Andere Länder, andere Schüler?

Vergleichende Untersuchungen von Förderschülern in den Bundesländern Brandenburg, Hamburg und Niedersachen

AutorIn: Hans Wocken
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Bericht
Releaseinfo: Forschungsbericht, Potsdam, Juni 2005
Copyright: © Hans Wocken 2005

Inhaltsverzeichnis

Kommentar

Hier finden Sie nur das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung (Fragestellung) der Untersuchung. Unter folgendem Link können Sie die vollständige Untersuchung als pdf downloaden: http://bidok.uibk.ac.at/download/wocken-forschungsbericht.pdf

1. Fragestellung

2. Methode

2.1 Design der Untersuchung

2.2 Untersuchungsinstrumente und Variablennetz

2.3 Stichproben der Untersuchung

3. Ergebnisse

3.1 Leistungsstatus: Rechtschreiben

3.1.1 Makroräumliche Effekte: Bundesländer

3.1.2 Mesoräumliche Effekte: Regionen und Schülerquote

3.1.3 Mikroräumliche Effekte: Städte, Kreise, Schulen

3.2 Leistungsstatus: Intelligenz

3.2.1 Makroräumliche Effekte: Bundesländer

3.2.2 Mesoräumliche Effekte: Regionen und Schülerquote

3.2.3 Mikroräumliche Effekte: Städte, Kreise, Schulen

3.3 Individuallage

3.3.1 Freizeit

3.3.2 Persönlicher Besitz

3.3.3 Moderatoreffekt Geschlecht

3.3.4 Moderatoreffekt Schulbesuchsjahre

3.4 Kultureller Status

3.4.1 Deutsche Sprache

3.4.2 Bücherbestand

3.4.3 Bücherausleihe

3.4.4 Fernsehen

3.4.5 Moderatorvariable Sprache

3.5 Familienstatus

3.5.1 Anzahl der Eltern

3.5.2 Anzahl der Kinder

3.6 Sozialstatus

3.6.1 Schulstatus

3.6.2 Ausbildungsstatus

3.6.3 Erwerbsstatus

3.6.4 Sprachkompetenz

4. Zusammenfassung

4.1 Kriteriumsvariable Rechtschreiben

4.2 Prädiktorvariable Regionale Lage

4.3 Prädiktorvariable Schülerquote

4.4 Prädiktorvariable Sonderschuljahre

4.5 Prädiktorvariable Bundesländer

4.6 Empfehlungen

Literatur

Verzeichnis der Abkürzungen

Anhang

1. Fragestellung

Der folgende Bericht enthält Recherchen aus Einrichtungen, die nicht im Blickpunkt des öffentlichen Interesses stehen. Es sind Einrichtungen für Kinder "am Rande der Normalität" (Wocken 1983), oder - mit den Worten Günter Wallraffs - für Kinder, die "ganz unten" sind. Es geht um die "Hinterhöfe der Nation" - ein provokatives Etikett, mit dem Luc Jochimsen (1971) vor Zeiten die Grundschulmisere anprangerte. Gerhard Gotthilf Hiller (1994) hat diese Einrichtungen im "Bildungskeller der Gesellschaft" angesiedelt. Die Rede ist nicht von irgendwelchen Subkulturen und Unterwelten, sondern von der untersten Stufe des hierarchisch gegliederten Schulwesens. Es geht um die Schule für Schwachsinnige, die Hilfsschule, die Sonderschule für Lernbehinderte, die Schule für Lernhilfe, die Allgemeine Förderschule. Von dieser schulischen Einrichtung für die "ganz unten" soll hier ein Bericht vorgelegt werden, ein empirischer Report über eine Reise in eine wenig erforschte, wenig bekannte und nicht selten auch tabuisierte, mit dem Mantel des Schweigens verhangene Welt.

Für die Forschungsreise sollen zweierlei Motive benannt werden. Zunächst geht es um das Bedürfnis, die Effizienz schulischer Einrichtungen zu überprüfen und durch einen empirisch fundierten Qualitätsnachweis auch die Aufbringung öffentlicher Finanzmittel für diesen Zweck zu rechtfertigen. Grundsätzlich bedürfen alle öffentlichen Ausgaben einer qualifizierten Legitimation, die durch Angabe guter Gründe und möglichst auch durch Nachweise einer nachhaltigen Wirksamkeit zu erbringen ist. Dieses prinzipielle Erfordernis der Qualitätssicherung und -kontrolle gilt ohne Abstriche natürlich auch für das öffentliche Schulwesen. Gerade in jüngster Zeit hat die empirische Wende in der Schulpolitik zu beachtlichen Anzahl großer Evaluationsstudien geführt. TIMMS, PISA, IGLU, KESS oder LAU sind eine kleine Auswahl internationaler oder nationaler Forschungsprojekte, die von sich reden machen und nicht allein Gegenstand gelehriger Fachseminare sind, sondern auch den bildungspolitischen Diskurs wesentlich mitbestimmen. Allerdings: Alle diese Studien haben nicht die ganze Breite des öffentlichen Schulwesens zum Thema, sondern beziehen sich ausschließlich auf die allgemeinbildenden Schulen.

"Die neue Welle der so genannten ‚Qualitätsentwicklung' richtet den Blick nach oben, auf die Leistungen von Gymnasien und Hochschulen. Was sich unten tut, ist eher von geringerem Interesse. Die Frage, welches Land auf nationaler, europäischer oder internationaler Ebene die beste Förderung von Schülern mit Behinderungen vorweisen kann, existiert nicht einmal als Frage, sie ist uninteressant. Die Befürchtung, dass beim Wettlauf der Länder und Nationen der Blick einseitig nach oben gerichtet sein wird und die niederen Verhältnisse keine Beachtung finden werden, ist wohl nicht unbegründet. Beim Wettbewerb um die ersten Plätze auf den Ranglisten der Qualitätsforschung könnten die Niederungen des Bildungswesens ins Hintertreffen geraten. Die schulische Förderung Lernbehinderter könnte zum Aschenputtel der Bildungspolitik verkommen - und niemand regt sich darüber auf." (WOCKEN 2000, 502).

Die Förderschule kann sich derzeit ungerührt im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit einrichten. Sie wird weder zur Rechenschaftslegung aufgefordert noch fordert sie diese selbst ein. Bislang hat kein einziges Bundesland und kein Kultusministerium ein Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, das eine Evaluation der Schule für Lernbehinderte zum Ziel hat. Der vorliegende Forschungsbericht ist ein erster Schritt, diesem Desiderat ein Stück weit abzuhelfen. Im Jahre 2004 hat das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg einen offiziellen Forschungsauftrag erteilt, der sich speziell auf die Allgemeine Förderschule bezieht und eine erste Qualitätsprüfung dieser Einrichtung zur Aufgabe hat. Über die Ergebnisse des Forschungsprojekts wird hiermit ein erster Bericht vorgelegt.

Das zweite Motiv der Forschungsreise kommt aus dem Raum des Sonderschulwesens selbst. Die Statistiken der Kultusministerkonferenz informieren regelhaft auch über die quantitative Entwicklung der Schülerzahlen an Sonderschulen ( Schröder 1993). Die aktuelle Dokumentation der Kultusministerkonferenz über die "Sonderpädagogische Förderung in Schulen 1993-2003" (KMK 2003) weist für die Bundesländer folgende Förderschulbesuchsquoten aus (siehe Abbildung ):

Abbildung 1.1: Förderschülerquote in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland

Die Grafik stellt die prozentuale Häufigkeit von Schülern mit Lernbehinderungen in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland dar. An dieser Stelle ist weder Platz noch Notwendigkeit für eingehende Erörterungen gegeben. Die Abbildung der Sonderschülerstatistik verfolgt hier allein den Zweck, die je nach Bundesland unterschiedlichen Quoten für Schüler mit Lernbehinderungen zu demonstrieren. Will man nicht einer naturalistischen Fehlinterpretation aufsitzen, dass Kinder aus den verschiedenen Bundesländern eben verschieden begabt seien und deshalb die ermittelten Landesunterschiede naturgegeben seien, dann besteht Erklärungsbedarf. Irgendwoher müssen diese Unterschiede ja kommen und irgendwas oder irgendwer muss die Unterschiede gemacht haben. In besonderer Weise erklärungsbedürftig ist der hohe Anteil von Förderschülern in Brandenburg. Brandenburg gehört zu der Spitzengruppe jener Bundesländer mit überdurchschnittlich hohen Förderschulbesuchsquoten, die Bundesländer Hamburg und Niedersachsen, die ebenfalls Gegenstand dieses Reports sein werden, folgen mit einem ganzen Prozentpunkt hinter Brandenburg. Hat Brandenburg andere Förderschüler als Hamburg und Niedersachsen? Siepmann vermerkt zu diesem Sachverhalt, "dass es im Land bisher keine gesicherten Erkenntnisse und Ergebnisse gibt, die den hohen Anteil von lernbehinderten Schülerinnen und Schüler erklären" (Siepmann 1999, 67).

Damit nicht genug. Nicht allein im Großraum Bundesrepublik lassen sich unterschiedliche Häufigkeitsraten für Förderschulen finden. Disparitäten ähnlicher Art und ähnlichen Ausmaßes sind auch innerhalb eines einzelnen Bundeslandes, innerhalb von Regierungsbezirken und Kreisen, ja sogar innerhalb einer Stadt festzustellen. Im Bundesland Brandenburg weisen die Förderschulbesuchsquoten eine beträchtliche Streuung auf und variieren von Region zu Region. Die einschlägigen Fakten zu den Förderschulquoten werden an späterer Stelle genauestens referiert. An dieser Stelle mag der Verweis auf die Tatsache als solche genügen. Das Faktum regional unterschiedlichen Prävalenzraten verlangt nach einer Erklärung und ist das zweite Motiv für eine wissenschaftliche Problembearbeitung.

Aus den angeführten Motiven leiten sich auch die zentralen Fragestellungen des Forschungsauftrags auf. Das Motiv Qualitätssicherung führt zur Zielsetzung Evaluation, das Motiv Regionale Differenz führt zum Forschungsziel Analyse regionaler Disparitäten. Die beiden Zielkomplexe Evaluation und Regionalanalyse werden im Fortgang der Berichterstattung in zahlreiche Einzelfragen aufgegliedert, vorerst mag eine Konkretisierung mittleren Grades genügen. In der vertraglichen Vereinbarung zwischen dem Ministerium als Auftrageber und dem Verfasser als Auftragnehmer werden Zielsetzung und Fragestellungen und Rahmenerwartungen prägnant und differenziert beschrieben. Der Text ist eine gute Einführung in das Forschungsprojekt und soll daher wörtlich wieder gegeben werden:

Projekttitel

Schulleistungen und Lebenssituation von Schülern an allgemeinen Förderschulen

Ziel der Untersuchung

Darstellung der Schulleistungen (HSP), der Lernvoraussetzungen (CFT) und der Lebensbedingungen (Fragebögen) im Vergleich mit anderen Schülergruppen in den Regionen

Rahmenerwartungen

Die Untersuchung geht von folgenden Rahmenerwartungen aus:

  1. Die Schulleistungen und die Lernvoraussetzungen (CFT) von Förderschülern unterscheiden sich erheblich von anderen Schülergruppen. Die Differenz beträgt bei den Schulleistungen etwa zwei Schuljahre, bei den Lernvoraussetzungen etwa eine Standardabweichung.

  2. Die Schulleistungen und Lernvoraussetzungen (CFT) von Förderschülern unterscheiden sich in Landkreisen und kreisfreien Städten mit hohen Förderschulbesuchsquoten von denen mit niedrigeren Förderschulbesuchsquoten.

  3. Die Schulleistungen und Lernvoraussetzungen (CFT) von Förderschülern im Berlin nahen Raum unterscheiden sich von denen im Berlin fernen Raum.

  4. Die Schulleistungen sind nur zum Teil durch die Lernvoraussetzungen (CFT) zu erklären.

  5. Die Dauer des Besuchs der allgemeinen Förderschule hat unabhängig von den Lernvoraussetzungen (CFT) Auswirkungen auf die Schulleistungen.

  6. Zwischen ländlichen und städtischen Regionen bzw. zwischen den Bundesländern Hamburg und Brandenburg werden nennenswerte Unterschiede sowohl bei den Schulleistungen als auch bei den Lernvoraussetzungen als auch bei den Lebenslagebedingungen erwartet.

  7. Die Lebenssituation von Schülern an Förderschulen (Schülerfragebögen und Elternfragebögen) unterscheidet sich erheblich von den Schülergruppen aller anderen Schulformen.

Unter folgendem Link können Sie die vollständige Untersuchung als pdf downloaden: http://bidok.uibk.ac.at/download/wocken-forschungsbericht.pdf

Quelle:

Wocken, Hans: Andere Länder, andere Schüler? Vergleichende Untersuchungen von Förderschülern in den Bundesländern Brandenburg, Hamburg und Niedersachen

Forschungsbericht, Potsdam, Juni 2005

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 15.03.2006

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