Kritische Bestandsaufnahme der Integrativen Berufsausbildungsassistenz (BAAS)

AutorIn: Anke Langner
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: erschienen in: bidok works 04/10, S.18-20.
Copyright: © Anke Langner 2010

Vorwort der bidok-Redaktion

Dieser Artikel stammt aus "bidok works - Zeitschrift für berufliche Integration in Tirol", Ausgabe 04/10. Die digitale Zeitschrift widmet sich Erfahrungs- und Praxisberichten sowie Projektbeschreibungen rund um den Themenschwerpunkt der beruflichen Integration von Menschen mit Behinderung in Tirol. bidok works erscheint zwei Mal pro Jahr und richtet sich insbesondere an Mitarbeiter und MitarbeiterInnen in diesem Bereich.

Download von bidok works unter folgendem Link: http://bidok.uibk.ac.at/projekte/arbeitswelt_tirol/works.html

Kritische Bestandsaufnahme der Integrativen Berufsausbildungsassistenz (BAAS)

Die Idee der BAAS entspricht der UN-Menschenrechtskonvention, die auch von Österreich ratifiziert wurde. "Die Vertragsstaaten anerkennen das gleiche Recht von Menschen mit Behinderungen auf Arbeit; dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt oder angenommen wird. Die Vertragsstaaten sichern und fördern die Verwirklichung des Rechts auf Arbeit" (Artikel 27, UN-Menschenrechtskonvention für Behinderte). Die Umsetzung der integrativen Berufsausbildungsassistenz zeigt jedoch noch Mängel im Hinblick der Forderungen der UN-Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderung. Wie sich diese Mängel darstellen, wird im Folgenden skizziert.

Leider gehören Schüler und Schülerinnen, die unter die Kategorie "Geistige Behinderung" gefasst werden, weniger zu den Adressaten und Adressatinnen der Berufsausbildungsassistenz. Sie werden von diesem integrativen Modell förmlich "ausgeschlossen", dies hat unterschiedlichste Gründe.

Menschen, die unter Bedingungen geistiger Behinderung aufwachsen, brauchen eine sehr individuell ausgerichtete Unterstützung und im Vergleich zu Menschen, die unter sozialer Benachteiligung und/ oder Lernschwierigkeiten leben, ein höheres Maß an Unterstützung (über eine längere Zeit und in einem höheren Stundenumfang), was durch den Fördergeber nur in Einzelfällen gern gesehen ist.

Ein Blick in die Praxis verrät auch, dass ein Gelingen einer solchen beruflichen Integration ein hohes Maß an Fachwissen bei den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen voraussetzt, die die integrative Berufsausbildungsassistenz begleiten. Diese Kenntnisse gehen weit über Kenntnisse zu Prozessen der Berufsfindung, über berufliche Integration und Zukunftsplanung hinaus. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen brauchen vielmehr sehr gute diagnostische Kompetenzen. In diesem Kontext kann dies nur durch eine subjektorientierte Diagnostik geleistet werden und es bedarf einer angemessen Analyse der Bedingungen des zukünftigen Arbeitsplatzes. Desweiteren braucht es pädagogische Kompetenzen, um eine Passgenauigkeit zwischen den Fähigkeiten des Arbeitnehmers und den Anforderungen des Arbeitsplatzes mit geeigneten pädagogischen Unterstützungen herzustellen.

Das Konzept der Teilqualifizierung stellt die Berufsschulen vor eine Herausforderung, denn sie fordert von der Berufsschule einen integrativen Unterricht, dem die Berufsschulen nur in geringem Maß entsprechen können. Das verwundert nicht, werden in den größten Teilen von Tirol die Schüler und Schülerinnen mit sonderpädagogischen Förderbedarf in der Sonderschule beschult. Nur die Region Außerfern stellt hier eine Ausnahme dar.

Die Berufsschulen müssten demnach vielen allgemeinen Schulen in Tirol das Unterrichten von heterogenen Klassen voraushaben, dies ist leider nicht der Fall. Sie versuchen alles in ihrem Rahmen mögliche für die Beschulung von Schülern und Schülerinnen mit sonderpädagogischen Förderbedarf, es fehlt ihnen jedoch an methodisch-didaktischen Werkzeugen wie der entwicklungslogischen Didaktik von Feuser.

Diese so entstehende Lücke im Unterrichten ist auch durch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der BAAS oder durch die Organisation von Lernhilfe nicht schließbar. Zu dem entsteht noch ein weitaus größeres Problem durch einen nicht gelingenden Unterricht in der Berufsschule: Schüler und Schülerinnen mit sonderpädagogischen Förderbedarf werden sozial nicht integriert in die Berufsschulklasse. Sie bleiben die Anderen und damit die Separierten und Ausgeschlossenen, dies ist keine Integration/ Inklusion.

Das Gelingen dieser sozialen und schulischen Integration ist in der Regel sehr stark von den einzelnen Berufsschulen bzw. dem Engagement einzelner Berufsschullehrer und -lehrerinnen abhängig. So ist die Berufsschule Reutte sicher ein sehr gutes Beispiel für die schulische und soziale Integration, hier wird aber auch eine Anforderung an die Berufsschule gestellt, die seit 25 Jahren in dieser Region auch an die allgemeine Schule gestellt wird. Vor 25 Jahren erfolgte der erste Schulversuch einer integrativen Volksschulklasse und seitdem wurden mit einer Ausnahme alle Kinder integrativ beschult, sodass 1997 vor 13 Jahren die Sonderschule für die Region Außerfern in Reutte geschlossen wurde.

Ein weiterer Nachteil stellt der in vielen Berufsschulen bestehende Rhythmus des Turnuslernens dar - auch dies besteht in der Berufsschule Reutte nicht. Dieser vollkommene Rhythmuswechsel verwirrt Menschen z.B. die unter Bedingung von Trisomie 21 leben sehr stark, denn ihnen gibt ein kontinuierlicher Rhythmus u.a. Sicherheit.

Zugleich erfordert der Besuch einer Berufsschule nicht selten ein Leben in einem Wohnheim, wenn die entsprechende Berufsschule sich nicht in Wohnortnähe befindet. Ein Leben in einem Internat erfordert Selbstständigkeit, die ebenfalls zu nächst unterstützt entwickelt werden muss, dazu fehlen nicht selten im Modell der BAAS die Ressourcen und es gibt leider keine anderen Modelle, mit denen diese Selbstständigkeit unterstützt werden kann. Geeignet wäre sicher die Unterstützung des Landes Tirol, leider entspricht der Umfang von bewilligten Rehabilitationsmaßnahmen aber nur in sehr geringem Maße, dem notwendigen Umfang um Selbstständigkeit bei Menschen, die unter Bedingungen schwerer und schwerster Behinderung leben, zu unterstützen.

Neben diesen eher inhaltlichen Schwierigkeiten bestehen Probleme in der Anerkennung vor allem nach der Absolvierung einer Teilqualifizierung. Dies zeigt sich vor allem in der Praxis der Einstellung von Menschen mit Teilqualifizierungen durch Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen wie aber auch in der Entlohnung der Teilqualifizierten. Die Übernahme durch den Ausbildungsbetrieb vor allem bei einer Teilqualifizierung ist relativ unsicher, wenn nicht wirklich spezifische Stärken im Betriebsalltag des Auszubildenden mit Teilqualifizierung gefunden wurden, dafür sind die Arbeitsassistenten und -assistentinnen am Arbeitsplatz sehr wichtig.

Die Vermittlung von Menschen mit Teilqualifizierung wie auch mit verlängerter Lehre ist in der Regel behaftet mit vielen Vorurteilen, die durch intensive Gespräche mit dem Arbeitgeber/ der Arbeitgeberin abgebaut werden müssen. Hier wird ebenfalls ein hohes Maß an Kompetenzen bei dem Berufsausbildungsassistenten und -assistentinnen deutlich hinsichtlich Beratung und aber auch der Integration des Menschen mit Behinderung in den Ausbildungsbetrieben.

Trotz aller geäußerten Kritik das Modell Integrative Berufsausbildungsassistenz ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Integration von Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt, aber es braucht zum einen konzeptionelle Veränderungen in den Unterstützungsleistungen und eine Lobbyarbeit für Menschen mit Behinderung, die auch von Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen gehört wird. Ihre Vorurteile bzgl. der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung können nur so sehr langsam abgebaut werden.

Quelle:

Anke Langner: Kritische Bestandsaufnahme der Integrativen Berufsausbildungsassistenz (BAAS)

erschienen in: bidok works 04/10, S.18-20.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 08.08.2012

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