Gleiche Rechte - gleiche Diskriminierungen?

Von behinderten Frauen als geschlechtsneutralen Objekten zu Sex-Objekten

AutorIn: Martina Puschke
Themenbereiche: Geschlechterdifferenz
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: WeiberZeit, Zeitschrift des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V., Ausgabe 1/Oktober 2003, S. 6 WeiberZeit (01/2003)
Copyright: © Verein Weibernetz e.V. 2003

Gleiche Rechte - gleiche Diskriminierungen?

"Die besondere Art unserer Diskriminierung besteht darin, dass wir es noch nicht einmal wert sind, so mies und herablassend diskriminiert zu werden, wie nichtbehinderte Frauen. Wir kommen nicht vor in der frauenverachtenden Pornografie-Literatur. Mit unseren nackten Körpern wird nicht für Autos geworben, uns wird nicht hinterhergepfiffen" [1]beschrieben behinderte Frauen ihre Situation in den 80er Jahren. Nicht dass sie es gewollt hätten. Sie wollten ausdrücklich nicht für gleiche Diskriminierungen kämpfen. Sie machten hiermit nur deutlich, dass behinderte und nichtbehinderte Frauen ganz andere Voraussetzungen haben, um gemeinsam gegen das männlich geprägte Schönheitsideal vorzugehen. Während nichtbehinderte Frauen dafür kämpften, vom (Sex-)Objekt zur Person zu werden, mussten behinderte Frauen vom geschlechtsneutralen Objekt zum Subjekt werden. Gemeinsam mit der Frauenbewegung strebten behinderte Frauen den Kampf gegen vorherrschende Schönheitsnormen an.

Eine Behinderung passt bisher nicht ins Konzept der "schönen Welt". Das soll sich jetzt ändern. Die Illustrierte "Partizip" hat einen "Modelcontest für Frauen im Rollstuhl" ausgerufen. Wir dürfen heute schon gespannt sein, welche Frau gewinnen wird. Wird es die Frau im Rollstuhl sein, die 20 kg "Über"gewicht hat? Oder die Frau mit dem schiefen Gesicht? Oder wird es doch wieder die Frau sein, die ein zumindest makelloses Gesicht und einen wohlgeformten Körper hat, wenn sie schon nicht laufen kann?

An der männlich geprägten Schönheitsnorm und der behindertenfeindlichen Gesellschaft wird sich durch einen Modelcontest für Frauen im Rollstuhl nichts ändern.



[1] Ewinkel C., Hermes, G. (Hg.): Geschlecht behindert Besonderes Merkmal Frau, München 1985, S. 60

Werte der Behindertenbewegung

Bislang wurden in der Szene der emanzipatorischen Behindertenbewegung bestimmte politische Werte vertreten, in denen Diskriminierung, Sexismus und Rassismus keinen Platz hatten. Schleichend sehen wir uns jedoch vermehrt mit pornografischen Fotos behinderter Frauen konfrontiert, auch in Magazinen und Illustrierten für behinderte Menschen. Behinderte Frauen sind offenbar als Sex-Objekte, reduziert auf einzelne Körperteile, entdeckt worden. Dass insbesondere durch Fotos amputierter Frauen auch Amelotatisten, also Männer, die auf amputierte Frauen stehen, angesprochen werden, scheint durchaus nicht unerwünscht zu sein. Dass bei anderen Bildern, wo zum Beispiel besitzergreifende Hände eine nackte Frau im Rollstuhl von hinten begrapschen, insbesondere bei Frauen mit sexualisierten Gewalterfahrungen äußerst negative Gefühle hervorgerufen werden, scheint ebenfalls kein Thema zu sein. Die Lebensbedingungen von Frauen spielen bei diesen Bildern keine Rolle. Es geht auch nicht darum, diese zu verändern. Mit dem Einsatz für Gleichheit und Antidiskriminierung behinderter Menschen haben solche Fotos nichts zu tun. Hier wurden lediglich neue Objekte für Männeraugen gesucht und gefunden.

Um eines klar zu stellen: Wir haben nichts gegen gute Aktfotos oder erotische Bilder. Aber wir wehren uns gegen frauenverachtende Fotos, auf denen der Körper auf sexuelle Männerphantasien reduziert wird. Die Grenze zwischen Aktfotografie und frauenverachtender Pornografie ist fließend. Sie muss dort gezogen werden, wo Frauen instrumentalisiert werden, wo Gewalt im Spiel ist und wo die Frauen nicht als ganze Person geachtet werden.

Der Spaßgesellschaft etwas entgegensetzen

Es kann nicht sein, dass die Behindertenbewegung auf den Zug der Spaßgesellschaft aufspringt und nach dem Motto "Jede und jeder kann machen, wozu er oder sie Spaß hat" verfährt. Wir erwarten eine Distanzierung von Illustrierten und Magazinen, die meinen, populistisch mit solchen Bildern werben zu müssen. Behinderte Frauen haben nicht um ihre Gleichberechtigung gekämpft, um nun als Sex-Objekt dastehen oder sitzen zu können. Sexismus und Rassismus dürfen weiterhin keinen Platz in der Behindertenbewegung haben!

Martina Puschke

Leicht Lesen

Diesen Text gibt es auch in leichter Sprache: http://bidok.uibk.ac.at/library/wzl-1-03-puschke-nacktfotos.html

Quelle:

Martina Puschke: Gleiche Rechte - gleiche Diskriminierungen? Von behinderten Frauen als geschlechtsneutralen Objekten zu Sex-Objekten

Erschienen in: WeiberZeit, Zeitschrift des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V., Ausgabe 1/Oktober 2003, S. 6

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.04.2009

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