Behinderung neu denken - auch mit Blick auf Frauen

AutorIn: Brigitte Faber
Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: WeiberZeit, Zeitschrift des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V., Ausgabe 1/Oktober 2003, S.7 WeiberZeit (01/2003)
Copyright: © Verein Weibernetz e.V. 2003

Sommer-Uni in Bremen

Vom 18. Juli bis 01. August fand in Bremen die Sommer-Uni statt. "Behinderung neu denken" so das Motto der zweiwöchigen Veranstaltung. Geboten wurde ein pralles und buntes Programm mit rund 70 Seminaren, Diskussions- und Weiterbildungsangeboten sowie kulturellen Veranstaltungen. Gekommen waren Frauen und Männer mit und ohne Behinderung aus der ganzen Bundesrepublik. Auch VertreterInnen aus Wien hatten den Weg nach Bremen gefunden. Die angebotenen Themen waren so vielseitig, wie die Menschen, die an der Sommer-Uni teilnahmen. Der Austausch war lebhaft und ausgesprochen anregend, die Organisation sehr gut und auch das Wetter trug mit viel Sonnenschein zur guten Stimmung und dem sehr guten Gelingen bei.

Disability Studies

Den Auftakt bildete die kulturwissenschaftliche Tagung, in der die neue wissenschaftliche Disziplin der Disability Studies, vorgestellt wurde. Diese wird bereits in verschiedenen Ländern Europas gelehrt und wird seit über einem Jahr auch von der deutschen Behindertenbewegung verstärkt aufgegriffen.

Behinderung neu denken - im Unterschied zu dem an den Universitäten überwiegend vorhandenen Ansatz, Behinderung als ein persönliches Problem anzusehen und entsprechend zu behandeln (medizinisches Modell), geht Disability Studies davon aus, dass Behinderung kein persönliches Merkmal sondern eine soziale Konstruktion ist (soziales Modell). Ziel der Disability Studies ist dementsprechend nicht die Behebung und Behandlung von persönlichen Merkmalen, sondern das Aufzeigen und die Veränderung von benachteiligenden und unterdrückenden sozialen, politischen und kulturellen Gegebenheiten und Handlungsweisen. Auch sollen Menschen mit Behinderung als ein Teil der gesellschaftlichen Normalität erkannt und somit aus der Sackgasse der Sonderwissenschaften herausgeführt werden. Disability Studies sind somit nicht allein auf die pädagogischen, soziologischen, psychologischen oder medizinischen Fachgebiete beschränkt. Sie können sich vielmehr mit sämtlichen Bereichen beschäftigen, in denen Menschen mit Behinderung eine Rolle spielen wie z.B. in den Literatur- den Geschichts- oder den Rechtswissenschaften.

Von Frauen mit Behinderung wurden darüber hinaus im Rahmen der Sommer-Uni konkrete Wünsche und Forderungen an Disability Studies als Wissenschaft formuliert. So muss mehr Frauen mit Behinderung der Zugang zu Studium aber vor allem auch der Lehre ermöglicht werden. Wissenschaft, Forschung und Lehre müssen viel stärker als bisher die jeweils unterschiedlichen Lebenssituationen von Frauen und Männern berücksichtigen. Gewünscht wurde auch die Einrichtung eines Faches "Feminismus und Behinderung" sowie die Verknüpfung von Gender Studies mit Disability Studies. Und es sollen die Unterlagen und Ergebnisse der behinderten Frauenbewegung oder der People First in die Wissenschaft einbezogen werden - als eine Form der Einbindung der Praxis in das Studium.

Auch wurden Wünsche für zukünftige Forschungsthemen formuliert: So wurde festgestellt, dass Themen wie "Sexualisierte Gewalt in Psychiatrie/Antipsychiatrie", "Übergriffe in der Pflege", "Spezifische Diskriminierung von Lesben und Schwulen mit Behinderung, (z.B. Behindertenfeindlichkeit in der Subkultur, Homophobie in Krankenhäusern)" vor allem Frauen mit Behinderung betreffen und bisher viel zu wenig beachtet und erforscht sind.

Für alle, die mehr über den Verlauf der Sommer-Uni wissen wollen: bei bifos wird eine Dokumentation herauskommen, siehe auch www.bifos.de.

bifos e.V., Tel.: 0561/72 885 - 41, Fax: 0561/72 885 - 44

Brigitte Faber

Leicht Lesen

Diesen Text gibt es auch in leichter Sprache: http://bidok.uibk.ac.at/library/wzl-1-03-faber-behinderung.html

Quelle:

Brigitte Faber: Behinderung neu denken - auch mit Blick auf Frauen

erschienen in: WeiberZeit, Zeitschrift des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V., Ausgabe 1/Oktober 2003, S.7

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 20.04.2009

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