Strukturelle Gewaltformen

Mesoebene

"Ämter haben zu viele Hindernisse: Sehr viele Ämter unterstützen behinderte Menschen noch nicht gut. Sie haben ihre Papiere nur gedruckt und in schwerer Sprache." (NETZWERK ARTIKEL e.V. 2006)

„Und ich wollte eigentlich nie in eine Sonderschule gehen. Und die Mutti hat mich eigentlich gar nicht gefragt, ob ich in eine Sonderschule möchte oder ob man eine Schule aufsucht, die eine Integrationsklasse hat. Und dann bin ich in die Sonderschule gekommen.“
(CAROLINE, in: KÖBLER 2003)

Strukturelle Gewalt an Menschen mit Behinderungen basiert auf Strukturen einer bestehenden Gesellschaftsformation, u.a. auf pädagogischen Machtverhältnissen. Zentrale Merkmale sind Abwertung und Trennung durch Aussonderung und Isolierung. Strukturelle Gewaltformen schließen das Verhindern von Informationsflüssen über mögliche Lebensformen und das Verwehren von barrierefreien Zugängen zu alternativen Lebenswelten mit ein.

Indikatoren

  • Separate Bildungseinrichtungen
  • Ersatzarbeitsmärkte
  • Isolierte Wohnformen
  • Ausschluss von politischer Teilhabe
  • Verwehren von selbstbestimmter Lebensgestaltung
  • Fremdbestimmung
  • Fehlende Alternativen
  • Keine oder geringe Mitgestaltung bzgl. Form und Qualität der Unterstützung
  • Institutionelle Denksysteme
  • Institutionelle Handlungssysteme
  • Institutionelle Beziehungssysteme
  • „Hidden curriculum“: Dabei handelt es sich um unausgesprochene Regeln, die für Akteur_innen in Institutionen selbstverständlich geworden sind, die jedoch die Menschenwürde und -rechte massiv verletzen.
  • ...

(WIMMLER 2010) 

Anpassung und Transformation

Unter den Bedingungen von Isolation und Gewalt finden Transformationen von Affekten statt. Nach Goffman wird in Institutionen vor allem Anpassung als Strategie zur Bewältigung der ohnmächtigen Situation gewählt. Anpassung zeigt sich in den folgenden vier Transformationsformen: 

„Goffman beschreibt zum einen die Strategie des "Rückzugs aus der Situation", den Abbruch der Beteiligung an Interaktionsprozessen. Diese Anpassungsform äußert sich in Resignation und Interesselosigkeit, die immer weitere Bereiche der Umwelt und des Erlebens betrifft. Es folgt der Rückfall in entwicklungsmäßig frühere Verhaltensmuster. So beginnen etwa Kinder (aber nicht nur Kinder), die schon sauber waren, wieder in die Hose zu machen. Dauert diese Anpassung lange an, so geht sie bis zu einer sehr weitgehenden und irreversiblen Entpersönlichung.

Eine weitere Form der Anpassung ist der "kompromisslosen Standpunkt". Der Anstalts-Insasse bedroht die Institution, indem er die Zusammenarbeit mit dem Personal verweigert. Diese Ablehnung erfordert von InsassInnen eine dauernde Orientierung an der formalen Organisation der Anstalt und daher paradoxerweise ein starkes Interesse an der Institution. Diese Form der Anpassung äußert sich z. B. in hohen Fluchtraten oder auch in aggressivem Verhalten und aktiver Essens-Verweigerung. Dort, wo das Personal den Standpunkt vertritt, dass der Wille des kompromisslosen Insassen gebrochen werden muss, kommt es zu einem Hochschaukeln von Ablehnung und Sanktion, zur Einführung von Korrektions-Zellen, Zwangsjacken, Schlägen, kalten Duschen usw. Die Anpassungsform der Kompromisslosigkeit kann jedoch kaum ein Anstalts-Insasse sehr lange durchhalten. Sie hat meist den Charakter einer anfänglichen Reaktionsphase, der andere Formen der Anpassung folgen.

Eine dritte Form der Anpassung an die Welt der Institution beschreibt Goffman als "Kolonisierung". Der Insasse nimmt dabei das Maximale, das an Befriedigung in der Anstalt erreichbar ist, an und versucht damit relativ zufrieden zu leben und in der Anstalt zu bleiben. Angestellte, die das Leben in totalen Institutionen erträglicher gestalten wollen, müssen damit rechnen, dass sie dadurch auch die Kolonisierung erhöhen.

Die vierte Art der Anpassung ist die "Konversion". Der Insasse macht sich dabei das amtliche oder medizinische Urteil über seine Person zu eigen und versucht die Rolle des perfekten Insassen zu spielen. Er ist diszipliniert, moralistisch, biedert sich an die BetreuerInnen an und ist auch bereit, Aufsichts-Aufgaben über andere InsassInnen zu übernehmen.“

(PLANGGER, SCHÖNWIESE 2010)

Quellen und weiterführende Literatur

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