Zwischen Neurobiologie und Bildung. Individuelle Förderung über biologische Grenzen hinaus

Themenbereiche: Rezension
Textsorte: Rezension
Copyright: © André Frank Zimpel 2010

Buchinformationen:

AutorIn/Hrsg.: André Frank Zimpel

Titel: Zwischen Neurobiologie und Bildung. Individuelle Förderung über biologische Grenzen hinaus

Infos: Vandenhoeck&Ruprecht (Göttingen) 2010, 1. Auflage. 192 Seiten

ISBN 978-3-525-70125-6

Themenbereich:

Kurzbeschreibung:

Buchbesprechung von Manfred Jödecke

Ein- und Hinführung

"Eine pädagogische Idee soll nicht überzeugen, sondern anstecken." (S. 141)

Auf die Frage: Was ist Inklusion? ließe sich kurz und bündig, im Stile einer "Faustformel" antworten: "Anerkennung von Differenz". Von Anerkennung, d.h., von emotionaler Zuwendung, kognitiver Achtung und sozialer Wertschätzung Menschen gegenüber, deren herausforderndes Verhalten viele Fragen aufwirft, handelt auch das vorliegende Buch.

Der Herausgeber (Andre' Frank Zimpel, Professor für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Förderschwerpunktes geistige Entwicklung, Forschungsschwerpunkt Rehabilitationspsychologische Diagnostik an der Universität Hamburg) und die Mitautoren konstruieren, reflektieren und evaluieren dazu eine Methode verstehender Diagnostik, die sie Systemische Syndromanalyse nennen. Doch es geht nicht um die genannte Methode, deren Anwendung und kreative Fortentwicklung allein. Das Buch will Mut machen, "vermeintlich unabänderliche biologische Grenzen als Herausforderung" anzunehmen und sich "aktiv mit den Entwicklungsmöglichkeiten" eines jeden Menschen auseinanderzusetzen.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Schrift gliedert sich neben der Einleitung und dem Schlusswort in drei Hauptkapitel, die der Dialektik von Allgemeinem, Einzelnem und Besonderem folgen.

Unter dem Aspekt des Allgemeinen spannt der Herausgeber und Autor Andre' Frank Zimpel in drei Unterkapiteln zu "Erleben und Verhalten": Die Verobjektivierung des Subjektiven; die biologische Bedeutung des Erlebens und Perspektivwechsel und herausforderndes Verhalten den wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Bogen, der im Einzelnen (vgl. die Beiträge von

Margaretha Hein: Zwang und Haft;

Silke Marr- von Ostrowski: Annas langer Weg von der Hilfsschule zum Abitur;

Franziska Noack: Schrecklähmung und Suggestibilität;

Julia Schwering: Epilepsie und Aufmerksamkeit;

Maren Wächter: Gedächtnis in Aktion über den "Perspektivwechsel in der Praxis" seinen Pfeil entlässt und im Besonderen von "Syndromanalyse und Bildung" (vgl. die Beiträge von

Michael Macykowski: Das Gegenteil von Praxis ist Technik und

Andre Frank Zimpel: Anpassung und Vielfalt; Vom toten Wissen zum lebendigen Lernen

letztlich ins Ziel findet.

"Drei Regeln für Lernforschung", formuliert wiederum vom Herausgeber und Hauptautor, fassen Anliegen, Ergebnis und Perspektive des vorliegenden Band zusammen.

Zielgruppen

Die Rückseite des Umschlags empfiehlt das Buch "...allen, die beruflich mit Bildungsfragen zu tun haben, Lernschwierigkeiten bei ihren Kindern vermeiden oder ihre eigene Bildungskarriere besser verstehen wollen." Darüber hinaus ist es sicherlich für alle interessant (Sozial- und Heilpädagogen, Therapeuten, Mediziner und Sozialwissenschaftler), die Menschen mit herausfordernden Verhaltensweisen besser verstehen wollen und sich mitverantwortlich dafür empfinden, dass diese ihr Leben möglichst selbstbestimmt leben können.

Diskussion

Ein Wort, ein Begriff, eine wissenschaftstheoretische Kategorie taucht im Verlaufe der Darstellung immer wieder auf: "Kreiskausal". Was würde passieren, wenn wir daran gingen, die Konsequenzen von Zirkularität (Kreiskausalität) möglichst allumfassend aufzudecken? Mit dieser (vom Rezensenten leicht modifizierten) Frage steckte Heinz v. Foerster in der "Kybernethik" seine Leser regelrecht an. Die heuristische Virulenz der Frage hat die Autoren des vorliegenden Werkes offensichtlich voll erfasst und sie in der Folge zu bemerkenswerten Ergebnissen geführt.

Ein Ergebnis ist sicherlich, dass in bio-psycho- sozialen Forschungsprozessen mit Subjektivität in jedem Fall "gerechnet" werden muss. Leben geht mit Erleben einher. Gerade die Wirksamkeit von Selbstbeschreibungen führt dazu, dass Menschen auch in schwierigen, isolierten Lebenslagen jene Stabilität erlangen, die ihnen Lebensqualität und individuelles Wachstum ermöglicht.

Ein weiteres Ergebnis ist sicherlich auch die Bereicherung der dialogisch verstehenden Diagnostik um weiterführende verhaltenshermeneutische Einsichten (vgl. etwa das Konstrukt der Beobachterstandpunkte bis hin zur Generierung pädagogischer Ideen). Im Mittelpunkt der Achtung von herausforderndem Verhalten und einer jeden Persönlichkeit steht nicht allein das plötzliche Aufscheinen eines "Syndroms", die Symptome hinlänglich erklärenden Musters, sondern auch das Erleben, mit der Person als Gegenüber selbst in Kontakt und zu tun zu

(be-)kommen. Sicher trägt, um ein Beispiel zu nennen, die Diagnose Tourette- Syndrom zur "Entkrampfung" der sozialen Situation um Norma bei; wichtiger jedoch scheint es für die Betroffene zu sein, dass ihr "Generativität" ermöglicht, d.h. die Verantwortung für ihr zukünftiges Kind nicht genommen wird.

Fazit

In einer Zeit "nach der Orgie", einer Zeit, da, wie Jean Baudrillard schreibt, alles schon befreit, schon da gewesen ist, zeigt dieses Buch das dialektische Gegenstück dazu. Es bleibt nur zu wünschen, dass die Leser seinen Wert in der Fülle der Simulationen zu entdecken und das "neu ins Spiel Gebrachte" zu würdigen vermögen.

Quelle:

Rezensiert von Manfred Jödecke

bidok-Rezensionshinweise

Stand: 09.12.2010

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