3 lange, spannende und abwechslungsreiche Jahre - Meine Lehre zum Bürokaufmann

AutorIn: Reinhard Köbler
Schlagwörter: Arbeit, Teilqualifizierung
Textsorte: Artikel
Copyright: © Reinhard Köbler 2010

3 lange, spannende und abwechslungsreiche Jahre - Meine Lehre zum Bürokaufmann

Vorstellung

Mein Name ist Reinhard Köbler und ich bin 27 Jahre alt.

Mir passiert es immer wieder,

dass ich Buchstaben und Zahlen verdrehe oder verwechsle.

Auch mit dem Wiederfinden und Ordnen von Dingen habe ich so meine Probleme.

Für manche Dinge brauche ich etwas länger und auch Unterstützung.

So hat alles angefangen

Seit 2003 arbeite ich bei Wibs.

Wibs heißt: Wir informieren, beraten und bestimmen selbst.

Dort berate ich andere Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Das nennt man Peer Counseling.

Also Menschen mit Lernschwierigkeiten beraten Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Im Jahr 2005 war ich einmal arbeitslos.

In dieser Zeit habe ich mir überlegt,

was ich in Zukunft arbeiten möchte.

Von KollegInnen von Selbstbestimmt Leben habe ich erfahren,

dass auch Menschen mit Lernschwierigkeiten eine Berufsausbildung machen können.

Die Idee hat mir gefallen.

Ich habe entschieden,

dass ich Bürokaufmann werden will.

Denn dieser Beruf hat mich am meisten interessiert und paßt am besten zu mir.

Es gab aber auch noch andere Berufe aus denen ich auswählen hätte können.

Zum Beispiel:

Koch oder Kellner.

Doch diese Berufe haben mir nicht gefallen.

Dann musste ich mich erkundigen,

wie ich diese Ausbildung machen kann.

Ich habe mich bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck über persönliche Assistenz am Arbeitsplatz erkundigt.

Auch die MitarbeiterInnen von der Arbeitsassitenz Tirol haben mir viele Informationen gegeben und sehr geholfen.

Bei der Arbeitsassistenz Tirol habe ich auch erfahren,

welche Möglichkeiten ich habe.

Ich konnte zwischen einer verlängerten Lehre und einer Teilqualifizierungslehre wählen.

Wenn man eine verlängerte Lehre macht,

muss man das Gleiche lernen wie die SchülerInnen ohne Behinderung.

Man muss alle Unterrichtsfächer besuchen und die Prüfungen dafür bestehen.

Dafür hat man aber 1 Jahr länger Zeit als die "normale" Lehre dauert.

Die "normale" Lehre dauert 3 Jahre.

Die verlängerte Lehre dauert 4 Jahre.

Bei der Teilqualifizierungslehre muss man nicht alles lernen.

Man lernt nur einen Teil des Berufs.

Die Fächer werden dort ausgewählt, wo man seine Stärken hat.

Zum Beispiel:

Wenn man nicht gut rechnen kann,

dann kann man das Fach Mathematik streichen.

Ich habe mich für eine Teilqualifizierungslehre entschieden.

Doch bevor ich beginnen konnte,

musste ich noch ein paar Dinge erledigen.

Zum Beispiel habe ich mir eine Lehrstelle suchen müssen.

Da hatte ich Glück, denn das Projekt Wibs ging weiter.

Und nach einigen Gesprächen mit dem Geschäftsführer war klar,

dass ich dort meine Lehre machen konnte.

Das war ein super Gefühl.

Und trotzdem hatte ich auch das Gefühl ins kalte Wasser zu springen.

Ich wußte ja nicht genau was auf mich zukommt.

Das Clearing

Eine Voraussetzung für die Teilqualifizierungs-Lehre ist ein Clearing.

Clearing ist Englisch und heißt so viel wie:

etwas klären, sich klar über etwas werden.

Das Clearing soll dabei helfen herauszufinden,

was man gerne machen möchte.

Das Clearing muss man immer machen.

Auch ich musste das Clearing machen.

Obwohl ich schon wusste dass ich Bürokaufmann werden will.

Bei einem Clearing sucht man nach den Stärken und Fähigkeiten.

Gemeinsam mit einer ArbeitsassistentIn überlegt man,

welche Dinge man gerne macht und welche Arbeit man haben möchte.

Alle wichtigen Personen aus meinem Umfeld wurden miteinbezogen.

Zum Beispiel:

Meine Mutter, meine Ergotherapeutin, mein Betreuer von der Arbeitsassistenz, mein Chef und die Projektleiterin von Wibs.

Sie alle waren mein Unterstützerkreis.

Gemeinsam haben wir erarbeitet wer mich wo auf meinem Weg zum Lehrabschluss unterstützt.

Am Anfang war ich unsicher und nicht begeistert von dem Clearing.

Das war so, weil ich ja schon einen Ausbildungsplatz hatte und auch wußte,

welche Arbeit ich will.

Aber jetzt muss ich sagen, es ist gut zu wissen,

woher man Unterstützung bekommt.

Der Lehrvertrag

Nach dem Clearing war es dann so weit,

ich konnte meinen Lehrvertrag unterschreiben.

Das fand ich ziemlich aufregend.

Von diesem Moment an war ich ein richtiger Lehrling,

mit allen Rechten und Pflichten.

Und das für 3 lange, spannende und abwechslungsreiche 3 Jahre!

Zu meinen Pflichten als Lehrling gehörte,

dass ich in die Berufsschule gehen musste.

Es hat auch bedeutet,

dass ich nur noch ein Lehrlingsgehalt bekommen habe.

Da musste ich mich ziemlich einschränken.

Aber immerhin war es mehr als man in einer Beschäftigungstherapie Taschengeld bekommt.

Die Berufsschule

Wie gesagt,

als Lehrling hatte ich die Pflicht in die Berufsschule zu gehen.

Ich habe schon 2 Personen gekannt,

die auch eine Teilqualifizierungslehre gemacht haben.

Das war gut für mich.

Denn von ihnen konnte ich mir Tipps holen.

Ich konnte mir schon vor Schulbeginn ihre Schulsachen ausleihen.

So hatte ich eine Ahnung,

was in den 3 Jahren auf mich zukommt.

Und das war eine Menge.

In meiner Klasse waren wir insgesamt 5 SchülerInnen,

die eine Teilqualifizierungslehre gemacht haben.

Wir SchülerInnen mit Lernschwierigkeiten konnten einen Tag vor Schulbeginn in die Schule kommen.

So hatten wir die Gelegenheit,

die neue Schule etwas zu beschnuppern.

Bei diesem Schnuppertag lernten wir auch die LehrerInnen kennen.

Gemeinsam mit ihnen mussten wir ein Meldeblatt ausfüllen.

Sehr seltsam war,

dass wir auf diesem Zettel die Namen unserer gesetzlichen VertreterInnen eintragen mussten.

Das war echt komisch für mich,

weil ich doch schon 22 Jahre alt war.

Also schon längst volljährig!

Aber dieses Thema kam in den 3 Jahren noch öfter vor.

Im 1. Lehrjahr bin ich jede Woche 1 halben und 1 ganzen Tag in die Berufsschule gegangen.

Ich habe diese Fächer gehabt:

Englisch, Buchhaltung, Wirtschaftskunde mit Schriftverkehr, Büroorganisation, Textverarbeitung, politische Bildung und kaufmännisches Rechnen.

Die Schule war eine Herausforderung für mich.

Es war ungewohnt für mich,

dass Andere wieder sagen was ich tun soll.

In der Arbeit kann ich immer mitentscheiden.

In der Schule war das aber nicht so.

Es war auch eine Herausforderung für die LehrerInnen uns da abzuholen, wo wir standen.

Denn jede und jeder von uns hatte ein anderes Wissen.

Das war für manche LehrerInnen leichter und für andere schwerer.

Das ist jedenfalls mein Eindruck.

Alle gemeinsam mussten wir lernen,

mit unseren unterschiedlichen Lernschwierigkeiten umzugehen.

Das hat allen Beteiligten viel Energie gekostet.

Mir ist aufgefallen,

dass die LehrerInnen erst lernen mussten,

uns nicht wie Kinder zu behandeln.

Sie mussten lernen,

uns den Stoff Schritt für Schritt beizubringen.

Wir mussten lernen nachzufragen,

ob wir die Dinge auch richtig verstanden haben.

Bilder und Beispiele haben das Lernen für mich einfacher gemacht.

In der Schule gab es einen Lehrer,

der nur für uns SchülerInnen von der Teilqualifizierungslehre da war.

Seine Aufgabe war es,

uns bei Problemen in der Schule zu unterstützen.

Zum Beispiel dann,

wenn eine LehrerIn ein Problem mit uns hatte.

Wenn das Problem mit der Lernschwierigkeit zu tun hatte,

dann war es seine Aufgabe noch einmal zu erklären,

wie man etwas einfacher machen könnte.

Oder darauf zu schauen,

wie man etwas anders erklären könnte.

Es war hilfreich für mich zu wissen,

dass ich nicht alleine bin.

Zum ersten Mal wurde mir klar,

dass ein Unterstützerkreis echt wichtig ist.

Wann immer ich etwas gebraucht habe,

wusste ich, an wen ich mich wenden konnte.

Da war zum Beispiel meine Ergotherapeutin.

Sie war echt wichtig und hilfreich.

Nicht nur für mich.

Sie hat nicht nur mich,

sondern auch meine ArbeitgeberInnen, die Schule und auch meine Familie unterstützt.

Besonders am Arbeitsplatz hat ihre Arbeit Spuren hinterlassen.

Durch meine Lernschwierigkeit ist es nämlich schwer für mich, Dinge zu ordnen und zu planen.

Mit Hilfe meiner Ergotherapeutin haben ich und meine ArbeitskollegInnen viel dazu gelernt.

Gemeinsam haben wir einen Weg gefunden,

der mir dabei hilft, Dinge zu planen und sie zu ordnen.

Auch wenn ich das nicht gerne sage, muss ich doch zugeben,

dass Ordnung wichtig und nützlich ist.

Während der Schulzeit hat mich auch ein Nachhilfelehrer begleitet.

Er hat versucht, mir Mathematik und kaufmännisches Rechnen beizubringen.

Das war eine wirklich energieraubende Zeit.

Das kaufmännische Rechnen habe ich nach einiger Zeit aufgegeben.

Das Problem dabei war meine Lehrerin in der Berufsschule.

Sie konnte meine Schwierigkeiten nicht verstehen.

Neue Wege schienen für sie nicht möglich.

Sie dachte in Schubladen, und ich passte in keine wirklich hinein.

Das war das Ende meines Erfolgs beim kaufmännischen Rechnen.

Der Alltag im Büro

Leichte Sprache und Ö-Norm - wie passt denn das zusammen?

Für mich war der Unterschied zwischen Lehre und Büro oft sehr schwer.

Vor allem bei der Textverarbeitung.

In der Schule mussten wir die Texte in "Ö-Norm" schreiben.

Ö-Norm ist ein schweres Wort.

Ö-Norm ist eine Abkürzung für österreichische Regeln für Texte.

Es gibt also Regeln,

wie man zum Beispiel einen Brief schreiben muss.

Nur leider sind das nicht die gleichen Regeln wie bei der leichten Sprache.

Und das war mein Problem.

Bei der Arbeit habe ich versucht die Ö-Norm einzubringen.

Und in der Schule wollte ich den LehrerInnen und SchülerInnen über leichte Sprache erzählen.

Ich möchte mich hier noch einmal bei allen Beteiligten,

vor allem bei meinen UnterstützerInnen von Wibs entschuldigen.

Sollte ich euch tatsächlich mit der Ö-Norm genervt haben,

dann tut mir das leid.

Sonst war der Unterschied zwischen Schule und Büroalltag gar nicht so groß.

Im Büro konnte ich mein Wissen über Rechnungswesen und Buchhaltung ausprobieren.

Auch die Büroorganisation konnte ich im Büro üben.

Das war wirklich hilfreich für mich.

In der Schule habe ich gehört, wie es geht.

Im Büro konnte ich es dann ausprobieren und üben.

Eigentlich vergingen die 3 Jahre wie im Flug.

Die Lehrabschlussprüfung

Damit ich die Lehre auch wirklich abschließen konnte,

musste ich eine Lehrabschlussprüfung machen.

Schon vor der Prüfung habe ich die PrüferInnen und den Ort der Prüfung kennen gelernt.

Das war eine kleine Erleichterung für mich.

Meine Ergotherapeutin, meine Arbeitsassistentin, meine Mutter und meine KollegInnen im Büro haben mich bei der Vorbereitung auf die Prüfung unterstützt.

Sie haben mit mir geübt.

Sie haben mich geprüft.

Sie haben mich beruhigt und mir Mut gemacht.

So konnte der große Tag dann kommen.

Am 14. April 2009 war es dann so weit.

Die Prüfung war in der Wirtschaftskammer.

Bei einer Teilqualifizierungslehre werden natürlich nur die Fächer geprüft, die man am Anfang der Lehre festgelegt hat.

Meine Arbeitsassistentin hatte die Aufgabe zu schauen,

dass auch wirklich nur diese Teile geprüft werden.

Deswegen war sie auch bei der Prüfung dabei.

Die Prüfung besteht aus 2 Teilen.

Der 1. Teil der Prüfung war ein Prüfungsgespräch.

Die PrüferInnen haben mir ziemlich viele Fragen gestellt.

Zum Beispiel:

Wie ist der Betrieb aufgebaut?

Wie viele Leute arbeiten da?

Welche Angebote hat der Betrieb?

Wie viele KundInnen hat der Betrieb?

Die PrüferInnen haben mir auch Fragen zu den Schulfächern gestellt.

Das Prüfungsgespräch hat ungefähr 1 Stunde gedauert.

Danach kam der 2. Teil.

Die schriftliche Prüfung.

Und da war sie wieder:

Die Ö-Norm.

Ich musste zum Beispiel eine Einladung nach den Regeln der Ö-Norm

schreiben.

Die schriftliche Prüfung hat etwas mehr als 1 Stunde gedauert.

Danach hieß es für mich warten.

Ehrlich gesagt fand ich,

das war das Schlimmste an der ganzen Prüfung.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich warten musste.

Aber irgendwann war das Warten dann vorbei.

Ich musste in einen Raum gehen.

Da haben die PrüferInnen auf mich gewartet.

Das war ein aufregender Moment für mich.

Ich war total nervös.

Doch dann kam die Erlösung:

Ich habe die Prüfung bestanden!

Das war ein super Gefühl.

Ich bekam auch gleich mein Abschlusszeugnis.

Jetzt hatte ich es schwarz auf weiß.

Ich bin ein Bürokaufmann!

Und meine Lehrzeit war zu Ende.

Was ich noch sagen möchte:

Mir ist noch wichtig zu sagen,

dass ich von diesen 3 Jahren eine Menge mitgenommen habe.

Zum Beispiel weiß ich jetzt, wie wichtig gute Unterstützung ist.

Man muss nur genug Mut haben,

die Unterstützung auch anzunehmen.

Ich weiß, dass das nicht so einfach ist.

Ich bin mir sicher,

dass alle Menschen mit Behinderung mit der richtigen Unterstützung ihre Ziele erreichen können.

Ich habe mein Ziel, die Lehre erfolgreich abzuschließen, erreicht.

Und Sie können das auch!

Sie müssen sich das nur zutrauen!

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Quelle:

Reinhard Köbler: Meine Lehre

© Reinhard Köbler 2010

bidok - Internetvolltextbibliothek. Erstveröffentlichung im Internet.

Stand: 24.05.2011

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