Kinder in totalen Institutionen

Der Aufenthalt in der Beobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl und die Auswirkungen auf die Biographien von Menschen mit Lernschwierigkeiten

AutorIn: Birgitta Temmel
Schlagwörter: Kinder, Biografie, Institution, Heim, Gewalt, Österreich, Tirol, Rehistorisierung
Textsorte: Seminararbeit
Releaseinfo: Diese Seminararbeit ist im Rahmen des Proseminars Biographieforschung mit Menschen mit Lernschwierigkeiten in (totalen) Institutionen an der Universität Wien im Sommersemester 2016 entstanden.
Copyright: © Birgitta Temmel 2016

1.Einleitung

Es gab Probleme in Kinder-Heimen in Österreich.

Die Kinder wurden geschlagen und misshandelt.

Aber keiner glaubte was sie erzählten.

Innsbruck ist die Hauptstadt von Tirol.

Dort gab es eine Kinder-Beobachtungs-Station.

Sie gehörte zum Psychiatrischen- Landes-Kranken-Haus.

Die Leiterin der Station hieß: Maria Nowak-Vogl.

Sie war eine Frau mit viel Macht.

Sie hat Haus-Regeln für die Station aufgeschrieben.

Alle mussten sich an diese Haus-Regeln halten.

Diese Haus-Regeln waren sehr, sehr streng.

Die Kinder-Beobachtungs-Station gibt es nicht mehr.

Sie wurde bereits geschlossen.

2. Was wir wissen wollen

Wir wollen wissen,

wie sich die strengen Haus-Regeln auf das Leben von Kindern

in dieser Kinder-Beobachtungs-Station ausgewirkt haben.

3. Lebens-Geschichten erforschen

Seit einigen Jahren interessieren sich Menschen

für das Leben von Kindern in Kinder-Heimen.

Forscher bitten Betroffene

ihre Lebens-Geschichte zu erzählen.

Betroffene sind Menschen,

sie waren als Kinder

auf dieser Kinder-Beobachtungs-Station von Maria Nowak-Vogl.

Betroffene brauchen viel Mut und Kraft

wenn sie ihrer Lebens-Geschichte erzählen.

Das Erforschen von Lebens-Geschichten heißt

Biographie-Forschung.

4. Warum gab es die Kinder-Beobachtungs-Station

Diese Kinder-Beobachtungs-Station wurde gegründet,

um Kindern mit Problemen zu helfen

und ihr Verhalten zu verbessern oder zu heilen.

5. Welche Kinder kamen dorthin

  • Kinder mit auffälligem Verhalten

  • Kinder ohne Vater oder Mutter

  • Kinder aus Pflege-Familien

  • Kinder aus anderen Heimen

  • Kinder mit Schul-Problemen

  • Kinder von Eltern die Hilfe suchen

6. Was passierte auf der Kinder-Beobachtungs-Station

Die Kinder waren viele Wochen

auf der Station bei Maria Nowak-Vogl.

Maria Nowak-Vogl beurteilte diese Kinder.

Sie achtete nicht auf die Erfahrungen

die von den Kindern in der Familie,

am Pflegeplatz oder im Heim gemacht wurden.

Sie beurteilte sehr, sehr streng.

Sie fand bei jedem Kind Fehler.

Sie sagte die Fehler sind Krankheiten,

und bestimmte die Behandlung.

Niemand kontrollierte diese Entscheidungen.

Sie teilte die Kinder in Erziehbare und Nicht-Erziehbare ein.

Nicht-Erziehbare Kinder waren für Maria Nowak-Vogl wertlos.

Sie hat entschieden wo die Kinder leben sollen.

Oft suchte sie billige Heime aus,

dort waren die Kinder schlecht untergebracht.

So half sie der Behörde sparen.

7. Wie war das Leben in der Kinder-Beobachtungs-Station

Die Kinder lebten dort wie in einem Gefängnis.

Die Haus-Regeln bestimmten den Tagesablauf.

Das waren sehr viele Regeln.

An die mussten sich die Betreuer und Kinder halten.

Die Betreuer gaben den Druck an die Kinder weiter.

Das war ein Teil der Heil-Behandlung,

damit sich die Kinder unterordnen und anpassen.

Die Kinder durften keine Entscheidungen treffen.

Ihre persönlichen Sachen wurden ihnen weggenommen

und sie mussten Anstaltskleidung tragen.

Die Kinder wurden wie Dinge behandelt.

Es gab kein Mitgefühl, nur Befehle.

Sie konnten es nie richtig machen.

Protest wurde bestraft, weil sich keiner anders verhalten durfte.

Anpassung wurde bestraft,

weil sie als nicht echt angesehen wurde.

8. Betroffene erzählen

Sie wurden am Dachboden eingesperrt

und von Betreuern immer beobachtet und kontrolliert,

auch mit Kameras und Abhörgeräten.

Das war für die Betroffenen sehr anspannend,

und hat ihnen Angst gemacht.

Die Kinder wurden auch oft getestet

und für falsches Verhalten hart bestraft.

Maria Nowak-Vogl nutzte dafür körperliche Gewalt,

Schocks und Demütigungen.

Einnässen wurde mit langen kalten Duschen behandelt.

Sehr oft gab es ein Redeverbot.

9. Welche Auswirkung hatten die strengen Haus-Regeln

Die strengen Haus-Regeln haben die Kinder traumatisiert

und psychisch schwer gestört.

Im Laufe des Lebens hatten viele Betroffene

körperliche und seelische Schmerzen.

Häufig hatten sie Angstzustände,

Schuldgefühle und Selbstmord-Gedanken.

Viele griffen zu Drogen und Alkohol

oder prostituierten sich.

Nur wenigen gelang eine Ausbildung,

viele konnten kaum arbeiten,

und daher hatten sie wenig Geld.

Ihre sozialen Fähigkeiten haben sehr gelitten.

Ihre Beziehungen zu Partnern und Kindern waren oft schwierig.

Die Betroffenen fühlten sich schlecht

und kämpften ein Leben lang dagegen.

Keiner war froh oder glücklich.

Durch die Behandlung auf der Kinder-Beobachtungs-Station

fühlten sich die Betroffenen wertlos.

Das hat die Betroffenen um viele Lebenschancen gebracht.

Wörterbuch

So geordnet wie die Wörter im Text vorkommen:

Psychiatrisches-Kranken-Haus: Kranken-Haus

Zur Behandlung von psychischen Störungen

und Nerven-Erkrankungen.

Auffälliges Verhalten: Sich anders verhalten

als die meisten Menschen.

Erziehbar: Das Verhalten vom Menschen kann sich ändern.

Nicht-Erziehbar: Das Verhalten vom Menschen ändert sich nicht.

Behörde: Wir meinen hier das Jugendamt.

Heil-Behandlung: Mit der Behandlung

soll das Verhalten geändert werden.

Sie ist absichtlich.

Protest: Nicht das tun was verlangt wird.

Absichtlich etwas anderes machen.

Anpassung: Folgsam sein und nicht widersprechen.

Einnässen: Die Wäsche oder das Bett mit Urin nass machen.

Das passiert nicht absichtlich.

Traumatisieren: Gewalt erleben und dabei in der Seele verletzt werden.

Psychisch gestört: Das sind traumatisierte Menschen,

wenn sich ihr Denken, Fühlen und Verhalten verändert hat.

Prostituieren: Menschen haben Sex,

sie verdienen damit Geld um zu leben.

Soziale Fähigkeiten: Die Art wie wir miteinander umgehen

Und in Kontakt kommen.

Lebenschancen: Das sind die verschiedenen Möglichkeiten

im Leben – einen Beruf zu lernen,

Freunde zu finden,

zu heiraten,

etwas zu besitzen,

auf Urlaub zu fahren.

Quelle

Birgitta Temmel: Kinder in totalen Institutionen – Der Aufenthalt in der Beobachtungsstation von Maria Novak-Vogl und die Auswirkungen auf die Biographien von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Wien 2016.

bidok - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 05.04.2017

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