Berühmte behinderte Frauen. Die Schrift-Stellerin Veza Canetti

AutorIn: Anneliese Mayer
Schlagwörter: Biografie, Partnerschaft, Geschlechterdifferenz, Nationalsozialismus, Literatur
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: WeiberZEIT einfach gesagt, Ausgabe 18/ Dezember 2009, Seite 9-10. Übersetzung: Henrik Nolte.
Copyright: © Verein Weibernetz e.V. 2009

Die Schrift-Stellerin Veza Canetti

Veza Canetti lebte von 1897 bis 1963.

Sie war die Frau von Elias Canetti.

Elias Canetti war ein bekannter Schrift-Steller.

Veza Canetti war auch Schrift-Stellerin.

Aber sie war nicht bekannt.

Sie hat sich eher versteckt.

Sie hat auch immer ihre Behinderung versteckt.

Veza wird am 21. November 1897 geboren.

Ihre Eltern sind Juden.

Sie leben in Wien, das ist die Haupt-Stadt von Österreich.

Veza hat seit ihrer Geburt eine Körper-Behinderung.

Ihr linker Unter-Arm fehlt.

Die Hand ist am Ellen-Bogen.

Veza trägt immer Kleider und Blusen mit langen Ärmeln.

Damit versteckt sie ihren fehlenden Arm.

Sie geht ganz normal zur Schule und macht das Abitur.

Im Jahr 1924 lernt Veza den Studenten Elias Canetti kennen.

Elias sieht Veza bei einem Vortrag.

Er mag besonders ihre Wimpern.

Elias und Veza werden Freunde.

Veza schreibt Geschichten.

Sie schreibt Geschichten über arme Menschen.

Und sie schreibt darüber, wie Frauen unter ihren Männern leiden.

In den Geschichten gibt es auch behinderte Menschen.

Zum Beispiel eine Frau mit der Glas-Knochen-Krankheit.

Veza schreibt die Geschichten nicht mit ihrem echten Namen.

Sie nennt sich Veza Magd oder Veronika Knecht.

So weiß keiner, dass sie eine Jüdin ist.

Die Geschichten werden in einer Zeitung gedruckt.

Die Zeitung heißt: Wiener Arbeiter-Zeitung.

Im Jahr 1932 gewinnt Veza einen Preis für eine Kurz-Geschichte.

Im Jahr 1934 heiraten Veza und Elias Canetti.

Sie ziehen in ein großes Haus in einen schönen Stadt-Teil von Wien.

Veza schreibt ein Theater-Stück.

Aber kein Theater will das Stück spielen.

Veza ist nun Haus-Frau.

Sie kümmert sich um ihren Mann Elias.

Elias geht es nicht gut.

Er hat Angst.

Er glaubt immer, dass man ihn vergiften will.

Veza und Elias haben nur wenig Geld.

Seit dem Jahr 1933 regiert Adolf Hitler in Deutschland.

Hitler verfolgt die Juden.

Im März 1938 regiert Hitler auch in Österreich.

Veza und Elias Canetti sind Juden.

Sie fliehen erst nach Frankreich, und dann nach England.

Veza schreibt darüber eine Geschichte.

In der Geschichte geht es um einen jüdischen Schrift-Steller

und seine Frau.

Aber kein Verlag will die Geschichte drucken.

Von 1939 bis 1945 ist in Europa der Zweite Welt-Krieg.

Veza arbeitet in England als Übersetzerin.

Sie übersetzt englische Bücher in die deutsche Sprache.

Veza geht es nicht gut.

Sie und Elias haben wenig Geld.

Sie müssen oft in eine andere Wohnung ziehen.

Elias hat viele Geliebte.

Deshalb möchte Veza ihren Mann verlassen.

Aber sie bleibt bei ihm.

Sie sagt: Er braucht mich.

Veza schreibt viele Geschichten.

In einer der Geschichte geht es um Maria.

Sie hat einen Buckel.

Maria trägt immer einen großen Hut.

Der Hut soll ihren Buckel verstecken.

Die Maria aus der Geschichte und die echte Veza sind sich ähnlich.

Denn Veza trägt immer Kleider und Blusen mit langen Ärmeln.

Damit versteckt sie ihren fehlenden Arm.

Veza schreibt noch viele Geschichten.

Aber kein Verlag will das drucken.

Veza ist oft traurig.

Aber sie hilft ihrem Mann Elias.

Sie schreibt für ihn Briefe an die Verlage.

Sie macht ihm Mut, dass er ein Buch schreibt.

Sie glaubt daran, dass er einmal einen Preis gewinnt.

Im Jahr 1960 schreibt Elias Canetti ein Buch.

Das Buch heißt: „Masse und Macht“.

Das Buch ist ein großer Erfolg.

Elias sagt: Veza hat mir bei dem Buch sehr geholfen.

Elias Canetti ist jetzt ein bekannter Schrift-Steller.

Aber Veza geht es immer schlechter.

Sie zieht sich immer mehr zurück.

Sie hat Schmerzen im Herz.

Im April 1963 kommt sie in ein Kranken-Haus.

Am 1. Mai 1963 stirbt sie in aller Stille.

Im Jahr 1981 gewinnt Elias Canetti

einen wichtigen Preis für Schrift-Steller.

Der Preis heißt: Nobel-Preis.

Erst viel später werden die Bücher von Veza Canetti gedruckt.

Ihr Theater-Stück wird 1992 zum ersten Mal gespielt.

All das hat Veza Canetti nicht mehr erlebt.

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Kontakt:

Weibernetz e.V.

Projekt „Politische Interessensvertretung behinderter Frauen“

Kölnische Str. 99, 34119 Kassel

Tel.: 0049 / 561 / 72885 - 85

Fax: 0049 / 561 / 72885 - 53

E-Mail: info@weibernetz.de

Quelle

Anneliese Mayer: Berühmte behinderte Frauen. Die Schrift-Stellerin Veza Canetti.

Erschienen in: WeiberZEIT einfach gesagt, Ausgabe 18/ Dezember 2009, Seite 9-10. Übersetzung: Henrik Nolte.

Original: http://www.weibernetz.de/download/WZ_Nr-18_Dez_2009_einfach-gesagt.pdf

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 18.04.2016

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