Die Behinderung wird zu einer Variation menschlichen Daseins auf der individuellen Ebene

Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 6/2000; Reha Druck Graz S. 21-26 Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (6/2000)
Copyright: © Götz Kaschubowski 2000

Die Behinderung wird zu einer Variation menschlichen Daseins auf der individuellen Ebene

Ein Gespräch mit Herrn Dr. Kurt Jacobs, Professor für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der beruflichen Rehabilitation und Integration am Institut für Sonder- und Heilpädagogik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt a.M.

Professor Dr. Jacobs bietet seit etwa 20 Jahren am Institut für Sonder- und Heilpädagogik der Universität Frankfurt Seminare zur anthroposophischen Heilpädagogik an. Daneben vergab er an angehende Sonderschullehrer und Diplompädagogen eine Reihe von wissenschaftlichen Hausarbeiten, die diesen thematischen Schwerpunkt hatten.

Wann hatten Sie Ihre ersten Kontakte zur anthroposophischen Heilpädagogik?

Das liegt sehr weit zurück, in der Mitte der 70er Jahre. Ich habe die Kontakte bekommen über meine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Autismus. Damals war das noch ein junges Forschungsgebiet in der bundesdeutschen Sonderpädagogik. Ich las damals einen interessanten Bericht - wo ist mir verlorengegangen - , dann habe ich im Rahmen des Regionalverbandes Rhein-Main des Bundesverbandes Hilfe für das autistische Kind zwei Elternpaare kennengelernt, die ihr Kind in der anthroposophischen Heimsonderschule Brachenreuthe in Überlingen am Bodensee betreuen ließen. Das war die erste Einrichtung dieser Art, die mir bekannt wurde. Die Erfolge, die dort in der Arbeit mit den Kindern erzielt wurden, haben mich neugierig gemacht. Ich lernte dann 1976 auf einer Fachtagung des Verbandes den damaligen Heimarzt Dr. Müller-Wiedemann kennen, mit dem ich am Rande des Kongresses sehr angeregte Unterhaltungen führte. Er lud mich ein, doch einmal mit einer studentischen Gruppe nach Brachenreuthe zu kommen. Von da an fuhr ich in unregelmäßigen Abständen mehrmals zu Exkursionsseminaren in diese Einrichtung. Wir sind in kleinen Gruppen von max. 20 Personen für jeweils eine Woche an den Bodensee gefahren. Zuvor fand stets ein intensives Einführungsseminar zur anthroposophischen Heilpädagogik statt.

Wie haben Ihre Studenten die geisteswissenschaftlich fundierte Arbeit dort erlebt? Ihre eigene Ausbildung, die sich in erziehungswissenschaftlichen Begriffen - in Frankfurt mit einem psychoanalytischen Schwerpunkt - bewegte, traf dort auf eine ganz andere Betrachtungsweise von Behinderung, die sich ihnen doch sicher nicht so einfach erschlossen hat.

Zunächst war die Neugier bei den Studenten und der Wunsch nach heilpädagogischer Praxis sehr groß. Daran hat unsere Ausbildung immer sehr stark gelitten, dass die Lehrveranstaltungen weitgehend theoretisch ausgerichtet, ja überhöht waren und daher haben Studierende immer sehr gern nach Praxisangeboten gegriffen. Der Teamgeist unter den Studenten war noch vorhanden, man unternahm gern einmal etwas miteinander.

Heute ist das schon etwas schwieriger. Die Leistungsanforderungen in den einzelnen Fächern mit Pflichtvorlesungen, um bestimmte Scheine zu bekommen, blockieren heute häufig solche Angebote bzw. erschweren sehr stark deren Realisierung. Dazu kommt, dass doch sehr viele Studierende gezwungen sind, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und von daher schon gebunden sind. Das Bedürfnis nach der Erkundung neuer Praxisfelder ist allerdings noch immer vorhanden.

Wie wurde denn diese andere Praxis von Ihnen bzw. den in der Sache eher unerfahrenen Studenten erlebt?

Ich war ja zunächst mit meinen Studenten gleichgestellt - wenn man ganz an die Anfänge zurückgeht - denn ich kannte die anthroposophische Heilpädagogik erst kurze Zeit und das hauptsächlich aus der Literatur. Die ersten Praxiserfahrungen habe ich mit meinen Studenten gemeinsam erlebt. Allerdings habe ich vor meinem ersten Exkursionsseminar einige Tage allein zur Vorbereitung in Brachenreuthe verbracht, dort intensive Gespräche mit Hans Müller-Wiedemann gehabt und am Unterricht teilgenommen. Die vertieften Erfahrungen im Unterricht und in der Therapie machte ich gemeinsam mit den Studenten.

Es war bei jedem meiner Besuche beeindruckend, wie das Lehrer- und Therapeutenteam sich bereits in der Vorbereitung bemühte, ein umfangreiches Programm zusammenzustellen, was uns allabendlich zwischen 21:00h und 22:00h recht erschöpft sein ließ. Denn man musste die vielen Eindrücke ja auch noch verarbeiten.

Welche Folgen hatte ein solches Exkursionsseminar? Hat sich die Gruppe weiter mit den Eindrücken, mit den Inhalten der Arbeit auseinandergesetzt?

Also der Einschnitt kam schon immer, wenn es wieder nach Hause ging. Beim Abschiedsabend in der Halle der Heimsonderschule wurden immer wieder Wünsche nach einer Verlängerung des Aufenthaltes laut. Der Abschied fiel schwer. In nachfolgenden Seminaren trafen sich immer wieder Studenten aus diesen Gruppen, die die Themen sowohl theoretisch als auch durch Praxiserfahrungen angereichert, vertieft erarbeitet hatten und zur Darstellung brachten.

Und - das war für mich besonders wichtig - manche Studenten waren so motiviert, dass sie sich im weiteren Verlauf des Studiums intensiv mit der anthroposophischen Heilpädagogik beschäftigt haben. So wurden Prüfungen abgelegt oder wissenschaftliche Haus- bzw. Diplomarbeiten aus dem genannten Themenkreis eingereicht. Einige meiner Studenten haben im Anschluss an das Studium eine Weiterbildung am Waldorflehrerseminar gemacht und arbeiten seither in entsprechenden Schulen.

Also wie man sieht, hatten die Exkursionen sehr positive Nachwirkungen.

Ich darf nochmals nachfragen: Die Praxis der anthroposophischen Heilpädagogik ist in der sonderpädagogischen Fachwelt gut beleumundet. Die Kritik, manchmal sogar das Unverständnis beginnt bei der Auseinandersetzung um die geisteswissenschaftlichen Grundlagen unserer Arbeit.

Ich kann auch nur sagen, dass ich hier zwei verschiedene Aspekte erlebt habe. Was mich am Anfang meiner Auseinandersetzung mit der anthroposophischen Theorie fasziniert hat, war das humanistische Menschenbild. Allein schon die Tatsache, dass Rudolf Steiner nie von behinderten Kindern gesprochen hat, sondern von Seelenpflege-bedürftigen, repräsentiert dieses humanistische Menschenbild. - Ob der Begriff heute vielleicht etwas antiquiert ist, mag dahingestellt bleiben. - Man könnte sich vorstellen, dass Rudolf Steiner sich mit Martin Buber auseinandergesetzt hat. Er war ja ein sehr gebildeter Mann. Es finden sich bei ihm eben einige philosophische Gedanken, die denen Bubers ähnlich sind oder vielleicht von ihm initiiert sind. Dass ein solches humanistisches Menschenbild nicht nur in der Theorie gefordert wurde, sondern im praktischen Umgang mit den behinderten Kindern zu erleben war, hat mich immer sehr beeindruckt. Die Haltung, die von allen Mitarbeitern, den Lehrern, den Therapeuten, den Hauseltern getragen und gelebt wurde, drückte aus, dass das Kind in seiner Ganzheitlichkeit, seiner Individualität geachtet wurde. Und im Gegensatz zur wissenschaftlichen Sonderpädagogik stand nicht die Behinderung - insbesondere beeinflusst durch das medizinisch defizitäre Menschenbild - im Vordergrund. Es wurde nicht versucht, in Anlehnung an alte Zeiten die Kinderfehler zu beseitigen, sondern immer das Kind in seinem individuellen Sein angenommen. Die Behinderung wird sozusagen zu einer Variation menschlichen Daseins auf der individuellen Ebene, steht aber nicht im Vordergrund. Das hat mich damals schon sehr beeindruckt und mich selbst angeregt, mich mit der Menschenbildproblematik in den einzelnen Wissenschaften weiterhin zu beschäftigen und auseinanderzusetzen. Seither ist dies mein Thema geworden. Für diesen Impuls bin ich sehr dankbar.

Ich denke, was die Theorie betrifft, so habe ich mich mit dem Problem herumgeschlagen, dass durch die Fixierung auf Rudolf Steiner die Waldorfpädagogik gewisse Züge einer wissenschaftlichen Versteinerung - wenn dieses Wortspiel erlaubt ist - aufweist. Das heißt, ich sehe noch nicht die Chance, dass die Waldorf- und die anthroposophische Heilpädagogik neuere wissenschaftliche Forschungsergebnisse, etwa aus der Psychologie aufnehmen würden. Ich meine, da kommen auch unsere Studierenden in gewisse Schwierigkeiten. So können heute Pädagogikstudenten mit dem Temperamentsbegriff, der ja in der Waldorfpädagogik eine wichtige Rolle spielt, nichts mehr anfangen. Dagegen ist er in der modernen Erziehungswissenschaft kein Thema mehr. Und da gerieten die Studenten immer wieder in Schwierigkeiten, dass sie einerseits die überzeugende Praxis erlebten, andererseits die Begriffe in ihrer eigenen Ausbildung nicht wiederzufinden waren.

Hier darf einschränkend erwähnt werden, dass es wirklich sehr schwierig ist, sich in die Anthroposophie einzuarbeiten, ohne die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners studiert zu haben. Es muss dabei zwangsläufig zu Missverständnissen kommen. Daneben ist Ihre Kritik natürlich grundsätzlicher Art, denn unterschiedliche Paradigmen können nur aus sich selbst heraus verstanden werden und nicht in Relation zu anderen. Eine Übernahme von Positionen, nur weil sie gerade mehrheitsfähig sind, wäre zwar einfach, aber nur ein Akt der Anpassung. Ich sähe darin keine Weiterentwicklung. Diese kann nur im Rahmen des anthroposophischen Paradigmas geschehen und ein Blick in die neuere Literatur zeigt m. E., dass wir dieses auch geleistet haben.

Nun Herr Jacobs, Sie haben vor fünf Jahren einen hochinteressanten Beitrag geschrieben: "Die Dorfgemeinschaft auf anthroposophischer Grundlage im Blickwinkel von Normalisierung und Integration". Dort kritisieren Sie mit Bezug auf die gesellschaftliche Realität den geltenden Normalisierungsbegriff, in dem Sie - verkürzt dargestellt - sagen, wenn Normalisierung bedeutet, sich als Mensch mit besonderen Schwierigkeiten in die gegenwärtige Leistungs- und Ellenbogengesellschaft einbringen zu müssen, ist das inhuman. Woran Menschen ohne besondere Lebensschwierigkeiten bereits scheitern, könne behinderten Menschen nicht qua Idee verordnet werden. Sie fordern dagegen vielmehr individualisierte Lebensbedingungen.

Ich habe diesen Gedanken mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Normalisierungsgedankens entwickelt. Es waren ja Bank Mikkelsen aus Dänemark und Bengt Nirje aus Schweden, die dieses Prinzip in den 50er und 60er Jahren entwickelt haben. Es ist also sozusagen bereits ein halbes Jahrhundert alt. Und es ist dann über den Umweg über Amerika durch Wolfensberger hier bei uns gelandet, um im Internationalen Jahr der Behinderten 1981 von Betroffenengruppen sowie Elternverbänden verstärkt eingefordert zu werden. Aber unsere Welt hat sich in diesen Jahren ja immens verändert. Ich bin mir auch nicht sicher - auch wenn das natürlich jetzt reine Spekulation ist - ob Bank Mikkelsen und Nirje das Prinzip so in den acht Punkten heute noch formulieren würden. In der damaligen Zeit war das ein ungeheurer Fortschritt und es ist ja beschämend für die Erziehungswissenschaft, dass es nicht etwa von Pädagogen, sondern von Verwaltungsbeamten entwickelt wurde. Nun hat sich die Welt ja nicht gerade zu ihrem Vorteil verändert. Ich nenne nur broken-home-families, die Zunahme Alleinerziehender, die Vereinsamung von Menschen, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und vieles mehr. Diese sozialen Phänomene waren damals in diesem Ausmaß nicht bekannt. Wenn man dann noch in die heutige Arbeitswelt schaut und dabei die Integration behinderter Menschen anstrebt, muss man auf den einzelnen Menschen schauen und nicht eine Ideologie vertreten. Jemanden nur aus einer WfB oder einer Dorfgemeinschaft herauszuholen, weil es sich bei diesen um Sondereinrichtungen handelt, kann den betroffenen Menschen existentiell gefährden. Denn die wesentliche Frage lautet: Wohin wird dieser Mensch integriert. Das soll hier an einem Beispiel, das zehn Jahre zurückliegt, verdeutlicht werden:

Ein junger Mann mit einer geistigen Behinderung arbeitete in einer Baufirma, war beruflich integriert, lebte bei den Eltern. Als der Mann etwa 40 Jahre alt war, starben die Eltern. Was war zu tun? Der Mann liebte seine Tätigkeit, das Unternehmen war mit ihm zufrieden, aber wie sollte sein Privatleben strukturiert werden? Die Einweisung in ein Wohnheim wäre aus integrativer Sicht ein Rückschritt gewesen, er lebte ja vorher normal in einer Familie. Es wäre möglich gewesen, ihn mit den entsprechenden Maßnahmen durch sozialpädagogische Unterstützung in einem kleinen Apartment unterzubringen. Er wäre betreut worden, vielleicht 10 bis 12 Stunden pro Woche, aber was wäre geschehen? Dieser Mann wäre wahrscheinlich völlig vereinsamt, denn er wäre isoliert gewesen, isolierter als in einem Wohnheim. Und heute wäre es u.U. sogar noch lebensbedrohlich, denn ein Geistigbehinderter, der sich allein auf der Straße bewegt, geht kein geringes Risiko ein.

Auch umgekehrt ist zu fragen, ob derjenige, der aus einer WfB in einen Betrieb wechseln möchte, den sozialen Frieden findet, den er vorher im geschützten Raum der WfB hatte. Kommt er in einen Bereich, wo er als Mensch akzeptiert und nicht als Depp gemobbt wird? Dieses Phänomen breitet sich ja schrecklich aus. Auf soziale Strukturen wird immer weniger Rücksicht genommen, weil jeder in erster Linie darauf bedacht ist, seinen Arbeitsplatz abzusichern.

Als Bank Mikkelsen und Nirje das Normalisierungsprinzip entwickelten, kannten sie mit Sicherheit das Phänomen Mobbing noch nicht. Wenn wir also in einer Gesellschaft leben, in der egoistische Strukturen vorherrschen, in der Ellenbogen benutzt werden, um die geforderten Leistungen erbringen zu können, da spielen Rücksichtnahme, Akzeptanz und Toleranz kaum noch eine Rolle. Und da stellt sich für mich mehr und mehr die Frage, ob man eben das Normalisierungsprinzip, wie es damals als humanistische Idee ein ganz großartiger Impuls war, auch für den Paradigmenwechsel in der Sonderpädagogik so einfach einfordern kann. Es kann also nicht Integration um jeden Preis geben. Ideologisch verbrämte Integrationsbefürworter, die unter Eltern immer wieder zu finden sind und die ihre behinderten Kinder grundsätzlich in Betrieben unterbringen wollen, argumentieren nach dem Motto: erst platzieren, dann qualifizieren. Pikanterweise übersehen sie dabei, dass dieses Prinzip nichts anderes ist, als die Wiedergeburt des Taylorismus des vergangenen Jahrhunderts. Denn damals wurde auch erst platziert und dann nach Rentabilitäts- und Produktivitätsgrundsätzen qualifiziert.

Ich denke, das kann es heute nicht sein. Es geht nicht darum, das Normalisierungsprinzip abzulehnen, sondern man muss es quasi in einer dialektischen Dynamik zu den gesellschaftlichen Verhältnissen betrachten.

Wenn man Ihren Gedanken jetzt einmal weiterdenkt, warum setzt sich dann der Gedanke der Individualisierung nicht durch?

Der Begriff der Individualisierung ist deshalb nicht ganz unproblematisch, weil er von allen Lagern reklamiert werden kann. Natürlich kann ich als Integrationspädagoge meine Arbeit jederzeit mit dem Begriff der Individualisierung legitimieren, aber das kann der traditionelle Sonderpädagoge in einer Sondereinrichtung auch.

Herr Jacobs, einen Satz zum Empowermentbegriff.

Ich denke, zunächst einmal ist für uns ja alles ganz toll, was aus Amerika kommt. Die Empowermentbewegung ist erst einmal eine Initiative gewesen, die noch keine theoretische Fundierung hatte.

Sie ist eher eine weitläufige Auswirkung des Normalisierungsprinzipes. Sie hat sich kulturspezifisch in Amerika entwickelt und wurde dann auf Deutschland übertragen. Ähnliches gilt für andere Initiativen und Bewegungen wie z. B. die Interessengemeinschaft Selbstbestimmt leben (ISL). Es gibt davon einige.

Ich würden Ihnen gern noch zwei perspektivische Fragen stellen:

Es ist erst wenige Jahre her, da wurde unsere Fachwelt mit einem Problem konfrontiert, das wir eigentlich wesentlich früher hätten erkennen können: In unseren Einrichtungen lebten Menschen mit einer geistigen Behinderung, die das Rentenalter erreichten und überschritten. Das war in der Einzelsituation manchmal mit erheblichen seelischen und körperlichen Schwierigkeiten verbunden. Wir waren, und das gilt für die Einrichtungen, die Verbände wie auch die akademische Sonderpädagogik, auf diese Situation nicht vorbereitet und mussten Lebensbereiche schaffen, die der Würde des Alters entsprachen. Das ist für unsere betreuten Menschen nicht ganz leicht.

Wie schätzen Sie als Berufspädagoge diese Situation ein? Es werden immer mehr Menschen recht alt, manche bedürfen der intensive Pflege, viele aber auch nicht. Sie könnten eigentlich ihren - auch beruflichen - Alltag zur Erlangung von Lebenszufriedenheit weiterleben.

Das Thema, das Sie damit ansprechen, ist ein brandneues Forschungsfeld der Sonder- aber auch der Sozialpädagogik und derzeit kann man noch keine allgemeingültigen Lösungen anbieten. Wobei wir eigentlich eingestehen müssen, dass diese Fragestellung gar nicht so neu sein müsste, denn aus den demographischen Berechnungen hätte man durchaus zu viel früheren Zeiten ermitteln können, dass es zu diesem Zeitpunkt soweit ist. Man hätte von der Theorie her viel früher vorarbeiten und Modelle entwickeln müssen, wie wir der Situation dieser Menschen gerecht werden können.

Es ist ja überhaupt interessant festzustellen, dass unter dem Signum einer schneller werdenden Entwicklung, die alle Lebensbereiche betrifft, die Praxis der Theorie stets einen oder mehrere Schritte voraus ist. Elterniniativen haben die Integration ihrer Kinder betrieben und gegen massive Widerstände durchgesetzt und dann erst erfolgte die theoretische Begründung dieser Arbeit. Ich denke, hier wird sich genau dasselbe abspielen.

Auch ich beschäftige mich erst anfänglich mit dieser Problematik und habe dazu Kontakte zu zwei Einrichtungen im Umfeld Frankfurts aufgenommen, die als integrierte Wohnstätten für Menschen mit geistiger Behinderung entsprechende Modelle erarbeiten wollen.

Es werden sicher je nach den örtlichen Gegebenheiten unterschiedliche Strukturen entwickelt werden. Ich bin aber froh, dass eine Reihe von ganz engagierten Leuten da ist, die eine entsprechende Weitsicht haben.

Eine wesentliche Frage, die uns für diese alten Menschen gestellt wird, ist die Beschäftigungssituation. Die hat natürlich nichts mehr mit einer Erwerbssituation zu tun. Es kann aber auch nicht sein, ältere Menschen - gleich ob behindert oder nicht - irgendwohin abzuschieben und ihnen eine Tagesstruktur zu geben, in der sie nur noch vom Klingelzeichen zum Frühstück bis zum Klingelzeichen zum Mittagessen usw. warten. Leben im Alter muss mehr sein als nur auf die nächste Stufe des materiell Versorgtwerdens zu warten.

Leider haben Theorie und Praxis dieses Arbeitsfeld viel zu lange verschlafen.

Herr Jacobs, Ihre Kollegen Barbara Fornefeld und Ferdinand Klein haben beide in Veröffentlichungen den Satz: "Der Geist kann nicht behindert sein" geschrieben. Stellt das nicht eigentlich eine ganze Fachwissenschaft in Frage?

Dieser Terminus stammt ja praktisch von Rudolf Steiner und scheint mir in den Begriff Seelenpflege-bedürftig eingeflossen zu sein. Daher hat mich dieser Begriff ja schon immer so fasziniert.

Ich halte diese Position, dass der Geist des Menschen nicht behindert sein kann, für richtig und befinde mich da in der Nachbarschaft von Georg Feuser, der 1996 dazu veröffentlicht hat: Geistige Behinderung ist ein Konstrukt, mehr nicht. Es dient der Abgrenzung.

Prof. Dr. Kurt Jacobs

Institut für Sonder- und Heilpädagogik

Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt

Senckenberganlage

D-60325 Frankfurt

Quelle:

Götz Kaschubowski : Die Behinderung wird zu einer Variation menschlichen Daseins auf der individuellen Ebene.

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 6/2000; Reha Druck Graz S. 21-26

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Stand: 11.07.2005

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