Tschick

Schlagwörter: Jugendliche, Erfahrungsbericht, Schule, Familie, Soziale Herkunft
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Herausgegeben vom Spaß am Lesen Verlag
Copyright: Spaß am Lesen Verlag 2013

Informationen von bidok

Tschick ist ein Buch.

Nun gibt es das Buch in einfacher Sprache.

In unserer Bibliothek können Sie in das Buch hinein-lesen.

Sie finden hier die ersten Seiten vom Buch.

Das ganze Buch können Sie für 10 Euro bestellen.

Hier können Sie das Buch bestellen:

http://einfachebuecher.de/epages/95de2368-3ee3-4c50-b83e-c53e52d597ae.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/95de2368-3ee3-4c50-b83e-c53e52d597ae/Products/978-3-944668-03-1

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Das Buch ist vom Spaß am Lesen Verlag.

Schwierige Wörter oder Ausdrücke sind fett geschrieben.

Die Erklärungen stehen in der Wörterliste am Ende des Buches.

Tschick

Hi! Ich bin Maik. Maik Klingenberg. Ich bin 14 und

wohne in Berlin. Da geh ich auf ein Gymnasium,

in die achte Klasse. Ich bin ganz gut in der Schule.

Besonders in Deutsch, Sport und Kunst. In Mathe

nicht so.

Nach den Osterferien brachte unser

Geschichtslehrer einen neuen Schüler in die

Klasse. Unser Geschichtslehrer hieß Wagenbach.

Wagenbach war ein guter Lehrer. Nicht so dumm

wie die meisten anderen. Aber Wagenbach war

auch ein echt strenges Arschloch. Da redete man

lieber nicht, da machte man besser keinen Scheiß.

Der neue Schüler hieß Tschick. Tschick kam aus

Russland und lebte seit vier Jahren in Deutschland.

Er wohnte in einem dieser hässlichen Hochhäuser.

Weil er arm war. Das sah man auch. Tschicks

Klamotten waren alt, dreckig und zerrissen. Und sie

waren billig gewesen.

Tschick sprach langsam und hatte eine komische

Aussprache. Eigentlich sprach er ja russisch.

Er wirkte immer müde und abwesend. Man hatte

den Eindruck, er bekommt nicht viel mit.

Aber Tschick war nicht doof.

Er war zuerst auf die Förderschule gegangen. Und

jetzt war er auf dem Gymnasium. Er hatte sehr

schnell Deutsch gelernt. Das schaffte man nur,

wenn man schlau war. Und fleißig. Wagenbach

sagte: „Ich finde das sehr ungewöhnlich. Und

bewundernswert!“ Tschick fand das nicht.

Tschick saß ganz hinten in der Klasse. Und obwohl

ich weiter vorn saß, konnte ich es riechen. Tschick

stank nach Alkohol. Nicht jeden Tag. Aber oft. Ich

wusste, wie das roch. Wie es stank. Weil meine

Mutter auch Alkohol trank. Viel Alkohol. Sie war

Alkoholikerin.

Tschick machte im Unterricht nicht mit. Wenn ein

Lehrer ihn was fragte, sagte er: „Ja“ oder „Nein“

oder „Weiß nicht“. Er störte aber auch nicht. Tschick

hatte keine Freunde und er suchte auch keine.

Nach ein paar Wochen gab es die erste Mathearbeit

zurück. Ich schaffte eine Zwei minus, Tschick hatte

eine Sechs. Herr Strahl, der Mathelehrer, stand

vor Tschick und sprach mit ihm darüber. Tschick

guckte ihn nicht an. Er nickte nur und kaute sein

Kaugummi. Das tat er immer, wenn er gesoffen

hatte. Damit er nicht so stank. Und dann passierte

es: Tschick war so besoffen, dass er vom Stuhl kippte

– genau vor Strahls Füße!

Das war auch der Grund für die Sechs. Tschick hatte

die Mathearbeit besoffen geschrieben. Bei der

nächsten Arbeit war er nüchtern. Und er schrieb

eine Zwei. Dann war er wieder besoffen und bekam

eine Fünf.

Die Lehrer konnten es kaum glauben. Sie sprachen

ein paarmal mit Tschick. Sie sagten, er sei doch

klug. Er könne doch gute Noten haben. Aber er

dürfe nicht mehr betrunken zur Schule kommen.

Die Gespräche halfen. Tschick war immer seltener

besoffen, und seine Noten wurden auch besser.

Tatjana

In meiner Klasse war ein Mädchen, das hieß

Tatjana. Tatjana war das schönste Mädchen auf

der Welt. Alles an ihr war super. Ihr Aussehen. Ihre

Stimme. Ihr Lachen. Ihre Haare. Einfach alles. Ihr

könnt euch denken: Ich war wahnsinnig verknallt

in sie. Sie aber nicht in mich. Auch klar. Weil ich ein

totaler Langweiler bin. Eine richtige Schlaftablette.

Und ein Feigling bin ich auch.

Tatjana hatte bald Geburtstag. In den

Sommerferien. Sie wurde 14 und wollte groß feiern,

mit Übernachtung und allem. Und alle sollten

eingeladen werden.

Die ganze Klasse sprach davon, schon Wochen

vorher. Ist ja klar, dass ich wahnsinnig aufgeregt

war. Ich dachte nur noch über ein Geschenk für

Tatjana nach. Sie fand Beyoncé toll, und da kam

mir die Idee: Ich wollte ein Bild von Beyoncé für sie

zeichnen!

Ich konnte ja nicht viel, aber zeichnen konnte

ich. Ich zeichnete mein Bild nach einem Foto von

Beyoncé. Ich zeichnete wochenlang und gab mir

wirklich Mühe. Und das sollte man auch sehen.

Tatjana sollte sehen, wie verknallt ich in sie war.

Nach vier Wochen war ich fertig. Meine Beyoncé

sah super aus, fast wie auf dem Foto. Und ich hatte

ihr Tatjanas Augen verpasst.

Jetzt fehlte mir nur noch eine Einladung.

Hoffentlich bekam ich eine! Tatjana verteilte sie am

letzten Schultag. Ich wartete bis zur letzten Stunde,

bis nach den Zeugnissen. Aber ich bekam keine.

Tschick auch nicht. Und der Nazi aus unserer Klasse

auch nicht. Klar: Langweiler und Asis waren nicht

eingeladen.

Maik und Tschick

Nach der Schule sprach mich Tschick an. Wir

hatten noch nie miteinander geredet. Und ich

glaube, er hatte auch noch nie jemanden vor mir

angesprochen. Tschick hatte keine Freunde in der

Klasse, und er hatte auch keine gesucht. Bislang

jedenfalls.

„Geile Jacke“, sagte er. „Ich kauf sie dir ab.“

„Das ist meine Lieblingsjacke“, antwortete ich. „Die

verkauf ich nicht.“

Es war wirklich meine Lieblingsjacke. Sie war

schwarz und hatte auf der Brust einen weißen

Drachen. Das sah total billig aus, und die Jacke war

auch tatsächlich billig gewesen. Aber es sah auch

toll aus. Und gefährlich.

Ich dachte: Mit der Jacke sieht man nicht gleich,

wo ich herkomme. Ich meine, aus einer reichen

Gegend. Und ich dachte: Mit der Jacke sieht man

nicht gleich, dass ich feige bin. Und wehrlos. Sie war

ein Schutz für mich. Eine Verkleidung, in der ich

mich sicherer fühlte.

„Nerv ich dich?“, fragte Tschick. „Dann sag

Bescheid!“

Ja klar, dachte ich. Und dann krieg ich eine in die

Fresse, oder was?

„Bist du sitzen geblieben?“, fragte Tschick weiter.

„Nein“, antwortete ich.

„Ich frag nur, weil du so mies aussiehst.“

Na klar, ich sah traurig aus. Ich war sogar richtig

unglücklich. Ich hatte schließlich keine Einladung

bekommen.

„Und was machst du jetzt?“, fragte Tschick.

„Ich geh nach Hause.“

„Und dann?“

„Weiß nicht.“

Tschick ging weiter neben mir her, sagte aber

nichts. Ich auch nicht. Dann kamen wir zu

den Hochhäusern, wo Tschick wohnte. Wir

verabschiedeten uns und Tschick ging nach Hause.

Ich fand ihn ganz nett.

Allein zu Hause

Ich war wieder zu Hause. Wir hatten jetzt

Sommerferien, und ich sah Tatjana sechs Wochen

nicht. Wie sollte ich das bloß aushalten?

Ich nahm meine Beyoncé-Zeichnung und schaute

sie lange an. Dann zerriss ich sie langsam. Als der

Riss an Beyoncés Stirn war, fing ich an zu heulen.

Es klingelte an der Tür. Es war das Taxi für meine

Mutter. Sie musste wieder in die Entzugsklinik.

Diesmal für vier Wochen. Um vom Suff

wegzukommen.

„Los, geh rauf und sag deiner Mutter Bescheid!“,

schnauzte mich mein Vater an. Meine Mutter war

im Schlafzimmer. Sie saß im Pelzmantel da und

war betrunken. Ich half ihr auf und trug den Koffer

runter. Mein Vater brachte sie zum Taxi.

Als sie weg war, kam er zu mir. Er hatte diesen

Gesichtsausdruck, der so viel bedeutete wie: Ich bin

dein Vater und ich muss mit dir sprechen. Über was

Wichtiges.

Er war schon einmal mit diesem Gesichtsausdruck

zu mir gekommen. Als unsere Haustiere und meine

Schildkröte verschwunden waren.

Er hatte sie verschwinden lassen. Angeblich wegen

einer Allergie. Ich glaube, er hat sie umgebracht.

Er kam also zu mir und sagte: „Ich muss dich zwei

Wochen allein lassen, ist was Geschäftliches. Ich

geb dir 200 Euro, und mach keinen Scheiß! Hörst

du? Wenn du Scheiß machst, gibt es richtig Ärger!“

Es klingelte. Diesmal war es Mona. Sie war eine

Mitarbeiterin meines Vaters. Und seine Freundin.

Mein Vater ging fremd mit Mona. Meine Mutter

wusste das. Und ich glaube, sie ging auch fremd.

Mona sah super aus und lachte die ganze Zeit.

Und sie war nur ein paar Jahre älter als ich. 19

oder so. Jedenfalls holte Mona meinen Vater ab.

Sie hatte ganz kurze und enge Sachen an. So, dass

man alles sehen konnte. Das wurde sicher keine

Geschäftsreise. Die beiden fuhren zusammen in

Urlaub.

Zum Abschied ermahnte mich mein Vater noch

mal, dass ich bloß keinen Scheiß machen soll. Dann

nahm er seinen Koffer, legte den Arm um Mona, und

weg waren sie.

Ich knallte die Tür hinter ihnen zu und fing wieder

an zu heulen.

Wörterliste

Förderschule

Schule für Kinder, die mehr als andere Kinder unterstützt werden

müssen.

Beyoncé

Beyoncé Knowles (geboren 1981). Beyoncé ist eine amerikanische

Sängerin.

Nazi

Kurz für Nationalsozialist, ein Anhänger des Nationalsozialismus.

Eine in die Fresse kriegen

Ins Gesicht geschlagen werden.

Sitzen bleiben

Hier nicht in die nächste Klasse versetzt werden.

Heulen

Hier weinen.

Entzugsklinik

Ein besonderes Krankenhaus für Menschen, die süchtig nach

Alkohol sind.

Anschnauzen

Unfreundlich und in scharfem Ton mit jemandem reden.

Allergie

Eine krankhafte Reaktion des Körpers auf bestimmte Stoffe. Wer

eine Allergie hat, bekommt zum Beispiel Hautausschlag, Atemnot

oder muss oft niesen.

Quelle

Wolfgang Herndorf: Tschick. Spaß am Lesen Verlag. Münster 2013.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 12.09.2016

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