werden wollen bzw. nicht gleich artikuliert werden können, gibt es die Kummerbox. Thomas K. äußert sich diesbezüglich: "Oder jemand schreibt was in die Kummerbox, weil da kann man dann auch seine Probleme rein schreiben. Also wenn man jetzt Probleme hat und man will die aber nicht direkt raussagen. Dann wird gemeinsam mit allen das Problem besprochen, ohne dass jemand weiß, wer das Problem hat und man kann schauen, wie man es dann besser machen kann" (Interview, 184-188).

Vor allem in der Abendstruktur spiegelt sich nochmals der unabdingbare Faktor der Flexibilität, und zwar insofern, als dass hier darauf geachtet wurde, dass genug Handlungsspielraum beibehalten werden kann. Ein(e) TrainerIn der Freizeitgestaltung äußert sich zur Abendstruktur folgendermaßen: "Oft kommen unsere TN/Innen z.B. aus einem behüteten Elternhaus, wo ihnen bis Dato nicht viel zugetraut wurde. Andere trugen für sie die Entscheidungen. Wir versuchen ihnen einen Freiraum zu schaffen, in dem sie sich freier entfalten können, wo ihre Wünsche und Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Oft haben sie erst bei uns das erste Mal in ihrem Leben die Möglichkeit, für sich selbst zu entscheiden, was sie wollen. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, ihre individuellen Wünsche zu leben. Dies beinhaltet z.B. das Recht auf Geheimnisse, Beziehungen, freies Ausgehen ohne Aufsichtsperson, Freizeitgestaltung, wo sie selbst entscheiden, was unternommen wird. Wir unterstützen sie dabei, ihre Wünsche umzusetzen. Um die Gemeinschaft zu fördern, ist es auch wichtig, eine Struktur zu haben" (7. Fragebogen MitarbeiterIn 036-045).

Die Rahmenbedingungen/ Strukturen des Lachhofs ermöglichen mehr oder weniger die Einhaltung aller Grundsätze. Vor allem der Grundsatz der individuellen Förderung, welche auch Grundsätze des Ernstnehmens, des "sich auf jeden/ jede einzelne(n) TeilnehmerIn einlassen", des "die Jugendlichen so annehmen wie sie sind", aber auch das Motto des "dort anfangen, wo der/ die TeilnehmerIn steht" beinhaltet, wird dadurch erst möglich. Auch das Artikulieren von Wünschen und Anliegen und das Stärken des Gemeinschaftssinnes finden in mehreren Strukturen Platz.

Jedoch die Prozessbeteiligung ist jener Grundsatz, der zwar angeführt wurde, dennoch bei der "Untersuchung" der Struktur nicht herauszulesen war. Die Prozessbeteilung war auch jener Grundsatz, dessen Erreichung von einer/ einem MitarbeiterIn bemängelt wurde.

Kompetenzprofil der MitarbeiterInnen:

Wie unter Punkt 3.4. ausführlich dargelegt, müssen für eine gelingende Lebensweltorientierte Soziale Arbeit die MitarbeiterInnen bestimmte Fähigkeiten mitbringen. Dieses Kompetenzprofil wurde ebenfalls unter der Kategorie "methodische Absicherung" untersucht. Die MitarbeiterInnen wurden aufgefordert, jene Fähigkeiten zu nennen, die sie bei der konkreten Arbeit benötigen, wobei die Fähigkeiten zwar im Fragebogen vorab angeführt, ihre Beschreibung jedoch unterlassen wurde.

Dabei wurde ersichtlich, dass unter den einzelnen Fähigkeiten nur vereinzelt das verstanden wurde, was auch Thiersch damit meint. Die Fähigkeiten wurden sehr individuell interpretiert, sodass es schwierig war, Parallelen zu Thierschs Überlegungen zu finden. Hier soll nun die Handhabung von drei der insgesamt sieben Fähigkeiten dargelegt werden.

Bei der Fähigkeit, Vertrauen zu bilden und zu gewinnen, geht es vor allem darum, die Beziehungsarbeit über den Weg der Vertrauensstiftung/ Verlässlichkeit aufzubauen, aber nicht um den Preis des eigenen Schutzraumes. Interessant ist diese Fähigkeit deshalb, weil sie schon bei den Grundsätzen genannt wurde. Hier wurde nun aber ersichtlich, dass obwohl die Fähigkeit der Vertrauensbildung zwar von fünf MitarbeiterInnen präzise ausformuliert wurde, Prallelen zu Thiersch Überlegungen sich jedoch nur bei dem Faktor der Vertrauensstiftung erkennen lassen. Der Faktor Nähe vs. Distanz ist von keinem/ keiner MitarbeiterIn bei dieser Fähigkeit genannt worden.

Die Fähigkeit, Abständigkeiten im Denken und Handeln zu erreichen, spricht das Vermitteln eines angemessenen Konfliktverhaltens an. Dabei geht es auch um ein Bewusstsein für zu enge Beziehungsmuster und ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse. Diese Fähigkeit wurde zwar von drei MitarbeiterInnen explizit genannt, jedoch griffen nur zwei davon - beide Dipl. Sozialbetreuerinnen - die zentralen Punkte dieser Fähigkeit auch auf.

Unter der Fähigkeit an der Strukturbildung zu arbeiten, wird folgender Prozess verstanden: Durch das Konstruieren sicherer äußerer Orte und Strukturen, durch konstruktive Routinen und Rituale im Alltag werden bei den KlientInnen dauerhafte stabilere innere wie äußere Haltungen entwickelt. Obwohl diese Fähigkeit lt. pädagogischer Konzeption die Kernkompetenz der MitarbeiterInnen ist, wurde sie nur von zwei MitarbeiterInnen ausformuliert. Diese zwei aber wussten genau, was darunter zu verstehen ist.

Trotz oder vielleicht wegen dieses individuellen Verständnisses des Kompetenzprofils wurde dessen grundsätzliche Wichtigkeit und Umsetzbarkeit immer wieder auch angesprochen. Für die MitarbeiterInnen dient die pädagogische Konzeption (in der das Kompetenzprofil enthalten ist) entweder als Hilfestellung oder wird als die Voraussetzung, um einen Rahmen geben zu können, gesehen. Jene MitarbeiterInnen, die schon vor der Verschriftlichung der Konzeption nach dieser gearbeitet haben, sehen diese eher als Verknüpfungsarbeit mit wissenschaftlichen Ansätzen.

Strukturmaxime:

Da das Konzept der Lebensweltorientierung neben ihren Methoden auch eine institutionelle Ordnung vorsieht, ergibt sich - wie unter Punkt 3.4. besprochen - so etwas wie ein Kanon von Strukturmaximen. Um zu überprüfen, inwiefern diese weitere Voraussetzung in der untersuchten Einrichtung Verwendung findet, wurde die Leitung gebeten, jene Strukturmaximen zu beschreiben, die verwirklicht werden. Auch hier wurden die Maxime von Seiten der "Forscherin" zwar angeführt, ihre Beschreibung jedoch unterlassen.

Wie schon bei der Analyse der Rahmenbedingungen des Lachhofs ersichtlich wurde, können die Strukturmaximen nach Thiersch hier verwirklicht werden, dies konnte durch die Reflexion der Leitung nochmals bestätigt werden. Durch das Interview mit Thomas K. konnte jedoch noch eine weitere Strukturmaxime entdeckt werden, welche zwar nicht in der pädagogischen Konzeption des Aufbauwerks, dennoch in der einschlägigen Literatur zu finden ist. Die Rede ist von der Strukturmaxime der Sprengung.

Dieses Strukturmerkmal bedeutet, dass es sich bei der Einrichtung nicht um eine totalitäre handeln darf, wenn sich diese als ein Übergang von der Neben- zur Hauptrealität (=Alltag) begreift. Denn Lebensweltorientierte Soziale Arbeit kann nur in Einrichtungen stattfinden, die lebensnah konstruiert sind, indem eben reale Lebensräume geschaffen werden. Folglich müssen auch Arrangements wie beispielsweise die Möglichkeit eines Schulbesuchs oder die Möglichkeit, in einer Wohnung außerhalb der Einrichtung wohnen zu können, durchführbar sein. Letzteres Beispiel wird gegenwärtig vom Lachhof bewerkstelligt[9]. Thomas K. äußert sich diesbezüglich: "... aber ab ersten Juni bin ich eh nur mehr untertags da, am Abend bin ich dann in der WG in Innsbruck... Kontakt [zum Bruder] jetzt werd ich bald haben (...) zu meinem Bruder Michael. Weil ich wohne ja bald in der Wohnung (Pause) in so einer betreuten WG und mein Bruder wohnt dann nur noch zehn Minuten entfernt (..) auf das freue ich mich sehr" (Interview, 045-046; 050-052).

ICF:

Leider konnte die These, "da lebensweltorientierte Integrationsarbeit eine Lebenswelt voraussetzt, die sich durch Partizipation an der Gesellschaft und der damit verbundenen sozialen Position auszeichnet, kann das Begriffsverständnis von Behinderung der ICF gut in der lebensweltorientierten Arbeit umgesetzt werden", nicht geprüft werden, da beim Zeitpunkt der Erhebung noch nicht mit diesem Klassifikationsmodell gearbeitet wurde. Dennoch erkennt auch die Leitung dessen Möglichkeit, denn bei der Befragung hieß es: "Nein [die ICF findet noch keine Verwendung], wir sind erst am Beginn, sollte eingeführt werden. Zwei Einrichtungen machen Pilotversuch" (Fragebogen Leitung, 055-056).

6.1.2. Konkrete Tätigkeit:

Nachdem die Vorraussetzungen für das "Wie gearbeitet werden kann" erarbeitet wurden, war es für die Beantwortung der Forschungsfrage auch interessant, wie der formale Rahmen im Einzelfall genutzt wird. Dazu wurde die 2. Kategorie "konkrete Tätigkeit" in die Auswertung genommen. Hierbei wurden die MitarbeiterInnen zur Zusammenarbeit mit Thomas K. befragt, wobei sich natürlich auch einzelnen Sequenzen des Interviews mit Thomas K. und der Befragung von dessen Pflegemutter als hilfreich erwiesen.

Ressourcennutzung:

Aus dem Grundsatz "dort ansetzen, wo der/ die TeilnehmerIn steht", ergibt sich auch der Leitsatz, ressourcenorientiert zu arbeiten. Da aber Fähigkeiten immer kontextabhängig sind, müsste sich also ein sehr weit gefächertes Bild von Thomas K. in den einzelnen Trainingsbereichen ergeben haben. Dies konnte durch die Befragung der MitarbeiterInnen bestätigt werden. Thomas Ks. Fähigkeiten waren ganz unterschiedlich verteilt. So wurde er von einer TrainerIn anfänglich als einer der Schwächsten in ihrem/seinem Bereich wahrgenommen, in anderen Trainingsbereichen konnte aber an seinem guten Gemeinschaftssinn, seiner bereits vorhandenen Selbstständigkeit oder auch an seinem guten Sprachausdruck angesetzt werden.

Von den TeilnehmerInnen selbst wird jedoch die Ressourcenarbeit nicht so wirklich wahrgenommen, Thomas K. spricht diese Methodik nur einmal ganz kurz, während der Beschreibung der Berufspraktika, an: "(Hustet) Ja so am Anfang schaut der Alex mal, welche Fähigkeiten du so hast, also ob du zum Beispiel flink bist oder ob du gut nähen kannst und welche Interessen du so hast (Pause)" (Interview, 254-255). Dieser Umstand ist aber vermutlich der zeitlichen Verortung der Ressourcenarbeit zu entnehmen. Diese befindet sich nämlich vornehmlich in der anfänglichen Orientierungszeit.

Herausforderungen:

Aus Thomas Ks. unterschiedlichen Startpositionen ergaben sich natürlich auch unterschiedliche Herausforderungen bei der Zusammenarbeit.

Thomas K. hatte beispielsweise Probleme, sich auf einzelne Arbeitsabläufe zu konzentrieren, um dies auszugleichen, wurden mit ihm immer wieder gleiche Abläufe wiederholt und trainiert. Auch sein langsames Arbeitstempo konnte beispielsweise durch Wettarbeiten gesteigert werden. Sein pubertierendes Verhalten führte zu Rückschritten, hierbei wurde durch Vorbildwirkung, Gespräche und empathisches Eingehen versucht, Spaß an der Arbeit zu vermitteln.

Betriebspraktika:

Nachdem durch die Trainings in den Arbeitsbereichen eine konstante, möglichkeitsorientierte Sicherheit gegeben ist, werden den Jugendlichen Betriebspraktika vermittelt. Um die berufliche Integration zu ermöglichen, haben diese zwar das vornehmliche Ziel, eine Festanstellung zu ergattern, dennoch kommt hierbei auch den Erfahrungen von Misserfolgen eine besondere Bedeutung zu. Thomas K. konnte lt. seiner Pflegemutter durch die Absagen auch wieder auf den Boden der Realität zurückgebracht werden und es begann ein Prozess der Reflexion. Weiters erlernte er nach Angaben einer/ eines MitarbeiterIn/s einen produktiven Umgang mit Frustration. Durch das positive Feedback, welches er auch trotz Absagen bekam, konnte sein Selbstwertgefühl gesteigert werden.

6.1.3. Subjektive Trainingswahrnehmungen

Um auch Thomas Ks. Perspektiven einzufangen, wurden in Kategorie 3, also "Subjektive Trainingswahrnehmungen", Fragen nach dem Eigenempfinden und der Selbstwahrnehmung während der o.a. Prozesse gestellt.

Aufschlussreich für diese Analyse war unter anderem der Vergleich von vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungen/ Erlebnissen.

Objektivierungserfahrungen:

Da Thomas K. in seiner Vergangenheit sehr wohl Objektivierungserfahrungen machen musste, also weiß, wie sich eine solche Erfahrung äußert, ist er fähig, eine solche auch zu erkennen. Er sieht einen klaren Unterschied zu den Trainingsprozessen des Lachhofs und den Tests bei etwaigen Untersuchungen: "Ja, da war ich ja bei so einen Mann, der hat mich beim Computer getestet. So für die Aufmerksamkeit, Schnelligkeit, Logik, also so a Art Logikknacker waren des. Da hat er mich halt getestet und nacha hab ich no so einen Antrag, so einen Reha-Antrag machen müssen (..) und dann bin ich am Lachhof kommen. [Wirst du am Lachhof auch untersucht (..) oder getestet?] Untersucht werd ich nicht am Lachhof. Gestestet aber schon (..) irgendwie halt, aber anders. Nicht so am Computer und so schnell, schnell (..) an einem Tag (Pause)" (Interview, 033-039). Daher können gegenwärtige Objektivierungserfahrungen ausgeschlossen werden.

Lebensnähe:

Weiters wird das Training als sehr lebensnah wahrgenommen. Er erwähnt immer wieder die Sinnhaftigkeit bestimmter Regeln und kann auch deren Zusammenhänge zum realen Leben erkennen. Dies wird in folgenden Sequenzen ersichtlich: "Also ich sehe da schon auch einen Sinn dahinter. Weil wie gesagt, wenn ich jetzt bald eine Wohnung hab, dass ich jetzt putzmäßig auch besser bin, also sauberer meine Wohnung halten kann. Und das mit dem Kassabuch eben, dass man lernt, dass man weiß, wie man mit Geld umgeht. Solche Sachen brauch ich ja dann auch, wenn ich nicht mehr am Lachhof bin" (Interview, 119-122).

Hilfs-Ich:

Auch die TrainierInnen werden so erlebt, wie es die pädagogische Konzeption vorsieht, nämlich als erklärend, greifbar und als halt- bzw. strukturgebend. Dies wird in jenen Sequenzen ersichtlich, bei denen es um die Problemhandhabungen der TrainerInnen geht: "Wenn ich was brauche, kann ich hinkommen... Für die Betreuer ist da kein Problem zu klein (Lacht)" (Interview, 163-164; 169).

Konfliktsituationen:

Während Konfliktsituationen können Fähigkeiten wie Selbstverantwortung und -management sehr gut trainiert werden. Thomas K. beschreibt analog zu dieser These, wie TrainerInnen in Konfliktsituationen zuerst nur wahrnehmen, verstehen und erst dann - im Ernstfall - handeln: "... zuerst schauen sie [BetreuerInnen], dass wir das selber lösen können. Aber wenn es jetzt ganz arg wird, dass es zu harten Konflikten kommt (..) dann mischen sie sich ein" (Interview, 180-181). In einer anderen Sequenz wird auch die Fähigkeit der BetreuerInnen zu managen und zu organisieren deutlich - die eben nicht auf Kosten der Aktivität der TeilnehmerInnen verwirklicht werden darf: "... Oder jemand schreibt was in die Kummerbox, weil da kann man dann auch seine Probleme rein schreiben. Also wenn man jetzt Probleme hat und man will die aber nicht direkt raussagen. Dann wird gemeinsam mit allen das Problem besprochen, ohne dass jemand weiß, wer das Problem hat und man kann schauen, wie man es dann besser machen kann" (Interview, 184-188).

Trainingsinhalte:

Interessant bei Thomas Ks. Beschreibung der relevanten Trainingsinhalte ist die Tatsache, dass von ihm gerade jene Trainingsinhalte genannt werden, mit denen er anfänglich lt. MitarbeiterInnen Probleme hatte. Man erkennt auch das ritualisierte Arbeiten als Methodik. Weiters kann das Fördern der Selbstständigkeit und das Einhalten der Mitbestimmungsmöglichkeiten herausgelesen werden.

Lebensqualität:

Durch die generell positive Trainingsmaßnahmenwahrnehmung ist es auch nicht verwunderlich, dass Thomas K. zusätzlich zentrale Indikatoren der Lebensqualität äußerte. So hat er beispielsweise konkrete Wünsche und Ziele. Ihm wurde durch die Berufsvorbereitung eine realistische Berufschance ermöglicht, die mit dem sozialen Status zusammenhängt - dies erkennt Thomas K. auch selbst: "[Ja arbeitsmäßig hab ich grad a so an Plan. Also da hab ich schon mal angefangen, also beim Interspar. Da hab ich so an Test gemacht (..) so für die Teilqualifikationslehre. Für den Test hab ich vorher auch volle geübt. Jetzt muss ich aber noch drei, zwei Wochen warten bis der Test raus kommt und dann weiß ich, ob ich irgendwo in Innsbruck vermittelt werde, beim Spar (..) Und des war dann schon mein Zukunftsplan, für die Arbeit. Und andere Pläne für die Zukunft (mhm) die ich no hätte, ist (&) eine Freundin nacha noch zu finden (Pause). Aber die kommt, nach der Arbeit wahrscheinlich sowieso (Grinst)" (Interview, 057-063).

Weiters pflegt Thomas K. Freundschaften sowohl am Lachhof als auch am Wochenende. Er nennt keine Ängste und macht regelmäßig Selbstbehauptungserfahrungen: "Also das sehe ich schon für sinnvoll [Hausübungen]. Weil zum Beispiel dann kann ich auch was machen auf eigene Faust, so etwas rechnen oder lesen und das kann ich dann zeigen, was ich alleine geschafft habe" (Interview, 249-251).

Durch diese kleine Analyse kann davon ausgegangen werden, dass das Training auch als Steigerung der Lebensqualität wahrgenommen wird, sprich zu einem gelingenderen Alltag führt.

6.1.4. Erfolg

Da sich das Forschungsinteresse auch auf die realistischen Erfolge der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit richtet, wurde unter Kategorie 4 "Erfolg" versucht, jene Punkte einzufangen, die nach Meinung aller Befragten zu einer Verbesserung von Thomas Ks. Alltag führten.

Vergangene Lebenssituation:

Auch hier wurde ein Vergleich mit Thomas Ks. Vergangenheit unternommen. Thomas K. erlebte in seiner Kindheit Abstoßungs-, Misserfolgs- und wie bereits erwähnt auch Objektivierungserfahrungen. In der Schule erlebte er wenig bis kein Zutrauen: "Weil in der Schule hat das so schwer geklappt (..) jetzt mach ich aber einer Teilqualifikationslehre, also wenn das mit dem Test passt (&) und das hätte ich in der Schule nicht machen können, weil sie es mir dort nicht zugetraut hätten, deswegen bin i hier am Lachhof" (Interview, 077-080). Erst als Thomas K. anfängt, über die Zeit des Lachhofseintrittes zu erzählen, wird eine Selbstbestimmungserfahrung beschrieben.

Reflexionsvermögen:

Thomas K. selbst wurde während des Interviews nicht präzise nach Entwicklungen gefragt, dennoch kam es immer wieder zu Äußerungen, in denen diese klar zu erkennen sind. So ist er nun in der Lage, sein Verhalten und die daraus teils positiv teils negativ resultierenden Konsequenzen in einen Zusammenhang zu bringen und auch zu benennen. Er weiß um seine Stärken und mittlerweile auch um seine Schwächen Bescheid. Thomas K. erkennt die Sinnhaftigkeit bestimmter Regeln und Aufgaben. Auch ist ihm der Beitrag von seiner Pflegemutter und dem Lachhof bezüglich seiner Entwicklung mittlerweile bewusst: "[Übergangslösung?] Mhm (Pause) Weil ich mich selber nicht mehr unter Kontrolle kabt hab. Hab öfters zu viel Stress kabt, wegen einem Kollegen. Der hat mich halt immer angerufen und ich bin dann halt immer dran gegangen und bin mit ihm irgendwo hin gegangen (..) hab halt auch zu viel getrunken, bin zu spät heim kommen.. und die Mama hat sich das dann nicht mehr leisten können, wegen den Letzen (k) den kleinen Geschwistern (..) und deswegen bin ich dann in die WG kommen (Pause)" (Interview, 070-075).

"Ich glaube eher, dass der Lachhof was damit zu tun hat. Weil ich eben öfters darüber geredet hab, mit den Betreuern und der Chefin. (..) auch mit der Mama. Mit der Chefin halt darüber, wie ich mir meine Zukunft vorstelle, wie ich mal Leben will und (&) dadurch hat es sich dann verändert" (Interview, 338-340).

Konfliktverhalten:

Besonders große Schritte machte Thomas K. in seinem Konfliktverhalten, diese Verbesserung nahmen sowohl er selbst, seine Pflegemutter als auch die MitarbeiterInnen des Lachhofs wahr. Er selbst beschreibt die Verbesserung insofern, als er nun "einsichtiger" ist. Lt. seiner Pflegemutter kann sich Thomas K. nun auch wehren, er befindet sich nun nicht mehr so häufig in der Opferrolle. Weiters hat er gelernt, vermutlich durch das Zusammenleben und -arbeiten in der Gemeinschaft, so seine Pflegemutter, sich zu behaupten. Auch konnte das Ziel der gewaltfreien Kommunikation erreicht werden. Thomas K. ist nun auch bei seiner Pflegemutter gesprächsbereit und an einvernehmlichen Lösungen interessiert.

Selbstständigkeit:

Zum Thema der Selbstständigkeit äußerte sich seine Pflegemutter, diese meint: "Thomas hat lebenspraktisch viel dazugelernt, ebenso ist er (mit Einschränkungen zwar) am Arbeitsmarkt vermittelbar. Betreuung wird er noch weiterhin brauchen, dennoch gelang mit dem Training der Berufsvorbereitung ein großer Schritt in Richtung Selbstständigkeit" (Fragebogen Pflegemutter, 031-035).

Generelle Entwicklung:

Auch das während seiner Pubertätsphase - in der er sich noch befindet - aufgetretene Problem des "Spaß-an-erste-Stelle-Setzen" konnte wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, indem er selbst die Balance zwischen Freizeit und Arbeit für sich finden konnte:

"... dass man zuerst gewisse Sachen erledigen muss bevor, also, dass man zuerst eben Hausübung macht, dass man im Beruf gut zurecht kommt und erst nacha das Vergnügen und das aber auch nicht so arg. Also nicht so wie früher, jeden Tag was trinken gehen (Pause)" (Interview, 332-335).

Seine Pflegemutter formuliert Thomas Ks. generelle Entwicklung folgendermaßen: "Thomas hat Stück für Stück gelernt, seine Beeinträchtigung zu akzeptieren und sich trotzdem gut zu fühlen. Generell lebt Thomas sehr im Moment, neigt auch zur Selbstüberschätzung und weiß heute vielleicht eher, was für ihn möglich ist oder nicht" (Fragebogen Pflegemutter 054-057).

Auch die TrainerInnen nehmen eine Reihe von Entwicklungen wahr. So wurden Durchhaltevermögen, Konzentration, mehrere Arbeitsschritte merken, Selbstständigkeit, das Umsetzen von Ideen (zumindest mit Hilfe) genannt. Nicht zuletzt durch das Erlernen der konkreten Fertigkeiten für seinen Berufswunsch hat sich Thomas K. lt. der Befragung der MitarbeiterInnen eine gute Arbeitshaltung erarbeiten können. Auch von Seiten der MitarbeiterInnen lässt sich bei Thomas K. eine Entwicklung im Sozial- und Konfliktverhalten erkennen: "Thomas hat sich im Laufe der Zeit von einem "kindlichen Burschen" zu einem jungen Erwachsenen entwickelt. Sein Berufsziel im Einzelhandel hat er, obwohl er noch keine Zusage bekommen hat, nicht aufgegeben. Er ist motiviert sein Leben selbstständig zu führen, wobei er einsichtig ist, dass er in bestimmten Bereichen sehr wohl eine Unerstützung benötigt" (5. Fragebogen, Mitarbeiter 084-088) .

6.1.5. Elternarbeit

Da Thiersch in seiner Abhandlung von 1992 im Kapitel "Lebensweltorientierte Behindertenarbeit" die Schwierigkeit der zusätzlichen Familienarbeit beschreibt, wurde unter Kategorie 5 "Elterliche Zusammenarbeit" diese Thematik behandelt.

In diesem Kapitel heißt es: "Vom Heim[10] aus erscheint die Familie als schwierig, vielleicht als Konsequenz ihrer inneren Spannungen nur als unkenntlich und verklemmt, vielleicht aber auch als in ihrer intimen Enge allzu festgelegt, zu Überversorgung, zum Festhalten, zum Klammern tendierend" (Thiersch 1992, S98). Dass die Vermittlung eines solchen Familienbildes nur kontraproduktiv für die Zusammenarbeit ist, ist evident. Daher wurde die Leitung hinsichtlich Gegenmaßnahmen befragt. Der Schlüssel für das Entgegenwirken eines solchen Bildes ist lt. Leitung, die Arbeit von Anfang an auf der Basis des Vertrauens aufzubauen: "Viel läuft über Vertrauen, wenn die Eltern Vertrauen gefasst haben, kann offen darüber gesprochen werden. Eltern ernst nehmen ist ein wichtiger Teil der Elternarbeit, d. h. ihre Ängste verstehen, viel Aufklärungsarbeit leisten. Den Eltern das Gefühl vermitteln, dass die Einrichtung nicht in Konkurrenz mit den Eltern steht, sondern einen anderen Auftrag zu erfüllen hat. In manchen Situationen ist eine Supervision hilfreich bzw. ein Tipp für die Familie, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen bezüglich dieser Thematik. Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Vertrauen, Akzeptanz, Toleranz und Einfühlungsvermögen, immer im Vordergrund die individuelle, ressourcenorientierte Weiterentwicklung ihres Kindes" (Fragebogen Leitung, 094-105). "Für die Eltern ist es auch eine Vertrauenssache ihr Kind uns anzuvertrauen, da gibt es anfänglich Zweifel, durch die Forschritte, die sie bei ihrem Kind feststellen, machen auch die Eltern einen Entwicklungsprozess durch. Der schnell gehen kann, der aber auch bis zum Austritt ihres Kindes immer wieder ins "Stocken" geraten kann" (Fragebogen Leitung, 115-120).

Im Falle von Thomas K. konnte wohl wirklich dieser Gefahr entgegengewirkt werden, die Pflegemutter beschreibt die Zusammenarbeit als perfekt aufgrund der Klarheit, der fachlichen Kompetenz, des Engagements, der Flexibilität und des Verständnisses. Wie auch die Leitung beschrieb, haben Eltern, nachdem Vertrauen aufgebaut worden ist, auch jenes Vertrauen, dass die Einrichtung zum Wohle der TeilnehmerInnen agiert und die Trainingsmaßnahme als Zusammenarbeit aller Beteiligten zu verstehen ist. Auch die Pflegemutter nahm die Abdeckung des Strukturmerkmales der Vernetzung wahr: "Durch den regen Austausch und der guten Zusammenarbeit mit der Leitung des Lachhofs erlebte Thomas ein gemeinsames "um ihn Sorge tragen", was sicher hilfreich war unsere Beziehung wieder ins Lot zu bringen" (Fragebogen Pflegemutter, 073-076).

6.2. Resümee

Obwohl bereits bei der detaillierten Darstellung immer wieder auf theoretische Zusammenhänge verwiesen wurde, sollte hinsichtlich der Forschungsfrage abschließend noch eine kleine Zusammenfassung der erarbeiteten Fakten unternommen werden.

Bei der Untersuchung der Frage "wie gearbeitet wird" konnten zwar zentrale Aspekte der Lebensweltorientieren Sozialen Arbeit erkannt werden, dennoch führte das Ergebnis zu keiner Generalisierung. Es muss wohl zugegeben werden, dass sich diese Frage anders beantworten hätte lassen, wenn ein(e) andere(r) TeilnehmerIn in die Untersuchung aufgenommen worden wäre. Dennoch lässt genau diese Tatsache die Bestätigung des in der Konzeption verschriftlichten lebensweltorientierten Ansatzes zu, denn hier heißt es: "Sozialpädagogisches Handeln findet hier seinen Begründungszusammenhang und präsentiert sich nunmehr als eine Handlungsmethodik, die sich nicht nur durch umfangreiche Reflexion und Differenzierung auszeichnet, sondern vor allem grundlegende Handlungskompetenz vorweisen kann" (Aufbauwerk der Jugend, pädagogische Konzeption, S10). Angesprochen ist hier die Handlungsmethodik der Differenzierung, die auch bei der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit immer wieder aufgegriffen wird. Würde diese Methodik am Lachhof keine Verwendung finden, hätte sich ein kohärenteres Bild ergeben müssen. Daher kann die vorgefundene differenzierte Arbeitsweise des Lachhofs als Beleg der gelebten Lebensweltorientierung gesehen werden.

Weiters konnte durch die Untersuchung aber auch jene Schwachstelle des Konzeptes, welche auch schon in der Theorie besprochen wurde, aufgedeckt werden. Die Rede ist von der Dialektik der Lebenswelt/ des Alltags. Diese ist zwar unvermeintlich, birgt aber die Gefahr in sich, dass es zu einem derart interpretierenden Arbeiten kommt, sodass auch jene Aspekte, die klar formuliert sind, auf einem interpretierenden Weg umgesetzt werden. Diese Problematik konnte durch die Befragung des Kompetenzprofils zumindest teilweise sichtbar gemacht werden. Jedoch sei auch hier nochmals auf die zusätzliche Aufgabe der kritischen Reflexion verwiesen und da dieser Aspekt dem Team wie auch der Leitung bewusst ist, wird an dieser Schwachstelle sicherlich gearbeitet werden.

Obwohl sich in den Rahmenbedingungen/ Strukturen der Zweigstelle zahlreiche zentrale Momente einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit feststellen lassen, sind auch Heimstrukturen zu erkennen. Thiersch schreibt über Strukturen in der Behindertenarbeit Folgendes: "Das Heim hat seinen Zweck darin, besonderen Bedürfnissen in besonderer Weise gerecht zu werden. Es bietet einen vom gewöhnlichen Alltag... her unterschiedenen, eigenen Raum, der Menschen Schutz, Entlastung, Anregung bieten soll, damit sie jenseits des rücksichtslosen "gewöhnlichen" Lebens ihre spezifischen Möglichkeiten finden und leben können... Die Institution Heim aber ist auch problematisch... kann [ihre Ziele] aber nur in der Form eines besonders institutionalisierten und organisierten Lebensarrangements, in dem nebeneinander die Mitarbeiter in zwei Welten... leben, die Heimbewohner, aber ganz im Heim zurechtkommen müssen" (Thiersch 1992, S96). Einige Rahmenbedingungen des Lachhofs bieten zwar die eingangs positiv erwähnten Strukturen eines Heimes, die negativen aber können wiederum durch andere Rahmenbedingungen ausgeschaltet werden (hier durch die wochenendliche Heimfahrt der TeilnehmerInnen). Bei der Untersuchung konnte generell festgestellt werden, dass sich der Lachhof die positiven Strukturen von Heimen zu Nutzen macht.

Die Frage nach den "realistischen Erfolgen" wurde durch die Erfahrungsgeschichte eines Repräsentanten der TeilnehmerInnen erhoben. Die Untersuchung zeigte, dass mit dem lebensweltorientierten Ansatz sehr wohl realistische Erfolge erzielt werden können. Natürlich muss erwähnt sein, dass Thomas Ks. Entwicklung nicht ausschließlich auf die Trainingsmaßnahmen des Lachhofs zurückzuführen ist. Diese ist sowohl den altersbedingten Veränderungen, den bereits vorangegangenen hilfreichen Maßnahmen wie Logopädie, Ergotherapie und Integrationsschule während der Volkschule als auch den Bemühungen der liebevollen Ersatzfamilie zusätzlich zu verdanken.

Ich denke, durch die Analyse der Zweigstelle Lachhof des "Aufbauwerks der Jugend" und der zusätzlichen Darstellung der individuellen Zusammenarbeit mit einem Teilnehmer konnten zwar zentrale Punkte der Lebensweltorientieren Sozialen Arbeit greifbarer gemacht werden, dennoch wurde auch ersichtlich, dass theoretische Konzepte, vor allem sozialpädagogische, nie in allen einzelnen Aspekten umgesetzt werden können. Da soziale Arbeit nicht mit trivialen Systemen, sondern mit Menschen arbeitet, müssen Konzepte herangezogen werden, die eine derartige individuelle Herangehensweise mit einschließen, sodass trotz unbekannten Outputs adäquate Maßnahmen gesetzt werden können. Ein solches Konzept ist die Lebensweltorientierung allemal - dies konnte m.E. auch durch meine Arbeit bestätigt werden.



[8] Michael Maas studierte Diplompädagogik an der Universität-GHS-Essen. Seit 1996 ist er Vorstandsmitglied im Bundesverband. Er ist seit mehreren Jahren externer Lehrbeauftragter an der Universität Innsbruck am Institut für psychosoziale Intervention und Kommunikation. Weiters ist er auch als Supervisor tätig.

[9] Während der Interviewdurchführung allerdings erst in Planung.

[10] Der Lachhof kann zwar nicht als Heim im gewöhnlichem gesehen werden, da die TeilnehmerInnen die Wochenende und die Ferienzeit durchgängig Zuhause verbringen, dennoch gibt es Strukturmerkmale und andere Momente die einem Heim ähneln. Wenn es sich um solche Momente handelt, werden diesbezügliche Vergleiche unternommen.

7. Verzeichnisse

7.1. Transkriptionssystem

Zeichen: Bedeutung:

(,) = ganz kurzes Absetzen einer Äußerung

(..) = kurze Pause

(...) = mittlere Pause

(Pause) = lange Pause

mhm = Pausenfüller

(´) = heben der Stimme

(k) = markierte Korrektur

sicher = gedehnt

(Lachen) = Charakterisierung von nicht sprachlichen Vorgängen

& = auffällig schneller Anschluss

(..), (...) = unverständlich

A: [da

B: [Ja arbeitsmäßig hab ich grad a so an Plan.

= gleichzeitiges Sprechen

7.2. Literaturverzeichnis

Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilungen Soziales und Jugendwohlfahrt (2009/2010): Sozial- und Jugendwohlfahrtsbericht, Ersichtlich unter: http://www.tirol.gv.at/fileadmin/www.tirol.gv.at/themen/gesellschaft-und-soziales/soziales/Publikationen/Sozial_und_jugendwohlfahrtsbericht_2009-2010.pdf (Stand 02.April, 11:32)

Aufbauwerk der Jugend (o.Z.): Leitbild (unveröffentlicht)

Aufbauwerk der Jugend (o.Z.): pädagogische Konzeption (unveröffentlicht)

BGStG. (2010). § 3. Behinderung BGStG [WWW Dokument]. Verfügbar unter: http://www.jusline.at/index.php?cpid=ba688068a8c8a95352ed951ddb88783e&lawid=106&paid=3# [Datum des Zugriffs: 05.01.2012].

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Thiersch, Hans, (1986): Die Erfahrung der Wirklichkeit- Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik, Juventa-Verl., Weinheim und München

Thiersch, Hans (1992): Lebensweltorientierte soziale Arbeit- Aufgaben der Praxis im sozialen Wandel, Juventa-Verl., Weinheim und München

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Thiersch, Hans (2012): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit, Gastvortrag vom 19.April 2012 im Rahmen einer Fortbildung von Bundesinstitut für Sozialpädagogik, Parkhotel Brunauer, Salzburg (unveröffentlicht)

8. Anhang

8.1. Interviewleitfaden

Einstiegsfragen:

Kannst du mir etwas von deiner Kindheit erzählen?

Kannst du mir etwas von deiner Schulzeit erzählen?

Wie bist du zum Lachhof gekommen?

Hast du Pläne für die Zukunft?

Fragen zur momentanen Lebenssituation:

Wie lebst du gegenwärtig, was machst du zurzeit?

Wie gestaltest du deinen Alltag?

Gibt es Pläne, die du für die Zukunft hast?

Gibt es etwas, das du erreichen möchtest?

Fragen zur gegenwärtigen Wohnsituation- Lachhof:

Wie lange bist du schon am Lachhof?

Weist du warum du am Lachhof bist?

Fragen zum Trainingsbereich Wohnen und Freizeit:

Wie bist du generell mit dem Angebot in der Freizeit zufrieden?

Welche Aufgaben gibt es in der Freizeit? Was wird trainiert?

Wie gefällt dir das freie Ausgehen? Darfst du auch was auf eigene Faust machen?

Kann man sich bei der Gestaltung der Freizeitaktivitäten auch als TeilnehmerIn einbringen?

In den einzelnen Trainingsbereichen werden mit dir gemeinsam Ziele erarbeitet, welche Ziele waren das so in den letzten Jahren in der Freizeit- welche davon hast du davon erreicht und mit welchen tust du dich schwer?

Auch in der Freizeit müssen bestimmte Sachen erledigt werden, müssen bestimmte Regeln eingehalten werden. Wie haben die TrainerInnen von der Freizeit das einhalten dieser Erledigungen/ Regeln in der Hand? Wie findest du das?

Fühlst du dich von den TrainerInnen in der Freizeit verstanden? Hast du das Gefühl ihnen Probleme anvertrauen zu können?

Fühlst du dich in der Freizeit auch mal mit Problemen alleingelassen?

Wie sieht es mit Konflikten in der Freizeit aus?- Hier sind immerhin 15 verschiedene Jugendliche. Helfen hier die TrainerInnen?

Welche Funktion hat die Kummerbox?

Fragen zu den Trainingsbereichen- Küche, Reinigung, kreative Werkstatt

Unter Tags bist du ja jeweils für ein ganzes Monat in einem der drei Arbeitsbereiche- bist du damit zufrieden, dass du immer wieder wechseln musst?

Was gefällt dir daran (nicht)?

Hast du einen Lieblingstrainingsbereich?

Was wird in diesen Trainingsbereichen trainiert?

Kannst du dich hier auf Ziele erinnern, die du erreicht hast und auf jene, die du nicht erreicht hast? Gleichen sich die in den verschiedenen Trainingsbereichen?

Musst du in den Arbeitsbereichen ausschließlich funktionieren oder gibt es auch hier Platz für Probleme?

Fühlst du dich hier von den TrainerInnen verstanden?

Gibt es einen Konkurrenzkampf innerhalb der Gruppen?

Bevor du in den anderen Trainingsbereich kommst, musst du immer eine Selbsteinschätzung geben- nervt das oder siehst du einen Sinn dahinter? Stimmt deine Einschätzung mit der der TrainerInnen überein?

Fragen zum Trainingsbereich Theoretischer Unterricht:

Zusätzlich zu den Arbeitsbereichen gibt es ja auch Tage, in denen du Rechnen, Lesen, Schreiben (auch mit Computer) übst- ist das mit der Schule zu vergleichen?

Was gefällt dir daran (nicht)?

Wo siehst du diesbezüglich eigene Stärken/ Schwächen?

Es werden dir auch HÜ aufgeben- nervt das oder siehst du hier einen Sinn dahinter?

Bist du im Rechnen, Lesen, Schreiben besser geworden?

Fragen zu den Berufspraktika:

Du hast ja schon ein bar Praktika hinter dir- kannst du mir den Ablauf erklären- also was übst du mit Christian, wie wird der Praktikumsplatz ausgesucht, was wird im Vorfeld noch trainiert usw.?

Kannst du etwas, was du in den Arbeitsbereichen trainierst, dann tatsächlich in der wirklichen Arbeitswelt gebrauchen/ umsetzen?

Wenn du dich an dein erstes Praktikum zurückerinnerst- gibt es da dann unterschiede zu deinem letzen Praktikum- also bist du vielleicht nicht mehr so aufgeregt, tust du dich leichter mit den einzelnen Arbeitsschritten usw.?

Wie gehen die anderen TeilnehmerInnen mit dir um, wenn sie wissen, dass du ein Praktikum anfängst? Verändert sich dann was?

Wie fühlst du dich selbst wenn du in der Arbeit Kritik erfährst, also wenn du hörst, dass du etwas nicht so gut gemacht hast?

Wie fühlst du dich wenn du erfährst, dass du eine gute Arbeit gemacht hast?

Hat das Auswirkungen auf dein Privatleben?

Du hast ja vor kurzem einen Test zur Teilqualifizierten Lehre gemacht- Was hast du diesbezüglich im Gefühl? Wolltest du das selbst machen oder wurdest du überredet? Wie denkst du darüber, wenn du keine positive Antwort kriegen würdest?

Allgemeine Fragen zum Lachhof:

Der Lachhof hat ja auch mitgeholfen als du von deiner Mutter weggezogen und nach Lienz in eine betreute WG gezogen bist- fandest du das eher lästig, also dachtest du dir "jetzt mischt sich der Lachhof schon in mein Privatleben ein" oder fandest du das hilfreich?

Bist du mit der Übergangslösung Lienz zufrieden?- Immerhin ist das eine weite Strecke, die du zweimal die Woche fahren musst.

Wie kommst du mit den anderen TeilnehmerInnen zusammen? Haben sich daraus auch Freundschaften/ Freundinnen ergeben?

Sind dir diese wichtig? Glaubst du diese bleiben auch erhalten, wenn du nicht mehr am Lachhof bist?

Wenn du dich an die anfängliche Zeit am Lachhof erinnerst, glaubst du, du hast dich verändert? Hat das was mit dem Lachhof zu tun?

Schlussfragen:

Habe ich was vergessen, was für dich noch wichtig wäre?

Möchtest du noch was ergänzen?

8.2. Transkription des Interviews

A: So, hallo Thomas, erzähl einfach mal von deinem Leben. [Also angefangen bei der Kindheit

B: [Also bei meiner Kindheit da bin ich aufwachsen in Axams bei meine Eltern und dann sein ich und meine Schwester die Lisa ins Kinderdorf kommen. Meine anderen Geschwister sein a mitkommen, also meine Großen.

A: Wie hast du dich dabei gefühlt?

B: Mhm, ich weiß nicht mehr genau. Denke schon, dass ich gern bei meinen Eltern geblieben wäre. Mir hat es aber schon gut gefallen, dann beim Kinderdorf.

A: Wie viel Geschwister hast du denn?

B: Also wir sind zu sechst. Hab also fünf Geschwister (...) Und dann sein ma eben anschließend alle ins Kinderdorf kommen, da hab ich dann meine Kinderdorfmama kennengelernt, die heißt Evelyn Müller. Und da im Kinderdorf bin ich dann no für ein Jahr in den Kindergarten kommen (...) nacha hab ich Vorschule kabt (...) und nacha ist halt die Volksschule dran kommen (...) und danach bin ich dann in die Sonderschule kommen. Hab da no die Jahre, also vier Jahre durchgemacht. Hab a die Hauptschulprüfung probiert (...) hab halt mehr Mathe gelernt, aber hab sie leider nicht gepackt.

A: Wie hast du denn die Schulzeit so in Erinnerung?

B: Ja hin und wieder hat es a Streit geben. Aber es war eigentlich a schöne Zeit. Hab da a viele nette Kollegen kennengelernt (Pause).

A: Die Sonderschule hast du aber abgeschlossen?

B: Ja die hab ich nacha abgeschlossen kabt und nacha hab ich ja Praktikas gemacht. Es erste war beim ISBA und des is a gut verlaufen und es zweite war dann e schon am Lachhof und da hats mir a gut gefallen.

A: Also dann bist zum Lachhof kommen, nach der Sonderschule?

B: Ja(´). Meine Mama is ja in Hall aufgewachsen, die Kinderdorfmama. Drum hat sie ja den Lachhof schon gekannt und nacha hab ich mir den selber noch angeschaut und da hats mir ja getaugt (Pause).

A: Was wäre gewesen wenn dir der Lachhof nicht getaugt hätt?

B: (Überlegt) Dann wär ich wahrscheinlich, dann hätt ich wahrscheinlich noch andere Sachen anschauen können, vielleicht das Schwedenhaus, in Innsbruck oder so.

A: Hast du da irgendwelche Untersuchungen machen müssen, damit du zum Lachhof kommst?

B: Ja, da war ich ja bei so an Mann, der hat mich beim Computer getestet. So für die Aufmerksamkeit, Schnelligkeit, Logik, also so a Art Logikknacker warn des. Da hat er mich halt getestet und nacha hab ich no so einen Antrag, so einen Rehaantrag machen müssen (...) und dann bin ich am Lachhof kommen.

A: Wirst du am Lachhof auch untersucht (..) oder getestet?

B: Untersucht werd ich nicht am Lachhof. Gestestet aber schon (..) irgendwie halt, aber anders. Nicht so am Computer und so schnell, schnell (..) an einem Tag. (Pause)

A: Seit wann bist du jetzt am Lachhof?

B: (Überlegt) Seit dem ich 16 war. Also seit dem, seit drei Jahre. Und es vierte fängt jetzt grad an.

A: Genau, aber so lang bist du ja vermutlich nicht mehr da. Du steht ja kurz vor der Vermittlung.

B: Ja genau, aber ab ersten Juni bin ich e nur mehr Untertags da, am Abend bin i dann in der WG in Innsbruck

A: Hast du irgendwelche Wünsche für die Zukunft?

B: Das ich mal wieder mit meine Geschwister zusammen hock (...).

A: Hast du denn momentan Kontakt zu deinen Geschwister?

B: Kontakt jetzt werd ich bald haben zu meinem Bruder Michael. Weil i wohn ja bald in der Wohnung (Pause) in so einer betreuten WG und mein Bruder wohnt dann nur noch zehn Minuten entfernt (..) auf das freue ich mich sehr. Der war auch mal in der WG, in der Selben. Der war auch der erste von uns in, der ein Aufbauwerk kommen is. Aber des war in Lienz, im Schloss Lengberg. Und nacha ist er nach Innsbruck in die Wohnung kommen und nacha hat er eine eigene kriegt.

A: Und andere Zukunftspläne? Bezüglich Arbeiten oder Wohnen. Hast du [da

B: [Ja arbeitsmäßig hab ich grad a so an Plan. Also da hab ich schon mal angefangen, also beim Interspar. Da hab ich so an Test gemacht (..) so für die Teilqualifikationslehre. Für den Test hab ich vorher auch volle geübt. Jetzt muss ich aber noch drei, zwei Wochen warten bis der Test raus kommt und dann weiß ich ob ich irgendwo in Innsbruck vermittelt werde, beim Spar (..) Und des war dann schon mein Zukunftsplan, für die Arbeit. Und andere Pläne für die Zukunft (mhm) die ich no hätte, ist (&) eine Freundin nacha noch zu finden (Pause). Aber die kommt, nach der Arbeit wahrscheinlich sowieso. (Grinst)

A: O.k. Thomas. Erzähl mal wie du momentan so lebst, wie sieht so eine Woche von dir aus.

B: Ja unter der Woche bin ich hier am Lachhof und am Wochenende bin ich jetzt, also des war mal eine Übergangslösung. Wo ich 18 geworden bin, bin ich nach Lienz, zu so einer WG kommen, so eine Kinderdorf-WG. Und da bin i jetzt aber auch schon vier Monate, aber in ein bar Wochen werde ich umziehen von der WG in das betreute Wohnen in Innsbruck.

A: Wiese Übergangslösung?

B: Mhm (Pause) Weil ich mich selber nicht mehr unter Kontrolle kabt hab. Hab öfters zu viel Stress kabt, wegen einem Kollegen. Der hat mich halt immer angerufen und ich bin dann halt immer dran gegangen und bin mit ihm irgendwo hin gegangen (..) hab halt auch zu viel getrunken, bin zu spät heim kommen.. und die Mama hat sich das dann nicht mehr leisten können, wegen den Letzen (k) den kleinen Geschwistern (..) und deswegen bin ich dann nach Lienz kommen (Pause).

A: Mhm.. Und weißt du warum du überhaupt am Lachhof bist?

B: Ja (,) dass ich, damit ich eine Arbeit finden kann. Weil in der Schule hat das so schwer geklappt (..) jetzt mach ich aber einer Teilqualifikationslehre, also wenn das mit dem Test passt (&) und das hätte ich in der Schule nicht machen können, weil sie es mir dort nicht zugetraut hätten, deswegen bin i hier am Lachhof.

A: Und an den Wochenenden. Wie gestaltest du die?

B: Zum Beispiel, bin ich in der WG, räum öfters auch auf, geh weniger mit den Kollegen aus und Kolleginnen, trink deswegen auch weniger (...) Und zum Beispiel letztes Wochenende war ich auch Fischen. Ja

A: O.k. (,) Kannst du mir einen typischen Tag am Lachhof erklären?

B: Also in der Früh, da steh i um halb sieben auf. Meistens verschlaf ich e (Grinst) und dann wird ich geweckt und dann gibt's meistens Semmel mit Nutella, auf die freu ich mich am meisten immer. Nacha haben wir (ehm) bis achte Pause, (&) außer die in der Küche. Also wenn ich jetzt in der Küche wäre, dann müsste ich noch den Küchendienst erledigen. Nacha gibt's noch eine kurze Raucherpause und dann fängt es um achte an (..) fang ich arbeiten an und um viertel vor zehn haben wir eine Vormittagspause, die geht 15 Minuten (..) und dann geht's durch bis zwölfe (..) und um zwölfe gibt's dann Mittagsessen damit sind wir so um halb eins dann fertig mit essen, dann haben wir noch Pause bis eins (..) die Küche hat Pause bis zwei (..) nacha arbeiten wir bis drei, dann gibt's eine Nachmittagspause (Hustet) und, und von drei Uhr haben wir dann noch mal 15 Minuten Pause, da gibt's a noch mal eine Jause, meistens so Bröte und Saft und nacha geht's durch bis fünfe und nacha gibt's um halb sechs Abendessen.. Und dann ist der Abend dran. Am Abend gestalten wir dann unsere Freizeit.

A: In das immer so?

B: Ja immer.

A: Wird das nicht langweilig?

B: (..) Na, es ist ja immer anders (,) obwohl es immer gleich ist. Ich find das gut, so weiß man was man tun muss und was nicht.

A: Mhm und wie erlebst du den Abend am Lachhof so? Wie wird die Freizeit so gestaltet?

B: Ja. Zuerst mache ich meistens, geh ich halt duschen, Kassabuch [und

A: [Was ist das Kassabuch?

B: Das Kassabuch ist, ehm ich krieg ja immer 22,-- Euro Taschengeld pro Woche und das schreib ich meistens dann am Montag gleich rein und dann immer das was ich in der Woche so ausgegeben habe und dann weiß ich zum Schluss wie viel ich, dann hab ich mich selber unter Kontrolle (..) und wenn ich sehe, dass ich zu viel ausgegeben habe, weiß ich, aha (´) muss ich ein bisserl weniger ausgeben.

A: Welche Möglichkeiten gibt's denn hier am Lachhof, wo man Geld ausgeben kann?

B: Zum Beispiel fahren wir manchmal ins Jugendzentrum, in Hall und da kann man dann zum Beispiel Tischfussball spielen, Getränke kaufen(,) oder wir gehen was trinken oder Kino.

A: Wie bist du denn eigentlich so im Gesamten mit dem Angebot zufrieden?

B: Eigentlich gut. Wir waren auch schon mal Kegeln, eigentlich Bowlen. Das hat mir persönlich am Besten gefallen. Ist viel Abwechslung dabei.

A: Du hast mir ja schon vom Kassabuch erzählt, also Aufgaben die ihr trotz Freizeit erledigen müsst. Wie findest du das?

B: Also ich sehe da schon auch einen Sinn dahinter. Weil wie gesagt, wenn ich jetzt bald eine Wohnung hab, dass ich jetzt putzmäßig auch besser bin, also sauberer meine Wohnung halten kann. Und das mit dem Kassabuch eben, dass man lernt, dass man, wie man mit Geld umgeht. Solche Sachen brauch ich ja dann auch wenn ich nicht mehr am Lachhof bin.

A: Mhm. Und wie schaut das aus, darfst du auch Sachen alleine machen in der Freizeit?

B: In der Freizeit darf ich dann schon auch Sachen alleine machen, da haben wir zum Beispiel das freie Ausgehen. Da fahren wir alleine mit dem Bus nach Hall, da unten haben wir dann so zwei Stunden Zeit fürs freie Ausgehen, da gehen wir dann meistens was trinken und dann treffen wir uns dann wieder beim Libro und da holt uns dann eine von den Betreuern ab.

A: Aha. Aber beim freien Ausgehen bist du ja wieder in der Gruppe. Darfst du aber Sachen ganz alleine machen?

B: Ja, da zum Beispiel bei meiner Schwerster besuchen. Also, wo ich meine Schwester in Innsbruck besucht habe. (Pause)

A: Wie hat das so geklappt?

B: (Grinst) Das hat manchmal gut geklappt aber manchmal auch nicht so gut, weil ich nacha auch zu spät gekommen bin. Aber meine Schwester hat das dann gemerkt (&) und nacha hat sie mich halt früher geschickt.

A: In den Trainingsbereichen werden mit dir ja auch Ziele ausgemacht. Mhm kannst du, weißt du welche das so in der Freizeit waren?

B: Ja (..) Zum Beispiel beim Kassabuch, war jetzt mal ein Ziel, dass ich nicht mehr so viel ausgebe, weil ich früher viel mehr ausgegeben habe und dass ich öfter das Kassabuch mache.

A: Und würdest du sagen, dass du dieses Ziel erreicht hast?

B: Ja ich gebe zur Zeit schon auch noch viel Geld aus, wegen Zigaretten und so aber jetzt komm ich wenigstens mit dem Geld aus (Grinst).

A: O.k.. Es gibt ja auch Regeln in der Freizeit, also zum Beispiel die Bettruhe um 22:00 Uhr, oder Fragen wenn man einen Apfel, wenn man was zum Essen haben will. Wie haben das die Betreuer von der Freizeit so in der Hand, [also

B: Ja eigentlich (..) eigentlich sein die Betreuer da schon streng. Manchmal auch weniger streng aber Fragen muss man ja im Leben eh immer und sonst lernt man das ja nicht.

A: Also ergibt das schon einen Sinn für dich, dass es Regeln gibt?

B: Ja

A: Schon von Anfang an, oder hast du das erst mit der Zeit raus gefunden?

B: Na, das hab ich erst mit der Zeit raus gefunden. Anfänglich war das, da habe ich die Betreuer schon nur streng gefunden (..) und hab mich auch ständig gefragt warum. Aber mittlerweile hab ich da an Sinn dahinter gefunden.

A: Hast du auch die Trainier gefragt warum oder hast du dir diese Frage nur selber gestellt?

B: Eigentlich meistens mich selber gefragt warum aber die Betreuer haben es mir dann schon auch erklärt.

A: Hast du auch das Gefühl, dass du mit deinen Problemen auch zu den Betreuern kommen kannst?

B: Ja also.. wenn ich jetzt ein größeres Problem hab, dann geh ich schon auch mal zu den Trainern(&) aber ich hab jetzt zur Zeit nie so ein großes Problem kabt (..) also (..) bin ich mit den Problemen meistens alleine fertig geworden.

A: Aber so zum drüber Reden?

B: Ja das mach ich schon ab und zu, das geht eigentlich ganz gut (..) so. Wenn ich was brauch, kann ich hin kommen.

A: Hast du das Gefühl, dass sie dich ernst nehmen?

B: Mhm. Wie meinst du das?

A: Mhm. Ja (..) dass du auch kommen kannst mit kleine Problemen und dir dann trotzdem zugehört wird.

B: Ja, sicher. Für die Betreuer ist da kein Problem zu klein (Lacht).

A: Gut. O.k. (,) Wie schaut das dann prinzipiell so aus mit den Streitereien am Lachhof?

B: Ja früher war es halt so, dass lei die Mädchen gestritten haben und die Buben waren so die Ruhigen. Aber jetzt schaut es halt so aus, dass die meiste Zeit so eine gewisse Gruppe immer wieder so rumm streiten und dann probieren wir dann schon auch gemeinsam. So wie heute zum Beispiel, wo ich gesagt hab, probiert es halt so, dass ihr nicht mehr so viel miteinander redet wenn ihr streitet und dann erst später wieder.

A: Und du selber, bist da nicht so in die Streitereien verwickelt?

B: Nein, außer in der WG bin ich öfters in Streitereien verwickelt. Da motzt halt der Maggo dann öfters dann sag ich, jaja lass mich halt in ruhe und das hat er jetzt eh eingehalten.

A: Und wie ist das am Lachhof, mischen sich da dann die Trainer rein in die Streitereien?

B: Nein.. nein (&) zuerst schauen sie halt, dass wir das selber lösen können. Aber wenn es jetzt ganz arg wird, dass es zu harten Konflikten kommt (..) dann mischen sie sich ein.

A: Wie?

B: Ja so zum Beispiel reden die dann alleine mit den Betreuern und erklären die Situation dann werden, wird geschaut, dass eine Lösung gefunden wird. Oder jemand schreibt was in die Kummerbox, weil da kann man dann auch seine Probleme rein schreiben. Also wenn man jetzt Probleme hat und man will die aber nicht direkt raussagen. Dann wird gemeinsam mit allen das Problem besprochen ohne dass jemand weiß wer das Problem hat und man kann schauen wie man es dann besser machen kann.

A: Mhm. Die Freizeit ist ja am Lachhof auch ein Trainingsbereich. Kannst du mir sagen, was du hier in die drei Jahren so gelernt hast?

B: Ja so (..) das ich mein Zimmer schöner aufräumen kann ge, weil wenn es jetzt immer so ausschaut, kann zum Beispiel die Putzgruppe, dann regt sich halt die Putzgruppe auf. Also es Aufräumen habe ich gelernt, es Herrichten (Pause) und dass ich halt genauer bin zum Beispiel mit dem Eintragen bei der Ausgehliste und dass ich das dann auch einhalte was ich ausgemacht habe (..) ja.

A: O.k. Dann kommen wir jetzt zu die anderen Trainingsbereiche, also zu den Arbeitsbereichen. Da gibt's ja die Küche, die Reinigung und das Kreative. Erkläre mir bitte mal, wie das Arbeiten hier so funktioniert.

B: Ja in der Küche zum Beispiel läuft das so, dass zuerst das Rezept besprochen wird und wenn man dann so weit ist, dürfen wir selber kochen oder die Trainerin schaut dir zu und erklärt dir wie du es machen sollst. (Hustet) Wenn dann einmal einen Fehler gemacht hast, kann man den meistens e beheben oder (&) es nächste Mal kann man es dann besser machen. Ja und nach einem Monat kommst dann ins Kreative und nacha in die Reinigung.

A: Ihr Wechselt also zwischen den Trainingsbereichen. Gefällt dir das?

B: Ja schon, weil so habe ich Abwechslung, weil immer es Selbe wäre mir dann auch zu lästig.

B: Und was wird da in den Trainingsbereichen so trainiert?

A: Also die Ausdauer, die Schnelligkeit, Genauigkeit und (...) dass man das dann überhaupt kann und sich auch merken kann. Am Dienstag haben wir auch meistens Theorie, da kopieren die Trainerinnen immer die Zettel, die lesen wir dann und die Trainerin erklärt worum es da geht (..) und das wird dann eben von Jahr zu Jahr wiederholt (,) das Gleiche damit man es sich merken kann.

A: Welche Ziele hattest du so in den Arbeitsbereichen?

B: Ja so zum Beispiel ich bin grad im Putzen und da habe ich ein Ziel, dass ich halt nicht immer so viel rede beim Arbeiten. Also das Ziel ist von mir kommen, weil wir haben ja immer zwei Ziele, also eines von uns selber und eines von der Trainerin.

A: Kannst du dich auf ein Ziel erinnern, dass von einer Trainerin gekommen ist?

B: Also eines was von der Trainerin gekommen ist (...) Ja also in der Küche zum Beispiel, dass ich genauer bin beim Kasteln putzen. Und beim Putzen war dann ja auch das mein Ziel.

A: Wenn du jetzt Probleme hast, die sich am Wochenende oder in der Freizeit ergeben, kannst du dann auch mit diesen Problemen während der Arbeit zu den Trainerinnen kommen?

B: Nein, erst in der Freizeit, weil wenn jetzt zum Beispiel in einem Praktikum bist dann kann ich die Probleme ja auch nicht unter dem Arbeiten besprechen. Zum Beispiel ich will ja Verkäufer werden und dann würde ich ja die Kundschaft ein bisserl erschrecken.

A: Und was ist mit Problemen die das Arbeiten betreffen?

B: Ja, solche Probleme schon, weil die betreffen ja die Arbeit und das muss dann schon geklärt werden mit dem Chef oder bei uns mit der Trainerin. Aber des wird dann meistens vor der Arbeit besprochen oder mir machen eine Pause dafür.

A: Wie schaut das so mit den anderen Gruppenmitgliedern aus. Sind die manchmal neidisch wenn du was gut machst oder gelobt wirst?

B: (´) Nein, das ist bei uns nicht so. Die loben höchstens mit (Lacht). Und wenn ich mal einen Fehler mach, dann wird das auch nicht immer so streng genommen, da lachen wir dann auch mal alle.

A: Bevor der Gruppenwechsel gemacht wird, musst du ja so eine Selbsteinschätzung abgeben. Wie empfindest du das?

B: Also ich finde das sinnvoll, weil dann mach ich mir Gedanken über die Sachen, die ich noch lernen will, (..) was mein Wunsch noch ist und so (...).

A: Was gibt's den sonst noch so neben den Arbeitsbereichen unter Tags am Lachhof?

B: (Überlegt) Ja am Dienstag gibt's Mathe (,) bei der Lisa und am Montag Informatik auch bei der Lisa (..) und am Mittwoch ist BO, also Berufsorientierung beim Alex.

A: Mhm. Informatik und Mathe sind ja so typische Schulfächer. Kann man das mit der Schule vergleichen?

B: Ja so vom Stoff her, kann man das schon mit der Schule vergleichen. Das ist dann halt so eine Art Wiederholung. Aber ansonsten kann man das nicht so vergleichen, weil in der Schule waren wir viel mehr Leute, bei der Lisa sind wir aber nur zu zweit oder alleine. Und das finde ich schon feiner, weil so kann man sich dann besser konzentrieren und so.

A: Ihr bekommt ja von Lisa auch regelmäßig Hausübungen auf, die ihr ja in der Freizeit machen müsst. Wie siehst du das?

B: Also das sehe ich schon für sinnvoll. Weil zum Beispiel dann kann ich auch was machen auf eigener Faust so etwas Rechnen oder Lesen und das kann ich dann zeigen, was ich alleine geschafft habe.

A: O.k. dann zu BO. Das heißt ja Berufsorientierung, da macht ihr ja auch Praktika. Erkläre mir mal wie das so abläuft.

B: (Hustet) Ja so am Anfang schaut der Alex mal welche Fähigkeiten du so hast, also ob du zum Beispiel flink bist oder ob du gut nähen kannst und welche Interessen du so hast (Pause). Und nacha wird mit dir so Punkte wie Pünktlichkeit, Sauberkeit, (..) Vorstellungsgespräche durchgenommen und ob du überhaupt weißt welche Berufe es so gibt und was dir an denen einzeln gefällt (..) und später wird dann im Computer, beim AMS, geschaut was denn so frei wäre, was halt bei dir in der Nähe, in der Wohngegend, frei ist. Und dann kriegt man ein Praktikum, auf das freut man sich dann auch meistens immer (..) auch wenn es dir nicht gefallen hat, kannst dann zum Alex sagen, das hat mir nicht so gefallen, in dem Bereich soll er nicht mehr suchen.

A: Also ist das Ziel von BO ein Praktikum zu machen.

B: Ja

A: Wie ist das dann so während dem Praktikum, kannst du dabei Sachen einsetzen, die du am Lachhof trainiert hast?

B: Ja schon. Mein Lachhofkollege zum Beispiel also der Florian, der ist ja jetzt in einer Bäckerei. Der kann das was er in der Küche gelernt hat beim Backen einsetzen und beim Putzen dann das, was er beim Putzen gelernt hat (Pause) Und so Sachen wie Pünktlichkeit, ordentliche Sachen, Genauigkeit und so werden ja auch trainiert, solche Sachen braucht man ja bei alle Praktika. (Pause) Und so da Umgang mit dem Chef zum Beispiel, dass man den erst mit Sie anspricht. Ja (lange Pause)

A: Wie reagieren denn die anderen Teilnehmer wenn du auf ein Praktikum gehst?

B: Ja die sind dann schon traurig, dass ich dann weg bin ge, aber normalerweise freuen sie sich.

A: Wie ist das so für dich ein Praktikum zu machen?

B: Ja wenn ich hör, dass ich gut gewesen bin, dann fühl ich mich natürlich schon gut. Weil ich weiß, dass ich vollen Einsatz gezeigt habe und das auch der Chef gemerkt hat.

A: Was ist wenn du hörst, dass du etwas nicht so gut gemacht hast?

B: Ja dann (..) dann werd ich natürlich den Chef fragen was ich besser machen kann und werd mir selber überlegen was ich das nächste mal besser machen kann

A: Bedrückt dich so was dann?

B: Ja das kann man sagen, a bisserl. Da überleg ich mir dann schon in der Freizeit und so was ich das nächste mal besser mache damit ich das nächste mal wieder besser bin.

A: Wenn du dein erstes und dein letztes Praktikum miteinander vergleichst, haben sich dann Verbesserungen ergeben. Also im Bezug auf deine Fähigkeiten?

B: Ja schon, weil man ja jedes Mal etwas Neues dazu lernt. Jetzt kann ich schon mehrere Arbeitsschritte, weil du ja vom ersten bis zum letzten Praktikum immer mehr gelernt hast (...) Und jetzt kann ich vielleicht sogar die teilqualifizierte Lehre machen.

A: Ja erzähl man davon, wie ist das abgelaufen?

B: Ja meine Mama, also meine Kinderdorfmama, die hat da so Kontakte kabt, weil der Interspar war ja Kinderdorfpate und die hat dann ein gutes Wort rein gelegt und da Alex hat dazu auch noch den Kontakt aufgebaut und nacha habe ich die Prüfung in Innsbruck beim Interspar machen dürfen. Ich habe das aber schon einen Monat vorher gewusst (,) damit ich drauf lernen habe können (...) Da hab ich zum Beispiel von der Lisa so nachgemachte Tests machen können, die sie dann kontrolliert hat. Da habe ich zum Beispiel Daten und so sortieren müssen. Ja und jetzt müssen wir nur mehr warten (Grinst).

PAUSE

A: O.k. Thomas. Nun möchte ich nochmals darüber reden, wie das damals mit Lienz war. Damals hat ja der Lachhof mitgeholfen damit diese Übergangslösung stattfindet. Erzähl mir mal bitte wie das überhaupt zustande kommen ist.

B: Ja das war halt so, dass ich zuviel ausgegangen bin ge und Stress mit einem Kollegen gehabt hab ge (..) und deswegen haben wir uns dann zu so einer Sitzung getroffen, wo eben der Chef vom Kinderdorf dabei war, die Chefin vom Lachhof und die Kinderdorfmama und der Herr (..), (...) der halt eine WG in Telfs kabt hat (..) Und nacha haben wir über Lienz geredet, weil in Telfs kein Platz mehr war. Dann haben sie aber gemeint, dass das schwer ginge, dann hab ich aber gesagt, Zugfahren kann ich ja eh gut also wäre das kein Problem und nacha hat der Lachhof gesagt, dass ich am Montag auch später kommen kann, damit ich nicht schon so früh aufstehen muss. Ja und jetzt bin ich schon vier Monate in Lienz.

A: Und so im Nachhinein, findest du, dass sich der Umzug nach Lienz rentiert hat?

B: Ja jetzt, so im Nachhinein, habe ich es schon verstanden. Weil ich jetzt andere Kollegen kennengelernt habe und nicht mehr so gestresst bin.

A: Und die Beziehung zu deiner Mama. Hat die sich gebessert?

B: Ja schon weil wir jetzt halt nur telefonischen Kontakt haben. Manchmal holt sie mich aber vom Lachhof ab. Gebessert hat sie sich schon, weil wir jetzt nicht mehr so viel Streiten und wir jetzt auch darüber reden können, wie es so meinen Geschwistern geht.

A: Wie hast du das empfunden, dass damals der Lachhof mitgewirkt hat?

B: Ja am Anfang hab ich mir schon gedacht super jetzt mischt sich der Lachhof auch noch ein. Aber nachher ist das dann verflogen gewesen.

A: Wie hat sich dadurch dein Leben verändert?

B: Ja, dass ich dadurch andere Kollegen kennengelernt hab, mit denen ich dann eher so wandern gegangen bin, als in die Stadt was trinken. Ja aber sonst hat sich nicht wirklich viel verändert.

A: O.k. dann wieder zurück zum Lachhof. Wie kommst du den so prinzipiell mit den anderen Teilnehmern zusammen?

B: Eigentlich schon gut. Wir reden auch viel so über das Wochenende und was man da so gemacht haben. Ganz normal halt, wie Kollegen halt. (Pause) Wenn ich jetzt dann nach Innsbruck ziehe, schauen wir auch, das haben wir schon ausgemacht, dass wir uns noch telefonisch oder über facebook hören. Ich werde auch mal vorbeischauen und so.

A: O.k. Fein. Wenn du dich so an die Anfangszeit am Lachhof erinnerst, also so wie du damals warst. Findest du, du hast dich verändert?

B: (´) Ja ziemlich (..) Also früher war ich, habe ich nicht verstanden warum zum Beispiel so viele Regeln wichtig sind, heute weiß ich warum. Oder, dass man zuerst gewisse Sachen erledigen muss bevor, also, dass man zuerst eben Hausübung macht, dass man im Beruf gut zurecht kommt und erst nacha das Vergnügen und das aber auch nicht so arg. Also nicht so wie früher, jeden Tag was trinken gehen. (Pause)

A: Glaubst du das damit was der Lachhof zu tun hat?

B: Ich glaube eher, dass der Lachhof was damit zu tun hat. Weil ich eben öfters darüber geredet hab, mit den Betreuern und der Chefin (..) auch mit der Mama. Mit der Chefin halt darüber, wie ich mir meine Zukunft vorstelle, wie ich mal Leben will und (&) dadurch hat es sich dann verändert.

A: Vielen Dank Thomas!

8.3. Fragebögen

Liebe Leitung,

wie du weißt, schreibe ich gerade meine Bachelorarbeit über das Thema Lebensweltorientierte Soziale Arbeit und dessen Umsetzung hier bei uns am Lachhof. Deshalb möchte ich dich als Expertin befragen und bedanke mich schon vorab für deine Hilfe.

Die Fragen beziehen sich sowohl

  • auf die methodische Absicherung als auch

  • auf die Zusammenarbeit mit den Eltern

Du kannst den Fragebogen händisch oder per Computer ausfüllen.

Ich versichere dir, dass die Befragung anonym ist, bei der Ergebnisdarstellung auf dich keine Rückschlüsse gezogen werden können und die Ergebnisse ausschließlich für meine Bachelorarbeit Verwendung finden!

Weiters bitte Ich dich den Fragebogen bis spätestens 25. Mai 2012 auszufüllen.

Fragen zur methodischen Absicherung:

  1. Wie werden die MitarbeiterInnen mit dem Konzept der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit vertraut gemacht?

  2. Orientierte sich der Lachhof schon immer an dieser Konzeption?

Ja

Nein

Falls Ja- welche Unterschiede ergeben sich bei der konkreten Arbeit?

  1. In der pädagogischen Konzeption heißt es "den Jugendlichen [sollte] zunächst einmal Raum, Zeit und Beziehung angeboten werden, in denen sich Lebenswelt im Sinne eines verfügbaren, selbstbestimmten und verlässlichen Alltags herstellen lässt". Welche Rahmenbedingungen werden hierfür gesetzt?

  2. In der pädagogischen Konzeption heißt es weiter "[man] hat vor allem darauf zu achten, dass die Begegnungen unter Bedingungen stattfinden können, in denen es eine gelungenen Balance von Gemeinschaft und Individualität gibt". Welche Rahmenbedingungen werden hierfür gesetzt?

  3. Wie werden Eignung und Interessen der TeilnehmerInnen herausgefunden?

  4. Welcher Stellenwert kommt der Supervision zu?

  5. Gibt es noch andere Kommunikationsstrukturen?

  6. Welches Reflexionsinstrument wird bei der Arbeit mit den Jugendlichen herangezogen?

  7. Da das Konzept der Lebensweltorientierung neben ihrer Methoden auch eine institutionelle Ordnung vorsieht, gibt sich so etwas wie ein Kanon von Strukturmaximen.

  • Die Maxime der Prävention und Nachhaltigkeit

  • Die Maxime der Regionalisierung und Vernetzung

  • Die Maxime der Alltagsnähe

  • Die Maxime der Integration

  • Die Maxime der Partizipation

Welche dieser Strukturmaxime werden wie vom Lachhof konkret verwirklicht?

Fragen zur Zusammenarbeit mit den Eltern:

  1. Wie wird der Kontakt mit der Familie der Teilnehmer aufgenommen

  2. Wie eng ist der Kontakt mit der Familie während des Trainingsprozesses?

  3. Die Soziale Arbeit läuft immer in Gefahr die Familie auch als schwierig, unkenntlich und verklemmt, vielleicht auch zur Überversorgung, zum Festhalten und zum Klammern tendierend, wahrzunehmen. Was wird getan damit nicht ein solches Bild von Familie während der Zusammenarbeit vermittelt wird?

  4. Welche weiteren Herausforderungen ergeben sich durch die elterliche Zusammenarbeit?

  5. Welche familiären Ressourcen können währen der Arbeit genutzt werden?

  6. Inwiefern kann von einem Entwicklungsprozess in der familiären Zusammenarbeit gesprochen werden?

Platz für Anmerkungen jeglicher Art:

Liebe KollegInnen,

wie ihr wisst, schreibe ich gerade meine Bachelorarbeit über das Thema Lebensweltorientierte Soziale Arbeit und dessen Umsetzung hier bei uns am Lachhof. Deshalb möchte ich euch als ExpertInnen befragen und bedanke mich schon vorab für eure Hilfe.

Die Fragen beziehen sich sowohl

  • Auf die Arbeit im Allgemeinem als auch

  • Auf die Arbeit mit Thomas K. (da dieser sozusagen als Repräsentant der TeilnehmerInnen interviewt wurde)

Ihr könnt den Fragebogen händisch oder per Computer ausfüllen.

Ich versichere euch, dass die Befragung anonym ist und ausschließlich für meine Bachelorarbeit Verwendung findet!

Weiters bitte Ich euch den Fragebogen bis spätestens 25. Mai 2012 auszufüllen.

Allgemeine Fragen:

  1. Wurden Sie mit dem Konzept der Lebensweltorientierung von Seiten des Arbeitgebers vertraut gemacht?

Ja

Nein

Falls Ja- Wie?

  1. Welche Ausbildung haben Sie? Haben Sie in ihrer Ausbildung von der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit gehört?

  2. Haben Sie im Laufe ihrer Karriere schon mit anderen Konzepten gearbeitet?

Ja

Nein

Falls Ja- welche Unterschiede ergeben sich bei der konkreten Arbeit?

  1. Inwieweit sind das Leitbild und die pädagogische Konzeption in ihrer konkreten Tätigkeit umsetzbar und hilfreich?

  2. In der pädagogischen Konzeption heißt es "den Jugendlichen [sollte] zunächst einmal Raum, Zeit und Beziehung angeboten werden, in denen sich Lebenswelt im Sinne eines verfügbaren, selbstbestimmten und verlässlichen Alltags herstellen lässt". Was heißt dies in der konkreten Arbeit?

  3. In der pädagogischen Konzeption heißt es weiter "[man] hat vor allem darauf zu achten, dass die Begegnungen unter Bedingungen stattfinden können, in denen es eine gelungenen Balance von Gemeinschaft und Individualität gibt". Wie wird dieser Balanceakt in der konkreten Arbeit bewerkstelligt?

  4. Bei der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit geht es um eine gemeinsame Arbeit zwischen TeilnehmerIn und SozialarbeiterIn- die auf Seiten des/ der Sozialarbeiters/ Sozialarbeiterin gewisse Fähigkeiten abverlangt.

  • Fähigkeit, präsent zu sein

  • Fähigkeit, Verständnis für die jeweilige Problemlagen zu entwickeln

  • Fähigkeit, Vertrauen zu bilden und zu gewinnen

  • Die Fähigkeit, Abständigkeit im Denken und Handeln zu erreichen

  • Fähigkeit, Phantasien zu entwickeln

  • Fähigkeit, an der Strukturbildung zu arbeiten

  • Die Fähigkeit, zu managen und zu organisieren

Welche dieser Fähigkeiten müssen Sie bei ihrer Arbeit konkret einsetzen? Bitte

geben Sie Beispiele auch dazu

Fragen zu Thomas K.:

  1. An welche Ressourcen konnte beim Training angesetzt werden, die Thomas K. zu Beginn mitgebracht hat?

  2. Welche Ressourcen konnten bei Thomas K. während dem fortlaufenden Training geweckt werden?

  3. Wie wurde mit Thomas K. gearbeitet um eine positive Arbeitshaltung herauszubilden? (Falls dies in ihrem Aufgabenbereich fällt)

  4. Welche Herausforderungen ergaben sich während dieser Prozesse mit Thomas K.?

  5. Wie wurde nach geeigneten Betriebspraktika für Thomas K. gesucht? (Falls dies in Ihren Aufgabenbereich fällt)

  6. Welche Auswirkungen nahmen Sie bei Thomas K. nach einem solchen wahr?

  7. Inwieweit hat sich Thomas K. weiterentwickelt?

Platz für Anmerkungen jeglicher Art:

Sehr geehrte Frau Müller,

Mein Name ist Baumgartl Stephanie und ich bin eine der BetreuerInnen im Trainingsbereich Wohnen & Freizeit.

Ich schreibe gerade an meiner Bachelorarbeit an der Universität Innsbruck über Lebensweltorientierte Soziale Arbeit und dessen Umsetzung hier bei uns am Lachhof.

Thomas war so freundlich und ließ sich von mir hinsichtlich seines Werdegangs am Lachhof interviewen. Da vor allem auch Sie ein wichtiger Teil in seiner Lebenswelt sind, würde ich mich sehr freuen wenn ich Sie bezüglich folgender Themenbereiche befragen dürfte.

  • Thomas Entwicklung während der Zeit am Lachhof

  • Die allgemeine Zusammenarbeit mit dem Lachhof

Sie können den Fragebogen händisch oder per Computer ausfüllen.

Ich versichere Ihnen, dass die Befragung anonym ist, bei der Ergebnisdarstellung auf Sie keine Rückschlüsse gezogen werden können und die Ergebnisse ausschließlich für meine Bachelorarbeit Verwendung finden!

Weiters bitte Ich Sie den Fragebogen bis spätestens 28. Mai 2012 auszufüllen und mir entweder per Mail stephanie.baumgartl@student.uibk.ac.at oder per Post

Baumgartl Stephanie

Dreiheiligenstraße 3

6020 Innsbruck

zurückzuschicken. Falls Sie sich dazu entschließen den Fragebogen per Post zu schicken, übernehme natürlich ich die Kosten für die Rücksendung.

Ich bedanke mich für ihre Hilfe und verbleibe bis dahin

Mit freundlichen Grüßen

Fragen zur Thomas Entwicklung während der Zeit am Lachhof:

  1. Wie erleben Sie Thomas seit er an der Trainingsmaßnahme am Lachhof teilnimmt? Haben sich Veränderungen ergeben?

  2. Geht Daniel seither anders mit Konflikten um?

Ja

Nein

Falls Ja- Wie äußert sich das?

  1. Würden Sie sagen, dass er nun selbstständiger ist?

Ja

Nein

Falls Ja- Wie äußert sich das?

  1. Inwiefern haben sich die Berufspraktika, die Thomas absolviert hat, auf seine Selbstwahrnehmung ausgewirkt?

  2. Konnten Sie seit dem Angebot des Lachhofs Veränderungen in Thomas Freizeitverhalten erkennen?

  3. Haben sich auch für Sie Herausforderungen ergeben, die mit Thomas Entwicklung am Lachhof zusammenhängen?

  4. Hat sich seit der Trainingsmaßnahme die Beziehung zwischen Ihnen verändert?

Ja

Nein

Falls Ja- Wie?

  1. Glauben Sie Thomas Entwicklungen haben ausschließlich mit der Trainingsmaßnahme am Lachhofs zu tun?

Ja

Nein

Falls Nein- Welche anderen Faktoren waren hilfreich?

Fragen zur allgemeinen Zusammenarbeit mit dem Lachhof:

  1. Wie wurden Sie auf das Angebot des Lachhofs aufmerksam?

  2. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Lachhof?

  3. Hatten Sie während der Trainingsmaßnahme das Gefühl jederzeit Auskunft über Thomas Entwicklung zu bekommen?

  4. Konnten mögliche Probleme, die sich aus Thomas Privatleben ergaben, auch mit der Leitung des Lachhofs besprochen werden? Bot der Lachhof diesbezüglich Hilfe an?

Platz für Anmerkungen jeglicher Art:

Quelle:

Baumgartl Stephanie: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit bei "Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten" - Eine pädagogische Konzeption und ihre Umsetzung am Beispiel des Aufbauwerk der Jugend

Bachelorarbeit am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 14.10.2013

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