Gynäkologische Versorgung von Frauen mit Behinderungen: eine reine Glückssache?

Erfahrungen aus Bayern

AutorIn: Ute Strittmater
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben, Medizin
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: WeiberZEIT, Zeitung des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V. Ausgabe Nr. 07, April 2005, Seite 6 - 7 WeiberZeit (07/2005)
Copyright: © Verein Weibernetz e.V. 2005

Die Idee: Eine barrierefreie gynäkologische Sprechstunde für behinderte Frauen

Das Netzwerk von und für Frauen und Mädchen mit Behinderungen in Bayern arbeitet derzeit mit verschiedenen KooperationspartnerInnen an dem Konzept einer integrierten medizinischen Versorgungskette für behinderte Frauen und Mädchen. Gemeinsam mit dem Krankenhaus München Neuperlach, niedergelassenen HausärztInnen, FrauenärztInnen, TherapeutInnen, Beratungsstellen, Universitätskliniken etc. wollen die Netzwerkerinnen behinderten Frauen und Mädchen eine qualitativ gleichwertige gynäkologische Versorgung, wie sie nichtbehinderte Frauen erfahren, garantieren.

Abb.1: Der gynäkologische Stuhl

In den ersten zwei Jahren soll die Sprechstunde im Rahmen eines Projektes wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden. Die gewonnen Erfahrungen und die Ergebnisse sollen dann sowohl den niedergelassenen (Fach-)ÄrztInnen als auch den KlinikärztInnen und dem Pflegepersonal in Form von Fortbildungen angeboten werden, um durch bessere Information und Kommunikation Barrieren im Kopf und in der Praxis abzubauen. In einer zweiten Stufe sollen diese Kenntnisse auch in die medizinische Ausbildung integriert werden.

Die Sprechstunde soll darüber hinaus auch HospitantInnen, MedizinstudentInnen im praktischen Jahr und Pflegepersonal die Möglichkeit bieten, mit behinderten Frauen in Kontakt zu kommen und den Umgang mit deren Problemen, menschlich und fachlich, zu lernen.

Im Rahmen des Vorhabens, eine barrierefreie Sprechstunde für behinderte Frauen aufzubauen, hat sich im Netzwerk von und für Frauen und Mädchen mit Behinderungen in Bayern ein Arbeitskreis gebildet, der sich mit der gynäkologischen Unterversorgung behinderter Frauen beschäftigt. Ergebnis dieses Arbeitskreises sind unter anderem zahlreiche Erfahrungsberichte behinderter Frauen und Umfrageergebnisse, die im Folgenden kurz skizziert werden.

Verletzende Erfahrungen

Erfahrungsberichte betroffener Frauen bestätigen die desolate Situation behinderter Frauen in der Gesundheitsversorgung. Eine junge Frau, die auf Grund einer spinalen Muskelatrophie auf den Rollstuhl angewiesen ist, schildert zum Beispiel Folgendes:

"Mit meiner eigentlichen Frauenärztin - bei der ich zuvor 10 Jahre in Behandlung und die sozusagen Ärztin meines Vertrauens war - kam mein/unser Kinderwunsch nicht gut an. Mit deutlicher Vehemenz schilderte sie die (mehr oder weniger bzw. falschen) Komplikationen und Risiken und drosch auch die allgemein bekannten Floskeln "Mama behindert - Kind behindert", "schwere Missbildungen des Kindes durch mein Sitzen im Rolli", bis hin zu echt verletzenden Aussagen wie "ich werde Sie nicht unterstützen, einen Sozialfall zu produzieren, da Sie ja bald sterben". Ich/Wir waren sehr entmutigt danach. Durch die Ärztin in München erhielt ich dann Kontakt zu Prof. Müller (Name v.d. Red. geändert) an der Frauenklinik und er klärte uns ganz anders auf. Er besprach die Risiken, aber eben auch die Methoden, diesen vorzubeugen bzw. in den Griff zu kriegen. Er war unserem Kinderwunsch gegenüber völlig wertfrei und stellte uns all sein Können und Wissen zur Verfügung und war sofort bereit, meine eventuelle Schwangerschaft zu begleiten".

Eine Frau mit spinaler Muskelatrophie ergänzt:

"Im Bereich der medizinischen Versorgung ist für uns Frauen im Rollstuhl die gynäkologische Versorgung mehr als unzureichend, aufgrund der baulichen Barrieren und der medizinischen Einrichtung. Jede nicht behinderte Frau, die regelmäßig zum Gynäkologen geht, weiß, welche gymnastischen Übungen sie vollbringen muss, um auf diesen gynäkologischen Untersuchungsstuhl zu kommen. Für eine Frau im Rollstuhl ist dieses Unterfangen schier unmöglich. Ich persönlich brauche zwei auf mich eingeschulte Assistenten, um überhaupt auf diesen Stuhl zu gelangen. Da ich mich aufgrund meiner Behinderung zum Ausziehen hinlegen muss, bei meiner Gynäkologin jedoch keine Liege vorhanden war, musste ich mich zum Ausziehen auf den gynäkologischen Stuhl legen. Alleine schon auf diesem Stuhl einigermaßen stabil liegen zu können brauchten wir fast eine Viertelstunde. (...) Dann mussten wir noch das Unterfangen des Ausziehens erfolgreich hinter uns bringen. Bis ich soweit war, um von der Ärztin untersucht werden zu können, waren sowohl ich als auch meine Assistenten schweißgebadet. Nach der Untersuchung musste ich wieder angezogen werden, was noch schwieriger als das Ausziehen war und ebenfalls an die 20 Minuten Zeit benötigte. Da ich jedoch sowieso schon so viel Zeit in Anspruch nehmen musste, um mich an- und auszuziehen, der nächste Patient jedoch schon wartete, geriet meine Gynäkologin ziemlich unter Zeitdruck und in Hektik. Ich empfand es als sehr menschenunwürdig, mich im Beisein der Arzthelferinnen und der Gynäkologin aus- und anziehen zu müssen. Da dies im Beisein von so vielen Menschen geschehen musste, wurde meine Hilflosigkeit nochmals viel deutlicher. Da die Zeiteinheiten für die einzelnen Patienten relativ kurz bemessen sind, blieb überhaupt keine Zeit mehr für ein Arzt-Patientengespräch. Da sowohl meine Assistenten als auch ich völlig fertig waren nach dieser Untersuchung fühlte sich meine Gynäkologin noch veranlasst, mir so zwischen Tür und Angel den Ratschlag zu geben, "solange ich meine Tage regelmäßig bekommen würde, solle ich mir doch einen regelmäßigen Frauenarztbesuch unter diesen für mich so ungünstigen Bedingungen in Zukunft ersparen."

Bayerische Umfrage belegt schwierige Situation

Wenn auch diese Umfrage des bayerischen Netzwerks für behinderte Frauen nicht repräsentativ ist, so zeigt sie doch deutliche Tendenzen:

Persönliche Erfahrungen:

Ein Viertel der befragten Frauen gaben an, dass sie absolut keine Möglichkeit haben, regelmäßig eine Gynäkologin oder einen Gynäkologen für Vorsorgeuntersuchungen aufzusuchen. Drei Viertel der Frauen haben angegeben, dass der Gynäkologe/die Gynäkologin keine Erfahrung im Umgang mit behinderten Frauen hat, allerdings ist festzustellen, dass nur eine verschwindend geringe Zahl von FrauenärztInnen (ca. 3) nicht bereit waren auf spezielle Bedürfnisse behinderter Frauen einzugehen.

An die Hälfte der befragten Frauen gaben an, schwanger gewesen zu sein. Die meisten Erfahrungen waren negativ in dem Sinne, dass die Frauen sich vom dem Arzt / der Ärztin alleine gelassen fühlten, dass ihnen sofort zum Schwangerschaftsabbruch geraten wurde und dass die meisten Ärztnnen das Vorurteil hatten, das Kind käme ebenfalls behindert zur Welt. Lediglich eine Frau gab an, dass ihr Gynäkologe die Möglichkeit zu Hausbesuchen habe.

Barrierefreiheit der Praxen:

Nur die Hälfte der Frauen gab an, dass die Arztpraxis barrierefrei zugänglich sei. Vollständig barrierefrei waren nur vier Praxen, eingeschränkt barrierefrei sechs Praxen. Auffallend ist, dass keine Praxis über eine Rollstuhltoilette verfügt und auch die Klingel nicht mit Brailleschrift gekennzeichnet ist.

Behindertengerechte Ausstattungen gibt es so gut wie nicht, nur wenige höhenverstellbare gynäkologische Stühle oder Haltegriffe. Für nur die Hälfte der gehörlosen Frauen ist eine Kontaktaufnahme per Fax möglich. Auch verfügen die MitarbeiterInnen oder GynäkologenInnen nicht über Kenntnisse der Gebärdensprache. Die wenigsten Praxen verfügen über einen behindertengerechten Parkplatz.

Fazit:

Aus unserer Sicht ergeben sich daraus folgende Notwendigkeiten, um die gynäkologische Versorgung behinderter Frauen besser gewährleisten zu können:

  • Einrichtung einer zentralen Schwerpunktpraxis für Frauen mit Behinderung.

  • Anbieten von Fortbildungen für FrauenärztInnen durch die Errichtung eines Erfahrungspools.

  • Einbeziehung des Themas Mädchen und Frauen mit Behinderung in der gynäkologischen Versorgung und in der Ausbildung von ArzthelferInnen, ÄrztInnen etc.

  • Die Entwicklung von Standards bei der Einrichtung von Arztpraxen für behinderte Mädchen und Frauen. Das heißt z.B. Zugänglichkeit auch für Rollstuhlfahrerinnen, Gehbehinderte und Sehbehinderte, sowie eine behindertengerechte Ausstattung der Untersuchungsräume.

Abb.2: Die Rampe

Abb.3: Das Faxgerät

Infos zum Vorhaben des Netzwerks gibt es unter Tel.: 089/45 99 24 27, Fax: 089/45992428, e-mail: info@netzwerkfrauen-bayern.de

Leicht Lesen

Diesen Text gibt es auch in leichter Sprache: http://bidok.uibk.ac.at/library/wzl-7-05-strittmater-frauen.html

Quelle:

Ute Strittmater: Gynäkologische Versorgung von Frauen mit Behinderungen: eine reine Glückssache? Erfahrungen aus Bayern

erschienen in: WeiberZEIT, Zeitung des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V. Ausgabe Nr. 07, April 2005, Seite 6 - 7

http://www.weibernetz.de/weiberzeit.html

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Stand: 10.05.2010

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