Zu notwendigen Änderungen in der Hilfe für behinderte Menschen

Schlagwörter: Selbstbestimmung, People First, Gleichstellung
Textsorte: Vortrag
Copyright: © Volker Schönwiese 2009

Kommentar

Etwas gekürzte Fassung des Referates in fast "Leichter Sprache"(LL) bei der Veranstaltung "Auf dem Weg zu einem Tiroler Chancengleichheitsgesetz für Menschen mit Behinderung", Landhaus Innsbruck 28. Jänner 2009; In Annäherung an die "Regeln und Tipps zur leichten Sprache" von Monika Rauchberger & Ulrike Gritsch (WIBS, Innsbruck) aus dem Jahr 2006; Danke an Ulrike Gritsch für die Unterstützung beim Verfassen dieses Textes.

1. Geschichte der Hilfe für behinderte Menschen

Nach dem 2. Weltkrieg war es üblich, dass behinderte Menschen zuhause lebten. Ohne besondere Unterstützung. Oder sie lebten in sehr großen Einrichtungen. Dort wurden sie verwahrt und konnten nicht selbst bestimmen.

Später sollten sie gefördert werden. Das was behinderte Menschen nicht konnten, sollten sie lernen. So wie jemand der krank ist, geheilt wird. Dazu wurden viele Heime und Sonderschulen gebaut. Selbst bestimmen konnten behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene nur sehr wenig.

Später gründeten behinderte Personen Selbsthilfegruppen. Sie sagten, dass sie nicht ins Heim wollen. Sie forderten ein Leben, wie sie selbst wollen. Sie forderten dazu Unterstützung.

Selbsthilfegruppen von Eltern behinderter Kinder forderten Integration. Behinderte Kinder sollten in die gleichen Schulen gehen dürfen, wie andere Kinder.

Auch Fachleute begannen Integration zu fordern. Sie unterstützen auch die Forderung selbst bestimmen zu können. Behinderte Menschen sollten nicht mehr betreut, sondern begleitet und unterstützt werden.

2. Begründungen für heute

Es ist wichtig, dass behinderte Menschen selbst bestimmen.

Das kann heute mit wichtigen Dokumenten begründet werden.

  • Fachleute der Welt-Gesundheits-Organisation haben im Jahr 2001 ein wichtiges Schreiben veröffentlicht. Es heißt ICF und beschreibt Behinderung. Dabei wird Behinderung nicht mit Krankheit gleichgesetzt. Behinderung ist manchmal Folge von Krankheit oder Unfall. Manchmal hat Behinderung gar nichts damit zu tun. Behindert ist, wer viel Unterstützung benötigt. Das Schreiben der Welt-Gesundheits-Organisation sagt, dass Gesundheit viel damit zu tun hat sich wohl zu fühlen. Und an allem teilzunehmen wie alle anderen Menschen auch. Auch behinderte Menschen können aktiv sein und selbst bestimmen.

  • Das andere Dokument ist noch wichtiger. Es stammt von der UN. Das ist ein Treffpunkt an dem Abgesandte aus allen Staaten der Welt zusammenarbeiten. Die UN macht für die ganze Welt Politik. Die UN hat im Jahr 2006 einen Vertrag abgeschlossen. Er heißt: Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Der Vertrag ist auch in Österreich gültig.

In dem Vertrag steht:

Behinderte Menschen haben die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen auch.

Sie dürfen nicht schlechter behandelt werden.

Sie sollen selbst über ihr Leben bestimmen.

Sie sollen die Unterstützung und Hilfen bekommen, die sie brauchen.

Behinderte Menschen sind wichtig.

Sie sollen ernst genommen werden.

Sie sollen überall mitreden können.

Wie alle anderen Menschen auch.

Die Länder sollen besonders auf die Rechte von behinderten Frauen achten.

Behinderte Frauen werden oft doppelt ungerecht behandelt:

Weil sie behindert sind.

Und weil sie Frauen sind.

Sie erleben oft Gewalt.

Deshalb brauchen behinderte Frauen besondere Hilfen.

Auch über behinderte Kinder steht etwas in dem Vertrag:

Sie sollen die gleichen Rechte haben wie alle Kinder.

Viele Menschen haben ein schlechtes Bild über behinderte Menschen im Kopf.

Die Länder müssen das ändern.

Das Fernsehen und die Zeitungen sollen mehr über behinderte Menschen berichten.

Alle Menschen sollen erfahren: Wie leben behinderte Menschen?

Im Teil 19 von dem Vertrag steht auch:

Behinderte Menschen haben das Recht zu wählen, wo sie leben und wohnen möchten. Sie haben ein Recht auf Unterstützung und Begleitung.

3. Was ist Selbstbestimmung

Selbstbestimmung bedeutet:

Selbst entscheiden zu können

Wahlmöglichkeiten zu haben

Am Leben teilzunehmen wie alle anderen Menschen auch

Die Gruppen "Mensch zuerst" (People first) fordern Selbstbestimmung und Unterstützung.

Unterstützerinnen sollen dabei:

  • Informationen geben

  • Helfen Aktivitäten vorzubereiten und nachzubesprechen

  • Sicherheit geben

  • Beraten

  • Bei schwierige Angelegenheiten zu helfen, wie sie angegangen werden können

  • An Termine zu erinnern

  • Zu fragen, welche Hilfen gebraucht werden

  • Ideen und Ratschläge geben

Unterstützerinnen müssen dabei auch Expertinnen sein. Die Einrichtungen, von denen behinderte Menschen die Unterstützerinnen bekommen, müssen die Forderungen ernst nehmen. Das Geld sollen die behinderten Personen selbst bekommen. Sie entscheiden, welche Einrichtungen oder Unterstützerinnen sie damit bezahlen.

Das nennt sich "Persönliches Budget" und wird in vielen Ländern ausprobiert.

4. Politik

Politiker verstehen manchmal nicht, dass wir selbtbestimmt Leben wollen. Das macht sie ratlos. Manche Politiker sind ganz dagegen. Sie fürchten dies ist zu teuer.

5. Geld

Wir haben ein Recht auf Selbstbestimmung.

Manche sagen, dass Selbstbestimmung mehr kostet. Deshalbist es auch wichtig, wenn gut nachgerechnet wird.

Dabei muss aber folgendes berücksichtigt werden:

Wenn wir Geld von Großeinrichtungen zu kleinen umverteilen, die uns unterstützen, dann braucht es nicht unbedingt soviel zusätzliches Geld.

Dafür gibt es sogar Beweise:

Forscher haben herausgefunden, dass es besser und billiger ist zuhause zu wohnen. Und dass es schlechter und teurer ist, in großen Heimen zu wohnen. Die Forscher haben das in 28 Ländern in Europa herausgefunden.

Wenn wir lernen selbstbestimmt zu leben, braucht es auch weniger Unterstützung von Einrichtungen. Langfristig spart das Geld.

Selbstbestimmung hilft auch den Eltern, Geschwistern und Freunden, da sie nicht belastet werden. Das verhindert viele Probleme.

Mit dem Geld, das die Unterstützerinnen bekommen, kaufen sie sich, was sie benötigen. Das hilft der Wirtschaft.

Ein anderes positives Beispiel:

In Kanada wurde eine Studie gemacht. Die Gesundheit von behinderten Kindern in Sonderschulen wurde untersucht. Die Gesundheit von behinderten Kindern in gemeinsamen Schulen von behinderten und nichtbehinderten Kindern wurde untersucht.

Das Ergebnis:

Die behinderten Kinder, die mit nichtbehinderten spielten und lernten, waren gesünder.

6. Einrichtungen zur Unterstützung

Im Jahr 1990 - also vor 19 Jahren - haben behinderte Personen gemeinsam mit Politkern und Fachleuten einen Bericht erstellt. Es ging um die Unterstützung für behinderte Personen. Der Bericht wurde dem Parlament übergeben.

Darin stand auch, dass

  • das nötige Geld direkt an die behinderten Personen ausgezahlt werden soll,

  • dass es den wirklichen Bedarf abdecken soll,

  • dass behinderte Personen durch behinderte Personen geschult werden sollen Unterstützerinnen anzuleiten

  • dass es auch ausgebildete Unterstützerinnen braucht, und

  • dass die Arbeitsbedingungen gut geregelt sein müssen

In einen Kapitel über Großheime steht:

Großheime sind Heime für mehr als 30 Personen.

Solche Großheime sollen oder dürfen nicht mehr neu gebaut werden.

Bei Neueinrichtung sollen nur Wohngruppen eingerichtet werden.

Es soll ein Zeitpunkt festgelegt werden, ab dem niemand mehr in einem Großheim aufgenommen werden darf.

Für ein neues Gesetz in Tirol ist es wichtig Hinweise zu geben, wie Einrichtungen arbeiten sollen.

Beispiele sind:

  • Statt Beschäftigungstherapie mit Taschengeld: Anstellung

  • persönliche Zukunftsplanung

  • Unabhängige Selbstvertretung in Einrichtungen, wie WG-Sprecherinnen, Werkstatträte

  • Behinderte beraten Behinderte

  • Angebote für begleitetes Wohnen, Freizeit

  • Beratung für Freundschaft, Beziehung, Sexualität

  • Begleitung für Schule und Ausbildung/Fortbildung

Ein neues Tiroler Gesetz soll auch bestimmen können, welche Einrichtungen es in Tirol gibt. Einrichtungen, die nur verwahren, soll es nicht mehr geben. Die Politik soll nicht Geld streichen. Die Politik soll in die richtige Richtung steuern.

7. Grundsätze

die in einem Gesetz umgesetzt werden sollten.

Zuerst kommt ein Satz in schwerer Sprache, dann wird er erklärt:

• Grundsatz: ambulant vor stationär.

Das meint:

Solange jemand in seiner eigenen Wohnung leben kann, soll er dort leben können. Das soll auch so sein, wenn er oder sie dazu Unterstützung braucht.

• Rechtsanspruch auf bedarfsgerechte, einkommensunabhängige Persönlichen Assistenz zur Erlangung einer selbstbestimmten Lebensführung, im Sinne der Rechtssicherheit und der Wahlfreiheit.

Das meint:

Alle Menschen mit Behinderung sollen AssistentInnen bekommen, wenn sie das wollen. Sie sollen so viel Assistenz bekommen wie sie brauchen. Das Land soll die Assistenz bezahlen. Das ist wichtig, weil nur mit Assistenz Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben können. Jeder Mensch soll wählen können, ob er oder sie in ein Heim will oder lieber AssistentInnen haben will. Das was er oder sie möchte soll dann auch geschehen.

• Möglichkeit der Gewährung eines trägerübergreifenden Persönlichen Budgets.

Das meint:

Behinderte Männer und Frauen sollen das Geld selbst bekommen.

• Einrichtung von unabhängigen Interessenvertretung(en) in den Einrichtungen der Behindertenhilfe.

Das meint:

Es ist wichtig, dass es Werkstatträte und Wohnheimräte gibt. Die müssen Unterstützung bekommen, damit sie gut arbeiten können. Damit sich auch alle Menschen in den Heimen alles sagen trauen, müssen die Werkstatträte und Wohnheimräte von "fremden" SelbstvertreterInnen und UnterstützerInnen unterstützt werden.

• Objektiviertes Verfahren zur Bedarfserhebung (Assistenz- / Zukunftskonferenz).

Das meint:

Nicht nur Ärzte sollen entscheiden, wie viel Assistenz und Unterstützung jemand braucht. Verschiedene Personen sollen gemeinsam mit der behinderten Person beschreiben, was benötigt wird.

• Bedarfserhebung entkoppelt von Entscheidung.

Das meint:

Die Leute, die helfen den Bedarf an Assistenz zu beschreiben sollen nicht entscheiden, wie viel Unterstützung jemand bekommt. Es ist wichtig, dass das verschiedene Leute sind. Jeder soll unabhängig sein.

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Quelle:

Volker Schönwiese: Zu notwendigen Änderungen in der Hilfe für behinderte Menschen

© Volker Schönwiese 2009

bidok - Internetvolltextbibliothek. Wiederveröffentlichung im Internet.

Stand: 24.03.2009

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