Marianne Kirchgeßner (1769-1808) Musikerin

AutorIn: Anneliese Mayer
Themenbereiche: Kultur
Schlagwörter: Biografie, Musik, Frauen
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: WeiberZEIT, Zeitung des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V. Ausgabe Nr. 10, Dezember 2006, Seite 8-9 WeiberZeit (10/2006)
Copyright: © Verein Weibernetz e.V. 2006

Marianne Kirchgeßner (1769-1808) Musikerin

2006 - das Mozartjahr. Alles dreht sich um das Leben und die Musik dieses "Wunderkindes". Im Schatten dieses "Genies" tauchen auch hin und wieder die Namen von Frauen auf, die seine künstlerische Laufbahn begleitet haben. Und es sind nicht eben wenige, die dazu beitrugen, dass seine musikalischen Werke unsterblich wurden. Zu den Kolleginnen Mozarts zählten zwei blinde Frauen, die heute nur Insidern der Musikgeschichte ein Begriff sind: Die 1759 geborene Pianistin und Komponistin Maria Theresia von Paradis - ebenfalls ein Wunderkind - und die berühmteste Glasharmonikavirtuosin ihrer Zeit: Marianne Kirchgeßner, die Kompositionen von Mozart auf ihren vielen Konzertreisen vortrug. Leider gibt es von der Letztgenannten keine persönlichen Zeugnisse (Briefe, Tagebuch, Zeichnung u.ä.), so dass es schwer fällt, sich von ihr ein Bild zu machen.

Marianne Kirchgeßner wurde am 5. Juni 1769 als Tochter eines Kammerzahlmeisters in Bruchsal geboren. Mit vier Jahren erblindete sie nach einer Pockenerkrankung. Bei der kleinen Marianne stellte die Familie sehr früh eine musikalische Begabung fest. Der verarmte Vater sah sich nach einem Förderer um und fand ihn in dem kunstsinnigen Domkapitular Joseph Anton Reichsfreiherr von Beroldingen. (Bruchsal war bis 1803 Resistenzstadt der Bischöfe von Speyer). Dieser Kirchenmann ließ der Zehnjährigen für 100 Dukaten eine Glasharmonika bauen und finanzierte ihren Unterricht beim Kapellmeister Joseph Schmittbaur in Karlsruhe.

Die heute fast in Vergessenheit geratene Glasharmonika wurde 1761 von dem amerikanischen Diplomaten Benjamin Franklin in London entwickelt. Bei dem zu Ende des 18. Jahrhunderts sehr populären Instrument handelt es sich um eine Achse, auf der verschieden große Glasschalen aufgereiht sind. Die Achse ist an einem Holzgestell angebracht und wird durch ein Fußpedal zum Drehen gebracht. Mit angefeuchteten Fingern werden die Glasschalen berührt und es entstehen sehr empfindsame Töne.

Im Frühjahr 1791 unternahm Marianne Kirchgeßner in Begleitung "ihres treuen Freundes, des Rathes Boßler aus Speyer" ihre erste Konzertreise. Sie führte sie über Heilbronn, Ludwigsburg, Stuttgart, München, Salzburg, Linz nach Wien. Hier gab sie im Mai ihr erstes Konzert am Burgtheater. Mozart hatte von der Künstlerin gehört und komponierte für sie sein berühmtes Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello (KV 617) und einige Zeit später das Solo-Adagio in C (KV 617a). "Durchdrungen von dem Gefühle des wärmsten Dankes, über den glücklichen Beyfall, mit dem ich in meiner [...] musikalischen Akademie, beehrt wurde [....] werde (ich) daher [...] vor meiner Abreise von hier nach Berlin [...] nächstkommende Woche noch eine grosse musikalische Akademie geben, und ein neues, überaus schönes Konzertquintett mit blasenden Instrumenten begleitet, von Hern Kapellmeister Mozart [...] spielen."

Abb.1: die Glasharmonika

Das zweite Wiener Konzert fand am 19. August 1791 am Kärtnertortheater statt - vier Monate vor Mozarts Tod. Zu diesen Zeitpunkt hatte Marianne Kirchgeßner ihre Reise bereits nach Leipzig und Dresden fortgeführt Sie erntete viel Bewunderung am Hofe des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II in Berlin, wo sie mehrmals vorspielte. Da die Virtuosin keine Noten sehen konnte, hatte sie ein erstaunliches Geschick entwickelt, die für sie komponierten Werke nach Gehör wieder zu geben. D.h. ein neues Stück wurde von jemand auf dem Klavier vorgetragen und sie spielte es danach auf der Glasorgel nach.

Weitere Konzertreisen unternahm die junge Frau nach Polen, Hamburg und London, wo sie sich 1794-1796 aufhielt. Nicht genauer belegbar ist die Behauptung, dass sie sich in London einer Augenoperation, durchgeführt von einem deutschen Arzt namens Fiedler, unterzog und dadurch "wenigstens einen Lichtschimmer gewann".

1799 konnte Marianne Kirchgeßner mit den Einnahmen ihrer Konzertreisen - sie war inzwischen auch in Holland, im Baltikum und in Petersburg aufgetreten - in Gohlis bei Leipzig ein Landgut erwerben.

Neun Jahre später wollte sie wieder eine längere Konzertreise in die Schweiz unternehmen. Anfangs trat sie an einigen Ort in Süddeutschland (Tübingen, Stuttgart) auf. Im Spätherbst erreichte sie gerade das Städtchen Schaffhausen, als die Postkutsche, in der sie unterwegs war, einen Unfall hatte. Es ist anzunehmen, dass die Künstlerin sich verkühlte und eine Lungenentzündung holte, an der sie am 9. Dezember 1808 starb. Heute wird in der Stadtbibliothek von Schaffhausen die einzige Erinnerung an Marianne Kirchgeßner aufbewahrt: eine blonde Lockensträhne.

Literatur:

Alexander Mell: Handbuch des Blindenwesens. Wien und Leipzig 1900, S. 407

Melanie Unseld: Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe. Reinbek bei Hamburg 2005, S. 154 ff http://de.wikipedia.org/wiki/Marianne_Kirchgessner

Eine ausführliche Biografie von Maria Theresia von Paradis findet sich in dem Buch

Hedwig Kaster-Bieker/Anneliese Mayer: Berühmt-beliebt-behindert, bifos Schriftenreihe. Kassel 2001

Am 14. Juni findet im Schloss Bruchsal ein Konzertabend zu Ehren von Marianne Kirchgeßner statt.

Veranstalter: Kulturring Bruchsal, Tel.: 07251/88055

Abb.2: das Notenblatt

Leicht Lesen

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Quelle:

Anneliese Mayer: Marianne Kirchgeßner (1769-1808) Musikerin

erschienen in: WeiberZEIT, Zeitung des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V. Ausgabe Nr. 10, Dezember 2006, Seite 8-9

http://www.weibernetz.de/weiberzeit.html

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Stand: 19.05.2009

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